Part 2
»Ja, allerdings, das war die Absicht«, meinte der Privatdozent. »Eigentlich ist die Übung für mich ein Martyrium, dem ich nur mit Grauen und Entsetzen entgegensehe -- und ich weiß schon, daß ich während der ganzen Zeit aus einer Katastrophe in die andere taumeln werde -- aber was hilft's -- es muß nun einmal sein.«
»Ja,« lachte der Maler, »dann sind Sie allerdings zu bedauern -- ich für meine Person freue mich, offen gestanden, ganz kolossal auf die Übung.«
»Das glaube ich,« sagte Frobenius, »Sie sehen auch so aus, als ob Sie Grund dazu hätten. Wenn mich der Schein nicht trügt, so sind Sie ein gerade so netter Kerl, wie Sie ein großer Künstler sind, und ich werde Ihnen etwas sagen: Sie werden mir einen Gefallen tun. Sie werden sich gelegentlich meiner ein bißchen erbarmen, wenn es mir gar zu jämmerlich geht, nicht wahr, Herr Kamerad?!«
Er streckte dem Maler die haarige Rechte hin, von der er den weißen Uniformhandschuh abgezogen hatte, und schallend schlug Martin ein.
»Das soll ein Wort sein, Herr Frobenius -- ich denke, es soll recht nett werden, die acht Wochen hindurch -- ich sehe gar nicht ein, was uns hindern könnte, uns die zwei Monate, die vor uns liegen, zu einem rechten Fest zu machen.«
Zweites Kapitel.
In dem hellen, luftigen Speisesaal des Offizierkasinos des Füsilier-Regiments Prinz Heinrich der Niederlande (14. Rheinischen) Nr. 186 war der Kasinovorstand, Oberleutnant Menshausen, damit beschäftigt, die Anordnungen für die Mittagstafel einer letzten Prüfung zu unterziehen. Er legte an der Hand eines Zettels, auf dem er die Tischordnung entworfen hatte, persönlich die Tischkarten, instruierte die Ordonnanzen und warf ab und zu einen Blick auf den Kasernenhof hinaus, wo im Schatten der Kasernengebäude die Bataillonsadjutanten die Befehlsempfänger der Kompagnieen um sich versammelt hatten, um die Tagesbefehle auszugeben. Drüben aber, im prallen Sonnenschein, trat die Wache an, und der Offizier vom Ortsdienst nahm die Meldungen der Wachhabenden entgegen.
Säbelklirrend kam Leutnant Blowitz herein, der neue Adjutant des ersten Bataillons, erst seit kurzem aus dem fernen Osten in das rheinische Regiment versetzt: »Morgen, Menshausen -- nanu, gibt's denn heute mittag ein größeres Zauberfest?«
»Allerdings,« erwiderte Menshausen kurz, »Regimentsmusik!«
»Was ist denn los?«
»Die Herren Kameraden der Reserve und Landwehr werden in unserer Mitte begrüßt.«
»Ah -- richtig, richtig -- aber warum machen Sie denn dazu so'n saures Gesicht, Menshausen?«
»Ich weiß nicht,« brummte der Kasinovorstand, »kann die Herren nun mal nicht verknusen -- verderben den ganzen Eindruck des Offizierkorps -- untergraben die Disziplin.«
»Na, hören Sie mal,« lächelte Blowitz, »ich habe mich bei meinem frühern Regiment mit den Herren ganz vorzüglich gestanden. Ist 'ne ganz nette Abwechslung -- man bekommt doch mal was anderes zu hören, als ewig Kommiß- und Avancementsgeschichten. Übrigens sind die Herren nun einmal doch ein notwendiges Übel.«
»Ob sie notwendig sind, weiß ich nicht -- übel sind sie jedenfalls.«
Leutnant Blowitz stand gerade an der Wand unter einem mächtigen Rahmen, der eine große Anzahl einzelner Photographien von Offizieren umschloß. Es waren die Toten des Offizierkorps des Regiments aus dem Feldzuge 1870/71.
»Ja, sehen Sie mal, lieber Menshausen,« meinte er, »schau'n Sie sich doch mal hier die Regimentstafel der Gefallenen von Siebzig an -- da ist ein Hauptmann der Reserve und drei Leutnants der Reserve drunter.«
»Na ja,« lenkte der Ältere ein, »im Kriege mögen die Herren ja an ihrem Platze sein, und daß sie brav gefochten haben und als ehrenhafte Soldaten gestorben sind, will ich ja nicht bezweifeln -- aber im Frieden tun sie nichts weiter, als den Betrieb stören. Wir sind doch hier wahrhaftig nicht zusammen, um ein bißchen Räuber und Gendarm miteinander zu spielen -- wir haben hart zu arbeiten -- wir haben die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, binnen zwei Jahren die Hanakenbande, die uns jeden Oktober hierher geschickt wird, zu halbwegs brauchbaren Soldaten zu erziehen -- und dabei sind die Herren von der Reserve und Landwehr höchstens hinderlich!«
Blowitz lachte still in sich hinein. Er hatte den Charakter des neuen Regimentskameraden schon einigermaßen durchschaut und wußte, daß es nicht leicht war, ihm irgend etwas recht zu machen.
»Wie viel Herren kommen denn?« fragte Blowitz.
»Ganze sechs!«
»Na, was für Geisteskinder sind es denn?«
»Geben Sie mal acht,« sagte der Oberleutnant und zog den Jüngern ans Fenster, »da hinten unterm Torbogen da versammeln sie sich gerade. Wissen Sie, ich teile die Herren Sommerleutnants in zwei Kategorien ein: die einen sind die, die wenigstens von weitem wie Offiziere aussehen -- die andern sind glattweg wandelnde Karikaturen. Nun sehen Sie sich mal die Gesellschaft da hinten an. Ich werde Ihnen zunächst die Karikaturen vorstellen. Also betrachten Sie mal diese Tonne da hinten: das ist der Oberleutnant der Reserve, Herr Brassert, im Zivilverhältnis Gymnasialoberlehrer. Wenn Sie dem einen Stich ins Herz versetzen wollen, dann müssen Sie ihn ›Herr Professor‹ anreden.«
»Warum soll ich ihm denn einen Stich ins Herz versetzen?« erwiderte Blowitz, »er hat mir ja gar nichts getan -- aber weiter! Wer ist denn dieser merkwürdig dünne Herr mit dem zapfenartig herunterhängenden Schnurrbart?«
»Ja,« sagte Menshausen, »das ist die Obervogelscheuche unter den Herren -- das ist der Forstassessor Troisdorf, ein Rauhbein im Quadrat; ich behaupte, er kann überhaupt kein Wort Hochdeutsch sprechen.«
»Nanu,« meinte Blowitz, »wie ist denn das möglich? Ein Forstassessor ...«
»Na, Sie werden ja hören,« entgegnete Menshausen, »mag sein, daß er im Verkehr mit seinen Waldwärtern und Treibern völlig verbauert ist, jedenfalls spricht er das fürchterlichste Kölnisch, das ich jemals gehört habe.«
»Übrigens wimmelt da ja noch eine dritte Karikatur 'rum.«
»Den Herrn kenn' ich nicht -- das ist also jedenfalls der Landwehronkel, der uns angekündigt worden ist -- irgend so'n gelehrtes Haus von der Universität -- Gehirnfatzke, wie der Simplizissimus sagt!«
»Na, und nun also die halbwegs vernünftig Aussehenden!«
»Ja sehn Sie -- da ist zunächst der einzige, der für mich mitzählt, der blonde Herr im Dienstanzug -- er macht seine erste Offizierübung -- er ist aus dem Regiment hervorgegangen -- ein Referendar namens Dormagen -- ein einigermaßen tadelloser Herr!«
»So, also das ist Ihr Genre,« sagte Blowitz, »für meinen Geschmack hat er eine ziemliche Ohrfeigenvisage -- und der andere daneben, mit dem riesigen, hochaufgedrehten Schnurrbart?«
»Hm -- das ist wieder 'ne andere Nummer -- das ist der Leutnant Klocke -- seines Zeichens das, was ein aktiver Offizier in der Regel erst später zu werden pflegt -- nämlich Versicherungsagent! -- Na -- er macht wenigstens 'ne leidlich militärische Figur -- über seine sonstige Persönlichkeit müssen Sie sich selbst ein Urteil bilden!«
»Wer aber«, fragte Blowitz, »ist der blonde Herr, der da eben so strahlend heranfegt?«
Menshausen zögerte einen Augenblick mit der Antwort. »Tja -- -- das ist sozusagen unser Renommierreserveleutnant -- ein sogenanntes berühmtes Tier -- das ist der Maler Flamberg --«
»Flamberg?« sagte Blowitz nachsinnend, »woher kenn' ich denn den Namen? -- Richtig, jetzt fällt mir's ja ein: auf der Durchreise war ich doch in Berlin und hab' da in einer Ausstellung ein paar gemalte Weiber gesehen -- aber -- deliziös, sag' ich Ihnen -- eine stramme Germanin -- und daneben eine fabelhaft pikante Jüdin mit Schultern -- Schultern -- sag' ich Ihnen! Teufel, die Bilder machen ja ein kolossales Aufsehen! -- und das ist also dieser Flamberg?«
»Weiß ich nicht,« sagte Menshausen, »ich verstehe nichts von Kunst -- und ob er eine Germanin und eine Jüdin in Berlin aufgehängt hat, ist mir höchst wurscht. Für meine Person kann ich nur behaupten, daß dieser Herr Flamberg mir unter all den Herren von der Reserve der fatalste ist. -- Was der Bruder sich schon einbildet auf sein bißchen Pinselei! und dann, wissen Sie: Ansichten! Ich begreife nicht, was so'n sogenannter Künstler überhaupt im preußischen Offizierkorps zu suchen hat. -- Der sollte doch ruhig mit seinen Übermenschen und Überweibern zusammenhocken und uns hier in Frieden lassen -- na, Sie werden ihn ja kennen lernen.«
»Ich weiß nicht -- ich finde, er sieht ausgezeichnet aus!«
In diesem Augenblick standen die Ordonnanzen stramm; denn ein neuer blauer Überrock erschien in der Tür zum Rauchzimmer.
»Morgen, meine Herren!«
»Guten Morgen, Herr Hauptmann!« Die beiden Offiziere verneigten sich.
»Ah, Herr Hauptmann schenken uns die Ehre heute,« sagte der Kasinovorstand, »ist ja wohl das erstemal, seitdem Herr Hauptmann der Tischgesellschaft auf so überaus angenehme Weise entfremdet worden sind!?«
»Tja,« meinte Hauptmann von Brandeis, »alles den Herren Kameraden von der Reserve zu Ehren! -- Da ist nämlich der Maler Flamberg dabei, den hab ich seinerzeit als Rekruten ausgebildet. -- Ich habe bei Herrn von Schoenawa durchgesetzt, daß er in meine Kompagnie kommt.«
»So,« meinte Menshausen, »also der ist Herrn Hauptmanns Fall?«
»Warum nicht?« entgegnete Hauptmann von Brandeis, »und übrigens -- wissen Sie, wir gehen doch nächstens ins Manöver, und da weiß ich aus Erfahrung -- Flamberg hat nämlich schon einmal bei meiner Kompagnie während des Manövers geübt -- der ist unschätzbar als Menagenchef. Wenn ich die Manöververpflegung dem Windhund, meinem kleinen Carstanjen, überlasse, dann bekomm ich während der drei Manöverwochen nichts Vernünftiges zu essen und zu trinken -- da halt' ich mich schon lieber an Flamberg -- das ist ein Genießer vor dem Herrn! -- Außerdem hab' ich auch noch andere Absichten mit ihm: er soll meine Frau malen!«
»So,« meinte der Oberleutnant gedehnt, »wissen Sie denn auch, Herr Hauptmann, daß Flamberg in dem Ruf steht, von den Damen sehr -- hm, hm! -- verwöhnt zu werden?«
»Na, wennschon,« sagte Brandeis phlegmatisch, »er ist verlobt! -- Übrigens war das eine ziemlich geschmacklose Bemerkung von Ihnen, lieber Menshausen.«
Der Hauptmann machte kurz kehrt und ging ohne Gruß in das Rauchzimmer zurück.
»Kennen Sie Frau von Brandeis, lieber Blowitz?« fragte Menshausen leise.
»Wenigstens +par renommée+,« erwiderte der andere, »soll 'ne Schönheit sein, wie?«
»Schönheit --? viel zu wenig! Die Frau, wissen Sie, das ist -- einfach 'ne Sache, verstehen Sie. -- -- Wie die an dieses schlafmützige Dusseltier, den Brandeis geraten ist, das wissen die Götter! -- Stammt aus 'ner schwerreichen Düsseldorfer Fabrikantenfamilie -- fabelhaft musikalisch -- und ein Temperament --! Wenn ich Brandeis wäre, die ließ ich nicht fünf Minuten aus den Fingern! Na, schließlich so'n Reserveonkel -- davor wird sie hoffentlich ihr guter Geschmack bewahren. -- Wenn schon -- dann soll's wenigstens in der Familie bleiben --!«
In diesem Augenblick trat der Stabshoboist, der Königliche Obermusikmeister Herr Biesicke ein, schritt stramm auf den Kasinovorstand zu und meldete: »Regimentsmusik zur Stelle!«
»Danke, lieber Biesicke! Na, nun können die Herren Kameraden der Reserve und Landwehr meinetwegen anrücken!« -- --
* * * * *
Draußen auf dem Kasernenhof lag die Augustsonne in breiten goldenen Flächen ausgegossen -- immerfort tauchten in diese gelbe Fläche glitzernde, flimmernde Punkte hinein.
Jetzt kam bei lustigem Pfeifen- und Trommelklang eine Kompagnie mit Staub und Schweiß bedeckt von der Felddienstübung zurück. Der Hauptmann an der Spitze setzte seinen Gaul in Galopp, sprengte bis auf die Mitte des Kasernenhofes vor und kommandierte, daß es schallend an den langen Fronten der Kasernengebäude widerhallte: »Augen -- rechts!«
Hei! Da richteten sich all die marschmüden Gestalten noch einmal stramm auf -- mit einem Ruck flogen die Köpfe rechts herum, und in flottem Parademarsch zog die gleißende, waffenrasselnde Schar an ihrem Häuptling vorüber.
»Kompagnie -- halt! -- Mit Gruppen links schwenkt -- marsch! Halt! Gewehr -- ab! -- Rührt euch!«
Schon erschien, aus seiner behaglichen, kühlen Kompagniestube hervorgekrochen, der behäbige Feldwebel, erschienen Mannschaften vom Arbeitsdienst in Drillichzeug, Feldmützen und blauen Schürzen, um die vom Gefecht übrig gebliebenen Platzpatronen und Patronenhülsen abzunehmen -- einige Befehle wurden noch ausgegeben -- dann hieß es: »Stillgestanden! -- Weggetreten!«
Und nach strammer Kehrtwendung ergoß sich die Schar der jungen Krieger wie eine heiße Flutwelle schweißdunstiger, wangenbrauner Jugend in der Richtung auf die Kaserneneingänge und verlor sich schwatzend, lachend, stiefelpolternd in die hallenden Korridore.
Der Hauptmann warf seinem Burschen die Zügel seines Kleppers zu, voltigierte so elastisch, als ihm seine zweiundvierzig Jahre dies gestatteten, vom Pferde herunter und wandte sich zu seinen Offizieren. Die standen, Hand am Helm, Säbel angefaßt, seiner Befehle gewärtig: »Ich danke Ihnen, meine Herren -- wie wär's mit einem Schoppen im Kasino?«
»Selbstverständlich, Herr Hauptmann!«
Da standen in der geräumigen Eingangshalle des Kasernengebäudes die sechs eingezogenen Offiziere des Beurlaubtenstandes: »Ah, sieh da -- die Herren von der Reserve und Landwehr!«
Der Hauptmann und die beiden jungen, schmucken aktiven Leutnants traten auf die eingezogenen Herren zu und begrüßten die alten Bekannten. Von den sechs Angekommenen gehörten fünf zur Reserve des Regiments und waren den aktiven Herren von frühern Übungen her bereits bekannt. So war die Begrüßung sehr herzlich und kameradschaftlich.
Etwas hilflos stand der Leutnant der Landwehr Frobenius im Hintergrunde, aber Flamberg, eingedenk seines Versprechens, sich des Kameraden anzunehmen, winkte ihn heran: »Gestatten Herr Hauptmann, Herr Leutnant der Landwehr Frobenius -- Herr Hauptmann Haller, Chef der dritten Kompagnie -- die Herren Leutnants von Finette und Krummacher.«
Herr Frobenius faßte den Säbel in die Linke und legte die weißbehandschuhte Rechte wie eine große Flosse an den Helm mit einer so altväterlich unbeholfenen Handbewegung, daß der lustige, hellblonde Leutnant von Finette es sich nicht versagen konnte, gleich loszuulken: »Sagen Sie, Herr Frobenius, Sie haben wohl schon unter Albrecht dem Bären gedient, wie?«
»Warum meinen Sie, Herr Kamerad?« fragte Frobenius errötend.
»Das schließe ich aus dem Schnitt Ihres Kollers und aus dem Modell Ihres Turnierhelms.«
»So -- sind die Sachen so auffallend unmodern?« stammelte Frobenius.
»Ja,« entgegnete Finette, »wenn Ihre Kenntnis des Exerzierreglements im selben Maße mit der Neuzeit fortgeschritten ist, dann werden ja die Herren Füsiliere viel Vergnügen an Ihnen erleben!«
Flamberg kam ihm wiederum zu Hilfe: »Lieber Finette, wenn Sie mal ein so altes Patent haben werden wie der Herr Kamerad Frobenius, dann haben Sie längst wegen unheilbarer Revolverschnauze den Abschied -- -- und kommen also gar nicht in die Verlegenheit, sich von einem jungen Dachs wegen Auftragens älterer Garnituren anulken lassen zu müssen,« sagte er mit liebenswürdigem Lächeln, doch scharf genug, daß Finette verstand.
Der aber war nicht aus der Fassung zu bringen. Im echtesten Tonfall seiner Heimatstadt Köln erwiderte er: »Is ja halb so schlimm gemeint, nit wahr, Herr Frobenius? lohß mer uns widder verdrage, nit?«
Er streckte dem Privatdozenten die schlanke Hand hin, die dieser krampfhaft schüttelte.
Immer mehr Kompagnien kamen jetzt von der Morgenarbeit zurück. Die Offiziere, von ihren Hauptleuten verabschiedet, traten einer nach dem andern heran und begrüßten die eingezogenen Herren.
Frobenius beobachtete mit Genugtuung, daß das kameradschaftliche Verhältnis zwischen den aktiven Herren und denen der Reserve ein sehr gutes zu sein schien -- nur er, der allein nicht die Regimentschiffre trug, das Monogramm des Chefs, des Prinzen Heinrich der Niederlande, nur er allein wurde mit einer gewissen Zurückhaltung behandelt, zu der allerdings, wie er sich selbst nicht verhehlte, sein verbotenes Exterieur einigermaßen beitragen mochte.
Auch die Stabsoffiziere fanden sich ein: der martialisch kurzangebundene Oberstleutnant Rautz -- dann der Kommandeur des ersten Bataillons, Major von Sassenbach, ein alter Troupier mit ausgewettertem Gesicht und langflatternden grauen Schnurrbartzipfeln -- Major Blasberg, der das zweite Bataillon führte, ein hagerer reservierter Diplomat -- und endlich kam gar mit klingendem Spiel der Regimentsmusik das ganze dritte Bataillon von der Felddienstübung zurück, voran der Kommandeur: der kleine rauhbeinige Major von Czigorski, der mit hellkrähender Stimme den Parademarsch befahl, auf seinem riesigen Schimmel, den seine dicken Beinchen kaum umspannen konnten, und mit behaglichem Stolz den Vorübermarsch sämtlicher Kompagnieen ansah, bis hinunter zur zwölften, der Kompagnie der ganz kleinen Kerle, die aber als die strammste im ganzen Regiment galt.
So rollte sich vor den Augen der eingerückten Herren das ganze, vertraute, farbenfrohe Schauspiel des militärischen Lebens ab, und mit Freude sogen Martin Flambergs Malersinne den glitzernden Schmelz, die schmetternden Geräusche, den herben Duft des kriegerischen Bildes ein.
Vom Kasino her kam der Hauptmann von Brandeis, des Malers alter Freund und Gönner, und schritt geradenwegs auf ihn zu. Flamberg hatte bereits auf dem Regimentsbureau in Erfahrung gebracht, daß er wieder bei der Ersten üben würde, und freute sich dessen; denn er hatte sich während jener ersten acht Wochen unter Brandeis vorzüglich mit ihm vertragen. In dienstlicher Haltung trat er dem Kapitän entgegen: »Melde mich ganz gehorsamst zur achtwöchigen Übung eingezogen und der ersten Kompagnie zugeteilt.«
»Danke Ihnen, lieber Flamberg,« lächelte Brandeis und streckte ihm freundschaftlich die Hand entgegen, »seien Sie mir wieder einmal willkommen bei der Königlichen Ersten! Na, wir werden ja hoffentlich ein schönes Manöver haben -- der Hunsrück ist nicht das Schlimmste -- erinnern Sie sich, was wir vor vier Jahren haben in der Eifel ausstehen müssen?«
»Jawohl, Herr Hauptmann -- Köttelbach -- Katzwinkel -- Beinhausen -- und Gefell -- schöne Gegend!«
»Stimmt! -- wenn Ihre Kochkunst und Ihre wohlassortierte Wein- und Menagekiste nicht gewesen wäre, wär's uns dreckig gegangen -- habe später oft Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Flambergs gehabt.«
»Herr Hauptmann wissen, daß ich ein Feldsoldat bin und auch mal das Koppel enger schnallen kann, ohne gleich die Nase in den Dreck hängen zu lassen, wenn's sein muß -- aber wenn's nicht sein muß, dann bin ich allerdings mehr für Luxus und Wohlleben, offen gestanden.«
»Ganz Ihrer Meinung, lieber Flamberg, und um gleich einen guten Anfang zu machen, bitte ich Sie, heut mittag bei der Begrüßungstafel mein Gast zu sein.«
»Ich danke gehorsamst, Herr Hauptmann!«
»Und im übrigen: nochmals willkommen und auf gute Freundschaft! -- Aber da kommt unser neuer Herr Regimentskommandeur -- die Herren werden sich melden müssen. Auf Wiedersehn also hernach im Kasino!«
Mit rascher Prüfung, nicht ohne einige Spannung, schauten die sechs Augenpaare der eingezogenen Offiziere des Beurlaubtenstandes der Ankunft des neuen Regimentskommandeurs entgegen. Von den aktiven Herren hatten sie bereits genug über ihn gehört, um zu wissen, daß er keinen Spaß verstehe.
Der Oberst Freiherr von Weizsäcker war aus der hessischen Armee hervorgegangen und trug zwischen seinen Rippen noch zwei preußische Kugeln, die er am 13. Juli 1866 als hessischer Leutnant im Gefecht bei Frohnhofen und Lauffach erhalten hatte. Dazu schmückte ihn das Eiserne Kreuz erster Klasse, das er als Führer einer preußischen Kompagnie bei Gravelotte erworben. So verkörperte er in seiner Person ein ganzes Stück der Geschichte deutscher Einigungskämpfe.
Als Flamberg ihm ins Auge sah, war sein erster Gedanke der Wunsch: »Den möchtest du malen!«
Auf der noch jugendlich elastischen, gertenschlanken Reiterfigur ein bronzener Kopf mit scharfgezogener Nase, darunter zwei graue Schnurrbartflämmchen; der Kopf, die ganze Gestalt beherrscht von tiefliegenden, doch hell und groß gezeichneten grauen Augen; die hatten die Gewohnheit, mit zwei raschen Blicken die Gestalt dessen, der vor ihnen erschien, gleichsam abzustreifen; dann bohrten sie sich mit bannender Gewalt in die Augen des Gegenübers ein, drangen mit unwiderstehlichem Leuchten bis in die Tiefe.
Die Reserveoffiziere hatten sich in einer Reihe aufgestellt. Oberleutnant der Reserve Brassert, der behäbige Gymnasialprofessor, war dem Dienstgrad nach der älteste, und so war es denn an ihm, dem Obersten entgegenzutreten und ihm die sechs eingezogenen Herren zu melden.
Der Oberst überflog mit den zwei raschen Blicken die Gestalt des Vertreters der Herren des Beurlaubtenstandes; dabei zuckten die beiden Schnurrbartflämmchen und der herrische Mund darunter einen Augenblick, aber eisern blieb das Gesicht, nur die Augen lachten, als er mit leichtem Dank der weißbehandschuhten Hand erwiderte: »Ihren Namen, Herr Oberleutnant, wenn ich bitten darf!«
Als Brassert sich genannt, ließ er sich dessen Stand angeben, und seine Antwort: »Ah so!« schien darzutun, daß er nun den Duft der Studierstube, welcher der Erscheinung des Angeredeten anzuhaften schien, begreife.
Der Oberst ging die Reihe entlang und wiederholte die Frage nach Namen und Stand. Dann trat er mit ein paar raschen Schritten vor die Mitte der Herren, streifte noch einmal kreuz und quer mit den Augen ihre Front ab und sprach:
»Meine Herren, ich begrüße Sie. Ich habe mir erzählen lassen, daß das Regiment, das zu führen ich seit kurzem die Ehre habe, einen überaus tüchtigen Ersatz an Reserveoffizieren sein eigen zu nennen das Glück hat. Ich kann also mit vollem Vertrauen Ihrer Mitwirkung an unserer gemeinschaftlichen Arbeit entgegensehen. Wer, wie ich, zwei Feldzüge mitgemacht hat, weiß, was die Armee an den Offizieren des Beurlaubtenstandes besitzt. -- Sie kommen zu uns, um bei uns zu lernen -- ich bin aber überzeugt, daß Sie uns auch etwas mitbringen: Sie bringen uns einen Gruß des Volkes, zu dessen Schutz wir bestimmt sind. -- Sie bringen uns einen Gruß der Geistesarbeit, die unterm Schirm unserer Waffen gedeihen soll. -- In diesem Sinne begrüße ich Sie alle -- als das lebendige Band zwischen dem aktiven Offizierkorps und dem Volk, um dessentwillen wir alle da sind. -- Ich wünsche Ihnen, daß Sie sich wohl fühlen in unserer Mitte, und daß Sie nach Ablauf Ihrer acht Wochen nicht nur gebräunt und gekräftigt, sondern auch an militärischen Kenntnissen bereichert und durch freudige Erinnerungen gefördert an die Stätte Ihrer Lebensarbeit zurückkehren mögen. Ich danke Ihnen, meine Herren!«
Er grüßte, und wiederum flogen die Hände der eingezogenen Herren an die Helmschienen.
Nun wandte er sich zu den Stabsoffizieren, welche bisher, von den Hauptleuten und aktiven Leutnants umringt, den Worten des Obersten zugehört hatten, und schritt im Geplauder dem Korridor zu, der auf das Regimentsbureau führte.
Kaum war er verschwunden, da löste sich die feierliche Erstarrung, und die Gruppen der aktiven und Reserveoffiziere vermischten sich zu lautem Gelächter, schnarrendem Geplauder -- und säbelrasselnd, sporenklirrend schritten die Herren über den hallenden Kasernenhof zum Kasino hinüber.
An allen Fenstern der endlosen Fronten wurden neugierige Köpfe sichtbar -- an allen Waschtrögen standen Gruppen von Soldaten in Feldmützen und Drillichzeug, die nun ihre Arbeit unterbrachen und, Bürsten und Monturstücke in der Hand, zur vorgeschriebenen Haltung erstarrten, bis die Gruppe der Offiziere an ihnen vorüber war.
Und als nun die ersten der Herren die Stiegen der Treppe zum Kasino betraten, da scholl von drinnen der schmetternde Klang der Regimentsmusik, die den Einzugsmarsch der Gäste aus Tannhäuser den einrückenden Kameraden entgegensandte.
Nach wenigen Minuten, die man harrend und plaudernd im Rauchzimmer zugebracht, erschien der Kasinovorstand Oberleutnant Menshausen und bat die Herren zu Tisch.