Part 37
Dann weiter sprach der Ban zum Fürsten noch: — Wann darf ich, Fürst, mit dem Geleit erscheinen? Wie viel Geleitgefolge soll ich führen? — Bring mir eintausend Hochgezeiter mit, nur lauter Schulzen, reiche Lehenbauern und bring zu Hochgezeitern Städter mit. Erscheine, Ban, mir in der zweiten Woche! Der Ban von Janok brach nun auf zur Heimkehr. Als hoch zu Ross er in den Hof gejagt, befand sich in dem Hof des Fürsten Fräulein, sie sprach mit leisen Lauten so zum Ban: — Mein edler Herr und Ban von Burg zu Janok was hat mein Vater wohl zu dir gesprochen? — Fürst Michaël, der hat zu mir gesprochen: zu Hochgezeitern soll ich Städter bringen nur lauter Schulzen, reiche Lehenbauern. — Was sollen Städter-Hochzeitleut dem Vater?! er will doch keine Hofgelass’ verkaufen! dann, lauter Schulzen, reiche Lehenbauern?! will denn der Vater Länderei’n verteilen? Ja, blieb dir unbekannt es, Ban von Janok, dass siebenmal als Braut ich ward erworben und siebenmal als Braut die Reise machte? Jedoch mein Vater, mög es Gott ihm lohnen, brandschatzte all die sieben Brautgefolge, er bracht ums Leben sieben Bräutigame und häufte viel an eitlen Schätzen auf. Er wird auch dich, o Ban, ums Leben bringen, brandschatzen wohl auch deine Hochgezeiter, auch deine Schätze sich zurückbehalten. Wofern du heimzuführen mich vermeinst, traun, sammle lauter auserwählte Helden! Und nimm in Obacht dich durchs Land Bulgarien, Bulgaren sind ja altverschlagne Schelme, dass dich, indes du hoch zu Falben durchziehst, nicht einer mit dem Wurfspiess arg versenge! Durchs Land Bulgarien zog nach heim der Ban. Als heim er in die Burg von Janok kam, da schrieb er ohn Verzug ein zierlich Schreiben und übersandt es an den Prinzen Marko: »Allhier ein Schreiben, teuerer Herzensbruder! Erschein zu meinem Brautgeleite, Marko, bring keinen Hochgezeiter weiter mit; ich hab mir, Bruder, eine Braut erworben, erworben bass im Lande der Bulgaren. Bulgaren sind ja altverschlagne Schelme.« An Miloš Obilić ein zweites Schreiben: »Erschein zu meinem Brautgeleite, Miloš! bring keinen Hochgezeiter weiter mit; ich hab mir, Bruder, eine Braut erworben, erworben bass im Lande der Bulgaren. Bulgaren sind ja altverschlagne Schelme.« An Relja vom Pazar ein drittes Schreiben: »Erschein zu meinem Brautgeleite, Relja! bring keinen Hochgezeiter weiter mit; ich hab mir, Bruder, eine Braut erworben, erworben bass im Lande der Bulgaren. Bulgaren sind ja altverschlagne Schelme.« Als es gerad vor Sonntag Abend war, der Königsprosse Marko kam daher und gleich nach Marko Miloš Obilić, nach Miloš folgte Relja vom Pazar. Fürtrefflich sie der Ban empfangen tat, die Rosse führt er in die warmen Keller, die Ritter in die weissen Burggemächer und pflanzte sie an reichbesetzte Tafel. Sie huben an am Kühlwein sich zu laben. Am Morgen als der Morgen angebrochen, da rüsteten sie ihre guten Renner und zogen fürbass aus der Burg von Janok. Am zweiten oder dritten Reisetage als sie im grünen Hochwald sich befanden dem Felsen nah des Heldengreises Novak, da sprach das Wort der Königsprosse Marko: — O mein Gebieter, Ban von Janok-Burg, zum greisen Novak lass uns Einkehr halten, damit wir ihn zur Hochzeit laden ein, er führe mit Georgchen seinen Sohn; denn sonder ihn ist kein Verlass aufs Glück! Sie hielten Einkehr in die kalte Höhle. Zur Hochzeit lud der Ban den Alten ein. Zur Antwort ihm der greise Novak gab: — O mein Gebieter, Ban von Janok-Burg! Zur Hochzeit kann unmöglich mit ich ziehen, denn keinen Groschen noch Denar besitz ich, und kann mich nicht zur Hochzeit rüsten aus Du weisst ja, Ban, o teuerster Gebieter, dass weder Haus ich noch Gehöfte habe; fürs Heim mir hilft die kalte Felsenhöhle. Sobald der Ban die Worte tat vernehmen da gab der Ban ein hundert Golddukaten und Marko gab ein hundert Golddukaten und Miloš gab ein hundert Golddukaten und Relja gab ein hundert Golddukaten. Sie rüsteten den greisen Novak aus, zu gleicher Zeit Georgchen seinen Sohn und zogen fürbass in das Land Bulgarien. Als sie im Land Bulgarien angekommen, belagert lag das grüne Grasgefilde vom Heere mächtig, das der Fürst gesammelt. Doch sieh! da naht ein schwarzer Araber, beritten wohl auf Beduinenrappen. Der Ărăbĕr gröhlt, der Wüstenrappe brüllt, die Schwarzerd unter dem Getrapp erdröhnt: — Wer ist euch hier der Ban von Janok-Burg? er mög heraus zum Heldenzweikampf rücken entweder selber oder sein Ersatzmann! Schon wollt heraus der Ban zum Zweikampf rücken, doch hielt zurück ihn Miloš Obilić: — Halt ein, o Ban, mein teuerster Gebieter. Der Kampf ist dein, doch mein die Kampfvertretung! ich will dem Araber im Plan erscheinen. Und jagte hoch auf feistem Fuchs hinaus; sie drangen einer auf den andern ein. Es schwang der Araber die Nagelkeule und schlug drauf los auf Miloš Obilić, er warf ihn nieder auf den grünen Rasen, er band ihm auf die Schultern fest die Hände, er trieb ihn vor sich her ins Land Bulgarien fort ins Verliess des Fürsten Michaël. Nach kleiner Weile, wohl nicht allzulanger, der Schwarzaraber wieder war erschienen. Der Araber gröhlt, der Wüstenrappe brüllt: — Wer ist von euch der Ban von Janok-Burg? Er mög heraus zum Heldenzweikampf rücken entweder selber oder sein Ersatzmann! Schon wollt heraus der Ban zum Zweikampf rücken, doch hielt zurück ihn Relja vom Pazar: — Halt ein, o Ban, mein teuerster Gebieter! der Kampf ist dein, doch mein die Kampfvertretung! Und stürmt’ hinaus auf seinem feisten Mustang; sie drangen einer auf den andern ein. Es schwang der Araber die Nagelkeule und schlug drauf los auf Relja vom Pazar, er warf ihn nieder auf den grünen Rasen, er band ihm auf die Schultern fest die Hände, er trieb ihn vor sich her ins Land Bulgarien fort ins Verliess des Fürsten Michael. Nach kleiner Weile, wohl nicht allzulanger, der Schwarzaraber wieder war zur Stelle. Der Araber gröhlt, der Wüstenrappe brüllt; — Wer ist von euch der Ban von Janok-Burg? Er mög heraus zum Heldenzweikampf rücken entweder selber oder sein Ersatzmann! Schon wollt ihm auf dem Plan der Ban erscheinen, doch wehrt’ es ihm der Königsprosse Marko: — Halt ein, o Ban, mein teuerster Gebieter! der Kampf ist dein, doch mein die Kampfvertretung! Na, bis ihm Marko auf dem Plan erscheint! Und tollte fort auf seinem feisten Schecken. Sie drangen einer auf den andern ein. Herr Marko liess die Nagelkeule schwirren und niedersausen auf den Schwarzaraber. Wie gar so leichten Schlag er ihm versetzte, dass ihm der Schecken unterm Leibe stürzte, der Schecke warf sich über seinen Reiter und drückt’ zur Erd’ den Prinzen Marko nieder. Der Araber stieg vom wilden Rappen ab und fesselte den Königsprossen Marko; er trieb ihn vor sich her ins Land Bulgarien fort ins Verliess des Fürsten Michael. Nach kleiner Weile, wohl nicht allzulanger, der Schwarzaraber wieder war zur Stelle. Der Araber gröhlt, der Wüstenrappe brüllt, die Schwarzerd unter ihrem Trab erdröhnt: — Wer ist euch hier der Ban von Janok-Burg? er mög erscheinen oder sein Ersatzmann! Schon wollt ihm auf den Plan der Ban erscheinen, doch wehrt’ ihm Novak ab, der Heldengreis: — Halt ein, o Ban, mein teuerster Gebieter, zuerst erschein’ ihm auf dem Plan der Alte! Da sprach zu ihm das Wort sein Kind Georgchen: — O du mein Vater Novak, Heldengreis, o lass uns wechseln unsre Säbel aus; neun Spannen misst dein Säbel in der Breite, vier Spannen bloss ist breit der Säbel mein. — Lass gut es sein, mein Sohn, du Jung-Georgchen! Sollt ich in Leid und schlimme Lage fallen, leicht wechseln wir noch unsre Säbel aus. Sie drangen einer auf den andern ein, sie zogen blank die Klingen aus dem Gürtel, (der Alte wollte nicht die Nagelkeule) er traf mit einem Hieb den Schwarzaraber, erfasst’ ihn nur ein wenig oberm Gürtel; so fein und leicht tat diesen Streich er führen, dass gleich zwei Hälften in den Rasen fielen. Und dennoch schreit vom Rasen der Araber: — O preis nur Gott, du Heldengreis, o Novak! Die Rippen hat Herr Marko mir zerbrochen, sonst hättest du mich nicht so leicht zerstochen! Nun zogen fort sie in das Land Bulgarien zum weissen Hofe Michaëls, des Fürsten. Kaum kam Herr Novak hin, der Heldengreis sofort zerbrach die Pfort er am Verliesse und machte frei der Wahlgebrüder drei. Des Fürsten Heer sie trieben auseinander und plünderten ihm aus die weisse Hofburg; sie rafften all den baren Schatz zusammen, sie töteten ihm seine beiden Söhne, von frevler Zucht, dass keine Frucht verbleibe. Den Fürsten schunden sie lebendig ab. Sie führten mit sich weg das stattlich Mädchen und zogen durch das Land Bulgarien heim. Herr Marko singt voran dem Hochzeitzuge: — Ohn trübe Wolke gibt es keinen Regen und ohn den alten Novak keinen Degen! Hätt Novak uns gefehlt, der Heldengreis, wir blieben Kerkerhäftling in Bulgarien! Wär’s noch bei wem, es tät nicht weh der Seele, doch grad bei dem, beim Fürsten von Bulgarien! Nun zogen sie zur Janok-Burg zu Haus. Drei Wochen währte wohl der Hochzeitschmaus.
Erläuterungen.
Das Lied sang mir am 24. Oktober 1885 mein Diener und Reisebegleiter Milovan Ilija Crljić Martinović aus Gornji Rgovi in Bosnien vor. Von wem er das Lied »übernommen«, war ihm nicht mehr im Gedächtnisse. Er hatte es schon als Sauhirtlein gekannt, also ums Jahr 1850. In seinem Repertoir führt das Lied die Bezeichnung: Od Janoka ban u Bugarskoj i svat mu starina Novak (Der Ban von Janina in Bulgarien und dessen Brautbegleiter Novak der Heldengreis). Milovan war ums Jahr 1860 Leibpferdewächter Osman Pašas als dieser die Montenegrer bekriegte. Als dem Paša die Pferde »gestohlen« wurden, entzog sich Milovan samt Genossen durch Flucht einer Untersuchung des Falles. Er hielt sich bis zum Ableben Osman Pašas im Gebirge auf. Damals habe er, erzählte er mir, mehrmals in der Romanija planina in Novaks Höhle vor den Zaptijen (Schergen) Schutz gefunden. Er wollte auch mich hinführen, aber ich mochte nicht hin, weil mein vagabundenmässiges Gewand und Schuhwerk diese Tour durchs Walddickicht über Stock und Stein kaum bestanden hätten. Eine Novak-Höhle zeigte mir der greise Archimandrit von Banja an der Drina im Gebirge jenseits des Klosters in einem Grabsteinbruche. Das ist aber keine alte Räuberhöhle, vielmehr ein ganz gemeines, unhistorisches Loch im Sandstein, das die Steinmetzen ausgehöhlt hatten, um sich darin bei Regen und Unwetter zu bergen.
Greise Haudegen, gleichgültig ob in der Epik oder in der Wirklichkeit, von Nestor an bis zum alten Flöhefeind Stipurile, waren keine Dauerredner. Wer die frische, verwegene Tat zu vollbringen liebt, pflegt vielen Worten abhold zu sein. Berühmtheit ist jedoch mitunter im Leben, und öfter nach dem Tode ein Unsegen für den, der sie einmal erlangt hat und ihrer nicht mehr ledig werden kann. Wer sollte es für möglich halten, dass sich ein Serbe finden wird, der unterm Deckmantel des nationalen Patriotismus unseren Novak, den Heldengreis zum furchtbarsten, langweiligsten Schwätzer und Lügenbold, zu einem umgestülpten Gargantua umdichtern werde? Das Buch hat den Titel: Starine od starine Novaka ili Tolkovanje Narodnjeg Pjevanja i Pripovjedanja. Napisao Joksim Nović Otočanin. Izdala »Matica Srpska«. Neusatz 1867. S. 356. 8o. (Denkwürdigkeiten vom Heldengreis Novak [erzählt] oder Verdolmetschung der Volklieder und Volkerzählungen. Geschrieben von Joksim Nović aus Otočac [in der Lika, Chrowotien]. Das Buch erklärt man für ein klassisches Erzeugnis serbischer Erzählungkunst. Es ist gut möglich, dass sich Nović consueto more solcher serbischer und chrowotischer Literätlein selber die Reklame besorgt hat. Von einer Verdolmetschung oder Erläuterung der Volktradition ist in dem Buche nicht einmal eine Spur, Nović lässt den alten Novak bei Gelegenheit eines Taufschmauses und einer Verlobung im Hause eines Freundes bei Visoko in Bosnien seine Memorabilien aus dem Leben selig entschlafener Helden auskramen. Planlos und ziellos reiht Novak aus Guslarenliedern dürftige prosaische Berichte aneinander, entkleidet sie jeder poetischen Zutat und dichtet den Helden ungeheuerliche Schandtaten und himmelschreienden Frevel an, kurzum, nach der Darstellung Nović-Novaks müsse man die Serben für den Ausbund aller irdischen Niedertracht und Schlechtigkeit erachten. Eine blutrünstige Phantasie hat Nović gewiss, aber sie hat das eine mit den meisten Dampfluftschiffen gemein, dass sie sich über die Gipfel einer glatten Ebene nicht erheben kann. Seine Diktion ist zerhackt und gibt wohl ein Bild der bäuerlichen Ausdruckweise des Bosniers unserer Zeit. Von den sozialen und kulturellen Zuständen der Südslaven des XIV. Jahrhunderts besitzt Nović keinen blauen Dunst. Und das Bad muss Novak, der Heldengreis ausgiessen!
Zu V. 5. gji mundartlich für gdi (gdje). Zu V. 6 mere für može, V. 99 sitru f. sitnu eine Spracheigentümlichkeit der Dorfbewohner vor Gornji Rgovi. Im V. 55 sagt Milovan sopru für sofru; denn ihm fällt die Aussprache von f. schwer.
Zu V. 51. ich habe sie geboren, dir hab ich sie geschenkt. Kraft seines väterlichen Mundschaftrechtes steht ihm unumschränkte Verfügung über die Tochter frei. Mein seliger Landsmann der Heilige Hieronymus Sophronius Eusebius (aus dem vierten Jahrhunderte) erzählt treuherzig in griechischer Sprache, er persönlich habe zu Alexandrien einen Pathicum gekannt, der schwanger geworden und einen unförmlichen Klumpen statt eines Kindes geboren. Das glaubt ihm kein serbischer Bauer, obgleich er, wie uns auch der V. 51 lehrt, ohne weiters einen Vater sagen lässt, dass er sein Kind geboren. Er will damit natürlich den gewöhnlichen Hergang des Geborenwerdens von einer Mutter nicht abläugnen, sondern lediglich das Vaterrecht hervorheben, demzufolge der Vater alles, die Mutter nichts gilt. Unsere Helden töten zum Schluss die beiden Söhne des Fürsten Michaël, um dessen Geschlecht mit Stumpf und Stil auszurotten, aber es fällt ihnen nicht im Traume ein, dass aus der Ehe des Bans von Janok mit der geraubten Fürstentochter dem geschundenen Fürsten Enkel entspriessen könnten. Die Prinzessin scheidet mit dem Eintritt in des Bans Stamm gänzlich aus dem väterlichen Geschlechterverbande und ihre Kinder gebiert der Ban, ihr Herr und Gebieter über Leben und Tod. Das Recht des Stärkeren hat eine zwingende Logik, es tut auch der Sprache Gewalt an. Ich durfte hier der Spur des Serben nicht folgen, weil man meine Verdeutschung ohne Kommentar nicht verstanden haben würde; darum erlaube ich mir etwas anderes einzusetzen, um den Leser nicht aufzuhalten.
Zu V. 60 irrtümlich bane für kneže und im V. 70 banova statt kneževa. Sprechversehen sind nicht selten in Guslarenliedern. Quandoque et bonus dormitat Guslarus. Ich ändere selbst Derartiges nicht in meinen Texten. Die interpolierten 2 Zeilen Gedankenstriche im Texte nach V. 60 und die Einschaltung in der Verdeutschung sind von mir. Ohne die gedachte raubritterliche Pantomime wäre die Szene kaum verständlich.
Zu V. 63. Die Frage ist am Platze; denn der Bräutigam kann von vornherein nicht wissen, wie viel Leute der Fürst in der Lage sei, gastlich frei zu halten. Der Fürst wünscht sich Städter, friedliebende Leute, zu Gästen, die auch bei Geld sind und sich selber etwas kaufen, anstatt den Gastgeber auszusacken und arm zu fressen. Die Braut freilich gibt dem Wunsche eine davon verschiedene Deutung.
Zu V. 62. in der zweiten Woche, d. h. nach 15 (14 + 1) Tagen. Trifft der Bräutigam bis dahin um die Braut nicht ein, wird der Handel, die Verlobung von selbst rückgängig.
Zu V. 71. Halblaut sprechen ist nach osmanischen Anstandbegriffen die Art feingebildeter Leute. Das Fräulein redet hier aber auch aus Vorsicht leise.
Zu V. 78. Bŏje, d. i. Stockwerke der Häuser. Holzbauten kann man auseinanderlegen und an einem anderen passenden Orte aufstellen. Der Unterbau aus Stein ist unverkäuflich.
Zu V. 94. In serbischen Guslarenliedern öfters: bugari su stare varalice, d. h. Bulgaren haben es faustdick hinter den Ohren. Statt Bugari sonst Latini Lateiner (Venezianer). Solche Schmeicheleien sagen einander Nachbarvölker gern nach. Man lese darüber das treffliche Werk: Blason populaire de la France par H. Gaidoz et Paul Sébillot. Paris 1884. XV, 382 und dazu Sébillots Nachtrag: Blason populaire de la Haute-Bretagne 38 S. Tragisch sind solche Aussprüche nicht zu nehmen.
Zu V. 100. Die Besorgnis ist unbegründet, dass uns der Guslar etwa tausendmal denselben Brief zum Besten gegeben hätte, wenn der Ban 1000 Gäste eingeladen. Selbst bei grossartigen Einladungen nennt der Sänger nur die ersten Würdenträger und Führer namentlich, doch meist um deren Aufzug späterhin beschreiben zu können.
Zu V. 100 ff. Über den Prinzen Marko gibt es sowohl in der serbischen als der deutschen und russischen Sprache schon eine stattliche Literatur. Heil dem Manne, der sie nicht zu lesen braucht. Hübsche Charakteristiken der bulgarischen Überlieferung gab G. Popov im Sbornik za narodni umotvorenija, Sofija 1890. (Blgarskite junaški pesni) Bd. III1, S. 247 ff.
Zu V. 139. Das Lob bezieht sich ausschliesslich auf den Alten. Er zieht als »stari svat« als der Oberordner des Hochzeitzuges und Proviantmeister mit, seinen Weisungen muss jedermann gehorchen, selbst Braut und Bräutigam und deren Eltern.
Zu V. 145. Kojo für koje je ovo (welches ist allda, hier), kojvo.
Zu V. 171. Zaodivo, Gang für einen anderen. Das Wort noch in keinem Wörterbuch.
Zu V. 218 šăfku in der Verdeutschung nicht wiedergegeben. Bei Milovan öfters, kommt noch in den Wtb. nicht vor. Ich vermute ein ursprüngliches türk. čapkun, ein Pferd, dessen Gangart der Galopp ist. Das bosnische Bauernpferd ist an den langsamen Passgang gewöhnt. Milovan kannte die Bedeutung des Wortes nicht. E tako sam primio (ja, so hab ich’s überkommen), pflegt er in solchen Fällen zu sagen.
Zu V. 235 ff. Solche riesige Aufschneidereien sind in Guslarenliedern nicht spärlich. Man denke sich die kolossale Länge zu einem neun Spannen breiten Schwerte! Grujo meint, der Säbel dürfte dem alten Vater doch etwas schwer fallen und darum bietet er ihm seine leichte Klinge an. Die ist bloss vier Spannen breit und wahrscheinlich nur zwanzig Ellen lang. Solche Einschaltungen gehören zum dichterischen Aufputz der Guslarenlieder.
Zu V. 242. Der Alte wollte die Nagelkeule nicht beschmutzen. Es verlohnt sich ihm gar nicht, gegen einen so geringen Gegner mit einer so wuchtigen Waffe auszuholen. Nach einem Guslarenliede wog der Apfel von Novaks Schlachtkeule 120 Litren Eisen.
Zu V. 261. Unter oguliti (schinden) ist hier lediglich die Amputation der Ohren, der Nase, der Finger, Zehen und des Zumptes zu verstehen. Über altsüdslavische Strafen vrgl. meinen Kommentar zu König Mathias und Peter Géréb in den Ethnolog. Mitl. aus Ungarn, Bd. III. In unserem Sonderfalle nahmen die Helden, wie nach Kriegbrauch, wohl die abgeschnittenen Leibteile als Siegzeichen mit, um sie daheim vorzuzeigen.
Zu V. 272. Die Hochzeitfestlichkeiten dauern sonst nur zwei Wochen, diesmal vergönnten sich die Herrschaften noch eine dritte gute Woche. In Slavonien darf nach behördlicher Verfügung kein Hochzeitschmaus länger als 2 Tage währen; denn das Bauernvolk richtete sich durch den üblichen Aufwand bei Hochzeiten wirtschaftlich zu Grunde.
Die Milchbrüder.
Die geschlechtgenossenschaftliche Rechtgemeinschaft (bratstvo, pleme, gr. Phratrie, Phylē) geschlechterrechtlicher Verbände führte zur territorialgenossenschaftlichen Organisation über. Diese bildete bei Slaven und Germanen gleichermassen die Grundlage für die darauf sich erhebenden herrschaftlichen Verbände, denen sich nach Umständen das Häuptling- und Königtum der daneben einhergehenden kriegerischen Organisation aufnötigte [185]. Die geschlechterrechtliche Gemeinschaft braucht zu ihrer gedeihlichen Entwicklung und zu ihrem dauernden Bestande ungestörten Frieden, die herrschaftliche dagegen erheischt unablässig Krieg mit den Nachbarn. Fehlt ein solcher, dann macht sie sich innerhalb ihres heimischen Gebietes der Bevölkerung fühlbar und unterdrückt sie. Es erfolgt ein Gegendruck und es entstehen Reibungen, bei denen mitunter die eine der Organisationformen auch völlig in die Brüche geht.
In Bosnien und dem Herzogtum lastete auf den geschlechterrechtlichen Genossenschaften, die sozial das arbeitende Volk darstellten, neben der Wucht der kriegerischen Organisation (Königtum und Adel) noch die kirchliche, eine unproduktiver als die andere, eine mehr als die andere vom Marke des Volkes zehrend, zum Überfluss beide noch miteinander im aufreibenden Kampfe um die Herrschaft und die unumschränkte Volkknechtung. Nach der jedenfalls auf gründlichem, historischem Material fussenden Ermittlung des bosnischen Franziskanerfraters Bōžić gab es zur Zeit der Eroberung Bosniens durch die Türken in dem Gebirgländchen zweihundert und dreiundsiebzig (273) Franziskanerklöster, ungerechnet die Zweiganstalten und sonstige Ordenklöster! Man darf annehmen, dass das einrückende türkische Heer mit ausgelassenem Jubel als ein Befreierheer vom Volke begrüsst worden sei. Dafür zeugt mittelbar die Tatsache, dass die Besitzergreifung oder Unterwerfung des Landes buchstäblich ohne Blutvergiessen innerhalb dreier Tage erfolgte und an einem einzigen Tage siebzig der wohlbefestigten Burgen ihre Tore den Türken gastlich aufschlossen. Bosnisch-slavisches Königtum mit seiner Adelherrschaft verschwand fast spurlos von der Bildfläche, von den Mönchklöstern blieben ihrer nur sechs oder acht von der Volkwut verschont und behaupteten sich bis auf unsere Tage. Alle übrigen hat das Volk gründlich zerstört. Um mit der Vergangenheit völlig zu brechen, nahm der grössere Teil der bäuerlichen Bevölkerung freiwillig den Islam an.
Nicht umsonst; denn unter dieser neuen Decke konnte sich die nationale geschlechterrechtliche Organisation weiter behaupten, ja auch sogar die altursprüngliche slavische kriegerische Organisation, die Volkmiliz, die zur Sicherung der geschlechterrechtlichen diente, ohne Eroberungzwecke (Gebieterweiterungen) anzustreben, wie wir sie im Hajdukentume erkennen, lebte neu auf. Fast auf zwei Jahrhunderte hinaus ward dadurch dem Lande ein Frieden erworben, der einen noch gar nicht ausreichend gewürdigten Aufschwung der in den orientalischen Kulturkreis miteinbezogenen Bosnier und Herzogländer hervorrief.
Dieses Völklein betrachtete sich als des Padišāh getreueste Gefolgschaft. Eine Änderung in dieser eingewurzelten Überzeugung bahnten erst allmählich einzelne grossherrliche Statthalter (Vali), Paša’s und sonstige Beamten an, die als Hofgünstlinge von Stambol her in das Land zur Belohnung verschiedener geheimer Tugenden versetzt worden waren. Solche Leute verstanden nicht oder wollten den vorhandenen gesellschaftlichen Zustand nicht verstehen, stellten sich in einen schroffen Gegensatz zu ihm und machten sowohl sich als des Sultans väterliche Herrschaft verhasst.