Strix: Die Geschichte eines Uhus

Chapter 8

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Da gebiert die Schlange; eines nach dem andern gehen ihr zehn lebende Junge ab!

Aber damit ist auch ihre Lebenskraft erschöpft. Ihr dicker, geschwollener Hinterkörper schwindet an Umfang. Die Windungen in der lebenden Trosse erschlaffen, sie gleiten auseinander und rollen sich ab -- eine langes Tauende baumelt leblos herunter.

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Strix aber behielt die Kreuzotter einen ganzen Tag und eine ganze Nacht in ihren Fängen; sie saß in ihrer Höhle innerhalb des Fuchsbaus und schlief damit.

Dann kröpfte sie ihre Beute mit gutem Appetit!

_Die Heide blüht!_

Die bisher so eintönige Fläche der braunen Heide zaubert jetzt auf einmal die sieben Farben des Regenbogens vor Augen -- und so gewaltsam ist die Blüte, daß gleichsam ein Nebel von Violett von allen Hügeln und Schluchtenrändern aufsteigt. Die Heidebeere wird schwarz, die Preiselbeere wird einmacherot und die Blaubeere tiefblau wie ein Nachthimmel. Auf den kahlen Stellen im Renntiermoos streckt der Bärlapp seine weißlich-gelben Staubfäden in die Höhe, und rings umher an den Ufern des seichten Moors wimmelt es rostrot von rundblätterigem Sonnentau; zu tausenden wimmelt er hier empor, der kleine Insektenfresser -- und jede Pflanze klemmt eine schwarze, zusammengedrückte kleine Fliegenleiche in ihrem kleberigen Schoß.

Strix ist aus dem Fuchsbau in das alte Eichengestrüpp übergesiedelt; sie hat versehentlich den rechtmäßigen Inhaber des Baues aufgefressen.

Eines Nachts saß sie auf dem Hünengrabe ... der Donner rollte über die Heide, und die Blitze knatterten; es war so erstickend heiß, daß es ihr den Atem benahm. Das ungemütliche Wetter machte sie wie gewöhnlich reizbar, sie fühlte sich boshaft, grausam und rachgierig.

Da kehrte ihr alter, gutmütiger Wirt heim und schnupperte in aller Unschuld an den kümmerlichen Überresten eines Birkhuhns. Das war ihr Birkhuhn; sie hatte es in der Dämmerstunde geschlagen und gleich bis auf wenige Überbleibsel gekröpft. Der Anblick Reinekes dort bei ihrem Raube schaffte dem Gewitter in ihrem Innern plötzlich Luft -- und ohne weiteren nachweisbaren Grund flog sie hinterrücks auf ihn los und schlug ihm ihre acht Krummesser tief zwischen die Rippen. Er riß sich los und sprang auf sie ein; sie aber überspritzte ihn mit Kalk und stieg auf ihren Flügeln in die Luft empor.

Dann war Reineke in seinen Bau geschlichen. Strix hatte ihren Birkhuhnrest verzehrt und sich zum Schlaf in ihre Höhle gesetzt.

Plötzlich aber war er -- stöhnend, hustend und röchelnd -- vor ihre Eingangstür gekrochen und hatte, gleichsam reuevoll, weil er fehl gegangen, seinen zottigen Kopf vor sie hingelegt.

Sie versetzte ihm einen Schlag mit der Kralle! Er rührte sich nicht. Sie versetzte ihm noch einen. Er schlief noch ebenso fest. --

Da löste sie das weiche Fleisch von seinen stumpfen Zähnen -- und kröpfte später weiter, so oft sie Appetit hatte.

Aber eines schönen Nachts fing sein Fleisch an, bitter zu schmecken, und sie konnte nun auch nicht weiter in den Bau hineinkommen. Fliegen und Aasgräber wimmelten in ihre Höhle hinein, und diese ungeladenen Gäste störten sie im Schlafe -- so war sie denn ausgezogen.

Tief drinnen im Eichengestrüpp, wo selbst der wilde Westwind nicht imstande ist, hineinzugelangen, wo das Wiesel sein Nest in Gemeinschaft mit Bussard und Turmfalk hat, da wohnt sie. Die kleinen Eichenkrüppel, die die Laubhütte bilden, in der sie sitzt, sind mit Flechten und schwarzgrünem Moos dicht bepelzt.

Oft am Tage, wenn sie erwacht und zwischen dem Flitter des Laubes zum Himmel hinauflugt, der so blau aussieht, geschieht es wohl, daß das Guckloch sich auf einmal verdunkelt, eine Wolke gleitet davor, eine lebende, flimmernde Wolke aus Grau und Blau und Weiß und Flügeln. Bald ist es eine Taubenwolke, bald eine Starwolke mit überstarker, übermütiger Brut! Oder auch der lebende Schneeflug, Wildgänse in einem Keil, zieht mit Gegacker und Geschrei über ihrem Kopf hin.

Wohin geht ihr Flug? -- Weit fort, gen Süden, über ferne, sich gelb färbende Wälder.

Da sträubt sie die Federbüsche; sie kann den Lärm der Vogelschar hören, schon lange, bevor sie da sind. Es klingt wie ferner, rollender Donner.

Der Herbst ist im Anmarsch.

Bald wird das Korn von den Feldern eingefahren, und auf den einsamen Heidehöfen heimst die Hungerharke die Überreste ein. Tausende von Feldmäusen, die im Überfluß geschwelgt haben, merken, daß sie arm und ärmer werden. Früher brauchten sie nur an den Halmen hinaufzurennen und die Ähre hinabzubiegen, dann wurde sie mit den Zähnen abgeschnitten und heimgetragen -- hinunter in das Mauseloch. Jetzt muß man mühselig nach einer Ähre suchen, lange Wege laufen -- und findet man sie, so ist man glücklich, wenn sie nur nicht verschimmelt ist oder nicht schon längst gekeimt hat.

Aber es soll noch schlimmer werden! Die Rolle, die eine Ähre früher gespielt hat, wird bald von einem Korn übernommen.

Die Mäuse huschen zwischen den Stoppeln umher ... sie haben ihre Gänge und Schlupfwinkel über das ganze Feld; es ist gleichsam von ihren Tunneln untergraben. Und ein Loch liegt neben dem andern, schräge geht es hinab und bestimmt guckt es aus der Erde hervor mit einem Kissen aus herausgetragenen Erdklümpchen am Ende ... die Mäuse suchen unablässig nach Körnern. Aber sie sind noch nicht sparsamer geworden, nein, dazu müssen sie mehr Mißgeschick, größeres Unglück erleiden -- dann kommt der Schälpflug und wendet das Tischtuch um, so daß die Brocken und sie selbst darunter geraten.

Und nun beginnt die Not -- und damit die große, alljährliche Auswanderung. Bei Tag wie bei Nacht, hauptsächlich aber bei Nacht, zieht ein Strom von kleinen Nagetieren aus den Feldern auf die Heide hinüber. Ein einzelner fester Stamm, der ein ordentliches Mauseloch hat, in das kein Regen hineinläuft, und hinreichenden Vorrat, von dem er zehren kann, bleibt an Gräben und Hecken zurück, die übrigen aber wandern und wandern ...

In solchen Tagen bekommt das alte Eichengestrüpp »Eulenbrot«.

Strix nimmt Gottes Gaben in Empfang, lange ehe sie zu ihr hereinkommen. Im Halblicht der Dämmerung fliegt sie weit hinaus auf die Heide und setzt sich, als Granitstein oder Heidehügel vermummt, dort hin und läßt die wandernden Mäuse ganz dicht an sich herankommen. Dann lähmt sie sie, wie sie tausende vor ihnen gelähmt hat -- und nun kann sie nur zulangen und in sich hineinstopfen.

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Jetzt ist die Luft rauh und naßkalt und eisige Regenschauer gehen nieder -- der Schoß der Heide wird blumenleer, wildleer und unfruchtbar. Die Laubhütte wird zu Feuchtigkeit und das Eichengestrüpp bildet ein Bauer aus Zweigen um sie her.

Sie zieht in einen verfallenen Torfschuppen draußen in einem großen Moor und lebt hier eine Weile herrlich und in Freuden von hereinwimmelnden Ratten. Von allen Seiten wittern sie diese einzige warme Behausung mit ihrer Streu und ihrem Dünger.

Ratten sind ein Leckerbissen für Strix! Und doch -- recht lange, das fühlt sie, hält sie die Heide nicht aus: wenn sie in den bebenden Heidekrautbüscheln den schwachen Ton eines mächtigen Brausens spürt, steigt das Bild des Waldes in ihrem Innern auf.

Der Wald ist ihr Bereich! Der Wald ist warm und traulich in jedem Wetter ... bei Sonne und Windstille wie bei Sturm und Regen. Selbst die Oktoberstürme verschwinden ja im Walde, und wenn die kalten Regenschauer des Novembers kommen, nimmt er ihnen das Übermütige, so daß man das Plätschern nur weich und sanft empfindet.

Und der Wald fährt fort, sie zu locken, sie zu betören, in ihren Träumen zu spuken.

Ho--o, heult sie, ho--o! Der Wald in Sturm und Nässe, wenn man doch geborgen in seinem hohlen Stamm säße ... ja, dabei bleibt sie: Regenwetter im Walde mit den plaudernden Tropfen ist das Unterhaltendste, was sie sich denken kann!

Und dann eines Nachts macht sie sich auf, mit langem, hastigem Flügelschlagen streicht sie dahin, quer zum Winde. Sie hat es im Gefühl, welchen Weg sie einschlagen soll. Ein Gestank von Schornsteinrauch, ein Strahlen von Licht aus den Steinhöhlen der Menschen stößt sie ab, immer weiter, weiter -- in entgegengesetzter Richtung von ihrem früheren Heim und den jetzt so fernen Hochwäldern am innersten Ende der Förde.

Wochenlang streift sie umher, duldet Hunger und leidet unter bösem Wetter, bis plötzlich eines Morgens ein Duft von sonnengesättigter Baumrinde und säuerlichem Waldboden sie an der Nase hinter sich dreinzieht.

Welche Wonne, als sie durch gelb gewordene Kronen jagt und die Moderluft des Laubfalls in ihren Nasenlöchern spürt -- es ist, als wenn ein verspäteter, ausharrender Sommerfrischler an einem trübseligen und regenkalten Herbstabend wieder eingefangen wird von dem Lärm seiner geliebten Großstadt.

9. Im Kampf mit einem Adler

Es ist spät am Nachmittage.

Das fahle Licht des Wintertages wird noch fahler, die Dämmerung quillt förmlich aus den Wolken herab. Die Luft ist scharf, und der Ostwind, der seit Tagesgrauen geheult hat, nimmt mehr und mehr zu.

Strix sitzt in ihrer warmen Holzhütte tief unten in dem Bauch einer alten Esche ...

Der Wald, den sie vorgefunden hat, liegt tief zwischen Hügeln, und ist der letzte, von den einstmals so zahlreichen Wäldern in dem großen Fördendistrikt. Eine öde Gegend zieht sich zwischen ihm und der Heide hin -- und auf der entgegengesetzten Seite, nur eine Meile entfernt, braust das Meer.

Strix schläft am Tage und träumt und sitzt unbeweglich, als sei sie ein großes unverzehrtes Stück von dem Mark des Baumes. Aber selbst im Schlaf hört sie und hat zuverlässige Empfindungen.

Den ganzen Tag hat die Kronenwölbung gebrummt. Ein surrender, orgeltiefer Laut ist von ihr ausgegangen. Es hat so hohl, so dumpf getönt ... das ist der Gesang des Schneegesauses.

Bald ein Menschenalter hat Strix nun gelebt und den Wechsel der Jahreszeiten verfolgt; sie kennt dies Sausen nur zu gut. Es wächst, wird stärker und stärker -- und wie es zunimmt, während der Abend zur Rüste geht, werden alle andern Laute gedämpft; ihre Klangfarbe wird ihnen genommen. Selbst die nächsten werden gleichsam von weitem weggezogen und klingen schließlich ganz fern. Das Bum-Bum der großen Wassermühle, das Knurren dieses wunderlichen, von Menschen geliebten Raubtieres, das sie zu hören gewohnt ist, wenn ein Ostwind weht, wird schwächer und schwächer; sie merkt auch kein Fallen von Zweigen mehr, und das Heulen und Knarren der Bäume ist ohne tönenden Schallboden; jegliches Geräusch und Getöse wird gleichsam von Federn aufgefangen.

Der Schneesturm stiefelt über Wald und Heide, über Wiese und Moor hin, verkittet und löscht aus -- nur die rinnenden Gewässer liegen wie vorher da, grauschwarz und offen. Über die blanken Eisgürtel auf den stillen Mooren, die sich wie ein Keil in den Wald hineintreiben, gleitet das Gestöber in breiter Schlachtordnung dahin, bis es plötzlich aufgewirbelt und in eine Schneeschlange verwandelt wird, die auf dem Schwanz steht.

Es dunkelt in der Baumtiefe um Strix herum. Ihre lichtstarken Augen können das Spinnengewebe nicht mehr sehen, das von dem Schlackerwetter fortwährend auf und nieder geschaukelt wird. Immer weniger scharf hebt sich der Eingang da oben zu ihrem Hause ab ... die Nacht, die sie so sehr liebt, naht.

Besonnen erklimmt sie die Treppe und sitzt in der Tür und heult: die Erde hat ja die Farbe gewechselt, wie die Bäume die Rinde, die Natur ist verwandelt, ihr alter Bekannter aus dem Wunderland gen Norden, der Winter -- das Weißwetter -- ist gekommen! Mit einem Satz fliegt sie hinaus und hinab in den Schnee, sie badet sich darin, sie tummelt sich darin wie eine Ente im Wasser!

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Der Schneesturm aber nimmt zu.

Sprung auf Sprung wirft sich das Gestöber gegen den Wald. Es wirbelt vom Waldessaum her, es stiebt aus den Wipfeln herab, es ist, als falle der Himmel in weißen kleinen Stückchen nieder, ununterbrochen ... ein Wolfswetter, das drei Tage und drei Nächte anhält!

In einem solchen Wetter werden alle Raubtiere reizbar; es wird ihnen schwer, Beute zu finden, und sie haben kein Glück beim Fang. Alle Grasfresser suchen ihr Versteck auf; die zanksüchtigen unter ihnen werden friedlich und die streitbaren fügsam, sie erkennen ihre gemeinsame Ohnmacht und halten sich notgedrungen in Ruhe. Den Raubtieren ergeht es umgekehrt. Das Wetter peitscht sie auf, sie empfinden den Hunger doppelt, die Mordlust wird angespornt, und sie spüren einen eigenartig brennenden Durst nach Blut.

Es ist mitten in der Nacht nach dem dritten Tage.

Der Schneesturm hat sich gelegt, und der Wald liegt reifüberpudert und mit großen Schneeklecksen da. Abenteuerlich sieht er aus -- großartig phantastisch erscheint er in der Dunkelheit.

Alle Blattknospen in den Windeln, alle Anemonen in der schwarzen Fruchterde, die Puppen, die zu Schmetterlingen werden, die Larven, aus denen sich einstmals beschwingte Insekten entwickeln sollen, sehen ihn -- ohne ihn zu sehen -- im Traume!

Ja, es ist, als wenn die Erde, auf der der Wald steht, selbst träumt -- und der Wald in seinem phantastisch weißen Wetterkleide ist der wundervolle Mitwintertraum der Erde!

Der Vollmond, der rot und groß und flachgedrückt aus dem schneebewölkten Horizont weit hinten zwischen den Hügeln aufgestiegen ist, ward schon längst klein, weißschimmernd und rund. Ein kalter und beißender Atem weht zwischen den Stämmen herein; Strix, die schon stundenlang auf ihren Fangstellen gelauert hat, fühlt den eiskalten Hauch bis auf ihren Körper; mit großen Frosttropfen im Brustbart sitzt sie da.

Dreimal hat sie vergebens im Schnee nach einem Hasen geschlagen. Der Hase hat sie genarrt und sich in eine Dickung gerettet. Dann hat sie es mit einem Wiesel versucht, das am Graben entlang schnürte; aber das Wiesel ist ihr zwischen den Fängen entwischt, ist bis auf den Grund gesunken und ist von da aus durch einen seiner vielen Tunnel unter dem Schnee geschlüpft. Schließlich hat sie sich sogar herabgelassen, auf ein Moorschwein niederzuschlagen -- jedoch alles ist vergeblich gewesen.

Sie hat Hunger, einen wahren Wolfshunger, Gekröse wie Magen sind gleich leer, und sie spürt schon die schrecklichen Halluzinationen des Hungers.

Da ist kein Tier zu groß ... wenn sie es sich rühren sieht schlägt sie blindlings drauf los, nur um Beute zu machen!

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Auf der Leeseite des Waldes, wo der eisige Atem fast niemals hingelangt, sitzt auf einem Ast ein reisemüder Adler.

Er hat sich den ganzen Tag durch den Äther gewiegt, hat eine Landschaft nach der andern unter sich wechseln sehen; zuerst vom Meer zu Land, dann von großen steinigen Flecken, wo gleichsam Berg an Berg lag -- Städte der Menschen -- zu offenen, weitgedehnten Feldern, aus deren schneebedecktem Erdreich nur ein vereinzelter viereckiger Steinhaufen aufragte.

Schließlich war er wieder übers Meer gekommen und hatte schwarze, schwankende Waldessäume erblickt, Zweig hinter Zweig und Baum hinter Baum tauchte am Horizont auf. Er hatte sich beeilt, dahin zu kommen ... dort lag ja Wald, sein lieber Wald!

Im roten Schein des Sonnenuntergangs hatte er sich über den Wipfeln hingearbeitet, war in großen Bogen rund herum gesegelt und hatte sich tiefer und tiefer nach der ruhewinkenden Stätte hinabgesenkt.

Und dann war das Tageslicht entschwunden, die Dämmerung verdichtete sich zwischen den Stämmen und sprang gleichsam aus Rinde und Zweig heraus, sie wimmelte aus den Wipfelzweigen hervor und wirbelte empor wie Wolken von Mücken, den dunklen Fleck der Waldmasse verdoppelnd -- die lag da wie ein großes Floß mit Baumstämmen beladen und schwamm auf dem Schnee.

Da strich der Adler durch die Wipfel hinab und nahm schwerfällig einen Ast in Besitz. Er umfaßte ihn gierig, faltete die Flügel zusammen und legte sie hübsch zurecht an dem Körper. Wie gut es tat zu sitzen!

Er sah sich um; er vergewisserte sich, indem er lange den Kopf drehte. Aber alles, was er sah, und alles, was er erlauschte, gehörte zu dem Walde, zu dem lieben alten Bekannten! Dann bewegte er sich seitlich, den Zweig entlang, bis er dicht an den Stamm kam, er schüttelte sich wie ein Pferd nach langem Ritt, wetzte die Krallen an dem Zweig, putzte die Federn und gähnte müde.

Noch ein paar Bewegungen nach der Seite, um eine Rundung an dem Zweig zu finden, die für seine Fänge paßte, damit er in der Nacht keinen Sitzkrampf darin bekam, dann gähnte er noch einmal, wohl zufrieden -- jetzt endlich _saß_ er -- jetzt endlich saß er gut!

Es ist die Gewohnheit des Adlers, ruhig zu schlafen; es ist, als seien diese Vögel mit der Überzeugung geboren, daß sie nichts zu fürchten brauchen. Sie verschlafen Unwetter, Sturmgebrause, Fußtritte und Schüsse.

Der reisemüde Adler schläft und schläft ...

Sein schweres, langgezogenes Schnarchen, das regelmäßig steigt und fällt, wie das eines Menschen, kommt und geht durch den Wald -- ein wunderliches, bullerndes Geräusch, das in der klaren Frostluft gleichsam verstärkt wird.

Zuweilen klingt es, als müsse der Riesenvogel von seinem eigenen Geschnarch geweckt werden, das zu _einem_ langen, bullernden Schnarchen anschwillt und schließlich gleichsam in einem Befreiungsruf endet. Dann hat der Adler im Schlaf den Hals lang gemacht, hat den Kopf geschüttelt -- und dadurch wieder Luft in die Nasenlöcher bekommen.

Verschwenderisch liegt der Schnee auf allen Ästen und Zweigen -- jedes dünne kleine Reis hat sein Teil abbekommen! Selbst an den Stämmen, die nicht kerzengrade stehen, hat er sich festgekittet; er drängt sich in Borkenrisse, hakt sich ein in dürre Reiser, und liegt als verlorener Klecks auf allen Knorren und Narben.

Oft, wenn sich das Schnarchen des Adlers plötzlich zu einem Orkan steigert, verlieren die aufgetürmten Schneemassen in den Baumkronen das Gleichgewicht; da fallen sie in langen, weißen Spritzern herab und bohren sich mit hohlem, dumpfen Plumpsen in den Bodenschnee.

Der Adler aber schläft mit einem guten Gewissen! Er bedarf der Ruhe, während er sich wieder bis an den Rand mit der mächtigen, unerklärlichen Kraft des Schlafes füllt. Nachtfarben und groß wie ein Auerhahn sitzt er da und läßt sich weder von dem Mond stören, dessen bleiche Lichtstrahlen um seine Augenlider spielen, noch von Klein-Taa, der vorüberkommt. Teils um den fußhohen Schnee zu meiden, teils aus Furcht, seinem alten, halbsteifen Erzeuger wieder zu begegnen, durchjagt Klein-Taa den Wald oben in den Baumkronen.

Plötzlich wird der Adler durch einen Stoß von seinem Ast heruntergetrieben; er hat das Gefühl, als wenn er durch eine drohende Gefahr jäh geweckt wird und sich gleich in die Luft hinausstürzen muß. Ein paar feste Griffe klemmen sich ihm in die Seite, bohren sich in sein Fleisch; er will schlagen, aber eine scharfe Klammer schraubt sich ihm um den Nacken, so daß er, ohne es zu wissen, den Hals ausstrecken muß.

Während dessen flattert er auf einem Flimmern von Flügeln durch die Luft. Schneeklumpen und kleine Lawinen stürzen um ihn herab, bis er in dem fußhohen Schnee am Erdboden endet. Sein Hals und sein Nacken sind schon _ein_ blutiges Fleisch und die Klammer um den Hinterkopf schraubt sich immer dichter zusammen. Der Vogel der Nacht, der Dämon der Finsternis, kämpft mit dem Sohn der Sonne, mit dem König aller Tagvögel -- und auf Dämonenart hat der Angreifer seine Stärke in dem Ungewöhnlichen und scheinbar Übernatürlichen.

Da schüttelt sich der Adler; Strix hängt über seinem Rücken wie eine sturmgepeitschte Riesenklette und muß sich ununterbrochen ihrer Flügelarme und Schlagfedern bedienen.

Der Adler kommt auf den Einfall, sich zu rollen, er steigt in die Höhe, wirft sich auf den Rücken, so daß Strix zu unterst kommt, schlägt dann mit den Flügeln, so daß er das Gleichgewicht wieder gewinnt und macht plötzlich einen Satz in die Luft hinauf, wie eine Elster. Aber Strix sitzt fest; sie hat schon früher alle möglichen Purzelbäume geschlagen und noch viel schlimmere, halsbrecherische Schwenkungen mitgemacht.

Der Schnee stiebt auf unter den Flügelschlägen der beiden großen Vögel, er weicht ihnen aus und öffnet willig ihren schwer arbeitenden Körpern seinen Schlund. Da stürzt eine Lawine von dem Baum herab, unter dem sie kämpfen -- und begräbt sie.

Lange Zeit sind sie weg; nur eine flackernde Spitze von ein paar Schlagfedern ist sichtbar.

Dann graben sie sich langsam aus der Tiefe heraus und steigen nach dem Untertauchen wieder auf: _ein_ Vogel scheinbar, mit _einem_ Kopf und _einem_ Hals, aber mit vier Flügeln.

Die Natur des Adlers ist wie der helle Tag; er ist mutig und offen und ohne Tücke. Der Adler will seinen Gegner sehen, will ihn vor sich haben, Brust gegen Brust.

Strix aber ist hinterlistig und grausam wie die Finsternis; sie läßt nicht los, was sie hinterrücks gefaßt hat -- --

Der Adler hat Schlund und Schnabel voll Schnee bekommen ... es wird ihm schwer zu atmen, aber seine Kräfte und seine Energie sind noch gleich ungeschwächt. Er will den Teufel auf seinem Rücken in den Fängen haben -- und er langt mit seinem mächtigen Raubvogelfuß -- er hat die Spannweite einer ausgewachsenen Männerhand -- nach dem Eulenleib hinauf. Aber die Fänge wühlen in einem Berg von Daunen herum und es gelingt ihnen nicht, etwas anderes als die Haut zu fassen.

Zähe und ebenbürtig, unter lautlosen Kraftgriffen, kollern sich die beiden großen Gesellen im Schnee herum; nur das Blasen ihrer Nasen und das stöhnende, heftige Ringen nach Luft hört man.

Da glückt es dem Adler, während einer jähen Bewegung, seinen langen, spitzgekrümmten Schnabel in den Schenkel seines zottigen Gegners zu bohren; er reißt eine Wunde da hinein, die brennt.

Strix stößt ihr wildestes, unheimlichstes Geheul aus; als sei es eine Eingebung, löst sie ihren Griff aus der linken Seite des zitternden Adlerleibes, führt den freien Fang vor und schlägt beide Fänge um den Nacken des Tagraubvogels zusammen. Ihre langen, pfriemspitzen Krummfänge feiern aufs neue einen Triumpf -- ohne jegliche Kraftanstrengung, als glitten sie durch Butter, versinken sie bis auf den Grund in dem Kopf des Gegners.

Der Adler dreht sich herum wie ein mächtiger Mistkäfer ... er weiß nicht mehr, daß er lebt. Aber es währt lange, bis seine Flügel, seine Fänge, seine Unmengen von Muskeln still werden. Strix ist zu hungrig, um darauf zu warten; so bald es möglich ist, beginnt sie unbekümmert ihre wohlverdiente Mahlzeit.

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»Ein herrlicher Auerhahn«, fand Strix. Aber es war ja auch lange her, seit sie Auerhahn bekommen hatte.

Sieben fette Jahre verlebte Strix hier im Westerwald!

Der Wald war gut genug, nicht groß, aber so recht nach ihrem Geschmack. Ein unzulängliches Wegenetz und unzureichende Bahnverbindungen hatten die Forstverwaltung davon abgehalten, den Wald schlagen zu lassen.

Die Gegend war überhaupt nur dünn bevölkert und öde.

Wie man auf einem großen, reich bestellten Gut mit einem Überfluß an schwerem Weizen und tiefgrünen Rübenfeldern plötzlich mitten in aller Üppigkeit auf einen unfruchtbaren, von Unkraut überwucherten Steinplatz stoßen kann, so lag das Land hier um den Westerwald herum. Jahrhunderte schienen daran vorbei gelaufen zu sein; er lag da, gleichsam gefeit gegen die moderne Zivilisation.

Aber das Gefeitsein war nur scheinbar. Langsam aber sicher breiteten sich die Menschen beständig aus! Sie säeten sich über die Landschaft aus wie die Blumen, die sie in ihren Gärten zogen. Strix entdeckte anfangs nur eine vereinzelte, gleichsam verirrte Blume: ein Ansiedlerhaus, frisch ziegelgedeckt, taucht aus einem Heidetal auf, wie eine große scharlachrote Mohnblüte. Dann kam »die Pflanze« allmählich häufiger vor, sie füllte Flecken und ganze Strecken -- und ihr folgten Pflug und Spaten und Entwässerungsrohre und Windmotore, während Moos und Heidekraut den Eindringlingen mehr und mehr Platz machen mußten.