Ssanin: Roman

Part 25

Chapter 253,682 wordsPublic domain

»Aber das ist ja unerhört,« murmelte Woloschin kleinlaut; doch gleichzeitig wandte er sich eilig, den Kopf in die Schultern eingezogen, zur Türe.

In diesem Augenblick trat Lyda ein.

Noch niemals -- weder früher noch später -- hatte sie sich so gedemütigt gefühlt. Als sie zuerst von dem Besuch Sarudins und Woloschins hörte und deutlich seinen Sinn verstand, war in ihr die Empfindung körperlicher Erniedrigung so stark, daß sie nervös aufschluchzte und mit dem wieder erwachten Gedanken an Selbstmord zum Fluß herunterlief.

... was ist das nur? ... wird es denn niemals ein Ende geben. Habe ich denn wirklich ein so großes Verbrechen begangen, daß es mir niemals verziehen, ... daß ein jeder stets das Recht haben wird ... schrie sie fast ... und rang die Hände.

Aber im Garten war es hell und voll Licht, grelle Blumen, Bienen und Vögel lebten dort so friedlich nebeneinander, so blau schimmerte der Himmel, so zart glänzte am Wasser das Schilf, und Mill umsprang sie so vergnügt, als er sie zum Flusse laufen sah, daß Lyda wieder zu sich kam. Instinktiv fiel ihr mit einem Mal ein, daß ihr die Männer immer gierig nachliefen; sie gedachte der Spannung, die ihr Körper stets unter den Blicken dieser Männer angenommen hatte, und vollbewußt erwachte das stolze Gefühl, im Recht zu sein.

... nun gut, dachte sie, was geht es mich an. Ist er da, gut, mag er es sein. Ich liebte ihn früher, jetzt sind wir auseinander; niemand hat deswegen ein Recht, mich zu verachten ... Jäh drehte sie sich um und ging ins Haus. Sie trug ihr Haar nicht in einer koketten Frisur, sondern in einfachem Doppelzopf über den Nacken hängend, und sie zog auch keine moderne Toilette an, sondern blieb in dem einfachen Hauskleid, das sie gerade trug.

Als sie mit gemachter Ruhe über die Schwelle schritt, warf sie ihrem Bruder ein seltsames Lächeln zu und sprach in besonders mädchenhaftem Tone:

»Hier bin ich! Wo wollen Sie denn hin, Viktor Sergejewitsch? ... Bitte, legen Sie doch Ihre Mütze aus der Hand.«

Ssanin schwieg und sah mit neugierigem Entzücken die Schwester an ... Was ist mit ihr, dachte er sich.

Eine unüberwindliche Kraft, drohend und doch frauenhaft lieblich, war ins Zimmer getreten. Wie eine Tierbändigerin im Käfig wütender Raubtiere stand Lyda unter den Männern. Und sogleich wurden sie weich und gefügig.

»Sehen Sie, Lydia Petrowna ...« stammelte verwirrt Sarudin. Als er zu sprechen begann, huschte über Lydas Gesicht ein lieblicher, hilfloser Ausdruck; sie schaute rasch auf; plötzlich erfüllte sie ein unerträglicher Schmerz. In ihr bewegte sich krankhafte Zärtlichkeit und das Verlangen, auf etwas zu hoffen. Doch im selben Augenblick schlug das Verlangen in den Wunsch um, Sarudin zu beweisen, wie viel er verloren und wie stark und rein sie sich trotz des Leides und der Erniedrigung, die er ihr zufügte, erhalten hatte.

»Ich will garnichts sehen,« sagte sie mit etwas theatralischem Ausdruck und schloß richtig ihre schönen Augen.

Mit Woloschin geschah etwas Sonderbares. Die weiche Wärme, die dem kaum eingehüllten, weiblichen Körper entströmte, zerkochte sein ganzes Wesen. Seine spitze Zunge beleckte die trocken gewordenen Lippen, seine Aeuglein wurden klein, und der ganze Körper zerfloß unter dem weichen Anzug in kraftloser, physischer Entzückung.

»Aber bitte, machen Sie mich doch bekannt,« sagte Lyda und blickte über die Schultern auf Sarudin hin.

»Woloschin, Pawl Lwowitsch,« murmelte dieser, von dem Gedanken, daß dieses prächtige Mädchen seine Geliebte gewesen sein sollte, vollständig hingerissen.

Lyda wandte sich langsam zur Mutter.

»Mama, draußen wollte Sie jemand sprechen.«

»Das hat Zeit ...«

»Verzeihen Sie, auch wir hatten uns ...« Sarudin kam mit seinem Satz nicht zu Ende. Lyda schien ihn garnicht zu beachten. Strenger wiederholte sie der Mutter:

»Aber Sie hören doch,« unerwartet brachen sich an ihren Worten Tränen.

Maria Iwanowna erhob sich eilig.

Sarudin und Woloschin waren ratlos zurückgetreten, sie schauten sich nervös an und schienen keinen Weg mehr zu finden, um sich zurückzuziehen.

Ssanins Nasenflügel weiteten sich stark und kraftvoll.

»Meine Herren, bitte, wir gehen in den Garten. Hier ist es zu heiß.« Lyda schritt zum Balkon voran, ohne sich umzusehen, ob man ihr folge. Wie suggeriert gingen die Männer hinter ihr her; es machte den Eindruck, daß sie sie mit ihrem Zopf umschlungen hielt und mit Gewalt nach sich zöge, wohin sie wollte.

Als erster kam Woloschin, entzückt, gespannt; er hatte alles in der Welt außer ihr vergessen.

Lyda warf sich in den Schaukelstuhl unter der Linde und steckte ihre kleinen Füße, die in durchbrochenen Strümpfen steckten, lässig aus. Zwei Wesen arbeiteten in ihr. Das eine quälte sich vor Scham und Kränkung; das andere nahm bewußt aufregende Posen an, eine immer schöner und elastischer als die andere.

»Nun, Pawl Lwowitsch, welchen Eindruck macht unser Nest auf sie?«

Woloschin spreizte und rieb seine Finger.

»Nun, so ungefähr wie ihn vielleicht ein Mensch hat, der plötzlich im wildesten Walde eine Blume vor sich sieht.«

Und nun entspann sich zwischen ihnen eine leichtfertige durch und durch verlogene Unterhaltung, in der jedes ausgesprochene Wort eine Lüge war und Wahrheit nur das, was in ihr verschwiegen blieb. Ssanin beteiligte sich nicht am Gespräch; dafür beobachtete er gerade jene stummen, eigentlichen Reden, die sich ohne Worte in den Gesichtszügen, den Bewegungen der Hände und Füße, im Klingen und Zittern der Stimmen offenbarten.

Lyda litt. Woloschin sog unbefriedigt ihre Schönheit und ihren Duft in sich ein. Sarudin haßte ihn, Ssanin, Lyda, die ganze Welt; er wünschte fortzugehen und blieb dennoch sitzen; er wollte irgend etwas Grobes begehen und rauchte doch nur eine Zigarette nach der andern. Währenddessen lastete das unbändige Verlangen, daß Lyda sich vor allen als seine Geliebte erweisen müsse, wie ein Alpdruck auf seinem Hirn.

»Also gefällt es Ihnen wirklich bei uns? Bedauern Sie nicht, daß Sie Petersburg verlassen haben?«

»_Mais au contraire!_« erwiderte Woloschin mit einer koketten Handbewegung und starrte Lydas Brust an.

»Aber ohne Phrasen!« befahl Lyda liebenswürdig. Immer noch kämpften in ihr zwei Wesen. Das eine trieb ihr die Röte ins Gesicht, das andere streckte noch gewaltiger und schamloser ihre Brust dem entblößenden Blick entgegen.

... Du glaubst, ich wäre sehr unglücklich, ... ich wäre vollständig zerbrochen. So sieh denn das Gegenteil! Ich brauche mich meiner Handlungen nicht zu schämen! Und wenn ich tausendmal mehr und Schlechteres getan hätte, ich brauchte mich nicht zu schämen ... sprach sie innerlich zu Sarudin.

»Ah, Lydia Petrowna!« Sarudin mischte sich trotz seiner gehässigen Laune ins Gespräch. »Das brauchen doch wahrhaftig keine Phrasen zu sein!«

»Ich glaube, Sie sagten etwas?« meinte Lyda kühl; doch sofort wandte sie sich wieder in verändertem Ton zu Woloschin. »Erzählen Sie doch bitte von dem Leben in Petersburg ... Bei uns lebt man ja nicht, wir vegetieren nur!«

Sarudin fühlte, daß Woloschin kaum merklich nach seiner Richtung hin lächelte; ihm kam der Gedanke, jener glaube nicht mehr, daß Lyda seine Geliebte gewesen wäre.

»Unser Leben? O, dieses rühmlichst bekannte >Petersburger Leben<!« ...

Woloschin schwatzte leicht und schnell; er machte den Eindruck eines kleinen, närrischen Affen, der in seiner leeren, unverständlichen Sprache etwas vor sich hinplappert.

... Wer kann wissen! dachte er und musterte mit geheimer Hoffnung Lydas Gesicht, Brust und ihre breiten Schenkel.

»Ich kann Ihnen auf Ehre versichern, Lydia Petrowna, daß unser Leben recht arm und langweilig ist ... Bis zum heutigen Tage glaubte ich übrigens, jedes Leben müsse langweilig sein, gleichviel, wo der Mensch auch wohnen mag -- in der Hauptstadt oder auf dem Lande ...«

»Wirklich?« Lyda schloß halb die Augen.

»Ja, was das Leben geben kann, -- das ist -- eine schöne Frau! Und die Frauen der Großstädte -- ach, wenn Sie sie nur sehen könnten! -- Wissen Sie, ich bin überzeugt, wenn etwas die Welt zu retten vermag, so ist es die Schönheit!« Den letzten Satz fügte Woloschin ganz unerwartet an. Er hielt solche Seitensprünge für eindrucksvoll und geistreich.

Auf seinem Gesicht lagerte sich ein sinnlos erhitzter Ausdruck; mit zitternder Stimme kehrte er immer wieder zu dem einen Thema zurück: das Weib. Er sprach von ihm so, als wenn er es im geheimen unaufhörlich entkleidete und vergewaltigte. Sarudin, der diese Nuance herausspürte, wurde plötzlich eifersüchtig. Sein Gesicht wurde rot und blaß, er konnte sich nicht auf einem Platz halten und trat auffallend nervös in der Allee von einem Fleck zum andern.

»Unsere Frauen sind sich so gleich, abgeplattet und verzerrt! Etwas zu finden, das fähig wäre, Ehrfurcht vor der Schönheit einzuflößen ... wissen Sie, nicht ein geteiltes Gefühl, sondern reine, aufrichtige Ehrfurcht, wie man sie vor einer Bildsäule empfindet, das ist in einer Großstadt nicht möglich. Dazu muß man in die Tiefe der Provinz hinuntersteigen, wo das Leben noch jungfräulichen Boden darstellt; der ist allein imstande, prächtige Blumen hervorzubringen!«

Ssanin strich sich unwillkürlich den Nacken und legte ein Bein über das andere.

»Und wozu sollten sie hier aufblühen, wenn es niemanden gibt, der sie pflücken könnte?« erwiderte Lyda.

... Aha! dachte Ssanin interessiert. Das also hat sie im Sinn! ...

Ihm war es äußerst amüsant, dieses Spiel der Instinkte und Begierden, das sich klar und doch nicht greifbar vor seinen Augen entwickelte, zu verfolgen.

»Wie meinen Sie das?«

»Jawohl, ich meine es so. Wer sollte unsere anspruchslosen Blumen pflücken? Wo sind die Menschen, die wir zu unseren Helden machen könnten!« ... Die Worte kamen Lyda aus dem Herzen unerwartet aufrichtig und rührend traurig.

»Sie sind erbarmungslos zu uns!« erwiderte Sarudin unwillkürlich auf die verborgene Nuance in ihrer Stimme.

»Lydia Petrowna hat recht,« stimmte Woloschin begeistert bei, besann sich aber gleich und sah sich scheu nach Sarudin um.

Lydia lachte, und ihre in Rache und Scham brennenden Blicke bohrten sich in das Gesicht Sarudins. Woloschin schwatzte inzwischen lustig weiter, und seine Worte schüttelten sich, sprangen und stoben auseinander, wie ein Schwarm Gott weiß woher kommender närrischer Kobolde.

Er setzte auseinander, daß eine Frau mit schönem Körper auf der Straße nackt herumlaufen könne, ohne unsaubere Lüste zu entfesseln; man merkte ihm an, wie sehr er wünschte, daß gerade Lyda diese Frau wäre und daß sie sich für ihn entkleiden würde.

Lyda lachte laut, fiel ihm immer wieder ins Wort, doch durch ihr Gelächter brachen stets neue Tränen der Kränkung und des Schmerzes.

Es war heiß; die Sonne stand hoch am Himmel und ließ senkrechte Strahlen auf den Garten niederfallen; leise bewegten sich die Blätter, als wären sie von heißen Wünschen bewegt, die nur ihre eigene Schwerfälligkeit zähmen konnte. Unter ihnen saß ein junges, schwangeres Weib, das ihre verletzte Leidenschaft rächen will; sie fühlt, daß es ihr mißlingt und leidet in ohnmächtiger Scham. Ein kraftloses, feiges Männchen quält sich unter den Zuckungen mühsam verborgener Wollustkrämpfe, ein anderes zerbricht unter seiner eifersüchtigen Bosheit.

Ssanin stand abseits unter dem weichen, grünen Lindenschatten und schaute alle ruhig an.

Sarudin hielt es schließlich nicht mehr aus. Er drängte zum Aufbruch. Ohne selbst den Freund klar zu verstehen, empfand er alles -- in Lydas Lachen, in ihrem Blick, im Erzittern ihrer Finger -- als heimliche Ohrfeigen. Mitten in der Erbitterung gegen sie, in der Eifersucht auf Woloschin, in den physischen Qualen, die ihm das Gefühl eines unersetzlichen Verlustes verursachten, überfiel ihn eine vollständige Erschöpfung.

»Schon fort?« fragte Lyda.

Woloschin lächelte ergeben, kniff süß die Lippen zusammen und beleckte sie mit seiner dünnen Zunge.

»Was soll man tun? ... Viktor Sergejewitsch scheint sich nicht ganz wohl zu fühlen,« erwiderte er spöttisch. Er fühlte sich als Sieger.

Man verabschiedete sich. Als Sarudin sich über Lydas Hand beugte, flüsterte er ihr plötzlich zu:

»Lebe wohl!«

Er begriff selbst nicht, warum er es tat, aber noch niemals hatte er Lyda so geliebt und gehaßt, wie in diesem Augenblick.

Und in Lydas Seele neigte sich diesem Worte ein Wunsch entgegen und verstarb. -- Der Wunsch, von einander in stiller, zarter Dankbarkeit für die gemeinsam erlebten Freuden Abschied zu nehmen. Doch sofort überwand sie sich und antwortete schonungslos und laut:

»Adieu! Glück auf die Reise! Pawl Lwowitsch, vergessen Sie uns nicht!«

Man hörte noch, wie Woloschin beim Fortgehen lauter, als es nötig wäre, sagte:

»Das ist ein Mädchen ... sie berauscht wie Sekt!«

Sobald ihre Schritte verklungen waren, ließ sich Lyda in den Schaukelstuhl nieder, aber ganz anders, als sie früher dagesessen hatte. Jetzt hockte sie gebückt und zitterte am ganzen Körper. Stille, tief ergreifende Mädchentränen flossen über ihr Gesicht. In diesen Minuten erinnerte sie Ssanin an das rührende Bild des nachdenklichen russischen Mädchens, so wie es das Volkslied schildert, mit dem dicken Zopf, seinem freudlosen Leben und weißen Mullärmeln, mit denen es seine Tränen trocknet, wenn es im Frühling vom Abhang herab heimlich auf den ersten Eisgang des Flusses schaut ... Und die Tatsache, daß dieses veraltete, naive Bild auf die Lyda mit den modernen Frisuren und Spitzenröcken für gewöhnlich gar nicht paßte, ließ sie ihm jetzt noch rührender und bemitleidenswerter erscheinen.

»Nun, weine doch nicht!« sagte er zu ihr, indem er auf sie zutrat und ihre Hand ergriff.

»Laß mich ... wie entsetzlich doch das Leben ist ...« Lyda beugte sich, das Gesicht in den Händen vergraben, bis auf die Knie nieder, ihr weicher Zopf schlängelte sich still über ihre Schultern und fiel herab.

»Pfui!« rief Ssanin ärgerlich. »So würde ich mich denn dieser Nichtigkeiten wegen doch nicht aufregen!«

»Gibt es denn wirklich keine ... anderen, besseren Menschen!« kam es wie eine Klage über Lydas Lippen.

»Natürlich nicht,« der Bruder lächelte wieder, »der Mensch ist seiner Natur nach widerwärtig ... Erwarte von ihm nichts Gutes, dann wird dir das Böse, das er dir zufügt, keine Schmerzen machen.«

Lyda erhob den Kopf und blickte ihn mit verweinten, schönen Augen an.

»Und du, erwartest du auch nichts Gutes?«

»Gewiß nicht, ich lebe für mich!«

XXVIII

Am Tage darauf rannte Dunja barfuß und bloßköpfig, in ihren dummen Augen den Ausdruck erstarrten Schreckens, auf Ssanin zu, als er auf einem Gartenwege das Unkraut ausjätete, und schrie ihm eine Phrase ins Ohr, die ihr offenbar eingetrichtert worden war:

»Wladimir Petrowitsch, die Herren Offiziere wünschen Sie zu sprechen ...«

Ssanin war nicht verwundert; er hatte erwartet, daß ihm Sarudin eine Forderung schicken würde.

»Wünschen sie es sehr?« fragte er scherzhaft.

Aber Dunja schien etwas Furchtbares zu ahnen; sie bedeckte sich nicht, wie gewöhnlich, das Gesicht mit dem Aermel, sondern sah ihm gerade voll hilfloser Teilnahme ins Gesicht.

Ssanin lehnte den Spaten an einen Baum, schnallte den Gürtel ab, band ihn wieder fester um, und ging, sich nach seiner Manier ein wenig in den Hüften wiegend, ins Haus.

... Das sind aber dumme Jungens. Das sind Idioten! dachte er ärgerlich über Sarudin und seine Zeugen, wollte sie aber dadurch nicht einmal in Gedanken beleidigen; er gab damit nur seiner aufrichtigen Meinung Ausdruck.

Als er durch das Haus ging, trat Lyda aus der Tür ihres Zimmers und blieb an der Schwelle stehen. Ihr Gesicht war gespannt und blaß; in ihrem Blick lag Schmerz. Sie bewegte die Lippen, sagte aber nichts. In diesem Augenblick hielt sie sich für das unglücklichste und verbrecherischste Geschöpf in der Welt.

Im Gastzimmer saß Maria Iwanowna hilflos im Fauteuil. Auch sie machte ein ängstliches, unglückliches Gesicht, und die einem Hühnerlappen ähnliche Haube hing ratlos auf der einen Seite hinab. Sie sah Ssanin mit ebensolchen bittenden Augen an, bewegte ebenfalls die Lippen und schwieg, wie Lyda.

Ssanin warf ihr einen lächelnden Blick zu, wollte stehen bleiben, kam aber gleich davon ab und ging weiter.

Im Saal saßen, auf den Stühlen, die der Tür am nächsten standen, Tanarow und von Deutz. Sie saßen nicht wie gewöhnlich, sondern stramm aufgerichtet und die Beine nebeneinandergestellt, als ob sie sich in ihren weißen Kitteln und den engen blauen Reithosen furchtbar unbequem fühlten. Bei Ssanins Eintritt erhoben sie sich langsam und unschlüssig; sie wußten augenscheinlich nicht, wie sie sich weiter zu benehmen hätten.

»Guten Tag, meine Herren,« sagte Ssanin laut, auf sie zukommend, und reichte ihnen die Hand.

Von Deutz war einen Augenblick verlegen, aber Tanarow verneigte sich beim Händedruck übertrieben rasch und tief, sodaß Ssanin eine Weile seinen Nacken mit dem kurzgeschnittenen Haar vor den Augen hatte.

»Nun, was wollen Sie mir Schönes erzählen?« fragte Ssanin. Er merkte die zuvorkommende Höflichkeit Tanarows und wunderte sich, wie gewandt und sicher der Offizier die Dummheit der verlogenen Zeremonie durchmachte.

Von Deutz richtete sich auf und wollte seinem langen Gesicht einen kühlen Ausdruck geben, erzielte aber nur einige verlegene Mienen. Es berührte eigentümlich, daß der sonst so schweigsame und schüchterne Tanarow sofort das Wort ergriff.

»Unser Freund, Viktor Sergejewitsch Sarudin, gab uns die Ehre, in seinem Namen mit Ihnen Rücksprache zu nehmen,« deutlich und kühl, wie von einem in Bewegung gesetzten Apparat, kamen die Worte aus Tanarows Mund.

»Aha!« versetzte Ssanin mit geöffnetem Mund und komischer Feierlichkeit. »Das ist aber nett von Ihnen.«

»Jawohl,« fuhr Tanarow mit zusammengezogenen Augenbrauen beharrlich und fest fort, »er glaubt, Grund zu der Annahme zu haben, daß Ihr Benehmen ihm gegenüber nicht ganz ...«

»Ja gewiß ... ich verstehe schon ...« fiel Ssanin, der die Geduld verlor, ein. »Ich habe ihn fast die Treppe hinuntergeworfen ... Was kann da schon _nicht ganz_ erklärlich sein!«

Tanarow gab sich Mühe, ihn zu verstehen; es gelang ihm aber nicht und so fuhr er fort:

»Jawohl ... Er verlangt nun, daß Sie Ihre Worte zurücknehmen.«

»Ja, ganz recht ...« Auch der lange von Deutz hielt es für nötig einzugreifen und trat wie ein Storch von einem Bein aufs andere.

»Wie könnte ich sie denn zurücknehmen? Ein Wort ist doch kein Sperling, fliegt es heraus, so kann man es nicht wieder einfangen,« erwiderte Ssanin, allein mit den Augen lachend.

Tanarow schwieg eine Weile und blickte Ssanin ratlos an.

... Mein Gott, was für wütende Blicke der mir zuschmeißt, dachte Ssanin.

»Wir sind hier nicht um zu scherzen ...« brach Tanarow, der mit einem Male zu begreifen anfing und sofort puterrot wurde, zornig los:

»Wollen Sie Ihre Worte zurücknehmen oder nicht?«

Ssanin schwieg ... Wirklich ein kompletter Trottel! dachte er fast bedauernd und nahm sich einen Stuhl.

»Ich würde vielleicht meine Worte zurücknehmen, um Sarudin ein Vergnügen zu machen und ihn zu beruhigen,« sprach er ernst; »umsomehr, als das für mich absolut nichts bedeuten würde. Aber erstens ist Sarudin dumm und wird es nicht so auffassen, wie er müßte. Statt sich zu beruhigen, wird er daran seine Freude haben, -- und dann, zweitens, gefällt mir Sarudin absolut nicht. Unter diesen Umständen lohnt es sich auch nicht, die Worte zurückzunehmen ...«

Tanarow zischte schadenfroh durch die Zähne: »So ...«

Von Deutz blickte ihn erschrocken an, und die letzten Farben verschwanden aus seinem Gesicht; er wurde gelb und hölzern.

»In diesem Falle ...« Tanarow erhob die Stimme und gab ihr einen drohenden Unterklang.

Ssanin sah mit plötzlich aufkommendem Widerwillen seine schmale Stirn und engen Reithosen an; er ließ ihn gar nicht zu Ende sprechen.

»Und so weiter und so weiter. Das kenne ich alles. Aber mit Sarudin werde ich mich nicht schlagen.«

Von Deutz wendete sich rasch um; Tanarow richtete sich auf und fragte mit einer verachtungsvollen Miene, scharf jede Silbe ausprägend:

»Aus welchen Gründen?«

Ssanin lächelte, und sein Widerwille verschwand ebenso schnell, wie er gekommen war.

»Ganz einfach. Erstens, weil ich keinen Wunsch habe, Sarudin zu töten, zweitens und wohl hauptsächlich, weil ich selbst nicht wünsche, von ihm getötet zu werden.«

»Aber ...« begann Tanarow mit einer verzerrten Miene.

»Ich will nicht -- und damit fertig!« Ssanin stand auf. »Soll ich Ihnen etwa noch auseinandersetzen, warum? ... Fällt mir gar nicht ein! Ich tue es nicht ... Ich sage es, das genügt!«

Die tiefe Verachtung auf einen Menschen, der eine Forderung nicht annimmt, verband sich in Tanarow mit der unverrückbaren Ueberzeugung, daß auch kein Zivilist die Tapferkeit und Aufopferung besitzen könne, sich zu schlagen. Daher war er nicht im geringsten verwundert, -- vielmehr freute ihn die Weigerung beinahe.

»Das ist schon Ihre Sache,« sagte er, ohne aus seiner Verachtung ein Hehl zu machen. »Aber ich muß Sie in diesem Falle davon in Kenntnis setzen ...«

»Auch das kenne ich,« lächelte Ssanin, »aber davon möchte ich Sarudin geradezu abraten ...«

»Wie?« Tanarow lächelte ebenfalls, während er die Mütze vom Fensterbrett nahm.

»Ich rate ihm, mich nicht anzufassen, sonst prügle ich ihn so durch, daß ...«

»Hören Sie mal!« Von Deutz brauste plötzlich auf, »ich kann es nicht erlauben ... Sie höhnen geradezu ... Und begreifen Sie denn wirklich nicht, daß eine Forderung ablehnen, -- das ist ... das ist ...«

Er bekam einen ziegelroten Kopf, die trüben Augen sprangen aus den Höhlen, und auf den Lippen entstand ein kleines Strudelchen aus Speichel.

Ssanin sah ihm mit Neugierde auf die Lippen und sagte:

»Und dieser Mensch hält sich noch für einen Anhänger Tolstois!«

Von Deutz hob den Kopf hoch und zitterte.

»Ich möchte Sie bitten!« rief er schrill, aber doch beschämt, daß er einen guten Bekannten, mit dem er erst kurz vorher über viele wichtige und interessante Gegenstände gesprochen hatte, anbrüllen mußte. »Ich möchte Sie bitten, derartige Bemerkungen zu unterlassen. Sie gehören nicht zur Sache!«

»Im Gegenteil!« erwiderte Ssanin. »Sogar recht sehr!«

»Aber ich bitte Sie ...« schrie hysterisch von Deutz, den Speichel um sich spritzend, »das ist ganz ... mit einem Worte ...«

»Nun genug doch!« sagte Ssanin ungehalten, indem er dem Speichelregen auswich. »Denken Sie darüber, wie Sie wollen, und Sarudin können Sie bestellen, daß er ein Dummkopf ist.«

»Sie haben kein Recht!« heulte von Deutz mit verzweifelter Stimme.

»Sehr schön, sehr schön,« wiederholte Tanarow vergnügt. »Gehen wir!«

»Nein,« schrie von Deutz immer noch in demselben weinerlichen Ton und fuchtelte mit seinen langen Armen wie toll in der Luft umher: »wie untersteht er sich ... das ist geradezu ... unerhört ist das! ...«

Ssanin sah ihn an, machte eine wegwerfende Handbewegung und ging aus dem Zimmer.

»Wir werden alles wortgetreu unserem Freunde mitteilen,« rief ihm Tanarow nach.

»Schön, teilen Sie es ihm nur mit!« antwortete er, ohne sich umzudrehen, und schloß die Tür hinter sich.

»-- -- -- Welch Esel ist dieser Offizier im Grunde, und doch, -- -- es genügt, daß er sich diese Marotte ummantelt, und er wird reserviert und ganz gescheit!« dachte Ssanin, als er hörte, wie Tanarow den schreienden von Deutz beruhigte.

»Nein, das kann man nicht so ohne weiteres hingehen lassen!« erklärte der lange Offizier aufgeregt. Er sah traurig ein, daß er durch dieses Vorkommnis einen interessanten Bekannten verloren hatte und, da er nicht wußte, wie es zu ändern wäre, erbitterte er sich noch mehr und verdarb die Sache augenscheinlich nur um so gründlicher.

»Wolodja,« rief Lyda leise in der Tür ihres Zimmers.

»Was?« Ssanin blieb stehen.

»Komm her ... ich brauche dich.«

Ssanin trat in ihr kleines Zimmer ein, in dem es dunkel war und grün von Bäumen, die das Fenster verstellten, und wo es nach Parfüms, Puder und jungen Mädchen roch.

»Wie schön es hier bei dir ist!« sagte er mit tiefem Seufzer der Erleichterung.

Lyda stand mit dem Gesicht dem Fenster zugewandt; auf ihren Schultern und Wangen lag weich und schön das grüne Lichtgemenge, das vom Garten her hineingeworfen wurde.