Slavische Volkforschungen Abhandlungen über Glauben, Gewohnheitrechte, Sitten, Bräuche und die Guslarenlieder der Südslaven

Part 4

Chapter 43,445 wordsPublic domain

Es erübrigt noch, einige sachliche Bemerkungen über das Sprachmaterial dieser eigenartigen Literatur zu bieten, was um so eher gerechtfertigt erscheint, als der bosnisch-türkische Dialekt bisher nur in zwei oder drei Abhandlungen wissenschaftlich erörtert wurde. Dem grossen Kreise der Gebildeten blieb er aber sozusagen unbekannt. Und doch könnte niemand in Abrede stellen, dass eine eingehende Bearbeitung dieses Sprachmaterials in zweifacher Hinsicht nutzbringend ausfallen müsste. Denn wir haben es hier mit der seltenen Erscheinung zu tun, dass zwei ganz fremde Elemente — Zweige des indogermanischen und des turanischen Sprachstammes nämlich — zusammentreffen, teilweise ineinander verschmelzen und übergehen. Man hat daher Gelegenheit, die Gesetze der Lautwandlungen an einem ursprünglichen Beispiele beobachten zu können. Weiters aber wird sich ein unmittelbarer praktischer Nutzen für die türkische Lexikographie herausstellen, wie auch manche in anderen slavischen Sprachen anzutreffenden Ausdrücke, über deren Provenienz bisher gewagte Hypothesen aufgestellt wurden, nunmehr in anderem Lichte erscheinen müssen. Besonders der mit Rücksicht auf die noch unfertige türkische Lexikographie zu erwartende Fortschritt kann bedeutend werden, indem nicht nur eine mässige Bereicherung des türkischen Wortschatzes zu erhoffen ist, sondern auch eine Richtigstellung der vorhandenen Wörterbücher. Es ist in der Tat auffallend, dass Bianchi, Jenker u. a. Verfasser türkischer Wörterbücher für Ausdrücke unzweifelhafter slavischer Abstammung das Polnische als Quelle annehmen, während es doch notorisch ist, dass die Osmanen niemals in dauernder intimer Berührung mit dem Polenreiche standen. Schon Blau hat auf diesen Umstand hingewiesen, der sicherlich Beachtung verdient; und eine aufmerksame Vergleichung der gangbaren Lexika mit dem bisher gesammelten bosnisch-türkischen Wortschatze wird zu dankenswerten Korrekturen Anlass geben.

Die Anführung der aus der Beobachtung des Übergangs türkischer Ausdrücke oder Stämme auf slavischen Sprachboden gewonnenen Regeln und Gesetze gehört schon aus dem Grunde nicht hieher, weil sie bei dem Leser die Kenntnis beider Sprachen voraussetzt. Ebensowenig können wir hier eine Bereicherung des Wortschatzes anstreben, da eine solche Arbeit nur dann wissenschaftliche Berechtigung beanspruchen könnte, wenn sie in möglichster Vollständigkeit geboten würde.

Die bosnischen Moslimen, die sich nur durch den verschiedenen Glauben von ihren christlichen Landsleuten unterscheiden, bedienen sich — wie schon früher bemerkt — bei ihren Aufzeichnungen der arabischen Schriftzeichen. Einerseits mag die aus dem Koranstudium sich ergebende Notwendigkeit, das arabische Alphabet zu kennen, und anderseits der Wunsch, sich vor ihren geringgeschätzten andersgläubigen Mitbürgern in jeder Hinsicht auszuzeichnen, diesen Brauch gezeitigt haben, der als eine der Hauptursachen für die Entstehung der bosnisch-türkischen Mischsprache angesehen werden kann. Denn es ist unzweifelhaft, dass hier mehr oder weniger bewusste Absichtlichkeit vorliegt. Es galt vor allem, die Sittenlehren des Islam unter den neuen Gläubigen zu verbreiten, und hiezu musste eine Form zweckmässig erscheinen, die — indem sie die schwer übersetzbaren, wichtigen Ausdrücke in ihrer ursprünglichen türkischen oder arabischen Form übernahm, — sie doch kommentierend dem Alltagverstand zugänglich machte. Wir sehen auch, dass nahezu alle auf Religion, Moral, Seelenleben bezüglichen Ausdrücke dieses Dialektes türkisch sind. Um aber zu verhüten, dass die ursprüngliche Bedeutung der wichtigen Ausdrücke in der Übersetzung verloren gehe, hat man das ihnen eigene arabische Gewand beibehalten, und so war die Grundlage gegeben, auf der sich diese Literatur in orientalischem Gewande entwickeln konnte.

Nun ist aber zu bedenken, dass die arabische Schrift der türkischen Sprache selbst durchaus fremd ist und dass sie sich nur widerwillig dem ihr auferlegten Zwange fügt. Bekanntlich reicht das arabische Schriftsystem zur Vokalbezeichnung nicht aus, und gerade die türkische Sprache mit ihrer hoch entwickelten Euphonie und ihren vielen Vokallauten bedarf einer genauen Unterscheidung. Eine Folge dieses Umstandes ist die sehr mangelhafte türkische Orthographie, für die gangbare feste Regeln aufzustellen viele Männer — aber leider! bisher vergeblich — sich abmühten. Auch die Araber fühlen das Unzulängliche ihrer Schriftmethode, und in neuerer Zeit sind Bestrebungen zu verzeichnen, die unter Beibehaltung des arabischen Alphabets doch eine genauere Orthographie und vor allem bessere Bezeichnung der Selbstlaute zum Zwecke haben. In diesen mangelhaften, von vornherein unzulänglichen Apparat wurde nun eine slavische Sprache hineingezwängt, die bei ihrem grossen Vokalreichtume hiezu ganz und gar ungeeignet ist. Unmittelbare Folge war eine unbeschreibliche Verwirrung der Orthographie, die das Lesen und das Verständnis der Texte erschwert, ja letzteres stellenweise unmöglich macht. In den vorhandenen sechs Manuskripten des mit »Hajd Avdija ti na vaz« beginnenden Lehrgedichtes kommen in jedem Vers, in jeder Zeile so viel orthographische Varianten vor, dass man — um eine Vergleichung zu ermöglichen — alle sechs Texte vollinhaltlich hersetzen müsste.

Der hier benützte Text ist der deutlichste von allen und beweist durch eine gewisse Stetigkeit der Orthographie, dass der Schreiber ein gebildeterer Mann gewesen. Zu erwähnen ist noch, dass die von mir gesammelten bosnisch-türkischen Handschriften vielleicht alle aus der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts stammen und daher in ihrer argen Unbeholfenheit ein Bild eines halbverflossenen bosnischen Schrifttums gewähren.

Dass diese bilingue Literatur nie tiefere Wurzeln im Volke zu fassen vermochte und stets nur ein bestimmten Zwecken dienendes Kunstprodukt blieb, ist klar. Die nur wenigen verständlichen Texte erschwerten die Verbreitung der einzelnen Gedichte und waren auch Ursache, dass sie — mit zunehmender Verbreitung — immer mehr von der ursprünglichen Form abweichen. So kommt es, dass die vorhandenen Gestaltungen eines und desselben Gedichtes starke Abweichungen zeigen, indem in einzelnen ganz neue Verse und Strophen auftauchen, in anderen wieder der Wortlaut nicht übereinstimmt. Diese Abweichungen sind indes nicht ausschliesslich auf Rechnung der Kopisten zu setzen, denn auch die nach unmittelbarer mündlicher Überlieferung niedergeschriebenen Texte ergeben, dass so viele Rezitatoren, so viele individuelle Varianten vorkommen. Unter solchen Umständen, wo der stoffliche Inhalt allein massgebend ist, muss freilich die poetische Form allen Wert verlieren; jedenfalls kann man nicht erwarten, dass sich eine gesunde Kunstpoesie auf solchem Boden entwickle.

Fassen wir kurz zusammen. Die bosnisch-türkische Mischsprache weist zwar schon die Merkmale eines Dialekts auf, ist aber doch nicht so tief in das Geistesleben des Volkes eingedrungen, dass man sie als die hervorragend charakteristische Eigenschaft der ganzen bosnischen Volkindividualität betrachten müsste. Ihre Berechtigung datiert von dem Augenblicke an, als sich die Bošnjaken aus Nützlichkeitrücksichten dem türkischen Wesen anzupassen begannen, und hört mit dem Augenblicke auf, seitdem die türkische Herrschaft nur noch der Geschichte angehört. Vollends der Gebrauch der arabischen Schriftzeichen ist schädlich, da er als Hindernis gegen die Verbreitung der Literatur wirkt. Vom praktisch-zivilisatorischen Standpunkte aus verdienen daher alle auf Erhaltung und Pflege dieser eigenartigen Literatur gerichteten Bestrebungen keine Förderung. In neuerer Zeit nennen sich die bosnischen und herzogländischen Moslimen unter dem Einfluss der Schulbildung bald Serben, bald Chrowoten und bedienen sich sowohl der cyrillischen als der lateinischen Schrift. Es gibt auch unter ihnen schon Kunstdichter, die es mit ihren Brüdern auf den Agramer und Belgrader Parnassen in der Anstrudelung unerweichlich grausamer Huldinnen erfolgreich aufnehmen. Nur am übermässigen Gebrauch türkischer Lehnwörter halten sie noch fest. Das unterscheidet sie von den anderen, die man auch nicht liest und vom Guslaren, der in der Volksprache singt und überall dankbare Zuhörerschaften findet.

I. ABTEILUNG.

HEXEN.

I. Der Name.

Der eigentliche slavische Name für Hexe ist vještica, bulg. vješčirica, für den Hexenmeister viještac. Die Etymologie des Wortes ist klar. Es bedeutete ursprünglich die Wissende, der Wissende, die Kundige und hat in Nebenformen noch in der gegenwärtigen Sprache diese Bedeutung beibehalten; veda slovenisch: das Wissen; neveda ein Unwissender; vedavica Kartenaufschlägerin (Russ. vēdma die Hexe); vedovin fatidicus, vijest Wissen, Nachricht, Bewusstsein; vijestnik der eine Nachricht bringt, Bote; vještina peritia, Findigkeit; vještak peritus, ein Kundiger, ein Wissender = viještac, diese Nebenform für Hexenmeister, sowie viještka und vještica zur Bezeichnung einer Hexe dient; nago-viještati zu erraten suchen; izvjedjavati in Erfahrung zu bringen suchen, auskundschaften; vještati zaubern, hexen. Vještica bezeichnete ursprüngliche eine weise Frau. (Vgl. über diese Benennung Grimm, D. M. 987.) In vielen Gegenden, namentlich ist dies für Dalmatien bezeugt, scheut man in Gegenwart von Kindern vještica zu sagen und gebraucht dafür die Euphemismen krstača oder rogulja (auch roguša) [17]. Krst bedeutet Kreuz [18] und Krstača (von χριστός) ist wohl die mit einem Kreuz Gezeichnete, die Hexe [19]. Rogulja nennt man eine Hexe zweifelohne deshalb, weil man sie sich zuweilen, wohl anknüpfend an die Vorstellung vom gehörnten Teufel der christlichen Kirche, gehörnt denkt. In Slavonien hörte ich öfters Kühe, die recht grosse Hörner hatten, mit dem Namen »Rogulje« rufen. Im chrowotischen Küstenlande scheint das Wort vještica vollständig von dem italienischen Lehnworte štriga verdrängt worden zu sein [20]. Unter den Slovenen und den Kaj-Chrowoten hat das deutsche Wort Zauberin in der verhunzten Form copernica (masc. coprnjak, inf. coprat, zacoprat, partic. zacopren) volles Bürgerrecht erlangt. Man gebraucht das Wort auch in Slavonien, doch ganz in dem Sinne wie in Deutschland. In Bosnien, dem Herzogtum, in Serbien und Bulgarien ist es unbekannt. Die Ausdrücke coprati, coprija, copernik und coprnica finden sich schon in den ältesten slovenischen und provinzialchrowotischen Wörterbüchern und Texten (Bjelostijenec, Jambrešić, bei Glavinić, vrgl. die Worte bei Daničić srps. ili hrv. riečnik Agr. 1882). Daraus ergibt sich, dass sie frühzeitig, wohl schon im Mittelalter, dem Deutschen entlehnt wurden. Im allgemeinen scheuen sich die Chrowoten und Slovenen coprnica für Hexe zu sagen, sondern gebrauchen dafür in mildem Tone die Bezeichnung ‘hmana žena’ (gemeines Weib); hmana ist das deutsche gemein; »Man nimmt Anstand, sich des Wortes ‘coprnica’ zu bedienen, weil sonst die Hexen darüber so sehr in Zorn geraten, dass sie den Betreffenden nächtlicherweile heimsuchen, ihn in vier Stücke reissen, jedes Stück nach einer anderen Weltgegend schleudern und hierauf alle Zuchtschweine, Kühe und Pferde aus dem Hause forttragen.« In Dalmatien bis tief noch in Serbien hinein wendet man häufig an zur Bezeichnung einer Zaubererin den Ausdruck maćionica, eines Zauberers: maćionik, einer Zauberei: maćija. Man erkennt auf den ersten Blick das italienische magia, die Magie. Zlokobnica (etwa: böse Begegnerin) heisst jedes alte Weib, dem man in aller Frühe, wenn man das Haus verlässt, begegnet, ehe man einen anderen Menschen noch gesehen. Eine klassische Stelle [21], die hier im Wortlaute angeführt zu werden verdient, gibt eine nähere Beschreibung der Hauptmerkmale, an denen man eine vještica, maćionica und zlokobnica ohne weiteres voneinander unterscheiden kann: »Slušao sam od starih adžija i kadija, da svaka vlahinja kad pregje 40 godina preda se nečastivome te postane vještica ili dajbudi zlokobnica ili maćionica. Prava vještica ima krst pod nos [22], svaka zlokobnica po nekolko brčnih dlaka [23], a maćionica namrskana čela i krvave pečate po obrazu.« (Ich habe von alten Hodžen und Kadis öfters gehört, dass sich jede Walachin, sobald sie das 40. Lebensjahr überschritten, dem Gottseibeiuns (nečastivomu) überliefert und eine Hexe (vještica), oder zum mindesten eine zlokobnica oder maćionica wird. Eine echte Hexe trägt ein Kreuzzeichen unter der Nase, jede zlokobnica hat einige Barthaare und eine maćionica hat die Stirne voll finsterer Falten und Blutflecken im Gesichte.)

Die vještica hat auch den Namen »mora« (die Mar oder Trut), je nachdem sie als solche auftritt. [24]

Für Zaubern ist der Ausdruck čarati am gebräuchlichsten. [25]

Snkrt. kar machen, tun; lit. kėrėti, kirti (zaubern); ahd. karawan, ags. gearvjan. čarati für hexen und zaubern (incantare, ueneficium facere) kommt schon in den ältesten südslav. Wörterbüchern vor. Im Volksprichwort: čarala baba da ne bude mraza a s jutra snijeg do koljena. (Das alte Mütterchen hexte, damit kein Frost eintrete, in der Früh aber lag der Schnee knietief.) Načarati verzaubern; začarati jemand durch Zauberei verblenden. čâr, incantatio; čara strigamento, Zauberei; pl. čari, Zaubermittel; čarnik Zauberer, čarnica Zaubererin; čarovnik magus; čarobija magia; čaralija, čarolija Zauberei als Begriff, čarka Zauberei in einem besonderen Falle, der vorliegt, etwa Verzauberung (čaratan und čarataonik Zauberer, čaratanija Hexerei, sind Lehnworte aus dem Italienischen ciarlatano, frz. charlatan). Nicht minder häufig gebraucht man für zaubern činiti. Der Grundbegriff ist derselbe wie in čarati, der des Tuns, Machens, Snskst. či, sammeln. Opčiniti, počiniti, učiniti bezaubern; učiniti se sich in etwas verzaubern, verwandeln; začiniti incantare; čîn, počin, Zauberei, Verzauberung, pl. čini. Tun, machen bedeutete ursprünglich auch vračati (vrgl. griech. Γεργ) hexen, wahrsagen, heilen, vračiti, medicari, izvračiti herstellen, gesund machen; vrač Wahrsager, Hexenmeister; noch vor hundert und fünfzig Jahren allgemein in der Bedeutung medicus; die Neuslovenen gebrauchen noch gegenwärtig für Arzt den Ausdruck vračar; vračlja, mulier, quae sanat, im Wtb. bei Stulić; vračilja sanatrix i. W. bei Habdelič; vračitelj medicus bei Belost. vračnik medicus. Stul. vračara, vračarica, Wahrsagerin; eine Frau, die Krankheiten zu heilen versteht. Vračba, vračtvo medicina, Heilmittel; adj. vračan; vračljiv medicabilis; nevračljiv immedicabilis. Von derselben Wurzel auch vrag der Teufel, eigentlich der Arbeitende (vrgl. d. Werk). Die Vorstellung von einem Höllenteufel kam den Südslaven, sowie den Slaven überhaupt erst durch die christliche Lehre; vražati so viel als čarati, ueneficia adhibere, magicam artem exercere, vražalac, vražalica, vraževnik Zauberer, fascinator; vragoduh malo genio agitatus; vragometan a daemone obsessus.

Für Zaubern gibt es eine ganze Reihe von Ausdrücken; am gebräuchlichsten ist bajati (Sskst. bha sprechen, griech. φα, vrgl. φάναι lat. fama); izbajati durch Zauberei bewirken; obajati behexen; zabajati incantare; bajiti einen Kranken pflegen; bajac, bajač Zauberer, incantator; basma, Zauberspruch. Daneben basna Zauberspruch, Fabel, bajka fabella; bahati colere artem magicam; bahalica maga; bahoriti fascinum depellere; bahoriti se sich heilen, curieren; bahor, bahorac, bahorica, bahornik, bahornica Beschwörer und Beschwörerin; bahorija, bahorstvo Beschwörung.

Für Amulet ist der echtslavische Ausdruck zapis, das Verschriebene. Skst. pis ritzen, kratzen; hamalija, das gleichfalls Amulet bedeutet und weit gewöhnlicher als das W. zapis gebraucht wird, ist ein Lehnwort aus dem Italienischen ammaliamento, lat. amuletum, frz. amulette. Alle in der Sprache vorkommenden Ausdrücke für Zaubern ergeben, dass ursprünglich diesen Bezeichnungen an und für sich durchaus keine schlimme, sondern vielmehr eine gute Bedeutung zukam. Die Wandlung erfolgte erst durch den Einfluss des Abendlandes.

II. Hexen (Vještice) und Waldfrauen (Vile.) [26]

Je tiefere Wurzeln ein geläutertes Christentum und abendländische Kultur unter den Südslaven schlagen, desto mehr wird der alte Volksglaube verdrängt, er gerät allmählich in Vergessenheit; die alten Glaubenvorstellungen verblassen oder es tritt eine Verwirrung ein, die es dem Forscher zuweilen recht erschwert, die ursprüngliche Fassung herauszufinden. In unserem Falle ist dies indessen noch nicht eingetreten. Wir können noch ganz deutlich den Weg verfolgen, auf dem der alte Glaube an die »Vile«, die südslavischen Waldfrauen, zu bösen Dämonen umgewandelt wurde. Die Vilen stellt man sich vor, wie es aus den älteren Volksliedern ersichtlich ist, als den Inbegriff aller Frauenschönheit und Vollendung. Sie sind die segenspendenden Huldinnen der Fluren und Berge, sie sind die Genien der Helden, denen sie mit Rat und Tat jederzeit beistehen, sie lehren die Kleinen Gottesfurcht und fromme Sitte und sind frei von jeder Arglist und Tücke. [27] Sie sind aber unversöhnlich, wenn man ein Gelübde, das man ihnen gelobt hat, nicht erfüllt [28] und wissen diejenigen hart zu bestrafen, die frech ihren Reigen, den sie in hellen Sommernächten im Mondenschein aufführen, zu stören wagen, oder die sie belauschen. So entstand die Redensart:

»Naišo je na vilinsko kolo« Er traf auf einen Vilenreigen,

wodurch man sich die plötzliche Erkrankung eines gesunden Menschen zu erklären sucht. Gewöhnlich wird solch sträflicher Vorwitz durch dauernde Brachlegung der Verstandkräfte bestraft, mitunter begnügen sich aber die Vilen, den Betroffenen gehörig durchzubläuen. Von dieser Auffassung ist nur ein kleiner Schritt zu der Umwandlung der Vilen in Plagegeister. Ein Hirte war so unglücklich, eine Vila zur Unzeit zu überraschen und musste für das unglückselige Ungefähr jahrelang büssen.

Es war einmal ein Hirte, der verstand so ausgezeichnet auf der einfachen und doppelten Hirtenflöte zu spielen, wie kein Zweiter nah und fern. Eines Abends, als es zu dämmern anfing, ging er seiner Herde voran nach Haus. Er flötete so süss und mild, so hoch und so tief auf seiner kleinen Flöte, wie ein Schwälblein in der Lenzsonne nur singen kann. Eben tönte aus dem Dorfe der Glocke Ava Maria-Geläute zu ihm herüber, doch Stanko betete nicht mit, sondern blies auf seiner Flöte das Ave Maria-Gebet her. Gerade als er damit fertig geworden, erreichte er auch den Zaunsteg vor dem Dorfe, und siehe da! Auf dem Zaune sitzt da ein Frauenzimmer, ganz in Weiss gehüllt, eine Vila. Stanko nähert sich dem Zaunstege, die Vila stösst einen feinen, markdurchdringenden Schrei aus, ganz nach Vilenart, und fährt auf in die Höhe. Ein heisser Windhauch umweht Stanko, er sinkt auf die Erde nieder, das Trittbrett auf dem Stege springt entzwei. Er rafft sich auf, eilt nach Hause, die Vila immer hinterdrein, er setzt sich zum Tische, um zu nachtmahlen, die Vila setzt sich an seine Seite neben seinem Knie nieder, er ins Bett, die Vila zu ihm ins Bett, er aus dem Bett, sie gleichfalls, er zur Arbeit, sie folgt ihm auf Schritt und Tritt.

Als nun Stanko merkte, dass die Vila durchaus von ihm nicht weichen will, beklagte er sich bei seinen Hausleuten und der ganzen Sippe. Man berief Zauberer und Zaubererinnen, Beschwörerinnen und Wahrsagerinnen — alle Mühe verloren, die Vila liess von Stanko nicht ab; der war überdies kein Recke, sondern ein schwächliches Männchen. So währte dies volle drei Jahre und während dieser Zeit trübte sich allmählich Stankos Geist, Stanko wurde verrückt. Oft brach er in ein Geschrei und Gejammer, in ein wüstes Lärmen und Toben aus, als ob ihm jemand die Haut zu einem Weinschlauche abzöge; er warf sich auf die Erde, als schleuderte ihn jemand zu Boden, und gleich darauf zeigten sich auf seinem Körper blaue Striemen, als hätte ihn einer mit einem Stock durchgebläut. Fragte man ihn: »Was fehlt dir, Stanko?«, so antwortete er, dass ihn Vilen deshalb prügeln, weil er sich weigere, mit ihnen durch die Welt zu ziehen. Oft fand man ihn in der Früh gefesselt, kreuzweis mit Bastwinden gebunden, und wieder erzählte er, dass es die Vilen getan, weil er sich ihnen nicht füge und ihre Worte nicht beachten mag. Eines Morgens erblickte man Stanko auf dem Wipfel einer Weisspappel in der Nähe seines Meierhofes. Keine lebende Seele vermochte ohne ausserordentliche Zu- und Ausrüstungen auf den hohen Stamm der Pappel hinaufgelangen. »Wer hat dich, Stanko, auf die Pappel hinaufgeschafft?« fragte man ihn, und er rief hinab: »Die Vilen«. Die Leute sahen sich genötigt, lange Nägel in den Stamm einzuschlagen, und so klommen sie zu Stanko hinauf, der oben an der Spitze im Geäste mit Lindenbast angebunden war. Mit Müh und Not hat man ihn losgelöst, denn so fest war er angebunden; dann liess man ihn mittels eines Seiles hinab.

Mehr als fünfzehn Jahre lang ertrug Stanko derartige Qualen durch die Vilen, bis man ihn schlieslich eines Morgens in der Nähe der Hütte in einer Grube fand, in der er im Kote erstickt war. [29]

Nun begreift man leicht den Übergang der Vilen zu vještice oder copernice.

Die übliche, ziemlich junge Dreiteilung der Vilenarten wird fast ganz auf die Hexen übertragen.

Es gibt drei Arten von Hexen. Zur ersten Art gehören die Lufthexen (sonst »zračne vile«). [30] Diese sind von sehr böser Gemütart; sie sind den Menschen feindlich gesinnt, jagen ihnen Schreck und Entsetzen ein und stellen ihnen auf Weg und Steg überall nach. Nächtlicher Weile pflegen sie dem Menschen aufzupassen, und ihn so zu verwirren, dass er das klare Bewusstsein vollständig verlieren muss. Zur zweiten Art gehören die Erdhexen (sonst »pozemne vile«). Diese sind von einschmeichelndem, edlem und zugänglichem Wesen und pflegen dem Menschen weise Ratschläge zu erteilen, damit er dieses tun und jenes lassen möge. Am liebsten weiden sie Herden. Die dritte Art bilden die Wasserhexen (sonst »povodne vile«), die höchst bösartig sind, doch, wenn sie frei auf dem Lande herumgehen, mit den ihnen begegnenden Menschen sogar gut verfahren, Wehe und Ach aber demjenigen, den sie im Wasser oder in der Nähe erreichen; denn sie ziehen und wirbeln ihn so lange im Wasser herum, oder reiten ihn der Reihe nach so lange, bis er jämmerlich ertrinken muss. (Aus Vidovec, Chrowotien.)

Nun ist uns auch die Entstehung folgender Redensarten verständlich geworden, durch die man böse Weiber kurz und treffend zu bezeichnen sucht: »To je vila« (das ist eine Vila), oder: »To je vila ljutica« (das ist eine ingrimmige, eine bissige Vila, d. h. ein böses, heimtückisches und rachsüchtiges Weibsstück), oder man sagt zu einem Frauenzimmer, das man nicht gerne um sich sieht: »Idi vilo!« (Troll’ dich, Vila) ganz in der Bedeutung von: arge Hexe.

III. Die Hexe im Sprichwort.

Ako i je baba, nije vještica. Wenn sie auch ein altes Weib ist, so ist sie doch keine Hexe,

sagt wohl ein Mann in launiger Stimmung von seiner Alten, gewissermassen, um sie wegen ihres Alters, das leicht den Verdacht der Hexenkunst erwecken könnte, zu entschuldigen, worauf in der Regel das Weib in demselben Tone entgegnet:

Svaka baba vještica a djed viještac. Jedes alte Mütterchen ist eine Hexe und (jeder) Alte ein Hexenmeister.

Biži ko vištica od biloga luka. Sie eilt davon wie eine Hexe vor weissem Lauch.

Mit Knoblauch vertreibt man Hexen.

Uskostrešila se ko vištica. Ihre Haare sind wirr und zerzaust wie bei einer Hexe.

Izgleda kao da su ga coprnice donijele sa Ivanjščice. [31] Er sieht aus, als hätten ihn die Hexen von der Ivanjščica hergebracht.

Svaka vračara s vražje strane. Jede Hexe ist von des Teufels Partie,

d. h. sie hat ihre Seele dem Teufel verschrieben und steht mit ihm im Bunde.

Kud će vještica do u svoj rod? Wohin wendet sich eine Hexe, als zu ihrer Sippschaft?

Jaše ga vještice. Es reiten ihn Hexen.

Das ist die Hexe als Alp. (Er leidet an nächtlichen Samenergüssen.)

Vračarice, coprnjice, kuko ljeskova! Zauberin, Hexe, Haselstockhacken! [32]

Eine Beschimpfung für ein Frauenzimmer, das auf Zauberei und Hexerei viel hält und sich damit abgibt.