Spitzbögen

Part 2

Chapter 23,763 wordsPublic domain

Am nächsten Morgen war der Himmel so rein und licht, nach allen Richtungen sah man nur seine sonnige Bläue, als könne er sich gar keiner Stürme entsinnen, als schiene er über eine ungetrübte und unsterbliche Welt, und als seien alle ihre Grausamkeiten, ihre Morde und ihre Schiffbrüche und ihre zerrissenen Herzen ephemer; so tilgte er sie; so stellte er leuchtend alles wieder her. Ich bin der Himmel, ich bin blau! lachte, tröstete er.

Doch ich ging traurig meine Florentinische Straße, die in weiten Schleifen und so einsam den Hügeln entlang zog. Mir galt sie nichts, diese Sonne. Den Gram der Jugend lindert sie nicht. Unter ihren Lockungen verschärft er sich nur, und richtet sich heftiger auf.

Wo nur hatte ich den Mut genommen, erwartungsvoll zu bleiben? Wie war es meiner Freundin Amarant von Binnenlöhr gegangen, der zum Glück Berufenen? Aber vielleicht war es so, daß die Menschen wie die Monate des Jahres gewissen Jahreszeiten unterstehen. Wie auch die jüngsten Bäume sich im Herbst entlauben müssen, so hatte sich der frostige Tod über meine Freundin Amarant geworfen und ihrer langen Wimpern nicht geachtet, sondern sie hingemäht wie einen Greis. Nie war ein Verdacht, eine Witterung in uns gewesen, sie könnte eine Gezeichnete sein. Dies war der Fehler. Denn wie Metalle den Blitz anziehen, so streben die Begebenheiten einzuschlagen, wo kein Argwohn entgegenwirkt ... So war Amarants Roman unermüdlich ausgesponnen worden, und nicht einen von uns hatten je diese knospenden Augen, diese frischen Zähne, diese schimmernde Haut an die Möglichkeit ihres nahen Todes gemahnt.

Hatte ich ihn schon vergessen? – sie war dahin, aber meine Wünsche und Hoffnungen tangierte dies nicht, und für mich beanspruchte ich nach wie vor das Glück. Ja, für mich sollte es einherrauschen und überfließen, war auch Amarant dahin.

Glaubte ich dies wirklich! Ach nein! – Nicht der Vision des durchsichtigen Baches, noch des Vergißmeinnichtes, das tauumfeuchtet im Waldesschatten seine blauen Bänke wie holde Schrecken zieht, noch des mächtigen Gartens, in welchem nur die kleinen edlen Vögel zu finden sind, weil ihn die Nachtigallen jährlich übervölkern und dessen reichgekrönte, von Putten so belebte Balustraden, dessen Statuen uns ergreifen und dessen Rosenbeete, dessen Rosenstauden von den Strahlen des hohen Springbrunnens weithin verschleiert stehen – nein, nicht von solchen Bildern war mein Leben überhangen. Weitab von ihnen würde meine Straße ziehen, leer abbiegen, wo sie sich nur zeigten, mein ganzes Leben würde werden wie diese Reise: Enttäuschung und Verdruß.

Daß ich San Gervasio um eine Sekunde zu spät erreichte, bestärkte mich noch in dem Glauben, denn Schlüsse, mörderische wie gute, konnte ich ziehen wie keine. Der kleine elektrische Zug fuhr gerade davon. Da stand ich also und sah zu den Türmen und der magischen Kuppel des Domes hinüber. Hinter mir rollte ein Wagen; ich wich ihm nicht aus. Mein durchwühltes Herz war in eine wilde Senkung geraten. Doch die Pferde trabten fröhlich abseits, das flockige Weiß eines seidenen Sonnenschirmes hob und senkte sich, darunter ein Lachen so abgetönt, so leicht umflort, so unbeschwert, daß ich den Trübsinn, dem ich noch eben frönte, weit zurückwies und mich seiner schämte. Denn Frau Coroughdeen war es, die ihre großen Augen verwundert auf mich richtete und die Pferde halten ließ. Ihr Wagen war es, in den ich sprang und einen Augenblick später den Hügel von Fiesole hinauffuhr. Matt wie angehauchtes Silber rückte die profilierte Stadt von neuem in die Ferne. Auch in mir war alles licht und blau geworden und konnte sich keiner Stürme mehr entsinnen, als wäre alle Not und alle Trübsal eintägig. So tilgte sie ein einziger Freudenstrahl in meinem freudegierigen Gemüt und stellte alles wieder her. War auch Amarant dahin ...

Fünftes Kapitel

Eine Stunde später saß ich in der geschützten Loggia einer Villa, die am höchsten Plateau von Fiesole hinter Pinien und Tannen ungesehen die Gegend übersah. Die schöne Mary, ihr Bruder, sommerlich gekleidet, und ein junges Ehepaar umringten mich und hörten mir zu.

Denn ich erzählte. Und ein Vogel, der Haft entronnen, schmettert auf seinem Ast nicht unentwegter darauf los. Und glaubt man, daß er fertig sei, so setzt er schon wieder ein und ist in Zug geraten. Mary Coroughdeen saß den Kopf zurückgeworfen und lachte. Keine Linie an ihr, die nicht der Regelmäßigkeit spottete, so triumphierend aber, daß meine Nöte mir verächtlich erschienen. Ich äffte jetzt das Pferd, wie es geängstet aus dem Hofe ausriß, und mich selbst, wie ich dem Wagen folgte und seine Spuren beging, und das Pferd, wie es scheute, wenn es ihrer ansichtig wurde. Es ging mir wie ihm. „Ich kann sie nicht sehen!“ rief ich aus. „Auch sehe ich sie nicht.“

„Wie bringen Sie das fertig!“ fragte der sommerliche Herr, „da Sie doch Ihre Tage bei ihr verbringen.“

„Daß Gott verhüte! da bin ich doch in Florenz! möglichst früh und komme erst abends zurück.“

„Allein?“

„Aber ja! Wer sollte mit mir kommen den weiten Weg? und er ist ja so sicher.“

„Wer hat Ihnen das gesagt?“

Mary Coroughdeen hatte sich hoch aufgerichtet, und alle starrten mich an.

Sechstes Kapitel

Ich verbrachte den Tag in der weitläufigen Villa und wußte nicht, wer mir am besten gefiel: die schöne Mary, das junge Ehepaar, das zu Besuch bei ihr war, oder der sommerliche Herr. Eilte denn meine Rückkehr nach Hause? Wäre es nicht schöner, zu Neujahr nach Rom zu fahren? Man hat eine Etage gemietet; es sei noch reichlich Platz. „Oh ich komme gerne!“ rief ich aus. „Abgemacht,“ klang es einstimmig zurück. Ich war im siebenten Himmel.

Abends fuhr mich Mary Coroughdeen den Hügel hinab zur Hexe zurück. Sie lenkte selbst. Nur wenig Sterne hingen am mondlosen Himmel. Wo blieb das prangende, neugierig blitzende, unendliche Heer, das sich gestern Nacht gesammelt hatte? Ich dachte an meine Angst. Wie war sie fern! Gar gefällig lösten sich freilich von solch einem Wägelchen herab die endlosen Schleifen des Weges.

Da sagte Frau Coroughdeen: „Sie müssen mir versprechen, hier nie wieder im Dunkeln zu gehen.“

„So hat die Hexe gelogen!“ fuhr ich auf.

„Mit nichten“, sagte die sanfte Frau, „aber sie ist ein Sonderling.“ Sie gab sich mit dem Pferde zu schaffen und trieb es an.

„Es ist immer besser,“ sagte sie dann und blickte geradeaus, „Zerwürfnisse zu vermeiden.“ Es war fühlbar, daß sie selbst sich nicht zerwerfen wollte. Und hier war kein Feld zu einer Diskussion. „Ich werde die übrigen Tage bestehen, wie sie nun mal sind“, gelobte ich ihr, seufzte, lachte aber sogleich.

„Und dann kommen Sie ja zu uns!“ rief sie sichtlich erleichtert aus.

Das Zimmer, das ich bewohnen sollte, hatte sie mir schon gezeigt, mit den sanft vom Winde gebauschten großgeblumten Vorhängen, die Luft selbst im Finstern so lauschig, und nirgends umlauert ...

Elf Tage jedoch können sich so lange hinausdehnen, daß man an ihrem Ende verzagt. Sind sie verronnen, oh, so schöpft sie kaum mehr die hohle Hand. Ich behalte von jener Zeit nichts mehr zurück, als daß sie mir endlos erschien. So leichtfüßig ist überstandene Not.

Die Hexe ahnte nichts von dem romantischen Zwischenfall, der mir so frohe Aussichten eröffnete. Ich erwähnte ihn nicht. Es war nicht immer leicht, angesichts ihres täglich neu formulierten Erstaunens über meine verfrühte Rückkehr aus Florenz. Bevor noch die Lampe einzog, betrat ich den Salon. Es gab keinen anderen Aufenthalt, mein Zimmer war kalt. Und dann stand ich an der Fenstertüre und starrte trübselig hinaus, Cara aber brachte den Tee mit den merkwürdigen kleinen Kuchen wie aus verzuckertem Sand, die man nicht essen konnte. Oder war es wirklich nur die Beklemmung? Auch wenn ich noch so hungrig zu Tisch ging, widerstanden mir alle Speisen. „Wie machen Sie es, daß Sie leben?“ hatte die Hexe einmal gefragt. Aber es läßt sich nicht schildern, wie mir an ihrem Tische das Gemüse sich zu ungenießbarem Schilfe verwandelte und ihr Brot in den knolligen Rohzustand zurückkehrte. So furchtbar war es, an ihrem Tische zu sitzen. Obwohl sie etwas ganz Unanimalisches hatte, fand ich ihre Art zu essen mehr ein Vertilgen, wie bei den Schlangen, und daß sie pfiff dabei wie eine Maus. Nur einen Lichtpunkt gab es, und ich freute mich manchmal die halbe Nacht darauf: es war das erste Frühstück, mit welchem die stumme Cara bei mir einzog. Sie zündete zugleich das Feuer an, und freundliche, nach Pinien duftende Flammen schlugen dann im Kamine auf. Und da war die braune Tonkanne und die dicken gerösteten Brotschnitten, auf welchen die Butter zerfloß, alles mit einer versteckten Sorgfalt bereitet, hin und wieder ein Blümchen, blasse Heckenrosen vom Fluß. Doch als ich das erstemal dafür dankte, lief Cara mit erschreckter Miene zur Tür.

Siebentes Kapitel

Es fehlten nur noch vier Tage. Mein Koffer stand inmitten des Zimmers aufgeschlagen; im Tanzschritt hatte ich schon ein paar Sachen hineingelegt, da sank mir noch einmal der Mut. An einem fast schwülen Tag riß mir auf dem Heimweg ein plötzlicher Sturmwind den dünnen Umhang immer wieder in die Höhe, während ein eisiger Regen die Schultern durchnäßte. Es half nichts mehr, daß ich nachträglich eine gesteppte Seidenjacke überzog und ganz vermummt zum abendlichen Spiele schritt. Der Frost wollte nicht mehr weichen. Die Noten dagegen schienen alle aus ihrer Bahn geschleudert, erst nur gefallenen Maschen gleich, und die sich selber wieder fingen, dann aber sich auflösten zu einem verwirrten Heere, das hinauf und hinab nach allen Seiten stob, die kleinen, die schwachen und kurzen von den mächtigen tief unter die Linien hinabgestoßen. Wer gab den verrannten Scharen die Ordnung, die Besinnung wieder, die aufgewirbelt, mit gesenkten Köpfen losfuhren gegeneinander und begeistert fielen. Hilf Gott. O der Not, o des Getümmels! Wüste Bilder, Gesichte des Fiebers hatten im Nu unerträgliche Hitze erzeugt, und ich warf Schal und Jacke von mir. Doch die Hexe hatte keinen Unterschied in meinem Spiele wahrgenommen, sondern mit demselben bemerkenswerten Stirnrunzeln zugehört wie alle Tage. Was legte sich indessen wie eisige Tücher um Nacken und Hals, daß die Zähne zusammenschlugen? Und wer, o wer hatte die Flammen im Kamin verräterisch umnebelt, daß sie so trübe tanzten, kalt auch sie? Zuckte es da nicht wie von Schlangenzungen in den Augen der Hexe auf, als sie, ohne ein Wort zu sagen, endlich die Zeichen meiner Erkrankung las, die ihr doch nicht genehm sein konnte ... und ich war nicht gewillt, so hart vorm Ziele dem Becher der Freuden zu entsagen. Wie mit Krallen, alle Energie der Jugend im Aufgebot, focht ich gegen die Erkältung an und trat sie nieder. Als Cara nach einer schier endlosen Nacht endlich, endlich bei mir eintrat, schlürfte ich den Tee, den sie mir brachte, wie ein Elixier, und als wiederum der Abend kam, schlug ich den Flügel auf, als fehlte mir nichts. Die Hexe konnte nicht umhin, sich gnädig zu zeigen. In Wahrheit begegneten sich jetzt unsere Wünsche: der meine, sie zu verlassen, der ihrige, mich los zu sein. Bedeutete sie mir doch seit kurzem immerzu den deutschen Weihnachtsbaum, unter dem ich nun in Bälde stehen würde, und was für eine hübsche Sitte er sei. So lag ich jetzt tagsüber in meinem Zimmer zusammengerollt, Cara braute mir ungehindert allerlei bittere Getränke und trug mir dann die entzauberten Speisen auf, in welchen ich statt zerfaserten Schilfes Bohnen oder Spaghetti erkannte.

Achtes Kapitel

Es dämmerte der Morgen meiner Abreise: hochgehißt, wie eine entrollte Fahne, war er da. Zum letzten Male saß ich in dem zugigen Speisesaal zur ebenen Erde und spürte seine kalten Ziegel unter meinen Füßen. Der Regen schlug gegen die Scheiben; böse fuhr der Wind sie an. Aber trotz des schonungslosen Mittagslichtes faßte ich heute die Hexe und ihre Drachenschulter voll ins Auge. Sie glaubte noch immer, in einigen Stunden würde mir der Apennin im Rücken liegen.

Es gab zu diesem Essen eine unvergleichliche Pastete. War sie wirklich so vortrefflich, oder würzte sie zur Götterspeise das Gefühl des Sieges und der überwundenen Krankheit? Zwei Riesenstücke hatte ich schon davon gegessen und fuhr trotzdem fort, ihr Blicke zuzuwerfen. Auf einer Seite hielt sich noch eine Kruste aufrecht. Etwas wie eine halbe Entschuldigung, ein verlegenes Lächeln, und ich streckte sie hin. Denn die Fenster sahen auf den Hof, und dort stand ja schon das Wägelchen gerüstet, und meine Koffer lud man jetzt schon auf. Es folgten nur noch die paar Augenblicke in dem verhängten Salon, wo die Schatten alle Dinge schonten und man den Himmel weinen hörte über dieses Haus. Meinem stets vorgreifenden Gemüte war es schon abgerückt, derweil ich mich noch darin befand; schon war sie mir vergangen, diese ganze Zeit, mit der ich erst im Begriff stand abzuschließen. Weggeblasen die lächerlichen Klavierabende; alles vergessen, da es überwunden war!

Zum ersten Male seit meiner Ankunft schwang ich mich wieder auf den hohen Sitz, von dem aus die Hexe ihr schemenhaftes Roß kutschierte. Entzückt von den Schönheiten des Weges, seinem Flüßchen, seinem Immergrün, hoben sich meine Arme zum Gruß der Rosen, die so spät von einem ewigen Sommer träumten im Schutz des trügerischen Laubs.

In San Gervasio stieg ich aus.

„Ich hoffe,“ sagte die Hexe, – denn nichts hätte gesitteter sein können, als unser Auseinandergehen – „ich hoffe, Sie besuchen mich, falls Ihr Weg Sie wieder in die Gegend führt.“

„Ich werde gewiß nicht verfehlen.“

„Sie sind noch erkältet. Nehmen Sie sich in acht. Sie werden eine kalte Reise haben.“

Ich lachte. Mochte das verderbliche Weib sich wundern über mein leichtes Herz. Später, irgendwann, sollte es von meiner Übersiedelung nach Fiesole erfahren, als hätte es sich auf Grund einer Begegnung ganz improvisiert und zufällig ergeben. Denn so war es ausgemacht. Und alles fügte sich gut. Ihr Gefährt war außer Sicht, bevor ich den Zug bestieg, der statt nach Florenz den Hügel von Fiesole hinauffuhr.

Neuntes Kapitel

Hier oben setzte nun jenes Zwischenspiel ein, welches die Oase, die selige Insel, die gedeckte Brücke darstellte über eine sonst wie auf geheime Weisung mit großen und kleinen Steinen immer neu versperrte Bahn. Glatt wie Marmorfliesen lief sie plötzlich dahin. Ich sah nur mehr in die Luft und residierte auf Wolken. Die Geschwindigkeit, mit welcher der auf Verwehrungen Gestellte sich an Erfüllungen gewöhnt, scheint darauf hinzudeuten, diese seien letzten Endes doch unsere eigentliche Bestimmung ... Geschmeidig, wie ein nach Maß verfertigter Handschuh, paßte mir die Freude nach drei Tagen an. So sollte es bleiben, und so war es recht. Blumengewinden gleich schlangen sich die Stunden hin; schade um die, welche man verschlief. Des Nachts lag ich noch lange in dem breiten Fenstersims meines Zimmers; zu meinen Füßen lag die glitzernde Stadt, vom Mondlicht überströmt, und ruhelos überdachte ich die Genüsse des vergangenen wie des kommenden Tages. Es fehlte nicht an Depeschen, die mich bald zu diesem, bald zu jenem Vergnügen hinunterriefen und die mir schmeichelten. Aber am schönsten war es doch hier oben, am liebsten sah ich es, wenn die paar witzigsten oder schönsten Florentiner in dem tiefen und dunklen und doch so frohgemuten Saale sich zu uns gesellten, dessen Tisch, ans äußerste Ende gerückt, sich wie auf einer Bühne ausnahm, nur von Kerzen beleuchtet, in deren Schein die Gesichter noch schöner, die Gespräche noch beschwingter wurden. Doch wer auch kam, immer war es Mary Coroughdeens Vorsitz, der unsere Tafelrunde krönte. Denn wessen Blicke schweiften geruhsamer, welcher Mund lächelte sanfter über uns hin? Ich nahm das Kolorit ihres Haares, die Madonnenpracht ihrer Erscheinung für gegeben. Wer den Schreck noch nicht erfuhr, die Reize eines Angesichtes, die er in ihrer Blüte sah, welk oder zerstört wiederzufinden, der kennt das Leben nicht. Hier vermag die Phantasie für sich allein ohne Erfahrungen nicht vorzugreifen. Frau Coroughdeen stand in ihrem Zenit, und es kam mir nicht in den Sinn, daß sie ihn gerade deshalb bald überschreiten würde. Ich besaß noch nicht die Vorstellung von dem Prozeß, der sachte aber geschäftig ein eben noch straffes Gewebe lockert: hier eine kleine Schärfe, ein leises Erschlaffen dort, und der Verfall ist eingeleitet, so unmerklich zwar, daß man sich fürs erste fragt, ob jenes Gesicht noch ganz so schön ist, wie das Jahr zuvor.

Ähnliche, einer Beschämung so verwandte Erkenntnisse lagen mir noch fern; es war alles zeitlos. –

Zwei hübsche Abendkleider, welche ich bei der Hexe nie Gelegenheit gehabt hatte anzulegen, kamen mir jetzt sehr zustatten: eines besonders, von flügelartigem Schnitt mit schwarzen Achselbändern. Wie entseelt hing es vom Stuhle.

Zehntes Kapitel

Das junge Ehepaar war vorläufig nach Capri vorausgefahren; Mary Coroughdeen, der sommerliche Herr und ich wollten mit dem Abendzug nach Rom; Treffpunkt war die Bahn. In meinem Vergnügungsfieber folgte ich vorher noch einer Einladung in die Stadt und aß in einem Kreis von Leuten, welche den Eindruck in mir erweckten, daß sie mich bewunderten. Dies bewirkte ein Gefühl so großer Sicherheit, daß meine Einfälle einander richtig jagten. Denn was konnte mir das Schicksal noch anhaben? Um sechs Uhr ging es mit Mary und dem sommerlichen Herrn nach Rom, und Treffpunkt war die Bahn. Strahlend machte ich mich von meiner Umgebung los, um einen Strohhut zu erstehen, der mir schon lange ins Auge stach. Der Preis war toll, aber was schadete das? Eine solche Jahreswende, ein solches Silvester mußte man feierlich begehen. Schon lag der kürzeste Tag zurück: jetzt gerade setzte im Norden die ärgste Kälte ein. Dem häßlichen und hassenswerten Winter war ich zum erstenmal entronnen, dem grauen Schnee um drei Uhr nachmittags unter den abscheulichen Glockenklängen meiner in den siebziger Jahren erbauten Stadtpfarrei. O wie sie die Öde des todbringenden Alltags ausläuteten! Entronnen!

Ja, Treffpunkt war die Bahn.

Und stand da nicht schon Marys Wagen, der Insassen bar? kam mir da nicht der sommerliche Herr entgegen? beschleunigte ich nicht meine Schritte?

„Ich zerbreche mir den Kopf,“ sagte er, „was am besten wäre.“

„Einen Strohhut kaufen!“ Und ich schwenkte lachend den papiernen Sack, der ihn enthielt. „Ist schon geschehen.“

„Ein großes Unglück ist geschehen“, sagte er da. „Mein Schwager ist plötzlich gestorben. Ich suchte vergebens, Sie zu erreichen. Mary ist mit dem Mittagszug nach London abgereist.“

* * * * *

„Wollen Sie nicht nach Fiesole mit mir zurück?“ – – – – – – – – – – – – – –

„Bis das Haus aufgelöst ist – Oder ziehen Sie vor, hier in Florenz zu warten?“

„Wie lange bleibt sie fort?“

Er zögerte. „Auf den Tag natürlich läßt es sich nicht genau bestimmen.“

In diesem Augenblick wußte ich schon längst, daß mir keine andere Wahl bliebe, als schnurgerade nach Hause zu fahren.

„Schade“, sagte er.

„Sehr schade, sehr traurig“, sagte ich und ging gemessenen Schrittes an seiner Seite auf und nieder.

Auch nach Norden ging ein Zug in einer guten Viertelstunde. Recht so. Ich löste alsbald eine Karte. Er schien betreten über eine so kategorische Hast. Aber Leute, die das Schafott besteigen müssen, haben es eilig.

So nahm ich Abschied, stieg ein und winkte lächelnd aus dem Fenster, als ich schon fuhr. –

Ein Bäumchen, vorfrüh ganz in Blüten gehüllt, sogar von Hitze schon umwoben, von Bienen und von Faltern schon umschwärmt, das schon Vögel aussandte und in seinem Geäste nisten sah, und das im Mondlicht vor Entzücken schauerte und plötzlich unter einem niedrigen und schwarzen Himmel von einem harten Schneegestöber gefaßt wie erblindet steht, mit knackenden Ästen, sein herrliches Kleid vernichtet und zerfetzt – der Anblick eines solchen Bäumchens wird mich zeitlebens an den Bahnhof von Florenz und jenen Tag zurückversetzen, an dem ich dem sommerlichen Herrn entgegenging, die Tüte schwenkend mit dem neuen Hut, in dem ich ihn und alle, die mich darin sehen würden, zu betören gedachte. Er, dieser Hut, im Übermut gekauft, war schuld. Meine Fahrkarte reichte nur bis Bozen. Dorthin kam telegraphisch das Geld, das meine Heimreise ermöglichte. Es schwebte mir das Postamt vor, von dem es aufgegeben wurde. Leute mit frostentflammten Nasen gingen aus und ein. Es war in der Tat die kalte Fahrt, die mir die Hexe versprochen hatte. München lag wie vereist.

Dies war meine erste Abfahrt von Florenz.

Elftes Kapitel

Doch ich kam wieder. Im Frühling zog ich wieder die Via Tornabuoni hinab, sicheren Schrittes auf den Arno los. Als wäre sie mein, diese Stadt. Blumen gehörten jetzt zu ihrem Bilde. Es war die Mode der weißen Handschuhe. Diese weißbehandschuhten Hände trugen alle Blumen. Blumenbüschel schossen an allen Straßenecken auf, und wohlfeil war die Anemone; und die gelben Sonnenkelche, die Narzissen, die hochgehißten, fast wilden Sträuße der Mimosen. Mein waren auch die Düfte dieser Stadt, die über die Brücke hinschlugen, ihre erste Hitze und ihr erstes Grün. Jedoch mein Reiseziel war Rom. Und erfahrener kam ich wieder als im vergangenen Jahr. Ich hatte alles mitgenommen dieses Mal. Am blauen Seidenbande, im rosa Seidensäckchen eingenäht baumelten deutsche Zechini mir vom Halse, die mir den Himmel öffnen sollten über Rom. Ich griff nach ihnen: sie waren immer da. Auch der Gürtel mit der hohen Schließe, immer aufs engste zugeschnallt, war eine Garantie. Und wieder einmal fand ich das Leben eine schöne und merkwürdige Erfindung, unerschöpflich an Genüssen. Denn die Wunder Gottes waren nicht allein. Die Menschen hatten ihnen die Wunder ihrer Architektur und ihrer Musik, die Wunder solcher Städte zugesellt: diesen Turm der Signoria zum Beispiel in seiner direkten Beziehung zu den Wolken. O wie er sich reckte! wie er aufflog zu ihnen.

Der Dom warf sich auf gleich einem Berg. Er warf Schatten gleich einem Berg. Enge Gassen liefen auf ihn zu. Plätze gaben seinen himmellangen Seitenwänden das Geleit; Straßen folgten ihnen von fern. In der Buntheit, in der fließenden Glätte seines Gesteines pochte Gesang. Was funkelte da in der Bläue des Tages über die Dächer der Stadt? der Hügel Fiesoles, vielgekrönt, reich an Erinnerungen.

Marys Haus war geschlossen, aber sie und ihr sommerlicher Bruder erwarteten mich in Rom; morgen, alle una mit dem direttissimo ... Alle Hotels waren überfüllt. Man hatte mir eine Pension sehr angelegentlich empfohlen, die mir außerordentlich mißfiel; in einem modernen Viertel gelegen mit feudalen Mietsparteien in den unteren Etagen, von welchen sie ihren Leumund bezog, vier Treppen hoch, die immer steiler und kahler wurden.

Wer aber beschreibt den Speisesaal?

Fünfundvierzig – ich hatte sie gezählt – fünfundvierzig alte Engländerinnen, alte Fräuleins, alte gezierte Schachteln sammelten sich hier um die Essenszeit mit fürchterlicher Pünktlichkeit zu Hauf, nahmen vor kleinen Tischen Platz und boten einen empörenden Anblick. Denn alte Frauen sind wie Topfpflanzen aufzustellen, ja, und auch zu hegen, aber sie gehören nicht in Sträuße wie die Zentifolie. Und nicht nur mit ihren fünfundvierzig Teekännchen, die Damen waren auch samt und sonders mit den Photographien der Primavera und des Konzertes von Giorgione vermählt. Der melancholische Mönch, ohnehin das Symbol aller Verzichte, mußte daran glauben.

O diese bornierten Stirnen, so untergeordnet und so ladylike, diese zufriedenen Ohrmuscheln, diese phantasielosen Fingerknöchel, die Monotonie dieser Münder, die alle dasselbe aßen, alle ohne Variante dasselbe sagten; England, mochte es über den ganzen Erdball siegen, England war blamiert mit ihnen! Mein Gegenüber war von einer so housekeeperhaften Manierlichkeit, sie war so schrecklich fein, daß ich jetzt beide Ellbogen aufstützte, um weiter zu essen – als die sechsundvierzigste Engländerin in Begleitung eines Reverend unter die Türe trat. Mit ihrem vornübergeneigten Kopf, der breiten und mächtigen Nase, der braungelben Färbung, der langen und ungefähren Gestalt, trat sie wie der aufrechte Genius der Sardine einher.

„Wer ist das?“ fragte ich unwillkürlich.