Part 42
V. 563 f.: »Geh, Araber, iss nicht Dreck: ‘Wir werden einmal und wir werden zum zweiten Male!’« Über die Wendung vrgl. Anthropophyteia IV, allwo die wahre Bedeutung nach allen Richtungen hin klargestellt wird. Natürlich plauschte der Araber dummes Zeug zusammen, nachdem ihm doch Gott durch den verfehlten Wurf deutlich Unrecht gegeben. Bemerkenswert sind die veralteten, seit Jahrhunderten in der Volksprache nicht mehr gebräuchlichen Wortformen jedność und drugosć. Die Erhaltung der Phrase kann ich mir nicht anders erklären, als dass sie bei gewissen Ritterspielen des XIV. und XV. Jahrhunderts üblich gewesen sein muss und der Satz als Wort ganzes sich behauptet hat. — In einem anderen Liede sagt der Partner zum Araber auf seine gleiche Zumutung: jedanput me rodila je majka! (Nur einmal hat die Mutter mich geboren!). Wie Majković hat auch Philipp der Magyare in einem Kampf mit dem Schwarzaraber das Glück des Verfehltwerdens. Der Meisterfehlschütze fordert ihn auf, für einen zweiten Wurf stille zu stehn, doch Philipp erwidert ihm:
Stani meni arapine moro, stani meni kao i ja tebi, stani meni piku na biljegu! nije mene dvaput porodila majka nego jednom jadno i žalosno!
Stell mir dich auf, du Trottel aus Arabien, stell mir dich auf, wie ich mich dir gestellt, stell auf dem Zielpunkt auf dich hin für mich! Die Mutter hat mich nicht geboren zweimal, vielmehr nur einmal unter Wehgekreisse!
(Diese Stelle bei Osvetnik, Srpske n. pj. S. 71.)
V. 574. Das sang der Guslar nicht etwa als eine Sentenz, sondern als ein witziges Aperçu, das die Zuhörer als vorzüglich gelungen belachten. Man glaubt kaum, wie genügsam Leute in einfach ländlichen Verhältnissen in Bezug auf Witz und Humor sind!
V. 577. letećiv wie spavećiv gebildet. Milovan spottete solange über diese Wortform (Partizip), bis er sich mit ihr befreundete und sie selber nachbildete. Bei antisemistischen »Futharkern«, den sogenannten »Tintenkulis«, die ständig über die judendeutsche Mundart spotten, kann man es beobachten, dass sie schliesslich weder judendeutsch noch hochdeutsch schreiben können.
V. 590: »Wir sind die Begen Ljubović«, er ist ja Ljubović’s Milchbruder.
V. 592: »mich, der ich gesund bin, hat der Schüttelfrost erfasst« usw.
V. 603. türk. katl Mord, katil Mörder, katl etmek hinrichten. Im serb. neben katul auch katal und katur:
moliću se caru čestitome, nek mi dade tri katur fermana; ja ću djecu z glavom rastaviti a ni tvojoj dobro biti ne će. Kulu ću ti u begluk krenuti!
Den Kaiser, Glück mit ihm! den werd’ ich bitten, er gebe mir drei Hochgerichtfermane; die Kinder werd’ ums Haupt ich kürzer machen, und auch dem deinen wird’s nicht gut geraten. Die Warte dein dem Staatschatz schlag’ ich zu!
Unter den achterlei offiziellen Fermanen der hohen Pforte fehlt der katl f., offenbar, weil man mit seiner Ausstellung nicht nach dem Amtschimmel verfuhr. Die anderen seien hier ein für allemal genannt, weil uns die Namen öfters in den Liedern begegnen: 1. istilam f. Berichtabfordernder, 2. Teekid f. urgierender, 3. tahsil f. Steuer eintreibender, 4. tevdžih f. verleihender, 5. sabt f. in Besitz setzender, 6. daavet f. einladender, 7. tedžid f. erneuernder und 8. ibka fermani Bestätigungferman.
Keine Druckfehler sind: 98 pribijo, 182 beže Ljubovića, 161, 179, 357, 379 bege, 210 gji, 228 osić, 234, 275, 456 istor, 266 virna, 276 vrime, 320, 325 priśječe, 399, 409 okoljena, 580 u Stambola, 583 dilje, 601 vić, 599 Dunova. In V. 423 ist [se] und 468 [treći] nach V. 599 von mir eingeschaltet.
Wolf Feuerdrache.
Tiernamen als Namen von Geschlechter-, Stamm- und Sippenverbänden und besonders einzelner Familien oder noch häufiger einzelner Personen wurzeln ihrem Ursprung nach meist in totemistischen Vorstellungen. Das Tier ist zugleich Totem des nach ihm benannten Individuums oder Verbandes. Aus einer Urzeit — man fasse dies Wort in Ermanglung eines zutreffenderen nur als relative Bezeichnung auf — erbt sich der Totemismus auch unter europäischen Völkerschaften als Überlebsel noch fort. Wir begegnen ihm zumal dort, wo noch Sippen- und Geschlechterverbände vorkommen. So auch bei den Südslaven, obgleich sich die Mehrzahl von ihnen seit einem Jahrtausend zum Christentum und ein starker Bruchteil zum Islam bekennt. Das »obgleich« ist freilich nicht ganz passend; denn die von den südslavischen Völkern nach ihrer Art rezipierte monotheistische Religion steht in ihrer volktümlichen Fassung dem Totemismus ohnehin nicht ferne. Tiernamen kommen bei den Südslaven ungemein häufig als Familien- und noch mehr als Personennamen vor. Am gewöhnlichsten sind vuk (Wolf), zmaj (Schlange, Drache), selten kuna (Marder). Als Toteme sind diese Tiere international. Der südslavische Bauer benennt sein Kind mit einem solchen Namen, um ein frühzeitiges Sterben des Kindes zu verhüten. Er stellt also sein Kind unter den Schutz des Namens. Das ist genug bekannt. Es kommt indessen auch eine Kombinierung zweier Totemnamen vor, so vuk-zmaj, oder vuk-zmaj ognjeni = Wolf-Feuerdrache. Diesen Namen hatte ein Mitglied des serbischen Fürstenhauses Nemanjić. Er war ein Held seinerzeit, von dem man noch mancherlei im Volke singt und sagt, trotzdem etwa 500 Jahre seit dem Ableben des Helden vergangen sind. Weil es ein Held war, deutet der Volkdichter den Namen anders als nach dem üblichen Glauben und dichtet eine besondere Wundersage dazu, um eben für den Namen und die Heldentaten des Kämpen eine Erklärung geben zu können. Ein Beleg hierfür ist nachfolgendes Guslarenlied aus Bosnien:
Rodio se zmaj ognjeni Vuče.
Dvore gradi slijepac Grgure. Kad bijele dvore sagradio, malo vrime, za dugo ne bilo, viš njeg stoji vijernica ljuba, ona roni suze niz obraze; otište se suza od obraza pa Grguru na bijelo lice. Ljuto kune slijepac Grgure, ljuto kune svoje bjele dvore: — E da Bog da, moji bjeli dvore, je da Bog da, ostali mi pusti! Skoro sam vas junak prekrivao, što mi odmah tako prokisoste! Njemu veli vijernica ljuba: — Gospodare, slijepac Grgure! ti ne kuni svoje bjele dvore; tvoji dvori njesu prokisnuli, već ja ronim suze niz obraze; pa s otište suza niz obraza pa na tvoje prebijelo lice! Nu šta veli slijepac Grgure? — Što je tebi, moja vjerna ljubo? Kaka ti je golema nevolja te ti roniš suze niz obraze? Ili ti je ne stanulo, ljubo, ne stanulo nebrojena blaga? Ili ti je ne stanulo vinca? Ili ti je ne stanulo ljepca? Njemu veli vijernica ljuba: — Ja Boga mi, mio gospodare! tog mi ništa nije ne stanulo, već u našem danas bjelom dvoru muško nam se čedo nalazilo: po glavi mu vučka dlaka raste iz usta mu živa vatra sipa, iz nosa mu mavi plamen liže, crvena mu ruka do ramena. Pa sam se ja mlada prepanula! S otog ronim suze niz obraze. Njoj govori slijepac Grgure: — Šut, ne plači, moja vjerna ljubo! Rodio se zmaj ognjeni Vuče! Već ču li me moja virna ljubo, ti sastavi gospodu rišćanâ, juzimajte čedo prenejako, podajte ga Srijem zemlji ravnoj, da ga rane medom i šećerom jä do sablje i do konja vrana. Bog će dati pa će dobro biti! Pa sastavi Grgurova ljuba pa sastavi gospodu rišćanâ: juzimaju čedo prenejako, pa ga daju Srijem zemlji ravnoj. Sve ga rane medom i šećerom jä do sablje i do konja vrana. Kako onda tako i danaske, odraniše čedo prenejako, djetić bio, sat se spominjao!
Von der Geburt Wolfs, des Feuerdrachen.
Ein Burggehöfte baut Georg der Blinde. Nachdem er’s weisse Burggehöft erbaut — Nach kurzer Frist, es währte nicht zu lange, Sein treues Ehlieb ihm zu Häupten steht, über die Wangen strömen ihr die Tränen; es schnellt sich eine Träne von der Wange und fällt aufs weisse Angesicht Georgen. In Gift und Gall’ verflucht Georg der Blinde, verflucht in Grimm und Gall’ sein weiss Gehöfte: — O wollt’ es Gott, dass du mein weiss Gehöfte, o wollt’ es Gott, verwüstet lägst und öde! Ich Held, ich liess dich jüngst erst neu bedachen, was lässt du gar sogleich den Tau durchsickern? Es spricht zu ihm hierauf sein treues Ehlieb: — O mein Gebieter, Herr Georg der Blinde! Halt ein, verfluche nicht dein weiss Gehöfte. Das Dach von dem Gehöft ist regensicher, mir strömen Tränen übers Angesicht, es fiel die Träne mir vom Angesicht und sank dir auf dein schneeig weisses Antlitz. Nun hör die Antwort drauf Georg des Blinden: — Was fehlt dir denn, o meine treue Liebste? Welch übergrosses Ungemach bedrückt dich, dass Tränen deine Wangen dir benetzen? Wie? sollt es dir, o Liebste, gar gebrechen, an ungezählten Schätzen dir gebrechen? Gebricht es dir an einem guten Tropfen? Gebricht es dir an einem schönen Hausbrot? Zur Antwort ihm sein Ehgemahl in Treuen: — So wahr mir Gott, mein teuerster Gebieter! Von alledem gebricht mir ganz und gar nichts, doch hat sich heut in unsrem weissen Hofe ein seltsam männlich Kindlein vorgefunden: auf seinem Haupte wächst ihm Wolfbehaarung, aus seinem Munde sprüht lebendig Feuer, aus seiner Nase lodert blaue Flamme, bis zu den Schultern rot ist ihm der Arm. Drum bin ich junge Frau so sehr entsetzt, und darum netzen Tränen mir die Wangen. Es spricht zu ihr der Herr Georg der Blinde: — O schweig und wein’ nicht, meine treue Liebste! Geboren ward der Feuerdrache Wolf! Doch hörst du mich, mein treues Ehgemahl! Beruf du ein zum Rat der Christen Herren und nehmt euch an des Kindleins zart und schwach und gebt’s nach Sirmium das ebne Land. Man soll’s erziehn mit Honig und mit Zucker, bis es zum Schwert und braunem Ross gedeiht. Gott wird’s gewähren, gut wird alles ausgehn! Alsdann berief Georgens Ehgemahl, berief zum Rat der Christen Herren ein. Sie nehmen sich des zarten Kindleins an und geben’s fort nach Sirmium, ins ebne. Man nährt es gross mit Honig und mit Zucker, bis es zum Schwert und braunem Ross gediehn. Wie dazumal so auch am heutigen Tage. Sie zogen gross das Kindlein klein und zart. War das ein Kerl! man denk auch jetzt noch seiner!
Zu Vers 4. Der Mann liegt auf dem Wanddivan ausgestreckt. — V. 26. Ungezählte Schätze sind keineswegs zahllose Schätze, vielmehr meint Georg, er zähle seiner Gattin das Geld nicht zu. Sie dürfe nach Belieben vom Vorrat nehmen. Geld, Wein und weisses Weizenbrot sind das Um und Auf der Wünsche des Bauernvolkes. — V. 32. Der Guslar sang mir vor: ‘već su u našem danas b. d.’ Dazu wäre ein nalazili zu ergänzen. ‘Man fand das Kind.’ Ich liess das su im Texte des folgenden Verses halber aus. — V. 34 f. Ständige Merkzeichen aussergewöhnlicher Wunderkinder und Helden. — V. 37. crven = rot wie Gold nämlich. In Legenden haben zuweilen Wunderkinder goldene Arme. — V. 44. gosp. r. die Herren der Christenheit, d. i. den hohen Adel und die Spitzen der Geistlichkeit. — V. 46. Im Fruškagebirge Sirmiens gibt es eine stattliche Reihe sehr begüterter Klöster, wohin wohlhabende Serben ihre Knaben zur Ausbildung zu schicken pflegten. Der grössere Teil Sirmiens ist freilich eine Ebene. Vrgl. mein Buch: ‘Die vereinigten Königreiche Kroatien und Slavonien.’ — V. 49. Das prodigium ‘čudo’ könnte ein Unheil gleich einem Kometen oder dem Nordlicht oder einem zweiköpfigen Kalbe oder einem Eier legenden Hahne bedeuten. Er wehrt das Unglück ab, indem er »das gute Wort« sagt. — V. 56 sollte an letzter Stelle kommen.
Das Lied sang mir am 19. Januar 1885 der Guslar und Ackerbauer Ljuboje Milovanović aus Bogutovo selo in Bosnien. Er sagte mir, er habe es 46 Jahre vorher seinem Vater, einem eingewanderten Herzogländler, abgelernt. Ljuboje ist ein sauberer alter Bošnjak, der sich nicht wenig darauf einbildete, dass seine Lieder auch den Deutschen bekannt gemacht werden sollen. Er gewann mich lieb und erteilte mir einige gute Lehren mit auf die Wanderung, damit ich als Fremder gegen den Anstand nirgend verstosse. Ich notierte am Rande des Liedes: ako dogje ko u kuću pa zijeva ondar prostri mu da spava, drijemovan je; ako se proteže ondar traži ženkare da jebava pa ga valja istjerati a kat pljuca e podaj mu, gladan je, nek jede (Wenn einer ins Haus kommt und gähnt, deck ihm das Lager auf, damit er schlafe; denn er ist schläfrig; wenn er sich reckt und streckt, so sucht er Frauenzimmer, um seinen Trieb zu befriedigen, da muss man ihn hinausjagen, wenn er aber öfters spuckt, nun so gib ihm, er ist hungrig, er soll essen).
Der Yoga-Schlaf.
Die zu allen Zeiten und bei allen Völkern, ehedem noch allgemeiner als gegenwärtig verbreitete Meinung, dass der Mensch nicht Herr seiner unwillkürlichen Muskeln werden und sein könne, gewährte einzelnen, besonders veranlagten und listigen Individuen die Möglichkeit, als Vermittler der Geisterwelt, als Propheten und Zauberer nämlich, die Einfalt der Mitlebenden auszubeuten. Die Frage, ob ein Mensch auch die quergestreiften Herzmuskeln, die in der Regel der Willkür des Individuums nicht unterstehen, durch seinen freien Willen in ihrer Tätigkeit zeitweilig einstellen, d. h. ob er einen totähnlichen Zustand bei sich herbeiführen kann, muss als Ausnahmeerscheinung wissenschaftlich bekräftigt werden. Man hat zuzugeben, dass man im engeren Sinne des Wortes bei manchen Menschen eine derartige allgemeine oder nur auf Muskelbündel beschränkte Machtübung beobachtet, die die Meinung von einer Unwillkürlichkeit vollkommen widerlegt. Anlage und Schulung bringen es hierin zu einer Bewunderung erweckenden Kunst, und mit dem Wunder geht auch der Wunderglaube Hand in Hand, und gerade aus solchen Wundererscheinungen schöpfen die Volkreligionen vielfach die Kraft über die Gemüter ihrer Gläubigen.
Die moderne Ethnologie und mit ihr auch die junge Disziplin, die sich unter dem vielverheissenden Titel einer Religionwissenschaft einführt, leidet nur zu sehr an der unbegründeten Annahme, dass man gewisse Erscheinungen nur bei den sogenannten primitiven aussereuropäischen Völkern erheben könne. Die Volkkunde, als die Detailforschung der Völkerkunde, erfüllt damit einen hohen Zweck, wenn sie Schritt für Schritt den Nachweis erbringt, wie haltlos die Herstellung der Grenzen zwischen Kultur- und Unkulturvölkern nach üblicher Rassen- und Gruppeneinteilung sei. Es gibt Abstufungen in der Bildung und Bildungfähigkeit unter Individuen, es gibt an Bildung und Besitz reichere und ärmere Menschengruppen oder Völker, aber die Menschen als Menschen bleiben sich auf der ganzen Oikumene gleich. Das ist ein Gesetz, das in Sitte, Brauch und Glauben der Menschheit überall nachweisbar ist. Einen Beitrag hiezu soll auch diese Betrachtung über den Yoga-Schlaf liefern.
Ich hatte einen Jugendgespielen — er war lange Zeit königlich chrowotischer Oberförster — der zwar in der Schule das Muster eines Stierkopfes war, aber bei alledem die Begeisterung und zum Teil den Neid seiner Mitschüler durch eine eigene Kunst hervorrief: er war Herr seiner Ohrenmuskeln. Er konnte die Ohren bewegen trotz einem grauen Gauch oder einem von Stechfliegen geplagten Ross. Durch sein Ohrenspiel deutete er seine Empfindungen an. Wir rufen jemand mit einwärts gekrümmtem Zeigefinger herbei, er besorgt dies mit Ohrenwackeln. Einer meiner Freunde in Slavonien — er ist praktischer Arzt — gebietet über seine Augenmuskeln derart, dass er nach Belieben zu jeder Zeit auf alle denkbare Weise zu schielen und dadurch seinen Gesichtausdruck merkwürdig zu verändern vermag. In den sechziger Jahren hielten sich zu Požega in Slavonien abwechselnd im Kriminal zwei Bauern auf, die Virtuosen in der Beherrschung ihrer Darmmuskeln waren. Als siebenjähriger Knabe hatte ich das Vergnügen als Gratisblitzer der Vorstellung des einen von ihnen beizuwohnen [191].
Einer meiner Mitschüler namens Pero Agjić, ein Bauernsohn aus dem Dörfchen Mihaljevci (er war nachmals katholischer Pfarrer zu Svisveti), legte einen Stolz darein, bei allen schauerlichen Misshandlungen, denen ihn unser chrowotische »Lehrer«, ihn, wie jeden anderen Armerleutesohn zu unterziehen pflegte, keinen Schmerzlaut auszustossen. Er sagte nach der Marter gewöhnlich zu uns: »Dieser verfluchte Galgenstrick kann mich töten, aber ich ergebe mich ihm nicht!«, d. h. er wollte ihm die Freude am Gewinsel und Geheul nicht bereiten. Mein »Perica« ist für seinen »Heroismus« ebenso sehr oder wenig anzustaunen, wie die Kitchi-Gami-Jungen, von denen J. G. Kohl berichtet [192], oder die anderen Indianer, deren Brinton gedenkt. Der Unterschied besteht nur darin, dass die Indianer aus religiösen Motiven eine Schmerzunempfindlichkeit heucheln.
Grosse, fast an Verehrung streifende Bewunderung erregen in Europa Leute, die über ihre Muskel, genannt Magen, scheinbar unumschränkt gebieten, d. h. lange Zeit der Nahrungzufuhr entraten können. Man übersieht dabei gänzlich, dass diese Kunst einem ansehnlichen Bruchteil der Menschheit, in den ältesten Zeiten unbedingt mehr als heutzutage, von der lieben Not aufgezwungen ward und man sie gewohnheitmässig ausüben musste. Unter den »Wilden« vermögen daher nur die tüchtigsten Hungerkünstler zu Bedeutung und in den Geruch der Heiligkeit zu gelangen. Die Herren Tanner, Succi, Merlatti und tutti quanti würden sich wahrscheinlich unter James Mooney’s Indianern oder unter den indischen Fakiren, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, auch noch in den Dienst des Geisterglaubens stellen und zugleich eine andere Seite ihrer Begabung ausbilden müssen, vor allem nämlich auch die Muskel Herz bezwingen lernen. Sie müssten sich auch in den Yoga-Schlaf versetzen können.
Diese, schon etwas kompliziertere Kunst hat mit dem Mesmerismus, Somnambulismus, Spiritismus, der Autosuggestion u. drgl. unmittelbar gar nichts zu schaffen. Hier in Wien steigt eine 43jährige, nach Vradiš in Oberungarn zuständige, arme Frau H. F. herum (ihren vollen Namen und ihre Adresse kann ich jederzeit bekannt geben [193]), die sich ohne weiteres tot zu stellen und über ihren Zustand erfahrene Spitalwärterinnen und alte Ärzte irrezuführen versteht. Ich kannte einen mit seinem Wägelchen und seiner Familie halb Ungarn brandschatzenden Landstreicher (sein Winterquartier hatte er jahrelang im Dorfe Jakšić im Požegaer Komitate), der sich damit durchbrachte, dass seine Gattin, nebenbei bemerkt, eine gut genährte, lebensfrohe Person, in jedem Orte plötzlich verstarb und für sie die Leichenkosten, sowie für die armen Waisen des untröstlichen Witwers Unterstützungen schleunig aufgebracht werden mussten.
Zur Budapester Milleniumausstellung (1895) verschrieben sich die Unternehmer, um in Oes-Budavár (Alt-Ofen) besondere Zugkräfte für die Gafflust zu besitzen, zwei Originalfakire aus Indien, damit die während der Ausstellungdauer als lebendige Tote öffentlich hungern und schlafen sollen. Im guten Glauben und Vertrauen, sich unter anständigen Menschen längere Zeit ausschlafen zu dürfen, legten sich die Inder auf die Bahren zur Ruhe hin. Indes machten sich einzelne Besucher den Jux, mit Nadeln die Schläfer zu stechen, mit Zangen zu kneipen und mit brennenden Streichhölzern zu kitzeln. Bei Tag ertrugen es die Fakire, doch betrachteten sie diese Behandlung als einen Vertragbruch und hielten sich demzufolge der Verpflichtung enthoben, unausgesetzt regunglos dahinzuliegen. Nachts erhoben sie sich, gaben ihrer Meinung über die europäische Höflichkeit Ausdruck und beschlossen, sich zumindest mit Speise und Trank regelmässig allnächtlich zu stärken. Man erwischte sie einmal dabei, und erklärte sie für Schwindler und Betrüger. Die Yogi waren über diese ihnen bis dahin ungewohnte Betitelung tief gekränkt und einer von ihnen, Bherma Sena Pratapa erhob in einem an die Neue freie Presse in Wien gerichteten Brief (veröffentlicht teilweise in der Nummer vom 8. August 1895) entschiedenen Einspruch gegen die Verunglimpfung und sagte ganz zutreffend und sachlich: »Der Yoga-Schlaf ist eine Wissenschaft, wie alle andern, die von Leuten, welche die nötige Begabung dafür haben, theoretisch und praktisch erlernt werden kann.« [194]
Hier ist nur der Ausdruck »Wissenschaft« volksprachlich im Sinne von einer vollendeten Fertigkeit aufzufassen und man muss dem Fakir beipflichten. Minder einwandfrei ist die daran geknüpfte Erörterung des Berichterstatters der Zeitung, der dem Inder, weil er sich wegen Wiederherstellung seiner Geschäftehre nach München an den dazumal daselbst tagenden Psychologenkongress wandte, unlautere Beweggründe unterstellt [195]. Der Kongress wies den Fakir ab, vielleicht aus Scheu vor dem Spotte der sogenannten Öffentlichkeit. Der Fakir hat wahrscheinlich von uns Europäern eine geringe Meinung gewonnen, aber ich will ihm nachträglich hier eine gewisse Ehrenrettung verschaffen, indem ich Beweise beibringe, dass seine Kunst auch bei uns in Europa ihre würdigen Vertreter in junger und in einer nicht zu lang entschwundenen Vergangenheit besass und dass man solcher Meister wegen bedeutender Leistungen noch immer gerne gedenkt.
So erwerbtüchtig, wie der indische Yoga, ist auch unser serbische Landmann, nur stört ihn im Fortkommen eine der Kunstübung abholde Behörde. Im Jahre 1845 gleich in den ersten Monaten tauchte im Dorfe Bare (Sümpfe) im Požarevacer Bezirke der Prophet (prorok) Milija Krajinac auf, der aus dem Dorfe Popovica in der Krajina gebürtig war [196]. Durch seine unbeugsame Selbstbeherrschung riss er das leichtgläubige Volk mit sich und gab damit der Regierungbehörde zu schaffen. Schliesslich wurde er zum Gegenstand eines ausführlichen Berichtes, den der damalige Minister für innere Angelegenheiten dem Fürsten (unterm 15. Sept. 1845, Geschäftzahl 1628) überreichte.
Milija pflegte sich in eine Verzückung (zanos) zu versetzen und in diesem Zustande 5 bis 6, 8, 12, ja bis zu 17 Tagen zu verharren. Während dieser Zeit enthielt er sich sowohl der Speise als des Trankes, als auch jeder sonstigen Befriedigung eines leiblichen Bedürfnisses. Der im Archiv des königl. serbischen Ministeriums für innere Angelegenheiten sub »G. Z. 483 ex 1845« erliegende Befundbericht des Dr. A. Medović über das Verhalten Milija’s während seines Verzückungzustandes, über die an seinem Leibe beobachteten Erscheinungen und über die Peinigungen, die er ertragen, ohne mit der Wimper zu zucken, ist darum für uns äusserst belangreich, weil er nomine mutato ebenso von einem Fakir handeln könnte. Als Milija einmal in »Trans« lag, brachte man ihn ins Bezirkamt, legte ihn in einer Stube auf ein Leilach, und da blieb er volle sechs Tage lang liegen. Im Laufe dieser Zeit steckte man ihm unter die Nase die kräftigsten Riechstoffe, sie erweckten ihn nicht; man heftete ihm Senfpflaster an, er blieb unempfindlich; man riss ihm einzeln die Haare aus der heikelsten Leibgegend aus, er muckste sich nicht; man strich ihm auf die Fusssohlen dreissig Rutenhiebe auf, er zuckte nicht; man legte ihm brennende Glutkohlen auf den Leib, er liess sie auf seiner Haut ruhig verglimmen, ohne zu zeigen, dass es ihn juckt. Schliesslich goss man ihm mit Gewalt ein Brech- und Abführmittel in den Mund, und als es ihn zu quälen anfing, bat er letzlich um einen Trunk Wasser. Man holte wohl Wasser, verweigerte ihm jedoch die Labung, bis er nicht die Wahrheit über sich aussage. Da endlich bequemte er sich zum Geständnis, dass er sich immer bloss verstellt (pretvarao) habe, um vom gemeinen Volke ein paar Paras herauszulocken. Hunger und Durst habe er allmählich zu ertragen gelernt, erzählte er, so dass er zu guterletzt 24–30 Tage sein konnte, ohne das Geringste zu geniessen, ebenso habe er sich gewöhnt, den Stuhlgang zurückzuhalten, bis seine Natur an diese Qual angepasst war; und bezüglich der ihm mit den Glutkohlen zugefügten Schmerzen sagte er: »Ihr mögt mir das Fleisch vom lebendigen Leib stückweise abhacken, ich zucke dabei nicht einmal mit der Wimper; so sehr kann ich Schmerzen ertragen.«