Strix: Die Geschichte eines Uhus
Chapter 7
Von Natur ist niemand so ungesellig wie Strix; aber es ist doch, als wenn ihres Zeitalters Überfluß an Menschen sie -- die letzte -- noch weniger umgänglich gemacht hat.
Ruhe, Ruhe, seufzt sie, wenn sie für sich seufzt; Ruhe ist sozusagen eine Lebensbedingung für sie. Sie kann nicht atmen, nicht gedeihen, wo wie hier Axthieb auf Axthieb fällt, wo Wagengerassel und Pferdegetrappel erschallt, und Menschen und Hunde lärmen. Sie ist der Vogel der großen Einsamkeit! Was die Sonne für die Blumen, ist die Naturruhe für sie; sie muß sie suchen, ihr nachziehen, wie man die Zweige der Bäume sich nach dem Licht krümmen und strecken sieht.
Sie wählt die Nächte zu ihren Flügen und hält sich am Tage still und verborgen in irgendeinem öden Winkel. Sie sitzt in einsamen Torfhütten, in verfallenen Scheunen, in alten Kirchtürmen, die ganz allein liegen. Hier darf sie in der Regel in Frieden sitzen, niemand ahnt ihre Anwesenheit -- groß genug ist sie ja, aber sie hinterläßt keine Spur! Es geht ihr nicht wie dem Hirsch, der, wohin er auch immer tritt, einen großen Abdruck seiner breiten Schalen hinterläßt, eine Spur, die eine Unzahl von Schützen und Jägern hervorzaubert.
Das Einzige, was Strix verrät, wenn sie zu lange an einem Ort verweilt, sind die weißen Kalkkleckse die sie aus natürlichen Ursachen um ihren Sitzplatz verbreiten muß.
Aber sie ist scheu und erfahren; sonst wäre es ihr schon längst ergangen wie Uf, und sie wäre nie davor bewahrt worden, das Schicksal des großen Taa zu teilen.
8. Auf der Heide
Der Schimmer des Tagesanbruchs liegt gleich einem ungeheuren Tautropfen und schaukelt über der Erde draußen am östlichen Horizont.
Strix ist geflogen und geflogen --
Jetzt gewahrt sie in der Ferne Wald, sie sieht kuppelförmige Kronen und zahllose Anläufe zu Wipfeln -- ein mächtiger Hochwald mit einer Wölbung neben der andern rundet sich üppig vor ihr empor.
Was sie eräugt, sind Heidehügel am Horizont, sind Hünengräber und Wachholderbüsche, die Bäume, an die sie gewöhnt ist.
Bald löst die ferne Fata morgana sich auf -- und das ungeheure, schwarzgetönte Heidekrautmeer gibt sich zu erkennen.
Noch ein Kilometer -- und als die Sonne aufsteigt, wird das Heidekrautmeer zu der großen herrlichen Naturebene der Heide mit dem Porschgrün der Schluchten und dem Violett der Hügelrundungen. Die unzähligen Heidekrauterhöhungen bekommen Form und Fülle, sie treten hervor und werden für Strix zu Reisern und Büschen. Ameisenroter Eisenocker guckt stellenweise hervor, olivenfarbene Mehlbeerenzweige recken sich über trocknen, natterbeschwerten Flechten empor. Der moosähnliche Wolfsfuß, der grüne Pflanzenwurm der Heide, kriecht mit seinen behaarten Ranken über den Sand hin, auf sie zu; sie erkennt das alles wieder von ihren wilden Streifzügen in ihrer Jugend -- und sie fliegt hinein in die Heide bis an eine tiefe Schlucht zwischen ein paar hohen, finsteren Hügeln, da läßt sie sich nieder und setzt den Fuß auf den trockenen, knirschenden, mit Renntiermoos bedeckten Boden.
Es durchflutet sie, als sei sie lenztrunken und erfüllt von dem mächtigen Paarungstrieb; ihr wird so munter und leicht, sie wird wild vor Freude ... hier ist noch die Erde in ihrer Ursprünglichkeit, weit und offen mit Mooren und Sümpfen, mit Weide und Porsch und dem Zug der Hügel, der in den Himmel übergeht; ein Überrest Natur von ihrer Natur breitet sich vor ihr aus, mit Ruhe und Großzügigkeit, frei von den vielen Steinhaufen, aus denen immer Rauch und Lärm aufstieg!
Zwischen Heidekraut, so kräftig, daß es in bezug auf Höhe mit den Wachholderbüschen wetteifert, und Strix hoch über dem Kopf zusammenschlägt, watschelt sie den bemoosten, reich mit Porsch bestandenen Abhang hinauf und setzt sich auf den Gipfel eines alten Hünengrabes, das in einsamer Majestät hoch oben auf einem der Hügel thront. Sie sitzt da und keucht nach der Reise und starrt hinaus über ihr neues Heim.
Da hört sie ein Piepsen gerade unter ihren Ständern.
Es ist ein kleines Birkkücken ...
Strix beobachtet mit gespannter Aufmerksamkeit, wie es sich ganz langsam und mit großer Mühe durch das Moos hinaufarbeitet.
Strix hat wohl Lust zu dem Bissen; sie ist hungrig nach der Reise -- und schlägt deswegen auf das Kücken nieder.
Da wird der Mooshügel, in dem das Birkkücken sitzt, gleichsam lebendig; es kribbelt und krabbelt um die Fänge der großen Eule herum. Strix will natürlich alles fangen, was kriecht -- und sie greift wild und gierig nach alten Seiten um sich.
Endlich meint sie, daß sie genug hat und öffnet vorsichtig die Griffe -- da hat sie nur Heidekraut und Moos in den Fängen.
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Eine Birkhenne, die durch das Erscheinen des großen Uhus überrascht wurde, wußte nichts Besseres und Eiligeres zu tun, als ihre kleinen Küchlein in das Moos einzugraben; dort sollten sie stillsitzen, solange der große Fänger ausruhte. Nun hätte ein kleines ungehorsames Junges um ein Haar die ganze Brut in Gefahr gebracht!
Strix nimmt sich ihr Mißgeschick nicht weiter zu Herzen, sie betrachtet das Ereignis als eine Art wohlgemeinten aber schlecht ins Werk gesetzten Willkomm.
Jetzt will sie sich eine Wohnung suchen.
Und sie fliegt eine Wendung nach der andern und stolziert auf ihren unbeholfenen, behosten Fängen, während sie mit rollenden Flügeln zwischen den Heidekrauthügeln herumsucht.
Da hört sie es auf der andern Seite des Hünengrabes brummen. Es ist, als erwache jemand da unten und spräche laut mit sich selbst, während er sich in aller Eile fertig macht.
Das Gebrumme des Reisenden klingt immer mürrischer; Strix fliegt aus Neugier dahin -- und sieht eine große Hummel aus einem Fuchsloch herauskrabbeln.
Hu -- Hu -- Hu! schilt die Hummel und setzt mit einem gierigen und honigerpichten Brummen über den Kopf der Eule hinweg.
Diesmal ist der Willkomm hübsch ins Werk gesetzt, meint Strix! Der Fuchsbau riecht ja freilich ein wenig, ja, er stinkt; aber das ist ja nur heimatlich. Sie watschelt in den Eingang des Loches hinein und scharrt sich eine Vertiefung, einen richtigen Nestraum mit Wölbung und reichlich Platz zum Rühren; hier läßt sie sich nieder.
Reineke kommt früh heute morgen und sehr angegriffen von der Nachtjagd. Er geht halb im Schlaf und hält den großen Uhu für das, was _er_ unter einem Gespenst versteht.
Er ist nur ein kleiner Fuchs, ein Dieb, der sich auf Art der Diebe leicht erschrecken läßt. Sein Körper ist schlaff, die Gesichtshaut sitzt ihm in Falten, die Lefzen hängen herab und seine listigen Lichter haben einen eigenen melancholischen Ausdruck.
Er sieht so aus, als habe er an Nahrungssorgen gelitten -- von der Art, die ihren Mann zeichnen und ihn engherzig und hohlwangig machen.
Der Fuchs ist abgelebt -- das ist die Sache! Die Eckzähne im Unterkiefer sind bis auf die Höhe der Vorderzähne abgeschliffen, seine Krallen sind eckig und stumpf -- er kann nicht mehr fangen.
So kommt es denn aus diesem Anlaß zu keiner Prügelei. »Das Gespenst« ist standhaft; es hält sich Stunde auf Stunde in dem Bau, und so oft auch Reineke seine Nase hereinsteckt, bekommt er sie mit großen, perlenden Blutstropfen an der Spitze zurück. Schließlich ist die Sache entschieden; der Bau ist besetzt, Strix wohnt da!
Und dann geht Reinecke durch die Hintertür.
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Eine lange Zeit behält Strix ihre Wohnung hier bei dem Heidefuchs, sie sitzt warm in seinem Bau, in Schutz vor Regen und Sturm und geschützt gegen das blendende Tageslicht.
Wenn der Fuchs nach Hause kommt und seine Einquartierung vergessen hat, wenn er sich in der Tür irrt und durch den Haupteingang geht, wie er es sonst immer gewohnt gewesen ist, bläst Strix sich auf und versetzt ihm einen Hieb mit einem ihrer Fänge ... das hilft dann seinem Gedächtnis für eine Woche auf.
Auf der Heide findet Strix Ruhe -- der Kampf um ihre Ernährung fordert alle ihre Kräfte.
Sie fängt Regenpfeifer und junge Kuckucks und Brachvögel, wenn sie im August kommen und sich in dem Maße mit Heidelbeeren mästen, daß ihr Bürzel ganz schwarz davon wird. Sie fängt Stachelschweine und frißt sie mit Haut und Haar, und ohne Rücksicht auf die scharfen Stacheln zu nehmen. Sie nimmt auch Fische und Kreuzottern und Nattern. Und wenn der Tag zur Rüste geht und die Sonne hinter den Hügeln versinkt, wenn der Sommerwind sich legt und alles so wunderbar kühl wird, wenn die Blumen nach des Tages Arbeit ihren starken Duft ausatmen und der Schlaf sich schwer über die Landschaft legt, dann fliegt sie umher nach den fernen, einsam gelegenen Höfen und fängt ihre leckerste Speise.
Alle Menschen sind in ihren Steinhöhlen, nur ihre Gewänder --: Frauenhemden und Strümpfe, Socken und Männerhemden, die zum Trocknen hinausgehängt sind, nehmen noch den Kampf mit der Finsternis auf.
Da wimmert und pfeift und schreit es um die Gebäude herum, da heult es in der Nacht, gierig und garstig, während Strix die von den Menschen fett gemachten Ratten kröpft.
Alle ihre Jagdmethoden wendet Strix hier in der Heide an; sie macht Birkhühner und Hasen bange mit ihrem Geheul, schlägt sie in der Luft und im Fluge. Sie entreißt auch andern Raubtieren ihren Raub, wo sie dank ihrer Überrumpelungstaktik ihre Nebenbuhler von hinten überfallen kann.
Eines Abends segelt sie lautlos über die Heide ...
Sie streicht ganz niedrig und folgt den Windungen des Bachlaufes durch den langen, grasgefüllten Talboden. Da hört sie plötzlich unter sich einen klagenden, jammernden Laut und gewahrt nun zwei engverschlungene Gestalten, die sich im Wasser tummeln. Sie schießen in die Tiefe hinab, kommen plötzlich wieder zum Vorschein und treten Wasser, so daß der Bach schäumt.
Es sind zwei Ottern im Kampf.
Nach einer Weile arbeiten sie sich an Land und kämpfen dort weiter ...
Der eine hat einen leckern Fisch im Maul, und _dem_ gilt der Kampf.
Strix schlägt zwischen ihnen nieder und setzt ihren Fang auf den Fisch. Da sitzt sie dann, äugt mit den Lichtern bald den einen, bald den andern an und versetzt ihnen einen Schlag mit dem Flügel, wenn ihre fauchenden Gesichter ihr ein wenig zu nahe kommen.
Dann auf einmal fliegt sie mit der Beute auf!
Da werden die beiden wütenden Gegner im Handumdrehen Busenfreunde, sie springen hoch in die Luft empor, ihr nach.
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Hier auf der Heide liegt ein altes Eichengestrüpp. Es liegt auf einem Hügelabhang, nicht weit von dem Hünengrab, in dem sich der Fuchsbau befindet. Das struppige Heidekraut reicht den kleinen, verrenkten Eichenkrüppeln an vielen Stellen weit über den Kopf. Aber die Knirpse sind trotzig -- sie krümmen sich zu einer dichten und umfangreichen Krone, indem sie die Zweige wild und heftig um sich schlingen. An den Zweigen wachsen Blätter -- und dieser Sonnenschirm benimmt dem Heidekraut den Mut.
Höher hinauf an den Abhängen, wo die Knirpse in Gesellschaft stehen und durch ihr Zusammenhalten Macht gewinnen, muß sich das Heidekraut damit begnügen, eine Verbrämung um die Lichtungen zu bilden.
Und ganz oben auf dem Hügelrücken werden sie zu Bäumen, die fast Manneshöhe erreichen.
Diese Bäume nennen die Heidebauern »Wald!«
Es ist wilder Wald: keine Steige außer denen, die das Wild tritt, finden sich hier. Hier wachsen Zitterespen zwischen Ebereschen. Und Adlerfarne zwischen den Zitterespen. Das Geisblatt duftet. Hier ist Lauberde und Waldboden und Maiblümchen und Schatten hier auf der Heide! Im Frühling kommen hier Anemonen und im Herbst Pilze, und die Eichen tragen kleine, verkrüppelte Eicheln.
Ein Stelldichein für Tiere und Vögel ist dies Gestrüpp -- ein Sammelplatz für die Insekten! Sie feiern die Ankunft jedes Warmblütlers und wimmeln ihm tanzend entgegen, wie Wilde bei der Landung eines vornehmen Europäers.
In diesem Gestrüpp schlägt Strix manch einen leckern Raub!
Es ist ein holdseliger Morgen!
Der Kuckuck ruft über die Heide hin, und im Eichengestrüpp zwischen blühendem Ginster und dichtbelaubten Ebereschen sitzt der kleine Bluthänfling mit der ziegelroten Brust und singt.
Strix hat sich am Rande des Gestrüpps auf einen alten Grenzwall zwischen einer Gruppe steifer Adlerfarnen und dem rötlichen, zarten Laub der Eichenschößlinge versteckt.
Es gluckert und ruft drinnen im Heidekraut ...
Jetzt schwingt sich eine Lerche mit kraftvollem Morgengezwitscher aus den taufeuchten, dicht benadelten Heidekrautbüschen empor, ruhig und selbstverständlich steigt sie dem Blau entgegen. Strix blinzelt mit dem einen Auge nach der Richtung hin -- ja, da gewahrt sie den Ton! Eine Schwalbe bestreicht den Grenzwall längsschiffs und fängt Fliegen gerade über ihrem Kopf wie ein Fischdampfer Heringe im Schleppnetz; sie hört ihre Flügel schwirren. Es wimmelt in den Kräutern um sie herum; allerlei Gewürm eilt Stengel auf Stengel ab, es krabbelt, mißt, klettert und spinnt sich vorwärts.
Da sieht sie auf einmal durch den Ausguck der Laubhütte einen graubraunen Vogel mit gestrecktem Hals und hocherhobenem Kopf aus dem Heidekraut herausschreiten. Ein Schwarm von behenden, braunschwarzen Geschöpfen, nicht größer als welke Blätter, brodelt wie ein Ameisenhaufen rings um sie herum. Es ist ein Rebhuhn mit seinen Küchlein.
Das Huhn hüpft in die Höhe und wirft den Kleinen Grashalme hinab, es überholt eine Libelle, die über einen Sandfleck dahinschießt, und zerhackt sie in feine, feine Stücke, und nun wühlt es einen von den Haufen der weißen Ameisen auf ...
Hinter dem Eichenlaub und den Adlerfarnen schießt etwas wie ein großer brauner Pilz auf.
Da verstummt der Hänfling plötzlich in seinem Gesange, die Schwalbe, die dahergestrichen kommt, fängt an zu zwitschern und zu schreien, das Rebhuhn, dem der Wink gegolten hat, stößt ein warnendes Glucksen aus -- und alle Blätter bekommen Beine zum Laufen.
Strix verläßt ihr Versteck! Es raschelt in den Adlerfarnen und kracht in den Brombeerranken. Aber sie hat sich zu gut versteckt --: ehe sie sich freimachen konnte, hat die kleine glückliche Familie sich gerettet!
Ein leises Geräusch in einem Moosbüschel dicht neben der Stelle, wo Strix sich niedergelassen hat, macht sie indessen glauben, daß dort vielleicht ein kleines Rebhuhn unter dem Moos versteckt sitzt -- und mit einem kräftigen Hieb schließt sie ihren Fang um den Büschel.
Was sie faßt, fühlt sich wie ein Stock an; er rollt unter ihr, -- und im nächsten Augenblick erhebt eine große, braune Kreuzotter ihren schuppenrasselnden Leib vor ihr in die Höhe.
Auch sie ist auf Rebhuhnjagd aus!
Die Schlange wohnt hier im Heidegestrüpp längs des alten Grenzwalls und pflegt eine gewisse Jahreseinnahme von ihren Hühnern zu haben.
Vor drei, vier Tagen hat sie eine große Beute gemacht. Da war sie über die Küchlein hergefallen, die noch so klein waren, daß sie keine Kraft in den Ständern hatten. Schon hatte sie zwei umgebracht, sie lagen zerkaut und mit Schleim übergeifert da, aber es war ihr nicht möglich gewesen Ruhe zu finden, um sie zu verschlingen. Wenn sie gerade dabei war, fuhren die rasenden Eltern auf sie ein; der Hahn krähte laut und das Huhn schlug sie mit den Flügeln in die Augen und kratzte sie mit seinen scharfen Krallen. Unablässig hatte sie zischen und mit der Zunge spielen und ausweichen müssen, wie vor Feuer und Rauch.
Endlich war es ihr gelungen, des dritten Küchleins habhaft zu werden; das Kleine lag da und spattelte in den letzten Zügen. Da packte sie es und sauste damit von dannen; sie trug es im Maul hoch erhoben über dem Heidekraut -- und ging dann mit ihm in ihre Erdhöhle hinunter. Hier hatte sie es sich in Ruhe und Frieden einverleibt.
Aber das Malheur mit den beiden andern kitzelte ihr noch immer den Gaumen. Hätte sie bekommen, was ihr zukam, die drei Jungen statt des einen, so hätte sie ruhig faulenzen und sich an Nachttau und Tagessonne gütlich tun können. Nun fühlte sie sich nach ein paar Tagen wieder so schlank im Leibe -- sie mußte hinaus, sie mußte etwas zu fressen haben!
Im Laufe der Nacht war sie in einem Dutzend Mäuselöchern bis auf den Grund gewesen. Aber nirgends traf sie jemand zu Hause. Dann hatte sie sich am Rande des Eichengestrüpps versteckt, wo sie in ihrem rechtmäßigen Revier lag und lauerte, als sie auf einmal urplötzlich in ihrer Jagd gestört wurde.
Die Schlange ist ein großes, rotbraunes Weibchen mit einem schwarzen Blitzstrahl am Rücken entlang. Sie mißt fast eines Armes Länge und ist stellenweise so beleibt, daß sie beinahe die Dicke eines Handgelenks hat. Als sie sich von dem Griff ihres brutalen Gegners befreit hat, rollt sie sich in einer Spirale zusammen, den flach gedrückten, eigentümlich herzförmigen Kopf klar zum Angriff über dem Gipfel der bebenden Körperringe erhoben.
Sie ist ergrimmt und erregt! Ihre kleinen verräterischen Augen blitzen und funkeln vor List und Bosheit. Ihr breiter Rücken und die Bauchmuskeln arbeiten krampfhaft und wringen und krümmen sich nach der unsanften Behandlung in Strix' Fängen. Ihr kurzer, rundlicher Schwanz, der gewöhnlich steif wie ein Stock unter ihr zu liegen pflegt, fährt ununterbrochen wie ein tickender Pendel über den Sand hin und her.
Strix erwacht im Handumdrehen aus dem Fangerausch; steif wie ein kalkuttischer Hahn in Ekstase, die Lichter in den Augen der Schlange, dreht sie sich nach ihr hin. Wie von einer plötzlichen Eingebung getrieben, rollt sich die Kreuzotter aus ihrer zusammengewickelten Stellung, um bis an den Ständer der Eule zu gelangen und sich darum herum zu winden; Strix aber befreit sich mit einem Satz rechtzeitig aus den Schlingen. Da wechselt die Schlange die Taktik und richtet sich auf. Mit spielender Zunge und grausam starrenden Augen hängt sie vor Strix, sie siedet wie ein Teekessel und baumelt in der Luft wie ein großes umgekehrtes Fragezeichen.
Strix bläst sich zu doppelter Größe auf; sie sträubt ihre Federn wie ein Stachelschwein seine Stacheln, dann macht sie einen blitzschnellen Ausfall und schlägt mit einem ihrer Flügel nach dem Heidewurm.
Die Schlange stürzt sich auf den Flügel und bohrt ihre stark gekrümmten, nadelspitzen Giftzähne durch die weichen Federn, sie preßt die Zähne bis auf den Grund und läßt in bester Absicht mit ruhig geschlossenen Augen das Gift strömen.
Zum Glück für Strix ist es nur eine der hohlen Posen der Schwanzfedern, die die Schlange füllt -- und sie schüttelt sie schnell ab.
Da richtet sich der Heidewurm nochmals auf -- und diesmal bis zu zwei Dritteln seiner Länge; er schiebt sich lotrecht in die Höhe und so hoch, wie er nur kommen kann, nur sein kurzer, rundlicher Schwanzstummel ruht vom Afterloch bis zur Spitze als tragendes Fundament auf dem Erdboden. Sein schleimgefüllter, eiterspeiender Rachen ist auf Strix' Kopf gerichtet, er kocht stark und rasselt mit seinen schuppenförmigen Bauchhäuten, während er schwarze Doppelblitze aus seiner drahtdünnen, tiefgespaltenen Zunge entsendet.
Strix ihrerseits ist auch nicht müßig! Ihre hornartigen Nasenlöcher beben und gellen wie von der Luft aufgeweitete Trompetentrichter, und sie träufeln reichlich während ihres Fauchens und Zischens. Sie wiegt sich elastisch auf den federbehosten Ständern, bereit zu Parade und Ausfall.
Da hat sie plötzlich ein Gefühl, als schlage ein eiskalter Schneeklumpen gegen eins ihrer Augen! Die Schlange ist ihr bei ihrem Ausfall dicht auf den Leib gerückt, ehe Strix sich mit dem Schild ihrer Flügel hat decken können -- und nun sticht sie sie gerade unter das Auge in die feinbedaunte, empfindliche Haut des Augenlides. Da sie aber schon einmal, nur vor Sekunden, sich zur Genüge entladen hat, vermag sie -- zum Glück für Strix -- den Stich nicht mit ihrem Gift nachzufüllen.
Strix empfindet nur einen beißenden, brennenden Schmerz -- und bis zur Raserei gereizt, langt sie mit ihrem Fang aus. Und diesmal hat sie die Kralle voll; sie packt die Schlange an ihrer schwächsten Stelle, greift sie um den Halsstengel gerade hinten in den Nacken -- und sie breitet die Flügel aus und hebt sich mit ihr in die Luft empor. Gleich einem langen Ende Tau schleppt die Kreuzotter ein Stück am Erdboden hinter ihr drein ...
Vergebens sucht die Schlange sich mit dem Schwanz festzuhaken; die Fahrt ist schon zu schnell, als daß es glücken könnte. Da, als sie merkt, daß der Erdboden unter ihr schwindet, zieht sie schnell ihren geschmeidigen Körper in die Höhe -- und nun schlingt sie sich um den Leib ihres fliegenden Widersachers. Die Schlange hat Kräfte -- und schwer ist sie! Doch Strix ist gewohnt, mit größeren Lasten umzuspringen. Sie hat ja früher ein junges Zicklein weggeschleppt, und sie hat sich nicht gescheut, mit einem Rehkitz anzubinden, fast täglich kämpft sie mit Birkhühnern und Hasen, die tüchtig um sich beißen und kratzen können; mit der Schlange wird sie schon fertig werden -- wenigstens vorläufig noch!
Es ist Strix' Absicht, sie plötzlich loszulassen, so daß sie herabfällt; von dieser Taktik hat sie die wunderbarsten Erfolge erlebt! So wie die Krähe, die sich der widerspenstigen Muschel gegenüber, die sich nicht bereitwillig öffnen will, zu helfen weiß, indem sie sie in den Schnabel nimmt und über einen großen Stein mit ihr aufsteigt, um sie darauf plötzlich herabfallen zu lassen -- so kennt auch Strix _ihr_ Gesetz der Schwerkraft.
Aber das abscheuliche Gewürm scheint Strix nicht loslassen zu wollen! Immer dichter windet es sich um ihren Leib; sie fühlt seinen naßkalten, geschmeidigen Schwanz sich unablässig unter ihre Daunen hineinbohren und mit seiner stumpfen Spitze überall prickeln.
Mit einem Trotz und Eigensinn, der der großen Bubo eigen ist, hält sie beständig den Hals der Kreuzotter in ihrem Schraubenstock fest. Die Schlange windet den Nacken nach allen Richtungen und versucht bald mit heftigem Rucken, bald mit List und Vorsicht den Kopf so weit zu befreien, daß er seine Hauzähne wieder gebrauchen kann. Ihre großen Giftbehälter haben jetzt wieder das Bedürfnis, entleert zu werden; der Notwehrtrieb und die Wildheit, die sie vorhin so stark zapften, haben wieder Überfluß an der tötenden Flüssigkeit geschaffen.
Schon mehrmals ist es der Schlange gelungen, den einen ihrer spitzen, kegelförmigen Giftzähne in der Richtung nach dem Fang der Eule zu winden, aber der Zahn ist abgeprallt an der harten, hornartigen Haut.
Strix wackelt in der Luft. Die Schlange windet und krümmt sich, so daß es durch Strix' Schenkelbeine zittert; sie schwankt hierhin und dahin, wie ein havarierter Ballon, der mit der Schwere seiner schon von der Erde gefangenen Gondel kämpft.
Aber Strix ist ein alter Uhu; sie läßt sich nicht so leicht erschrecken!
Wie oft hat sie nicht mit einer widerspenstigen Beute ringen müssen. Niemand ergab sich ja gutwillig, niemand wollte aus freien Stücken in ihren roten dampfenden Rachen hinein; selbst der Maulwurf und das angstgelähmte kleine Moorschwein sind, wenn es galt, nicht bange gewesen, sie fühlen zu lassen, daß sie Zähne hatten.
Dann gelingt es ihr, auch ihren andern Fang nutzbar zu machen. Sie umklammert damit den dicken Kreuzotterleib und preßt ihn so, daß die Schlange ihren stinkenden Unrat von sich gibt und der Schlangenbauch unter ihrer Umklammerung aufschwillt.
Da läßt die Kreuzotter los.
Es ist auch höchste Zeit, denn in ihrer Todesangst hat sie sich rund um Strix' Flügel gerollt, sie preßt den Federfächer zusammen, so daß die eine von Strix' Tragflächen immer kleiner wird -- sie hat schon lange mit den Flügeln schlagen müssen, um nicht in der Luft zu kentern.
Überwunden ist die Schlange jedoch nicht!
Im nächsten Nu fühlt Strix sie um ihre Ständer, und ihre mächtigen Fänge werden jammervoll zusammengeschnürt. Die Schlange wickelt sich rund um sie herum, bis der dicke Teil ihres Körpers in Schlingen und Krümmungen übereinander liegt, wie die Windungen in einer aufgeschossenen Trosse.
Auf diese Weise hat Strix noch nie einen Fang gemacht. Ihr ist zumute, als wenn sie in einem Anfall wahnsinnigen Hungers sich hat verleiten lassen, die Fänge in einen Klumpen Harz zu schlagen, von dem sie sich nie wieder befreien kann -- und sie windet und verrückt sie und bohrt in ihrer Verzweiflung ihre langen, pfriemspitzen Krallen, die kleinen Krummsäbel ihrer Fänge, bis auf den Grund in das Fleisch der Kreuzotter. Es quillt heraus und siedet um sie auf.