Studien und Plaudereien. First Series
Chapter 10
Bella: Das sind sehr feine Erklärungen, Herr Meister, aber ich wollte Sie noch fragen: Wird auch der Kotillon bei Ihnen getanzt werden?
Herr Meister: Ich glaube[IX-1] es, mein Fräulein.
Louis: Ist »Kotillon« ein Tanz?
Anna: O, Louis! Das wissen Sie nicht? Der Kotillon ist ein sehr schöner Tanz, nicht wahr, Bella?
Bella: Gewiß, Louis. Der Kotillon ist mein liebster Tanz, und ich weiß, er wird auch Ihnen gut gefallen.
Louis: Wo waren Sie gestern Nachmittag, Fräulein Anna?
Anna: Ah, Louis ist neugierig!
Louis: Neugierig, ich bin neugierig, was meinen Sie damit?
Anna: Ich meine: Sie wollen gerne alles Neue wissen, aber ich sage es Ihnen nicht, mein geehrter Herr, erraten Sie, erraten Sie!
Louis: O, Fräulein Anna! Ich kann Sie ja nicht mehr verstehen, wo lernen Sie denn alle diese neuen Wörter, die ich nie gehört habe, »erraten Sie,« ich weiß nicht, was Sie meinen.
Anna: »Erraten Sie,« das ist: »denken Sie,« »finden Sie,« und sagen Sie mir, wo ich gestern Nachmittag war, und wenn Sie das erraten haben, so werden Sie auch wissen, warum ich so viele neue Wörter weiß.
Louis: Sie waren im Park?
Anna: Nein, mein Herr!
Louis: Sie waren in Herrn Meisters Haus?
Anna: Nein, mein Herr!
Louis: Dann waren Sie bei Bellas Freundin, bei Frau {Dr.} Stellen im Hotel.
Anna: Das ist es, das ist es! geraten!
Otto: Da haben Sie gewiß viel Schönes gehört.
Bella: Wir erzählten der Frau Doktor alles, was wir bei Ihnen gehört hatten, Herr Meister, über die Königin Luise, und unsere Freundin sagte: »Sie war so gut, diese Königin Luise, so gut, wie ein Engel;« und dann sprach sie von ihrem (= Luisens) Marmorbilde im Mausoleum in Charlottenburg. Haben Sie es auch gesehen, Herr Meister?
Herr Meister: Ja wohl, mein Fräulein. Es sind nun viele Jahre, da ging ich an einem Nachmittag im Sommer von Berlin durch den Tiergarten und kam bald nach Charlottenburg in den königlichen Park. Ganz am Ende im Schatten der hohen Bäume stand eine Kapelle. Ich trat ein (ich trete ein, ich trat ein, ich bin eingetreten), ein mildes blaues Licht fiel auf eine Figur, die schlief so ruhig, so sanft auf ihrem Bette. Mir wurde selbst so wohl, so ruhig im Herzen, ich mußte die Hände falten und beten. Ich stand vor dem Marmorbild der Königin Luise. An ihrer linken Seite ist das Marmorbild ihres Gemahls, des Königs Friedrich Wilhelm III., ebenfalls (= auch) schlafend auf dem Bette. Beide Bilder sind von dem großen Künstler Rauch gemacht.
* * * * *
Louis: Anna, was hat Ihnen Ihre Freundin noch mehr gesagt?
Anna: Ah, Louis, Sie sind heute sehr neugierig.
Herr Meister: Entschuldigen Sie, mein Fräulein. Hier muß ich für meinen Freund Louis sprechen. Dieses Mal können Sie nicht sagen, daß Louis neugierig ist, er ist nicht neugierig, sondern wißbegierig. Louis möchte gern viel wissen, viel lernen; darum fragte er dieses Mal. Neugierde ist nicht gut, aber Wißbegierde ist gut.
Anna: Entschuldigen Sie mich, Louis. Bitte.
Louis: Wohl, ich will Sie entschuldigen, und ich will nicht böse mit Ihnen sein, wenn Sie alles erzählen wollen, was Sie gestern von Ihrer Freundin gehört haben.
Bella: Thue es, Anna.
Anna: Sehr gern. Unsere Freundin erzählte uns eine Geschichte, die mir sehr gut gefallen hat. Es ist die folgende Geschichte:
»Wer von den Rittern und Knappen will mir meinen goldenen Becher wieder bringen? Ich werfe ihn in dieses Meer.« So rief der König und warf den Becher in den wilden Ocean. Aber Ritter und Knappen waren still, und der König fragte wieder: »Ist keiner unter euch so mutig?« Die Ritter blieben still. Da kam einer von den Knappen; es war ein schöner Jüngling, er warf den Mantel ab und sprang in die Tiefe. Und alle, der König und die Ritter und die Edelfrauen sahen nach dem Wasser, und alle hofften, ihn wieder zu sehen. Und er kam wieder, und in der Hand hielt (ich halte, ich hielt, ich habe gehalten) er den Becher und gab ihn (= den Becher) dem Könige. Der füllte (ich fülle, ich füllte, ich habe gefüllt) ihn mit Wein. Der Knappe trank und rief: »Lange lebe der König! O, freut euch alle, daß ihr seid in dem wundervollen Lichte der Sonne, denn da unten in der Tiefe ist es fürchterlich! Ich sprang in das Meer und sank (ich sinke, ich sank, ich bin gesunken) tiefer und tiefer. Da sah ich Korallen; die erfaßte (ich erfasse, ich erfaßte, ich habe erfaßt) ich, und da hing ich. Da war auch der Becher, und um mich schwammen des Meeres Bewohner, die kleinen Fische und die großen. Da kam ein großer, schrecklicher Fisch auf mich zu; ich rief zu meinem Gotte um Hilfe, ließ die Koralle los, ein Wirbel erfaßte mich und brachte mich nach oben. So bin ich hier.«
Und der König sprach: »Der Becher ist dein, und diesen Ring gebe ich dir auch, wenn du wieder hinabspringst in das Meer, und mir sagst, was du sahest auf dem Grunde.« Aber des Königs Tochter, die schöne Prinzessin, sprach zum Vater: »O mein Vater! Laß nicht i_h_n hinabspringen! Hier, hier sind so viele tapfere Ritter; mag einer von diesen es thun.« Der König aber sagte: »Sieh, edler Jüngling! meine Tochter, die hier für dich bittet, soll heute noch dein Weib werden, wenn du wieder hinabspringst und mir sagst, was du sahst auf dem Grunde des Meeres.« Der Knappe sah das wilde Meer, dachte an die schreckliche Tiefe, aber er sah auch die schöne Prinzessin und sprang in die Tiefe. Wieder warteten alle, und warteten lange, lange; konnten nicht länger warten und gingen. Eine allein stand noch am Meere und wartete. Welle auf Welle kam. Zwei schöne Augen sahen auf alle und hofften; der Jüngling kam nicht mehr.
* * * * *
Louis: Diese Erzählung ist wunderschön; ich danke Ihnen vielmal, Fräulein Anna.
Otto: Ist diese Erzählung nicht aus Schillers Gedicht: »Der Taucher«?
Herr Meister: So ist es. Wir müssen bald beginnen, Gedichte von Schiller zu lesen.
Bella: Können wir das bald, Herr Meister?
Herr Meister: Gewiß, meine Freundin.
Bella: O, wie ich mich freue! Aber, Herr Meister, wollen Sie uns entschuldigen, wenn wir heute eine Viertelstunde (= 15 Minuten) früher gehen? Unsere Freundin, meine Schwester und ich wollen heute vieles einkaufen.
Herr Meister: Ah, wir haben bald Weihnachten.
Anna: Wir wollen heute eine Schlittenpartie machen.
Herr Meister: Gewiß, meine Damen, gehen Sie. Ich hoffe, daß Sie schönes Wetter haben werden. Halt! Ich habe hier eine Idee. Wenn Sie heute Abend zu Hause sind, meine Freunde, dann denken Sie nach über diesen Satz: »Ich hoffe, daß Sie schönes Wetter haben werden,« und sagen Sie mir morgen, wie viele Sätze Sie aus diesem einen Satze machen können.
Otto: Das ist ein guter Gedanke (= Idee). Meine Damen, ich wünsche Ihnen viel Vergnügen.
Anna und Bella: Ich danke. Adieu, meine Herren!
Louis: Auf morgen, meine Damen, auf morgen.
*X.*
Alle: Guten Tag, Herr Meister.
Louis: Wie geht es Ihnen?
Herr Meister: Danke, sehr gut; und wie geht es Ihnen, meine Freunde?
Bella: Danke, wir sind sehr wohl. Wie geht es Ihrer Frau Gemahlin?
Herr Meister: Danke, sie befindet sich ebenfalls sehr wohl.
Otto: Und Ihre Fräulein Töchter?
Herr Meister: Danke, danke, alle sind wohl. Sie haben jetzt alle Hände voll zu thun. Sie wissen ja, die Gesellschaft und dann die Weihnachten.
Louis: Es ist gut, daß Sie mir gestern erklärt haben, was eine Einladung ist. Ich habe eine Einladung erhalten, zu Ihrer Gesellschaft zu kommen, und mein Bruder Otto ebenfalls.
Anna: Und ich und Bella auch. Ach, wie ich mich freue!
* * * * *
Otto: Meine Damen, hatten Sie gestern eine vergnügte Schlittenfahrt?
Bella: Es war sehr kalt, aber recht schön.
Louis: Ich sah Sie an mir vorüberfahren; ich nahm meinen Hut ab und grüßte (= ich sagte: Guten Tag), aber Sie sahen mich nicht.
Anna: O, das thut mir leid.
Louis: Ja, es that mir auch leid.
Anna: Wie kam das doch, daß ich Sie nicht bemerkt (= gesehen) habe?
Louis: Sie sprachen mit einer Dame.
Anna: Das war unsere Freundin.
Louis: Was Sie sprachen, muß sehr interessant gewesen sein. Ich sah es an Ihrem Gesicht.
Bella: Sie beobachten (= sehen) aber sehr scharf (= gut), Freund Louis.
Anna: Worüber sprachen wir doch, Bella?
Bella: Über die Weihnachten und über den Weihnachtsbaum.
Anna: O ja, das war sehr interessant.
Herr Meister: Das glaube ich.
* * * * *
Louis: »Weihnachtsbaum,« was für ein Baum ist das?
Herr Meister: Das ist der Baum, der alle Herzen mit Freude erfüllt, die Alten jung macht und den Jungen das größte Glück bringt. Er giebt Licht und Gold und die süßesten Früchte und alles, was Menschen nur wünschen.
Louis: Das ist ja ein wunderbarer Baum.
Herr Meister: Aber er ist nur an einem Tage im Jahre, an Weihnachten; am nächsten Morgen ist er wieder leer.
Louis: O, nun verstehe ich. Sie sprechen von dem »Bäumlein,« das andere Blätter gewollt.
Herr Meister: Nun wohl, das ist der Baum. Aber der Baum steht nicht im Walde, im kalten Wetter, sondern in der warmen Stube. Ich will deutlich (= klar) mit Ihnen sprechen. Sie wissen, wann Weihnachten ist, Louis. Nicht wahr?
Louis: Ja, am fünfundzwanzigsten Dezember.
Herr Meister: Sehr wohl. Wochen vorher (= bevor) denken Mutter und Kinder an diesen Tag. Die Töchter sitzen in ihrem Zimmer und arbeiten etwas für den Vater und für die Mutter und studieren mit dem kleinen Bruder und mit der kleinen Schwester ein kleines Gedicht. Und die Mutter! Ach, die Mutter hat viel, viel zu thun, sie muß von einem Laden zum andern gehen.
Louis: Was ist das »Laden«?
Otto: Ein Laden ist ein Haus, in dem man Ware kaufen kann. In einem Schuhladen kauft man Schuhe, in einem Papierladen Papier und in einem Buchladen Bücher.
Louis: Danke, ich verstehe.
Herr Meister: Sie muß von einem Laden in den andern gehen und muß so vieles kaufen für die großen Töchter und Söhne und so vieles für die kleinen. Da hat sie Sorgen, aber es sind liebe Sorgen. Und dann kommen die Pakete nach Hause, und die Kleinen sind neugierig und möchten wissen (= ich weiß), was darin ist. Aber die Mutter sagt freundlich: »Nichts für euch, meine Lieben. Nichts für euch.« Und dann fragen die neugierigen Kleinen lachend: »Wann ist Weihnachten, liebe Mama? Haben wir dieses Jahr einen Weihnachtsbaum?« Und dann sagt die Mutter: »Ich weiß nicht, meine lieben Kinder, ob der Weihnachtsmann, das ist Sankt Klaus, dieses Jahr kommen wird.« »O Mama,« rufen die Kleinen, »wird der Weihnachtsmann kommen, o gute, liebe Mama, laß ihn kommen, laß ihn kommen.« »Ich glaube,« sagt die Mutter, »der Weihnachtsmann wird kommen und wird auch viel Schönes mitbringen, -- wenn ihr immer gut seid und brav.« Alle Tage nun sagen die Kleinen:
»O Weihnachtsmann, o Weihnachtsmann, Komm doch zu uns herein! Wir bitten dich so lange schon, Wir Kinder groß und klein.
O Weihnachtsmann, o Weihnachtsmann, Vergiß nicht unser Haus. Und schütte deinen Weihnachtssack Auf unser Tischchen aus.
O Weihnachtsmann, o Weihnachtsmann, Vergiß den Baum auch nicht Mit Äpfeln, Nüssen, Zuckerwerk Und manchem hellen Licht!
Wir wollen auch recht artig Und folgsam immer sein. O lieber, guter Weihnachtsmann, Komm doch zu uns herein!«
Und der Weihnachtsabend kommt. Und die kleinen und großen Kinder sitzen alle zusammen in ihrer Stube und warten, bis die Mutter sie ruft. »Jetzt kommt Mama!« sagt der eine. Aber es war nicht die Mama, es war der Diener. »Jetzt aber kommt sie!« ruft ein anderer Ungeduldiger wieder. Aber es war eine andere Person. Da, -- jetzt wird die Thür zur besten Stube geöffnet, und ein »Ah« kommt von den Lippen der Kinder. Sie sehen den Weihnachtsbaum in vollem Lichte.
»Das hat der Weihnachtsmann gebracht für meine guten Kinder,« sagt die Mutter, und die guten Kinder küssen Vater und Mutter, Großvater und Großmutter vor Freude. »O wie schön! wie schön!« rufen alle. »Sieh, sieh, was ich habe!« ruft der eine, und »O, sieh, was ich habe!« ruft der andere.
Draußen fällt der Schnee, und es ist bitterkalt, und der Wind bläst. Hier aber im warmen Zimmer scheint der Weihnachtsbaum in vielen, vielen kleinen Flammen und bringt Freude und Harmonie. Die große Schwester geht zum Piano und spielt, und alle singen:
[Musik: O Tanenbaum]
Mäßig (Andante).
1. O Tan-nen-baum, O Tan-nen-baum! wie grün sind dei-ne Blät-ter! Du grünst nicht nur zur Som-mer-zeit, nein, auch im Win-ter, wenn es schneit. O Tan-nen-baum, O Tan-nen-baum! wie treu sind dei-ne Blät-ter!
2. O Tan-nen-baum, O Tan-nen-baum! du kannst mir sehr ge-fal-len; wie oft hat nicht zur Weihnachtszeit ein Baum von dir mich hoch er-freut! O Tan-nen-baum, O Tan-nen-baum! du kannst mir sehr ge-fal-len!
[Musik endet]
Das Lied ist nun zu Ende. Der Jüngste sitzt (ich sitze, ich saß, ich habe gesessen) auf Großpapas Schoß, und die Großmama erzählt von Jesus Christ, der das Heil in die Welt gebracht (ich bringe, ich brachte, ich habe gebracht). Alle hören, sind froh und glücklich. Hier ist ein Paradies auf Erden.
Bella: O, nun begreife (= verstehe) ich die Begeisterung (= Enthusiasmus), mit welcher unsere Freundin vom Weihnachtsbaum sprach.
Anna: Bella, wir wollen in diesem Jahre auch einen Weihnachtsbaum haben, und wir laden alle unsere guten Freunde ein.
Bella: Ihr Bruder Albert wird in Berlin viele Weihnachtsbäume sehen können.
Herr Meister: Gewiß. Wenn Sie am Christabend (oder Weihnachtsabend, das ist dasselbe) durch die Straßen Berlins gehen, dann ist es so hell, wie bei einer Illumination. Das kommt von den Lichtern an den Weihnachtsbäumen. Sie haben mir lange nichts erzählt von Ihrem Bruder Albert.
Louis: Ich glaube, mein Bruder wird (= will) mir nicht schreiben, bevor ich seinen deutschen Brief mit einem andern deutschen Briefe beantwortet habe, und ich kann noch keinen guten deutschen Brief schreiben.
Herr Meister: Wohl, mein Freund, wohl können Sie nun einen guten deutschen Brief schreiben. Versuchen Sie es zu Hause.
Louis: »Versuchen Sie es.« Was meinen Sie mit dem Wort »versuchen«?
Herr Meister: Ich meine, daß Sie zu Hause Feder und Papier nehmen und beginnen sollen, einen Brief zu schreiben. Sie werden sehen, es wird gut gehen.
* * * * *
Louis: Wohl, Herr Meister. Ich will es versuchen. Ich habe auch gestern Abend versucht, Sätze zu bilden aus dem einen Satze, den Sie uns gegeben haben, und ich habe hier .....
Bella: O, Anna, das haben wir vergessen!
Anna: Entschuldigen Sie uns, Herr Meister. Sie wissen (ich weiß, Sie wissen), wir haben so viel zu thun für Weihnachten. Wir müssen an den Weihnachtsbaum denken, an die Einladung, an die Gesellschaft und noch viele andere Dinge.
Herr Meister: Gewiß, mein Fräulein, ich begreife das sehr wohl. Nun, Louis, lassen Sie hören.
* * * * *
Louis: Sie sagten, Herr Meister: 1) »Ich hoffe, daß Sie schönes Wetter haben werden.« Ich habe so geschrieben:
2) Daß Sie schönes Wetter haben werden, hoffe ich;
dann habe ich:
3) Ich hoffe, Sie werden schönes Wetter haben. 4) Sie werden schönes Wetter haben; ich hoffe so. 5) Sie werden schönes Wetter haben; ich hoffe es. 6) Sie werden schönes Wetter haben; das hoffe ich. 7) Sie werden, ich hoffe, schönes Wetter haben. 8) Sie werden, so hoffe ich, schönes Wetter haben. 9) Sie werden, ich hoffe es, schönes Wetter haben.
Mehr Sätze, Herr Meister, konnte ich nicht finden.
Bella: Das haben Sie sehr gut gemacht, Louis. Nicht wahr, Herr Meister?
Herr Meister: Ganz gewiß. Ich stimme mit Ihnen überein (= ich denke, so wie Sie). Haben Sie dieselben Sätze, Otto?
Otto: Ja wohl, Herr Meister, und noch einige mehr. Ich habe: 10) Sie werden hoffentlich schönes Wetter haben, und: 11) Hoffentlich werden Sie schönes Wetter haben.
Louis: Diese Sätze konnte ich nicht finden. Ich glaube, diese sind die besten von allen. Herr Meister, können Sie noch einige finden?
Herr Meister: Lassen Sie mich eine Minute denken. So: »Ich habe die Hoffnung, daß Sie schönes Wetter haben werden,« und: »Ich bin der Hoffnung, daß Sie schönes Wetter haben werden.« Aber diese Sätze sind nicht so gut, wie Ottos.
Bella: Ich glaube, es wird sehr gut für uns sein, oft solche Sätze umzuschreiben.
Herr Meister: Das denke ich auch.
Louis: Herr Meister, wollen Sie schon gehen?
Herr Meister: Ich muß. Ich kann heute nicht länger das Vergnügen haben, mit Ihnen zu sprechen.
Louis: Haben Sie denn auch so viel zu thun, Herr Meister?
Herr Meister: Sehr viel, Louis, sehr viel. Darum sage ich Adieu bis auf morgen.
Alle: Auf Wiedersehn!
*XI.*
Bella: Herr Meister, ich möchte Sie etwas fragen.
Herr Meister: Bitte, mein Fräulein, ich werde Ihnen mit Vergnügen antworten.
Bella: Ich habe bei meiner deutschen Freundin dieses Zeichen [IX-2] so oft gesehen an so vielen Dingen, an Gläsern, an den Taschentüchern; ihr Herr Gemahl, der {Dr.} Stellen hat auch dasselbe Zeichen auf seinen Hausschuhen. Ich glaubte erst, es sei ein Kreuz, aber es ist keines; dann glaubte ich, es sei das Wappen meines Freundes, aber der Herr {Dr.} ist kein Baron und kein Graf, sondern ein Bürger. Ich wollte meine Freundin nicht gern fragen, weil ich schon zu viel gefragt hatte.
Herr Meister: Ich vermute (= ich denke), der Gemahl Ihrer deutschen Freundin ist ein Turner, und dieses Zeichen hier ist das Zeichen, das alle Turner haben und lieben; es ist ein vierfaches {F}; des Turners Motto hat viermal {F}, und es heißt: Frisch, Frei, Froh, Fromm.
Sei frisch in der That, Sei frei im Denken, Sei froh im Sinn und Sei fromm. Bete zu Gott und thue seinen Willen.
Anna: Das ist ein schöner Spruch (sprechen, Spruch).
Herr Meister: Nicht wahr? Aber was haben Sie denn, Louis?
Bella: Warum lächeln Sie so, Louis?
Anna: Louis, Sie müssen nicht leise mit Ihrem Bruder sprechen, wenn wir hier sind. Sprechen Sie laut, bitte.
Otto: Ich werde Ihnen sagen, warum mein Bruder lachte und leise mit mir sprach. Er hat wieder einen deutschen Brief von unserm Bruder Albert in Berlin.
Louis: Ja, denken Sie, wie merkwürdig (= wunderbar), Fräulein Anna. Gestern noch sagte ich Ihnen: »Ich glaube, mein Bruder ist böse mit mir, weil ich seinen deutschen Brief noch nicht beantwortet habe,« und als ich nach Hause kam, sagte mir Mama: »Louis, ich habe hier einen Brief für dich von unserm Albert, ich kann ihn nicht lesen, er ist deutsch. Sieh, ob du ihn verstehen wirst.« »O, Mama,« sagte ich, »ich verstehe jetzt alles im Deutschen.« Ich nahm (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) den Brief, las (ich lese, ich las, ich habe gelesen) ihn und verstand ihn, und sagte alles meiner lieben, guten Mama im Englischen.
Herr Meister: Ich freue mich sehr, das zu hören.
Louis: Aber ist es nicht wunderbar, daß er in diesem Brief auch von den Turnern spricht?
Bella: Von Turnern?
Louis: Ja, darum habe ich ja so gelacht, als Sie mit Herrn Meister über »Turnen« sprachen.
Herr Meister: Hier würde ich nicht das Wort »wunderbar« gebrauchen, sondern »merkwürdig«; in der That ist es merkwürdig, daß Sie gestern von Ihrem Bruder sprachen und dann einen Brief von ihm vorfanden, als Sie nach Hause kamen; und ebenso merkwürdig ist es, daß er über Turnen spricht. Ich möchte wohl hören, was er schreibt.
Louis: Ich werde Ihnen den Brief vorlesen, wenn Sie es wünschen.
Alle: Bitte, bitte!
Louis (liest):
Teuerer Bruder Louis!
Ich habe Dir am sechsten September einen deutschen Brief geschrieben, und ich habe heute noch keine Antwort. Wie kommt das? Papa schreibt mir, Du studierst Deutsch. Kannst Du noch nicht Deutsch schreiben? Ich hoffe, Du bist so wohl, wie ich bin. Wir Studenten haben jetzt vier Wochen Ferien, das ist, wir sind vier Wochen frei und brauchen nicht zur Universität zu gehen. Professoren und Studenten wollen Weihnachten feiern.
Hier schicke ich Dir meine Photographie. Du wirst Dich wundern, mich im Winter in Kleidern von weißem Linnen zu sehen und fragen: »Ist es im Dezember in Berlin so warm, daß die Leute in weißem Linnen gehen?«
O, mein Freund, es ist hier sehr kalt, so kalt wie in New York. Der Wind bläst durch die Straßen, und der Schnee liegt zwei Fuß hoch. Nicht alle Leute gehen jetzt in Linnen. Auch ich gehe nicht immer so, nur einmal in der Woche, am Mittwoch Abend von acht Uhr bis zehn; -- dann bin ich in der Turnhalle, denn ich muß Dir nur sagen, ich bin in einem Turnklub oder einem Turnvereine. Mittwoch Abend bin ich in der Turnhalle, und habe Gymnastik. O, wie ist das schön, mein lieber Louis, mit hundert, oft zwei hundert Männern nach der Musik zu marschieren oder springen. Wir laufen, schwingen, fechten, boxen und tanzen; kurz, wir thun alles, was uns stark und gesund macht. Ah, seitdem ich turne, befinde ich mich wohl. Du weißt ja, ich war früher in New York oft sehr nervös. Seitdem ich Turner bin, bin ich frisch und wohl, bin immer fröhlich und studiere mit Freude. Hier in Deutschland ist das Turnen an allen Schulen obligatorisch; das heißt: In allen Schulen m_u_ß geturnt werden, und alle Schüler müssen so gut turnen lernen, wie schreiben und lesen. Ist das nicht schön? Ich meine, gewiß Ludwig Jahn war ein weiser Mann. Du mußt nämlich wissen, Ludwig Jahn hat zuerst das Turnen begonnen mit wenigen Schülern hier in Berlin im Jahre 1811, und heute haben wir Turnhallen in ganz Deutschland, und viele tausend Studenten ehren (= respektieren) den »Turnvater« Jahn. Aber ist es nicht traurig, daß es so oft den Männern schlecht geht, die der Welt Gutes thun? So ging es Columbus, so ging es Galilei, so ging es Johann Gutenberg, dem Erfinder der Buchdruckerkunst, so ging es Schiller und auch dem Turnvater Jahn. Warum sind die Menschen (= Leute) so undankbar gegen die Männer, die ihnen Gutes thun? N_a_c_h dem Tode, ja nach dem Tode ehrt man die großen Männer, aber erst nach dem Tode! Da ich vom Traurigen spreche, so will ich Dir auch mitteilen (= schreiben), daß Bayard Taylor, der amerikanische Gesandte, der Schriftsteller (= Autor), Poet und Reisende, tot ist. Alle Amerikaner Berlins waren an seinem Sarge. Tausende von Menschen waren da, und auch die besten Schriftsteller Deutschlands, wie Berthold Auerbach, Paul Lindau, Paul Heyse, Friedrich Spielhagen und Julius Rodenberg. Berthold Auerbach, ein persönlicher Freund von Bayard Taylor, sprach wunderschön an seinem Sarge. Ich sehe, Deutschland fühlt den Verlust des Mannes so tief wie Amerika und trauert.
Bei meiner Photographie in diesem Briefe ist noch eine andere, die Photographie einer alten Burg (= das Kastell), »die Wartburg.« Am elften August dieses Jahres war der hundertjährige Geburtstag unseres Turnvaters Jahn, und die Turnvereine Deutschlands machten eine Exkursion oder Turnfahrt nach der Wartburg. Warum die deutschen Turner gerade nach dieser alten Burg gehen, würdest Du wohl verstehen, wenn Du die Rede meines Freundes Heinrich gehört hättest. Ich schreibe Dir das, was ich heute noch weiß. Mein Freund begann so: