Part 50
Grosszog die Mutter einen einzigen Sohn, Johannes Lonjdžić war er zubenannt; sie zog ihn gross wohl fünfzehn traute Jahre. Auch waren Töchter zwei ihr noch zu eigen, es war Helen und Schwester Angelina. Beg Kitonjić zu ihnen pflag zu kommen. Johannes Lonjdžić ihn allhier erschaute, mit leisem Laute sprach er so zur Schwester: — Gib Kitonjić dem Beg den Laufpass, Schwester! Gäbst du den Glauben für den Ohneglauben? Willst du zur Unehr’ meine Ehr’ verkehren? Am Abend war der Abend angedämmert, der Beg zur mitternächtigen Stunde kam, er rief heran beim Namen Angelina: — Wach auf, mein Engel! Auf zum Plauderstündchen! Da fuhr ihn grausam Angelina an: — Von hinnen troll dich, Tuchrock du verfluchter! Nicht darum hab’ mein Antlitz ich gepflegt, dass Kitokburger Türken sein liebkosen! Zur Antwort Angelinen gab der Beg: — Ergreif’ ich je dir deinen Bruder Ivan, lebendig schinden will ich deinen Ivan! So zog nach seinem Kitok ab der Türke. Einschmeichelnd Ivo bat die alte Mutter: — O Mutter, gib mir ein Gewaffen gleissend, dass auf die Jagd ich zieh’ ins Hochgebirge, vielleicht mit Glück ein Jagdstück ich erjage! Die Mutter ihm versagt Gewaffen gleissend. Seitdem ein trautes Jahr verstrich an Tagen und kam auch in das Land ein zweites Jahr, Gewaffen wieder heischt’ er von der Mutter, die Mutter ihm Gewaffen tat versagen. Einschmeichelnd bat er Schwester Angelinen: — Geh, stiehl die Schlüssel weg mir von der Mutter und bring heraus mir ein Gewaffen gleissend! Um Mitternacht bekam sie frei die Schlüssel, um Mitternacht sie gab ihm ein Gewaffen, um Mitternacht er zog ins Hochgebirge. Am ersten Tag er zog durchs Hochgebirge, doch nicht ein einzig Jagdstück er erjagte. Am zweiten zog er auch durchs Hochgebirge, doch nicht ein einzig Jagdstück er erjagte. Am dritten zog er auch durchs Hochgebirge, doch nicht ein einzig Jagdstück er erjagte. Verstrichen schon die Hälfte war vom dritten und Durst mit arger Qual befiel Johannes, dieweil zu finden hier kein Wassertropfen: — Was tu ich itzt, o meine teuere Mutter! Vor Durst ich schier verstarb, o teuere Mutter! Die rechte Hand ich mir durchschneiden werde, um satt an meinem Schwarzblut mich zu laben! Und riss heraus den Handžar aus dem Leibgurt, um aufzuschneiden seine rechte Hand, als ihn vom Hochgebirge rief die Vila: — Halt ein, Johannes, wehe deiner Mutter! Schneid nicht die Hand, den Leib dir nicht verschände! Dort auf dem Querpfad ein die Richtung schlage, dort auf der Höh’ ein Tannenbaum verschlungen und unter ihm entquillt ein kalter Bronnen; da trink dich satt und kühl dir ab dein Antlitz! Zur bösen Frist er folgt der Vila Weisung und schlug die Richtung auf dem Querpfad ein; er fand dortselbst den Tannenbaum verschlungen und unterm Tannenbaum den kalten Bronnen, er wusch sich ab und trank sich satt mit Wasser. Sobald als er vom kalten Quell getrunken, die Büchse an den Tannenbaum er lehnte, ins grüne Gras er gleich sich niederlegte. Der Quell jedoch, der hiess der Unglückselige, wer daraus trank, nur unglückselig ward. Gleich schlief er ein, verlor sein klar Bewusstsein. Ei, siehe da! Beg Kitonjić des Weges mit seinen dreissig Kitokmannen naht. In Bande schlägt er Ivo den verschlafnen. Nach Kitokburg von hinnen sie ihn schleppten. Ins grüne Blachgefild hinaus sie kamen. Kleegras bedeckt des Blachfelds eine Hälfte, die andere Hälfte Knochen niederdrücken, darnieder Ross’- und Heldenknochen drücken; die Wahlstattsaat der Begen Kitonjić! Aufwimmert Ivo, wie ein Frauenzimmer. Er schleppte fort ihn auf die Burg von Kitok, ins Burgverliess er warf hinab Johannes. Im Burgverliess das Wasser bis zum Leibgurt und Riedgras ragt empor noch überm Haarzopf. Hei, plätscherten die Vilen toll im Kerker, kraftvoll die Schlangen und die Molche zischten, Gekrächz erscholl der Adler und der Raben: — Gott sei’s gedankt, gedankt auch unsrem Beg, dieweil herab er warf Johannes Lonjdžić. Uns nähren satt er wird mit Fleisch zumindest und satt wohl auch mit schwarzem Blute laben! Den Winter unter ihm wir überwintern, nach Wintermitt’ in seinen Busen flüchten. Im Frühling, um die Zeit des Géorgtages, dann flüchten wir hinauf ihm in den Haarzopf, ein Nest wir werden in dem Haarzopf winden und aus dem Nest heraus die Vöglein führen, wohl lauter Vöglein, buntgefleckte Schlänglein und Echsen, denen Köpfe vier gewachsen! In Lonjdžić Ivo fuhr darob ein Grausen. Gleich einer scheckigen Natter jammert Ivo, und Ivo’s Mutter auch daheim zu Lonjdža. So Tag auf Tag ergab drei Jahr an Tagen. Aufbot die alte Frau das Volk von Lonjdža, liess Wein heraus in Eimerfässern wälzen, das Volk mit Trank und Nahrung reich bewirten. Sie schrie mit hellem Laut aus voller Kehle: — Wer Kunde mir von meinem Ivo gäbe, ob er noch lebt, ob nicht schon tot sein Haupt, ganz Lonjdža weiss dem Manne würd’ ich schenken! Den tät bedenken ich mit einer Tochter, und würd’ mich auch mit einer nur behagen, dass sie mich nähr’ in meines Lebens Tagen! Doch solchen Kämpen kriegen man nicht konnte. Von Ivo’s Warte alle sich verliefen. Zur Mutter kam geflogen Angelina: — O unsre Mutter, teuere Schöpferin! Geh, führe mir heraus den Flügelschimmel und führe mir heraus den feisten Fleckfuss. Mir bringe das Gewand heraus des Bruders; den Bruder suchen wird die Schwester gehen. Ich werde mit Helenen gehn der Schwester! Entweder finden lebend wir Johannes, wo nicht, auch unsre Häupter preis wir geben, oder den Glauben für den Ohneglauben! Die Renner rasch hinaus sie ihnen führte. Allda sie angekleidet ihre Töchter, gleich wie sich kleiden kaiserliche Pagen. Aufschwangen alle beide sich zu Rosse, wohl auf den Flügelschimmel Angelina, Helenchen auf den feisten Fleckenfüsser. Sie zogen ab ins Rogoš-Hochgebirge. Als sie ins Rogoš-Hochgebirge kamen, wo drei bis vier der Wege sich begegnen, Helenen Angelina also ansprach: — O du Helenchen, meine teuere Schwester! Zum holzgebauten Blockhaus gilt’s zu gehen, behüte bestens deinen feisten Fleckfuss, allwo ein Blockhaus aufgebaut die Vilen, wo festlich Tafeln reich bedeckt mit Esswerk, die vollen Humpen angefüllt mit Wein und wo mit Blut die Gräben vollgestockt. Welch Held noch immer durch den Hochwald zog und auf ihr Blockhaus stiess von ohngefähr, von jedem ab sie nahmen ihre Fordrung: vom Helden beide rabendunkle Augen und aus den Schultern alle beiden Arme. Behüt im Hochgebirg uns unsre Rosse. Vom Tann zum Tann verbergen ich mich werde.
Denn schon ist’s um des Tages Mittagstunde, um Mittag nieder sich die Vilen legen und ziehen sich vom Leib die seidnen Hemden, die hängen auf an ihrem Blockhaus sie. So Gott es gibt und göttlich Glück es gönnt, dass ich vorweg die Hemden ihnen nehme, mit leichter Müh vorbei wir ziehn am Blockhaus! Sofern die Tat ich, Schwester, nicht vollführe, heraus sie beiden reissen uns die Augen, uns beiden sie vom Leib die Arme rauben. So Gott es gibt und ich gewinn die Hemden, talabwärts jagen mich die Vilen werden; erschrecken darfst du, Schwester, drob mit nichten; behüt nur gut uns unsre beiden Renner! Dies sprach sie, wandte sich hinan zum Hochwald und barg behutsam sich vom Tann zum Tanne, schlich sich heran ans holzgebaute Blockhaus. Im Schlaf die Vilen alle drin im Blockhaus. Beraubte sie der Hemden aller neun, hub an hinab vom Hochgebirg zu flüchten, ihr fliegen nach die Vilen nackt vom Hochwald: — O unsre Schwester, schmucke Angelina, gib unsre seidnen Hemden uns zurücke, du heische, Schwester, was dir mag behagen! — Verbuhlte Vilen, trollt ins Hochgebirge zurück euch, stürzt das holzgebaute Blockhaus und schüttet zu die blutgestockten Gräben, so vollgefüllt Ihr habt mit Blut von Helden. Dann leert den Wein und Branntwein aus zu Boden, zerbrecht die Humpen und zerschlagt die Becher und flüchtet, Vilen, wieder in die Felsen, in Felsen wieder, wo ihr früher weiltet, dann mag ich euch zurück die Hemden geben! Die Vilen rasch das Blockhaus rissen nieder und schütteten die blutigen Gräben zu und gossen aus den Wein und aus die Eimer, die Humpen sie zerschlugen und die Becher. Gab wieder ihnen alle Hemden neun. Zurück die Vilen in die Felsen flohen, in Felsen wieder, wo geweilt sie früher. Die Schwestern drauf sich auf die Rosse schwangen und drangen weiter vor zur Burg von Kitok. Aufs Kitok-Blachgefild hinaus sie kamen. Kleegras bedeckt des Blachfelds eine Hälfte, die andre Hälfte Knochen niederdrücken, darnieder Ross- und Heldenknochen drücken. Gar mächtiglich erschrocken war Helenchen. Helenen also Angelina ansprach: — Erschrick dich nicht, o meine teuere Schwester! Den Beg lebendig ich in Bande binde und treibe fort ihn bis zur weissen Lonjdža! Hinein sie jagten in den Hof die Renner, im Hofe von den Rennern ab sie stiegen. Helenen also Angelina ansprach: — Behüt die Renner, Schwester, in dem Hofraum. Den Beg besuch’ ich auf der weissen Warte! Zum Beg sie abging auf die weisse Warte. Sie trug mit sich den spitzen Stachelkolben. Es sass der Beg beim Tisch am Trank sich labend. Als Angelina hier zu ihm hineinfällt, ergreift im Nacken sie den Beg beim Kragen, schleift ihn herum und drischt ihn mit dem Kolben: — Wie, Kerl, am Wein du tust zu Tisch dir gütlich! Wie, ehren kannst du nicht des Kaisers Leute? Dich ladet nach Istambol vor der Kaiser, und sollst auch mit die Kerkersklaven führen! Wohl hin zu einem Kerker sie ihn zerrte, ein hundert Mann Gefangener unten schmachten, durchaus gefangener, denkt nur, Ackerbauer! Die Falltür zum Verliesse schloss sie auf und liess herauf das Hundert Mann Gefangener. Den Beg sie schleift und drischt ihn mit dem Kolben: — Wo steckt, o Beg, dir denn Johannes Lonjdžić? Der Kaiser ihn nach Stadt Istambol fordert! — Erbarmen, liebster kaiserlicher Page! Im zweiten Kerker weilt allein Johannes! Sie führte hin zum zweiten Kerker ihn. Die Falltür zum Verliesse schloss er auf und liess herauf Johannes Lonjdžić steigen. — Bind, Beg ihm auf dem Rücken fest die Hände, du hast zu treiben fort ihn nach Istambol! Der Beg in Bande legt Johannes Lonjdžić, — Nun tummle, Beg, dich, zieh herauf den Schimmel; den Schimmel soll da reiten der Gefangene, du führst den Schimmel unter ihm am Zügel! Der Beg herauf den Schimmel hurtig führte, zog mit den Renner unter dem Gefangenen. Und quer sie schritten übers grüne Blachfeld. Als sie im schwarzen Hochwald sich befanden, dem Beg sie banden allda beide Hände, sie trieben fort ihn nach der weissen Lonjdža, Johannes aber lösten sie die Bande. Den Renner Kitonjić’s Johannes ritt. Als sie zu ihrer alten Mutter kamen, Johannes, ihren Bruder, heim sie brachten. Stirnküsse sie mit offenen Armen tauschten. Um seinen Hals sich ihm die Mutter hang. Hinauf sie stiegen in die weissen Stuben, den Beg jedoch sie warfen ins Verliess. Der Beg da schmachtet volle neunzig Tage. Als hingeflossen volle neunzig Tage, herauf ihn führt aus dem Verliess die Schwester, führt ihn herauf zu ihrem Bruder Ivo. Sie pflanzte hin ihn an die volle Tafel: — Wohlan, o Beg, du Metze Kitonjić, verein dich hier im Wein mit meinem Bruder! Schau an den Kerl und schau dir an den Kämpen, ein Weibsbild war’s, das ihn in Bande legte! War’s noch im Hochwald, tät mich’s nicht gereuen, doch gar auf deinem eigenen Hof und Gute! Und hättest du getötet mir den Bruder, wir zögen heut dir lebend ab die Haut! Trink an mit Wein dich, kehr zurück nach Kitok, dein Haupt dir will ich zum Geschenk belassen, weil du das Haupt geschenkt auch meinem Bruder, und auch herauf dir deinen Schimmel führen! Herauf sie ihm den feisten Schimmel führte: — Nun geh, berühme dich auf Burg von Kitok, wie dich gelegt ein Magedein in Bande!
Am 3. Jänner 1885 gegen 3 Uhr nachmittags hielt ich am Ufer der Spreča einige Stunden vor Dolnja Tuzla Einkehr in einen Han. Der Wirt war ein katholischer Christ und bei ihm kauerten in der Selchkammer oder Gaststube um das qualmende Feuer im Fussbodenloch drei Männer herum, ein älterer und zwei jüngere Tagediebe. Hinter mir kam mein Diener, der Guslar Milovan Ilija Crljić Martinović Rgovljanin. Nach bosnischem Brauch begrüsste ich jede einzelne der vier, bis dahin mir völlig unbekannten Herrschaften besonders, erkundigte mich mit den üblichen Phrasen eingehend über eines jeden Wohlbefinden (nur nicht nach dem Namen) und gab der Reihe nach jedem nicht minder ausführlichen, befriedigenden Aufschluss hinsichtlich meiner. Dann fragte ich den Wirt: Hast du Branntwein? — Habe. — Hast du Kaffee? — Habe. — Plötzlich fuhr ich ihn mit erheuchelter Wütigkeit an: Du Unglückmensch! Warum lässt du dich und meine Freunde Durstqualen erleiden? Heute für alle umsonst. Ich bezahle. Wenn mir einer dieser wackeren Rottgesellen vor Durst verschmachtet, bezahlst du mir Wergeld! — Er ging unter dem Gelächter der Gäste auf den Spass ein, tat sehr furchtsam, bewirtete die Leute und vergass dabei nicht, auch seine Kehle anzufeuchten. Ich inquirierte weiter: Hast du Brot? — Habe keines. — Hast du Mehl? — Gottlob, habe welches! — Dann knet einen Teig an, heiz den Backofen ein und back mir für die Gesellschaft einen Fladen. Dazugeschaut, sonst binden wir dich den Rossen an die Schweife und es ereignet sich etwas, wovon ein Geschlecht dem andern Mären künden wird! — Inzwischen liess ich meinen Pelzrock in den Rauchfang hängen, und als der Wirt den Fladen einschoss, ersuchte ich ihn, auch mein gesamtes Leibgewand, das ich samt Hemde usw. abgelegt, auf einer Weidenflechte mit in den Ofen hineinzustecken. Ich stand fröstelnd da in der Tracht eines badenden Negers und rieb mir die Epidermis ab. Was an der Hand blieb, warf ich auf die Feuerstätte hin. Sagte der Alte: Hör mal, Herr, du bist von weit daher. Hast nicht auch du erzählen gehört von einem schwäbischen Narren, der sich im Gebirge herumtreibt und von Guslaren Lieder niederschreibt? — Wohl, doch für einen Narren halte ich ihn nicht. — Vorgestern erfuhr ich, dass er gegen Tuzla herwandere, und da machte ich mich mit meinen zwei Brudersöhnen auf, um ihn abzuwarten, damit er auch von mir ein Lied aufnehme und es ins Buch stecke. Seit gestern harren wir seiner hier. Kommt er wohl? — Nein. — Ja, kennst du ihn? — Das Glück soll ihn so kennen, wie ich meiner Mutter einzigen Sohn kenne und so gewiss ich dich, Bruder Marko, den Guslaren, aufzusuchen im Begriffe war. Man hat mir dich empfohlen. — Wir schlossen gleich Wahlbruderschaft und er hub an, zu meinen Guslen Lieder vorzutragen. Mir sagte nur das vorliegende zu, doch war ich, auch nachdem ich meine desinfizierte Kleidung wieder angelegt hatte, so durchfroren, dass ich es nicht aufzeichnen konnte. Ich befahl nun meinem Milovan, aufzumerken und dem Wahlbruder Marko, es ihm besonders nochmals vorzutragen. Am nächsten Tage schrieb ich es im Hotel zu Dolnja Tuzla nach dem Diktat Milovans nieder.
Milovan war weder vom Liede, noch vom Guslaren Marko befriedigt. Er setzte an ihm Sprachfehler aus, so z. B. wollte er mir weismachen, Marko habe im 6. Verse ka nji statt k njim gesagt und im 73. Vers hob er boshaft sa svojijem hervor, was aber kein Fehler, sondern eine erklärbare dialektische Eigentümlichkeit des aus dem oberen Herzogtum eingewanderten Guslaren ist. Er moquierte sich auch über das unerhörte Wort spavećiva im 74. Vers. — Im V. 141 steht in meiner Niederschrift ostavile, ich musste es in postavile oben ändern. Unser Lied dürfte von hohem Alter sein. Die guten, alten Lieder verraten sich schon äusserlich für ein musikalisches Ohr und bei der Niederschrift für das Auge durch eine gewisse Regelmässigkeit in einer Art von natürlichem Strophenbau. Den Fälschern von Guslarenliedern ist dieses Prinzip primitiver poetischer Technik, das ich bei den Guslaren als der Erste wahrgenommen und in meinen Text-Ausgaben versuchweise durchzuführen mich bemüht habe, allem Anschein nach entgangen; denn ihre Erzeugnisse entbehren dieses nicht unwesentlichen Behelfes im poetischen Satzbau. Die Diärese nach der vierten Silbe, die Koinzidenz vom Sinn- und Wortende in der epischen Zeile sind jüngere Prozessergebnisse, ursprünglicher und älter ist die Strophe, die nicht bloss den Sinn, sondern einen Gedanken anschaulich abrundet und sich in Bezug auf ihre Ausdehnung nach der Bedeutung ihres geistigen Inhaltes richtet. Die Strophe stellt auf dieser Entwicklungstufe den poetischen Satz in seiner Ganzheit dar. Die Strophe ist das ein echtes Guslarenlied aufbauende formell-poetische Element. Das lehrt z. B. auch unser vorliegendes Stück, das, falls ich’s richtig abteilte, folgendes Bild aufweist:
3 + 2, 3, 3, 3, 2 (= 1 + 1), 3, 3 (= 1 + 2), 2 (= 1 + 1), 3, 2 (= 1 + 1), 3, 3, 2, 2, 2, 2, 3, 4 (= 2 + 2), 3, 6 (= 3 + 3), 3 + 2, 3, 3, 4 (= 2 + 2), 6 (= 3 + 3), 4 (= 2 + 2), 3, 6 (= 3 + 3), 6 (= 3 + 3), 3, (1), 3, 3, 3, 3, 3, 3, 3, 3, (1), 3, 7, 7, 7, 7, 7 (es spricht ein Frauenzimmer!), 3, 9 (= 3 + 3 + 3), 4 (= 2 + 2), 3, 3, 3, 2, 3, 3, 4 (= 2 + 2), 4, 4, 3, 3, 4 (= 2 + 2), 3, 3, 3, 3, 4, 4, 4, 4, 4 (= 2 + 2), 4 (= 2 + 2), 4, (1), 2 = 269 Zeilen.
V. 2. Lonjdžić; nach dem Ortnamen Londža; serb. und bulg. londža, ngrch. Λοντζα, gewölbte Brücke, aus dem türk., das aus dem italien. loggia, dieses aus dem althochd. laubja, die Laube. Neuslov. und kroat. loža, eine Entlehnung aus dem modernen deutschen Sprachgebrauch. Londža als Ort-, Flur-, Fluss- und Bachname im ehemals oder noch türkischen Gebiete sehr häufig, wo eine gewölbte Brücke stand oder steht. Der Türke strengt bei Namengebungen seinen Geist nicht stark an und macht sich wenig aus der Konfusion, die aus der Namengleichheit entsteht. Der Südslave behilft sich aber doch durch Beiwörter zum Substantivum Londža: mala (die kleine), velika (die grosse), duga (die breite), gornja (die obere), dolnja (die untere), bijela (die weisse), selska (die des Dorfes ist), auch durch das Deminutiv Londžica.
V. 10. Der Moslim nennt den Christen einen Kafir, Ungläubigen, der Christ erwidert mit gleicher Münze, indem er den Islam als eine Glaubenlosigkeit bezeichnet.
V. 12 und 13. Der Guslar will sagen: ‘Es kam der Abend und es kam die Nacht. Gegen Mitternacht stellte sich der Beg ein.’ Die erstarrte Phraseologie des Guslarenliedes gestattet ihm aber nicht, sich so einfach auszudrücken. Der Guslar gebraucht beim Dichten nicht wie ein moderner Poet flüssige Worte, sondern fertige, ererbte Wendungen, mit denen er musivisch seine Erzählung aufbaut. Die Folge ist eine für einen abendländischen Leser häufig als sprunghaft erscheinende, in ihrer Logik zerrissene Darstellung und eine ermüdende Wiederholung. Die letztere finde ich bei Gelehrten ständig mit dem Ausdruck ‘behagliche epische Breite’ charakterisiert, während ich sagen muss, dass von einer Behaglichkeit beim Guslaren wenig, dafür mehr von bestimmter sprachlicher Unbeholfenheit zu spüren ist. Mancher Guslar empfindet ja auch selber seine bezügliche Unzulänglichkeit und spricht sich sogar während des Vortrages darüber aus, aber selbst die Wendung ist stereotyp: a šta ću vam duljit lakrdiju? ‘Ja, was soll ich euch die Rede in die Länge ziehen?’
V. 22. Das Schinden als Strafe für einen, der das Gastrecht verletzt; bei den alten Deutschen aber, wie es scheint, nur für Ehebrecher.
V. 23. Aus Guslarenliedern ist zu entnehmen, dass an der herzögisch-türkischen Grenze gegen Montenegro zu noch anfangs dieses Jahrhunderts im wilden Karst ein Dorf mit einer Warte Kitog bestanden. Karadžić dagegen bemerkt im Wtb.: Kitog ein grosser Wald in der Mačva zwischen der Drina und der Festung Šabac. — Ich hörte nur Kitok und möchte türkischen Ursprung annehmen Kötük, der Baumstamm, der Klotz und als pars pro toto: der Waldbestand.
V. 69. Vergl. Krauss: Volkglaube usw. S. 88 f.
V. 83. Schilderung der Burgverliesse bei Krauss: Orlović, der Burggraf von Raab, Freiburg im Br. 1889, S. 117 f.
V. 86. Vilen sind ebenso wie die Adler und die Raben nur dank der dichterischen Einbildung des Guslaren zu Bewohnern des Verliesses geworden.
V. 100. Die vierköpfigen Eidechsen sind poetische Geschwisterkinder der mehrköpfigen Drachen.
V. 112. Sie will die Tochter hinschenken, d. h. auf jeden Kaufschilling Verzicht leisten.
V. 118. Das Kind spricht die Mutter mit ‘Gebärerin’ an. Der südslav. Bauer hängt seinen Kindern keinerlei Storchgeschichten an, sondern spricht unverblümt von der Zeugung und dem Gebären. Es ist gewöhnlich, dass die Mutter ihre gehabten Geburtwehen dem ungehorsamen Kinde vorhält.
V. 119. beflügelt, hier bloss dichterisch zur Bezeichnung der Schnelligkeit des Rosses.
V. 133. Rogoš pl., ein Hochgebirge, das manches »Horn« aufweist.
V. 146. Ihre Forderung, d. h. eine Mautgebühr, oder daća eine Abgabe, eine Schatzung, wie dies bei Hajduken Brauch war, die jeden Reisenden einschätzten.
V. 175. Die Waldgeister haben nur Macht innerhalb ihres Aufenthaltbezirkes. Angelina wirft ihnen ihr verbuhltes Wesen vor. Die Waldgeister aller Völker leben in geschlechtlicher Zuchtlosigkeit. Vergl. W. Mannhardt: Der Baumkultus, Berlin 1875, S. 102 u. 152 f.
V. 214. Er hätte vor den Sendlingen des Kaisers vor der Burg einen Kniefall tun und sie vom Ross abheben sollen.
V. 219. Dass bei Kitonjić Bauern im Verliesse schmachten, ist eine unerhörte Schandtat; denn den Landmann darf man seiner persönlichen Freiheit nicht berauben. Das ist gegen das Gewohnheitrecht. Der Kerker ist nur für räuberische Adelige und sonst gefangene Landfriedenstörer.
V. 233. Die Stallungen in den Burgen waren unterirdisch in Kellern.
V. 256. pićom ist kein Druckfehler. Das kluge Fräulein nötigte den Beg zu einer Wahlbruderschaft mit ihrem Bruder, damit der Beg keine Rache für die erlittene Unbill nehmen dürfe.
Wie Vilen Ibrâhim Nukić heilten.
Bemerken will ich, dass sich die Handlung vor etwa 270 Jahren abgespielt haben mag und dass die im Liede genannten Persönlichkeiten auch anderweitig wohl beglaubigt erscheinen.
Um im Deutschen den zehnsilbigen Vers ohne Auftakt glatt durchzuführen, legte ich mir in der Übersetzung keinen Zwang auf. Darum zählt sie mehr Zeilen als ihr serbisches Vorbild. Um der Vorlage formell treu zu bleiben, musste ich notgedrungen zur Wahrung unseres deutschen Sprachgebrauches mehr Worte anwenden.