Slavische Volkforschungen Abhandlungen über Glauben, Gewohnheitrechte, Sitten, Bräuche und die Guslarenlieder der Südslaven

Part 7

Chapter 73,873 wordsPublic domain

V. Hexenzauber. Verwandlungen. Wie erfährt man, ob ein Weib eine Hexe sei. Wodurch macht man Hexenzauber zu nichte.

Im allgemeinen hält man die Hexen für schwarze, kraus- und weisshaarige, alte, arg zerlumpte Weiber. Ein schmuckes und stattliches Frauenzimmer sieht man selten für eine Hexe an, doch kommt auch dergleichen vor. Man stellt sich die Hexen als bösartige alte Weiber vor, die aus dieser Welt nicht scheiden können, sie hätten denn eher ihren Nebenmenschen recht viel Leids zugefügt. (Arkiv VII. 1863. S. 241.) Gewöhnlich glaubt man, dass ein Frauenzimmer, ehe sie zur Hexe wird, jahrelang als »Mora« (Trut oder Mar) junge Leute beschläft und ihnen das Blut abzapft.

In jeder Hexe haust ein teuflischer Geist, der sie zur Nachtzeit verlässt, sich in eine Fliege, einen Schmetterling, eine Henne, einen Truthahn oder eine Krähe, am liebsten aber in eine Kröte verwandelt. [47] Will die Hexe jemand einen besonders schweren Schaden antun, so verwandelt sie sich in ein reissendes Tier, gewöhnlich in einen Wolf. (Pogled u Bosnu. Zgr. 1842. S. 44.)

Ist der böse Geist aus der Hexe draussen, so liegt ihr Körper völlig wie leblos da und wenn einer die Lage der Hexe derart veränderte, dass der Kopf dort zu liegen käme, wo die Füsse liegen, und umgekehrt, so gelangte die Hexe nimmer zum Bewusstsein, sondern bliebe für ewig tot. Wenn man abends im Hause einen Schmetterling umherfliegen sieht, so hält man ihn für eine Hexe, sucht ihn wo möglich zu fangen, brennt ihn dann ein wenig an der Kerzenflamme oder am Lichte an und lässt ihn wieder frei mit den Worten: »Komm morgen zu mir, damit ich Dir Salz gebe!« Fügt es nun der Zufall, dass am nächsten Tage ein Weib aus der Nachbarschaft in dies Haus kommt und Salz oder sonst irgend etwas ausborgen will, und wenn sie noch zum Überfluss zufälligerweise am Körper irgendwo ein Brandmal hat, so ist man vollends der Überzeugung, dass sie die Hexe von gestern sei.

Hexen können nach Belieben einem Menschen die Besinnung rauben und ihn auf einen beliebigen Ort schaffen. [48]

Hexen können sich in eine Kröte verwandeln:

Eine Mutter geriet in Streit mit zwei alten Weibern, die als Hexen berüchtigt waren. Sie schwuren dem Weibe Rache. Es starben ihr in der Tat alle Kinder, die bei ihr daheim waren, nur ein Mädchen von acht Jahren blieb am Leben. Aber auch dieses wäre nicht am Leben geblieben, hätte es sich nicht bei seinem Grossvater in einem anderen Dorfe aufgehalten. Einmal führte eine Hausgenossin der Mutter das Mädchen heim. Als sie über eine grosse Wiese hinschritten, sprangen vor sie zwei grosse Kröten. Jede dieser Kröten hatte bloss zwei Füsse. Die Kröten überschlugen sich dreimal kopfüber und verwandelten sich in Weiber, die der Hausgenossin und dem Mädchen wohl bekannt waren. Sie nahmen ihre Kopftücher ab und steckten sie zwischen die Füsse, als wären es Pferde. Wirklich verwandeln sich die Tüchel in Pferde, die Hexen ergreifen das Mädchen, fliegen mit ihm spurlos über Wiese und Wald fort und machen erst an einem Kreuzwege Halt, wo sie das Mädchen in Öl kochen liessen. Hier stand ein Nussbaum; unter diesem fand man des Mädchens Tüchel und eine Schussweite davon entfernt ihr kahles Gerippe.

Ursprünglich war die Vorstellung, dass in der Kröte ein den Menschen wohlwollender Geist stecke, die vorherrschende. In den Sagen der indogermanischen Völker erscheinen häufig Prinzen, Prinzessinnen und selbst Gottheiten in der Gestalt einer Kröte oder eines Frosches. In Tirol wird es vom Volke als ein grosses Vergehen betrachtet, eine Kröte zu töten. [49] In Norwegen schreibt man einer Kröte die Macht zu, sich an dem zu rächen, der ihr Böses tut, indem sie sich ihm z. B. nachts auf die Brust legt (vrgl. Fel. Liebrecht. Zur Volkkunde. S. 333). Dass ehedem auch die Südslaven die Kröte als ein höheres und zugleich gutes Wesen betrachteten, dafür zeugt folgender Brauch. Wenn ein Weib in den Wehen liegt, so streicht sie ein Bekannter mit einem Stocke sachte über den Rücken. Mit diesem Stocke muss er aber einmal eine Kröte vor den Angriffen einer Viper gerettet haben. Man glaubt nämlich, dass ein solcher Stock sowohl bei einer Frau als bei einem weiblichen Tiere die Geburtwehen bedeutend erleichtere. [50] Zu vergleichen ist damit der schwedische Volkglaube in Wärend, über den G. O. Hyltén-Cavallius (»Wärend och Wirdarne« Stockh. 1868. I, S. 332) berichtet: »Scheidet jemand eine Schlange und einen Frosch, so dass beide leben bleiben, dann gewinnt er die Kraft, dass, wenn er eine in Kindnöten befindliche Frau umspannt, die rasch entbinden wird.« Der Glaube, dass der Gegenstand, mit dem man eine Kröte von der Schlange befreit, eine höhere Zauberkraft erlangt, steht nicht vereinzelt da. In einer Handschrift aus dem Ende des 16. oder dem Anfang des 17. Jahrhunderts, die Bartsch in d. Ztschrft. f. d. Myth. III, S. 318 ff. mitteilt, heisst es auf S. 322: »Wan du dartzu kömbst das eyne krötte vnd eyne schlange oder natter mytteynander streitten, so zyhe dein schwerdt aus vnd thue der krötte eynen beystand, vnd erschlage die natter, vnd dis schwertt behaltt alsdan. so du dan siehst das ein vnfride ist vnd sich mit bloszen schwerdtten eynander schlagen wöllen, so gehe hinzu vnd zeuch dein schwerdt auch aus, vnd gebeutt ihnen den friede, so balden werden vnd müssen sie friede halten.« (Weitere Nachweise bei Liebrecht a. a. O.)

In der Gegenwart glaubt hie und da das Volk im slavischen Süden in der Kröte nur noch eine Hexe zu erblicken, die man, wo es nur angeht, töten müsse. Folgende Sage, die aus Slavonien stammt, mag diesen Volkglauben erläutern. So war einmal ein Weib, das Weib fuhr täglich über die Drau, um ihre Kuh, die auf dem anderen Ufer weidete, zu melken. Als sie einmal hinüberkam, sah sie eine grosse Kröte an dem Euter der Kuh saugen. Das Weib hielt gerade eine Ruderstange in der Hand, durchstach damit den vorderen Fuss der Kröte und warf sie hinaus. Auf der Rückfahrt, wo sie noch mit anderen Weibern fuhr und ruderte, sah sie, dass die Hand der Lenkerin am Steuerruder durchstochen ist; es war dies nämlich eine Hexe.

Eine verwandte Sage aus Schweden teilt Hyltén-Cavallius a. a. O. I. 272 mit.

Eine andere Sage aus Vidovec in Chrowotien hat gleichfalls die Verwandlung einer Hexe in eine Kröte zum Vorwurf:

Es waren einmal zwei Brüder, der eine war arm, der andere reich. Der Reiche hatte eine Hexe zur Frau, die Frau des Armen war aber keine Hexe und eben deshalb blieb er arm. Einmal kam der arme Bruder zum reichen und sprach zu ihm: »Hör ’mal, lieber Bruder, komm, hilf mir mein Feld beackern.« Der Reiche willigte von Herzen gern ein, doch seiner Frau war es nicht recht und sie sagte zu ihm: »Du wirst schon sehen, wenn Du ackern wirst, so komm ich hintendrein und esse die ganze Aussaat auf, so dass der Lump gar nichts haben wird.« — Am nächsten Tage, nachdem die Brüder aufgeackert und die Saat ausgesäet, kam eine grosse, abscheuliche Kröte und fing an die Körner aufzuessen. Der Mann wusste schon von früher, sein Weib sei eine Hexe und war darüber sehr böse, jetzt aber war er ihrer satt, zog einen Zaunpfahl heraus, spitzte ihn zu und rannte ihn der Kröte durch den Leib. Inzwischen machte der andere Bruder ein grosses Feuer an, in das sie nun die Kröte hineinsteckten und so lange schmoren liessen, bis sie ganz durchgebraten war. Als der reiche Bruder nach Haus kam, fand er sein Weib in der Mitte des Zimmers liegen und schrecklich wehklagen, denn sie war ganz gebraten. Da warf er sie ins Feuer, und so verbrannte die elende Hexe vollends.

Will eine Hexe irgend jemand einen Schaden zufügen, so fliegt sie in Gestalt einer schwarzen Krähe auf das Dach jenes Hauses, wo der wohnt, den sie hasst, und krächzt unaufhörlich. Erschiessen kann man sie nicht, ausser man lädt das Gewehr mit geweihtem Pulver und solchen Nägeln, die wegfallen, wann der Schmied einem Füllen zum erstenmal Hufeisen aufnagelt. — Es traf sich einmal, dass ein Schmied im Hofe Pferde beschlug und sich eine Krähe aufs Dach niederliess und abscheulich zu krächzen anfing. Der Schmied suchte sie zu verscheuchen, doch sie wollte nicht fortfliegen, vielmehr machte sie Miene, ihn anzugreifen. Da nimmt er sein Gewehr, lädt es und schiesst auf sie, doch konnte er ihr nichts anhaben. Nun ward es ihm klar, das sei ein Vöglein ganz anderer Art. Rasch entschlossen, lud er das Gewehr mit geweihtem Pulver und mit den besagten Nägeln, legte los und die Krähe fiel auf der Stelle vom Dache herab. Er hatte sie nicht vollständig getötet, denn sie marterte sich noch zwei Tage lang, eh’ sie verreckte. Im selben Augenblicke, als sie hin wurde, starb im Dorfe eine alte Hexe, der sich der Schmied dadurch verfeindet, weil er ihr einmal auf ihr Bitten keine saure Milch geben wollte. Nun war ihm die ganze Geschichte klar und er wusste, dass er ihr in ihrer Krähengestalt den Garaus gemacht.

Wenn ein junger Mann eines plötzlichen Todes stirbt, oder ein allgemeines Sterben der kleinen Kinder von 1–6 Jahren eintritt, so macht der Volkglaube die Hexen dafür verantwortlich. Die Montenegrer glauben, dass ein Weib, das zur kinderfressenden Hexe werden will, vor allem ihr eigenes Kind auffressen muss, ehe sie andern Kindern etwas anhaben kann. [51] Ferner glaubt man, dass eine Hexe das Kind völlig fremder Leute nicht fressen darf, sondern bloss solche Kinder, die der Sippe, aus der sie selbst ist, abstammen. [52] Wenn eine Hexe einen schlafenden Menschen wo überfällt, so versetzt sie ihm mit ihrem Zauberrütlein einen Streich über die linke Brustwarze, worauf sich dessen Brustkorb öffnet. Die Hexe reisst nun sein Herz heraus, frisst es auf und dann wächst die Brustwunde von selbst wieder zu. Manche so ausgeweidete Menschen sterben auf der Stelle, andere wieder schleppen ihr Dasein noch einige Zeit weiter, so viel Lebenfrist ihnen eben die Hexe nach der Tat noch zu bescheiden für gut befunden; ja, sie bestimmt ihnen noch die besondere Todart, wie sie sterben sollen. [53]

Wenn es dem Ausgeweideten glückt, seines Herzens wieder habhaft zu werden, so braucht er es nur aufzuessen und das Herz kehrt ihm wieder an die alte Stelle zurück. Grimm (D. M. S. 1034 ff.) glaubt darin einen alten Überrest des Brauches, Menschenfleisch zu essen, erblicken zu sollen. Er stützt seine Ansicht durch eine ganze Reihe von Belegen aus alter und neuer Zeit über diesen Brauch und den Glauben, dass man durch den Genuss von Menschenfleisch eine höhere Macht erlange. Der Vergleich, den Grimm zwischen der deutschen Bertha (vor allem ist es noch zweifelhaft, ob dies eine deutsche Gottheit gewesen) und der Hexe, die Menschen ihr Herz ausreisst, aufstellt, scheint mir auf einer blossen Zufälligkeit zu beruhen. Abbate Fortis erzählt in seinem Reisewerke über das dalmatische Küstenland (Kap. 8) eine einschlägige Sage. Grimm teilt sie im Auszuge (D. M. S. 1034) gleichfalls mit. Die Sage bei Fortis berichtet dasselbe, was wir aus der weiter unten folgenden Istrischen erfahren. Bei Fortis ist es ein Priester, der dem Ausgeweideten sein Herz rettet, indem er ihn das halbgebratene Herz verschlucken lässt. Die Hexen entkommen der verdienten Strafe, während sie in der istrischen Fassung angeklagt und zum Strang verurteilt werden. Letztere Überlieferung lautet:

Es war einmal ein Mann und ein Weib. Nach einiger Zeit starb der Mann. Sein Weib blieb nach ihm schwanger. Sie war aber eine Hexe (vešća). Und sie brachte ein allerliebstes Töchterlein zur Welt, doch auch die Tochter war eine Hexe. Als das Mädchen herangewachsen war, kamen aus aller Herren Länder Burschen zu ihr auf die Freite. Doch sie wandte ihre Gunst, oder tat wenigstens so, einem Burschen zu, der aus demselben Orte, wie sie, war. Eines abends kam der Bursche noch mit einem Freunde zu ihr auf Besuch. [54] Nachdem sie schon lange Zeit dagesessen, schlief der Freier ein. Sein Freund lehnte sich an die Wand und tat so, als ob auch er schliefe. Da fingen das Mädchen und ihre Mutter, denn diese sass auch da, untereinander zu besprechen an, was sie dem Freier antun sollen. Schliesslich sagte die Tochter: »Wir reissen ihm das Herz heraus, braten es und verspeisen es.« Gesagt, getan. Sie nehmen dem Freier das Herz heraus, schieben es in den Ofen hinein und sagen: »Holen wir uns inzwischen, bis das Herz gebraten wird, Brod und Wein, und dann haben wir ein schönes zweites Nachtmahl.« Bevor sie hinausgingen, sagte noch die Mutter zur Tochter: »Nun, wenn der sein Herz in drei Bissen wieder aufässe, das Herz wüchse ihm wieder nach.« Der Freund, der nur so tat, als schliefe er, hatte die ganze Unterredung mit angehört, und nahm, sobald die zwei Frauen hinausgegangen waren, das Herz aus dem Ofen und steckte es in die Tasche. Dann ging er hinaus, nahm einen — ich bitt um Entschuldigung — Dreck und legte ihn ins Feuer, damit er statt des Herzens brate. Die Zwei kommen zurück, nehmen das Ding vom Feuer und fangen zu essen an. »Mir will es aber stark scheinen«, sagte die Mutter zur Tochter, »als ässen wir Dreck.« »Scheint mir auch so; dieses Herz ist gar nichts nutz.« Jetzt erwachten die zwei Burschen und gingen heim. Als sie sich vor dem Hause befanden, sagte der Freier zu seinem Freunde: »Du hör mal, mir scheint es, als wär ich ohne Herz. Ich hör gar nichts, als ob etwas da drinnen pochen tät. Halt mich, ich fall um.« Da nahm der andere ein Stück vom Herzen des Freiers aus der Tasche, reichte ihm’s und sagte: »Geh, iss davon ein bisschen, vielleicht fühlst dich drauf etwas leichter.« Der nimmt’s, isst’s auf und antwortet: »Na, jetzt wird mir schon etwas leichter; ich hör schon ein wenig mein Herz pumpern.« »Da nimm noch ein Stück, vielleicht fühlst du dich drauf noch etwas leichter.« Der isst auch das zweite Stück hinunter und meint: »Jetzt ist’s mir noch besser.« Der Freund gibt ihm drauf das dritte und letzte Stück. Nachdem er es aufgegessen, sagte er: »Na, jetzt fühl ich, dass ich mein Herz ganz habe und dass es wieder wie früher regelmässig schlägt.« Nun erzählte ihm der Freund haarklein, was er belauscht, wie die zwei Weiber das Herz herausgerissen, in den Ofen gesteckt und darauf gesagt hätten, wenn er das Herz auf dreimal aufässe, es tät ihm wieder nachwachsen und werden, wie es früher gewesen. Am darauffolgenden Tag begaben sie sich zu Gericht und machten davon die Anzeige. Als das Gericht die zwei Weiber vorgeladen und ins Kreuzverhör genommen, da läugneten sie zuerst Stein und Bein alles ab, nachher aber bekannten sie doch ihre Untat. Und das Gericht liess Beide aufknüpfen.

Denselben Glauben, dass Hexenspeise — wobei man wohl an Menschenherzen zu denken hat — einem Ausgeweideten, wenn er davon etwas zu sich nimmt, sein Herz wieder zurückgibt, erkennt man aus folgender chrowotischen Sage:

Einem Pferdehirten hatten Hexen das Herz ausgetrunken (ispile), worauf er von Sinnen kam. Er riss sich das Gewand vom Leibe und die Haare aus dem Kopfe. Zu seinem Glücke war er der Eidam eines zauberkundigen Weibes (zet babe vračare). Sie schickte ihm Hexenspeichel (coprnjske zbljuvke), den man am Sonntag im Neumond im Morgengrauen irgendwo im Walde oder an Zäunen finden kann, wo eben in dieser Nacht ein Hexenmahl stattgefunden. Die Alte hatte nun zuvor dies Mittel mit Weihwasser besprengt und ihre Gebete darüber gesprochen. Er trank dies in Wasser und genas vollends. Seit dieser Zeit musste er stets Rautekraut mit sich tragen, damit ihm die Hexen nichts anhaben können. Die Raute tritt hier an Stelle des Knoblauchs ein. Auch sie, besonders die Bergraute, [55] hat einen scharfen, durchdringenden Geruch, der sie wohl als geeignetes Abwehrmittel gegen Hexenzauber erscheinen lässt.

Merkwürdigerweise macht die Sage die nächsten Anverwandten eines Menschen zu seinen gefährlichsten Feinden, zu Hexen, die ihm das Herz aus dem Leib reissen. Die Untat wird dargestellt, als wäre sie unter dem unwiderstehlichen Zwang einer höheren Macht verübt worden. Bei Tag fühlt die Hexe, zufolge einer Überlieferung gewissermassen Reue über das Geschehene, ja sie kann sich ihres Verbrechens gar nicht entsinnen, sondern fragt, was vorgefallen, und ist bereit, dagegen Heilmittel in Anwendung zu bringen. Ich nehme Bezug auf das Volklied, das von einer Mutter erzählt, die ihren eigenen Sohn ausgeweidet. Die kürzeste und unvollständigste Fassung lautet:

Auf dem Himmel lauter Sternlein, Lauter Schäflein in dem Tale. Bei den Schäflein wacht kein Hirte, Nur das traute Kind Miloje, Sanft und süss entschlief Miloje. Mara ruft ihn, seine Schwester: »Wache auf, o Milko, Bruder!« »Mara, Schwester, ich vermag’s nicht, Bin von Hexen ausgeweidet, Aus dem Leibe riss das Herz mir Uns’re Mutter mit den Zähnen, Uns’re Muhme leuchtete ihr.«

Den Originaltext dieses Liedchens sang mir mein Freund J. K. aus Slavonien. Der Mann hatte das Gymnasium zurückgelegt, besuchte eine Hochschule und hielt aber trotzdem unerschütterlich daran fest, dass das Lied eine Tatsache berichte. Auffallend ist mir in dieser Fassung des Liedes, dass die Hexe »mit den Zähnen« das Herz ihrem Opfer herausreisst. Hier dürfte ein Zug aus dem Vampirglauben vorliegen. In der serbischen Fassung (bei Karadžić, nar. pjesme I. 237), die mit der vorangehenden übereinstimmt, spricht der erwachende Bruder (Radoje wird er hier genannt) einfach:

»majka mi srce vadila, strina joj lučem svetila«

»Die Mutter nahm mir das Herz heraus, die Muhme leuchtete ihr dazu mit der Fackel.«

Dem Liede fehlt in beiden Fassungen der Schluss, er wird uns mehrfach erzählt, z. B. bei F. Kurelac (Jačke ili narodne pěsme prostoga i neprostoga puka hrvatskoga po župah šoprunskoj, mošonjskoj i želěznoj na Ugrih. Zagreb. 1871. S. 296, St. 657), der das Lied um das Jahr 1850 in Sentalek (Stegersbach) aufgezeichnet hat.

— »Sinko Janko: kadî s konje pasal? — Mila majko, za lugom zelenim. — Sinko Janko, jesi l koga vidil? — Mila majko, jes tri bîle žene. — Sinko Janko, ča su ti činile? — Prva mi je srdačce vadila, Druga mi je tanjirac držala, Treta mi je na kraju plakala. — Jesi li mi, sinko, kû poznaval? — Prva si ti moja majka, bila, Druga mi je moja teta bila, Treta e bila premila sestrica. — Sinko Janko, ča im ti naručaš? — Mojoj majki tri prežarke ognje: Da bi va njih živa izgorila; Mojoj teti njoj tri konjske repe: Da bi me se na njih raztrzala; Sestri miloj njoj tri bele grade: Da bi mi se po njih sprehajala.«

— Söhnchen Janko (Johannes), wo hast Du die Pferde geweidet? — Lieb Mütterchen, hinter dem grünen Hain. — Söhnchen Janko, hast Du jemand gesehen? — Lieb Mütterchen, ich habe drei weisse Frauen (scl. gesehen). — Söhnchen Janko, was haben sie Dir angetan? — Die erste hat mir das Herzchen herausgenommen, Die zweite mir das Tellerchen gehalten, Die dritte (stand) abseits und weinte. — Hast Du mir, Söhnchen, welche (von ihnen) erkannt? — Die erste bist Du, Mütterchen, gewesen, Die zweite ist meine Muhme gewesen, Die dritte ist meine über alles mir teuere Schwester gewesen. — Söhnchen Janko, was wünschst Du ihnen? — Meinem Mütterchen drei glühend heisse Feuer, Damit sie lebendig darin verbrenne; Meiner Muhme drei Pferdeschweife, Damit sie auf ihnen zerrissen werde; Der teueren Schwester, ihr drei weisse Burgen, Damit sie in ihnen lustwandeln kann.«

Ich vermute, dass dieses Lied aus Anlass eines Hexenprozesses in Krain aufgekommen ist. Dort hat man, wie in Chrowotien, bis tief ins XVIII. Jahrhundert hinein Hexen zum Scheiterhaufen geführt. Von dort aus verbreiteten sich solche Prozesse weiter nach dem slavischen Süden. Nur die Bulgaren scheinen von dieser Plage verschont geblieben zu sein.

Der ungenannte Verfasser des Schriftchens »Pogled u Bosnu ili kratak put u onu krajinu« (Agram 1842) erzählt, wie er sich im Jänner 1840 in dunkler Nacht in ein türkisches Dörfchen bei Zvornik verirrt habe, in ein türkisches Gehöfte eingetreten sei und von dem Eigentümer beinahe erschossen worden wäre, weil ihn dieser für eine Hexe hielt, die sein, des Türken, Kind auszufressen gekommen. Bruder und Schwägerin des Türken retteten noch rechtzeitig den gefährdeten Reisenden. Als sich der Irrtum herausgestellt, lud der Türke den Wanderer zum Nachtessen ein und erzählte ihm den Grund seiner Verbitterung: »Siehst du Brüderchen! Dies Haus gehört mir, das nächste meinem Bruder. Ich habe zwei Kinder — Gott soll mir sie leben lassen — Milica und Živan, mein Weib aber ist gestorben, gerade jetzt wird’s ein Monat. Da in der Nachbarschaft lebt ein Mensch, mit dem ich mich schon seit langem verfeindet habe. Er hat eine Mutter, die ist eine alte Hexe, die hat mir gedroht, dass sie mir mein ganzes Gesinde ausfressen wird (da će svu moju čeljad izjesti).« Diesen Abend sass er bei seinem Bruder und trank Raki, um seinen Kummer zu übertäuben. Als er heimkehrte, hörte er jemand Fremden im Hause herumpoltern und die Kinder ängstlich schreien. Da war er fest überzeugt, die alte Hexe wäre gekommen, um ihre Drohung auszuführen, und wollte sie dafür bestrafen.

Ein Bannspruch gegen menschenfressende Hexen: Ein altes Weib, Namens Dona aus Selačka in Serbien, pflegt auf folgende Weise Leute vom Hexenzauber zu heilen. Sie nimmt einen Federwisch und einen roten Faden in die Hand, berührt damit Kopf, Hände, die Herzgegend und die Füsse des Leidenden und spricht dazu: »Heb’ dich von dannen, o weh (?), ihr Hexen, Vile und Winde; ihr seid gekommen, damit ihr N. Herz und Kopf ausfresset; doch bei ihm weilt Dona die Beschwörerin, die euch schickt ins Gebirge, damit ihr (alles) Laub abzählt, ins Meer, damit ihr den Sand ausmisst, in die Welt, dass ihr (alle) Wege abzählt. Auch wenn ihr zurückkommt (scil. nachdem diese Aufgaben gelöst wären), könnt ihr ihm gar nichts anhaben. Dona, die Beschwörerin, hat mit ihrem Hauch (Seele) weggehaucht, mit der Hand wegbewegt und mit Gras auseinandergeschoben. Auf N. Leben und Gesundheit.« Diese Worte spricht sie dreimal nacheinander. Der Text lautet »ustaj, avaj, veštice, vile i vetrovi, došli ste da N. — u pojedete srce i glavu; ali je kod njega Dona bajalica, koja vas šilje u goru, list da prebrojite, u more, pesak da izmerite, u svet, putove da prebrojite. I kad se vratite, ne možete mu ništa učiniti. Dona bajalica je dušom oduvala, rukom odmahala i travom rasturila. [56]

Für die Echtheit der Bannformel spricht die verwandte aus Grbalj, die Vuk im Riečnik S. 367 b. gegen die Mora (die Mar) mitteilt. Die sachliche Erklärung besonders der letzteren Formel bietet mancherlei Schwierigkeiten dar. Ich will nur die Stelle daraus anführen, in der die Aufgaben aufgezählt sind, die von der Mar und den bösen Geistern überhaupt zuvor bewältigt werden sollen, ehe sie die Schwelle des Hauses betreten mögen: »Nicht eher, als bist du abgezählt am Himmel die Sterne, im Gebirge das Laub, am Meere den Sand, an der Hündin die Haare, an der Ziege die Haarzotteln, an dem Schafe die Wollzotteln und in den Zotteln die Haare.«

Beachtenswert ist die Wendung am Schlusse der Donaischen Formel, wo der Hauch, die Handbewegung und das Gras (trava) als Abwehrmittel betont werden.

Weint nachts ein kleines Kind, so glaubt man, dass es Hexen essen, und man sucht auf den Feldern ein Kraut, das man vještički izjed [57] (Hexenausfrass) nennt, streut dies Kraut in die Wiege, auch wird es abgekocht und der Absud dem Kinde zu trinken verabreicht. Oder man reibt mit Knoblauch die Wiege und die Fussohlen des Kindes ein, weil dies ein bewährtes Mittel gegen die Hexen sein soll. [58]

In Serbien legt die Mutter in das Amulet, das sie ihrem Kinde um den Hals hängt, ein Häuptchen Knoblauch. Dieser Knoblauch wird aber auf folgende Weise gezogen. Die erste Schlange, die man im Jahre erblickt, muss man töten, ihren Kopf vom Leibe lostrennen und kleinstossen. In diese Stücke tut man das Zechel von einem Häuptchen Knoblauch und pflanzt das ganze im Garten ein. Das Häuptchen, das daraus entsteht, kommt ins Amulet.