Part 52
Zu Udbina an der Kaiserbrücke in der weissgetünchten Kneipe sitzen an des grünen Longja-Flüsschens Ufer dreissig Edelleute von Udbina und ergetzen sich an kühlem Weine. Zwischen ihnen sitzt der greise Ćejvan und an seiner Seite Fähnrich Nukić. Da erscheint im weiten Feld ein Tatar; und der Tatar ist schon gleich zur Stelle, schwingt sich flink herab vom braven Rösslein und tritt zu den Herren ein ins Wirtshaus. — Selam alejć, Herren von Udbina! rief er ihnen gellend zu auf Türkisch. — Alejć selam! gaben in der Runde einzeln ihm die Edlen gleich zur Antwort. Und der Tatar greift in seinen Busen, zieht heraus den kaiserlichen Ferman und er reicht ihn dar dem greisen Ćejvan. Ćejvan liest den Ferman, und ihm perlen überm weissen Bart die Tränen nieder. Fähnrich Nukić fragt ihn drob verwundert: — O mein Ohm, du hochbetagter Ćejvan, was zerfliesst du so in Tränen schrecklich? Sprich, woher ist dieser Brief gekommen? Möcht ihn lodernd Feuer doch verzehren! — O mein Schwestersöhnchen, Fähnrich Nukić, dieser Brief so zierlich kraus beschrieben ist ein Ferman mit des Sultans Siegel. »Einzufangen ist Vuk Gnjatijević in dem grünen Hochgebirg Tihanja, denn der Räuber lagert auf den Strassen und mit dreissig seiner Raubgesellen sperrt er ab den Weg und Steg zu Lande und zwei andre die vom Meer aus führen. Keine Kaufmannwaren ziehn des Weges — keine Ballen, keine Maultierladung, noch des Kaisers Steuergeld gewaltig. »Fang mir bald den Gnjatijević Vuk ein. Sende mir sein Haupt hieher nach Stambol; kannst du’s nicht, so schick den eignen Kopf her!« Nun, mein Ibro, muss ich denn nicht jammern weil ich jenen Kerl nicht kann erwischen? — Liebster Ohm, mein Väterchen, mein Alter! sei nicht traurig, lass den Mut nicht sinken, denn dem Kaiser muss man stets gehorchen. Jetzo gilt es einen Plan zu fassen, auf die wüste Tihanja zu ziehen und den Räuber im Gebirg zu suchen. Nimm du mit an dreissig Kämpen tüchtig, die ein Loch im Leibe wenig achten, wenn die Kugel einem durch den Leib dringt, und den jähen Tod, mein Ohm, verachten. — O mein Ibro, du mein teurer Neffe, du musst mit, sonst wär’s kein rechter Kriegpfad! O mein Väterchen, mein Ćejvanaga, gerne zöge Ibro auf Tihanja mit zum Fang des Räubers Gnjatijević; doch ich hab ’ne Maid erst jüngst erworben, des Bab Ahmetović von Otoka holde Tochter, die vieledle Zilka. Morgen kehrt mir heim mein brauner Renner, auf ihm kommt schön Zilka hergeritten, mit ihr hundert schmucke Hochgezeiter. Vorwärts, Ohm, du sammle deine Mannen, führ die Mannen nach Karamanovci, dorten wirst du deines Ibro harren bis mein braunes Schlachtenrösslein heimkommt. Dreissig Mannen scharten um den Greis sich; fort zog Ćejvan nach Karamanovci. Ibro blieb daheim auf schlanker Warte. Doch schon nahn die schmucken Hochgezeiter; unter Zilija das braune Streitross. Ibro sattelt wieder auf den Braunen, und begibt sich auf die Oberwarte, legt da ab die schöne Festtagkleidung und legt an die helle Waffenrüstung; festigt um den Gurt den scharfen Säbel, zwei Pistolen steckt er in den Gurt ein und dann nimmt er in die Hand die Flinte, seine blanke Damaszenerflinte. Seine Mutter harrt im Hofraum seiner und sie hängt sich um den Hals dem Sohne: — »O mein Nukić, deiner Mutter Freude! nein, du darfst nicht in’s Tihanj-Gebirge, nach dem Räuber Gnjatijević jagen. Ach, ich hatte neun, o weh mir, Söhne, Ćejvan hat mir alle neun entführt, doch nicht einen je zurückgeführt. Sohn! noch jeder ist mir umgekommen! Nun bist du mein einziger Trost; Ibrâhim, deine Mutter hat nur dich auf Erden!« — »Dennoch, Mutter, zieh’ ich mit dem Oheim, ja, ich schwör’s bei dieser Welt und jener!« Als sie sah, dass sie’s ihm nicht verwehren und Ibrâhim gar nicht kann bekehren, bat sie ihn von wehem Leid ergriffen: »Geh mein Ibro auf die Wartekammer, wo ich euch das Brautbett hergerichtet, und erfreu dich deines Bräutchens Zilka. Ach, vielleicht entspriesst dem Bund ein Sprössling, dass mein Feuerherd nicht ganz veröde!« Ibro geht nun auf die Oberwarte, auf das Zimmer unterm Dach der Warte, nimmt die Tambura aus Perlmutter, klöpfelt hell darauf und singt ein Liedchen: »Weilt mein Ohm schon auf Karamanovci? harrt er dort schon seines Fähnrichs Nukić?« Bis zum hellen Morgengrauen spielte er die ganze Nacht hindurch und wachte, mocht’ der Liebe Freuden nicht geniessen. Gegen Morgen gab er seiner Zilka in die Hand an dreimalhundert blanker, gelber ungarländischer Golddukaten. — »Nimm da, Zilka, in Empfang die Mitgift und dazu noch nach Gebühr das Achtel, komm ich jemals oder niemals wieder, du bist ein für alle mal gesichert.« Ibro sprang nun auf und schritt zur Türe, lief hinab im Nu zu seinem Braunen, schwang sich auf den zierlich schlanken Braunen, ritt durchs Grün der Udbinaer Auen. Als er in Karamanovci ankam sah ihn schon von fern der greise Oheim; rasch erhob sich da der greise Ćejvan küsste seinen Neffen auf die Stirne. Und Ibrâhim hub nun an zum Greise: — »O mein Ohm, mein edler Ćejvanaga, noch ist abgehetzt mein braunes Rösslein; lass uns diese Nacht allda noch nachten, morgen fahnden wir dann nach dem Räuber.« Und der Greis befolgt den Rat Ibrâhim’s. Als am Morgen früh der Morgen graute, schaute Ibro nach den braven Rossen. Alle hatten aufgezehrt den Hafer, nur der Braune nicht einmal verkostet. Voller Unruh’ wiehert schrill das Rösslein, reisst die Hürde um und scharrt den Boden. Ibro sagt davon dem greisen Ćejvan. Drob vergiesst der greise Ćejvan Tränen: — »Weh, ein böses Zeichen! denn es kostet mich mein Leben oder dich das deine, oder wird dein braunes Streitross enden!« Tranken drauf den Morgenbranntweinschoppen, bis nach einer Weil der greise Ćejvan seiner Schar von Waffenbrüdern zurief: — »Wessen Mutter mag sich des berühmen, dass sie einen Heldensohn geboren, wessen Schwesterlein sich dessen rühmen, dass sie auf dem jungfräulichen Schosse, mir den tapfren Kämpen grossgezogen, der mit meiner Schar wär’ ausgezogen, um im grünen Hochgebirg Tihanja jene Felsenhöhlung auszukunden, ob sich Vuk noch im Gebirge aufhält in der Kühle, unter Felsenwänden?« Da verstummten alle die Gefährten, senkten feig den Blick zu Boden nieder, nur Ibrâhim Nukić kühn verwegen schaute fest dem Greis ins braune Auge. — »Greiser Ćejvan, hier ist solcher Kämpe, der sich traut nach Tihanja zu gehen längs der zwölf verengten Felsenpässe; da kann Mann an Mann nicht vorwärts schreiten; soll da einer vor dem andern weichen, muss das scharfe Schwert den Pfad erweitern. Horch nun auf, mein greiser Ćejvanaga, sollt Ibrâhim schwer in Not geraten, geb ich Feuer meinem Paar Pistolen, wirst du eiligst Hilf in Not mir bringen.« — »Ja, mein teures Kind, ach ja, mein Ibro!« Küssten sich und nahmen letzten Abschied. Ibro schwang sich auf sein braunes Rösslein, zog entlang der sonnverbrannten Pässe und durchzog sie alle heil und glücklich. Als er in die Felsenhöhl’ gelangte, fand er speisenreich gedeckt die Tische und mit Wein gefüllt die vollen Humpen. Keiner von den Räubern war zugegen. Darauf spornte Ibro an den Braunen, jagte weiter ins Tihanj-Gebirge bis er die Zisterne dort erspähte, wo sich dreissig Räuber hingelagert, Vuk Gnjatijević an ihrer Spitze; der gewahrte bald den Fähnrich Nukić; sprach darauf zu seinen dreissig Räubern: — »Legt nicht auf Ibrâhim an die Flinten, denn ich hab’s gelobt beim Namen Gottes, nie der Mutter einzigen Sohn zu töten. Seiner Mutter einzig Kind ist Ibro und zudem ein Held ganz sondergleichen. Legt nicht auf Ibrâhim an die Flinten!« Doch Ibrâhim rief er zu die Warnung: — »He, für dich ist hier kein Wein bereitet!« Ibro sprach darauf zu ihm vom Braunen: — »Muss da meinen Braunen erst befragen, ob für mich bei Euch kein Wein bereit sei.« Alsbald zückte er den Säbel glänzend, stürmte dreimal auf und ab im Kreise, säbelte die dreissig Räuber nieder. Vuk Gnjatijević zur Flucht sich wendend nahm aus seinem Gürtel zwei Pistolen, beide silbern und dazu vergoldet, und bedrohte jetzt den Helden Ibro, um Ibrâhim Einhalt zu gebieten. Zwei, ja dreimal rief ihm zu der Räuber: — »Hetz mich länger nicht, Ibrâhim Nukić, denn ich hab’s gelobt beim Namen Gottes nie der Mutter einzig Kind zu töten!« Ibro lässt sich dadurch nicht beirren, sondern greift noch heftiger an den Räuber. Vuk sich reisst vom Leib drei goldne Buckeln, um Ibrâhim dadurch aufzuhalten. Ibro mag die Buckeln gar nicht anschaun, stürmt noch böser los auf Vuk, den Räuber. Zückte Vuk sein grimmig scharfes Krummschwert und rief aus aus voller Heldenkehle: — »Jag mich nicht mehr weiter, Fähnrich Nukić, denn ich tat bei Gott ein hoch Gelübde, nie den Müttern ihre einzigen Kinder, ihrer alten Tage Trost zu töten.« Ibro achtet dieser Reden gar nicht, sondern jagt den Räuber Alpen abwärts. Vuk ermüdete auf dieser Hetzjagd und verbarg sich hinter einem Baumstrunk, vor dem Aug erblitzte ihm die Flinte, seine helle Damaszenerflinte; und es traf den Falkensohn Ibrâhim bös die Kugel mitten in die Leber. Blut begann ihm aus der Brust zu quellen. Ibro spornte schärfer an den Braunen ohn’ der heissen Wunde nur zu achten. Dreimal schwang er seinen schweren Kolben, liess auf Vuk ihn dreimal niedersausen, nahm dann aus dem Busen rasch die Fesseln, fesselte die Hände Vuk, dem Räuber. Qualen schufen ihm die Wunden tötlich, die ihm Vuks Gewehr und Hieb verursacht; und er zog heraus das Paar Pistolen, gab zugleich den beiden lodernd Feuer, da befiel ihn finster schwer die Ohnmacht. Als der Greis die zwei Pistolenschüsse, die ihm Kunde taten, jetzt vernommen, sprang er augenblicklich auf die Beine, schwang sich hurtig auf sein Ross, den Tauber, und ihm folgten seine dreissig Mannen, Gränzer sind es, auserlesne Kämpen. Als der Greis aufs Hochgebirg gelangte, aufs Gebirge zum Zisternenwasser, fand er dort die dreissig Räuberleichen. Man besah der Reihe nach die Leichen, doch darunter war nicht Fähnrich Nukić. Alsdann folgt er rasch der Spur des Braunen und er fand die kleinen zwei Pistolen, fand darauf drei goldne Buckeln glänzend, und erblickte bald in naher Ferne unterm Braunen, unterm Falkenrösslein Fähnrich Nukić matt und kraftlos liegen, wie er sich im eignen Blute badet. Neben Ibro sah er Vuk, den Räuber, fest an einen Tannenbaum gebunden. Bei Ibrâhim sinkt der Greis zur Erde nieder und bedeckt ihn heiss mit Küssen. »Kannst du, Ibro, diesen Schmerz verwinden? Glaubst du nicht, die Wunden werden heilen, wenn ich, Sohn, nach Udbina dich schaffe?« — »Ach, die Wunden überleb’ ich nimmer; nimm mir lieber ab die Rüstung prächtig, gürt mir die Gewaffen ab und Kleidung, übergib sie Halil, Mujo’s Bruder. Mögen sie von Held zum Helden wandern, mag er lebelang sich ihrer freuen und des Bruders seiner Wahl gedenken!« Darauf nahm der Greis ihm alle Kleidung samt der Rüstung und den hellen Waffen, zog dann heim ins Udbinaer Flachland wohl mit Vuk Gnjatijević, dem Räuber, führte heim den wohlgenährten Braunen. Als ihn Nukić’s Mütterchen erblickte, lief sie auf die Strasse ihm entgegen, in den Händen hielt sie zwei Pistolen und sie legte beide auf den Greis an. Ein Gewehr versagte, nur das andre gab sogleich ein Feuer, doch die Kugel sauste durch die Luft am Greis vorüber. Alsdann zog der Greis nach Sarajevo in die Stadt zum Hasan-Paša Kahlkopf, um Vuk Gnjatijević auszuliefern. Um des Räubers willen war der Paša von Istambol nämlich hingekommen. Vor den Paša bracht der Greis den Räuber. Darauf sprach zum Greis der edle Paša: — »Nun, wie geht’s denn meinem Wahlverwandten, meinem teuren Bruder Fähnrich Nukić?« — »Ausgezeichnet geht’s dem Fähnrich Nukić, hat sich doch der Bruder deiner Wahl erst jüngst beweibt und jetzo kost und herzt er tags und nachts sein trautes Eheliebchen.« Und der Paša schmunzelte vergnüglich und befragte weiter noch den Alten: — »Nun, wer hat den Strolch da eingefangen?« — »Vuk? den hab ich selber eingefangen.« Doch von rückwärts fällt ihm in die Rede Vuk, der Räuber, ein: »O, was, du Stelze willst den Räuber eingefangen haben? Mich hat wohl ein Falke eingefangen mit der Seel’ allein der Fähnrich Nukić.« Drob ergrimmte wild der edle Paša und befahl, den Greis mitsamt dem Hunding Gnjatijević in den allertiefsten Kerker von Sarajvo einzusperren. Auf der Alpe war der Falke Ibro einsam sterbeletzt zurückgeblieben. Horch! ein Jauchzen! Dreier Alpenvilen hell Gejauchze schallt von Berg zu Berge. Eine Alpenvila jauchzt am Abhang unten tief der Alpe Romanija, und die zweite Vila jauchzt inmitten von der waldbedeckten Romanija, doch die dritte jauchzt auf höchstem Gipfel aller Bergehöhen Romanija’s. Alsbald waren alle drei beisammen, alle drei mit Nukić wahlverschwistert, wandten hin und her den Fähnrich Nukić, und sie riefen alle drei auf einmal: »Diese Wunden lassen sich noch heilen!« Volle sieben Wochentage pflegten seiner nun die Vilen: auf die Wunden legten sie so manches kräftig Kräutlein, bis nach Ablauf voller sieben Tage Nukić Ibro auf die Beine aufsprang heil und munter; und er griff nach einem Tannenstab und zog fürbass des Weges immer abwärts längs Karamanovci. Auf das ebne Udbina gelangte bald der Falke; kaum erschauten ihn die dreissig Gränzer, brachen aus die Mannen in ein endlos Jubeln ob der Heimkunft. Ibro rüstete dann aus ein Rösslein, blieb zu Nacht zwei Nächte bei der Mutter, darauf machte er sich reisefertig fort nach Sarajevo. Da bemerkte Tale von Orašje: »O mein Wahlfreund, ich begleit’ dich; denn mein greiser Alter sitzt zu Sarajevo eingekerkert.« Ibro gab sich dess zufrieden, und sie schwangen sich auf ihre feisten Pferde, und es zogen fort die beiden Türken wütig über Berge hin und Täler, glücklich kamen sie an in Sarajvo. Im Serail sitzt Hasan-Paša-Tiro. Kaum erschaut der Paša seinen Wahlfreund, so befiehlt er, dass aus Kriegkanonen Pöllerschüsse seine Freude künden. Es begrüssten sich die Wahlgebrüder, legten ineinander ihre weissen Hände und begaben Hand in Hand sich in die weichen Stuben, die mit Pölstern und mit Teppichen so reich bedeckt sind. Und sogleich erkundigte sich Ibro, wo sein greiser Ohm bis nun geblieben. — »Dort, im dunkeltiefen Burgverliesse schmachtet er zusammen mit dem Räuber Vuk Gnjatijević; es soll dein Alter augenblicklich freigelassen werden. Doch nun sprich, mein teuerster Ibrâhim, was für Lohn begehrst du jetzt vom Kaiser?« — »Bruder meiner Wahl, ich wünsch’ mir einzig nur ein Schwert mit kaiserlichem Siegel, auf dass ich befugt wär’ und berechtigt, allezeit nach eigenem Ermessen unbehelligt von dem Landeshauptmann, in das Grenzgebiet auf Raub zu ziehen.« Ohne weiters gab ihms Schwert der Paša, ohne darauf noch ein Wort zu sagen. Alsdann sprach er zum Orašjer Tale: — »Sag nun du, bei Gott, mein Bundesbruder, sag, womit ich dich nun könnt’ erfreuen?« — »Ich verzicht aufs Kampfschwert unterm Siegel. Hab’ ich meinen krummen Pallasch, Bruder, kann mit ihm ich auf dem Kriegpfad wandeln; schenk mir lieber Geld auf Reisezehrung.« Da beschenkte ihn der Paša reichlich wohl mit einer halben Maultierladung lauter weisser Talerstücke, die in einem Steinkrug aufbewahrt gewesen. Tale von Orašje lachte hell auf. Alsdann schwangen sie sich auf die Rosse, stiegen auf die Rosse auf im Hofe, und sie ritten fort, der Greis als Erster und als Zweiter folgte nach Ibrâhim, und als Letzter Tale auf dem Fahlen. Als sie in der Handelstrasse waren bei den Handelleuten in Sarajvo, streute Tale aus die weissen Taler um sich ringsherum auf beide Seiten. Hei, wie sich darum im Gassenkote laut im Streit die flinken Jungen balgten! Wie nun Tale in der Kneipe abstieg, da besass er nicht einmal ein Kleingeld, um sich einen kühlen Trunk zu leisten, sondern musst nach altem Brauche pumpen. Darauf zogen unsere Helden heimwärts. Was für Taten einst sich zugetragen, dess gedenke man in unsren Tagen, wie des Géorgtags vor allen Tagen, wie des Helden kühn vor allen Magen.
Zu V. 1. Udbina, gegenwärtig ein kleiner Bezirkort in der Lika, wird nun zu Chrowotien gerechnet.
Zu V. 5. Die moslimischen Slaven verschmähten das Weintrinken nicht, im Gegensatz zu den übrigen strenggläubigen Moslimen.
Zu V. 8. Tataren waren die offiziellen Kuriere in der Türkei.
Zu V. 12. Türkisch richtig: selam aleikum = Friede mit Euch!
Zu V. 30. Tihanja heisst im Volkmunde das nunmehr verkarstete Berggebiet im Südwesten von der Lika und dem chrowotischen Küstenland. Gemeint ist offenbar die alte Handelstrasse, die von Zengg (Senj) nach Bosnien führte.
Zu V. 59. Otoka, gegenwärtig ein Dörfchen unweit des Städtchens Krupa, an dem Una-Flüsschen. Die Ruinen der Burgwarte Ahmetović’s sind noch ziemlich gut erhalten. Bab Ahmetović war ein hochberühmter Held, wie ihn das Volklied der Moslimen darstellt.
Zu V. 60. Zilka ist der slavisierte Name von Sulejma oder Suleika.
Zu V. 62. Die Braut wird vom Hochzeitzug, nach türkischem Brauch, dem Bräutigam zugeführt. Der Zug wird von den Eltern des Bräutigams ausgerüstet.
Zu V. 66. Es ist eine Eigentümlichkeit der serbischen und zum Teil auch der anderen Volkausdruckweise, dass der Erzähler häufig von sich als wie von einem dritten erzählt.
Zu V. 97. Die Brautkammer war in den Ritterburgen das oberste Gemach der Warte.
Zu V. 104. Tambura ist eine Art dünnbäuchiger, schmalhalsiger Mandolinen mit 4–6 Stahlsaiten bespannt.
Zu V. 115. Er gibt ihr den achten Teil seines eigenen Besitzes, das der Mann im Falle einer Ehescheidung der Frau auszahlen muss.
Zu V. 126. Männer küssen einander auf die Stirne zwischen die Augenbrauen.
Zu V. 181. Im Karst findet man äusserst selten Quellwasser. Die Karstbewohner trinken fast ausschliesslich Regenwasser aus Zisternen.
Zu V. 186 ff. Derartige Gelübde gelobt jeder Räuber, so z. B. ist ein allgemeines Räubergelübde, keine Frauen noch Kinder zu töten oder Mädchen zu vergewaltigen.
Zu V. 210. Buckeln, faustgrosse, geplättete Knöpfe auf dem Wams.
Zu V. 230. Kolben, d. h. den Streitkolben, der mit hervorstehenden, scharfen Spitzen versehen war.
Zu V. 271. Halil der Falke, der Bruder Mustapha Hrnjica’s (Hasenscharte), des Herrn von der Burg Kladuša, unweit Udbina.
Zu V. 273. Über die Wahlbrüderschaft bei den Südslaven, vrgl. »Sitte und Brauch der Südslaven« von Krauss, Wien 1885, Cap. XXX.
Zu V. 287. Kahlkopf (Ćoso) ist der Spitzname. Es war der in der bosnischen Geschichte berühmte Hasan-Paša-Tiro, der auch Gouverneur von Ofen war und die letzte Belagerung von Wien mitmachte.
Zu V. 304. Im Texte: Šljaka, »Stelze«, »Krücke«, d. h. Ćejvan brauche Krücken, um vorwärts zu kommen.
Zu V. 343. Tale (türk. Narr) war der Schalknarr unter den Helden, ein grimmer Degen, mit dem nicht zu spassen war.
Zu V. 351. Serail, vom Pers. seraj, königlicher Hof. Slavisiert saraj. Davon der Name der Stadt Sarajevo oder Serajevo (zum Serail gehörig).
Zu V. 369 ff. Sablja pod muhurom. Solche Ehrensäbel mit dem obgedachten Rechte wurden nur den ausgezeichnetsten Grenzhauptleuten verliehen. Auch Mustapha Hrnjica besass einen. Nach dem Ableben des Helden musste der Säbel zurückgegeben werden.
Das Lied sang mir der Guslar Hasan Šašić in Jablanica in Bosnien.
FUSSNOTEN
[1] Die moslimisch-slavische Epik kennt weder die Chrowoten (Chorwoten) noch ein Chrowotien. Die Gegner heissen im Volkliede entweder Magjari (tanak magjarin = der schlanke Magyar; ständiges Beiwort) oder Nijemci (Deutsche, njemadia = deutsche Truppen) oder Latini (Lateiner, Venezier, Italiener).
[2] Diese Zahl geben die Epen an. Man darf solchen Daten grosses Vertrauen entgegenbringen, denn die moslimisch-slavischen Epen zeichnen sich überhaupt durch verhältnismässig zuverlässliche Angaben aus. Übrigens wird die gedachte Zahl des Grenzmilitärs auch durch offizielle türkische Dokumente aus jener Zeit beglaubigt. Vgl. das vortreffliche Werk von Franz Salamon: »Ungarn im Zeitalter der Türkenherrschaft.« Ins Deutsche übertragen von Gustav Jurány. Leipz. 1887. S. 112.
[3] In Buchform erschien unter anderen: »Smailagić Meho. Pjesan naših muhamedovacâ, zabilježio« Dr. Friedrich S. Krauss. Ragusa 1886. Davon gab Carl Gröber eine gute Verdeutschung heraus: Mehmeds Brautfahrt. Wien 1890. 130 S. in 8o. S. XVI + 192. Dieses Epos umfasst 2160 Verse.
[4] Vrgl. die wichtige Schrift »životŭtŭ na Bulgaritje vŭ srjednja Rodopa; napisalŭ S. N. S. Plovdiv 1886.« S. 44. Der Übertritt geschah in den Jahren 1657–1667.
[5] Für vollste nationale Ursprünglichkeit tritt Frau Jelica Belović-Bernadzikovska ein (Srpski narodni vez i tekstilna ornamentika. Neusatz 1907. S. 254.) Sie spricht wie eine Prophetin, die gläubige Anhänger wirbt.
[6] J. v. Hammer, Geschichte des osmanischen Reiches. Zweite Ausgabe, Bd. I. Pesth 1834. S. 201.
[7] Glasnik zemaljskog muzeja u Bosni i Hercegovini, 1890, Heft 2, S. 228–233.
[8] Diese Arbeit ging teilweise in Dr. F. Miklosichs, Die türkischen Elemente in den Südost- und Osteuropäischen Sprachen. Wien 1888. gr. 4o. 194 S. auf. Das ist eine recht minderwertige lexikographische Schleuderleistung.
[9] Drei der besten serbischen Erzähler, Ćorović, Ilijć und Nušić, bedienen sich absichtlich in einer Reihe ihrer schönsten Novellen der Mischsprache. Sie hängen aber ihren Sammlungen auch Worterklärungen und Wörterbücher an.
[10] In ĭzločest ist das i prosthetisch. Auch hier zeigt sich der Einfluss des Türkischen, das Konsonantenanhäufungen meidet.
[11] Lud. Jego zwyczaje, sposób źycia, mova, podania, przysłowia, obrzędy, gusła, zabawy, pieśny, muzyka i tańce, przedstawil Oskar Kolberg, Ser. VI. Krakau 1873. S. 322:
Ale semper do dom wczas lepiéj zawsze ire, Antequam pijanice erunt insanire Quia musisz cum illis choreas inire Oportet choćbyś nierad tam saltare ire.
Ebd. S. 355: Dać kazal brandwein und kafalka brot by essen sobie das ist frisztik gut; a klopa szpicbub na drin ze mnie zwozi, etc.
Eine Probe deutschfranzösischer Verse:
Ecoute, cuisinier! Von meinen Kameraden Hab’ ich zwei oder drei zum déjeuner geladen. Mach nur ein gut Potage, mit all’ Appartenance Wie man es à la Cour zu dressieren pflegt en France.