Part 48
Prinz Marko machte früh sich auf am Morgen mit seinem lieben, guten Bundesbruder, dem Bundesbruder Relja Flügelträger. Sie zogen durchs Románija-Gebirge. Prinz Marko sprach zu Relja im Gebirge: — O Bundesbruder, Relja aus dem Pazar, o stimm ein Lied von hellem Laut und Klang an! — Ich trau mich nicht, o Bruder, laut zu singen; ich bin mit Vilen arg in Streit geraten. O lass mich, Bundesbruder Prinzchen Marko, sonst töten mich mit ihrem Pfeil die Vilen, wo’s Herz mir pocht inmitten durch die Knöpfe. — O Bundesbruder, Relja aus dem Pazar, du fürchte Gott, sonst niemanden auf Erden, so lag durch Wahl dein Bruder wallt auf Erden, Prinz Marko, dir durch Wahl und Gott verbrüdert. So sing denn zu, mein Relja aus dem Pazar! Da stimmt er an ein Lied hellaut und klangvoll. Sechs Vilen weilten in dem Waldgebirge. Sobald die älteste den Sang vernommen, so sprach sie zu der allerjüngsten Vila: — O Schwester meiner Wahl, du jüngste Vila! geh, nimm einmal den Pfeil, den allerlängsten, und wandle hin zum Weg des Waldgebirges. Dort naht die Dirne Relja von der Bosna, dort singt er durchs Románija-Gebirge! Dein Pfeil erlege Relja von der Bosna, wo’s Herz ihm pocht inmitten durch die Knöpfe; entfleuch dann Himmel aufwärts unter Wolken, weil ihm ein wilder Held verleiht Geleite, ein Held noch wilder als von Bosna Relja, der tötet dich, durch Wahl und Gott o Schwester! Die Vila nahm den Pfeil, den allerlängsten, begab sogleich sich auf die breiten Wege, schoss ab den Pfeil auf Relja von der Bosna wo’s Herz ihm pocht inmitten durch die Knöpfe. Lebendig bog sich Relja von der Bosna, lebendig noch, doch sank er tot zur Erde. Die Vila floh zum Himmel unter Wolken, doch Marko packte seinen schweren Kolben und warf ihn auf die Vila unter Wolken. Die Vila fiel ins grüne Gras hernieder, die Vila fiel und Marko flog zu ihr hin und fing sie ein lebendig in die Hände. Es sprach zu ihm vom Waldgebirg die Vila: — Sei mir durch Gott ein Bruder, Prinzchen Marko! O töt mich nicht bei heilem Leib und Leben! Ach, gern erweck ich dir den Bruder wieder, den Bundesbruder Relja von der Bosna; und wieder wird er sein, wie er gewesen, und trinken Wein, wie er’s seit je gewohnt. Darauf entgegnet ihr das Prinzchen Marko: — Durch Gott, o Schwester, Vila vom Gebirge erweckst du mir den Bundesbruder wieder, den Bundesbruder Relja von der Bosna, so will ich dir dein Leben gerne schenken. Drauf ging die Vila von dem Waldgebirge und hinterher ihr nach das Prinzchen Marko. Als sie zu Relja von der Bosna kamen, die Vila steckt die Händ’ sich in den Busen, und zieht heraus aus Silber einen Apfel und reibt mit ihm den Bosnahelden Relja, und reibt ihn durch, wo ihn der Pfeil getroffen. Und Relja sprang vom Boden auf die Beine, erfasste seinen Damaszenersäbel und säbelte das Haupt herab der Vila. Drauf sprach zu ihm Prinz Marko sehr betroffen: — Warum, o Bruder, so dir lieb dein Leben? ich hatt’s bei Gott, so wahr er lebt, beschworen, ich werde sie bei heilem Leib nicht töten!
Der Titel ist vom Guslaren. Die Vila heisst eine zagorkinja (im Hinterwaldgebirge hausende V.) oder nagorkinja (auf dem Gebirge wohnende V.) Irgend ein bestimmter Unterschied wird nicht weiter angedeutet.
Zu V. 3. Relja ist ein serbischer Name, dessen ursprünglicher Sinn dunkel ist. Die Wahrscheinlichkeit spricht für ein griechisches Lehnwort. Der Umstand, dass Relja ‘krilatica’ oder ‘krilati’ (der geflügelte) genannt wird, hat dem chrowotischen Religionerzeuger genügt, Relja zu einem Sonnengott zu machen. Parallelen aus der indischen, griechischen und anderen Mythologien werden als Belege zur Erläuterung angeführt. Relja wäre darnach eine Art verhunzter altchrowotischer Gottheit, der nur noch die Flügel übrig geblieben. In Wahrheit verhält sich die Sache anders. Manche Luxus-Panzerrüstungen südslavischer Helden waren mit wirklichen Flügeln aus Silber- oder Goldblech versehen. Die Flügel erhöhten den Glanz der Erscheinung eines Helden, obgleich sie für den Kampf gar nicht taugten. Weiland Kronprinz Rudolf von Österreich, der doch gewiss allerlei Rüstungen schon gesehen hatte, war nicht wenig überrascht, als ihm im Jahre 1887, bei seinem Einzuge in Mostar, ein herzogländischer Beg im Festzuge gepanzert und geflügelt entgegenkam. Es scheint, dass die Panzer mit Flügeln eine besondere südslavische Erfindung gewesen. Relja der Flügelträger wird abwechselnd Relja von der Bosna und aus dem Pazar genannt. Aus dem Pazar oder aus Altserbien stammte er von alterher und an der Bosna hatte er irgendwo seine Raubritterburg.
Zu V. 18. Ein in Silben überzähliger Vers. Die Partikel ‘dok’ könnte wegbleiben.
Zu V. 25. »Lustdirne« ist eine übliche Beschimpfung für freche Menschen.
Zu V. 60. Vilen sind des Heilens kundig. Zauberer und Kräutlerinnen berühmen sich, ihre Kenntnisse Vilen zu verdanken und mit Vilen eine Verbindung zu unterhalten.
Zu V. 79. Živ Bog (lebendiger Gott) erklärte ich noch in »Sitte und Brauch der Südslaven«, dem Beispiele slavischer Mythologen folgend als die Personifizierung der Sonne, als des sichtbaren Gottes. Diese Deutung ist aber sehr unvernünftig; denn die Ausdruckweise ist der jüdischen oder christlichen Religion entlehnt. So schwören wir Deutsche auch: »so wahr ein Gott lebt!« Der Hebräer schwur: beim lebendigen Gott!« und darauf geht auch das südslavische źivoga mi Boga! zurück.
Dieses Lied habe ich vom Guslaren Tešo Bogičević, einem altgläubigen Bauern aus Ugljevik in Bosnien. Seine Sippschaft heisst von alters her Šarenci. Tešo bemerkte zum Schluss auf meine bezügliche Frage: ovu sam pjesmu čuo od Vuka majstora iz Osata isporad Srebrnice, ima trijes i pet godina (dieses Lied hörte ich vom Tischler Wolf aus Osat unweit Srebrnica, es sind fünfunddreissig Jahre daher).
An zweiter Stelle bringe ich eine Fassung, die darum beachtenswert ist, weil der Guslar einen einleuchtenden Beweggrund für den seltsamen Ausflug der beiden Helden ins unwirtliche Hochgebirge anführt. Lust und Freude an waghalsigen Streifungen auf trostlos öden Berghöhen hat ja der Südslave nicht. Der Guslar lässt seine Helden eine sehr dringliche, hochadelige Geschäftreise machen, nach unseren, im Sinne eines südslavischen Volksängers stark weibischen Rechtanschauungen wären jedoch jene Helden bloss Wegelagerer, die auf einen Raubzug ausgegangen. Die edlen Ritter betrieben aber Raub und Plünderung als ehrliches Gewerbe, und darum spricht Relja z. B. im V. 30 von einem »befreien« und »erlösen«, wo wir heutzutage in deutschen Landen »stehlen oder rauben« sagen würden.
So wie dieses heben sehr viele andere Lieder auch an. Der Guslar hat eben seine Erfindunggabe nicht viel angestrengt. Mit dieser Einleitung hat die ganze Geschichte eine tiefe Wandlung erfahren, so dass die Erlegung des Helden durch den Vilenpfeil nur mehr als eine zufällige Episode erscheint. Prinz Marko hat förmlich einen Rechtanspruch auf die Rosse als auf eine Sühne für das an seinem Wahlbruder begangene meuchlerische Verbrechen. Dafür übt er Gnade für Recht und lässt die Vilen leben.
Der Schauplatz der Handlung ist ins Volujakgebirge an der herzogländisch-montenegrischen Grenze verlegt. Vilen hausen auf allen Hochgebirgen, und den Guslaren ist es gleichgültig, wo sich eine Begebenheit abspielt. So heilig als das eine, ist ihm auch jedes andere Gebirge, es wäre denn wo auf einem Berge ein alter, christlicher Wallfahrtort in einer Höhle, wie es deren mehrere gibt.
Sedam vila u Volujak gori.
Vino pila do dva pobratima, u Kosovu u pjanoj mehani. Jedno mi je kraljeviću Marko, a drugo je krilati Reljica. — Kat se ladna napojili vina, progovara kraljeviću Marko: — Pobratime, krilati Reljica! ne znaš gjegod ćara ja šićara, su čim ćemo prezimiti zimu od Mitrovog dana jesenjega do proljeća dana Gjurgjevoga? Progovara krilati Reljica: — Pobratime kraljeviću Marko, jesam čuo a kažu mi ljudi, tamo ima polje Gacko ravno, a viš njega Čemerna planina, a na više Volujak planina, a u planini zeleno jezero, u jezeru sedam vila, sedam vila sedam drugarica kod jezera na rosnoj livadi. Na livadi dva konja viteza, zlatne su im grive i repovi, na čelu im danica zvijezda, na prsima mjesečina śjajna, na sapima itra vidra igra. Da spremimo našega šarina, a i meni pretila gavrana, da idemo Volujak planini, ne bismo li konje izbavili; mi bi mogli prezimiti zimu, od Mitrova dana jesenjega, do proljetnog Gjurgjevoga dana. A kad začu kraljeviću Marko, itar Marko na noge skočio, pa opremi dva konja viteza, sebi šarca a Relji gavrana. Povedoše dva sokola siva, povedoše dva rta bijela, pośjedoše konje vitezove. Eto ti ih Čemernu planinu, vatiše se Volujak planine, pa zavika kraljeviću Marko: — Pobratime krilati Reljica, nu zapjevaj te me razgovaraj, nešto sam ti šemno neveselo, jal je sanak jal je danak sugjen. Beśjedi mu krilati Reljica: — Pobratime kraljeviću Marko, ja ne smijem jutros popjevati, jer se bojim sedam nagorkinja, oće mene ustrijelit vile. Progovara kraljeviću Marko: — Nu zapjevaj te me razgovaraj, a ne boj se nikoga do Boga, dok je tebi na šarinu Marko, i dok su mu dva sokola siva, i dok su mu dva rta bijela. A kad začu krilati Reljica, on zapjeva tanko glasovito, sve sa gore polijeće lišće, a sa zemlje djetelina trava. Začu njega sedam nagorkinjâ, nagorkinjâ sedam drugarica, bir ga čuše birden ga poznaše: — Čuj kopila krilatog Reljicu! Govori im starješnica vila: — Čujete me sedam drugarica, koja ć ići Relju ustrjeliti? daću njojzi moje starješinstvo brez promjene za sedam godina! Drugarice nikom poniknule i u crnu zemlju pogledale kako raste na odgojke trava kano dojke u mlade djevojke; al ne gleda najpotanja vila, najpotanja i najmladja vila, starješnici megju oči crne: — Daj ti meni luke i tetive, ja ću Relju ići ustrjeliti! Dade njojzi luke i tetive. Eto vila na noge skočila pa zaśjede za jelu zelenu. Tud nalazi kraljeviću Marko, na šarinu konju od mejdana, a za njime krilati Reljica. Zape luke, osahle joj ruke, a potegne ubojitu strjelu, ustrijeli krilatog Reljicu! Pade Reljo u travu na glavu. Obazre se kraljeviću Marko, gje mu Relja u travi ostade. Pa on pušta dva rta bijela a u nebo dva sokola siva, ufatiše nagorkinju vilu! dovedoše kraljeviću Marku. A da vidiš kraljevića Marka! gje poteže pletenu kandžiju, pa on tuče nagorkinju vilu: — Uljo jedna nagorkinjo vila, ko nalazi, nek prolazi s mirom, kamo meni krilati Reljica? Progovara nagorkinja vila: — Bogom brate kraljeviću Marko! pokloni mi život na mejdanu, podić ću ti krilatog Reljicu! Pokloni joj život na mejdanu. Pa da vidiš nagorkinje vile, gje dozivlje sedam drugarica: — Doneste mi rose sa jezera, da poživim krilatog Reljicu! — Donese joj sedam drugarica, don’ješe rose sa jezera. Ona kúplje krilatog Reljicu. Eto Relja na noge skočio. Progovora kraljeviću Marko: — Čujete me sedam drugarica, doved’te mi dva konja viteza, zlaćenijeh grivâ i repovâ, na čelu im danica zvijezda, na prsima mjesečina śjajna, na sapima itra vidra igra. Dovedoše dva konja viteza, zlaćenijeh griva i repovâ, na čelu im danica zvijezda na prsima mjesečina śjajna, na sapima itra vidra igra; pokloniše kraljeviću Marku, Marko njima život na mejdanu; i odoše zdravo i veselo. Vesela mu na odžaku majka, njemu majka a meni družina, koji danas po artiji šara.
Von den sieben Vilen im Volujak-Gebirge.
Zwei Wahlgebrüder sich am Wein ergetzten zu Leitengeben in dem trunknen Kruge. Prinz Marko ist der eine von den Beiden, der andre ist der Flügelträger Relja. Nachdem sie sich erlabt am kühlen Weine, hub an das Prinzchen Marko so zu reden: — O Bundesbruder, Flügelträger Relja, hast du von Raub und Beute welche Zeitung? Wie werden wir den Winter überwintern vom heiligen Demeter an im Herbste bis zum Georgtag, wann der Frühling anhebt? Herr Relja mit den Flügeln, gibt zur Antwort: — Prinz Marko, du mein teurer Bundesbruder, wie ich’s vernahm und wie die Leute sagen, liegt dort ein wegsames Gefilde, Gacko, und höherwärts — das Čemer-Hochgebirge und höher zu das Volujak-Gebirge; dort sei ein grüner See im Hochgebirge und in dem See dort hausen sieben Vilen, ja, sieben Vilen, sieben Bundesschwestern am See auf einer taubenetzten Wiese. Da grasen auf der Au zwei Ritterrosse; aus Gold sind deren Mähnen und die Schweife, auf ihrer Stirn der Morgenstern Aurora, auf ihrer Brust ergleisst der helle Mondschein, auf ihren Rücken spielt die flinke Otter. Wohlan, so rüsten wir denn unsren Schecken, doch auch für mich noch meinen feisten Raben und ziehn wir aus ins Volujak-Gebirge; wenn’s glückt, befreien wir uns jene Rosse, dann könnten wir den Winter überwintern vom heiligen Demeter an im Herbste bis zum Georgtag, wann der Frühling anhebt. Sobald das Prinzchen Marko dies vernommen, so flink er war, so war er aufgesprungen, und rüstete die beiden Ritterrosse, den Schecken sich, den Raben dann für Relja. Sie führten noch mit sich zwei graue Falken, auch führten sie noch mit zwei weisse Rüden, und schwangen sich auf ihre Ritterrosse. Schon sind sie angelangt im Čemer-Hochland und kehren ein ins Volujak-Gebirge, da ruft mit ganzer Stimme Prinzchen Marko: — O Bundesbruder, Flügelträger Relja, geh, sing einmal, zerstreue meinen Unmut, ich bin so trüb und fühl mich so beklommen, leicht ist’s ein Traum, leicht schlägt mein letztes Stündlein! Drauf spricht zu ihm der Flügelträger Relja: — Prinz Marko, o mein teurer Bundesbruder! heut wag ich’s nicht ein Liedchen anzustimmen, ich fürcht mich vor den sieben Alpenvilen; mit ihrem Pfeil erlegen mich die Vilen. Ermunternd spricht zu ihm das Prinzchen Marko: — Traun! sing ein Lied, zerstreue meinen Unmut und fürchte niemand ausser Gott den einen, solang dir Marko sitzt auf seinem Schecken, solang er noch besitzt zwei graue Falken, solang er noch besitzt zwei weisse Rüden. Als Relja Flügelträger dies vernommen so stimmt er an ein Lied gar hoch und hallend, dass von dem Waldgebirg die Blätter flogen und von der Erde weg das grüne Kleegras. Es hörten ihn wohl sieben Alpenvilen, wohl sieben Bundesschwestern Alpenvilen, kaum hörten sie ihn, schon erkannten sie ihn. — Da hör’ den Bastard Relja Flügelträger! Die Vila-Älteste, die sprach zu ihnen: — Ihr sieben Waldgenossinnen, vernehmt mich, he, welche will erlegen gehen Relja? Der schenk ich meine Oberalterstelle ohn’ Unterlass für volle sieben Jahre! Die Freundinnen verstummten mäuschenstille und senkten feig den Blick zur schwarzen Erde und schauten wie die Gräser schwellend wachsen, als wie die Brüste eines jungen Mägdleins; nur eine schaut nicht so, die schlankste Vila, die schlankste und die allerjüngste Vila, sie schaut der Alten in die dunklen Augen: — So gib du mir die Bögen und die Sehnen, ich gehe hin, um Relja zu erlegen. Sie gab ihr hin die Bögen und die Sehnen. Ei, war die Vila hurtig aufgesprungen und sass schon lauernd hinter grüner Tanne. Da naht des Weges reitend Prinzchen Marko auf seinem Schecken, auf dem Schlachtenrösslein, und hinterdrein Herr Relja Flügelträger. Sie spannt den Bogen, (ihre Hand verdorre!) und zieht hervor den Pfeil, der Tod verursacht, und schiesst den Flügelträger Relja nieder. Da sank aufs Haupt ins Gras Herr Relja nieder. Prinz Marko wandte seine Blicke rückwärts und sah im Grase seinen Relja liegen. Da liess er frei die beiden Rüdenhunde, und himmelwärts die beiden Falken fliegen, die fingen ein vom Hochgebirge die Vila und brachten sie vor ihren Prinzen Marko. Nun solltest du den Prinzen Marko sehen! wie er die wohlgeflochtne Peitsche hernimmt und auf die Vila vom Gebirge losschlägt. — Du Taugenichtsin, Vila vom Gebirge, wer hier daherkommt, soll in Frieden ziehen! Wo blieb zurück mein Relja Flügelträger? Zur Antwort gibt die Vila vom Gebirge: — Sei mir durch Gott ein Bruder, Prinzchen Marko! o schenk mir jetzt das Leben auf der Wahlstatt, ich will den Flügel-Relja neu beleben. Er schenkte ihr das Leben auf der Wahlstatt, Nun solltest du die Alpenvila sehen, wie sie die sieben Freundinnen herbeiruft: — O bringt mir Tau herbei vom See und Anger, damit ich Relja wieder neu belebe! Die sieben Freundinnen, sie brachten schleunig, sie brachten ihr den Tau vom See und Anger. Drein badet sie den Flügelträger Relja. Ei, ist nun Relja hurtig aufgesprungen! Prinz Marko sprach darauf ein Wort gemessen: — Ihr sieben Freundinnen vernehmt mich allda! Jetzt schafft mir her die beiden Ritterrosse von goldnen Mähnen und von goldnen Schweifen, auf deren Stirn der Morgenstern Aurora, auf deren Brust ergleisst der helle Mondschein, auf deren Rücken spielt die flinke Otter! Sie brachten ihm die beiden Ritterrosse von goldnen Mähnen und von goldnen Schweifen, auf deren Stirn der Morgenstern Aurora, auf deren Brust ergleisst der helle Mondschein, auf deren Rücken spielt die flinke Otter. Sie schenkten sie dem Königsohne Marko, und Marko ihnen’s Leben auf der Wahlstatt. So zogen sie denn heim gesund und fröhlich. Dem Herrn, der heute hier Papier bekritzelt, dem sei die Mutter froh am heimischen Herde, die Mutter ihm, und mir die Hausgenossen.
Zu V. 19. Der Vers ist schlecht, es fehlen zwei Silben und zudem ist der Inhalt unrichtig, denn im Wasser hausen keine Vilen. Der Guslar merkte selber, er habe sich verschnappt und besserte sich aus in V. 21: Die Vilen weilen bei dem See auf einer tauigen Wiese, und zwar weil sie dort ihre zwei Rosse zu weiden haben.
Zu V. 22–26. Man hat an Rosse in hellschimmernder Panzerrüstung zu denken. In andern Liedern werden genug oft wirkliche Panzerrüstungen der Rosse beschrieben. Bei Vilenpferden setzt der Guslar voraus, sei dieser Glanz und die Herrlichkeit mitangeboren.
Zu V. 46. šemno neveselo = freudig trübgestimmt. Ein Oxymoron, wie man bei uns in Wien sagt: fürchterlich schön, oder »sich entsetzlich freuen.« In Guslarenliedern nicht selten. Ein hübsches Oxymoron und zugleich ein witziges Wortspiel erzählt man sich vom Walzerkönig Strauss. Als vor Jahren in Wien die Lehrer einen Kongress abhielten, gab man ihnen zu Ehren eine Galavorstellung in der Hofoper. Strauss war Dirigent. Damals machte er die Bemerkung: »ich hab’ die Oper schon voller, ich hab’ sie schon leerer gesehen, doch voller leerer (Lehrer) noch nie«.
Zu V. 61–62. Das ist eine nicht aussergewöhnliche Übertreibung, eine dichterische Figur, die leicht Anlass zu einer Sage geben könnte. Relja habe so schön gesungen, dass er selbst die Pflanzen in Bewegung setzte. Vielleicht ist die Mythe vom Spiel Orpheus’ auf solchem Wege gestanden.
Zu V. 66. Relja wird »Bastard« nur gescholten, doch ist er keiner.
Zu V. 70. Dieser Handel ist neu; denn nach dem Rechtbrauch wird der Vorstand einer Gemeinschaft durch Stimmenmehrheit der Mitglieder gewählt oder abgesetzt. Man hat sich wohl die älteste Vila hier als die Mutter der übrigen vorzustellen, denn sonst hat ihr Anerbieten keinen Wert.
Zu V. 74. Die Vilen schauen so starr zu Boden, als wollten sie das Gras wachsen sehen. Stereotype Formeln.
Zu V. 87. Ein gewöhnlicher Fluch. Vergl. Krauss: Orlović S. 103–108.
Zu V. 103–104. Nach V. 103 sang der Guslar, durch die lauten Gespräche der Anwesenden verwirrt gemacht, unpassend die Verse, die ich aus dem Texte nachträglich strich:
»Progovara kraljeviću Marku: ‘Kamo meni Bogom pobratima, pobratima Relju krilatoga!’ A govori nagorkinja vila.«
Zu V. 110. Gegen Sonnenstich empfiehlt man Waschungen mit frischem Morgentau.
Zu V. 131–133. Ein Nachgesang, mir, dem Schreiber und den Zuhörern zu Ehren. Ich hatte mich nach Volkbrauch dem Guslaren nicht vorgestellt, woher ich sei und wie ich heisse, sondern ihm bloss den Zweck meiner Reise mitgeteilt und ihn mit Speise und Trank bewirtet, um ihn zum Singen zu bewegen. Darum ist der Nachgesang so kurz ausgefallen. Zum Schluss sang er noch eine gepfefferte »Würze« (začinka), ein 36 Zeilen langes Liedchen und endete mit den Worten: na zdravlje radnja taman! (zur Gesundheit sei die Arbeit fürwahr!)
Das Lied ist vom Guslaren Mićo oder Mišo Kosović.
Gleich dem vorigen hat auch ein anderer Guslar die Notwendigkeit empfunden, den Zug der Helden ins gemiedene Hochgebirge zu begründen. Er kam auf den Gedanken, die edlen Ritter in einem Hochzeitzuge auftreten zu lassen. Was haben aber Hochzeiter im wilden Gebirge zu tun? Da half sich recht schlau der Guslar. Er verlegte den Wohnsitz der Vilen auf eine steile, unzugängliche Burg und machte aus den Vilen förmliche Raubritter, die kühnen Wanderern für immer den Weg verleiden. Zum Überfluss muss, nach der Deutung des Guslaren, der Weg gerade durch die Burg führen, etwa so wie dies bei der alten Burg von Vranduk an der Bosna im Engpasse der Fall gewesen, ehe auf dem entgegengesetzten Bosnaufer die Bahn gebaut worden war. Um einen Namen für die Vilenburg war der Guslar nicht verlegen. Der Name des Prinzen Marko lenkte ihn auf dessen Stammburg Prilip. Nun musste der Sänger den Prinzen seine eigene Burg erobern lassen. So schuf er sehr frei eine neue Sage, die mit der älteren Überlieferung im schroffen Widerspruch steht. Ein Guslar macht sich aber aus solchen Widersprüchen keine grossen Bedenken. Ganz gemütlich berichtigt er zum Schluss (V. 86) seinen Irrtum, um bei seinen Zuhörern nicht anzustossen. Wie leicht greift ein anderer Guslar just diese neue Sage auf und verwertet sie als Hauptmotiv zu einem neuen Liede »Wie Prinz Marko in den Besitz einer Burg gekommen?« Auf diesem Wege durch Umdichtungen, Nachdichtungen, Missverständnisse und willkürliche Entstellungen erleidet jede Überlieferung Veränderungen, die besonders bei sehr beliebten Stoffen schwerwiegendster Natur zu sein pflegen, so dass der ursprüngliche Bericht über einen Fall oder ein Ereignis völlig unkenntlich werden kann. So ein Ereignis war die Niederlage der Serben unter Fürst Lazar zu Leitengeben (Kosovo). Ein Agramer Akademiker veröffentlichte ein Werkchen über die auf jene Schlacht bezüglichen serbischen Epen, um zu zeigen, wie sie zu einer grossen Epopöe verarbeitet werden müssten. Den Wert jener Untersuchung mag man nationalchrowotisch noch so hoch veranschlagen, für die Folklore-Wissenschaft ist er nichtig, weil der Verfasser trotz dem Aufgebot seiner patriotischen Gefühle die Entwicklunggeschichte der Kosovo-Epen gar nicht geahnt zu haben scheint.
In den früheren zwei Fassungen werden sechs oder sieben, in dieser 30 Vilen namhaft gemacht. Drei, sieben, dreizehn, dreissig, hundert, dreihundert usw. sind im Volkmunde runde Zahlen, um eine unbestimmte, grössere oder kleinere Menge kurz anzugeben. Wörtlich darf man solche Angaben nicht, oder nur äusserst selten, nehmen.
Pogibija Janje vile ot Prilipa.