Part 33
»Ein Mensch kann niemals höher als das Leben stehen. Er ist selbst nur ein Teilchen des Lebens. Unbefriedigt kann es wohl sein, aber die Ursachen liegen in seiner eigenen Person. Er kann es entweder nicht oder wagt es nicht, sich von dem Reichtum des Lebens so viel anzueignen, wie er tatsächlich für sich bedarf. Die einen sind lebenslang in einem Gefängnis eingesperrt, die andern wagen einfach nicht aus ihrem Bauer herauszufliegen, so wie Vögel, die schon zu lange in einem festgehalten wurden. Der Mensch ist solange eine harmonische Verbindung von Geist und Seele, wie sie noch nicht durchbrochen ist. Auf natürlichem Wege wird sie nur durch das Nahen des Todes gelöst, aber auch wir selbst können sie aufheben -- -- -- durch eine mißglückte Weltanschauung. Wir haben die Wünsche unseres Körpers als Bestialität gebrandmarkt, fingen an, uns ihrer zu schämen, umkleideten sie mit einer erniedrigenden Form, und schafften ihnen eine einseitige Existenz. Diejenigen unter uns, die ihrem Charakter nach schwach sind, fristen ein Leben in Ketten. Aber solche, denen die Kräfte nur infolge der falschen Lebensauffassung, an die sie gebunden sind, fehlen, das sind Märtyrer. Die unterdrückte Energie reißt an ihren Fesseln, der Körper verlangt nach Freude und quält sich selbst. Ihr ganzes Leben lang krochen sie zwischen Zwiespälten, klammern sich an jeden Strohhalm in der Sphäre neuer sittlicher Ideale und schließlich grämen sie sich zu Tode in der Furcht, zu leben und zu fühlen.«
Mit unerwarteter Kraft fiel ihm Karssawina ins Wort:
»Ja, ja, so ist es!«
Eine Menge neuer, unerwarteter Gedanken stieg leicht in ihr auf. Sie schaute mit glänzenden Augen um sich und die machtvolle prächtige Schönheit der Fülle, die im unbeweglichen Fluß, im finstern Wald, in der Tiefe des blauen Himmels mit dem nachdenklichen Mond, um sie ausgegossen war, strömte in tiefen Wellen in ihren Körper und ihre Seele ein.
Des Mädchens begann sich jenes eigentümliche Gefühl zu bemächtigen, das ihr bereits bekannt war, das sie liebte und fürchtete, das Gefühl trüben Suchens nach der Auslösung von Kraft und Bewegung, -- -- von Glück.
»Ich träume immer von der glücklichen Zeit,« sprach Ssanin nach einer Weile, »wo zwischen den Menschen und dem Glück nichts mehr stehen wird, wo der Mensch sich frei und furchtlos allen ihm zugänglichen Genüssen hingeben kann.«
»Und was dann? ... Wieder Barbarei? ...«
»Nein! Das Zeitalter, in dem die Menschen nur mit dem Unterleib lebten, war zwar barbarisch grob und arm ... unseres aber, wo der Körper dem Geist unterworfen ist und in die Rumpelkammer gedrängt wurde, ist auch nur sinnlos schwach. Doch die Menschheit hat nicht umsonst gelebt. Sie wird neue Lebensbedingungen ausfinden ... in denen es keinen Platz mehr geben wird ... weder für Bestialität noch für Asketik.«
»Sagen Sie bitte ... und die Liebe ... gibt sie Pflichten ...« fragte Karssawina unerwartet.
»Nein, -- -- denn die Pflichten, die die Liebe gibt, sind für den Menschen nur durch die Eifersucht schwer geworden. Die Eifersucht aber wurde allein durch die Sklaverei ins Leben gerufen. Jede Sklaverei zieht Böses nach sich. Die Menschen sollen die Liebe genießen ... ohne Furcht und Entsagung, ... ganz schrankenlos ... Und dann werden sich auch alle Formen der Liebe in eine endlose Kette von Zufälligkeiten, Ueberraschungen und Verbindungen erweitern.«
-- -- -- ich habe doch damals nichts gefürchtet, dachte das Mädchen mit Stolz und sah Ssanin plötzlich an, als säße er zum ersten Mal vor ihr.
Groß und kräftig lehnte er am Steuer, mit von der Nacht verdunkelten Augen; seine breiten Schultern waren unbeweglich wie aus Eisen. Unverwandt blickte ihn Karssawina mit bangem Interesse an. Mit einem Mal kam ihr der Gedanke, daß sie vor sich eine ganze Welt unbekannter, eigenartiger Gefühle und Kräfte liegen habe; ihr kam der Wunsch, sie in sich aufzunehmen.
... er ist doch sehr interessant, schwirrte es fein durch ihren Kopf. Sie lächelte sich selbst verstohlen zu, aber eine stechende Aufregung durchzuckte ihren ganzen Körper mit nervösem Zittern.
Wahrscheinlich fühlte auch Ssanin diese plötzliche Flutwelle weiblicher Neugierde, denn er atmete selbst kräftiger und stärker auf. Die Ruder verwickelten sich in der engen Straße, in die das Boot langsam hineinglitt und fielen aus den Händen des Mädchens. Auch in ihrem Innern schien ganz ebenso etwas niedergefallen zu sein.
»Ich kann hier nicht weiter,« sagte sie schuldbewußt. »Es ist zu schwer.« Ihre Stimme klang wie zu Boden gesunken, leise und melodisch in der dunklen, schmalen Wasserenge, wo das unsichtbare Gekräusel der Wellen still für sich plätscherte.
Ssanin erhob sich und ging auf sie zu.
»Wohin wollen Sie?« rief sie mit unerklärlichem Schrecken.
»Lassen Sie mich.«
Karssawina stand auf und wollte zum Steuer gehen. Das Boot schwankte, als ob es unter den Füßen fortgleiten wollte. Sie mußte sich unwillkürlich an Ssanin anklammern, wobei sie mit ihrer elastischen Brust stark gegen ihn stieß. In diesem Augenblick, in dem ihr selbst nichts bewußt wurde, in dem sie nichts glaubte und nichts mehr erriet, hielt sie selber diese Berührung an und verstärkte sie noch, als müßte sie sich im Fluge an ihn anschmiegen. Und so fing er in einer Sekunde mit seiner ganzen Person den märchenhaften Zauber der Nähe einer Frau in sich auf. Sie verstand sein Gefühl in der Fülle ihres Wesens, empfand die ganze Stärke seiner Erregung und wurde daran trunken, bevor sie begriffen hatte, was sie tat.
... Ahaaaaa, riß es sich erstaunt und entzückt durch Ssanins Brust; schmerzhaft und leidenschaftlich umarmte er sie, so daß sie sich hinten übergebeugt fast in der Luft befand und instinktiv nach dem fallenden Hut und der Frisur griff. Das Boot schwankte noch stärker, und die unsichtbaren Wellen stieben mit aufgewirbeltem Lärmen an die Ufer.
»Was tun Sie? ...« schrie sie schwach auf. »Lassen Sie mich. Um Gotteswillen, was tun Sie? ...« Sie flüsterte atemlos, während sie sich nach kurzem, lautlosen Schweigen aus seinen stählernen Armen reißen wollte.
Aber kräftig, ihre weiche Brust fast zerquetschend, preßte Ssanin das Mädchen an sich ... ihr wurde schwül, alles, was zwischen ihnen als Scheidewand stand, war mit einem Mal irgendwohin versunken.
Ringsherum war Stille, würziger Geruch von Wasser und Gräsern, eigentümliche Kälte und Glut und Schweigen. Plötzlich senkten sich ihre Arme, sie fühlte sich selbst von einer völligen Willenlosigkeit überwunden, lag ohne etwas zu sehen oder wahrzunehmen am Boden und gab sich dem fremden männlichen Willen und seiner Stärke mit brennenden Schmerzen und taumelndem Genusse hin.
XXXVIII
Es dauerte lange, bis ihr Bewußtsein zurückkehrte. Sie sah nur allmählich die Flecken des Mondenlichtes auf dem schwarzen Wasser, das Gesicht Ssanins mit sonderbaren Augen, und merkte, daß sie halb im Boote lag; er hielt sie wie die Seine umschlungen, während sich ihr nacktes Knie am Ruder rieb. Sogleich begann sie leise und unaufhaltsam zu weinen, ohne sich aus seinen Händen loszureißen; noch immer unterwarf sie sich ihm mit der gleichen Willenlosigkeit.
In ihren Tränen lag die Trauer über etwas Unwiederbringliches, lag Furcht und Mitleid mit sich selbst und schwache Zärtlichkeit zu Ssanin, die nicht aus der Vernunft oder dem Herzen, sondern direkt aus der Tiefe ihres jungen Körpers, der sich zum ersten Mal in seiner ganzen Kraft und Schönheit entfalten konnte, heraufquoll. Das Boot glitt langsam auf eine breitere, kaum beleuchtete Stelle und schwankte in dem dunklen Wasser, in dem die Wellen der Strömung mit stillem, gleichmäßigen Plätschern hinunterliefen, leise hin und her.
Ssanin nahm sie in seine Arme und setzte sie auf seine Kniee. Hilflos und ratlos wie ein kleines Mädchen saß sie da.
Wie durch Träume hindurch hörte sie, daß er sie zu beruhigen suchte, ihr du sagte, und es berührte sie angenehm, daß seine Stimme voll von Zärtlichkeit gelöster Kraft und dankbarer Ergebenheit war.
-- -- -- Später gehe ich ins Wasser, dachte sie matt, indem sie doch dabei auf seine Worte lauschte und gleichsam einem andern Antwort gab, der von ihr Rechenschaft forderte: Was hast du getan und was wirst du tun? ...
Ganz unerwartet fragte sie halblaut: »Was nun jetzt?«
»Das werden wir sehen ...« antwortete er.
Sie wollte von seinen Knieen hinuntergleiten, aber er zog sie sofort wieder an sich und unterwürfig blieb sie sitzen. Es schien ihr selbst eigentümlich, daß sie weder Zorn noch Widerwillen gegen ihn empfand.
Auch später, wenn sie sich dieser Nacht erinnerte, war ihr alles unbegreiflich und wie im Traum. Alles um sie schwieg; alles war dunkel, feierlich, unbeweglich, wie wenn es sich bewußt wäre, ein schweres Geheimnis wahren zu müssen. Das Licht des Mondes, das die schwarzen Waldeswipfel glatt abschnitt, blieb sonderbar unbeweglich und gespensterhaft in einer Richtung liegen. Die unfaßbare Finsternis blickte sie vom Ufer her mit bodenlosen Augen an; alles erstarrte in gespannter Erwartung vor irgend etwas, das geschehen mußte. Sie hatte keine Kraft und keinen Willen mehr, um zu sich zu kommen, sich zu erinnern, daß sie einen anderen liebte, um wieder das frühere freie Mädchen zu werden und die männliche Brust zurückzustoßen. Sie sträubte sich auch garnicht, als er sie wieder zu küssen begann und nahm fast bewußtlos den neuen brennenden Genuß hin, während sie mit halbgeschlossenen Augen immer tiefer in die unbekannte Welt, die sie geheimnisvoll zu locken suchte, hineinglitt. In Minuten kam es ihr vor, daß sie nichts sah, nichts hörte, nichts empfand. Allein jede seiner Bewegungen, jeden seiner Angriffe auf ihren unterworfenen Körper nahm sie doch mit gemischten Regungen von Erniedrigung und heischender Neugier wahr.
Die Verzweiflung, die sich dicht um ihr Herz wand, flüsterte ihr zerbrochene, sich kaum biegende Gedanken zu.
-- -- -- Jetzt ist ja alles gleich, ganz gleich, sprach sie zu sich, und die geheimnisvolle körperliche Neugierde wollte durchaus wissen, was dieser ferne und nahe, so feindselige und so kräftige Mensch mit ihr noch beginnen könnte.
Später, als er sie losgelassen und, neben ihr sitzend, zu rudern begonnen hatte, schloß sie halb liegend die Augen. Trotzdem sie sich bemühte, alles Leben von sich abzuwerfen, erzitterte sie unter jedem Stoß seiner Arme, die ihr jetzt so gut bekannt waren und die sich nun taktmäßig über ihrem Busen bewegten.
Mit leisem Knistern stieß das Boot ans Ufer. Karssawina öffnete die Augen. Ringsumher dehnte sich Feld, Wasser und weißer Nebel. Der Mond leuchtete blaß und unklar, wie ein Gespenst, das an der Morgendämmerung vergehen muß. Es war schon hell und durchsichtig. Durch die Luft zog der erste leise Windstoß vor dem Morgenrot.
»Darf ich Sie jetzt begleiten,« fragte Ssanin leise.
»Nein, ich -- -- -- allein ...« antwortete sie mechanisch.
Ssanin hob sie in die Arme und trug sie mit dem Genuß kraftvoller Anstrengung aus dem Boote; er war noch voll von der überströmenden Empfindung seiner Liebe und dankbarer Zärtlichkeit. Bevor er sie auf den Boden niedersetzte, preßte er sie noch einmal stark an sich. Karssawina taumelte; sie konnte sich nicht auf den Füßen halten.
»O, du Schönheit, du,« sagte Ssanin inbrünstig, als ob seine ganze Seele in einer Flut von Leidenschaft und Mitleid vor ihr entströmen wollte.
Sie lächelte mit unbewußtem Stolz.
Ssanin ergriff sie bei den Händen und zog sie an sich.
»Küß du mich einmal!«
-- -- -- Jetzt ist doch alles gleich, -- -- -- warum hat er soviel Mitleid mit mir, warum ist er so nahe bei mir? ... Es ist alles ganz gleich, man braucht nichts mehr denken ... Zusammenhanglos schwirrten die Gedanken durch Karssawinas Kopf; klingend und zärtlich küßte sie Ssanin auf die Lippen.
»Nun lebe wohl,« flüsterte sie; sie verwickelte sich in ihre eigenen Worte ... Sie bemerkte gar nicht, was sie sagte.
»Liebste, sei mir nicht böse ...« sprach Ssanin mit stiller Bitte.
Als sie dann allein den Damm entlang schritt, taumelnd, sich in die Röcke verwickelnd, sah ihr Ssanin traurig nach. Es packte ihn schmerzlich, wenn er an die unnötigen Leiden dachte, die sie noch zu ertragen haben wird, und über die sie sich, wie er glaubte, nicht würde erheben können.
Ihre Gestalt löste sich im Nebel auf und verlor sich, während sie immer weiter der Morgenröte entgegenschritt. Als sie nicht mehr zu sehen war, sprang Ssanin mit Macht in das Boot und unter den mächtigen triumphierenden Ruderschlägen schlug das Wasser lärmend und glücklich gegen die Planken. An einer breiten Stelle des Flusses unter dem Morgenhimmel, inmitten der weißen wogenden Nebel, warf Ssanin die Ruder hin, sprang in voller Größe auf die Bank und schrie aus aller Kraft laut und freudig in den Morgen hinein.
Wald und Nebel lebten auf und antworteten ihm mit dem gleichen, fröhlichen weitverhallenden Rufe.
XXXIX
Sobald sich Karssawina nur niederlegte, schlief sie auch augenblicklich ein, wie wenn sie ein Schlag über den Schädel zu Boden geworfen hätte. Doch schon am frühen Morgen erwachte sie wieder nach schwerem kurzem Schlaf, am ganzen Körper krank und kalt wie eine Leiche. Die Verzweiflung in ihr schien nicht zur Ruhe gegangen zu sein; nicht für eine Minute fühlte sie ein Vergessen des Geschehenen. Sie sah sich scharf nach jeder Kleinigkeit um, als ob sie irgend etwas herausfinden müßte, das in ihrer Umgebung seit dem letzten Tage anders geworden war.
Aber hell und ruhig, wie an jedem Morgen, sahen sie die Heiligenbilder aus der Ecke, die Fenster und der Boden, die Möbel und der hellblonde Kopf Dubowas, die im andern Bett in festem Schlaf lag, an. Alles war so einfach wie immer, nur ihr armes zerknautschtes Kleid, das sie lässig über den Stuhl geworfen hatte, schien von etwas zu erzählen.
Die Röte, die der kurze Schlaf auf ihrem Gesicht hervorgerufen hatte, wurde mehr und mehr von einer toten Blässe fortgeschoben und ihre schwarzen Augenbrauen hoben sich dagegen so deutlich ab, als ob ihr Gesicht noch wie gestern vom Monde beschienen wäre.
Mit erstaunlicher Klarheit und mit der Prägnanz eines kranken Gehirns stand vor ihr wieder das Erlebte auf; am klarsten sah sie, wie sie am Morgen durch die verschlafenen Straßen der Vorstadt lief. Die Sonne, die sich soeben über die vom Tau besprenkelten Dächer und Zäune erhoben hatte, leuchtete ihr schonungslos blendend, wie nie zuvor, ins Gesicht. Durch die geschlossenen Läden verfolgten sie, wie durch heuchlerisch geschlossene Lider, die feindseligen Fenster der kleinbürgerlichen Häuser. Einsame Straßenpassanten schauten sich nach ihr um. Sie lief unter der gleitenden Morgensonne hin, verwickelte sich in einzelne Bahnen ihres langen Rockes und konnte den grünen samtenen Pompadour kaum in den Fingern halten. Wie eine Verbrecherin schlich sie längs der Zäune mit unsicheren, schwankenden Schritten entlang ... Wenn sich in diesem Augenblick die ganze Menschheit mit geöffneten Mäulern und gierigen Augen in ihren Weg gestürzt und sie mit höhnenden Rufen und Worten, die infam wie Knuten einschnitten, verfolgt hätte, wäre es ihr ebenso gleichgültig gewesen; weiter würde sie, taumelnd unter den Schlägen, ziel- und sinnlos mit leerer Trauer in der Seele, vorwärts gelaufen sein.
Schon im Felde, als im Nebel die schallenden Ruderschläge, die stürmisch die Wellen durchschnitten, verstummten, erfaßte sie plötzlich die furchtbare Last, die auf sie niedergefallen war. Ihr Herz, Vernunft und Leben wurde zu matter Verzweiflung. Sie schrie auf, ließ den Pompadour auf den nassen Sand fallen und griff sich an den Kopf. Von diesem Augenblick an befand sie sich nur noch im Banne der Worte, die ihr von jetzt ab jeder Mensch entgegenschleudern konnte. Ihr eigener Wille war in der gestrigen Nacht, die wie ein wütender Rausch hinter ihr lag, verloren gegangen. Es gab nur noch ein Ungewöhnliches, wahnsinnig Ergreifendes, etwas so kraftvolles wie niemals zuvor.
Und doch konnte sie sich nicht erklären, wie es geschehen war, daß sie sich bis zum Verlust ihrer Scham und jener Liebe, die ihr Leben auszufüllen schien, vergessen konnte.
In körperlicher Zerbrochenheit kroch Karssawina unter der Decke hervor, und fing an, sich mit lautlosen Bewegungen anzukleiden. Sie fühlte, wie bei jeder Bewegung Dubowas ihr ganzer Körper von eisiger Kühle durchströmt wurde.
Dann setzte sie sich ans Fenster und starrte mit gespannten, unbeweglichen Augen in den Garten, wo die vom Morgen durchnäßten Bäume hellgrün und gelb aufleuchteten.
Ihre Gedanken zogen an ihr vorüber, wie schwarzer Rauch, den der Wind hin- und hertreibt. Wenn jemand ihre Seele hätte entfalten und wie ein Buch durchblättern können, er wäre von Entsetzen gepackt worden.
Auf dem Hintergrunde ihres ungewöhnlich kräftigen und frischen Lebens, in dem jeder Tag, jede Bewegung und jede Empfindung, von sonnendurchleuchtetem Blut getränkt war, ballten sich furchtbare Bilder ineinander.
Schwarz und bewegungslos trat der Gedanke an Selbstmord in ihr Bewußtsein ein, leidenschaftliche Trauer über den Verlust der reinen hellen Liebe zu Jurii preßte ihr Herz zusammen; alles aber wurde durch eine trübe Welle der Furcht vor der Menge von bekannten und fremden Gesichtern, die sich vor ihr drängten, überschwemmt.
Bald kam ihr der Gedanke, zu Jurii hinzustürzen, sich vor ihm auf den Boden zu werfen, ihm in einem Augenblick ihr ganzes Leben hinzugeben und dann für immer irgendwohin zu verschwinden. Dann wieder überfiel sie bei dem Gedanken, mit Jurii zusammenzukommen, jagende Angst, und sie wünschte gleich zu sterben, im Augenblick, ohne die Stelle verlassen zu müssen, einfach, indem sie zu leben aufhörte. Dann wieder schien ihr plötzlich, daß es vielleicht noch möglich wäre, alles gut zu machen. Die Nacht von gestern konnte in der Wirklichkeit garnicht existiert haben, -- -- -- sie wollte es nicht glauben. Doch wie ein wilder Schrei blitzte durch ihre Seele die Erinnerung an ihre Nacktheit, an die Schwere des männlichen Körpers, an das momentane, brennende Sichvergessen und durch die unwiderrufliche Macht des Vergangenen ratlos betäubt, lag sie ohne Regung und ohne Gedanken mit der Brust auf dem Fensterbrett.
Inzwischen erwachte Dubowa. Sie bemerkte sofort die hastigen Bewegungen und die erregten Mienen der Freundin.
»Ah, du bist schon auf? ... Das ist man ja von dir garnicht gewöhnt.«
Als Karssawina am frühen Morgen zurückgekehrt war, hatte sie Dubowa nur halb im Schlaf gefragt: »Wie siehst du denn zerzaust aus?« sie war aber sofort wieder eingeschlafen. Jetzt jedoch fühlte sie, daß etwas geschehen war, und im Hemd, barfuß, ging sie auf die Freundin zu:
»Was ist dir? ... Fehlt dir etwas?« sie fragte zärtlich und besorgt, wie eine ältere Schwester.
Karssawina zuckte zusammen, als ob sie einen Schlag erwartete, doch ihre rosigen Lippen verzogen sich nur zu einem falschen Lächeln und eine Stimme, die ihr selbst fremd erschien, antwortete viel zu lustig:
»Aber nichts! Garnichts! Ich habe nur zu wenig geschlafen.«
So war das erste Wort der Lüge gefallen und es vernichtete ohne Rest die Erinnerung an das frühere freie, aufrechte Mädchen. Dies Eine war gewesen; jetzt wurde es zu einer Anderen. Und dies Andere war verlogen, feig und beschmutzt.
Während Dubowa sich wusch und ankleidete, blickte Karssawina sie verstohlen an; die Freundin kam ihr hell und rein vor; sie selbst dagegen wie eine dunkle, zertretene Kröte. Diese Empfindung ergriff sie so stark, daß ihr der Teil des Zimmers, in dem sich Dubowa bewegte, sonnendurchleuchtet erschien, während ihre Ecke in feuchte, klebrige Finsternis versank. Karssawina erinnerte sich, wie erhaben sie sich in ihrer Gloriole der Schönheit und Frische über die farblose, alternde Freundin gefühlt hatte; Gram und Wehmut weinten jetzt in ihr mit Tränen schwer wie Blutstropfen.
Doch alles das spielte sich tief in ihrem Innern ab; äußerlich blieb sie ruhig, fast fröhlich. Sie zog ihr schönes blaues Kleid an, nahm Hut und Schirm und ging mit ihren gewöhnlichen Schritten, die den Eindruck machten, daß sie klar wie starke Wassertropfen niederfielen, in die Schule. Dort hatte sie bis zum Mittag zu tun, dann kam sie nach Hause.
Unterwegs begegnete ihr Lydia Ssanina. Die beiden jungen Mädchen standen von der Sonne überströmt, lächelten mit leidenschaftlichen Lippen und sprachen von allerlei Nichtigkeiten.
In Lyda entstand sofort wieder krankhafter Haß auf das sorglose glückliche Mädchen und Karssawina beneidete Lyda um das Glück, so schön, lustig und unberührt zu sein.
Jede sah in dem Leben der anderen eine schreiende Ungerechtigkeit.
-- -- -- Ich bin doch besser als sie ... Warum hat sie Glück und ich bin so unglücklich, liefen die Gedanken einer jeden eilig hin und her.
Nach dem Mittagessen nahm Karssawina ein Buch zur Hand, setzte sich ans Fenster und begann wieder teilnahmslos und unverwandt auf das Licht und die Wärme des Gartens, der seine letzten Sommertage erlebte, niederzuschauen.
Der erste scharfe Schmerz war vorüber. In ihrer Seele verschwamm alles in indifferenter krankhafter Müdigkeit.
-- -- -- Nun sei's denn ... ich gehe unter ... So ist es mir also bestimmt ... Ich werde sterben, wiederholte sie sich apathisch.
Da sah Karssawina Ssanin kommen; noch früher, als er sie bemerkte.
Er ging stolz und ruhig durch den Garten, sah sich nach allen Seiten um und strich mit seinen Händen über die Zweige der Büsche, als ob er sie zärtlich begrüßen wollte.
In die Höhe schnellend, das Buch an die Brust gepreßt, starrte sie erregt auf ihn, bis er ans Fenster herantrat.
»Grüß Gott,« sagte er ihr die Hand reichend.
Bevor sie noch aufstehen und sich aus dem halb bewußtlosen Sturm der Empfindungen freimachen konnte, wiederholte Ssanin mit beharrlicher Zärtlichkeit: »Nun, grüß dich doch Gott!« In seiner Stimme lag etwas, das Karssawina der Möglichkeit, aufzuschreien, in die Höhe zu springen, fortzulaufen, beraubte.
Sie verlor jeden Willen und antwortete nur leise: »Guten Tag.«
Nach dieser Antwort fühlte sie, daß er stärker ist als sie und daß sie alles mit sich muß tun lassen, was er will.
Ssanin lehnte sich an das Fensterbrett und sagte: »Kommen Sie auf einen Augenblick in den Garten hinaus ... Wir müssen über einiges miteinander sprechen.«
Karssawina stand auf. Ganz im Banne einer unbegreiflichen Macht wußte sie nicht, was sie zu tun hätte, wohin und wie sie gehen sollte.
»Ich werde draußen warten,« bemerkte Ssanin.
Sie nickte nur mit dem Kopf.
Er ging mit ruhigen langsamen Schritten fort; sie fürchtete hinter ihm herzusehen. Einige Sekunden lang stand sie unbeweglich; sie hielt die Hände fest zusammengepreßt. Dann kam sie in Bewegung, alles wurde plötzlich in ihr voller Hast; als sie aus dem Hause trat, raffte sie sogar ihr Kleid, um leichter gehen zu können.
Das goldene Licht der Sonne und das Leuchten der gelben Blätter durchdrang unaufhaltsam den ganzen Garten. Schon von weitem sah sie Ssanin, der mitten auf dem Wege stand. Er lächelte ihr entgegen; unter seinem weichen, anteilnehmenden Blick wurde es dem Mädchen schwer, die Füße vorwärts zu setzen. Ihr schien es, daß sie das Kleid nicht mehr vor seinen Augen verhülle, und daß ihm jede Bewegung ihres nackten Körpers, der ihm nicht mehr fremd war, sichtbar sein müsse. Das Gefühl der Hilflosigkeit und der Scham wurde in ihr so stark, daß sie den Garten und das Licht zu fürchten begann. Fast stürzend, eilig, trat sie auf ihn zu und blieb so dicht vor ihm stehen, daß er sie nicht ganz von Kopf bis zu Füßen ansehen konnte.
Da nahm er sie an den Händen, führte sie tief in das Dickicht der verwachsenen Bäume und zog sie sich auf die Kniee, während er sich selbst halb auf den Stumpf eines alten Apfelbaumes niedersetzte.