Part 29
Es gibt ja böse Buben, hier wie dort. Der Unterschied, daß die Landkinder sich vor dem Waldteufel fürchten, während die Stadtjugend mit ihm ihren Spaß hat. Wie die löbliche Polizei sagt, Ursache daran wird doch wohl er selber sein mit seiner auffallenden Tracht. Ob er sich aus Eitelkeit so trägt? Oder ob er damit die Aufmerksamkeit der Leute aus praktischen Gründen auf sich lenken will? Vielleicht beides. Leicht ist sein Geschick sicherlich nicht. Wenigstens nicht in unseren Augen. Er selbst -- wenn man ihn so sprechen hört -- wüßte allerdings nicht, was ihm fehlt. Es müßten nur die »Altertümer« sein, die ihm verbrannt sind.
Als Beweis für die Schlauheit des Waldteufels wird ein Stückl erzählt. Wandern da einige bergfrohe Herren aus der Stadt auf den Geierkogel. Der Weg ist weit und die Sonne brennt heiß. Nirgends im Kalkboden eine Quelle, nirgends ein Labsal! Endlich ein Haus, vor dem einige Knechte stehen, darunter der wilde Waldteufel. Freundlich bitten die Ausflügler um einen Trunk Wasser, der ihnen aus einer Lagel gern und ohne Anspruch auf Bezahlung gewährt wird. Mit einem herzlichen »Gelt's Gott!« wollen sich die Städter wieder entfernen, da fängt der Waldteufel zu munkeln an: »Ich muß das Wasser weit hertragen und ihr schenkt es den reichen Städtern. Holt euch von morgen ab selber das Wasser herauf!« Natürlich griffen die Herren sofort in die Tasche und legten Nickel auf Nickel in die nun demütig dargebotene Hand des Waldteufels. Kaum waren die Ausflügler außer Hörweite, da zeigte der Fechtbruder seine Kollekte den Knechten mit den Worten: »Da, zwei Gulden fünfzig, und merkt's euch, wie leicht man bei den Städtern Geld verdienen kann!« Es braucht nur noch erwähnt zu werden, daß sich der Waldteufel nie mit Wassertragen abgegeben hat.
So ist es ihm sein Lebtag gut gegangen. Sein Vater, ein Tiroler, hat seine Mutter, eine Kärntnerin geheiratet. Und das Kind nachher ist ein Steirer geworden. Also drei Heimländer. Wer hat mehr? Er ist sein Lebtag viel gereist. Nicht bloß in den drei Heimatländern, wohl auch in Italien, im Küstenland und weiter um. Sein Vater war »Künstler«, Holzschnitzler, und ist dann mit seinen Waren: Holzschüsseln, Kornschaufeln, Kochlöffeln und dergleichen hausieren gegangen. Der Sohn ist überall mit ihm gewesen. Nicht jede Nacht haben sie ihr Quartier gefunden.
Nun, im Freien ist's auch bequemer, da hat man weit genug, hat frische Luft und wird nicht geniert. Das Gras auf der Wiese ist auch ein Federbett, ein ganz frisches, und kein Königskind hat ein süßeres Schlaflied, als das die Grillen singen. Aber noch lieber ist der »Franz« auf Steinhaufen gelegen, da kann man sich mit den Ellbogen das Bett graben wie man's gern hat. »San die Gliederlan wohl immer a bissel steif worden; muß einer nachher halt wieder brav laufen, alsdann werden sie schon wieder gelenkig.«
»Und hat's Euch nicht geschadet, bei Nacht und Wetter so im Freien schlafen?«
»Bis jetzt nit. Gesund, Gott sei Dank, bin ich alleweil gewest.«
»Wie alt seid Ihr denn?«
»Im Achtunddreißigerjahr geboren.«
»Was? Und nicht ein graues Gran im Bart!«
»Aber da, lieber Herr!«
Er hob seinen Hut vom Kopf, da hatte er noch eine schwarze Haube auf, wohl zum Schutz vor dem drückenden Baumrindendach. Das verschwitzte Haar hatte graue Fäden.
»Seht Ihr, und so einen würdigen Herrn will die Polizei abschaffen!« Er sagte es munter gegen einen Sicherheitswachmann hin, der den Waldteufel schon lange beobachtet hatte, ohne ein Arg an ihm zu finden. Dann hob er mit beiden Händen den Hut langsam und bedächtig wieder auf den Kopf. Einer, der diesen Hut vorwitzigerweise versucht, behauptete, er wiege wenigstens fünf Pfund. Dem Manne schien die Gefahr des Abgeschafftwerdens nicht aus dem Kopfe zu gehen. Es schien ihm schon oft passiert zu sein, obwohl die Behörden nie recht wußten, wohin mit ihm. Von den drei schönen Alpenländern wollte jedes das bescheidenste sein und auf den drolligen Vagabunden verzichten. Er wäre ja doch in keinem geblieben. »Ich tu' halt so viel gern reisen, so viel gern reisen! Und abgeschafft werden wir alle einmal!« lachte er laut, gegen den Wachmann hin. »Bis wir alt sind, werden wir alle abgeschafft. Aber ich bin decht noch jung.«
»Ja, bloß sechsundsechzig Jahre!« redete ich drein.
»Was ist das, sechsundsechzig Jahr! Meine Mutter ist hundertvier Jahr alt geworden. Mein Vater ist hundertvierzehn Jahr alt geworden, weil er brav Schnaps getrunken hat. Heut' kunnten sie noch leben, wenn --«. Er hielt ein mit irgend einer Anklage und setzte schmunzelnd bei: »Wenn sie nit gestorben wären.«
»So habt auch Ihr Aussicht, alt zu werden?«
»Ich werde zweiundachtzig Jahre alt,« antwortete er ruhig. »Damit wir zusammen dreihundert Jahr ausmachen, alle drei. Dreihundert ist kein Spott mehr. Mein Vater hat allemal gesagt, er möcht's gern derleben, daß die Leut' gescheiter werden. Hundertvierzehn Jahr ist er alt worden und hat's doch nit derwarten mögen. So lang mag ich nit leben, so lang nit. Nur das möcht' ich noch sehen, wie's ausschauen wird auf der Welt, bis die Leut' ~noch~ dümmer geworden sind.«
Da hatten wir gleich seine Meinung über den Stand unserer Welt. Er brauchte keine langen anarchistischen Reden zu halten, keine pessimistischen Bücher zu schreiben -- das eine Wort sagte alles. Er, der keinen anderen Rock hat, als das in allen Nahten klaffende Lodenwams, kein anderes Dach, als den Rindenhut -- von der Art seiner Nahrung war überhaupt nicht die Rede -- er fühlte sich erhöht über die Millionen der Durchschnittsmenschen, die ihn erst dann interessieren werden, bis sie noch dümmer geworden sind.
Wie war nun dem stolzen armen Manne beizukommen? »Waren« hatte er diesmal nicht bei sich, die ihm etwa abzukaufen gewesen wären. War man sicher, daß der hohe Herr, der bedürfnislose, freie König des Waldes, eine bescheidene Gabe nicht zurückweisen würde?
»Wie würdet Ihr es halten?« fragte ich ihn tückisch, »wenn ein armer, braver und ganz zufriedener Mensch dastände und jemand gäbe ihm ein Silberstück in die Hand. Wäre das gescheit oder dumm?«
»Das wäre gescheit, das wäre gescheit!« rief er aus.
»Und was glaubet Ihr, daß der arme, brave und ganz zufriedene Mensch mit dem Silberstück anfangen würde?«
»Schnaps kaufen!«
So weit ging sein Freiheitsstolz -- und nicht weiter. Alle Bande hatte er abgestreift oder gesprengt, aber der Schnaps war sein Herr und Gebieter geblieben. Doch ich sah ihn keinen trinken. Ehe wir auseinandergingen, vertraute er mir noch ein Geheimnis an. Er sei gesonnen, sich demnächst zu veräußern. Er stehe in Unterhandlung mit der medizinischen Fakultät, er wolle ihr seinen heiligen Leib verkaufen. Bei dem Worte heilig schnitt er eine ganz abenteuerliche Grimasse. Er glaube, mit fünfhundert Gulden sei der Waldteufel nicht überzahlt, aber man spare immer am unrechten Orte und wolle ihm nur dreihundert geben. So viel aber sei die Haut allein wert, wenn sie ausgestopft werde. Was habe er dann für die Knochen? Daß diese auch hübsch was nutz seien, beweise er jedem, der es bewiesen haben wolle. Er hob den Arm mit der geballten Faust. Indes hätte ihm ein Wachmann geraten, sich nicht voreilig zu verkaufen, er lebe dann keine drei Wochen mehr! Die Studenten seien so viel gierige Leut', die würden seinen Tod nicht abwarten wollen, sondern recht bald mit »einem Stupferl von hinten« nachhelfen, daß sie zu ihrem Kadaver kämen. Überhaupt würde er am Arm gezeichnet werden und dürfe auch nicht nach Amerika, oder sonst übers große Wasser. Als Mann der Freiheit vertrage er das nicht. Es sei also eine Lebensfrage, ob er sich derweil nicht doch noch behalten solle. Es werde am besten sein, er gehe fleißig betteln. -- Und machte sich auch gleich ans Tagewerk.
Weiter weiß ich nichts von ihm. Jedenfalls erreicht der Mann ein hohes Alter, besonders, wenn er nach dem Grundsatz seines Vaters so lange leben will, bis die Leute gescheiter geworden sind.
Von Peter Rosegger erschien zuletzt im gleichen Verlage:
Frohe Vergangenheiten Launige Geschichten
Mit einem Vorwort von ~Hans Ludwig Rosegger~
15. Tausend
»Der Titel trifft auf die Erzählungen, die, ernst und heiter vermischt, ~das schalkhafte Gesicht des Waldschulmeisters fleckenlos spiegeln~, absolut zu. ~Es ist echtester Rosegger~: Waldweisheit, die allerhand reizvolle Patina angesetzt hat und dennoch nicht nur ehrwürdig, sondern lebendig wie jedes Wort ist, das Rosegger je geschrieben hat. -- ~Ganz ungewöhnlich lesenswert aber und als menschliches Dokument so ziemlich alles, was in den letzten Jahren auf dem Büchermarkt erschien, überragend, ist die dem Bande voran gesetzte »Lebns-Beschreibung«.~ Die Orthographie ist die des fünfzehnjährigen Bauernbuben, aber das, was der »Autor« mit früherwachter Selbstkritik, »keine interesande Geschichte« nennt, ist nicht literarische Kuriosität, sondern in seiner Wahrhaftigkeit und in der Hilflosigkeit des von allen ersehnten Quellen des Wissens ausgesperrten Bauernbuben ~rührend und erschütternd. Alle Schulorthographie ist, gegen dieses erste Stammeln eines großen Menschen gehalten, Makulatur.~«
Karl Marilaun im »Neuen Wiener Journal«.