Slavische Volkforschungen Abhandlungen über Glauben, Gewohnheitrechte, Sitten, Bräuche und die Guslarenlieder der Südslaven

Part 9

Chapter 93,840 wordsPublic domain

Es war einmal ein reiches und ein armes Weib. Die reiche Frau hatte nur ein einziges Kind, die arme ihrer sieben. Die Reiche besass sieben Kühe, die Arme nur eine und die gab keine Milch; denn sie wurde von der Hexe ausgesaugt. Einmal ging die Arme in den Stall und erblickte eine Kröte, die an dem Euter der Kuh säugte. Rasch ergriff sie eine Axt und schlug auf die Kröte los. Diese Kröte war niemand anderer als die reiche Nachbarin, die gleich am nächsten Tage gegen das arme Weib beim Pfarrer Beschwerde führte. Der Pfarrer liess auf der Stelle das arme Weib vor sich laden und fragte sie, wie sie es gewagt, ihre Nachbarin so schmählich zuzurichten. Das Weib erklärte, sie habe bei Leibe niemand anderen als nur eine Kröte geschlagen, die an dem Euter ihrer Kuh gesaugt. Auf diese Weise erfuhr man, dass die reiche Frau eine Hexe ist und liess sie auf Pferdeschweifen in Stücke reissen.

Die Hexe erlangt über die fremde Kuh durch ein sogenanntes sympathetisches Mittel Gewalt. Darin liegt aber auch zugleich die innere Kraft der Hexe. Gelingt es dem Beschädigten, die Stücke in die Hand zu bekommen, so ist er zugleich Herr der Hexe. Er kann sie dann nach Belieben vernichten. Darüber belehrt uns ein Märchen aus Chrowotien.

In Cepirlak lebte ein Weib, das hatte drei Kühe. Die eine Kuh war weiss, die andere schwarz, die dritte rot. Diese Kühe gaben recht viel Milch. Das Mütterchen wurde reich und schenkte viel den Armen. Auf einmal trockneten die Kühe ein, doch nicht plötzlich, sondern so, dass sie immer weniger und weniger Milch gaben. Das Weib fütterte und hielt wohl immer besser ihre Kühe, doch alles umsonst, zusehends wurden die Kühe immer magerer, und darüber weinte das Mütterchen. Sie wusste sich schon nimmer zu helfen, sondern suchte ein altes Mütterchen auf und befragte sie um ihren Rat wegen der Kühe. »He«, sagte das alte Mütterchen zu ihr, »da weiss ich dir wirklich keinen Rat und keine Hilfe. Ein Weib hat dir die Kühe verhext (edna ti je žena scoprala krave). Geh nach Haus, vielleicht findest du irgend etwas.« — Geht das Weib heim, sucht in allen Winkeln herum, kann aber nirgends etwas finden. Schaut sie da nicht zufällig in den Rauchfang hinauf und erblickt im Rauchfang einen schwarzen Gegenstand. Nimmt sie ihn herab, um doch zu sehen, was das sein soll. War das ein Pack Lumpen. In den Lumpen aber waren drei Nägel und um jeden Nagel ein Haar gewunden: ein rotes, ein schwarzes und ein weisses, gerade solches Haar, wie es die Kühe eben hatten. Ging sie nun wieder zu dem alten Mütterchen mit den Sachen, die sie da gefunden. Schaut das Mütterchen die Sachen an und spricht zu ihr: »Nimm diese drei Nägel und schmiede sie zu einem einzigen zusammen, dann nimm um 12 Uhr nachts diese drei Kuhhaare und leg jedes mit einem Ende ans Feuer, und zwar so, dass sie nur ein klein winzig anbrennen. So musst du nach und nach jeden Tag tun, so lange, bis deine Kühe gesund werden.« Schmiedet sie wirklich die drei Nägel in einen zusammen und fängt an, die drei Haare zu versengen. Gott soll mich strafen, wenn nicht wirklich von dem Augenblicke ab die Kühe immer gesunder wurden. Schlimm aber erging es dem Weibe, das die Kühe verhext hatte. Noch den Tag vorher war das Weib frisch und gesund. Von dem Augenblick ab, wo das Weib die Haare zu versengen anfing, wurde die Hexe immer hinfälliger, und je mehr die Kühe an Gesundheit und Kraft zunahmen, desto mehr nahm die Hexe ab. Wenn das Weib schlief, kam die Hexe immer unter ihr Fenster und fing zu jammern und zu winseln an: »Gib mir die Nägel, gib mir die Haare zurück!« und so kreischte sie fort und fort, bis der Hahn in der Früh »Kukuriku« krähte. So ging es Nacht für Nacht, und die Hexe winselte immer mehr und mehr. Einmal winselte sie so stark, dass ihr das Weib beinahe die Nägel und Haare schon zurückgeben wollte. Wie sie sich aber erhob, um sie der Hexe zurückzugeben, fingen die Kühe so jämmerlich zu brüllen und muhuen an, dass sie sich darüber ganz entsetzte, und so gab sie der Hexe weder die Nägel noch die Haare zurück. Ging sie wieder zu jenem alten Mütterchen und erzählte ihr die Sache. »O Weh«, sagte das alte Mütterchen, »gib es nicht her, um Gotteswillen, nicht! Sie möchte gesund werden und das ganze Dorf verhexen. Verbrenn du nur noch den Überrest der Haare, sonst ist’s in Zukunft um dich und um uns schlimm bestellt.«

Das Weib ging jetzt nach Haus, nahm die Nägel, die in eins geschmiedet waren, sowie den Rest der Haare und legte sie ins Feuer. Sobald die Haare verbrannt waren, da züngelte flugs ein mächtiges Feuer durch den Rauchfang im Hause der Hexe, eine schwarze Gestalt bemächtigte sich der Hexe und flog mit ihr fort bis zu jenen Bergen. Dies aber war der leibhaftige Teufel, der die Seele der Hexe mit sich forttrug in die Hölle, auf dass sie dort ewige Qualen erdulde.

Mehr Märchen als Sagen sind folgende zwei Hexengeschichten, beide aus der Umgegend von Warasdin.

I.

Es waren einmal eine Mutter mit einem kleinen Kinde, das sie vor kurzem zur Welt gebracht. Da sie ein armes Weib war, konnte sie keine Gevatterin finden. Nun begegnete ihr einmal auf dem Wege, als sie auf Arbeit ging, eine Hexe und sie bat sie ihrem Kinde Gevatterin stehen zu wollen. Nach der Taufe sagte die Gevatterin zur Mutter, sie möge sie einmal besuchen, wenn das Kind etwas grösser geworden. Nach geraumer Zeit machte sich die Frau auf den Weg zur Gevatterin in ihr Schloss. Vor dem Schlosstore angelangt, fielen ihr zwei Hähne auf, die als Torwächter auf und abgingen. Sie schritt vorbei, kam in die Küche und erblickte Schürhaken und Schaufel gegeneinander schlagend und herumtanzend. Als sie auf den Söller kam, sah sie in dem ersten Zimmer nur Blutlachen, im zweiten Zimmer nur Fleischstücke, im dritten lauter Hände und Füsse, und als sie durchs Schlüsselloch ins vierte hineinlugte, gewahrte sie die Gevatterin, mit einem Pferdekopfe auf dem Haupte, damit beschäftigt den Pferdekopf zu lausen. Kaum trat sie in die Stube hinein, schleuderte die Gevatterin den Pferdekopf unter den Stuhl, und der Besuch fing ihr zu erzählen an, was für Merkwürdigenkeiten sie im Hinaufgehen gesehen: »Beim Eingang ins Schloss sah ich zwei Hähne als Torwächter.« — »Das sind«, erklärte die Alte, »meine Wächter.« — »Im Hinaufgehen sah ich in der Küche Schürhaken und Schaufel tanzen.« — »Das ist meine Dienerschaft, sie feiert Hochzeit und erfreut sich am Tanz.« — »Als ich schon oben am Söller war, sah ich ein Zimmer voll Blutlachen.« — »Das ist mein Wein.« — »Im zweiten und dritten Zimmer sah ich lauter Fleischstücke.« — »Das ist mein Braten.« — Hierauf ging die Hexe hinaus, brachte Blut und Fleisch und bot es der Frau zu essen und zu trinken an, doch die weigerte sich beharrlich auch nur das Geringste zu sich zu nehmen. Beim Abschiede gab ihr die Hexe das Vortuch voll Kohlen und schärfte ihr ein, sie nicht wegzuwerfen, wofern sie etwas Gutes zu haben wünsche. Auf dem Wege aber fiel der Frau ein Teil davon aus der Schürze und sie fand es nicht der Mühe wert, das zu Boden Gefallene mehr aufzulesen. Wie sie nach Haus kam, warf sie verächtlich die Kohlen auf den Tisch, und siehe da! — es war lauter blankes Gold. [75] Jetzt tat es ihr freilich leid um das, was sie weggeworfen, und sie tummelte sich an den Ort zurück, um es aufzulesen, doch es war keine Spur mehr von den Kohlen, ebensowenig auch von einem Schlosse zu entdecken. Da ward es der Frau klar, dass sie es mit einer Hexe zu tun gehabt.

II.

Es war einmal eine Gräfin, die hatte ein kleines Töchterchen. Die Kleine ging einmal in den Wald und verirrte sich darin. Als sie so hin- und herirrte und weinte, erblickte sie in weiter Ferne ein kleines Häuschen, zu dem lenkte sie ihre Schritte. Als sie dort ankam, pochte sie an der Türe an. Jemand rief von drinnen: »Herein«. — Das Mädchen öffnete die Türe und trat in die Stube ein und erkannte gleich beim ersten Blick, dass sie sich in der Behausung einer Hexe befinde. Die Hexe sprang sogleich auf sie los, stach ihr die Augen aus und jagte sie so lange um den Tisch herum, bis sich die Kleine ganz wund schlug; dann aber trieb sie sie ins Bett. Am nächsten Tage ging die Alte irgend wohin in den Wald und das Mägdlein blieb allein zu Hause. Das arme Kind war vollkommen blind und sass traurig in einem Winkel. Auf einmal hörte sie ein Vöglein singen und vernahm deutlich seine Worte: »Öffne den Kasten, der dort steht, nimm das Fett heraus, das sich darin befindet und bestreich dir damit die Augen.« — Das Mägdlein tappte nach dem Kasten, schloss ihn auf, nahm das Fett heraus, bestrich sich die Augen damit und ward auf der Stelle wieder sehend. Jetzt schaute sie sich nach dem Vöglein um und entdeckte es in einem Käfig. Sie trat zum Vöglein hin und sprach ihm ihren Dank aus, und das Vöglein entgegnete ihr: »Ich habe dir nicht ganz umsonst geraten, ich fordere einen Gegendienst. Du sollst mir den Kopf abschlagen; ich bin nämlich so wie du ein verzaubertes Mägdlein und kann wieder meine ehemalige Menschengestalt erlangen, wenn du mir den Kopf abschlägst. Ich verstehe mich nicht wenig auf Hexenkünste und werde leicht Mittel und Wege finden, um uns Beiden aus der Klemme zu helfen.« — Gut. Das Mägdlein schlug dem Vöglein das Köpfchen ab und das Vöglein verwandelte sich augenblicklich in eine schöne Maid. Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, ergriffen die zwei Mädchen die Flucht durch den Wald. Als inzwischen die Hexe nach Haus kam und die Mädchen nicht mehr vorfand, sattelte sie rasch eine Wildsau und setzte den Fliehenden nach. Wie sie ihnen schon, wie man sagt, auf den Fersen war, merkte das Mädchen, das sich auf Hexenkünste verstand, dass ihnen die Hexe nachsetzte und sagte zu ihrer Fluchtgenossin: »Hörst du, wie sie hinter uns einherjagt? — Doch, ich kann ja hexen: du sollst dich in ein Fischlein verwandeln, ich verwandle mich in eine Lache.« — Sie hatte noch nicht recht diese Worte ausgesprochen, so war die Verwandlung auch schon geschehen. Als die Hexe fort war, verwandelte das kundige Mädchen sich und ihre Genossin wieder in Menschengestalt und sie setzten ihre Flucht fort. [76] Auf einmal vernahmen sie hinter sich Pferdegetrappe; das eine Mädchen hörte die Stimme ihres Vaters und sagte zum anderen: »Hier wollen wir warten, man sucht mich.« — Kaum hatte sie dies gesprochen, war ihr Vater auch schon zur Stelle und hob Beide zu sich auf den Wagen, den Soldaten aber, die er mit sich führte, befahl er, der Hexe aufzulauern, sie festzunehmen und ins Schloss zu befördern. Die Hexe wurde wirklich bei ihrer Rückkehr festgenommen, gefesselt und ins Schloss gebracht. Zur Strafe musste sie eine ganze Woche lang auf der Sau herumreiten und wurde schliesslich am achten Tage der Sau zum Frasse vorgeworfen.

Bisher lernten wir die Wandlungen der Vila als Dryade und Nymphe in die Gestalt der Hexe kennen. Den Namen Vila übertrug man schon frühzeitig auch auf die Kategorie jener weiblichen Luftgeister, die Regenwolken sammeln und zerstreuen, milden Tau und ergiebigen Regen den Fluren spenden, und wenn sie den Menschen grollen, verheerende Wirbelwinde erregen und die Gefilde mit Hagelwetter verwüsten. Die Vilen sind demnach auch Wettermacherinnen. Sagen erzählen, wie die Vilen auf Wolken dahinfahren. Schon durch ihren Blick allein vermag die Vila Wolken auf dem Himmel zu sammeln. Das Volk drückt treffend die Feuerglut, die aus den Augen eines schönen Mädchens sprüht, durch den Vergleich aus, des Mädchens Auge vermöge am Himmel die Wolken zu trüben. Das tertium comparationis wird als so selbstverständlich vorausgesetzt, dass man im Vergleiche die Vila gar nicht nennt. So z. B. in folgendem Liede:

Mili bože, čuda velikoga! Gdje pogibe devet za jednoga! Da z bog koga, ne bi ni žalio, Neg z bog Soke, lijepe djevojke, Koja muti na nebu oblake, Kamo l ne bi na zemlji junake!

»Lieber Gott, o grosses Wunder! Wie da neun für Einen umkamen! Wär’ es noch um jemands Rechten wegen, tät’s mir gar nicht leid, doch um Sokas, des schönen Mädchens wegen, die am Himmel die Wolken trübt (verwirrt), wie sollte sie nicht erst der Helden Sinn verwirren!« [77]

Bei der Wandlung der Wolkenvilen zu Hexen behauptete sich ihre Beziehung auf die Fruchtbarkeit und den Segen, doch in schlimmer Bedeutung. Die Wolkenvilen wurden zu Wetterhexen. Über die Vorstellungen des Volkes in Bezug auf die Wetterhexen haben wir ziemlich genaue Kunde.

Wenn sich der Himmel verfinstert und alle Anzeichen auf ein nahendes Hagelwetter schliessen lassen, so muss man mit geweihten Glocken läuten, um dadurch die Hexen zu verscheuchen, ferner muss man sein Gewehr mit Pulver laden und statt der Bleikugeln, wie üblich, soll man Köpfe von Nägeln, mit denen einem Füllen das Hufeisen angeheftet gewesen, auf das Pulver geben und damit in die Luft schiessen. Die Hexe fällt darauf unfehlbar aus den Wolken auf die Erde herab.

Das Schiesspulver muss in der Kirche eingesegnet werden. Ebenso muss das Gewehr geweiht sein. Man braucht die Hexe gar nicht einmal von Angesicht zu sehen, es genügt, dass man sie dahinsausen hört. Schiesst man auch nur blind in die Luft hinein, so muss die Hexe schon allein vom Dampf des geweihten Pulvers ersticken.

Wenn ein Hagelwetter droht, oder selbst wenn es schon hagelt, legen alte Weiber geweihtes Öl, Lorbeerblätter und Wermutkraut aufs Herdfeuer. An manchen Orten nimmt man einen halbzerschlagenen Topf, füllt ihn mit Glutkohle an, legt darauf eingesegnetes Öl, Lorbeerblätter und Wermutkraut, zieht damit ums ganze Haus herum und lässt den Rauch gegen die Wolken aufsteigen. Dieser Rauch stinkt dermassen schrecklich den Hexen zu, dass sie aus den Wolken herabfallen. Unser Gewährmann erzählt, dass er als Kind bei Hagelwetter rasch einen Sessel aus dem Hause unter den freien Himmel tragen und umstürzen musste, damit sich die Hexen an den aufragenden Stuhlbeinen das Genick brechen, wenn sie aus der Luft herunterpurzeln. Das Hinaustragen von Hausgeräten bei Ungewitter ist im ganzen Süden Brauch. Besonders trägt man, wie ich selbst als Knabe oft mit angesehen und auch mitgeholfen, alle grösseren Schneide- und Hackwerkzeuge in den Hof, damit sich der Hagel (oder die Hexen) daran schneiden.

Wenn Blitze aus einer Wolke in eine andere fahren, so sagt man im Küstenlande: »Das ist ein Eichhörnchen, sie versammeln sich, sie versammeln sich« (Ono je viverica, kupe se, kupe). Wenn es zu donnern und zu hageln anfängt, schiessen die Bauern in die Wolken, um die Hexen zu verscheuchen und sprechen dazu folgende Bannsprüche:

Biži, biži irudica, mater ti je poganica, od boga prokleta, krstitelja krvlju sapeta!

»Fliehe, fliehe, Herodias — Deine Mutter ist eine Heidin, — von Gott verflucht — mit des Gekreuzigten Blute gefesselt.«

Oder man ruft:

Sveta Bare, Razmakni oblake! Sveta Luce, Ukaži nam sunce!

»Heilige Barbara, schiebe die Wolken auseinander. Heilige Lucia, zeig’ uns die Sonne!«

Die Schnelligkeit, mit welcher der Blitz aus einer Wolke in die andere schlägt, scheint der Südslave hier zu vergleichen mit dem blitzschnellen Forthuschen eines Eichhörnchens, das von Ast zu Ast schneller als ihm das Auge folgen kann, dahinspringt. Ich wage aber noch eine andere Vermutung. Das Eichhörnchen, das auf Bäumen haust, mochte einst dem gläubigen Volke als die in dem Baume hausende Vila erschienen sein. Es fände in unserem Falle demnach eine Vermengung der Baum- und Wolkenvilen statt. Mannhardt führt in seinem Werke Baumk. d. G. S. 508 an, dass man zu Bräunrode am Harz im Osterfeuer, das man zur Abwehr gegen schwere Gewitter anzündete, ein Eichhörnchen zu verbrennen pflegte. Auch in Köln herrschte dieselbe Sitte.

Sehr merkwürdig ist die Anrufung der Herodias, des Herodes Tochter, deren Tanz Johannes des Täufers Enthauptung herbeigeführt. »Im Mittelalter wähnte man, Herodias sei verwünscht worden, in Gesellschaft der bösen und teuflischen Geister umzuwandern. Sie wird an die Spitze des wütenden Heeres oder der nächtlichen Hexenfahrten gestellt, neben die heidnische Diana, neben Holda und Perahta, oder an deren Platz.« Grimm, aus dem ich diese Worte anführe, teilt eine reiche Auswahl von Belegstellen aus mittelalterlichen Dichtern mit. (D. M. S. 260–265, vrgl. ferner S. 599, 885, 1008 und 1011 und W. L. Schwartz, Prähist. anthrop. Stud. S. 461–3.) Man ersieht aus der einfachen Tatsache, dass der Name Herodias bei den Südslaven Eingang gefunden, wie sich der Glaube an die Vile als Wetterhexen nicht ganz allein aus sich selbst, sondern auch durch fremden Einfluss, durch eine Literatur, allmählich entwickelt hat.

Es würde zu weit führen, wollte ich hier den Glauben an die hl. Barbara unter den Südslaven eingehend erläutern. Ihr Festtag ist dem Südslaven, besonders den Altgläubigen, der Tag der Zaubereien κατ’ ἐξοχήν. S. M. Ljubiša (Pripovijesti S. 32) lässt eine alte Bäuerin an ihren Sohn, der sich über ihren Glauben erlustigt, folgende Zurechtweisung richten: »Morgen ist der Tag der hl. Märtyrerin Varvara, die ihr Blut für den Glauben vergossen hat, und es blieb von Alters her der Brauch bestehen, dass wir an diesem Tage varice kochen (d. h. Feldfrucht zu Brei kochen).« Sie zählt nun auf, was sie alles aus der gekochten Frucht (dem Brei), sobald sich die abgekühlt, herausprophezeien kann. Sie leitet das Wort varnice von Barbara (Varvara) ab. Der Name Varvara lautet in abgekürzter Form Vara. Der Stamm ist derselbe, welcher in vrelo Quelle, vreti quellen, kochen begegnet. Varica ist also das, was man mischt, umrührt und kocht, der Brei.

Warum man die hl. Lucia gerade als diejenige anruft, die der Sonne zum Siege über die drohenden Wetterwolken verhelfen kann, ergibt sich schon aus dem Namen. Sie ist ja das Licht selbst. (Über die Personifikation der hl. Lucia als Wintersonnenwende. Vrgl. Mannhardt, Wald und Feldkulte, S. 186. Anm.)

Die Hagelwetter verursachen die Hexen nur aus Bosheit und Rachsucht. Wenn eine Hexe gegen jemand einen Hass trägt und sich an ihm rächen will, so kommt sie nachts zu ihm ins Haus und setzt sich hinter den Ofen. Dort rührt sie mit einem Kochlöffel so lange ein Wasser um, das sie aus einer Quelle von irgend einem grossen Felsen her mitgebracht, bis es im Hause zu hageln, zu donnern und blitzen anfängt und sich ein so gewaltiger Nebel entwickelt, dass man es nimmer aushalten kann und die Fenster zu öffnen gezwungen ist. Dann aber schlägt der Hagel neun Pfarreien in der Runde alles nieder und verursacht einen unermesslichen Schaden. Man kann sich in einem solchen Falle nicht anders helfen, als indem man die Hexe demütigst um Verzeihung bittet. Eine Hexe ist nämlich allezeit sehr mächtig und stark. (Aus Zagorje.)

Parallelen und ausreichende Erläuterungen vrgl. bei Grimm, D. M. S. 1040 ff. u. K. Simrock Hdb. d. d. M. III, S. 452.

Schlussbemerkung. Wenn wir einen kurzen Rückblick auf die gegebene Darstellung des südslavischen Hexenglaubens werfen, so erkennen wir hier urälteste und allgemein verbreitete Anschauungen der Völker über Wald- und Feldgeister und Zauberweiber. Mit kleinen, fast unscheinbaren Variationen begegnet man ja demselben Glauben bei allen verwandten Völkern, bei dem einen Volke mehr, bei dem anderen weniger durch andere Vorstellungkreise durchkreuzt und verwischt. Mit dem Überhandnehmen des Christentums musste notwendigerweise der alte Glaube an die wohltätigen Schutzgeister der Wälder und Auen, an die Luftgeister eine wesentlich andere Gestalt annehmen, und sich in böse Dämonen, im Gegensatze zu der einen Gottheit des Christentums, umwandeln. Mit dem Hinschwinden des geistigen Glaubens übertrug das Volk die nun modifizierten Vorstellungen auf eine einzige Kategorie von Wesen höherer Art, auf die zauberkundigen Frauen, die vještice, denen man ehedem allgemein grosse Verehrung zollte.

Vergleicht man nach den bisherigen Auseinandersetzungen den südslavischen Hexenglauben mit dem abendländischen, vorzüglich mit dem deutschen und italienischen, aus welchem die Südslaven so viele Elemente entlehnt haben, so fällt es zunächst auf, dass in allen den Sagen eines Hexenmeisters gar keine Erwähnung geschieht. Ferner ist dem Teufelglauben eine sehr untergeordnete Stellung eingeräumt. In den deutschen und italienischen Hexenprozessen spielt der Teufel eine sehr grosse Rolle. Die Hexen verschreiben sich ihm mit Leib und Seele unter Hersagung besonderer Schwurformeln. Davon ist keine Rede im südslavischen Hexenglauben. Merkwürdigerweise wird den Hexen bei den Südslaven die Gabe der Weissagung in keiner Sage zugeschrieben. Die Weissagung erschien und erscheint noch heutigen Tags den Südslaven als nichts Verächtliches, geschweige denn Hassenswertes. An gewissen Festtagen im Jahre, z. B. am Tage der hl. Barbara und zu Weihnachten, weissagen noch gegenwärtig Frauen und Männer, die Frauen z. B. aus Fruchtkörnern, die Männer aus dem Flug der Vögel oder aus den Eingeweiden und Schulterstücken der für den Festtag geschlachteten Tiere. [78] Bei den Südslaven gab es offenbar ursprünglich keineswegs wie bei den Italienern und Deutschen einen besonderen Stand der Priesterinnen, Weissagerinnen und Ärztinnen. Das streng demokratisch-separatistische System der Hausgemeinschaft (zadruga), der Phratrie (bratstvo) und der Phyle (pleme), das die Südslaven als uraltes Erbstück noch bis auf die Jetztzeit zum Teil festgehalten, bot der Entwicklung von Priesterinnen-Kollegien nicht geringe Hemmnisse. Zudem nahm und nimmt das Weib im Volksleben der Südslaven eine ganz untergeordnete Stellung ein. Dem Weibe, das man sich wie irgend einen Gegenstand von ihren Eltern und Verwandten kaufte, konnte man unmöglich eine höhere geistige Befähigung einräumen, die sie über den Mann gestellt hätte. Infolgedessen konnten die Hexenprozesse des Abendlandes auf dem Balkan keinen günstigen Boden haben. In Steiermark, Istrien und Chrowotien, wo das Deutschtum festere Wurzeln gefasst, fanden zahlreiche Hexenprozesse statt. Daselbst wurden auch Hexen verbrannt. [79] In den Gesetzbüchern der serbischen Könige kommen dagegen gar keine Bestimmungen gegen Hexen vor. Die mittelalterliche Dämonologie des Abendlandes fand hier keinen rechten Eingang. Auch die türkische Herrschaft war ihr nicht günstig. Was die Südslaven von den Türken an Hexen- und Zauberglauben angenommen, kommt in zweiter Reihe hier in Betracht. Anders im Küstenlande, wo italienische Kultur das Slaventum durchdrang. Im Gesetzbuche der freien Gemeinde Poljica (poljički štatut) aus dem Ende des 14. Jahrhunderts steht eine Verordnung gegen die Hexen, Zauber- und Teufelweiber. § LXXXVIII lautet: »Ako bi se istinom našla koja višćica ali čarovnica ali vražarica, od prvoga obnašašća ima se fruštati; ako li se veće nadje ima se sažgati« (edit. Mesić Arkiv V, S. 302 f.) (Wenn sich in Wahrheit irgend eine Hexe oder eine Zauberin oder ein Teufelweib fände, so hat man sie gleich nach der ersten Entdeckung zu foltern; hat man den Beweis erlangt, so muss man sie verbrennen.) Fruštati ist das italienische frustare peitschen, mit Ruten hauen. Französisch heisst die Folter poultre, poutre, ursprünglich poledrus, davon das deutsche Folter. »Es war der Marterbalken, auf welchem der Angeschuldigte reiten musste.« (Vrgl. Grimm, D. M. S. 1029.) Volktümlich wurde unter den Südslaven diese Massregel nie.

Die Mittel, durch welche das Volk die Macht der bösen Frauen zu bannen sucht, sind zum grössten Teil Überbleibsel aus dem alten Heidentume. Die Gerte, die ehedem von einem segenspendenden Genius bewohnt zu sein schien, ward nun der Aufenthalt eines bösen Dämons, mit dessen Hilfe man die Kraft des Geistes in der Hexe zu bannen glaubte. Schliesslich verlosch im Volkbewusstsein auch die wahre Bedeutung der Gerte, und man gebraucht sie nur als ein überkommenes Erbstück aus der Väter Zeit, ohne sich mehr über die ursprüngliche Vorstellung Rechenschaft ablegen zu können. So offenbart sich im Hexenglauben ein Stück Entwicklunggeschichte der Menschheit, ein langwieriger Kampf zwischen altem und neuem Glauben, ein Kampf, der noch lange nicht ausgekämpft ist. [80]