Part 3
Meine Tischgenossin hätte meinen Ausruf lieber ignoriert, aber dann siegte der Wunsch, mich zu belehren: „First cousin to Lord Sullivan“ beschied sie kurz. Hatte ich denn schon einen Lord oder die erste Cousine eines Lords getroffen? Geschah es nicht zum ersten Male, he? War ich denn von good family? Schwerlich. Sie richtete ihre Jammerbüste auf. „Armer Lord Sullivan,“ bemerkte ich. Der Reverend trug einen Band Ruskin unter dem Arm, er scheute sich nicht, Hahn in diesem Schauerkorb zu sein und nahm gegenüber the Honourable Sardine Platz. Unter ihrem Vorantritt verfügte man sich dann in den Salon. Es tagte noch. Ich floh ins Freie, der Via Tornabuoni zu. Dort konnte man hübsche, junge, leichtsinnige Kokotten sehen, das Hütchen lustig hinausgeschoben oder kecker noch hereingesetzt. Und harmloser, unschuldiger muteten sie an, als die geschützte Kohorte der Pension Malocchio. (Schon, o schon nannte ich sie so.) Und sie taugte nichts, die miese, zufällige Jungfräulichkeit der gealterten Schar dort oben, eine gezogene Niete nur, unheilig auch sie.
Süß aber war die Vergessenheit dieses Abends. Ich ging in einer Rosenwolke. Der Frühling hatte einen wilden Tag gehabt. An wie viel Hängen brach er heute aus! Den kühlsten Gründen nicht mehr neu. Zwischen schweren Blättern drückten sich die Blumen vor. Jetzt ging er zur Ruh. Es stand ihm eine aufgeregte Nacht bevor. Der Mond war voll. Schon steigerte sich das Gebüsch. Ich sah ihm an, wie es sich bereitete. Vor dem Hôtel de Ville machte eine offene Droschke halt: schmale Schuhe, die schnell Fuß auf der Erde faßten, eine rasche Gestalt: „Wahrhaftig Sie sind es!“ rief die Dame.
Es war die eine Hälfte jenes Hochzeitspaares, das zu Mary Coroughdeen gekommen und dann nach Neapel gefahren war. Der Mann befand sich jetzt in England infolge eines Trauerfalles, und sie wartete in Florenz auf seine Wiederkehr. So kam ich ihr wie gerufen.
„Aber ich fahre morgen nach Rom.“
„Das dürfen Sie nicht! Sie dürfen mich nicht so verlassen. Warten Sie nur noch drei Tage und ich komme mit Ihnen.“
„Meine Pension“, sagte ich, „ist wirklich zu greulich.“ – „Neben mir wird morgen ein Zimmer frei,“ rief Eleonor. Sie lief in die Halle. Ich wollte ihr folgen. Da war sie zurück. „Es ist schon reserviert!“ rief sie mir zu und zog mich wieder ins Freie.
Es paßte mir nicht recht; ich wollte doch nach Rom, aber sie war so willensstark. Arm in Arm streunten wir nun durch die Straßen, und ich erzählte ihr alles. Ich trug den vorfrüh gekauften Hut. Wir lachten, und ich aß noch einmal zur Nacht. Ich skizzierte ihr die Schreckensschar und den Reverend in ihrer Mitte. Eleonor sagte: „Wir haben in Venedig eine Wohnung gemietet, an der Giudecca, und Sie müssen uns dort besuchen.“ „Schön, schön“, sagte ich. Quer über den Platz kam ein Bekannter auf uns zu, und ich nahm eine Einladung für den nächsten Abend von ihm an.
Die Steintreppen zu meiner Pension jedoch nahmen wieder einmal kein Ende. Aber morgen hatte mich ja das Stift gesehen. Auf immerdar!
Zwölftes Kapitel
Mein Zimmer trug die Nummer 19. Es war häßlich, sah auf einen unwirschen Hof hinaus und lag abgetrennt am äußersten Ende eines langen Ganges. Häßlich, rot, grob, breitschrötig und cholerisch war auch die Magd, die mir das heiße Wasser und das Frühstück brachte. Aber schon um neun Uhr wollte Eleonor mich holen, um nach Santa Maria Novella zu gehen. Ostersonntag! und ein lichter Himmel über dem düsteren Hof. Mir gleich endgültig aus den Augen, so daß ich nicht umhin konnte, ein wenig hin und her zu summen. Nur so eine kleine Barkarole, von der schönen Luft, die hereinwehte, getragen und wie von Märzbechern eingeläutet. Es war noch früh, aber ich störte niemanden. Das Zimmer hatte keine Nachbartür. Die Fülle der Glocken über alle Dächer hin! Mein Herz war leicht. Jetzt nur noch das seidene Säckchen über den Kopf gezogen, und ich stand bereit. Nachts pflegte ich es unter das Kissen zu legen und nun hätte ich es schier vergessen. Aber dort lag es nicht mehr. Wie zerstreut ich doch heute war. Ich hatte es ja auf das Tablett gelegt. Aber das hatte man schon abgetragen. Ich läutete. Niemand erschien. Ich läutete in rascher Folge wieder, und verdrossen kam die Magd herein. Ich schickte sie nach der Küche, nach dem Tablett zu schauen. Sie ging. Zitternd stand ich vor dem Spiegel und starrte mich mit blutlosen Lippen selber an, riß das Kleid von neuem auf, aber das blaue Band hing mir nicht an; griff mich ab, die Stätte war leer. Die Person kam wieder: „Non c’è“, sagte sie. „Si c’è“, rief ich in heller Verzweiflung. Ihr rotes Gesicht wurde noch dunkler. Sie trat in den Gang hinaus und kam mit einem Manne wieder, Hausdiener oder Portier, jedenfalls ihr geschworener Freund. „Non c’è“, bekräftigte er. „Non è vero“, sagte ich. Da traten beide näher. Die Worte „gettarla fuor dalla finestra“ drangen an mein Ohr und ließen mich blitzartig die Situation übersehen, so daß ich mich wohl hütete, von dem Fenster wegzurücken, vor dem ich stand, denn wir waren ohne Zeugen. Warfen sie mich in ihrer Wut hinab, so konnten sie beteuern, ich hätte mich selbst hinuntergestürzt. Der Gedanke an den Freispruch, der ihnen zuteil würde, entwickelte in mir den Furor eines Löwen. „Ich gehe jetzt auf eine Stunde fort“, sagte ich, als hätte ich freie Bahn. „Mittlerweile suchen Sie gefälligst das ganze Zimmer durch, dann wird der Sack sicherlich zum Vorschein kommen.“ Mit diesen Worten wandte ich mich der Türe zu, allein die zwei blieben drohend vor mir aufgepflanzt und ließen mich nicht durch. Was wollten sie? „Man kommt“, sagte ich triumphierend. Eleonor trat ins Zimmer. Meine beiden Schergen verließen es alsbald.
„Was ist?“ rief sie und fing mich auf. Denn die zurückgedrängte Angst machte sich wie ein giftiger Nebel über mich her, jetzt, da Eleonor mir zur Seite stand. Sie duldete nicht, daß ich dies Haus noch einmal betrat; lieber sollte mein Koffer zurückbleiben, die Handtasche trugen wir gemeinsam durch den leeren Gang. Niemand zeigte sich. Wir gingen die Stiegen hinab, warteten auf einen Wagen und fuhren ins Hôtel de Ville. Ein reizendes und neu tapeziertes Zimmer wartete da meiner, allein mir blieben siebenundvierzig Lire, und ich fuhr mir ans Herz, als hätte es einen Sprung.
O Kirche von Santa Maria Novella! Welch verwirrtes und bebendes Gemüt entließen an diesem Ostermorgen deine heiligen Pforten! Aber war mir nicht von neuem der Weg nach Rom verschüttet, wenn der Sack verloren blieb? Was flogen die Vögel so hoch?
Und warum erspähte Eleonor den Schutzmann, der gelangweilt auf dem Platze stand! Was radebrechte sie da mit ihm? War es nicht verfrüht, ihn heranzuziehen? Er mußte ein Neuling sein, denn seine Bereitschaft war nicht gering. „Chè,“ sagte er, „kriegen wir, kriegen wir,“ und machte sich voll Eifer auf den Weg.
Eleonor war guter Dinge. Sie hatte einen Brief, der ihr die Rückkehr ihres Mannes anzeigte. „Ich habe das bestimmte Vorgefühl, daß Sie heute abend wieder im Besitz Ihres Sackes sind“, so sagte sie. „Wie sind denn im allgemeinen Ihre Vorgefühle?“ „Immer richtig! Man kann immer darauf gehen.“ Doch ich atmete wie ein Asthmatiker. „O Sie sind langweilig“, rief sie aus, „wo wollen wir essen?“ Im Hotel wartete schon der Polizist, zwar ohne Sack, aber mit zufriedener Miene. Die Magd befände sich hinter Schloß und Riegel. Indes stelle sich die Pension auf ihre Seite und verweigere die Herausgabe des Koffers. Die Magd leugnete nämlich. Daher die Repressalie. Dann ging er.
Ein Abendfähnchen war alles, was mir blieb, außer dem Kleid, das ich trug. Es dunkelte. Mir schauderte vor dem Anblick meines Fensters, es war hochgelegen, wie das von heute morgen. Ich zündete alle Lichter an. Auch über dem großen Spiegel war ein Kontakt. Er warf mein Bild zurück. Und wieder starrte ich mich selber an, als könnte ich nur mir selbst meine Bedrücktheit anvertrauen. Ich stand mit siebenundvierzig Lire und ohne Koffer da. Dies waren die Tatsachen; mochte Eleonor sich mit noch so guten Vorgefühlen tragen.
Der Mond war heute voll. Welch Geraune wohl und welch ein Rausch in den Cascinen. O daß in den Tiefen des Gezweiges vielleicht sich regte der Rhapsode unserer Ekstasen! Vielleicht entströmte ihm das erste Gold erträumten Grams, und schlugen Bangigkeit und Wonne der Verliebtheit in seiner Kehle an. Leid und Verliebtheit der Nachtigallen nur? O nein, der Götter und der Menschenherzen.
Langsam fing ich an, mich für den Abend umzukleiden. Meine emporgerichteten Arme, im Raume gesehen mit den hellbeschienenen Händen in der Luft, bannten meinen Blick wie Bruchteile einer Statue und anderer Wesenheiten teilhaft als nur des Ichs. Solche Gedanken entsandte der Spiegel als letzte Labsal, letzte Stärkung dieses Tages ...
„Wann zeigst du dich in deinem Glanze?“ lachte Eleonor herüber. Als Antwort ein wilder Schrei. Was hatte ich gesehen? Was zeigte sich mir da? Sie stürzte herein, wähnend, meine Kleider steckten in Brand. Ich hatte sie noch nicht angelegt. Was nun auch sie erblickte, war ein Gegenstand in meiner rechten Hand: ein blaues Band an einem Ende losgerissen, von dem ein schweres Säckchen herunterhing. Es war mitsamt dem Bande bis zum Gürtel hinabgerutscht, hinter der hohen, nach innen ausgebuchteten Schnalle platt gedrückt. Und das Mädchen im Gefängnis. „Fliehen Sie, fliehen Sie!“ war Eleonors Schreckensruf, und sie verließ das Zimmer. Zitternd und ungefähr zog ich mich an und lief aus dem Hause.
Dreizehntes Kapitel
Der Florentiner, der mich zu Tisch erwartete und mit dem ich dann in die Oper gehen sollte, wohnte mit seiner Mutter in der Via Alfieri. Er gehörte dem Kreise Frau Coroughdeens an. Auch er zog alsbald das Kursbuch hervor. Wir aßen nur so lange, als es Zeit bedurfte, die Victoria anzuspannen und fuhren dann mit Diener und Kutscher auf dem Bock nach der Pension Malocchio. Ich sollte mit dieser Doppelwache im Wagen bleiben, denn mein Parlamentarier bestand darauf, allein die Höhle meiner Mißgeschicke zu besteigen. Dem Säckchen, dem das blaue Band nur auf einer Seite anhing (es hätte sich wirklich nicht gelohnt, es anzunähen) entnahmen wir gerade so viel, als ich zur Rückfahrt nach Deutschland brauchte; mit den achtzehn schönen, runden, dicken Goldstücken, die als mein Lösegeld darin verblieben, zog er dann hinauf. Er blieb sehr lange. Die Luft war lau. Im Norden gab es wohl noch Schneegestöber und ein langes Hin und Her zwischen Winter und Frühling. Warum kam mein Abgesandter nicht zurück? Das Theater mußte bald zu Ende sein. Im dritten Akt hatte die Duse fast nichts zu tun. Da trat er hervor.
„Mein Koffer“, sagte ich. „Man gibt ihn heute abend noch nicht frei. Ich hatte einige Mühe mit dem Mädchen“, sagte er; auf seinen Wink fuhr jetzt der Kutscher wie ein Teufel los. „Dann ist es ja gar nicht eingesperrt.“ „Man ließ es mangelnder Beweise halber nach zwei Stunden wieder laufen.“ Ein Groll stieg in mir auf. „Es ist zu arg!“
„Wie?“
„Erzählen Sie doch!“
„Ich bin sehr lange ausgeblieben, Sie haben lange warten müssen. Aber es war so interessant und so unterhaltend, die alten Damen über Sie zu verhören. Sie machen sich gar keinen Begriff, welche Abneigung die ganze Pension für Sie gefaßt hat. Nein, wie Sie das in zwei Tagen fertig gebracht haben, alle Hochachtung! Es herrscht nur eine Stimme über Sie. Die fälschlich angeklagte Magd dagegen wurde umringt wie eine Diva. Sie erhielt sechsundvierzig Geschenke. Von Ihnen, meine Liebe, wollte sich jede schon beim ersten Blick des schlechtesten Eindrucks entsinnen. Ich gab mich natürlich nicht als Ihren Freund aus. Es hätte den Redefluß gestört.“ –
„Mein Koffer“, sagte ich.
„Ich kriege ihn schon frei. Lassen Sie die ersten Wogen der Rache sich legen. Es war da noch ein Freund der armen Person ...“
„Armen Person?“ fuhr ich auf. „Sie hat das beste Geschäft ihres Lebens gemacht. Schweigen Sie mir von der.“
„Ja, sie ist häßlich, aber sie hat einen sehr feurigen Freund, der unter gräßlichen Schwüren beteuerte, er würde nicht eher ruhen, als bis Sie selbst im Gefängnis säßen, und die sechsundvierzig Damen teilten durchaus seine Ansicht. Es war wirklich nicht so einfach, wissen Sie. Ich hatte Mühe mit dem Säckchen. Ich hielt es an seinem gerissenen Bande hoch und schilderte, wie leid Ihnen alles täte.“ „Nichts tut mir leid. Nur ich allein tue mir leid. Kein Wort mehr“, rief ich. Er zog seine Uhr. „Wir kommen noch recht zum zweiten Akt.“
Der Morgen dämmerte. Es zwitscherten die ersten Vögel. Silberner Flor war am Himmel zerstäubt. Man klopfte, um mich zu wecken. Doch ich stand schon bereit. Fluchtartig also und bei Tagesgrauen mußte ich Florenz verlassen. Es war meine einzige Ähnlichkeit mit Dante. Und mein zweiter Abschied von dieser Stadt. Mary Coroughdeen und ihren sommerlichen Bruder sah ich niemals wieder.
Vierzehntes Kapitel
Doch ich kam wieder. Ich ließ mich so nicht unterkriegen. Diesmal stieg ich in der Nähe des Bahnhofes ab, und länger als einen Tag und eine Nacht gedachte ich nicht mich aufzuhalten. Mein Reiseziel war Rom. Kein Säckchen hing mir diesmal an. Ich hatte einen Kreditbrief, das war besser. Die Bäume freilich, die ich in ihrer ersten Pracht gesehen hatte, standen längst entlaubt. Auf den Bergen lag Schnee, und es gab viel Kranke in der Stadt. Mary Coroughdeen war nach England übersiedelt, ihre Villa geschlossen. Allein das Licht tönte sich genau wie im vergangenen Winter ab, und mit Macht versetzte es mich in jene Zeit zurück, da ich traurig meine einsame Straße marschierte. Mir schien, es sei vergangenes Jahr. Ahnte ich denn, wie weit das Tageslicht Leben ist – wie das unsere? Schwingungen sind der Lüfte Schoß. Längst verwehte Akzente der Leidenschaft, der Schönheit, des Affektes erstehen uns von neuem. Ja, wer ihrer Sprache kundig wäre!
Betrachtet euch die Städter, wenn sie vernehmen, daß sich die Wunderkrone der Victoria Regia aus vieljährigem Schlafe regt. In langen Zügen sieht man sie zur Riesenblume pilgern wie zu einer Gottheit. Nur eine Woche lang strahlt und duftet sie kostbarer und berückender, blüht heißer als alle Blumen, dann schrumpft sie gelb und häßlich ein; welke Stränge, ins Leere ausgeworfen, künden ihren Tod, ihr vergängliches Sterben.
So kann den Hoffnungslosen, den auf immer – (aber was heißt immer?) – den auf immer Beraubten ein jagendes Licht, seine Fülle oder sein Versagen, der Atem einer Brombeerstaude, ein unvorhergesehenes Etwas an der Biegung eines Weges, es kann der Schatten einer Bank ihn überwältigen, daß er inmitten seines Grams vor Glück erschauert.
Ich wußte es noch nicht, ich wunderte mich nur. Nie wäre es mir auf meiner Osterreise in den Sinn gekommen, die Hexe aufzusuchen, und nun fuhr ich zu ihr. Die Münze war mir ausgegangen, ich reichte dem Schaffner eine Banknote hin und starrte wunschlos in den Tag. Denn es rastete mein Herz, als sei ihm Erkenntnis geworden, und es frönte der ungewohnten Ruh. In San Gervasio stieg ich aus und zog die weiten Schleifen der Straße dahin. Ein frischer Wind hatte sich aufgemacht und wehte mir entgegen.
Die Stimmung der Hexe jedoch war eine andere, und sie empfing mich kalt und überrascht. Die Uhr schlug zwei. Cara brachte den schwarzen Kaffee herein und auch ein Täßchen für mich. Ich hielt es vor dem Fenster stehend, das auf den Garten sah. Der Wind fegte einher. Kein Vorhang dämpfte den fahlgewordenen Tag; er schwelgte in seiner Abgewandtheit, und sonderbar mischte sich da in sein grenzenloses Schweifen das Ticken der Pendule. Warum beklemmten ihre Schläge? Irrsinnig schwang der kleine Pendel hin und her, als ob es ihm obläge, Zeit, Natur, alle Dinge, alle Wünsche zu skandieren, so machte er sich laut. Aber plötzlich zerriß das Gewölke, eine wahrhaft südliche Bläue triumphierte über den Sturm, und Sonne erfüllte den Raum. Von ihrer Wärme einbezogen, hielt ich das Gesicht zu ihr empor; von ihr umsponnen und gebleicht war es begeistert ganz für sich allein ...
Neue Wolken jedoch trieben in der Luft heran, alle Glorie erlosch, die Pinienkronen wirbelten auf, der schwarze Lack des Flügels spiegelte sich in der zunehmenden Düsterkeit und anders behauptete sich jetzt das Ticken der Pendule, beschwichtigend nunmehr wie Ammenworte in einer Kinderstube. Und statt des Sonnenfeuers loderte das andere, das wir den Göttern gestohlen hatten, still und geschäftig im Kamin, in dessen Schein die fröstelnde Hexe saß. Wo waren meine Augen gewesen, daß ich über das kranke Oval die schmale beschwingte Stirne übersehen hatte und die in ihrer Zermürbtheit rührenden Schläfen? Was schied mich von so viel Verblühtheit? Die irrsinnigen kleinen Pendelschläge nur, die, alles mißachtend, mich alt oder verwest zurücklassen würden. Ein Jahr war vergangen, seit mir die Hexe der Inbegriff alles Verabscheuungswürdigen dünkte, ein Jahr, an dem ich mich noch schleppte. War sie nicht vielleicht schön, diese Hexe? und war sie eine Hexe? Barg sie nicht ganz andere Flügel vielleicht, als die des Drachen? – Die unter die Räder geratene Spinster sollte dereinst mehr Wesensfülle, mehr Menschentum, mehr Mut, mehr Edelsinn, mehr Unbeirrbarkeit des Geistes und des Herzens zu Tage legen, als Millionen und Millionen ihrer Zeitgenossen. Wie die auf hohem Brückenpfeiler gestellte Engelsfigur, so vereinzelt und abseits sollte ihre barocke Gestalt sich im Weltkrieg umreißen und die dumpfe Allgemeinheit überragen. –
War eine Ahnung in mir aufgestiegen? Alles stand hier unverrückt: der Flügel, die Fenstertüren, die auf den blumenlosen Garten sahen, die Hexe am Kamin. Nur ich war anders zurückgekehrt. So litt man denn nicht vergebens ...
Bewegt sah ich zu ihr herab. Allein ihr Wunsch, von mir befreit zu sein, funkte durch das Zimmer, und ich nahm Abschied; immer noch wie im Traum, als ob ich es nicht selber sei, welche die oft begangenen Schleifen der Straße dahinzog, und als sähe ich die vom Winde dahingewehten Umrisse der eigenen Gestalt. Erst in San Gervasio, angesichts der schon grell beleuchteten Schienen, erwachte ich, setzte schnell darüber und sprang in den Wagen.
Auf dem Hinweg aber hatte der Schaffner meine Zerstreutheit wahrgenommen, erfolgreich abgewartet und auf meine Banknote überhaupt nichts herausgegeben. Ich merkte es erst jetzt, kramte fieberhaft in meiner Tasche, und als kein Zweifel mehr bestehen konnte, reichte ich dem neuen Schaffner schwer verdrossen einen neuen Schein. Er gab mir reichlich Silber zurück; aufmerksam achtend fand ich, daß alles stimmte und sah wieder zum Fenster hinaus. Aber das große Spiel der Schatten, die ins Dunkel geworfenen Kirchen drangen nicht mehr bis zu mir. Damals wie heute bildete der Domplatz die Endstation. Meine Börse war zum Bersten voll, und es dünkte mir daher praktischer, sogleich einige Einkäufe mit dem Hartgeld zu besorgen. Bei jedem Stück jedoch, das ich hinreichte, hieß es jetzt: „Non è buono“. Die Hauptpost befand sich damals den Uffizien gegenüber. Am Schalter regierte ein Mann mit den Schultern eines Sklavenhändlers. Francobolli, herrschte ich ihn an, zahlte verächtlich und ging ins Freie. Auch er jedoch, wenn auch nur um ein paar Groschen, hatte mich begaunert. War mir aber der Gedanke nie gekommen, die beiden froh dahinfahrenden Schaffner zu belangen, so brachte mich diese letzte, kleine Übervorteilung zur Raserei. Wie in einem fünften Akt und als stecke mir ein Dolch unter dem Mantel, so ging ich wieder zurück, trat an den Mann heran und machte wegen der fünf Soldi meine Szene. Wütend warf er sie auf den Tisch. „È pazza“, sagte er zu den Umstehenden; ich strich die Groschen ein und ging.
Wie edel lag der Platz vor mir! Ein früher Mond hellte zarten Fluges darüber. In der Loggia dei Lanzi hielt der Held den sterbenden Freund. O des ewigen Augenblickes, da er, aufgegebenen Geistes, von seinem Arm herabhing! Mein Herz strebte plötzlich himmelwärts wie der Turm der Signoria. Wie fehlte dem Leben jede Majestät! Armselig war es eingedämmt von Widrigkeiten, Zufällen, zerrissenen Schuhbändern, verlorenen Gegenständen, Zahnschmerzen, verfehlten Zügen.
„Non è buono, non son buoni“, hieß es am nächsten Morgen beim Begleichen meiner Rechnung. Alles Silbergeld falsch. Zum Glück war mein Billett nach Rom schon lange gelöst. Von hundert Lire hatten fünfunddreißig ihre Gültigkeit. Niemand ließ sich von den übrigen etwas andrehen, so erbittert ich es auch versuchte. Nun rollte der Zug, in dem ich saß, aus der dunklen Halle ins Tageslicht. Romwärts. – Also doch! –
Allein der angesammelte Ärger brodelte wie auf Feuer gesetzt. Nur auf den Verlust des lumpigen Geldes versessen tobte Leidenschaft um so peinigender darein, als ihr Mißverhältnis zu einer so jämmerlichen Ursache mir nicht entging; eine Welle nach der andern schäumte an den Strand, infuriata. Ob ich noch so sehr strebte, mich in die Hand zu nehmen, zu einem vernünftigen neben einem unvernünftigen Wesen mich verdoppelnd. Ermahnungen und Klagen gingen hin und her. War es nicht verächtlich, eines so schnöden Anlasses wegen dieser maßlosen Aufregung zu frönen? – Aber würde ich denn in Rom weniger unfähig sein, falsches Geld von richtigem zu unterscheiden? Und was dann?
Wie vielen ist es vergönnt, fragte ich, zu ihrem Pläsier in der Welt herumfahren? Pläsier? fragte ich.
Ich hielt einen Tauchnitzband, ohne je über die erste Seite zu gelangen. Die Zeit verstrich, Stationen tauchten auf, hin und wieder hielt der Zug, oder er flog vorbei. Ich saß am Fenster, die Landschaft wurde kahler, ihr Lachen erstarb; sie war heroisch, aber nicht ohne Grausamkeit, die Bäume so gezählt; – und ich beruhigte mich nicht. Plötzlich ein großer Ruck. – Türen flogen auf. Chiusi. Mittagszeit. Ein tiefer Saal; gedeckte Tische aus dunklem Grunde hervorschimmernd. Die Reisenden strömten in Scharen dorthin. Ich sagte schon, es sei die Mode der weißen Handschuhe gewesen. Wie? Was streifte ich in dieser Kohlenatmosphäre ein schmiegsames, makelloses Paar über? Welche Stille setzte plötzlich in mir ein? welcher Einfall hißte sich hoch? Wer ging da? frage ich, ihren Tauchnitzband unter dem Arm, so kerzengrade, so rhythmisch, so lässig, so gelassen, so bewußt, so offenkundig distinguiert? Wer war sie? Man schaffte ihr Platz, sofort. Wie wäre es anders gewesen? jedoch sie dankte. „Un cestino,“ sagte sie, „queste pasticcerie“. Sie trank ein Glas Marsala, dann ein zweites, und unauffällig, als wäre es ihr erstes, ließ sie sich ein drittes geben. Es setzte sie in den Vollbesitz ihres Mutes. Sie deutete auf Schinkenbrötchen; auf Orangen. – Sorglich, die pasticcerie zu oberst – wurde alles hineingelegt. Ihr Buch fest an sich haltend, schritt sie sodann, weltabgewandt, wie sie gekommen war, über die Schwelle des ristorante. Sie eilte nicht; sie zögerte nicht. Nie würde sie wieder eine so unnachahmliche Allüre aufbringen, um einen Perron zu überschreiten, mit so liebenswürdiger Sicherheit, so effektvoller Ruhe, so überlegener Grazie sich bewegen. Nunmehr hatte sie ihren Platz am Fenster eingenommen. Von ihm aus konnte sie die Reisenden übersehen, welche erst vereinzelt, dann in Scharen einzusteigen begannen. Saßen sie alle? Nein. – Ein Weilchen dauerte es noch. „Pronti!“ erklang endlich der willkommene Ruf. Man fuhr.
Am Eingang des Saales pflanzte sich jetzt der Padrone des Buffettos mit seinen in Zeit und Raum ausgeweiteten Gliedmaßen auf. Befriedigt blickte er seinen Konsumenten nach. Es hatte sich gelohnt.