Sonderlinge

Part 5

Chapter 53,741 wordsPublic domain

Du weißt, daß ich für das Frauenkloster die Altarstatue geschaffen habe. Vor Jahren schon. Seither war mein Künstlerherz oft in jener Klosterkirche bei den reichen Kunstschätzen, bei dem glanzvollen Kultus und bei den anmutigen Gestalten der Schwestern und Novizinnen. Die bekam man aber selten zu sehen, da dem profanen Erdenpilger die heiligen Mysterien eines Frauenklosters möglichst verborgen bleiben müssen. Nun kam aber der hohe Gedächtnistag der Gründung dieses Klosters und der sollte durch ein großes Kirchenfest begangen werden. Aller Glanz sollte aufgeboten werden, alle Schwestern, Jungfrauen in ihrer Zier sollten im weißen Festgewande unverschleiert den Einzug halten und in vielen Reihen sich um den Hochaltar gruppieren. Du kannst dir denken, daß ich diesen Aufzug sehen wollte. So habe ich mich bei der Oberin angemeldet und ersucht, dem Feste mit beiwohnen zu dürfen.

»Ja, mein geschätzter Herr,« sagte die Matrone, »das wird wohl nicht gehen, da nach unseren Regeln kein fremdes männliches Wesen an unseren Gottesdiensten teilnehmen darf.«

»Aber ehrwürdige Mutter,« sagte ich, »ich bin ja kein fremdes männliches Wesen. Ich bin der Künstler, der von Ihrer Gottseligkeit gewürdigt worden war, die Altarstatue zu verfertigen. Und sollte nicht die Gnade haben können, bei der hohen Feier, die diesen erhabenen Gegenstand betrifft, dabei sein zu dürfen?«

»Aber mein Gott, Herr Professor, wenn Sie so reden! Was machen wir denn da? Sie sehen doch ein, daß ich eine unserer wichtigsten Ordensregeln unmöglich übertreten kann.«

»Haben Euer Ehrwürden in Ihrer sonst so vollkommenen Anstalt kein Hintertürchen, das zufällig offen bleibt und durch das ein frommes Christenherz sich ungesehen hineinschleichen könnte?« So sagte ich halb scherzend, denn die Oberin -- das war mir schon von früher her bekannt -- versteht auch Spaß. Sie lächelte denn auch zu meinem Vorschlage, drohte aber mit dem Finger; vor einem, der so redet, müsse man sich erst recht in acht nehmen. Indes falle ihr ein Ausweg ein, der ihr ermögliche, den Eintritt zum Festgottesdienst zu gestatten.

»Und der ist?«

»Sie müssen dafür etwas leisten.«

»Herzlich gern. Wie viel denn?«

»Nein, in Geld nicht,« rief sie fast fröhlich. »Aber an der Feier mitwirken, wenn Sie das wollten. Können Sie an der Orgel den Blasebalg treten?«

»Das Blasebalgtreten, ehrwürdige Mutter, wäre keine Kunst, wenn der Blasebalg nicht gerade im Winkel hinter der Orgel wäre, wo man nichts sieht.«

»Ach ja,« sagte die Äbtissin, »das ist wahr, da sehen Sie nichts.«

»Natürlich,« glaubte ich sogleich beisetzen zu müssen, »geht es mir nicht bloß ums Sehen. Wohl auch der Erbauung wegen --.«

»Na na,« unterbrach sie mich, »das wissen wir uns schon zu reimen. Die Künstler sind ja alle mehr oder weniger Heiden. Nun -- fällt mir was ein. Wollen Sie Himmel tragen? Da wären Sie mitten im Einzug und könnten alles gut sehen.«

»Himmel tragen? Das wäre schön, Euer Ehrwürden,« stotterte ich, »allein, da werden gewiß andere sein, Bestimmte, Würdigere.«

»Es sind ihrer vier. Aber einer ist krank. Eine Stange ist augenblicklich vakant. Dann hätte es weiter kein Bedenken.«

»Meinen ehrerbietigen Dank, aber ich muß mir's doch erst überlegen, ob -- ob ich zu diesem ehrenden Amte nicht etwas zu ungeschickt bin.«

»So überlegen Sie sich's. Und lassen mir's bis morgen sagen. Der Herr mit Ihnen.«

So die Unterredung mit der Oberin. Dann überlegte ich. Eine Stange des viereckigen Baldachins tragen, unter dem ein wohlgenährter Prälat einherschreitet. Ob sich das mit dem akademischen Künstler und dem kaiser-königlichen Professor wohl verträgt? Aber das glänzende Gepränge. Meiner Hände Bildwerk in einem Meere von Lichtern und Rosen. Und dann die weißen Jungfrauen. Besonders die eine mit dem länglichen Angesichte, die großen blauen Augen drin und die Wangengrübchen ...

Am nächsten Morgen, als ich auf dem Bette saß, während meine Frau mir einen entsprungenen Knopf an die Weste heftete, begann ich über die Sache mit ihr zu sprechen. Sie blickte mich befremdet an und sagte endlich: »Mann, das soll wohl nur ein Witz sein? Mit drei Banausen Himmel tragen -- du!«

»Das einzige Mittel, um diesen interessanten Aufzug mit ansehen zu können.«

Sie lachte laut, sehr laut und grell -- fast widerwärtig.

»So ein Künstler hat seine Sachen,« sagte ich. »Man bedarf Anregung.«

»Die du zu Hause natürlich entbehren mußt!«

»Und gerade will ich diesen Aufzug sehen.«

»So tu's eben.«

»Ist verboten, wie gesagt. Ist nur erlaubt, wenn ich etwas zu der Begehung leiste. Wir haben beraten, die Oberin und ich; es gibt kein anderes Mittel, als daß ich eine Stange des Baldachins übernehme.«

»Im roten Radmantel natürlich!« lachte sie.

»Was es da nur so dreist zu lachen gibt. Von einem roten Mantel ist ja keine Rede. Ob man nur so an einem Einzuge teilnimmt oder ob man +pro forma+ eine rote Stange in der Hand hat. Sind stets nur die würdigsten Männer dazu ausersehen.«

»Und das Gerede der Leute, daß Professor Hertner bei den Marienschwestern Himmelträger geworden ist?«

»Aber es erfährt's ja kein Mensch. In so einem Kloster, das ist ja eine geschlossene Gesellschaft.«

»Ich sage dir, in allen Witzblättern bist du nächstens mit deiner Himmelstange. Nein, so was könnte einem doch im Traum nicht einfallen! Herr Jesses, wenn der Zaruzel draufkäme!«

Sie legte die Weste hin und ging etwas lebhaft ins Nebenzimmer. Ich mußte sehr den Kopf schütteln. Wie die Frauen gleich alles auf die Spitze treiben! Wo sie doch sonst so viel Verständnis für meine künstlerischen Interessen hat! -- Der Zaruzel, meinte sie, dieser Karikaturenschmierer! In die Witzblätter! Na, das wäre so was! -- Aber all diese Vorstellungen und Bedenken verblaßten vor den weißen Jungfrauen, die ich just einmal sehen wollte. Der Oberin wurde angezeigt, daß ich mich zum Feste rechtzeitig einfinden würde.

Meiner Frau sagte ich nichts mehr davon und auf ihre Frage, weshalb ich mich so feierlich schwarz ankleide, schützte ich dreist eine Aufwartung beim Statthalter vor. Du kannst dir denken, daß ich an diesem Tage nicht auf geraden Wegen dem Kloster zuging, sondern durch die Gassen und Gäßchen hinterwärts, wo man durch ein Pförtlein in den Klostergarten gelangen kann. Das Pförtlein war natürlich versperrt. Auf mein Läuten erschien der alte Gärtner, der mich auf meine Versicherung, ein Himmelträger zu sein, mit einiger Säumnis passieren ließ. Im großen Klosterhof wurde der Festzug zusammengestellt. Meine drei Berufsgenossen waren alte Männer mit Glatzen und grauen Bärten, die sich über den fremden vierten, der statt des erkrankten Schusters da war, ein wenig zu wundern schienen. Wir bekamen scharlachrote Mäntel; eiskalt ging es mir durchs Gebein, als ich den meinen über die Achsel legte. Doch für alle Fälle war das eine willkommene Vermummung. Wir holten aus der Kirche den rotseidenen, goldbefransten Baldachin mit den vier Tragstangen. Der Hof füllte sich mit ornadierten Priestern, dunkelgekleideten Nonnen und den weißen Jungfrauen. Nachdem der Patriarch in golddurchwirktem Meßkleide unter dem Himmel stand, bewegte sich der Zug um die Kirche und zum Hauptportal hinein. Ich sage dir, es war eine Pracht! Dieses Lichtgespiel, diese bunte Gestaltenreihe. Die weißen Jungfrauen, eine lange Reihe, waren geschmückt mit roten und blauen Schleifen; ihre Locken schwarz und gold und bis zum lichtesten flachs, wallten über den Nacken; ihre Augen, ganz entweltlicht, möchte ich sagen, schauten groß und unschuldig gleichsam in die himmlischen Räume auf; andere senkten die Lider oder schlossen sie ganz. In den Händen trugen sie brennende Kerzen. Und dieses Singen, Freund! Man hört manchmal das Wort Engelsgesang und denkt sich nichts dabei. Ganz himmlische Stimmen sind es gewesen, auf Erden gibt es keine solchen. Die rote Stange in meiner Hand und der rote Mantel über mir waren rein vergessen über dieses wunderschöne Bild, über diesen bezaubernden Gesang. Nun in der Kirche angelangt, stellten die Jungfrauen sich am Altare auf in Reihen, die rückwärtigen höher als die vorderen, so daß es ein wunderbares Mosaik aus Engelsgesichtern ward -- ein unbeschreiblicher Liebreiz. Der Himmel, umdrängt von andächtigen Frauen, hatte mitten in der Kirche angehalten, der Prälat stieg zwischen den Jungfrauen zum Altar hinauf. Es begann das Hochamt. Die Priester knieten nieder, die Nonnen knieten nieder, die Jungfrauen knieten nieder. Alles kniete in großer Demut nieder auf beide Knie. Auch meine drei Himmelträgergenossen. Und auch ich. Aber die Minute, die der erste Segen dauerte, war schmerzlich lang, denn die feinen Sandkörnchen des Steinbodens bissen durch das Beinkleid in das verweichlichte Knie, das seit meiner Knabenzeit nicht mehr geübt worden war. O Freund! Ich ahnte nicht, daß es erst der Anfang einer qualvollen Stunde sein sollte. Unmittelbar nach dem Segen wollte ich mich aufrichten, aber -- alles blieb knien. Auch meine Banausen knieten so fest, als ob sie in den Steinboden hineingewachsen wären. Ich allein aufstehen und stehen bleiben neben der Stange? Unmöglich. Abgesehen von dem unsühnbaren Ärgernisse, das damit gegeben worden wäre, hätte ich mich unberufenen Blicken ausgesetzt -- der akademische Bildhauer Professor Hertner als Himmelträger hätte alles überragt. Ich blieb knien, aber frage nicht wie und in welchem Jammer. Es war eine wahre Folter. Ein weniges geschah mir wohler, daß ich mich fest an die Stange klammern konnte, erst mit der einen Hand, dann mit beiden Händen. Aber diese Stütze wurde bald belanglos und die Last des Körpers lag auf den armen Knien, die auf dem unbarmherzigen Stein laut geächzt hätten, wenn Knie ächzen könnten. Ich konnte es, durfte es aber nicht. Mußte in schweigender Frommheit bewegungslos daknien. Die anderen, so weit ich sie beobachten konnte, knieten ganz behaglich, dem regen Mundgebete, den weidenden Augen sah man an, daß sie alles eher als an ihre Knie dachten. Keiner ahnte den Büßer in ihrer Mitte, der seinen Vorwitz so blutig sühnen mußte. Ich hatte es ja versucht, mich in die Schönheit des Bildes zu versenken, das gerade vor mir so lieblich und licht entfaltet war, dem Gesang zu lauschen, dessen Klang in die Hallen aufstieg, aber ich empfand nichts, als den Schmerz an den Knien. Das Ovalgesicht suchte ich, das mit den runden Blauaugen und den Wangengrübchen; dort hinten, zwischen zwei brünetten Lärvchen guckte es hervor, schier himmlisch verzückt und ein bißchen schalkisch. Allerlei liebliche Gedanken und Vorstellungen wollte ich anspinnen an dieses Engelsbild, aber es gelang nichts -- mein Knie, mein Knie! Da gedachte ich der Warnung meiner Frau, doch es war zu spät. Ich fühlte mich als Verdammter unter den Seligen. In meinem Leben nie hatte ich mich so heiß dem Evangelium entgegengesehnt als in dieser Stunde. Du weißt es, beim Evangelium steht man auf. Es kam endlich, alles erhob sich, ich mich fast zu früh, und atmete auf. Eine kleine Hoffnung leuchtete, als würde man von nun ab stehen dürfen, doch als das Evangelium vorüber war, kniete alles wieder nieder. In Gottesnamen, fest an die Stange geklammert, kauerte ich da und war entschlossen, knien zu bleiben, bis sie mich ohnmächtig hinaustragen würden. Aber so weit kam es nicht. Als die Not wieder sehr groß geworden war, entdeckte ich eine Kunst, die, auf den Waden zu sitzen. Was die anderen darüber dächten, das kümmerte mich nicht mehr, in dieser Selbsterniedrigung sahen mich ja auch nur die nächsten der dichtgedrängten Nachbarn und sie waren mitleidig. Die Knie waren sanft entlastet, ich saß auf meinen Beinen. Jetzt dachte ich wieder an das Gesicht mit den Wangengrübchen, aber ich konnte über die Köpfe nicht mehr hinwegsehen, der breite Buckel meines Vormannes begrenzte meinen Horizont. Doch nun war leicht standzuhalten und als es endlich vorüber, kräbelte ich mich mit Hilfe der Himmelstange krampfhaft und schier ungern empor.

Gesehen hatte ich's also. Dann den Mantel los, das Beinkleid an den Knien mit dem Taschentuch entstaubt, durch das Gartenpförtchen wieder hinaus und mit der unschuldigsten Miene die Gasse entlang. Rief mich eine bekannte Stimme an: »Professorlein, he! Ich dachte, wer einmal im Himmel gewesen, der käme nicht wieder zurück.«

Und war's der kleine Zaruzel, der berüchtigte Karikaturenzeichner für Witzblätter.

»Woher des Weges?« fragte ich mit kühn gespielter Harmlosigkeit.

»Von der Kirche der Marienschwestern, wo es heute so schön gewesen ist!« antwortete er mit widerlicher Süßlichkeit. »Du kennst ja den gelbhaarigen Teufelszwerg.«

»Von der Klosterkirche?« tat ich überrascht, »aber da darf ja kein Mannsbild hinein.«

»Doch, doch,« antwortete er. »Entweder es geht hinten durch das Gartenpförtchen oder es geht durch ein Dachfenster der Sakristei. Ersteren Weg pflegen die Bildhauer zu wählen; der letztere, beschwerlichere, bleibt für arme Witzblattzeichner übrig. Ich sage dir, Freund, köstlich warst du im roten Mantel an der Himmelsstange, unbezahlbar. An fünf Witzblätter verschicke ich.«

Hub ich an stark zu leugnen. Da sagte er ganz gütig: »Mühe dich nicht, es hilft dir nichts,« und zog seinen photographischen Momentapparat aus der Tasche.

Der schneidigste Mut kommt allemal, wenn nichts mehr zu verlieren ist. Ich blieb stehen und sagte leise: »Also Zahn um Zahn. Gut. An dem Tag, als das Bild im Blatt steht, wirst du umgearbeitet. Ich bin Bildhauer in Stein und Bein!« -- -- Das hat er verstanden. -- Seitdem sind Jahre vorüber, es hat niemand etwas erfahren. --

So erzählte mir der Professor am Fußsteig entlang. Da wunderte ich mich laut, daß er es selbst ausplaudere, was ein so tiefes Geheimnis hätte bleiben sollen.

»Jetzt ist alles verjährt,« entgegnete er. »Wenn's die Leute nun auch erfahren, sie glauben es nicht. Und wenn sie es glauben, so macht's mir nichts mehr. Übrigens geschah es doch nur aus Liebe zur Kunst und das vorzeitige Eindringen unter den Himmel habe ich an Ort und Stelle ja gründlich gebüßt.«

Der unglückliche Kammerdiener.

»Glauben Sie ja nicht,« sagte die Königin zur Gesellschaft, die nach dem Diner im Zerkle sich um sie versammelt hatte, »glauben Sie ja nicht, meine Herrschaften, daß unsereins so mächtig sei und alles nach Herzenswunsch schlichten könne. In vielen Fällen können wir das weit weniger als andere Leute; oft nicht einmal das Selbstverständlichste. Ach allzuoft war ich schon in heller Verzweiflung darüber, wie uns die Hände gefesselt sind, und das Herz, und ich sage sogar, auch der Kopf. Soll ich Ihnen eine Geschichte erzählen? Die Geschichte hat sich vor etwa einem halben Jahre im Schloß zugetragen und ist sehr tragisch. -- Wollen die Damen und Herren nicht rauchen? Schön, ich will, wie es Pflicht der Fürsten ist, mit gutem Beispiele vorangehen.«

Bei dieser launigen Bemerkung nahm sie aus der Kupferschale eine Zigarette und der Lakai hielt ihr das Flämmchen vor. Die Königin sog es mit einem Atemzug in die »Ägypter spezial« und winkte dem Diener mit einem gütigen Blick, daß er sich entfernen könne.

Der General strich seinen langen weißen Schnurrbart und horchte schmunzelnd der tragischen Geschichte entgegen, die im phantastischen Lockenhaupt Ihrer Majestät sich wieder zugetragen haben mochte.

»Die Herrschaften erwarten jetzt den Vortrag einer Romanze oder dergleichen,« lächelte die Königin, weil sie zum schwarzen Kaffee manchmal eine ihrer neuerstandenen Poesien zum besten zu geben pflegte. »Diesmal werden Sie irren. Die unerhörtesten Geschichten macht nicht der Dichter, macht das Leben. Und Sie, mein General, dürften der Tragödie wohl etwas weniger skeptisch entgegensehen, als es offenbar der Fall ist. Vielleicht werden die kommenden Dinge sogar Ihr Herz engagieren!«

»Mein Herz wird nicht mehr engagiert,« lachte der alte Weißbart, »außer Majestät geruhen zu gestatten, daß ich mir Kognak einschenke.«

»Der König,« so begann die Königin zu erzählen, »hatte einen Kammerdiener aufgenommen. Ein junger Magyar wars, ein hübscher sympathischer Bursche mit braunen Augen und perlweißen Zähnen. Die blaue Livree mit den weißen Seidenschnüren stand ganz prächtig zu seinem frischen, glattrasierten Rundgesicht. Sehr bald wußte er sich in seine Stellung zu finden, bei seiner ruhigen und flinken Art. Dabei hatte er einen heimlichen Humor, der sich allerdings nur in den Mienen ausdrückte, trotzdem aber nicht weniger sprechend war. Anfangs war er zum Laufburschen aufgenommen worden, allein, nachdem unser alter Onkel Tom gestorben, machte ihn der König zu seinem Kammerdiener. Obschon der Bursche einige Jahre Soldat gewesen, hatte er von seiner Einfalt, die er aus der Pußta mitgebracht, noch den Löwenanteil bei sich behalten. Es war ein guter braver Junge, der sich selbst die Stiefel putzte, weil er es für unbegreiflich hielt, daß der Kammerdiener wieder einen Kammerdiener hätte. Wenn er dann im Vorzimmer nach dem Takte eines Tschardas drauf losbürstete, oder wenn er schwermütige Pußtalieder sang, da habe ich manchmal ein wenig an der Türe gehorcht. Das Liebchen und die Mutter, diese zwei Frauen rangen in den Liedern um sein Herz -- es war ganz rührend. Der kleine Prinz stand oft bei ihm und hatte seinen Spaß, wenn Lajosch sang und die Melodie manchmal lustig mit ein paar hüpfenden Sprüngen mittanzte, in der einen Hand die Bürste, über die andere den Stiefel gestreift -- es war furchtbar komisch. Einmal machte er dem Prinzen den Vorschlag, ob sie nicht miteinander Sprachstudien treiben wollten. Er möchte von dem Prinzen französisch lernen und würde hingegen diesem das Ungarische beibringen. Der Prinz ging darauf ein und ich glaube, er hat bei dieser philologischen Gegenseitigkeit mehr profitiert als der andere. Doch glaubte der Prinz eine Klage verstanden zu haben, die Lajosch in seiner Sprache ausdrückte: Nichts sei ihm furchtbarer als die drei Tage in der Woche! -- Was sind das nur für drei Tage in der Woche? Wir verstanden es nicht. Wenn durch den Schloßhof die bärtigen Husaren in ihrer schmucken Uniform ritten, und hinaus ins Weite, da konnte Lajosch ganz melancholisch werden. Da vergaß er sein Singen und Tanzen, ging schwermütig umher und versah mürrisch seinen Dienst. Oft, wenn der König vorüberging, blickte er ihm verstohlen nach und einmal will die Kammerfrau ihn murmeln gehört haben: Wie beneide ich ihn! Werde ich's auch einmal erreichen? Da soll ihr schrecklich unheimlich geworden sein. Mit der übrigen Dienerschaft hat er gar nicht verkehren wollen. Diese nackten Rundscheiben! Diese Vollmondgesichter! So soll er bei sich geknirscht haben, und es hätte ihn der Ekel geschüttelt. Dann hat er die braune Gesichtsfarbe verloren und das Feuer in den Augen und ist abgemagert und ist immer trauriger geworden. Da fragte ich ihn eines Tages: Lajosch, hast du noch eine Mutter? Er antwortete auf ungarisch. Hast du Heimweh? Was ist dir, Lajosch? Er brummte etwas und wendete sich ab. Gerne hätte ich ihm noch wegen einer unglücklichen Liebe auf den Zahn gefühlt, denn nach meiner Überzeugung konnte es nur die Liebe sein. Mein Gott, vielleicht wäre dem Braven zu helfen. Warum sollte er sein Magyarenmädchen nicht an den Hof bringen? Es ist gewiß sehr hübsch. Ich liebe Naturkinder und brauche ein Kammermädchen. Aber es war nichts herauszukriegen vom armen Lajosch. Wieder einmal hörte man eine Klage über die drei Tage in der Woche. Dann versank er ganz in eine stumme Schwermut. Der König sagte, er würde den Lajosch weggeben müssen, der Arme müsse krank sein. Dem Arzt, der ihn konsultieren wollte, rief er ein ungarisches Fluchwort zu. Dann ging er auf sein Zimmer und zertrümmerte den Toilettespiegel. Nun dachten wir allen Ernstes an eine Geisteskrankheit. Der arme junge Mensch! Es war furchtbar traurig. Dabei war eine so weiche, ich möchte sagen, um Hilfe flehende Melancholie in ihm, daß uns allen betrübt zu Mute ward und wir uns entschlossen, doch noch eine Weile mit dem Burschen Geduld zu haben und recht gütig mit ihm zu sein. Wäre es irgend ein Anliegen gewesen, gewiß -- hatten wir gedacht -- ließe es sich erfüllen. Aber eine solche Krankheit -- das ist schrecklich. Auch weinen soll man ihn einmal gesehen haben, und bei sich jammern, daß es ein Unglück sei, wenn er einen solchen Posten verlassen müsse. Aber es sei gräßlich, es sei zu gräßlich, das zu ertragen! Die Kammerfrau glaubte nicht an Krankheit. Sie meinte, da sei ein Geheimnis dahinter. Mein Himmel, ein dunkles, wenn nicht gar blutiges Geheimnis! Ich habe ihn gar nicht mehr sehen können, ohne daß mich Grauen anwandelte. Die Entlassung wird notwendig werden. Doch habe ich mir vorgenommen, ihn erst noch einmal ernstlich zur Rede zu stellen. Da findet sich eines Tages unter den eingelaufenen Bittschriften auch ein Gesuch von unserem Kammerdiener Lajosch. -- Ich merke, die Herrschaften werden aufmerksam,« unterbrach sich die Königin. »Sehen Sie, das war ganz mein Fall. Neugierde kann man es nicht mehr nennen. Ein Taumel höchster Spannung, unter dem ich die unbehilfliche Schrift entzifferte, die schlechte Behandlung der Landessprache nicht achtete, um das Geheimnis endlich zu enthüllen. -- Ich könnte die Herren nun raten lassen. Doch abgesehen davon, daß Sie es kaum erraten würden, ist es nicht danach. Ich habe ja gesagt, daß es eine tragische Geschichte ist, vielleicht eine tragisch komische -- ich finde es geradezu packend und das Herz seiner Exzellenz wird am Ende doch noch engagiert --«

Denn der General lehnte nachlässig und ziemlich teilnahmslos in seinem Fauteuil und drehte seine Schnurrbartspitze.

»Wir brennen, Majestät!« sagte der Graf.

»Meine Herren, nur Geduld! Es wird episch erzählt,« entgegnete die Königin. »Man sollte das Schriftstück ja eigentlich vorlesen. Aber es ist besser, ich ziehe bloß den Inhalt heraus. Es ist zu rührend. Lajosch dankt für die Auszeichnung, ins Schloß aufgenommen worden zu sein. Er sagt, so gut wie jetzt ihm, sei es in seinem Heimatskomitat noch keinem Menschen ergangen, seit die Welt steht. Nur ein Anliegen trage er, es sei vielleicht dumm, aber er könne sonst nicht leben. Beim Militär sei er es so arg gewohnt worden und bei ihm zu Hause sei ein Mannsbild gar nicht anders denkbar. Gut und Blut wolle er mit Freuden opfern für den König, nur um die eine Gnade bitte er; wenn er schon bei Hof bleiben dürfe, so bitte er um einen Schnurrbart. Daß er nicht wöchentlich dreimal unter das schreckliche Messer kommen müsse, daß er einen Schnurrbart tragen dürfe, das sei sein untertäniges Bitten.«

»Einen Schnurrbart?!« Die Gesellschaft brach in ein unbändiges Gelächter aus.

Die Königin machte eine Gebärde des Mißmutes: »Ich wußte ja, daß Sie lachen würden. Mir war nun aber gar nicht ums Lachen. Der arme Bursche bittet ja um gar nichts anderes, als um seine Persönlichkeit, um das Selbstbestimmungsrecht über sich selbst. Kann man in unserer Zeit der Freiheit und der Menschenrechte um weniger bitten? Kann man um etwas Selbstverständlicheres bitten, als um sich selber? Um seinen Schnurrbart bittet er, der aus seiner eigenen Haut hervorwächst -- und siehe, ~ich kann ihm den Schnurrbart nicht bewilligen~. Ich bin Königin und habe nicht einmal die Macht, zu sagen: Ja, mein Junge, deinen Schnurrbart sollst du haben. Ist das nicht tragisch? Ist es nicht lächerlich tragisch? Wir regieren die Völker, und den Sitten unseres Hauses gegenüber sind wir ohnmächtig. Hofetikette! Die Diener haben stets in vorgeschriebener Livree und glatt rasiert zu erscheinen -- punktum. Welche Palastrevolution, wenn der König entschieden hätte: Lajosch, dir ist gestattet, den Schnurrbart zu tragen! Nach einem Monat prangten alle Diener in Schnurr-, Backen-, Spitz- und weiß der Himmel was für Bärten. Was bliebe dem König übrig, als sich den Bart -- rasieren zu lassen! Es ist ja ein Unding und man kann's nicht ändern, man kann nicht. Wahrlich, diese Bartgeschichte des armen Lajosch hat mich sehr demütig gemacht. Wir, die sogenannten Mächtigen, in welchen Fesseln wir liegen! Spinnengewebe und doch unzerreißbar, so lange wir der Vorurteile nicht Herr werden können.«

»Wenn ich mir eine Bemerkung gestatten dürfte,« sagte mit einer Verneigung der Professor.