Sonderlinge

Part 17

Chapter 173,795 wordsPublic domain

Die Haushälterin hatte mich nicht mehr an der Tür gefunden. Doch vor dem Erfrieren war keine Gefahr mehr, erstens, weil mir dieser Leute Gastfreundschaft heiß gemacht hatte in der Brust, zweitens, weil ich einen Heustadl fand. Der stand auf der Wiese neben dem rauschenden Bach. Ich vergrub mich ins duftende Heu. Nur schade, dachte ich mir zu, daß nicht eine Fabrik, oder ein Grafenschloß dasteht, man würde dich auch an solchen Toren abweisen. Hernach die Gelehrten, die Studenten und derlei Kasten mehr. Oder die Parteien: die Antisemiten, die Juden! Allen hast du gelegentlich eine Schelle angehängt. Und wenn du bei dir selber anklopfest, keinen bayrischen Pfennig wette ich, du schreist dir zu: Kerl, auch über mich hast du dich schon lustig gemacht, marsch! -- In Gottesnamen, bist halt ein Bösewicht. -- Damit legte ich mich aufs andere Ohr.

Aber gerade, als es zum Einschlafen kommen wollte, war draußen eine rufende Stimme zu vernehmen. Sie kam näher, sie entfernte sich, sie kam wieder näher, und endlich war es deutlich, man rief meinen Namen.

Ich hob den Kopf: »Was Teuxel ist denn los?«

»Hau!« rief es draußen, »im Heuschupfen ist er!« Dann kam der Rufer auch schon an die Wand und sagte: »Wenn er drinnen ist, so muß er heraus. Das wollen wir Schullehrer uns nicht ankreiden lassen, daß unser Waldschulmeister-Dichter in dem Heuschupfen schlafen soll! Ich bin ja auch so ein Waldschulmeister, aber nicht der in der Krumpa. Wir gehen zusammen jetzt nach Sankt Marten hinauf, ein Stündel. Dort gibt's ein gutes Bett!«

Als er das gesagt hatte, war meine wohlgesetzte Antwort: »Ich danke Euch, Waldschulmeister von Sankt Marten. Aber aufstehen tu' ich jetzt nicht. Wie ich just lieg', so gut liegt der Kaiser von China nicht auf seinen chinesischen Seidenkissen. Sollte ich aber morgen an Sankt Marten vorüberkommen, dann melde ich mich bei Euch, und itzo seid so gut und laßt mich in Frieden.« --

Am nächsten Morgen stieg ein göttlicher Sonntag auf. Ich ging aus meinem Heugrabe wie neugeboren hervor, und das Dörfchen Krumpa lag im feuchten Walddufte so lieblich da, als wären alle Rächer meiner literarischen Missetaten ausgezogen über Nacht. Die Wiese hatte einen silberweißen Reif, die Ahorne waren schon rot, und die Lärchen gelb, und hoch auf den Berggipfeln lag goldgrünlicher Sonnenschein, so daß es im blumigen Mai nicht farbenleuchtender sein kann, als an diesem stillen Herbstmorgen. Und vor meinem Heustadl stand ein ältliches Herrchen. Es stand durchaus nicht ruhig, es zappelte mit den Füßen, es schlenkerte die Arme hin und her, einmal über die Brust, einmal über den Rücken, der einen weidlichen Höcker hatte. Nach dem Gewandschnitte hätte es wohl ein notiges Bäuerlein sein mögen, allein der Hut, der rabenschwarze hochgebaute Filzhut mit der funkelnden Bandschnalle zeigte einen vornehmen Herrn an. Solche Hüte trugen die Gerichtsverweser und Doktoris vor achtzig Jahren. Und diesen letzten, nur wenig entarteten seines Geschlechtes, trägt mein Waldschulmeisterlein von Sankt Marten.

Das war in aller Herrgottsfrühe herabgekommen, hatte vor der Heuscheune auf meine Urständ gewartet und sich dabei fast Zehen und Finger verfroren. An der weichen, breiten Stimme erkannte ich den nächtlichen Schreier.

Und er im ersten Schreck: »Jesses, der ist es ja nicht!«

»Wer soll es denn sein?« fragte ich und streifte mir die Halme von den Kleidern.

Er zog ein Bildchen aus der kleinen Ledertasche, betrachtete es, verglich es: »Der da -- auf dem Bildel -- hat den Bart unter dem Kinn, und der vor mir steht, hat ihn unter der Nase!«

»Wenn der Mensch alt wird, so muß er sich jung machen,« meinte ich. »Ihr habt Euch ja noch jünger gemacht und den Bart ganz weggeschabt, daß Ihr wohl kaum mehr davon habet, als Eure ABC-Schützen!«

»Wahr ist's!« rief er lustig aus. »Und wenn Ihr's seid, so grüß Euch Gott!«

Dann gingen wir miteinander. Ich wollte an demselben Tage ja über das Martenjoch, da hatten wir durch den Sulzergraben den gleichen Weg. Und er erzählte mir den Schick. War nämlich dieser Lehrer von Sankt Marten gestern spät abends bei seinem jüngern Amtsbruder in der Krumpa gewesen und hatte von ihm gehört, daß eben vorhin der »Lehrerspöttler« von ihm abgeschafft worden wäre. Zuerst hatte der von Sankt Marten nicht gewußt, wer da gemeint sei, dann näher unterrichtet, habe er gesagt: »Kollege, hast du die Schriften des Waldschulmeisters gelesen?«

Nein, für derlei habe er keine Zeit.

»Du bist halt erst aus der Stadt gekommen und noch zu wenig lang im Walde, um für derlei Sinn zu haben. Ich gehe ihn jetzt suchen, falls er noch keine Herberge hätte.«

So war der Alte an die Heuscheune gekommen, um das »Versehen seines Amtsbruders« gutzumachen. Und auf solche Weise habe ich dieses rührende Schulmeisterlein kennen gelernt.

Durch den langen Graben holte uns ein laufendes Weib ein, eine Holzknechtin. Sie war schon in der Krumpa gewesen beim Arzt.

»Ist das Kindel noch nicht besser?« fragte sie mein Waldschulmeister.

»Weiger nein, es wird alleweil schlechter!« gab sie weinerlich zur Antwort, »der Bader sagt gar, die Dipfterie!«

»Die Dipfterie sagt er! so schlimm wird's wohl nicht sein. Eine starke Halsentzündung, wie sie vor kurzem die Kohlnatzel-Kinder gehabt haben. Für arme Leute ist die auch gut genug, braucht's keine herrische Diphtheritis zu sein. Mein Weib wird dir Rotholleröl schicken. Den Hals recht schmieren damit und ein paar Tropfen eingeben!«

»Kommt mir eh ganz herab, das Bübel,« klagte das Weib, »nichts als Haut und Knochen.«

»Wenn du Geld brauchst, so komm halt noch einmal zu mir.«

»Bitt' hundertmal!« sagte sie und eilte voran, der Waldwildnis und ihrem kranken Kinde zu.

»Es geht Euch wohl gut auf Eurem Posten?« fragte ich nun den Alten, der, so klein er war, mit weiten Schritten gar würdig neben meiner einherstapfte.

»Besser schon, wie dem in der Krumpa,« antwortete er. »Aber Gehalt hat mein Kollege da draußen einen höheren, und Naturalien hat er auch mehr. Die Sache ist die, er ist ganz und gar nicht zufrieden in der Krumpa, er schaut alleweil aufwärts, anstatt abwärts, und das ist gefehlt!«

»Hohe Ideale muß sich freilich auch ein Schullehrer stellen.«

»So meine ich's nicht. Der Lehrer in der Krumpa schaut alleweil hinauf zum Oberlehrer in Schwarzbach, einen so großen Gehalt möchte er haben. Der zu Schwarzbach denkt sich wieder: Ei, was hat's der Schuldirektor in Elmstadt gut! Und der Schuldirektor in Elmstadt kann nicht begreifen, weshalb er nicht schon Landesschulinspektor ist. Na, na, wenn der Mensch alleweil ins Licht blickt, wird er blind. Da muß man die Holzlieserl anschauen, die uns vorhin wegfür gegangen ist, eine Stube voll kränklicher Kinder und einen schnapssaufenden Mann dazu. Oder unsere Kohlenbrennerleute, die sich zeitweise rein von der guten Luft und dem bißchen Wildobst nähren müssen. Oder immer ein Bäuerlein, das mehr Schulden als Schuhnägel hat, weil ihm das Weib heimlich Mehl und Butter austrägt und an ihre Lotter vertut. Freilich wohl, mein lieber Herr, mit solchen Leuten verglichen, ist unsereiner ein reicher Mann. So war das vom Auf- und Abwärtsschauen gemeint.«

Am Ende der Schlucht war eine Holzbrücke, diesseits derselben standen ein paar Hütten, und jenseits an der Felswand war die Kapelle mit einem hölzernen Dachreitertürmchen.

»So,« sagte mein Begleiter, »das wäre der Dom zu Sankt Marten. Und hier beim Bach die Universität.«

Ein hölzernes Schulhaus mit geräumigem Unterrichtszimmer und der niedlichen Lehrerswohnung.

»Ich habe ihn schon!« lachte mein Lehrer einer kleinen, weißlockigen Frau zu, die im Sonntagsstaat, aber mit einer breiten Küchenschürze um die Mitte, vor mir den Knicks machte:

»Wenn man ein einfaches Nachtmahl gehabt hat und in der frischen Gottesfrühe schon eine Stunde marschiert ist, da wird ein Tröpfel Kaffee wohl schmecken. Ich bitt' schön!«

Im sonnigen Stübchen, auf weißgedecktem Tische gab es dampfenden Kaffee, Weißbrot, Butter, Honig und einen Strauß frischer Blumen, wie sie im Herbst auf den Feldern wachsen. Alles in feinen Porzellantassen und daneben in einer Stahlschale zwei Zigarren. An der blankgescheuerten Wand Hausgeräte, Heiligenbilder und eine auffallend große Photographie in kunstvoll durchbrochener Metallrahme. Das Bild stimmte so eigentlich gar nicht zur Umgebung, und es war das Porträt des berühmten Chirurgen Professor Doktor Rottacher in Wien.

»Seid Ihr mit diesem Herrn bekannt?«

»Na, ich glaub's, daß wir mit ihm bekannt sind!« sagte das weißlockige Frauchen und legte die Hände über der Brust zusammen.

Dann kamen schon die Sonntagsleute, die so eine Weile vor den Hütten umherstanden.

Es war heimlich im Schulhause, und ich blieb den ganzen Tag dort. Vormittags versammelten sich im Kirchlein an dreißig Menschen, der Lehrer setzte sich in eine Bank und las laut und langsam das Sonntagsevangelium und ein Kapitel aus Thomas von Kempis' »Nachfolge Christi«. Seit einigen Jahren haben die zu Sankt Marten keinen Pfarrer, und so tut's halt der Schulmeister. Dann setzte er sich ans Harmonium und spielte ein Kirchenlied, bei dem einige Weiber mitsangen. Hernach sagten sie gemeinsam »Vergelt's Gott«, und der Gottesdienst war aus.

Jetzt ging's aber beim Schulhause an. Ein Häuslersweib kam und bat die Frau Lehrerin, daß sie im Obstgarten das Gras abmähen dürfe für die Ziege, der Jäger wolle das Tier auf freier Weide nicht mehr dulden. Die Lehrerin gestattete es. Das Gras wird auch so zertreten, sagte sie dann zu ihrem Mann. Ein anderes armes Weib fragte demütig an, ob sie die von den Bäumen gefallenen Äpfel zusammenklauben dürfe, um sie zu dörren für die Kinder. Die Lehrerin gestattete es und begründete ihrem Manne: die Äpfel wären ohnehin wurmstichig. An der Hausecke lehnte ein besonders ärmlich gekleideter Mann und hielt sich den Hut vors Gesicht, als schäme er sich. Der Lehrer ging zu ihm: »Deine Kinder haben wohl schon wieder einmal Magenweh, Sebastian!«

»Freilich, freilich, Herr Lehrer, schon seit gestern mittags!«

»Hast du die Flasche bei dir?«

»Wohl, wohl, Herr Lehrer!«

»Geh' nur in die Kammer zur Frau!«

Und die Frau Lehrerin füllte ihm die Flasche mit Milch und gab noch ein Stück Brot dazu.

Später kam ein hinkendes Weiblein dahergehumpelt und fragte an, ob die Frau Schulmeisterin denn gar nichts für sie zu stricken hätte.

Die Frau bestellte zwei Paar Socken, die Alte blieb aber noch stehen und sie hätte halt frei keinen Kreuzer Geld.

So ging das fort, dem Lehrerpaare schien alles ganz in Ordnung zu sein. Sie gaben und gestatteten, und wo das nicht ging, vertrösteten sie leutselig auf später.

»Zu wem sollen diese armen Leute sonst gehen!« meinte der Lehrer: »sie haben halt auch ihre Anliegen, und den Weg zum Schulhaus finden sie seit kindesher.«

Beim Mittagsmahl saßen wir unser drei beisammen, ich zwischen den alten Leuten, wie eine Art von Sohn. Da gab es gekochte Milchsahne, blaugesottene Forellen, Eiersalat und Zwetschkenklöße. Die Fürsten können solches nicht besser haben und es koste, wie die Frau versichert, fast gar nichts. »Die Sahne ist von unserer Kuh, die Eier sind von unseren Hühnern, die Zwetschken wachsen auf unseren Bäumen, und die Forellen angelt mein Mann von seinem Fenster aus dem Bache.«

Der Förster, der auch das Fischwasser hütet, habe deswegen zwar einmal Umstände gemacht, doch der Bezirksrichter habe entschieden, das wäre schon seit altersher so, daß mit der Hand gefangene und aus der eigenen Wohnung geangelte Fische Freigut sind.

Sie hätten es seit jeher so gehalten, wären ja schon zweiundvierzig Jahre in diesem Bergwinkel. Die ersten Jahre hätte es wohl geplagt. Acht Tage nach dem Herzug habe die junge Frau bei den Waldhäuslerinnen um Brot und Kartoffeln betteln müssen. Dazu eine verfallene Hütte als Schulhaus, das wäre dann aber vom Waldherrn neu gebaut worden. Später sei das Gehalt erhöht worden und die Frau hätte eine Erbschaft gemacht, so daß sie jährlich schier über sechshundert Gulden aufzubrauchen hätten. »Wir sind aber auch schier die einzigen Steuerzahler in Sankt Marten!« --

Das wurde mir mit Stolz erzählt, obschon der Alte gleich beisetzte: »Man soll sich freilich nicht prahlen, sondern Gott danken. Und das tut man alleweil am besten zu armen Leuten. Fünfhundert Gulden Gehalt, hundertzehn Gulden Renten! Zu Tod müßt' sich einer schämen mit so einem Vermögen, wenn man damit nicht ein bissel Vorsehung spielen wollte.«

»Und erst, seit uns der Julius so viel Sachen schickt!« rief die Frau drein, »aber der meinige will ja nichts nehmen!«

»Der Julius, wer ist denn das?«

»Das ist der da!« sagte der Lehrer und tippte mit dem Finger auf die Photographie an der Wand.

»Professor Rottacher! Ein guter Freund von Euch?«

»Aber ich bitt' Euch, das ist ja unser Julius!« rief die Lehrersfrau, »unser Herr Sohn!«

»Unser Bub'!« verbesserte der Alte.

Da habe ich erst einmal aufgehorcht.

»Ist halt ein bisserl auf Abwege geraten, unser Sohn,« fuhr der Lehrer gesprächig fort -- wir saßen ja bei einem Kruge Apfelwein -- »hätt' auch Lehrer werden sollen nach meinem Wunsch, weil wir derer ohnehin nicht allzuviel taugliche haben. Aber der gute Julius war halt auch kein tauglicher, und so hat er ein Handwerk lernen müssen.«

»Ihr meint doch den Chirurgen Julius Rottacher!«

»Chirurgie ist mehr Handwerk als Wissenschaft, lieber Herr Volksdichter. Hat auch einen goldenen Boden. Aber tauschen täten wir nicht mit ihm, gelt Mutter! Sind einmal bei ihm in Wien gewesen --«

»Das prächtig schöne Haus, das er hat!« rief die Frau dazwischen, »wie ein Graf. Und Diener mit Silberknöpfen!«

»Ein Holzarbeiter da drinn im hinteren Martenwald, hat's besser,« darauf wieder der Alte, »der hat wenigstens bei der Nacht eine Ruh'. Beim Doktor, wenn's nicht klingelt, so beißt die Sorge, wie es mit den Kranken steht, ob die Operation geglückt ist. Heut' ist er noch im Ungewissen, morgen nicht mehr. Der Operierte? -- Nein, da danke ich für den silberknöpfigen Lakaien und alles miteinander. Nie, Julius, hab' ich ihm gesagt, nie wieder komme ich zu dir, müßte krank werden vor lauter Angst um deine Patienten. Dem Schullehrer schlägt bei seinen Kindern ja auch nicht alles zum Guten an, aber da gibt's nicht leicht den Vorwurf, daß man die Krankheit mißkannt, daß man sich im Mittel vergriffen hat, man behandelt die Kinder mit Güte und heilsamer Strenge, alles andere muß man Gott überlassen.«

»Und so wird's der Julius auch mit seinen Kranken machen,« sagte die Frau, »Fritz, du willst mir halt immer die Freud' verderben an ihm.«

»Ärgern tu' ich mich!« rief der Alte hitzig, »weil er mir erbarmt, der arme Mensch, mitten in seinen Ehren und Reichtümern. Keine Ruhe und keine Sammlung und kein Besinnen auf sich selber. Nein, das ist kein Leben. Und was hat er aufzuweisen? Recht selten eine Arbeit, wo nichts zurückbleibt, so gut er's auch meint. So ein Metzgern da! Seit zehn Jahren, denkt Euch, war er einmal bei uns in Sankt Marten, ein einzigesmal auf drei Tage. Glaubt Ihr, er hätt' was Lustiges mitgemacht oder wäre im Wald umhergegangen? Nichts, als immer studiert, spintisiert, an Hasen und Hühnern herumprobiert, daß es oft schon gar nicht mehr schön war, hernach Briefe geschrieben und Zeitung gelesen, bis er -- hast es nicht gesehen -- wieder fort ist.«

»Dafür verdient er sich zehnmal leichter den Himmel, als unsereins im sorglosen Leben!« das sagte die Frau, schüttelte den weißbelockten Kopf und forschte nach dem Eindruck, den ihr Ausspruch bei uns gemacht.

Dieser Eindruck war nicht bedeutend.

»Nicht einmal zum Heiraten hat er Zeit!« rief der alte Lehrer. »Und da möchte ich wissen, wie man ohne Hauskreuz soll in den Himmel kommen können!«

Sofort hatte er für die heitere Bosheit seinen kleinen Klaps auf der Wange, der Ernst des Gespräches war abgebrochen.

Auf Einladung der Leutchen bin ich über die nächste Nacht im Schulhause geblieben. In dem wohlverschalten Dachgelaß wurde mir ein Bett angewiesen; grobe, weißgebleichte Bauernleinwand und mitten über das mit Haferrispenspreu gefüllte Kopfkissen ein gestickter hellroter Streifen. Der Lehrer war noch eine Weile an meinem Bette gesessen, um zu plaudern. Endlich war's ihm darum zu sagen, ich möchte in diesem Bette besser schlafen als sein Julius geschlafen habe, der die ganze Nacht Patienten klingeln hörte. »Und ich,« schloß mein Gastgeber schalkhaft, »muß jetzt noch ins Schulzimmer, um ~meine~ Schriften des Waldschulmeisters zu schreiben!«

Am nächsten Morgen vor dem Antritte meiner Wanderung habe ich Einsicht genommen in diese Schriften des Waldschulmeisters: Auf der schwarzen Schultafel mit Kreide geschrieben standen Buchstaben des ABC für die Anfänger. -- Und damit leistete er sicherlich mehr, als unsereiner mit den Fabeleien.

Der Orgler zu Sankt Thomas.

An einem taufrischen Sommer-Sonntagsmorgen kamen drei Touristen aus Wien in das Alpendorf, genannt Sankt Thomas in der Klausen. Auf dem Hügel stand das Häuschen Gottes, dessen zwei Glocken durch das enge Tal klangen, um die auf allen Höckern und in allen Falten des Gebirges zerstreute Gemeinde zusammenzurufen. Die Touristen stiegen zum Kirchl hinan. Aus Frömmigkeit geschah es nicht. Sie wollten nur einmal sehen, wie es in so einer Dorfkirche zugeht. Da gab es nun was Besonderes zu hören auf dem Chore. Dort saß ein Knabe und spielte die Orgel in einer verwunderlichen Weise. Er spielte ein Kirchenlied so rührend, schlicht und fromm -- man meinte gar, die Orgelpfeifen wären lebendig und lobten aus eigenem Herzen den Herrn. Unsere Städter hatten wohl schon die größte Kunstfertigkeit auf ähnlichen Instrumenten zu bewundern Gelegenheit gehabt, aber eine solche Innigkeit, ja Heiligkeit im Orgelspiel war ihnen was Neues. Zudem war der spielende Bauernknabe schön wie ein Engel. Sein Haupt mit den lichten Locken war etwas vorgebeugt, auf den Wangen blühte die Freude über die Klänge, seine schattigen Augenlider waren geschlossen. Seine Lippen bewegten sich leicht, als begleite er die Orgel mit leisem Gesang. Als sich das Spiel in höhere Töne hob, hob auch der Spielende sein Haupt, schlug die Augenlider auf und -- in diesen Augen leuchteten keine Sterne.

Der Knabe war blind.

Hier will ich die kleine Geschichte des blinden Musikanten erzählen, wie sie den Touristen erzählt worden ist.

Mit dem Rocken-Hans hebt sie an. Der war vor fünfzehn Jahren noch Wildschütze gewesen -- teils aus Hunger -- weil Notwehr erlaubt ist -- und teils aus Neigung -- weil das Wildern verboten ist. -- Arme Wildschützen sollte man nicht zu Verbrechern machen -- sondern zu Jägern. Das sind die findigsten, wachsamsten Kerle, die verläßlichsten Hüter und, gilt es, die schärfsten Schützen. Auch den Rocken-Hans hatte man zum Jäger gemacht, aber aus der Klausen in eine andere Gegend versetzt, wo er an die zehn Jahre verblieb, sich ein Weib beilegte und fast zufrieden war. Vollauf zufrieden darf selbst ein Jäger im grünen Walde nicht sein. So scharfe Augen der Vater hatte, das Kind war blind. So schön das Mutterantlitz ist, wenn es zum Kinde lächelt, der Knabe sah es nicht. Nur ihre Wiegenlieder hörte er. Dann, als die Mutter stumm geworden war, und fortgetragen, saß der Knabe auf dem Bankl vor dem Jägerhause und hörte den Finken und den Drosseln zu und allem Gevögel, das da sang und zirpte im Waldland. Am Abende waren die Grillen und Frösche zu hören und das Rieseln des Baches und das Säuseln der Wipfel im Abendhauch. Im Winter aber -- wenn alles still war -- schlafend die Vöglein, hartgefroren der Bach, verhüllt die Bäume -- saß der Jäger neben dem kleinen Sohne und machte ihm vor, wie die Gemse pfeift, das Reh bellt, der Auerhahn balzt und der Rabe kräht. Das war alle Musik in weitem Bergrund', und der blinde Knabe dürstete nach dem Lichte der Töne.

Sagte der Jäger eines Tages zu seinem Sohne: »Jetzt bist du schon stark, Heinrich, und morgen ist Lichtmeß; du gehst mit mir nach Thomas in die Klausen -- bin selber schon eine gute Weil' nicht mehr dort gewesen -- und da wirst du auf dem Kirchenchor was hören, was du deiner Tage noch nicht hast gehört. Mußt dich jetzt schlafen legen, wir stehen um eins in der Nacht auf.«

Der Weg vom Jägerhause bis in die Klausen ist im Sommer fünf Stunden lang, im Winter zieht er sich auf sechs und unter kurzen Beinen ist er noch länger. Der Knabe ging zu Bette, aber schlafen konnte er nicht. In Trauer schläft sich's leicht ein, in Freude schwer. Heinrich dachte an des Vaters Worte vom Kirchenchor -- was das sein sollte, wußte er freilich nicht, was Besonderes gewiß. Endlich, als er einschlummern wollte, kam der Jäger, ihn zu wecken. Und sorgfältig kleidete der Mann den Knaben an, gab ihm heiße Ziegenmilch zu trinken und schnallte ihn auf die hölzerne Rückentrage, wie solche im Gebirge gebräuchlich sind. Und nahm die Trage auf den Rücken, verschloß das Haus und ging in sternheller Winternacht davon.

Nach einer halben Stunde fragte der Knabe: »Kommen wir schon in die Klausen, wo die Kirche steht?«

»Jetzt noch nicht, Heinrich. Bist du müde, so schlafe.«

In zwei Fuchshäute gewickelt, schlief der Knabe ein und der Vater ging und ging und freute sich insgeheim auf die Kirchenmusik in Sankt Thomas, die immer so prächtig war gewesen, freute sich auf die Freude seines Kindes.

Und dann, als hoch an den starren Felsen die Morgensonne leuchtete, ging er durch die Schlucht der Klausen. Und als die Glocken vom Sankt Thomas-Kirchlein läuteten, wachte der kleine Heinrich auf und sagte: »Vater, hörst du's auch, wie der Vogel schön singt?«

Der Jäger tat den Kleinen von der Rückentrage und nun gingen beide den Hügel hinan und ins Kirchl hinein.

Am Altare stand der Priester, die Gemeinde lallte Vaterunser auf Vaterunser -- und nichts als das.

Heinrich horchte andächtig und meinte, das wäre jenes Seltsame am Chor, wovon der Vater gesprochen. Der Jäger aber wendete sich flüsternd an einen alten Bauer: »Was ist's denn, haben 'leicht die Thomasler keine Musik?«

»Freilich nicht, freilich haben wir keine,« gab jener zur Antwort, »die Orgel und die Pfeifen und Geigen sind wohl noch oben, aber kein Musikant ist dabei. Die alten sind weggestorben und junge werden keine mehr abgerichtet. 's schaut kein Geld dabei heraus und umsonst wollen die Leut' heutzutag' nicht einmal für den Herrgott was tun. Der Herr Pfarrer kann wohl orgeln -- aber wer liest hernach die Mess'? Unser Lehrer bläst nur eine Pfeife, seine meerschaumene. -- Gottsredlich wahr, jetzt hat eins in der Kirche auch keine Freud' mehr.«

Der Mann hätte sicherlich noch eine Zeitlang fortgeflüstert, da stieß ihn ein Beisitzer mit dem Ellbogen: »Willst schwatzen, Michel, so geh' hinaus.«

Der Alte war still, der Rocken-Hans führte sein Söhnlein wieder aus der Kirche, daß der Kleine doch zum wenigsten die Spatzen und die Gimpel höre, die auf den Dächern zwitscherten.

Gingen hierauf zum Bäckerwirt und der Vater rückte dem Knaben das Suppenschallerl unter das Kinn und das Weinglas in die Hand.

»Vater, wann ist das auf dem Kirchenchor, was ich mein Lebtag noch nicht habe gehört?«

Am Nebentische saß, eben vom Gottesdienste zurückgekommen, der Pfarrer. Er nahm das Frühstück ein, hörte die Worte und rief zum Jäger herüber: »Der Rocken-Hans? Auch wieder mal bei uns herüben? Brav, brav! -- Sohn das? Recht brav. Ein sauberes Bübel! Nicht Handküssen. Wie heißest denn, Kleiner, he? Heinrich? Brav. Mein Gott, das Kind hat ja -- schlechte Augen?«

»Halt ja, halt ja, Hochwürden,« sagte der Jäger, »und desweg', weil er nicht sehen tut, so wollt' ich ihn was hören lassen.« Und erzählte nun, daß sie gekommen wären, um die Orgel zu hören in der Kirche zu Sankt Thomas. Allsogleich rannen dem Pfarrer die Tränen über die Wangen; das blaue Sacktuch kam schon zu spät.

»Ah na,« sagte er hernach, »umsonst sollt ihr den Weg nicht gemacht haben. Ist dir warm, Bübel? Dann wollen wir miteinander in die Kirche gehen.«