Part 41
Hier mein Gesang, gesegn’ uns Gott Gesundheit!
Das war um 10½ vormittags des 27. Februars 1885. Frühmorgens war ich aus der Schlucht von Srebrenica aufgebrochen und ritt gerade durch eine Lichtung über einen Kammrücken der schneebedeckten Treskavica planina dahin. Etwa 50 Schritte hinter mir trottete bedächtig zu Ross mein Diener, der Guslar Milovan Ilija Crljić Martinović nach. Auf der Wanderung führten wir nie Gespräche, sondern jeder achtete auf sich und den Weg und hing seinen eigenen Gedanken nach. Im Augenblicke war ich nur darauf bedacht, meine Nase vor dem Abfrieren zu bewahren, im übrigen liess ich die Eindrücke der gewaltig mächtigen Gebirgwelt auf mich einwirken. Ich schwärme weder für kleine Frostbeulen noch für die riesigen Buckeln im Antlitz der Erde, und doch erfüllte mich mit hehrer Ehrfurcht die stille Grossartigkeit einer von Menschenwerken unbeeinträchtigten Winterhochlandschaft. Auf einmal rief mir Milovan zu: »Wart, Herr, will dich um etwas befragen!« — »Rede!« — »Der Frater (er meinte den Mönch im Savelande, zu dessen Pfarre er gehört) riet mir ab, mit dir zu wandern, weil du, sagte er, ein Ketzer wärst.« — »Hättest auf ihn gehört!« erwiderte ich jäh aufbrausend, »habe dich zur Gefolgschaft nicht gebeten. Schlossest dich mir von selber an. Geniessest seit Monaten alles Gute an meiner Seite ohne Gegenleistung. Wer ledig ist hat keinen Leibbediener! (u bećara nejma hizmećara). Ich bezahle dir deinen Zeitverlust, du zieh deines Weges und lass mich in Frieden!« — »Herr, so meine ich’s nicht; lass mich etwas aussprechen!« — »Wir haben ausgesprochen!« sagte ich und spornte meinen lendenlahmen Schimmel zum scharfen Trab an.
In schönen, gefällig abfallenden Schlangenwindungen verlief der Weg hinab ins Tal. Oben knisterte noch unter den Rosshufen der einbrechende, eingefrorene Schnee, dann schwand er dahin, der Pfad zeigte sich schneefrei und trocken. Und als ich gegen 4 Uhr zur tiefen Mulde und dem Ufer des Drinačaflusses hinabkam, schmolz auch mein Zorn und weg war er. Ei, geriet ich da mitten im Winter in das Tal des sinnerquickenden, lauen Frühlings mit duftender Blütenpracht, mit dunklem Laub und üppigen Wiesen! Zwei Stunden weit und stellenweise eine halbe Stunde breit ist dieser lieblichste Fleck Bosniens, den himmelanragende, waldbedeckte Berglehnen vor Wind und Wetter ewig schützen und das grüne, forellenreiche Wasser der mässig rauschenden Drinača fürsorglich befruchtet. An einer Wassermühle, wo ein altrömischer Grabstein halb als Schwelle diente, nahm ich beim Bachmüller, einem Moslim, gastlich angebotene Herberge an.
Vor allem warf ich meinen vielfach geflickten Pelzrock, dann meine aus waschechter Baumwolle hergestellte Astrachanmütze usw. ab, streifte die Wichsleinwand-Gamaschen mit den Schuhen von den Füssen und fing an, mich im saftigen Rasen herumzuwälzen. Den zwei rotharigen, blauäugigen Bengelein des Müllers zeigte ich, wie man Purzelbäume schlägt und versuchte auch, auf dem Kopfe zu stehen. Nein, das missglückte! Der ältere Junge verstand diese Künste weitaus besser als ich. Er schoss neunmal den Bock und blieb zum zehntenmal gar noch auf dem Kopfe stehen, dazu die Arme über der Brust verschränkt! Der jüngere Range hatte es zwar noch nicht zu so hoher Gewandtheit gebracht, aber sein Ehrgeiz war schon geweckt. Kurzum, wir vergnügten uns königlich, herumkollernd und juchhezend, bis der Müller mit der Meldung erschien, die Milch wäre gar und die Eier gesotten. Inzwischen hatten sich Leute vom Gelände eingefunden und ich erzählte von Helden aus alten Zeiten und wie ich ausgezogen, um deren Taten für die Schwaben aufzuzeichnen.
Manche meiner Fachgenossen in Folklore erachten es für geboten, sich auf Reisen bei Erhebungen zu »verstellen« und allerlei Künste zu gebrauchen, um den »Kundigen« ihre Weistümer abzuhorchen und herauszulocken. Auf derlei verstehe ich mich nicht, und es geht mir auch wider den Strich. Es ergab sich regelmässig als zweckentsprechend, dass ich den Leuten in ihrer Ausdruckweise klar und bündig — viel reden ist nicht meine Art — darlegte, um was es sich mir handelt. Im Notfall gewann ich die Menschen durch meine heitere Laune und Freigebigkeit. So geschah es, dass ich 14 Monate lang herumreiste, ohne auch nur ein einzigesmal irgendwelch erzählenswertes Abenteuer zu bestehen.
In dunkler Nacht kam Milovan dahergeritten und kehrte gleichfalls in die Mühle ein. Ich tat, als sähe und hörte ich ihn nicht, obwohl ich ihm nicht mehr gram war. Er kauerte sich zu mir hin und begann: »Herr, ich wollte dir bloss sagen, was für ein Mensch der Mönch ist. Die Nichte meines Gevatters sollte kirchlich getraut werden, er aber forderte zunächst von der Hausgemeinschaft die Bezahlung alter Kirchengebühren von 130 Gulden. Da sie kein Geld besassen, mussten sie es zugeben, dass das Mädchen ohne Hochzeitzug und Segen zum Bräutigam ins Heim lief, gleich einer, die sich selber dem Manne aufdrängt. So leben sie auf Borg (i. e. in wilder Ehe). Nun, ihr Kind musste er doch taufen, ohne Bezahlung, weil es ihm die Herren (die Behörde) gebieten. Vor dir warnte er mich, als ich dir aus Liebe folgte. Ich erfuhr mit der Zeit, dass du mir gütiger als ein Vater und eine Mutter bist, wie das Lied von Ljubović und seinem Milchbruder Majković erzählt. Der war ein Türke und der ein Christ und sie waren doch Brüder, als ob eine Mutter sie geboren hätte. Das wollte ich dir auf der Berghöhe sagen, weil wir allein waren und meine Seele deiner Wohltaten gedachte. Deinen Glauben hatte ich nicht die Absicht anzutasten.«
»Milovan, du wähltest zumindest Zeit und Ort für deine Erklärung sehr schlecht. Merk dir’s wie es im Liede heisst:
pusta gora nije nikat sama jal brez vuka, jali brez hajduka!
Der wüste Wald weilt niemals so verwaist, dass frei von Wolf er wär’ und Wegelagrer!
In Hochwald hat man die Zunge hinter den Zähnen zu zügeln! Man se vraga ne goni mu traga! Vom Teufel fleuch, verfolg nicht seine Fährte! Erwähn mir auch nie wieder deinen und meinen Glauben. Du bist Christ für dich und ich ein Gläubiger für mich. Scher dich um das Wohlbefinden unserer Gäule, nicht aber um unsere Seelenheile. Jetzt iss dich an und sing das Lied, auf das du anspieltest.«
»Kann ich singen, wenn du mir nicht sagst, dass du mir wieder gut bist?«
»Bring mich nicht neuerdings in Harnisch! Dass dich das Taschenveitel...! Sing! Nimm aus dem Rucksack die Guslen heraus und erheitre die Gesellschaft, sonst binde ich dich den Rossen an die Schweife an, dass sie dich zerreissen und ein anderer Guslar von dir zu singen haben soll!«
Erwähnen will ich, dass sich kein einziger von den Anwesenden (lauter Moslimen) in das Gespräch einmengte. Bei den bäuerlichen Moslimen gilt es nämlich für höchst unanständig, sowohl über die Gattin als über seine Konfession vor Fremden zu reden, indem diese Pluderhösler noch so roh und kulturfremd sind, zu glauben, dass Herzensangelegenheiten einer öffentlichen Besprechung nicht unterzogen werden dürfen.
Das Lied nahmen alle Zuhörer beifällig auf; dann liess ich es mir in die Feder sagen. Bis zum letzten Buchstaben harrten alle mit aus und schauten mäuschenstill zu, und als ich gar das Lied Wort für Wort wieder verlas, waren sie von mir förmlich entzückt und beschenkten mich. Der Müller nahm für die Bewirtung keine Bezahlung an. Die Ehre, dass ich bei ihm geweilt, stand ihm höher als Geld.
Das Stück erlernte Milovan um das Jahr 1850 als Sauhirtlein von einem älteren Guslaren katholischer Konfession, der in Gradačac zu taglöhnern pflegte. Der Mann hatte sich aus dem Herzogtum in das Saveland verlaufen. Weiter ist mir über sein Schicksal nichts bekannt.
Zu V. 1. Von den Ljubović erzählt so manches Guslarenlied, was sie für grosse, verwegene, sultantreue Helden gewesen. Ein riesig langes Lied meiner Sammlung handelt von einem Ljubović, wie er dem Sultan Bagdad erobert. Welcher es aus der langen Reihe der Helden dieser Sippe gewesen, ob gar der unseres Liedes, lässt sich nicht bestimmen. Die Ljubović waren in allen grossen Kämpfen mit. Mustafaga Dickwanst schreibt ein Aufgebot aus und sagt im Brief an den Paša von Mostar:
»O turčine Šarić Mahmudaga! Eto tebi knjige našarane: Pokupi mi od Mostare turke, ne ostavi bega Ljubovića sa široka polja Nevesinja; jer brež njega vojevanja nejma!
Vernimm mal, Türke Šarić Mahmudaga! Empfange hier ein buntbeschrieben Schreiben: biet auf die Türkenmannen mir von Mostar, doch lass daheim nicht Ljubović den Beg vom breiten Blachgefild von Nevesinje; denn ohne ihn kein Feldzug kann gelingen!
Als Zrinyi Essegg belagerte, meldete sich ein Beg Ljubović als freiwilliger Kundschafter bei Sil Osmanbeg dem Befehlhaber von Essegg, um durch das Belagerungheer durchzudringen und dem Paša von Ofen Meldung zu bringen von der Bedrängnis der Festung.
Osman bega zagrljavši ljubi a kuca ga po plećima rukom: — Haj aferim beže Ljuboviću! Vuk od vuka, hajduk od hajduka a vazda je soko ot sokola; vazda su se sokolovi legli u odžaku bega Ljubovića!
Herr Osman küsst den Beg umschlungen haltend und schlägt ihn auf die Schulter mit der Hand: — Traun, wohlgeraten, Ljubović mein Beg! Der Wolf vom Wolf, der Hajduk vom Hajduken doch allzeit stammt ein Falke nur vom Falken; noch allzeit wurden ausgebrütet Falken wohl in der Begen Ljubovićen Heimstatt!
Ein Ljubović bewährt sich als Kundschafter auch bei der Einnahme von Ofen. Vergl. ‘Wie Mohammed Köprülü Vezier geworden’.
V. 3. Nach Syrmien kam er wohl nicht. Das müsste sich auch Milovan sagen als Grenznachbar der Syrmier, wenn er über die Worte seiner Lieder nachdächte; er plappert aber hier gedankenlos die erlernten Verse seines Vorläufers nach, der auch nicht geistreicher als Milovan war. Wahrscheinlich sang der erste Guslar (der Dichter): po Lijevnu, okolo Lijevna. (In Delminium und um Delminium herum), denn auf diesem Hochplateau war die Rinderzucht, mehr als sonstwo im Lande, besonders gedeihlich entwickelt.
V. 10. Es ist ein Unding, die Leute von Nevesinje erst an der Narentamündung den Beg von der Reise abmahnen zu lassen. Das konnten sie doch daheim schon tun; aber die Verstechnik und Poetik erfordert hier eine Wiederholung des Subjektes des Nachdrucks wegen und dann einen Reim zur ersten Zeilenhälfte. Ob er den dichterischen Zweck hingäbe, lieber widerspricht der Dichter der Wahrheit.
V. 12 und 35 a. Kavgu načinili. Kavga, türkisch Lärm, Streit. Man sagt nicht k. n., sondern k. učiniti einen Lärm machen oder k. zametnuti einen Streit anzetteln (gewöhnlicher), doch das passt hier ganz und gar nicht. In einer Novelle bei Bret Harte hat ein Goldgräber den Spitznamen Eisenpirat, weil er dies Wort für Eisenpyrit gebrauchte, das ihm weniger geläufig war. So verwechselt auch unser Guslar das ihm sonst nicht vertraute türkische kavl, Wort, Abmachung, mit kavga, das er täglich hört und übt. Ich hielt es für unzulässig, den Fehler im Texte zu berichtigen, doch in der Verdeutschung vermied ich ihn, weil es keinen Sinn gehabt hätte, ihn beizubehalten.
V. 12 und 35 b. Car und ćesar sind nur verschiedene slavische Wortformen von Caesar, doch bedeutet car den Sultan, ćesar den »Kaiser von Wien«. »Die türkischen Staatsinteressen brachten es mit sich, dass selbst durch Tributzahlungen kein dauernd friedliches Verhältnis zu sichern war zwischen dem Sultan und dem ‘König von Wien’, wie der türkische Sultan in seinen Diplomen die Kaiser nannte, indem er sie offiziell weder als Könige von Ungarn noch als Kaiser von gleichem Range anerkennen mochte.« Salomon, Ungarn im Zeitalter der Türkenherrschaft, deutsch von G. Jurány. Leipzig 1887. S. 90. »Im Jahre 1606 hörte Ungarn auf, dem Türken den jährlichen Tribut zu zahlen, statt dessen ‘einmal und nicht wieder’ 200 000 Gulden in Bargeld, Gold und Silbersachen nach Konstantinopel geschickt wurden. Als internationale Errungenschaft kann auch das erscheinen, dass der Sultan den deutschen Kaiser nicht mehr ‘König von Wien’, sondern ‘römischer Kaiser’ nennt.« Salomon l. c.
V. 21. Ich übersetzte nach der üblichen Bedeutung: deutsche Kaufleute, aber hier waren die Käufer keine Deutschen, sondern gewiss Italiener, vlasi (siehe V. 29 vlaški Zadar). Njemački wird nun hier im ursprünglichen Wortsinne angewandt zur Bezeichnung von Leuten, die der slavischen Sprache unkundig, also gewissermassen stumm, sprachlos sind. Vielleicht wäre darum die Übersetzung »fremdsprachig« auch in meiner Verdeutschung anzubringen.
V. 23. Die Rupien sind weich, weil Gold ein weiches Metall ist. Weiche Rupien sind goldene Rupien. — Mit indischen oder persischen Rupien zahlte man dazumal in Dalmatien nicht, sondern mit Zechinen oder Dukaten, aber dem Moslim ist Rupie der Begriff von Goldgeld. Ein Dukaten galt zehn Rupien.
V. 32. Türk. tabja, Schanze; aber im serb. Bastion, Bastei, wofür ich einmal in einem Guslarenliede das serbische Wort zaravanak fand. Auf der Bastei standen die Kanonen aufgepflanzt:
ajte sužnji gradu po bedenu pa udrite puškam od obraza, ja ću biti sa tabalj topovma!
Eilt, Sklaven, auf dem Wall der Burg dahin und feuert drein vom Antlitz mit den Büchsen, von den Basteien schiess ich aus Kanonen!
V. 34. Vlaški Zadar. Vlah kann hier sowohl den Italiener als den Christen bezeichnen. In den verschiedenen Gebieten des slavischen Südens hat das Wort auch gar verschiedene Bedeutung. Der slavonische Katholik bezeichnet damit verächtlich den Altgläubigen, der Serbe im Königreich den Rumänen usw.
V. 45. Die Ladenflügel eines türkischen Geschäftladens sind zwei Klappen; die obere wird gehoben und oben an einem Ringe in der Wand eingehängt, so dass sie zugleich in ihrer horizontalen Lage als Schirm gegen die Sonne dient, die untere ersetzt wieder Ladenpult, Sessel und Tisch. Der Kunde setzt sich gelassen auf den unteren Flügel mit unterschlagenen Beinen nieder und der Kaufmann lässt ihm vor allem einen Kaffee reichen. Erst nachdem man sich eine lange Weile ausgeschwiegen oder ausgesprochen hat, sagt der Kunde so nebenher, was er braucht. Das Geschäft wickelt sich gewöhnlich glatt ab, denn der Türke weicht vom festgesetzten Preis nicht ab und denkt sich: ‘Kauft es der nicht, kauft es ein anderer. Ich kann warten. Die Zeit kostet ja nichts, und ob die Ware beim Käufer oder bei mir liegt, hält den Zeitenlauf doch nicht auf. Darum soll sie nur bei mir liegen!’ Kauft man nichts, ist’s auch gut. Man braucht nicht einmal nach einer Ware zu fragen. Der Moslim bietet sie von selber keinem an. Wenn es einmal das Schicksal bestimmt hat, dass die Ware verkauft werden soll, geht sie schon von selber ab. Also ist das Reden zur Unzeit zweckloses Bemühen.
V. 56. »Er schaut nicht, wo der Maurer das Loch gelassen hat,« würde man bei uns sagen.
V. 65. Dijete ist hier Page. Als solcher ist Sekula ohne Waffen. Die bekäme er erst als Knappe. Nur seine kindliche Unerfahrenheit konnte ihn zu dem Pagenstreich verleiten, gegen den wohlbewaffneten Moslim loszugehen. Der straft ihn anfänglich auch nur mit stummer Verachtung; denn ein Ritter balgt sich mit einem Weib, einem Geistlichen oder einem Kinde nicht herum.
V. 99. Der Beg war mit einem aus Stahldraht geflochtenen Panzerhemde bekleidet.
V. 101. Alamanka. Es ist ein alamanischer, allgemein bekannter Stossdegen gemeint, mit gerader, schmaler, zwei- oder dreischneidiger Klinge. Ein moslimischer Edelmann trug einen solchen gewöhnlich mit, um als Ritter kenntlich und nie wehrlos zu sein.
V. 116. Der Kunstgriff des Beg bestand darin, dass er einen Amoklauf nachahmte. Vor dem Amokläufer, einem Besessenen, läuft alles scheu davon, während man einen gewöhnlichen Mörder auf der Flucht auch mit Steinwürfen aus der Ferne unschädlich zu machen sucht. Der Amoklauf war auch den Serben wohlbekannt. Ich habe in meiner Sammlung ein Guslarenlied, das den Vorgang sehr klar veranschaulicht.
V. 118. Der Riegel am Burgtor wurde durch einen Federmechanismus vorgeschoben. Der Beg zerbricht die Feder und kann dann ohne Anstrengung den Riegel zurückschieben. Ispuśćali (man liess los) weist darauf hin, dass dem Guslar-Dichter die Einrichtung gewiss auch genau bekannt war.
V. 135. Die Kleidung des Ban war derart über und über mit Gold beladen, dass man von ihm zu Ross nur ein wenig heraussah.
V. 150. ‘Das ebene Narentagebiet’, eine poetische Figur. Eben ist hier ‘wegsam’ im Gegensatz zu dem unwegsamen Hochgebirge.
V. 158. Der Paša hat seinen Sitz im šeher, der (offenen) Stadt. Warum der Guslar das Adjektiv šerin gebraucht, verstehe ich nicht.
V. 162. jali [žive] bege jali [njihove] m. g. Entweder liefere mir die Begen lebendig oder deren tote Köpfe ein.
V. 173. Delibaša Zugführer, Feldwaibl.
V. 205. Zum Pagendienst gehörte auch die Obliegenheit, die erhitzten Pferde der Ritter langsam herumzuführen, damit sie sich abkühlen. Hatte der Junge in solchen Fertigkeiten eine Übung erlangt, stieg er auf zum Knappen und ward bewehrt. Als vollwertiger Genosse wurde er vom Häuptling zum Ritter geküsst, wenn ihm auf einem Abenteuerzuge eine Mordtat geglückt war. Anders konnte einer in die Mördergemeinschaft keinen Einlass finden. Das Verbrechen eint die Menschen fester als Liebe. So ist z. B. zur Aufnahme in die chrowotisch-patriotische Maffia zumindest die Ablegung eines Meineides vor Gericht unerlässlich, wenn sich sonst keine andere Gelegenheit zur Verübung eines Verbrechens darbietet, durch dessen Mitwissenschaft die Häupter der Maffia über den Anfänger Gewalt erlangen.
V. 225 und 304. Milovan selber erklärte mir beim Verlesen des V. 304: zlaćenu jabuku mit glavu, das Haupt.
V. 280, 286, 350 und 407: bolan ist ein elliptischer Satz: bolan ne bio! Sollst nicht krank sein! Der Ausruf, um einer bösen Vorbedeutung vorzubeugen. Man sagt auch im gleichen Sinne, wenn man wirklich ein Leiden hat und es erkundigt sich wer darnach, z. B. groznica me, daleko ot tebe, das Fieber schüttelt mich, fern sei es von dir! Polnische Juden drücken sich ähnlich aus: ‘nit Ihnen gesōgt!’, um dem Frager nichts Böses an den Leib zu wünschen. Landau, seinerzeit in Lemberg ein berühmter Gelehrter und Witzkopf, erreichte ein sehr hohes Alter und konnte zuletzt die Stube nicht mehr verlassen. Als er so einmal zu Bette lag, kam ein Lemberger Bürger zu ihm zu Besuch und fragte ihn: ‘Wos fehlt euch eigentlich, Rebeleben?’ — Schlagfertig antwortete der Greis: ‘Alterschwäche plōgt mech, nit euch gesōgt!’ — Da der ursprüngliche Sinn von ‘bolan’ verloren ging und das Wort zu einer Interjektion herabkam, musste ich es darnach an den einzelnen Stellen verschieden verdeutschen.
V. 320. Das Lebendigschinden als alte Strafe für Treubruch, um den Ehrlosen für alle Zeiten zu kennzeichnen. Vrgl. J. Grimm, D. Rechtsaltertümer, 18994, II, S. 291.
V. 341. Odžak, odžaklyk, erbliche Familiengüter für Untertanen. Vrgl. Hammer, Gesch. d. osm. R. VII. 64.
V. 351. evak erklärte Milovan unbefragt mit: evo ovako (siehe auf solche Weise).
V. 355. Car čestiti geben die Übersetzer ständig mit ‘wackerer Kaiser’ wieder. Braucht ein Kaiser gleich einem Bierteutonen ein so nichtssagendes Lobwörtlein aus dem Munde eines armseligen Bošnjaken?! Gewiss nicht, und dem Guslaren fällt es auch nicht ein. Čestit ist nur durch den Verszwang und den abgeschliffenen Sprachgebrauch zum Beiwort von car geworden, ist aber in Wahrheit, wie oben bolan, nur das Bruchstück eines elliptischen Satzes. Es geht nicht an, den Namen ‘Kaiser’ auszusprechen, ohne ihm einen Segenspruch anzuhängen, wie dies sonst bei festlichen Gelegenheiten im Alltagleben üblich ist. Man bringt einen Trinkspruch aus: Brate Joco! čestit bio! čestita ti na ramenu glava! čestit bio i ko te je rodio usw. ‘Bruder Joco! Sollst glücklich sein! glücklich sei dein Haupt auf deinen Schultern! Glücklich sei auch der, so dich gezeugt hat!’ Ursprünglich lautete also unsere Formel: car, čestit bio! ‘der Kaiser, er soll glücklich leben!’ oder kurz, ‘unser Kaiserleben!’ Ob man diese Erklärung des ‘—leben’ als Anhängsel an Vornahmen im judendeutschen Sprachgebrauche nur auf ein missverstandenes leve = lieb zurückzuführen hat, wie Dr. M. Güdemann meint (in der Geschichte des Erziehungwesens und der Kultur der Juden in Deutschland während des XIV u. XV Jahrh. Wien 1888, S. 109 f.), wäre vielleicht im einzelnen näher zu untersuchen.
V. 371. silistar, türk. silihdar, Reisige, vrgl. Hammer I. 95; Waffenträger, Schwertträger I. 494; II. 234; 472; V. 450; 464.
V. 374. Ercegovina gebe ich ständig mit ‘Herzogtum’ oder ‘Herzogland’ wieder, indem ich das deutsche Wort in seine ursprüngliche Fassung rückübersetze. Der Einwand, das man nicht wisse, welches Herzogtum gemeint sei, ist mit Hinblick auf die Umgebung des Wortes, nichtig. Stefan Vukčić (1435–1466), Sohn Sandalj Hranić’s, Gründers der selbständigen Herzogdynastie, nahm im J. 1448 den Titel an: božijom milosti humski herceg (Durch Gottes Gnade Herzog des Humgebietes). Darnach erhielt das Land den Namen hercegova zemlja (Herzogland) oder Hercegova, Hercegovina. Vom Kegelberg (hum) in der Narentamulde in Mostar hatte das Land seinen älteren Namen Humska, Zahumlje (Hinterhumland).
V. 401. jan türk. Seite, jandal seitwärts, po na jandal ziemlich abseits.
V. 403. Der Apfel auf der Zeltstange als Zeichen der Reichmacht; die drei hegenden Drähte um das Zelt herum sollen Neugierige warnen und wohl auch Pferde abhalten, am Zelt ihr Gebiss zu versuchen.
V. 490. Majković ist unbeweibt. Obgleich ihn die edelgeborene Frau Ljubović als ihren Schwager ehrt und Gebieter heisst, weiss er doch in diesem Falle, dass er verwaist ist, also, dass niemand seinen Tod so wie den Ljubović’s betrauern würde.
V. 501. Er fasst die Reise nach Konstantinopel richtig als eine Katabasis auf, er hätte sie aber gleich Xenophon in ähnlicher Lage auch als eine Anabasis bezeichnen können.
V. 506. Der Bosnier stutzt seines Rosses Schweif nicht; wenn er mit ihm durch einen Morast watet, schlägt er ihm in den Schweif bloss einen Knoten ein.
V. 514. Die Behauptung ist unwahr; denn der Herzogländer verschmäht grundsätzlich weder Wein noch Branntwein, letzteren schon gar nicht. Der Vers hat hier keinen Sinn, ausser man nimmt den Ausfall eines anderen aus der stereotypen, vollen Phrase an: s kim se bijem s onim ja ne pijem »mit wem ich mich schlage, mit dem zeche ich nicht«, darauf folgt die übliche Wiederholung und Ergänzung: »mit dem zeche ich weder Wein noch Branntwein!« Mit einem Zechbruder rauft man oder balgt sich herum und dann ist man wieder gut Freund mit ihm, dagegen im Duell geht es auf Leben und Tod.
V. 520. Das Duell ist ein Gottesurteil. Der Herausforderer fordert für seine gerechte Sache das Urteil Gottes heraus und setzt sich dadurch von vornherein ins Unrecht gegenüber demjenigen, der im Namen Gottes als Partner auftritt. Der schlaue Araber möchte die Sache so wenden, als ob ihn Majković herausforderte und überlässt ihm daher den ersten Lanzenwurf, doch lässt sich unser Herzogländer nicht foppen und auch nicht durch die Gaukelei des Arabers, der ihn meuchlings töten will, irre führen. Er bestraft ihn auf der Stelle mit einem Faustschlag, wie man sonst nur ein beim Diebstahl erwischtes Mensch züchtigt. Als der Araber bewusstlos zu Boden lag, wollte ihn Majković nicht umbringen, weil Ermordung eines Wehrlosen unritterlich ist.
V. 534. mije erklärte Milovan den Zuhörern (nicht mir) mit mjehove.
V. 549 u. 551. Stefan reitet durch das ganze Lied den Braunen, hier infolge eines Verredens des Guslaren auf einmal einen Schimmel. Quandoque et bonus dormitat Guslarus.