Slavische Volkforschungen Abhandlungen über Glauben, Gewohnheitrechte, Sitten, Bräuche und die Guslarenlieder der Südslaven

Part 6

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Ein Bauer ging mit einem Sacke Frucht in die Mühle und der Weg führte ihn an einem grossen Baume vorüber, wo er schon früher zu hundert Malen vorübergegangen war. In der Mühle sah er sich genötigt bis zur Dämmerung zu warten, ehe an ihn die Reihe kam, und als die Frucht gemahlen war, trat er den Heimweg an. Wie erstaunte er aber, als er an der Stelle, wo der Baum stand, einen grossartig schönen, drei Stockwerke hohen Palast erblickte, aus dem ihm ein Jubel entgegenscholl, als wenn hundert Paare daselbst Hochzeit feierten. Verwundert legte er den Sack ab, setzte sich darauf und sann nach, wo er sich befände und wieso er hieher gelangt sei. Auf einmal traten aus diesem Palaste über goldene Stufen zwei schöne Frauen heraus, fassten ihn jede an einer Hand und führten ihn in den Palast hinauf. Oben traf er Leute aller Art, unter denen eine unaussprechlich grosse Lustbarkeit herrschte. Man bot ihm sogleich Speise und Trank an und schliesslich tanzte er in bester Stimmung mit ihnen mit. Als er sich endlich verabschiedete, um zu den Seinen zurückzukehren, reichte ihm die eine ein grosses Stück Braten und die andere ein herrliches Kopftuch mit den Worten: »Dein Weib wird es mit grossem Vergnügen tragen.« — Er sprach ihnen seinen Dank dafür aus, worauf sie ihn wieder an der Hand hinabgeleiteten. Unten angelangt, lud er wiederum seinen Sack auf den Rücken auf und schlug den Heimweg ein. Zu Hause rief er vor Freude seinem Weibe zu: »Errat’ mal Weib, was ich Dir Neues und Schönes mitbringe?« — Noch etwas benebelt und in vergnügtester Laune griff er in seine Ledertasche nach dem Fleische und zog heraus — einen Pferdehuf. »Ich habe noch etwas, für Dich, Du«, sagte er, griff in die Tasche nach dem Kopftuch und brachte einen — schmierigen Abwaschfetzen zum Vorschein. Beide gerieten darüber in Verwunderung, und der Bauer suchte schnurstracks den Pfarrer auf und teilte ihm das sonderbare Abenteuer mit, aber der Pfarrer lachte ihn nur aus. Nun kam bald wiederum der Zeitpunkt, wo die Hexen ihre Versammlung abzuhalten und der Freude sich hinzugeben pflegten, und da schickten sie zum Pfarrer, der eben an diesem Tage zwei Paare traute, eine vergoldete Kutsche mit vier Rossen, einem Kutscher und zwei Herren mit der ergebenen Einladung, er möge sie beim Festmahl mit seiner Gegenwart beehren. Der Pfarrer nahm wirklich die Einladung an, stieg in die Kutsche und schnell wie der Donner ging es zu jenem Palaste hin. Die ganze lustige Gesellschaft kam ihm unter Musikbegleitung entgegen und führte ihn über die goldenen Stufen hinauf in den Saal. Sogleich räumte man ihm den Ehrenplatz oben an der Tafel ein. Doch die Freude war von kurzer Dauer, wenngleich sie sehr gross war; alles trank der Reihe nach und zuletzt kam der Pfarrer dran, der in Gottes Namen den Pokal ansetzte; kaum war aber dieses Wort über seine Lippen gekommen, verschwand alle Herrlichkeit um ihn herum und er sah sich auf einem schwachen Aste auf dem Gipfel jenes Baumes sitzen, von dem ich zuvor gesprochen. Die ganze Nacht bis zum hellichten Tag sass er da oben auf der schwachen Rute und getraute sich nicht, sich zu mucksen, vor Furcht, hinabzufallen und sich das Genick zu brechen, bis ihn endlich vorüberziehende Leute aus seiner peinlichen Lage befreiten. Diesen Streich spielten ihm die Hexen nur deshalb, weil er an sie nicht glaubte.

Als Hauptversammlungort der Hexen von Syrmien wird ein alter Nussbaum [39] bei dem Dorfe Molovina bezeichnet. Auch in einem sicilianischen Zauberspruch (vrgl. Ausland 1875, St. 3) ist von den Geistern des Nussbaumes die Rede. Sie heissen diavuli di nuci. »Die neapolitanischen streghe versammeln sich unter einem Nussbaum bei Benevent: das Volk nennt es die Beneventsche Hochzeit; gerade an diesem Ort stand ein heiliger Baum der Longobarden.« (Grimm. D. M. S. 1005.) Die älteste Nachricht über diesen Glauben bei den Südslaven findet sich bei dem Ragusäer Dichter I. Gundulić (1588–1638). Im II. Gesange seines Epos »Osman« (zuerst erschienen 1621) sucht der Vezir Dilaver den jungen türkischen Kaiser Osman zu überreden, er soll die Mutter seines vom Throne gestürzten Vorgängers, eine gefährliche alte Hexe, die ihm, Osman, nach dem Leben trachtet, baldigst aus dem Wege räumen. Der Dichter schildert das Treiben der Hexe nicht getreu nach dem südslavischen Volkglauben, denn aus Strophe 36 und 37 geht hervor, dass er mit dem abendländischen, oder genauer italienischen Hexenglauben wohl vertraut ist. In der ersteren Strophe ist der Zug, dass die Hexe nachts auf einem Bock durch die Lüfte reitet, dem südslavischen Volkglauben ganz und gar fremd. Die Stelle lautet (Strophe 38 und 39, »Osman«, II. Aufl. Agr. 1854, S. 20 f.):

»Glas je, da ona od djetinje Mlječne puti pomas kuha, I na ovnu prjeko sinje Noći leti vragoduha,

»Man sagt sich, dass sie eine Salbe aus zartem (wörtlich: milchigem) Kinderfleisch koche und vom Teufel besessen auf einem Bocke durch die schwarze Nacht dahinfliege.«

Na kom leti svegj bez straha K planinskomu vilozmaju, Gdje vještice podno oraha Na gozbe se strašne staju.«

»Auf welchem (nämlich Bocke) sie ohne Scheu allezeit zum vilenartigen Drachen der Hochalpe reitet, wo sich Hexen unterhalb eines Nussbaumes zu grausigen Mahlzeiten ein Stelldichein geben.«

Weitere Belege aus Dalmatien im Arkiv za pov. jugosl. V. S. 332. Der Zauberspruch der Hexen, die im Begriff fortzufliegen sind, lautet: »Nach Neapel unter die Nussbäume« (u Pulju pod oraje).

In einer Sage (Arkiv, VII, S. 218) zerreissen Hexen ein Mädchen unter einem Nussbaume und sieden es in Öl ab.

Dagegen finden sich die Hexen von Chrowotien auf dem Berge Klek bei Ogulin zusammen. (Vuk, a. a. O.) M. Kombola, Pfarrer in Selac im Küstenlande, berichtet über diesen Volkglauben im Arkiv des Kukuljević VII, 328. Zweifelohne war auf dem Klek eine vorchristliche Kultstätte. Kombola ergänzt seine Nachricht mit der Bemerkung: »Wüsste der hl. Elias, wann sein Tag sei, er würde sie (die Hexen) alle vernichten und umbringen.« Unser Gewährmann nimmt auf eine allgemein verbreitete Sage Bezug, die an den Heiligen anknüpft. Wie wir in der Anmerkung hervorheben, ist der hl. Elias an Stelle des Donnergottes der vorchristlichen Zeit getreten, der sich in einem gewissen Sinne mit der neuen Ordnung abfand, doch immer noch hofft, dass er wieder einmal die Herrschaft erlangen werde. Dieser Zeitpunkt ist herangenaht, sobald sein alter Kult wieder vollkommen hergestellt sein wird, oder, wie es in der Sage heisst, sobald er erfährt, wann man sein Fest feiert. Es wird aber alljährlich begangen, nur weiss er den Tag nie bestimmt. Fragt er Gott, so erhält er immer zur Antwort, der Tag sei schon vorüber, oder er werde erst kommen. Der hl. Elias verschläft nämlich immer sein Fest. Wenn er aber einmal wachbleiben wird, dann geht die ganze Welt zu Grunde. (Das erzählte mir ein Bauer aus Kamensko bei Požega in Slavonien. Die Vorfahren des Erzählers sind Einwanderer aus dem Herzogtum. Eine Variante dazu in einer der ersten Nummern des Ragusäer Slovinac.)

Die Hexen reiten auf Menschen, die sie mittels einer Zauberhalfter in Pferde verwandeln. Auf ihrem Versammlungorte wird herumgetanzt. Die heiteren Festtänze beim alten Opferkult, die frohe Sitte, die sich noch bis in die Gegenwart erhalten hat, dass sich das Volk an Festtagen vor der Kirche versammelt und Tänze aufführt, wurden mit der Zeit durch den Einfluss der Geistlichkeit zu greulichen Hexentänzen gestempelt, die unter Aufsicht des Teufels ausgeführt werden. Der Teufel wird übrigens höchst selten in unmittelbarer Verbindung mit Hexen gedacht. Seine Gestalt ist dem südslavischen Volkglauben ursprünglich ganz fremd. Weist doch auch schon der Umstand darauf hin, dass die Sprache keine besondere Bezeichnung für Teufel aufweist (gjavol [diabolus], sotona [Satan] sind Fremdworte, vrag bedeutet den Verderber überhaupt). An ihren Versammlungorten vergnügen sich die Hexen nicht bloss mit Tanz, sondern auch mit Mahlzeiten. Ihre Gefässe sind Pferdehufe und Eierschalen. Pferde brachte man beim alten Kult gewöhnlich als Opfer dar. Noch heutigen Tags befestigt so mancher südslavische Bauer am First seines Hauses einen Pferdekopf zur Abwehr von Zauber. Eier als Sinnbilder des Werdens in der Natur opferte man gleichfalls den Geistern. Wie es bei Hexenmahlen zugeht, darüber geben uns die Sagen vielfachen Aufschluss. Hier mögen vor allem zwei angeführt werden. Die erstere ist aus Kreuz in Chrowotien, die letztere, eine Variante zur ersteren, aus Slovenisch-Feistritz.

I.

Am Abhange des Klek lebte ein reicher Wirt mit seiner Frau, der Wirtin. Der Wirt war hager und mager, die Wirtin aber gut genährt, wie ein Mastschwein. Kam eine Zigeunerin zum Wirt, um ihm wahrzusagen. »Hör’ mal, Du gutmütiger Tropf« (more), sprach die Zigeunerin, »weisst Du, weshalb Dein Weib so dick und Du so abgezehrt bist?« — »Weiss es nicht!« — »Mein guter Freund, Dein Weib ist eine Hexe. An jedem Freitag im Neumond (mladi petak) reitet sie auf Dir auf den Klek hinauf zum Teufelreigen« (Vražje kolo). — »Wie denn das?!« — »Ganz einfach. Sobald Du einschläfst, schleicht sie zu Dir hin, wirft Dir eine Zauberhalfter über den Kopf, Du verwandelst Dich augenblicklich in ein Pferd und sie reitet dann auf Dir fort. Geh, gib mal ein bisschen acht am nächsten Neumondfreitag.«

Am nächsten Freitag abend tat der Wirt, als schliefe er. Näherte sich ihm die Wirtin mit den Halftern in der Hand. Sprang der Wirt vom Lager auf und warf ihr die Halfter über den Kopf. Sie stand im selben Augenblicke vor ihm als Stute, er bestieg sie und im Nu befanden sie sich oben auf dem Klek. Dort band er (der Wirt) die Stute an einen Baum und schaute dem Teufelreigen zu. Zuerst tanzten die Hexen alle zusammen im Reigen, dann jede allein um ihren Topf herum. Diese Töpfe aber waren nichts anderes als Eierschalen. Kam zum Wirt herangeflogen eine alte Hexe, diese war seine alte Godin. »Was suchst Du da?« — »Ich habe diese meine Stute bestiegen und sie trug mich hieher auf den Klek.« — »Weh, flieh von hier, so schnell Du kannst. Wenn Deiner die Hexen gewahr werden, dann ist’s um Dich geschehen. Wisse, dass wir noch auf eine warten (auf sein Weib nämlich), ohne die wir eigentlich gar nichts anfangen können.« Da hat sich freilich der Wirt aus dem Staub gemacht, kam nach Haus, stellte die Stute im Stalle ein und legte sich schlafen. Fragten ihn die Diener in der Frühe: »Was ist das für eine Stute?« »Mir gehört sie«, antwortete der Wirt, liess dann einen Schmied kommen und die Stute an allen vier Hufen beschlagen. Hierauf ging er fort, um eine gerichtliche Kommission zu holen. Diese kam, er erzählte den Herren ganz genau, was er gesehen, nahm dann von der Stute die Zügel ab und sie verwandelte sich wieder in das Weib von ehedem zurück; doch war sie an Händen und Füssen beschlagen. Fing sie an zu jammern. Die Richter verstanden aber keinen Spass. Sie liessen sie in eine Grube voll ungelöschten Kalks werfen und dort musste sie elendiglich verbrennen. (Aus Chrowotien.)

Seit dieser Zeit zerbröckelt das Volk immer die Eierschalen, damit die Hexen daraus keine Töpfe verfertigen können.

In Slavonien begnügt man sich mit dem Zerbröckeln der Eierschalen allein nicht, sondern man wirft sie, ebenso wie Nägelabschnitzel und ausgekämmtes Haar, sogleich ins Feuer, um jede Hexerei mit diesen Dingen unmöglich zu machen. Wenn die Hexen übers Meer fahren, benützen sie Eierschalen als Fahrzeuge. Derselbe Volkglaube findet sich noch gegenwärtig in Deutschland. A. Wuttke berichtet darüber: »Wenn man gekochte Eier gegessen hat, muss man die Schalen zerdrücken oder verbrennen, sonst legen die Hühner nicht mehr, oder sonst kommen die Hexen über sie«. [40] Genau stimmt mit dem Zuge in der mitgeteilten Sage die Nachricht überein, die sich bei J. W. Wolf in den »Niederländischen Sagen« (Leipz. 1843) St. 248, 515 und 572 findet: »Wenn man Eier gegessen, muss man die Schalen zerbrechen, damit sie von den Hexen nicht als Böte gebraucht werden.« Nach Choice (Notes from Notes and Queries. London 1859, S. 7) herrscht in Holland der Glaube, dass die Hexen in Eierschalen nach England zu fahren pflegen. Der berührte Volkglaube ist auch auf der Pyrenäischen Halbinsel heimisch. Darüber findet sich nebst den angeführten eine weitere Nachricht bei Felix Liebrecht (Zur Volkskunde. Heilbronn 1879, S. 375), der aus Leitão Garret’s Schrift »Donna Branca ou a Conquista do Algarve (Paris, 1826) folgendes entnimmt: »Auf dem Lande ist es ein gewöhnlicher Aberglaube, die Schalen der genossenen Eier zu zerdrücken, aus Furcht, dass die Hexen sich ihrer bedienen möchten, um darin durch die Luft nach Indien oder andern fernen Ländern zu schiffen, woselbst sie das Blut ungetaufter Kinder auszusaugen oder einen andern ihrer gewöhnlichen Streiche auszuführen pflegen. Jedoch ist es unerlässlich, dass sie rasch und vor dem Krähen des schwarzen Hahnes (d. h. vor Mitternacht) nach Hause zurückkehren; zu dieser Stunde nämlich geht ihre Zauberkraft zu Ende und daher sind schon viele in jenen Meeren ertrunken.«

Sagen über Hexenfahrten übers Meer können sich selbstverständlich bei Völkern, die an Meerküsten wohnen und besonders Handel und Schiffahrt betreiben, reich entwickeln. »Wenn die Hexen übers Meer fahren wollen«, sagt P. Kadčić Peke (Arkiv B. V. S. 333), »so lösen sie das erstbeste Schiff vom Anker und schiffen sich ein. Mit jedem Stoss legen sie ihre hundert Meilen zurück.« Es ist die Windbraut, die in rasender Wut dahinstürmende Bora, wenn sie das Meer von unterst zu oberst aufwühlt, Schiffe vom Anker federleicht losreisst und sie mit Blitzschnelle in die weite See, weiter als das Auge reicht, hinausschleudert, die der verzagende Mensch als die Hexe auf der Meerfahrt betrachtet. [41]

II.

Es war einmal ein Schmied, dessen Weib eine Hexe war. Er hatte auch zwei Lehrjungen, von denen der eine sehr dick, der andere aber zaundürr war. Einmal fragte der Dicke den Mageren: »Wie kommt’s denn, dass Du so mager bist? — Beide verrichten wir dieselbe Arbeit und einer bekommt so viel zu essen, als der andere.« — Darauf entgegnete ihm der Magere: »Leg Du Dich ’mal auf mein Bett eine Nacht schlafen und Du wirst es schon selber erfahren, warum ich so mager bin.« — Wirklich schlief der Dicke eine Nacht in des Anderen Bett, und in der Früh fragte ihn der Magere: »Na, wie ist’s Dir ergangen?« — »’S ist gar nichts vorgefallen.« — »Ich bitt’ dich, schlaf’ noch eine Nacht auf meinem Bette.« — »Warum nicht?« — In dieser Nacht aber trat die Hexe ans Bett heran, gab mit dem Zaume dem Jungen einen Streich, und im selben Augenblicke verwandelte er sich in ein Pferd. Sie ritt es bis zum Morgengrauen die ganze Nacht hindurch, und als sie nach Haus geritten kam, nahm sie den Zaum ab und sofort stand er wieder in menschlicher Gestalt da. In der Früh fragte ihn der andere, wie es ihm ergangen und erhielt zur Antwort: »Schlimm genug. Ist die Hexe ans Bett getreten, hat mich in ein Pferd verwandelt und ist die ganze liebe Nacht auf mir herumgeritten.« — »Nun weisst Du, warum ich so ausgemergelt ausschau.« — »Weisst Du was«, versetzte der Dicke, »lass mich noch einmal in Deinem Bette schlafen, ich glaube, ich werde ihr das Handwerk legen, denn ich weiss, sie hat nichts anderes getan, als mir bloss mit dem Zaume einen Streich versetzt, worauf ich mich im selben Augenblicke in ein Pferd verwandelte. Ich will schauen, irgendwie den Zaum abzustreifen und ihr einen Schlag zu versetzen, damit sie sich in eine Stute verwandle.«

Gesagt, getan. Er schlief also die dritte Nacht in des Kameraden Bett; die Hexe stellte sich wiederum ein, versetzte ihm mit dem Zaume einen Schlag und im selben Augenblicke verwandelte er sich in ein Pferd. Eine Weile ritt sie auf ihm herum, dann band sie ihn an einen Baum an und entfernte sich irgendwohin. Diesen Augenblick benützte er, um den Zaum von sich abzustreifen, dann liess er ihn lose an einem Ohr hängen und wartete auf ihre Rückkehr. Kaum war sie zur Stelle, so streifte er vollends den Zaum ab, verwandelte sich wieder in einen Menschen und gab ihr einen Streich mit dem Zaume, worauf sie sogleich die Gestalt einer weissen Stute annahm. Er bestieg sie und ritt nach Hause. Zu Hause angelangt, band er sie an einen Pflock und weckte seinen Kameraden auf, er solle hurtig aufstehen, eine Stute müsse beschlagen werden. Der Magere liess sich dies nicht zweimal sagen, sprang vom Lager auf und im Handumdrehen war die Stute beschlagen. Hierauf nahmen sie ihr den Zaum ab, sie verwandelte sich in ihre vorige Gestalt und wankte in ihr Zimmer hinein, wo sie sich aufs Bett legte. In der Früh kam der Schmied, ihr Mann, sie zu wecken, damit sie das Frühmahl zubereite. Sie entschuldigte sich, sie könne nicht aufstehen, weil sie sich durch und durch krank fühle. — »Was fehlt Dir denn?« fragte er, und sie antwortete: »Ich bin beschlagen worden.« — »Was? Wer hat Dich beschlagen?« — »Wer anderes als deine zwei Lehrjungen." — Sogleich ging er zu den zwei Burschen und fragte sie, wie sie sich unterstanden, die Frau zu beschlagen. Sie stellten sich darüber ganz erstaunt und meinten, sie hätten niemand anderen als nur einer weissen Stute Hufeisen angenagelt. Da erkannte der Meister sofort, sein Weib sei eine Hexe, drum liess er Dornen auf einen Haufen zusammentragen, legte sein Weib darauf und sie musste elendiglich verbrennen. [42]

Hexen zu sehen, wann sie zu ihrem Reigen ausziehen, gilt als sehr schwer. Fährt eine Hexe zum Hexenreigen, so erhebt sich ein Sturm und ein arger Wirbelwind. [43] Besonders wirbeln dann Federn im Wirbel und man muss sich wohl in Obacht nehmen, dass man nicht in einen solchen Wirbel hineingerät. Will man sich wirklich überzeugen, dass Hexen im Wirbel dahinfahren, so braucht man nur ein langes und scharfes Messer in den Wirbel hineinzuwerfen. [44] Die Hexen können dies nicht leiden, sie geraten in Streit um den Besitz des Messers, und schneiden sich. So wird das Messer ganz und gar blutig.

Überrascht man die Hexen bei ihrem Reigen, so schonen sie niemand, auch nicht ihren nächsten Anverwandten. Auf irgend eine Art muss es der Lauscher immer büssen. Davon erzählen drei chrowotische Sagen bei Valjavec in den »Narodne prip.« S. 246:

I.

Es war einmal eine Mutter, die eine Hexe war. Sie hatte einen erwachsenen Sohn, den sie zu einem Herrn in Dienst gab. Einmal ging der Bursche auf Fuhrlohn und geriet, als er nachts heimkehrte, in die Hexenversammlung, in der sich auch seine Mutter und Tante befanden. Kaum ward die Mutter seiner gewahr, rief sie aus: »Wir müssen ihm die Zunge herausschneiden, sonst erzählt er der ganzen Welt, wir seien Hexen.« — Schon traf die Mutter Anstalten, um ihm die Zunge herauszuschneiden, als sie von der Tante, d. h. ihrer Schwester, daran verhindert wurde. »Was fällt Dir nicht ein«, rief diese aus, »Du wirst doch Deinem eigenen Sohne nicht die Zunge herausreissen wollen!« — Da stand sie ab von ihrem Vorhaben, dafür schlugen die Hexen insgesamt auf den Burschen los, bis ihn die Kräfte verliessen. Er hielt sich an den Strängen fest, so dass ihn die Pferde nach Hause schleiften. Nach Haus gekommen, war er vom überstandenen Schreck so gelähmt, dass er kein Wörtchen sprechen konnte. Indessen kam sein Herr sogleich auf den Gedanken, der Bursche müsse unter die Hexen geraten sein, nahm einen Besen zur Hand und schlug um ihn herum. Endlich, mit grosser Müh’ und Not gewann der Arme wieder die Sprache und erzählte dem Herrn, wie er unter die Hexen gekommen und wie arg sie ihm mitgespielt. Am nächsten Tag in der Früh verfügten sich beide zu den Nachbarn und erzählten ihnen die ganze Geschichte. Hierauf versammelten sich alle Männer, gingen zu seiner Mutter und Tante ins Haus, banden sie fest und verbrannten sie auf einem Scheiterhaufen.

II.

Es waren einmal zwei Freunde, die reisten als Kaufleute durch die Welt. Sie reisten lange, lange Zeit mitsammen, bis sie sich einmal trennten und einer von dem andern nichts mehr erfuhr. Der eine ging und ging und kam in einen Wald. Dort stand ein verdorrter Baum, wo der Teufel jeden Samstag die Hexen in Beichte zu nehmen pflegte (de je vrag copernice svake subote spovedaval). Der Mann wusste nichts davon, sondern stieg auf den Baum hinauf, um auf ihm zu übernachten, denn die Nacht war herangebrochen. Als sich der Kaufmann oben bequem gemacht, kam der Teufel unter den Baum und wartete auf die Hexen. Die Hexen kamen und der Teufel forschte sie über ihr Tun und Lassen aus. Die eine erzählte, dass sie vornehmlich Kühen die Milch entzogen, eine zweite gestand, dass sie Menschen das Herz herausgerissen, die eine erzählte dies, die andere jenes, jede etwas, nur eine, das war die jüngste, hielt sich für die verschlagenste und schwieg. Fragte sie der Teufel: »Na, was hast denn Du inzwischen getrieben?« Antwortete sie: »Ich habe es der Prinzessin angetan, dass sie zehn Jahre keinen Schritt wird machen können.« Fragte der Teufel, was es für Gegenmittel für diese Verzauberung gebe. Sie sprach: »Es müsste ein braver Jüngling zu Pferde kommen, der Jüngling müsste so lange auf dem Pferde reiten, bis es ganz von Gischt bedeckt wäre, dann solle er das Pferd mit einem weissen Mantel bedecken, so dass der Mantel von dem Gischt ganz nass würde und zuletzt die Prinzessin in diesen Mantel einhüllen.«

Der Mann auf dem Baume hatte dies alles belauscht, und als es tagte, stieg er vom Baume herab. [45] Er reiste mit seiner Ware weiter durch die Welt, und es traf sich, dass er gerade in jenen Ort gelangte, wo die Prinzessin krank lag. Er fragte die Diener, ob sie etwas kaufen wollen. Sie darauf: »Was und wozu sollten wir was kaufen? Unsere Prinzessin ist ja krank.« Er: »Könnte ich nicht da helfen?« Sie ihm: »Ei, was könnten Sie helfen? Das ganze Haus wimmelt von Ärzten und die vermögen nicht zu helfen, da sollten Sie helfen?« Antwortete er: »Ich kann helfen.« Sie erwiderten: »Na, also helft, wir geben Ihnen, was Sie immer verlangen mögen!« Er bat, dass man ihm einen braven Jüngling zu Rosse zur Verfügung stelle. Diesen Wunsch erfüllten ihm die Leute. Er kurierte die Prinzessin und bekam sie zur Frau, denn sie wollte niemand anderen haben, als nur ihn. Und so wurde er glücklich und Herr des ganzen Königreiches.

Einmal stand er am Fenster und erblickte seinen ehemaligen Genossen mit einer Warenkrücke des Weges kommen. Er liess ihn rufen und warf ihm einige Dukaten aus dem Fenster zu. Auch erzählte er ihm, auf welche Weise er in diese Stellung gelangt sei. Das liess sich der nicht umsonst gesagt sein, sondern begab sich gleichfalls auf jenen Baum, wo der andere gelauscht hatte. Als dem Teufel alle gebeichtet hatten, kam auch an die jüngste die Reihe und er machte ihr den Vorwurf: »Aha, das bist Du, die Du Dich berühmt hast, dass niemand der Prinzessin wird Heilung bringen können.« Sie kam gleich auf den Gedanken, dass sie von jemand belauscht worden sein mochte, schaute auf den Baum hinauf, gewahrte den Mann oben und machte ihn im Verein mit ihren Genossinnen zu Staub und Asche. (Arkiv za povj. jugosl. VII, S. 253 f. von Valjavec.)

III.

Es war einmal eine Hausfrau, die eine Hexe war und einen Diener bei sich in Diensten hatte. Die Hexe bestrich sich einmal mit ihrem Zauberfette und murmelte dabei: »Weder an Bäume, noch an Sträuche«. Der Diener belauschte sie, vernahm die Worte: »Weder an Bäume, noch an Sträuche« und begab sich nach ihrem Fortgehen in ihre Stube. Während er sich mit dem Fette einrieb, sprach er irrigerweise die Formel unrichtig: »An Bäume und an Sträuche«. Als er sich eingerieben, flog er hinaus, rannte an jeden Baum und jeden Stein an, so dass er ganz zerschlagen und zerschunden in der Hexenversammlung anlangte. Dort durfte das Wort »Gott« beileibe nicht ausgesprochen werden, er aber vergass daran beim Anblick des herrlichen Saales und rief entzückt aus: »O Gott, wie schön ist’s hier!« — Im Nu stoben die Hexen auseinander und liessen ihn allein zurück. Drei Tage lang blieb er dort, bis ihn irgend jemand aus seiner unfreiwilligen Haft befreite, und drei Jahre lang dauerte es, bis er wieder in seine Heimat zurückkam. [46]