Part 3
In breiten Güssen fiel die langsam sinkende Nachmittagssonne durch die hohen Fenster des Speisesaales über die hufeisenförmig aufgestellten Tische, auf denen heute zur Feier des Tages der reiche Silberschmuck des Regiments blinkte, umgeben von einer wahren Überlast bunter Herbstblumensträuße, die dem Garten des Kasinos entstammten -- und um die Tafel gruppiert etwa vierzig blühende Jugendgestalten -- von dem Kommandeur des ersten Bataillons, Major von Sassenbach, der als einziger Stabsoffizier an der Tafel teilnahm, bis herunter zum blutjungen Fahnenjunker, der kaum der Presse entschlüpft war und sich im Rock des Füsiliers und angesichts so vieler Vorgesetzter kaum zu rühren -- kaum den Mund aufzutun getraute.
Allen diesen Erscheinungen gemeinsam war der vorschriftsmäßige Schnitt des Haars, soweit sich dies nicht schon verflüchtigt hatte und spiegelnde Stirnen oder Glatzen freiließ -- war gemeinsam der modische Bürstenschnitt des Schnurrbarts, gemeinsam die straffe Haltung, die lebhaften und doch gemessenen Bewegungen, der scharfe Klang der Stimmen, die gewohnt waren, im Gelände weite Entfernungen zu beherrschen oder sich durch das Rollen des Schnellfeuers hindurch Geltung zu verschaffen.
Auf den ersten Blick aber waren die Herren des Beurlaubtenstandes an der bleichern Hautfarbe, der etwas nachlässigern oder steifern Haltung, dem mehr ins Geistige gewandten Ausdruck der Gesichter und Augen zu unterscheiden. Doch das alles würde sich nun bald verwischen -- waren doch diese sechs Männer nur hierhergekommen, um wieder Soldaten zu werden, um sich wieder einzufügen in den gewaltigen Organismus, in dem auch sie nichts als dienende Räder sein sollten und sein wollten.
Diese Einfügung und diese Anpassung, so sagte Flamberg sich stillsinnend, diese Verschmelzung würde ihnen der Geist der Kameradschaft erleichtern. Der Geist der Kameradschaft, der alle, denen Seine Majestät Epaulettes und Schärpe verliehen hatte, zu einer großen Schar von Verbrüderten zusammenschloß, in der ungeachtet aller Abstufungen der Begabung und militärischen Befähigung, ungeachtet aller Klüfte der Herkunft und der Anschauungen, jeder gleichberechtigt war, in der es keine andern Unterschiede gab, als die der Dienststellung -- und auch diese Unterschiede galten nur im Dienst -- außerhalb des Dienstes gab es nicht Vorgesetzte, nicht Untergebene -- gab es nur ältere und jüngere Kameraden -- gab es nicht aktive Offiziere und nicht Offiziere des Beurlaubtenstandes -- gab es nur Offiziere, das heißt: Träger des einen preußischen Soldatengeistes, der inmitten aller Wandlungen der Weltanschauung und der sittlichen Begriffe das alte Ideal der Ritterlichkeit verkörperte, das die Heere des Großen Kurfürsten, des Alten Fritzen, das Heer der Befreiungskämpfer, wie die Scharen Wilhelms des Siegreichen durch Nacht zum Licht, durch Kampf zum Siege geführt hatte.
Und dieser Geist der Kameradschaft, so ernst er sich betätigte im Dienst und in dem, was dem Dienste gleich galt: in der Auffassung jeder großen Lebenspflicht -- in der Sphäre der Geselligkeit erwies er sich als ein heiterer Geist, ein Geist freudiger Lebenslust.
Munter schwirrten die Gespräche hinüber und herüber -- noch war kaum der erste Gang serviert, da traten an die Stelle der hellgrünen Moselflaschen die goldbekapselten der Sektspezialmarke des Kasinos. Munter knallten die Pfropfen -- und in den Spitzgläsern perlte der weiße Schaum: »Luxus und Wohlleben griffen um sich.«
Major von Sassenbach schlug ans Glas. Er war kein großer Redner vor dem Herrn -- es fiel ihm schwer, selbst nur ein paar formelhafte Begrüßungsworte zusammenzustottern, und sein Adjutant, der Leutnant Blowitz, den er mit diesem ausdrücklichen Auftrage sich gegenüber gesetzt hatte, mußte ihm soufflieren.
Aber aus den ungefügen Worten des alten Soldaten leuchtete herzliches Wohlwollen, und obwohl manches Lächeln der Hörer seine gewaltigen Kraftanstrengungen begleitete, klang doch das dreifache Hurra auf die eingezogenen Herren, in das er seine Rede ausmünden ließ, kräftig und munter durch den Saal. -- Die Begrüßten beeilten sich, mit dem Major anzustoßen, und nun die letzte offizielle Handlung des Begrüßungstages überstanden war, atmete alles auf, und es löste sich der letzte Rest von Förmlichkeit und Zurückhaltung.
Kreuz und quer durch den Saal schollen die Rufe der Tafelnden, die einander zutranken. Mit vorschriftsmäßigem Ruck schnellten die Angerufenen in die Höhe, wenn der Major oder einer der anwesenden Hauptleute einem der Leutnants oder gar der zur Tafel zugezogenen Vizefeldwebel der Reserve, Fähnriche oder Fahnenjunker zutrank; aber regelmäßig winkte der Anrufende, Platz zu behalten -- nur die Pflicht blieb bestehen, als Dank für den Zutrunk des Vorgesetzten sein Glas bis auf die Nagelprobe zu leeren.
Flamberg saß zwischen seinem Kapitän, dem semmelblonden Herrn von Brandeis, und dem flaumbärtigen Kompagniekameraden, Leutnant Carstanjen, dem Sohn einer reichen niederrheinischen Fabrikantenfamilie.
Zunächst mußte natürlich Flamberg erzählen.
»Na, Flamberg, Sie sind ja inzwischen sowas wie'n berühmtes Tier geworden -- alle Augenblicke hat man im Lesezimmer in den illustrierten Zeitschriften irgend so'ne Pinselei von Ihnen abgebildet gesehen -- natürlich immer die schönsten Weiber des europäischen Kontinents -- Sie Schlemmer, Sie ...«
»Haben Herr Hauptmann etwas anderes von mir erwartet?«
»Ne, ne -- ich weiß wohl, Sie hatten ja damals schon 'nen starken Hang fürs ewig Weibliche! Erinnern Sie sich noch, wie wir damals in Mechernich in der Eifel mit der ganzen Kompagnie in der schauderhaften Kneipe einquartiert wurden und für Sie und für -- na, wer war's doch damals? Quincke wohl ...?«
»Jawohl, ganz recht, Quincke, Herr Hauptmann!«
»Na also -- für Sie beide nur dadurch Quartier zu schaffen war, daß die beiden Töchter des Wirts aus ihrem Jungfernstübchen 'rausgewiesen wurden und oben auf dem Heuboden kampieren mußten. Damals haben Sie die beiden Mädels gezeichnet. Erinnern Sie sich noch? Na, nachher waren sie nicht von Ihnen wegzuschlagen -- alle beide -- was? Ja, an sowas läßt man sich natürlich nicht gern erinnern, wenn man inzwischen Bräutigam geworden ist!«
»Oh, was das anbetrifft, Herr Hauptmann: das Wort ›bereuen‹ kommt in meinem Lexikon nicht vor.«
Der kleine Carstanjen spitzte die Ohren und rief dazwischen: »Donnerwetter, Herr Hauptmann, das scheint ja 'ne verflucht interessante Geschichte gewesen zu sein! Wollen Herr Hauptmann die nicht etwas ausführlicher erzählen?«
»Knöpfen Sie sich die Ohren zu, Sie Kiekindiewelt,« antwortete Brandeis, »sind noch viel zu klein für -- für solche Geschichten!«
»Herr Hauptmann unterschätzen mich!« lachte Carstanjen.
Brandeis fragte seinen Gast: »Wissen Sie auch schon, daß wir nächstens im Kasino ein feenhaftes Zauberfest in Aussicht haben?«
Flamberg erbat genauere Auskunft, und der Hauptmann berichtete: »Also am 18. August feiert doch das Regiment die siebenunddreißigste Wiederkehr des Tages von Gravelotte ... Na, das wissen Sie doch aus der Regimentsgeschichte?!«
»Ei gewiß: Sturm auf Point du jour, 118 Tote, 326 Verwundete! 2 Eiserne Kreuze erster und 18 zweiter Klasse ins Regiment!«
»Alle Achtung!« meinte Carstanjen, »so hab ich's ja nicht mal am Schnürchen!«
»Eh ... wie oft hab ich das schon meinen Kerlen in der Instruktionsstunde eingebläut ... da werd ich's doch selber nicht vergessen haben! -- So ... und das wird also diesmal in großem Stile gefeiert?«
»Ja,« erklärte Brandeis, »Sie wissen: der neue Kommandeur ist erst vor vierzehn Tagen angekommen, und so soll das alljährliche Regimentsfest diesmal zugleich als Begrüßung für die neue Kommandeuse im Kreise der Damen gefeiert werden ... es gibt 'ne große Gartenfête im Kasino -- Diner -- Theatervorstellung -- zuletzt natürlich Tanz!«
»Theatervorstellung?« fragte Flamberg interessiert. »Nanu ... das kann ja interessant werden ... was gibt's denn?«
»Bei der zweiten Kompagnie steht ein einjährig-freiwilliger Unteroffizier, ein Referendar seines Zeichens, zugleich in seinen zahlreichen Mußestunden Reiter auf dem Musenklepper ... den hat Frau von Sassenbach -- die ist nämlich Patroneß der Veranstaltung -- 'rangebändigt und zum Dichten kommandiert. Er hat sowas wie 'n allegorisches Festspiel verübt ... ihre beiden Töchter spielen natürlich mit; das war wohl auch der Hauptzweck der Übung, die zwei Mädels mal wieder gehörig in Szene zu setzen -- übrigens meine Frau wirkt auch mit --«
»Herr Hauptmann sind verheiratet? ... das erste, was ich höre ... seit wann denn, wenn ich fragen darf?«
»Seit eineinhalb Jahren!« sagte der Hauptmann, »übrigens eine Landsmännin von Ihnen, ein Fräulein Cäcilie Imhof ... na -- der Name wird Ihnen ja nicht unbekannt sein!« --
Cäcilie Imhof ... Bei diesem Namen stieg in Martin Flamberg eine Erinnerung auf, die Erinnerung an ein braunes, kapriziöses Mädchenköpfchen, das durch seine Jugend hingehuscht war wie so viele andere, ohne just eine dauernde Spur in seiner Seele zu hinterlassen ... Immerhin war seine Erinnerung lebhaft genug, daß ihn die Vorstellung, dieses Gesichtchen neben dem platt-behaglichen Puppenkopf des Hauptmanns von Brandeis auftauchen zu sehen, mit seltsamen Empfindungen erfüllte ...
In Gesellschaft hatte der junge Maler, damals noch ein völlig Namenloser, zuweilen das junge Mädchen getroffen und war von ihr ganz und gar nicht beachtet worden ... das war kein Wunder; denn sie war ein gefeiertes und damals schon, in ihrer zartesten Backfischjugend, vielumworbenes Geschöpfchen ... die Tochter einer alten Familie reicher Bankiers und Industrieller ... und er, Martin Flamberg, mußte sich damals noch zu jeder Gesellschaft für zwei Mark fünfzig einen Frack ausleihen ...
In den Tagen seines jungen Ruhms war er ihr nicht mehr begegnet.
Ihr Vater hatte sich von den Geschäften zurückgezogen und war nach Wiesbaden übergesiedelt, um den heilkräftigen Quellen nahe zu sein, deren beständige Einwirkung seine Gicht verlangte ... und nun war das verwöhnte Kind die Gattin eines braven, unbedeutenden Infanteriekapitäns ... merkwürdig ...
»Na? entsinnen Sie sich meiner Frau noch?« fragte Herr von Brandeis.
»Herr Hauptmann sehen, ich versuche mich zu besinnen, aber ich finde nur eine sehr blasse Reminiszenz.«
»Na, is ja auch egal,« meinte der Hauptmann, »Sie werden ja nächstens Ihre Erinnerungen auffrischen können; denn selbstverständlich hoffe ich doch, Sie recht bald in meinem Hause zu sehen ... meine Frau wird sich jedenfalls sehr freuen ...«
Flamberg verneigte sich.
»Na, und nun erzählen Sie mal von sich ... Sie haben sich ja inzwischen auch verankert ... hoffentlich recht vorsichtig gewesen in der Wahl Ihres Herrn Schwiegerpapas?«
»Mein Schwiegervater ist Beamter!« sagte Flamberg, »übrigens, ich bin, Gott sei Dank, seit einiger Zeit auf besondere Vorsicht in dieser Beziehung nicht mehr angewiesen.«
»Aha ... na natürlich ... verdienen jetzt aasige Däuser .. das versteht sich ... Porträtmaler -- Portemonnaiemaler -- alte Geschichte! -- Ja, sehen Sie, so gut geht's unsereinem nun nicht ... das ist noch das einzig Schöne an unserm Beruf, daß es uns kein Mensch übelnehmen kann, wenn wir unserer Zukünftigen nicht nur in die Augen, sondern auch ein bißchen ins Portemonnaie sehen ... Na, und in der Beziehung kann ich ja nicht klagen, wie Sie sich denken können ... übrigens auch in anderer Hinsicht hab ich direkt märchenhaften Dusel gehabt ... meine Frau heißt nicht umsonst Cäcilie ... die sollen Sie mal Klavier spielen hören -- und singen ... Na, ich sag Ihnen ja: Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf!«
Er füllte sich und dem Gaste die Sektkelche und hob ihm das Glas entgegen. »Na also in diesem Sinne, lieber Flamberg: unsere Damen! -- So ... Sie wollen auch mittrinken, kleiner Carstanjen ... ach Unsinn ... verstehen Sie ja noch gar nichts von ... aber mit anstoßen dürfen Sie doch ... Kommen Sie mal her mit Ihrem Pokal!«
»Ich kann nur noch einmal wiederholen: Herr Hauptmann unterschätzen mich!« schmunzelte Carstanjen mit spitzbübischem Lächeln auf seinem verwöhnten Geckengesichtchen.
»Sie, Flamberg,« sagte der Hauptmann, »ich hoffe, Sie werden mich bei der Erziehung dieses kleinen Windhundes da ein wenig unterstützen -- das ist auch einer von denen, mit denen 's der Herrgott gar zu gut gemeint hat -- und das ist ihm zu Kopf gestiegen -- wenn er also üppig wird, dann hauchen Sie ihn nur gehörig an -- meinen Segen haben Sie -- und einen Gotteslohn verdienen Sie sich überdies!«
»Na, wir zwei werden uns schon vertragen! -- Was meinen Sie, Herr Carstanjen?«
Das herzliche, offene Lachen, mit dem der Reserveoffizier dem jungen, aktiven Kameraden das Glas entgegenhielt, verscheuchte den Ausdruck von anmaßender Gekränktheit, der das hübsche, eitle Gesicht überhuscht hatte. Und so leerte die Königliche Erste eine Flasche Spezialmarke nach der andern in ungestörter Harmonie.
Weniger heiter sah es in der Gruppe der Königlichen Zweiten aus:
Herr Leutnant der Landwehr Frobenius saß stumm und einsilbig zwischen dem stummen und einsilbigen Kompagniechef, dem Hauptmann Goll, und dem Oberleutnant Menshausen, dem Kasinovorstand, während ihnen gegenüber als dritter Offizier der Kompagnie der Leutnant Quincke saß, ein junger, blasierter Bursch mit glattrasiertem Gesicht -- verlebten Zügen -- die Scherbe ins rechte Auge geklemmt. Menshausen und Quincke nahmen von dem Kameraden der Landwehr kaum Notiz -- unterhielten sich über den Tisch hinüber geflissentlich über Personen und Fragen, an denen der eingezogene Herr nicht das geringste Interesse nehmen konnte.
Und der Hauptmann, ein finsterer Junggesell mit starrem, schwarzem Haar und struppigem Schnurr- und Vollbart, sprach überhaupt nichts, füllte nur zuweilen die Gläser seiner Untergebenen und trank dem Gaste schweigend zu.
Als Frobenius erst gemerkt hatte, daß man ihn schlecht behandeln wolle, tat er instinktiv das einzige, was in dieser Situation für ihn möglich war -- er schwieg nämlich ebenfalls vollständig und machte nicht den leisesten Versuch, die Zurückhaltung der aktiven Herren durch entgegenkommende Liebenswürdigkeit zu überwinden.
Schließlich bemerkte der Oberleutnant, daß die rücksichtslose Nichtachtung, mit der die aktiven Herren den Gast behandelten, dessen Hilflosigkeit immerhin ein gewisses Mitleid erregte, allgemein auffiel, und ließ sich nunmehr herab, ein Gespräch mit ihm zu beginnen.
»Sagen Sie mal, Herr Leutnant Frobenius,« hub er an, »was sind denn Sie eigentlich im Zivilverhältnis?«
»Ich bin Privatdozent an der Universität Bonn.«
»Hm -- was dozieren Sie denn also privat?«
»Ich lese deutsche Literaturgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts bis zur Gegenwart.«
»Aha,« sagte Menshausen, »ich kann mir zwar dabei nichts Rechtes denken -- aber es ist ja jedenfalls was sehr Gelehrtes! Nun sagen Sie mal, was wollen Sie denn nun eigentlich bei uns? Macht Ihnen das denn wirklich Vergnügen, hier so acht Wochen lang in Uniformen von vor fünfzehn Jahren herumzulaufen und sich mit Ihrer Unkenntnis des neuen Exerzierreglements vor hundertzwanzig Bauernlümmels und Fabrikarbeitern lächerlich zu machen?«
Frobenius richtete sich ein wenig auf: »Herr Oberleutnant Menshausen -- ich bin mir wohl bewußt, daß ich hierherkomme, um zu lernen -- ich habe aber auf der andern Seite während meiner früheren Übungen die Beobachtung gemacht, daß Bauernjungens und Fabrikarbeiter ein ziemlich feines Gefühl dafür haben, wer vor ihnen steht, -- und hinter der vielleicht etwas veralteten Uniform und der mangelhaften Dienstkenntnis des Landwehroffiziers die überlegene Intelligenz respektieren, die ihnen in der Person eines Mannes der Wissenschaft gegenübertritt. Diese einfachen Leute wissen sehr wohl zu unterscheiden zwischen der formgewandten Nullität und dem Geist, der sich im Notfall -- daß heißt im Falle der wirklichen Not, meine ich -- von selbst die Form schafft, die der Augenblick verlangt.«
»Ja, verzeihen Sie, Herr Leutnant Frobenius,« sagte der Oberleutnant, »Sie drücken sich so gewählt aus, daß ich nicht zu folgen vermag -- was wollen Sie eigentlich mit Ihrem Erguß sagen?«
»Ich will versuchen, mich Ihnen deutlich zu machen«, erklärte Frobenius. »Wir Landwehroffiziere sind, das erkenne ich ja an, im Frieden scheinbar ein wenig deplaciert inmitten der jungen, dienstkundigen aktiven Herren -- aber wir sind auch gar nicht hier, um in Ihrer Mitte gute Figur zu machen -- wir wollen lernen -- lernen einzig und allein für den Krieg -- und glauben Sie mir, Herr Oberleutnant, im Kriege kommt es weder auf gutsitzende Uniform noch auf die Kenntnis jeder neuesten Phase der Taktik der Saison an -- da entscheiden ganz andere Faktoren. Da möchte vielleicht plötzlich mit dem Mobilmachungstage eine Umwertung der Werte stattfinden, und diesem Tage entgegen bewegt sich alle Hoffnung, die ich mit meinem Aufenthalt im Kreise des Regiments Prinz Heinrich der Niederlande verbinde.«
»Ah so,« sagte Menshausen, »ich verstehe -- Sie haben militärischen Ehrgeiz -- wollen womöglich noch gar Hauptmann der Landwehr werden?«
»Allerdings will ich das,« erwiderte Frobenius ruhig, »zurzeit übe ich auf Beförderung zum Oberleutnant.«
»Allen Respekt!« meinte Menshausen, »das hätt ich Ihnen nun nicht angesehen -- können Sie denn auch reiten?«
»Gewiß kann ich reiten,« erklärte der Privatdozent. »Ich meine, das versteht sich wohl von selber, da ich Ihnen sagte, daß ich die Beförderungsübung zum Oberleutnant mache.«
Aber er konnte nicht wehren, daß ihm bei der Erwähnung des Reitens selber ein wenig bänglich zumute wurde. Er hatte erst im Frühjahr mit Zittern und Zagen zum ersten Male einen Gaul bestiegen, war beim ersten Antraben vom Woilach heruntergekugelt wie eine Klammer von der Wäscheleine und hatte sich das Schultergelenk dermaßen ausgerenkt, daß er den linken Arm drei Wochen lang hatte in der Binde tragen müssen. Nach Ablauf dieser drei Wochen hatte er mit noch hörbarerm Zähneklappern den Reitunterricht wieder aufgenommen, und seine Scheu vor dem wilden, gefährlichen Tier, das dem Menschen nach dem Leben trachtet, endlich soweit überwunden, daß er mit der Zeit in der Reitbahn sich wenigstens auf den allerfrömmsten Kleppern hatte halten können. Ja, in den letzten Wochen vor der Übung hatte er sogar in Gesellschaft des Reitlehrers und einiger Damen der Bonner Gesellschaft einige Ausritte ins Gelände unternommen und war stets mit heiler Haut davongekommen, mit Ausnahme einer unangenehmen Begegnung, die er mit einem vorüberbrausenden Eisenbahnzuge gehabt hatte, und nach deren Verlauf er sich mit zerschundenem Gesicht, zerbeultem Hut und zerschlagenen Knochen in einem Chausseegraben wiedergefunden hatte, während seine Rosinante ohne seine Leitung ihre Futterstelle wiedergefunden hatte.
Der Gedanke also, demnächst hoch zu Roß vor der Front auftauchen zu müssen, erfüllte ihn mit einem Unbehagen, das zu überwinden er seines ganzen Mannesmuts bedurfte. Wenn aber etwas noch gefehlt hätte, um ihn in dieser Hinsicht zu äußerster Energie aufzustacheln, dann waren es die spöttischen Blicke und Redensarten des Kasinovorstandes.
Er beschloß in diesem Augenblick, allen Gefahren kühnlich zu trotzen und zu Pferde zu steigen mit der ruhigen Selbstverständlichkeit, mit der er sonst alle Morgen auf seinen Katheder kletterte, um seinen Hörern die Geheimnisse des zweiten Teils von Goethes Faust zu erklären.
Oberleutnant Menshausen bemerkte mit Vergnügen, daß der Landwehronkel bei der Erwähnung des Reitens, trotz seiner heroischen Worte, still und um einige Schattierungen blässer geworden war. Über den Kameraden hinweg fragte er den Hauptmann Goll: »Gestatten Herr Hauptmann eine Frage: Ist nicht morgen früh Ausbildung der Mannschaften im Entfernungsschätzen?«
»Allerdings!« grunzte Hauptmann Goll, »was gibt's denn dabei?«
»Ich wollte Herrn Hauptmann nur fragen, ob uns nicht gestattet wäre, die Übung zu Pferde mitzumachen -- wie ich soeben von Herrn Leutnant Frobenius höre, legt er ebenfalls Wert darauf, morgen früh zu reiten, und da ich für meine Person im Manöver als Ordonnanzoffizier zum Regiment komme und meinen neuen Gaul gern ein wenig an die Truppe gewöhnen möchte, so würde ich Herrn Hauptmann dankbar sein, wenn Herr Hauptmann uns gestatten wollten zu reiten!? -- Meines Wissens reiten Sie ja auch momentan dem Obersten sein Handpferd zu, Quincke, nicht wahr?«
Leutnant Quincke hatte der Unterhaltung zugehört und bejahte mit perfidem Grinsen: »Gewiß -- wenn Herr Hauptmann gestatten, komm auch ich hoch zu Roß!«
»Na schön,« sagte Goll, »ich hab nichts dagegen!«
Frobenius fühlte bei dieser Unterhaltung, wie die wenigen Haare, die seinen Schädel umsäumten, sich einzeln zu Berge sträubten. -- Herr Gott im Himmel -- schon morgen früh! -- Was war da zu machen -- Schicksal, nimm deinen Lauf!
»Wo wollen Sie denn Ihren Gaul herbekommen, Herr Frobenius?« fragte Menshausen unbarmherzig weiter, »haben Sie sich einen mitgebracht oder wollen Sie sich einen leihen?«
»Ich habe mich nach den Verhältnissen noch nicht erkundigt,« erklärte Frobenius, »ich denke, man bekommt in der Reitbahn passende Gäule geliehen, wie?«
»Selbstverständlich,« sagte der Oberleutnant, »wenn's Ihnen recht ist, stelle ich Ihnen meinen Burschen zur Verfügung -- der kann ja morgen früh vor dem Dienst zur Reitbahn gehen und Ihnen ein Pferd besorgen.«
Frobenius ahnte Böses; doch er hatte sich nun einmal vorgenommen, jeder Gefahr die Stirn zu bieten, und so nahm er mit verbindlichem Lächeln das Anerbieten des Oberleutnants an.
Als im nächsten Augenblick Hauptmann Goll wieder einmal wortlos dem Landwehroffizier zutrank, beugte sich Menshausen zu Quincke hinüber und flüsterte ihm zu: »Sie, Quincke, ich werde meinen Burschen instruieren, daß er »Kuno den Schrecklichen« besorgt! -- Kennen Sie den Schinder?«
»Na ob!« grinste Quincke, »das ist ja das verrittenste Pferd in der ganzen Garnison. -- Na, wenn der Landwehronkel auf Kuno überhaupt aus dem Kasernenhof 'rauskommt, dann garantier ich jedenfalls: 'rein kommt er nicht wieder!«
In diesem Augenblick hob Major von Sassenbach die Tafel auf, und alsbald empfahlen sich die Vizefeldwebel der Reserve und die Avantageure, indem sie in die Mitte des Hufeisens traten und erst vor dem Tischältesten Front machten, dann nach rechts und links desgleichen; dabei schlugen die Hacken zusammen, daß es nur so krachte.
Und nun schwirrten die Ordonnanzen von allen Seiten mit den brennenden Lichtern herein, und das gelbe Flimmern der flackernden Flämmchen vermählte sich mit dem dunklern Gelbgold der Abendsonne, die gebrochen durch die leise sich wiegenden Kronen der Bäume des Kasinogartens in die hohen Bogenfenster strahlte. Bald kräuselten sich bläuliche Tabakwölkchen hinein -- und noch ungezwungener rauschte nun das Geplauder, noch lebhafter wogte das Hinüber und Herüber der Scherze -- des Zutrunks -- und bald war den Offizieren der Reserve wieder zumute, als seien die Monate und Jahre »im schlichten Gewande der Bürgerlichkeit«, die seit dem letzten Abschiedstrunk im Kasino verflossen waren, nur ein Traum gewesen, und als sei dies Leben im bunten Rock ihre eigentliche Existenz -- als sei die Schar der Kameraden, in deren Mitte sie nun wieder eingetreten waren, das Milieu ihres Lebens.
Sie waren riesig vergnügt, die Herren des Beurlaubtenstandes. Der geschniegelte und pomadisierte Leutnant der Reserve Klocke schwamm in Seligkeit. Herr Kamerad hier, Herr Kamerad dort, so schmetterte das nach allen Richtungen hinüber und herüber -- als trüge er eine Sprungfeder im Leibe, so schnellte er jedesmal empor, wenn ein Vorgesetzter ihm zutrank, und leerte mit Begeisterung seinen Kelch, nur daß im Laufe der Zeit seine Augen immer stierer, sein Gesicht immer röter, seine Bewegungen immer unsicherer und die Scherze, die er zum besten gab, immer gewagter wurden und je länger je mehr nach dem Coupé dritter Klasse schmeckten.