Part 46
Ein armer Rosshirt hüllt sich nachts auf der Wiese in einen groben Kotzen ein, wenn er einen hat, oder legt sich zur Ruhe ins weiche Gras hin. Ein Beg nimmt sich wohl einen Teppich mit, meinetwegen einen persischen um 100 Dukaten. Er benötigt ihn ja auch zu den Gebetverrichtungen. Die Vila erscheint und bettet ihren Sprössling auf den Teppich. Das ist auch einem Mindergebildeten verständlich, war es aber offenbar Petranović weniger; denn, sei es, dass ihn das Fremdwort störte oder dass ihm ein Teppich als Ruhelager für einen rossebewachenden Beg zu gemein bedeuchte, er setzte für na sadžadu kaltblütig u ložnicu (in das Schlafgemach) ein (S. 18 a. a. O.)! Ložnica ist ein ganz schönes und allgemein gültiges serbisches Wort, das auch der Dichtung eigen ist, z. B. Komar muhu zaprosio, svedoše se u ložnicu u tikvicu na policu, der Gelserich hatte die Fliege gefreit, man führte sie ein ins Schlafgemach, ins Kürbisfläschlein hin aufs Schränklein, oder, es klagt ein einseitig glücklich Liebender: kad ja idem u ložnicu spavati, čini mi se ta ložnica tavnica, wann ich schlafen gehe in das Schlafgemach, scheint das Schlafgemach zu sein ein Kerker mir! Vuletíć sagt in seiner Beschreibung des bosnischen Heimes: Odar je namješten u ćošku kolibe, gdje je i ložnica (Die Bettstatt ist im Hüttenwinkel angebracht, wo auch die Schlafstube ist). Aus diesen Beispielen geht klar hervor, dass die Schlimmbesserung P.’s an unserer Stelle durchsichtig ist. An wie vielen anderen mag derlei gar nicht nachweisbar sein? Das wäre übrigens der geringste Vorwurf, den man gegen P. und die Mehrheit seiner folkloristelnden Kompatrioten erheben kann.
V. 32. Das Kind sehnte sich tagüber nach dem Vater und gab der Mutter keine Ruhe. Endlich nachts konnte sie seinen Willen erfüllen: »Da hast ihn und gib Ruh’ einmal!«
V. 39. noži, die Messer, Mehrzahl zur Bezeichnung eines zwei- oder dreischneidigen Dolchmessers. Dolch heisst in der serb. und chrowot. Schriftsprache ungenau bodež, denn das ist ein Stilet.
V. 46. Zum Zeichen seines tiefen Seelenschmerzes, wie man sich bei uns in gleicher Lage mit flachen Händen nach den Schläfen greift.
V. 50. Gewöhnlich sind Waldgeisterkinder hässliche Wechselbälge; aber auch Jovo’s Söhnlein weicht, wenngleich köstlich, im Aussehen von Menschenkindern ab.
II. Eine Parallele dazu (in Gerhard’s Umdichtung) bei Krauss, Sitte u. Brauch S. 153 f.
V. 2. Für die Annahme einer Wandersage spricht auch der Umstand, dass sich die Szene auf unbestimmtem Gebiete abspielt. Latinka, eine Lateinerin, bezeichnet sowohl eine römisch-katholische Christin als auch eine Italienerin. Den Sohn mit einer Katholikin zu verheiraten, wäre nichts besonders und nichts unerhörtes, wäre gar nicht erwähnenswert. Aber, die Vila vergönnt sich eine vornehme Schwiegertochter, eine gebildete, in allen weiblichen Fertigkeiten wohlbewanderte, schmucke Italienerin. Das Bräutchen ist klug und witzig, und das Lied wird zum Lob- und Preislied für die Italienerin.
V. 13. pero paunovo eine Pfauenfeder statt perušku (einen Flederwisch), poetisch pars pro toto. Im deutschen erschien mir die Diktion zu geziert und ich sah darum von ihrer Wiedergabe ab. — Das Haus zu säubern, das Feuer im Herdloch ständig zu unterhalten, Wasser herbeizuschleppen, Mehl zu sieben (nicht das Brot zu backen) ist fast die ausschliessliche Aufgabe einer jungen Bäuerin im ersten Jahre ihrer Ehe.
III. V. 1. Das Mädchen (Vila Nr. 1) wohnt oben am Berge, die junge Frau (Vila Nr. 2) unten im Tale. Neckische, poetische Zwiegespräche auf grössere Entfernungen über Berg und Tal bekommt man auf Reisen zu Sommerzeit häufig zu hören.
V. 7 ff. Die Hochzeit fand wohl nach Brauch an einem Sonntag statt. Das Mädchen frägt wegen des Besuches am Montag oder Dienstag an und die junge Frau erwidert, sie gedenke schon am ersten Samstag den Besuch zu machen, also am Schluss der ersten Honigwoche, statt nach 14 Tagen oder einem Monat. Über Sonntag bleibt sie bei der Mutter.
V. 9. Gurabije, türk. kurabije, ein süsses Gebäck, das der Zubereitungweise und äusseren Gestalt nach den Linzer Torteletten beizuzählen ist (vrgl. über diese: Die Kochkunst. Kochbuch der »Wiener Mode«. Vollständige Sammlung von Kochrezepten. Lehrbuch des Kochens und Anrichtens usw. Wien 1896. S. 655–657). Zbornik za nar. živ. i ob. j. Sl., Zagreb 1896, S. 110 identifiziert die K. mit gjulfatma, nur wäre die Form rundlich kleiner, gjulfatma aber sei ein mit Rindschmalz und gestossenem Zucker angekneteter, mit Streifen verzierter Teig, den man bäckt und hernach wieder mit Zucker bestreut. Milovan Šapčanin (zitiert im Rječnik hrv. ili srp. jez., Zagr. 1887, s. v., S. 503) gibt für Serbien ein sehr einfaches Rezept an: »Ich treibe Mehl gut mit Fett und Honig ab, und die Geschichte ist fertig. Später runde ich nur noch jedes Stück ab und drücke meinen Daumen hinein.« Jede serbische und türkische Mehlspeisköchin müsste den Herren ins Gesicht lachen für diese oberflächlichen Angaben. Derlei Küchlein heisst man ja šećerni oder medni kolačići (Zucker- oder Honigküchlein) und rechnet sie zur Gruppe der suvi kolači (trockene Rundgebäcke), Kurabijen dagegen sind ein »mürb’s G’bachts« (sipljavi [205] kolači), müssen ceteris paribus mit Eierdotter und gestossenen Mandeln oder Nüssen angeknetet und dürfen nicht über starkem Feuer gebacken, sondern bloss in mässiger Hitze halb getrocknet werden. Der Volkdichter weiss sogar von Kurabijen, die an der Sonne gebacken sind (gurabije na suncu pečene) zu singen. Legt man in die Vertiefung der kreisrunden Kurabijen etwas eingesottenes Obst (türk. pekmez) ein, so heissen sie schon pekmesetići. Qui bene distinguit, bene coquit.
V. 11. Der Bruder ist noch ledig. Ihm steht eine solche Zier allweil gut an, wenn er als Brautführer (Brautmann) einmal eine Hochzeit mitmacht. Flügel trug man entweder an der Rüstung, und zwar an den Rückenstücken befestigt oder am Helme (vrgl. die polnische Pickelhaube mit Flügeln aus dem Ende des XVI. Jahrhunderts im Museum zu Carskoe Selo. Eine Abbildung in Pierers Konvers.-Lexikon, XII. Aufl., s. v. »Rüstung«, Bild 6, der Tafel).
V. 13. Der Apfel als Sinnbild der herzlichen Liebe.
V. 21. Bei uns ist ein siebenjähriger Wein nicht gar so selten, doch beim serbischen Bauer, denn bei ihm hält sich der Wein nicht lange.
V. 22. Mit seinem irdenen Kesselgeschirr und dem kurzen Kühlrohr bei zweckwidriger Behandlung der Maische und sinnloser Heizung erzeugt der Bauer durch den ersten Sud eine 4–6grädige Spühlichtware, die er selber verächtlich hrampač [206] nennt. Dann überbrennt er sie zu 11–12 Graden, und das dritte Überbrennen ergibt eine Šljivovica von 17–18 Graden, die aber gewöhnlich brandelt und beim Trinker sehr wirksam, das vielbeneidete, grunzende Rülpsen, das Zeichen des Wohlbehagens, verursacht.
Ein Heldengemetzel.
Unter den von Guslaren vorgetragenen Volkliedern, ist die Zahl derjenigen Lieder, die einen mythischen Hintergrund haben, oder in die Gestalten und Gebilde des Volkglaubens hineinragen, verhältnismässig sehr bescheiden, wenn man vom Standpunkte nüchterner Volkforschung die Erzählungen so nimmt, wie sie vom Volke selber verstanden und aufgefasst werden und sich scheut, mythologischen Krimskrams der durchsichtig einfachen Volkanschauung künstlich zu unterschieben. Der seinem Grundzuge nach aufs Gemüt beängstigend wirkende Volkglaube der Südslaven mochte die Guslaren abhalten, ihn darzustellen. Eine kleine Ausnahme machten sie wohl mit den Vilen, den Holz- und Moosfräulein. Die Vilen gehören zur grossen Sippe der Baumseelen und Waldgeister, die international sind [207]. In den Guslarenliedern ist den Vilen nur eine untergeordnete Rolle zugeteilt. Sie erscheinen meistens als dii ex machina, um ihren Lieblingen zu helfen, sei es durch Rat oder Tat. Als Waldgeister hausen sie nicht bloss in Bäumen, sondern auch in Felsen und Wolken. Sie sind gute Schützen und ihre Pfeile (Sonnenstiche) wirken tödlich, aber sie vermögen auch als Ärztinnen die Getöteten wieder zum Leben zu erwecken. Fällt man einen Baum, so tötet man eine Vila, die im Baume haust. Die vom Baum losgelöste Vila ist aber auch sterblich. Ein kühner Held kann ihr das Leben nehmen. Dies ist älterer ursprünglicherer Glaube, wie er noch als Überlebsel in Guslarenliedern vorkommt.
Nachfolgendes Lied ist aus zwei Teilen lose zusammengestellt. Die Einleitungzeilen 1–23 stehen in keinem inneren sachlichen Zusammenhange mit der eigentlichen Erzählung, sind aber keineswegs überflüssig. Ein abendländischer Epiker hätte das Bild einer grossartigen Hochgebirglandschaft entworfen, um den Hintergrund für die Begebenheit zu schaffen. Der Guslar erzielt den gleichen Erfolg bei seinen bäuerlichen Zuhörern durch Erwähnung der Vilen, denen er glücklich eine kurze Charakteristik der auftretenden Helden in den Mund legt.
Die Fabel behandelt einen Kampf um nichts, ein furchtbares Gemetzel um einige Tropfen verschütteten Weines. So ist der Südslave seit jeher gewesen und so zeigen sich auch die slavischen Balkanstaaten in der Gegenwart. Die Politiker nennen den Balkan den Wetterwinkel Europas. Man hat von dort manche politische Überraschung erlebt, für die man sich keine Erklärung zu geben weiss. Man höre den Guslaren und seine Lieder, dann wird man auch den Südslaven verstehen.
Vile znadu za junački pokolj.
Vila vile iz planine viče: — Der porani rano sestro vilo, nek s u jutra trepiš kod jezera. Jer su dvije omrknule guje; sutra će se dvije poklat guje. Da vidimo sestro moja draga a koja će nadaklati guja. Jedna guja ot Senja Ivane a druga je ot krajine Mujo; u svakoga po tridest drugovâ. Jedna guja Tanković Osmane a druga je Komjen bajraktare. Jedna guja Petar Mrkonjiću a druga je kovačina Ramo. Kada vila riječ oćutila. onda vila vili odgovara: — Sestro moja is planine vilo, kad je tude Komjen bajraktare ja se živa ni maknuti ne ću. Komjen vata po planini vile, žive davi po planini vile, obe bi nas sutra ujitio, obe bi nas Komjen udavio! Kad u jutro jutro osvanulo, sio Ivan, pije kod jezera, a eto ti na gjogatu Muje; za njim igje tridest krajišnikâ. U Ivana puna čaša bila. Mujo trže andžar ot pojasa pa mu djerka čašu u šakama. Na njeg Ivan oči izvalio: — Prolićeš mi čašu u šakama pa ć is tebe crnu prolit krfcu! Mujo proli čašu u šakama. Skoči Ivo, uzjaši dorata; potegoše tanke savitice, zamahnuo jedan na drugoga a nijedan ošinut ne smije. Kada vidje Komjen bajraktare, on poteže mača ledenika pa ošinu ot krajine Muju, osječe mu sa ramena glavu! Htjede njega Tanković Osmane, ne dade mu ot Senja Ivane. On ošinu Tanković Osmana, grdne mu je rane učinio; naže Osman bježat nis planinu. Htjede Ivu kovačina Ramo, ne dade mu Petar Mrkonjiću. Petar šinu kovačinu Ramu po po pasa gje ne dade glasa. Dvije pole u travu padoše! Sastadoše društvo obadvoje. Ko bi bližji izgubio glavu a tko dilji salamet ujiti pa pobiže kroz goru zelenu. Bjeganova ne plakala majka!
Von Vilen, die ein Heldengemetzel ansagen.
Es hallt der Vila Jauchzen aus den Alpen: — Mach früh am Morgen auf dich Schwester Vila und find dich ein am See am frühen Morgen. Zwei Nattern haben sich zu Nacht gelagert; zwei Nattern werden morgen sich zermartern; lass zu uns schaun, o meine liebste Schwester, wer von den zween zu Tod die andre martert! Die eine Natter heisst Johannes Zengger, die andere Natter Mustapha der Grenzer; ein jeder führt mit sich je dreissig Mannen. Held Osman Tanković die eine Natter, die andre Natter ist der Fähnrich Komjen; Held Peter Mrkonjić die eine Natter, die andre Natter ist der Grobschmied Ramo. Als dieses Wort erlauscht die andre Vila, so jauchzte sie zurück der Alpenvila: — O meine Schwester, Vila aus den Alpen! weilt mit den Kämpen dort auch Fähnrich Komjen, bekommt mich niemand in die Näh’ lebendig. Held Komjen pirscht im Hochgebirg auf Vilen, er würgt lebendige Vilen im Gebirge; er fing uns morgen früh ein alle beide, es tät uns beide Komjen gleich erwürgen! Am Morgen früh im frühen Morgengrauen am Wein sich labend sass am See Johannes, da naht schon Mustapha auf falbem Zelter und dreissig Grenzer bilden sein Geleite. Johannes hält ein volles Glas in Handen. Da zieht den Handžar Mustapha vom Gürtel und stichelt ihm das Glas in seinen Handen. Johannes blickt ihn an mit grimmigen Augen: — Du wirst den Trunk aus meiner Hand vergiessen, drauf werd’ ich dir dein schwarzes Blut vergiessen! Den Trunk vergoss ihm Mustapha aus Handen. Johannes sass im Sprung auf seinem Braunen. Sie zogen blank die dünnen, krummen Schwerter; es schwingt das Schwert der eine gen den andren, den Hieb zu führen, das getraut sich keiner. Als Fähnrich Komjen dieses Spiel gewahrte, so zog er seinen Venezianer-Säbel, gab einen Hieb dem Mustapha, dem Grenzer und schlug ihm ab das Haupt von seinen Schultern. Drum wollte Osman Tanković ihn töten; den Hieb parierte flugs Johannes Zengger, er liess das Schwert auf Osman niedersausen und schlug ihm grausig Wunden über Wunden. Da floh Held Osman eiligst Alpen abwärts. Nun wollte Ramo den Johannes töten, doch Mrkonjić parierte seinen Ausfall; er schwang das Schwert, er traf den Grobschmied Ramo inmitten auf den Gürtel; stumm und lautlos zwei Körperhälften in den Rasen sanken. Nun griffen beiderseitig ein die Mannen; wer näher stand, bezahlte’s mit dem Haupte, wer ferner stand, der fand in Flucht die Zuflucht, der floh davon durchs grüne Waldgebirge. Feldflucht erspart den Müttern Gram und Zähren!
Zu V. 3. jutra für jutro. Dieses a ist auf die verschwommene Aussprechweise des Guslaren zurückzuführen.
Zu V. 8 ff. Johannes von Zengg im Küstenlande, Peter Mrkonjić und Komjen der Fähnrich sind christliche Helden, Mustapha Hasenscharte (Hrnjica) zubenannt, war der Burgherr von Alt-Kladuša in der Lika, Tanković Osman und Ramo der Schmied moslimische Ritter aus Udbina in der Lika. Mustapha ist Osmans Vetter gewesen; alle diese Herren werden sowohl in den Liedern christlicher und moslimischer Guslaren unzähligemal genannt. Sie lebten beiläufig um die Zeit von 1620–1680.
Die Bezeichnung guja (Natter) für einen grimmigen Helden ist in Guslarenliedern allgemein üblich. Stereotyp ist die Wendung: ljuće guje u krajini nema (eine giftgeschwollenere Natter gibt es nicht mehr im Grenzland, scl. der Türken), wenn jemand als ausgezeichneter Held charakterisiert werden soll. Im gewöhnlichen Leben gilt ‘guja’ als ein böses Schimpfwort für einen heimtückischen Menschen.
In V. 4 und 5 spricht die Vila nur von zwei Nattern oder Helden, dann aber zählt sie drei Paare auf. Der Widerspruch besteht nur für uns, nicht aber für die Zählungweise des Bošnjaken, der hier nur mit je einem Paar rechnet. In diesem Falle hängt dies mit der Kampfweise der Südslaven zusammen. Wenn sich zwei schlagen, so schauen alle übrigen gelassen zu und greifen erst im letzten Augenblick ein, um die Entscheidung herbeizuführen. Komjen hat hier durch seinen vorzeitigen Eingriff gegen die südslavische Kampfregel gefehlt und dadurch das Gemetzel heraufbeschworen.
V. 20. Die Jagd auf Vilen ist ein Sport halbmythischer christlicher Helden, des Prinzen Marko, des Komjen und anderer. Diese Helden sind mit Vilen wahlverschwistert, haben ihnen Zauberkünste abgeguckt und meistern dadurch selbst die Lehrmeisterinnen.
V. 20 und 25. Die Führer erscheinen gewöhnlich an der Spitze von 30, bei einem Raubzug von 300 Mannen. Das sind beliebte runde Zahlen, so auch 1000, 3000, 100 000 und 300 000.
V. 30. Mustapha erlaubt sich zu scherzen, doch Johannes will den Scherz des Moslims nicht verstehen. Da, wie stillschweigend vorauszusetzen ist, Reich- und Landfrieden herrschte, hätte es sich geschickt, dass Johannes dem Helden Mustapha einen Trunk angeboten. Daran will ihn Mustapha erinnern. Es verdriesst ihn, dass ihn sein Grenznachbar nicht einmal mit einem Schluck Weines ehren mag.
V. 40. ledenik durch Volkdeutung (eiskalt) aus vedenik entstanden, welches Wort auf venedik (Venedig) zurückzuführen ist.
V. 51. Wir nennen nach Uhland einen solchen Streich einen Schwabenstreich. Zur Ausrüstung eines Helden gehört auch »ein Damaszenersäbel«, »der den Reiter in Panzerrüstung zu Ross und das Ross unterm Reiter auf einen Hieb durchsäbelt«.
V. 55. salamet vom arab. selamet, Gesundheit, Heil, Friede, Rettung, Erlösung.
V. 57. Sprichwort und stereotyp. Vrgl. Krauss im ‘Smailagić Meho’, Ragusa 1885, S. 60, zu V. 1915.
Der Guslar dieses Liedes ist mein schon öfters gerühmter Reisebegleiter Milovan Ilija Crljić Martinović aus Gornji Rgovi am nördlichen Abhang der Majevica in Bosnien.
Von einer Vila Zöllnerin.
Die meistgenannte Gestalt der christlichen Guslarenlieder ist Prinz Marko. Bei Lebzeiten war dieser Prinz ein Überläufer. Turska pridvorica (eine türkische Hofschranze) wird er zuweilen im Liede genannt, weil er als serbischer Kronprätendent mit Hilfe der Türken, den Thron, auf den andere grössere Ansprüche als er hatten, gewinnen wollte. Im Grunde genommen ein Ritter von der traurigen Gestalt, fiel er schmählich in türkischen Reihen gegen seine Glaubengenossen kämpfend. Man ist auf verschiedene, zum Teil abenteuerliche Vermutungen geraten, um das angebliche Rätsel zu lösen, wie so es gekommen, dass just dieser Verräter seines Volkes, der im Leben eine untergeordnete Rolle gespielt, zu einer Volktümlichkeit gelangt ist, die noch nach fünf Jahrhunderten vom schwarzen bis zum adriatischen Meere bei den vier südslavischen Völkern festwurzelnd, fortlebt. Das Rätsel ist einfach zu lösen. Marko hat es gleich einem Boulanger verstanden, bei den unter schwierigen Lebenverhältnissen mühsam leidenden Massen des Volkes ungeheuere Hoffnungen auf ein goldenes Zeitalter zu erwecken. Wer die leichtgläubige, begehrende Menge mit Versprechungen glücklich zu ködern weiss, der mag ein Verräter, ein Dieb, ein Wicht sein, er hat doch gewonnenes Spiel. Für eine goldene Hoffnung opfert das Volk das bisschen angeborenen, gesunden Menschenverstandes. Selbst als Marko gefallen war, glaubte die getäuschte Hoffnung nicht daran. Marko sei nur zu einem langen Schlummer in einen Berg entrückt worden. Einmal jedoch werde er auferstehen und die Slaven von den Türken befreien.
Kraljević Marko ist in der Guslarenepik zu einer Art von Sammelnamen geworden. Alle guten und schlechten Heldenstreiche, Schwänke und Schnurren schreibt man diesem Namen zu, ähnlich wie man bei uns in Österreich Kaiser Josef II. und in Deutschland Friedrich dem Grossen alle möglichen Anekdoten anheftet. Auf diesem Wege hat man Marko auch in die Gesellschaft von Vilen hineingeschmuggelt und ihn zu einem mythischen Helden erhoben. Einige slavische Mythologen haben das Volk noch übertrumpft und den guten Marko zu einem Sonnengott gemacht und ihn mit Mithras, Wodan, Višnu und einigen anderen identifiziert. Solche Possen taugen wenig.
Nachfolgende Vilensage ist im ganzen Süden sehr verbreitet und auch durch fünf oder sechs schon gedruckte Fassungen bekannt. Deren gegenseitiges Verhältnis zu besprechen, ist hier nicht geboten, nur wäre zu bemerken, dass die von mir aufgezeichnete Variante wegen ihrer sachlichen Vollständigkeit und Schlichtheit selbst für die noch seltenen Kenner südslavischer Volküberlieferungen eine genehme Gabe sein dürfte.
Vollständiger ist diese Fassung als alle übrigen, weil aus ihr hervorgeht, dass die Vila am See bei einer ausgedorrten Tanne hause. Der Baum ist verdorrt, die Vila frei und ledig, doch trotzdem ist sie kein Wassergeist. Es ist ein böser Irrtum einiger Mythologen, wenn sie Vilen als Wassergeister ansehen und eine Abteilung von Wasservilen (vodne vile) als feststehend annehmen. Das Volk kennt diese Bezeichnung (vodne vile) nicht. Die Vila, eine vereinzelte nur, versieht die Dienste eines Fährmannes. Als solche heisst sie Vila brodarica (brod = Furt) oder vodarkinja (Fahrmännin) oder baždarkinja (Zolleinnehmerin), wie in unserm Liede. Das von der Vila behütete Wasser, ein Brunnen, eine Quelle, ein See oder eine bestimmte Stelle eines Flusses ist ein Totem. Daran knüpft die Sage an. Nach einer Fassung aus dem chrowotischen Zagorje warnt ein Hirte den Prinzen Marko, der schier verdurstet: »Reit voraus, o Prinz Marko, du wirst einen Quell mit kaltem Wasser finden; hinter dem Quell einen grünen See. Trink von dem Quell kein Wasser, dort haben Vilen ein Kind, ein ungetauftes Kind begraben!« (iz bunara vode piti nemoj! tamo vile čedo zakopale, čedo nekršćeno.) Marko trinkt trotzdem, doch die Fährmännin Vila will ihm dafür den Kopf abnehmen (ne ću zlata nit nikakva blaga već ja hoću sa junaka glavu). Er schlägt ihr mit einem Hiebe das Haupt ab. Eine Variante der Sage aus dem unteren Donaugebiet, erzählt wieder, Prinz Marko habe sein Rösslein an einer Donaufurt getränkt. Als die Überfurtvila aus dem Schlafe erwachte und das Wasser getrübt sah, schwang sie sich auf ihr Ross und jagte dem Prinzen nach. Als Bezahlung heischte sie vom Prinzen beide Arme und alle vier Beine seines Renners. Wie in unserem Liede kommt es zu einem Ringkampf, in welchem Marko nur durch List über die böse Vila obsiegt.
Pogibija vile kod jezera.