Part 38
Das ist der soziale Hintergrund, auf dem sich die Hauptbegebenheiten unseres nachfolgenden Guslarenliedes abwickeln. Sie geben uns ein, wenn auch dichterisch verklärtes, doch immerhin überaus lehrreiches Beispiel, wie sich dieser Kampf zweier Organisationformen im einzelnen zuweilen abspielt. Beg Ljubović von Nevesinje war in Handelgeschäften — die Begriffe Edelmann und Grosshändler decken sich gewöhnlich auf der genossenschaftrechtlichen Stufe — in das venezisch-dalmatische Gebiet gereist und hatte einen Abstecher nach Zara gemacht. Der Provveditore gibt den Auftrag ihn zu blenden. Der Beg tötet aus Notwehr den Angreifer und rettet sich durch die Flucht. Darauf setzt sich der Provveditore mit dem Paša von Banjaluka wegen Ermordung Ljubović’s ins Einvernehmen. Das Vorgehen des Italieners widersprach ganz und gar der vertragmässig zwischen der Republik Venedig und der Hohen Pforte zu Kraft bestehenden Abmachung, war aber trotzdem dazumal gang und gäbe. Dieses Staatswesen ging klipp und klar seiner dalmatischen Besitzungen vorzüglich dank seiner hochadeligen militärischen Beamten verlustig, die mit sinnloser Willkür und Gewaltherrschaft das slavische Volk im Lande und in der Grenznachbarschaft ständig in Aufruhr erhielten [186].
Der gleichfalls namentlich nicht genannte Paša von Banjaluka war des Provveditore’s würdiges Seitenstück. Beide, Vertreter zügelloser Eigenmächtigkeit, fanden sich trotz religiöser und nationaler Verschiedenheit leicht zusammen in ihren Zwecken und Zielen. Ljubović und das Gebiet von Nevesinje unterstanden dem Paša durchaus nicht. Das beengte ihn aber wenig. Er sandte gemütlich eine Mörderschar zur Vollstreckung der Untat ab. Die Leute verübten in Abwesenheit des Begs Greuel und büssten sie bald darauf. Den Streit zwischen Ljubović und dem Paša, auf einmal dem Wahrer des Rechtes und des staatlichen Ansehens, löst im Liede — ein Wunder.
Ljubović’s Milchbruder Stefan Majković besteht für den Sultan gegen einen Araber einen Zweikampf, rettet dem Sultan das Leben, rettet den Staat, rettet damit den Beg und erwirbt zugleich das Recht, über den Paša abzuurteilen. Der Araber! Das ist ein guter, alter Bekannte. Der muss ebenso in der serbischen als der bulgarischen Guslarenepik den Ruhm der heimischen Helden begründen helfen. Im Kampfe mit Orlović ist er noch dreiköpfig [187], in älteren Zeiten und bei älteren Völkern war er gewöhnlich mehrköpfiger, und eigentlich war er von Ursprung ein menschenfressender Drache.
Vielleicht trug zur Behauptung dieser Sage im poetischen Volkbewusstsein auch der im XIV. und XV. Jahrhundert in der Türkei übliche Brauch militärischer Bravourduelle bei. »In damaliger Zeit,« so schildert der Biograph Skanderbegs die Verhältnisse, »wo die persönliche Kraft des Einzelnen noch häufig massgebend für den Sieg war, herrschte auch in Friedenzeiten der Brauch, dass einzelne, besonders kampfgeübte Streiter von Stadt zu Stadt zogen, um die Tapfersten zum Zweikampf herauszufordern« [188].
Möglicherweise liegt unserer Liedschlussepisode ein solches Ereignis zu Grunde, nur ist die Sache keineswegs wahrscheinlich. Ljubović und Majković übergeben sich ohne Wehr und Waffen dem Abgesandten des Sultans, der mit einem Heere ihre Burg umlagert: denn gegen den Kaiser gibt es keinen Kampf. Der Guslar sagt es selber, und es entspricht dem Gewohnheitrecht der Völker. Nicht einmal den Häuptling einer Hajdukenrotte darf einer der Pfadgenossen zum Zweikampf herausfordern, um wieviel weniger einer aus dem Volke den mit Göttlichkeitmacht ausgestatteten Sultan! Das Rechtsprichwort drückt dies so aus: muluć samo na muluća! (Der Herrscher kämpft wieder nur mit einem Herrscher). Dies gilt schon zu Recht bei der primitiven kriegerischen Genossenschaft. Geraten zwei derartige Verbindungen in Streit, so kämpfen die Häuptlinge einen Zweikampf aus, während die beiderseitigen Rotten müssig zuschauen. Gewöhnlich schliesst sich dann die Rotte des unterlegenen, der Rotte des obsiegenden Häuptlings friedlich an. Erst die spätere Entwicklung der Organisation, wenn einmal die Rottenhäuptlinge zu Landgebietern von geheiligter und unantastbarer Gestalt geworden, brachte es zu Wegen, dass die Hauptinteressenten, selber in gesicherter Ferne, mit Hilfe ihrer Getreuen einander bekriegten; dass sich also die Untertanen gegenseitig hinschlachteten, um ihre kindische Neugier zu befriedigen, für welchen der zwei Gebieter die Hinterbliebenen in Zukunft zu roboten und zu darben haben werden.
Der Bericht leidet auch darunter, dass ein so unmittelbares Eingreifen des Sultans in eine verhältnismässig geringe Provinzialangelegenheit unglaublich, weil unnötig erscheint. Ljubović konnte sein Recht beim Vali suchen, der es schwerlich geduldet haben würde, dass ihm der armselige Paša von Banjaluka ins Handwerk pfusche. War aber der Paša beim Vali Liebkind, so gab es wirksamere Mittel als einen Zweikampf, um ihn umzustimmen. Zu einem Vali pflegt man mit grossem Nachdruck (von so und so viel Beuteln Goldes) zu reden. Ist die strittige Angelegenheit auf diese nicht ungewöhnliche Weise ins Reine gebracht worden, so lag es gewiss zunächst im Vorteil Ljubović’s, seinen Hof- und Burgguslaren darüber nicht aufzuklären, sondern es vielmehr dessen dichterischer Begabung anheimzustellen, eine minder prosaische Lösung zur Aufklärung des Volkes über das Geschehnis zu erfinden.
Der Christ Majković als Milchbruder des Moslims Ljubović und dessen Hausgenosse ist nicht als eine Ausnahmerscheinung zu betrachten [189]. Die heimischen Moslimen waren auf demselben Baum, auf dem ihre christlichen Volkgenossen gewachsen. Sprache, Sitte und Brauch, Rechtanschauung und Religion waren ihnen gemeinsam. Man muss ausdrücklich sagen: Religion; denn sowenig dem einen der Islam, war dem anderen das Christentum vertraut; gottlob, es ist bis auf den heutigen Tag nicht um vieles hierin anderes geworden, sonst wäre es mir nicht möglich gewesen, mein Buch über Volkglauben und religiösen Brauch der Südslaven, so wie es voll Heidentum geraten ist, zu verfassen und die Anthropophyteia herauszugeben. Es steckt ebensoviel Bosheit und Tücke als Unverstand in der Behauptung eines mir aufsässigen Kritikers, wenn er berichtet (und so mancher schreibt es ihm ohne Überprüfung nach), dass die moslimischen Guslarenlieder meiner Sammlung christenfeindlich gehalten wären [190]. Die Haltlosigkeit dieser Ausstreuung fällt jedermann in die Augen, der sich nicht scheut, das eine und das andere Lied durchzulesen. Die Helden moslimischer Guslarenlieder fühlten sich nicht als Streiter für den Fanatismus irgendwelcher Derviše berufen, auch führten sie keinen Krieg gegen Weiber, Kinder und christliche Geistliche und Kirchen. Das galt als unritterlich. Die Anfachung des wildgrimmigen Religionhasses geschah und geschieht leider noch immer von Vertretern der Nächstenliebe, der Milde, Versöhnlichkeit und Güte, von Leuten, die das Gelübde der Armut und Keuschheit ablegen, aber dem Reichtum nachjagen und in Polygynie schwelgen, dann von Politikern und von chrowotischen Lügenhistoriographen, die ihre Unfähigkeit, die Wahrheit zu begreifen und zu ergründen, mit erheucheltem Patriotismus und gleichwertiger Treuversicherung für ihren Glauben zu bemänteln suchen.
Der Liedtitel, wie folgt, vom Guslaren.
Majkoviću Ljubovića pobro.