Part 35
Vers 50 ff. Der Guslar mutet dem Kaiser die Gesinnung eines serbischen Bauern zu, der seine Tochter am liebsten in eine reiche Sippe hinein verkauft, um durch eine solche Verschwägerung sich selber zu sichern. Vgl. Krauss in ‘Sitte und Brauch der Südslaven’, Wien 1885, S. 373.
Vers 72 ff. Ehrfurcht vor dem Alter ist bei den Südslaven ein allgemeines sittliches Gebot, s. ‘Krauss, Sitte und Brauch’ S. 603. Über Blutschande vgl. a. a. O. S. 221 ff. Unter den südslavischen Sippen ist die Exogamie seit uralten Zeiten vorherrschend. Als schrecklichste aller Sünden wird Buhlschaft unter Paten betrachtet, vrgl. a. a. O. S. 616 ff.
Vers 105. ‘In hundert guten Augenblicken.’ Vrgl. Krauss: Sreća. Glück und Schicksal im Volkglauben der Südslaven, Wien 1886, S. 144 ff.
Vers 106. čokan vom italienischen ciocco, Klotz, Keule, Stock, Feldherrnstab, Szepter.
Vers 107. Unser Guslar hält Kijevo (Kiew) für den Namen der russischen Kaiserburg, der Guslar des Liedes vom König Bonaparte für den Namen einer Ebene. Die Kenntnisse des südslavischen Bauern über Russland sind eben sehr gering und immer verworren, märchenhaft.
Vers 110. čarkadžija der Plänkler, wie in Vers 117 slavisch rtnik; vom türkischen čarka; nach Daničić’s Vermutung stammt das türkische Wort aus dem italienischen schermugio, französisch escarmouche, das Scharmützel.
Vers 146. Als ‘schwarze Königin’ werden in serbischen Sagen serbische und bosnische Königinnen-Witwen (Jerina) bezeichnet, die das Volk durch Härte und Grausamkeit zur Verzweiflung trieben. Mijat, der Hajduk, erzählt, die Verbrechen der schwarzen Königin hätten ihn von Haus und Hof vertrieben. Auch die nordslavischen Volksagen kennen die blutgetränkte Gestalt einer wunderholden, männersüchtigen, schwarzen Königin. Sacher-Masoch hat die bekannte slavische Sage den Deutschen in Novellenform mitgeteilt.
Vers 152. Španjur, sonst španjug für ‘Spanier’. Spanier kämpften um das Jahr 1570 im dalmatischen Küstenlande gegen die Türken. Nicht viel mehr als der blosse Name erhielt sich im Volke bis in die Gegenwart. Vrgl. das Guslarenlied bei Krauss in: ‘Das Mundschaftrecht des Mannes über die Ehefrau bei den Südslaven’, Wien 1886.
Vers 156. Kuriši, vom türkischen kurmak, einrichten, aufstellen.
Vers 179. Mostov für mostove, doch ist gerade bei most die Mehrzahl mosti die üblichere.
Vers 187. Der Engel statt der Vila, die in Wolken fährt. Vrgl. Krauss in: Die vereinigten Königreiche Kroatien und Slavonien, Wien 1889, S. 123 ff. Denselben Guslar, der sonst in solchen Fällen immer Vilen auftreten lässt, an die er ja glaubt, leitet unbewusst das richtige Gefühl, es sei unstatthaft, eine südslavische Vila einem Ausländer aus weiter Fremde und noch dazu im Auslande erscheinen zu lassen.
Vers 188. Der gläubige Christ soll durch einen blutigen Kampf den Sonntag nicht entheiligen.
Vers 209. Eine Pfeife Tabak verehrt man selbst dem erstbesten Unbekannten auf dem Wege, wenn er einen darum anspricht. Tabak gedeiht in Bosnien in Überfülle und war vor Einführung des staatlichen Monopols spottwohlfeil zu haben. In Bosnien gedeihen aber auch Zwetschken überreichlich, und daher hatte ein Reuter voll dieses Obstes vor den Zeiten des Eisenbahnverkehrs und ehe sich jüdische Händler einfanden, einen sehr geringen Wert beim Bauer auf dem Gehöfte. Der Guslar will also sagen: Man bekam Sklaven so gut wie geschenkt zu kaufen.
Vers 211 f. Seit Jahren ist die letzte Spur der Türkenschanzen weggeräumt worden. Jetzt entstand dort eine der herrlichsten Parkanlagen Wiens. Nur der Name ‘Türkenschanze’ ist der Anlage geblieben.
Die Mutter der Jugović.
Im Pašalyk Prizren in Altserbien siedelte im Jahre 1891 in aller Stille die osmanische Regierung einige tausend Juden an, die aus dem strenggläubigen, heiligen Russland zur Auswanderung gedrängt worden waren. Wie lange werden die Neusiedler und deren Nachkommen dort in Frieden leben dürfen? Wer weiss es? Schon schielen manche Diplomaten mit ländergierigen Augen nach jenem wunderbar gesegneten Landstrich hin, der zwar noch immer Altserbien genannt, doch derzeit vorwiegend von Albanesen und Bulgaren bewohnt wird. Die Serben namentlich erheben historische Rechtansprüche auf den Besitz des Kosovo polje, des schiefen Feldes oder der Leiten, wie man gut deutsch so ein Gebiet nennt, einer überaus fruchtbaren Hochebene von 70 km Länge und 30 km Breite. Mit Unrecht heisst man das Feld Amselfeld, als ob der slavische Name Kos polje lautete. Nicht durch Amselgesang erlangte jene Hochebene grosse Berühmtheit, sondern durch Abschlachtungen, die sehr gläubige Moslimen und sehr gläubige Christen untereinander auf dem breiten Plane veranstalteten. Berühmt ist der 15. Juni 1389, denn an jenem Tage zertrat Murad I. und sein Sohn Bajazit auf den Leiten die gesamte Serbenmacht und das Serbenreich. Und am 17. bis zum 19. Oktober 1448 zermalmte Murat II. zwischen Priština und Vučitrn das Heer Johann Hunyadis.
Mit unauslöschlichen Zügen prägte sich die Erinnerung an diese zwei Massenniedermetzelungen dem Gedächtnisse der Serben und Bulgaren ein. Noch jetzt zehrt der Patriotismus und Chauvinismus der serbischen Politiker von jenen Niederlagen und er wird sich schwerlich eher beruhigen, als bis eine noch grössere Fremdeninvasion diese alte Geschichte gegenstandlos machen wird. Dem Bauernvolke darf man keinerlei politische Auslegungen seiner Erinnerungen an jene Vorfälle unterschieben; denn ihm sind die Berichte der Guslaren nichts mehr und nichts weniger als hübsche Sagen, die man zum Zeitvertreib anhört. Selbst der Volkforscher kann die einschlägigen Guslarenlieder nur als Sagen auffassen und muss ihnen so gut wie jede pragmatisch historische Bedeutung absprechen. Sie sind ihm nicht viel anderes als ein Ausdruck geistiger Gestaltungkraft der Volkseele, deren Dolmetsche namenlose, weil vergessene Dichter aus dem Volke und Bewahrer der Rede Guslaren sind.
Eine alte Sage (man muss sie sich erst aus Bruchstücken neu zusammensetzen) erzählt von den Bewohnern der Burg Zvečan bei Mitrovica in Altserbien. Dort hauste in der zweiten Hälfte des XIV. Jahrhunderts der serbische Ritter Jug Bogdan (Süd Theodor) mit seiner würdigen Gattin, einem Töchterlein und neun Söhnen, die nach ihm Südsöhne (Jugovići) hiessen. Er war ein mächtiger Streiter, wohlgeübt und erfahren in Mordtaten jeglicher Art, und seine Söhne gerieten ihm nach. Die Tochter Milica verheiratete er an den Landfürsten Lazar und seinen Söhnen verschaffte er Genossinnen in die Hausgemeinschaft. Er war daher zu Hofe und im Reiche gar geehrt und angesehen. Kurz vor der Schlacht auf den Leiten feiert Lazar der Serbenfürst sein Sippenfest [177]:
Die Herren setzt er an die Tafelrunde, die Herren und die Ritter allzumal; zur rechten Hand den greisen Jug Bogdan, neun Jugović, die Söhne neben ihm. — — — — — — — — — — Den goldnen Becher Wein ergreift der Kaiser und spricht zur Ritterschaft von Serbien: — Auf wessen Wohl bring dieses Glas ich aus? Bring ich’s der Alterschaft zu Ehren aus, dann trink ich zu dem greisen Jug Bogdan.
In der Nacht vor dem Auszug der Serben in den Kampf träumt die Fürstin Milica einen garstigen Traum vom Untergang des Heeres, von Schmach und bitterer Qual. Mit angstgepresstem Gemüte wendet sie sich an ihren gekrönten Ehgemahl [178]:
— O könnt ich nur, Gebieter mein, von dir mir eins erflehen, dass du mir von den Jugović zurück doch einen liessest! Wenn schlimmer Zufall irgendwie auf den Leiten walten sollte, dass ich den Stamm der Jugović für immer nicht verlöre! Da sprach zur Fürstin Milica also zur Antwort Lazar: — Ich kann dir von den Jugović zurück nicht einen lassen. In Treuen sie gelobten es vom Ungarland dem König, selbst sänke wohl der Himmel nieder auf die schwarze Heldenerde, sie täten fangen auf ihn kühn auf ihre Schlachtenspeere.
Nach der Niederlage auf den Leiten zerstoben die Überreste der Armee. Das Guslarenlied erzählt [179], Kaiserin Milica sei mit ihren zwei Prinzesschen von Ahnungen geängstigt vom Schloss herabgeeilt, um Kunde über den Ausgang der Entscheidungschlacht zu erlangen. Herzog Vladeta kommt flüchtend hoch auf braunem Renner ihr entgegen. Sie befragt ihn unter anderem:
— So künd mir noch, o du des Fürsten Herzog, da auf den ebnen Leiten du gewesen, sahst du nicht wo neun Jugovićen dort, als zehnten auch den greisen Jug Bogdan? Da spricht zu ihr Herr Vladeta, der Herzog: — Wohl zog ich quer durchs ebne Leitenfeld und sah die Jugovićen alle neun und auch den zehnten, Jug Bogdan den Greis. Sie kämpften mitten in dem Leitenfelde, die Arme bis zur Schulter ihnen blutig, die Schwerter bis zum Griffe blutgebadet; doch sanken schon ermattet ihre Hände die Türken auf den Leiten niedermetzelnd.
Kaiserin Milicas Traum war doch in Erfüllung gegangen. Nachstehendes Lied, das ich am 8. Januar 1885 zu Mačkovac in Bosnien nach der Rezitation des Guslaren Gjoko Popović, eines eingewanderten Montenegrers, aufgezeichnet, schildert die Schlussszene der Tragödie. Ein Dichter, ein wahrhaft begnadeter Mensch, hat diese tiefergreifende Episode ausgedacht zur Verklärung unendlichen Mutterstolzes und rätselhafter Mutterliebe. Die Mutter findet ihre Söhne tot auf dem Leichenfelde, und ohne Klagen kehrt sie heim, um ihre Schwiegertöchter und Enkel nicht mit der Trauerbotschaft in Jammer zu versetzen. Ihren eigenen Schmerz ringt sie nieder. Erst als sie die rechte Hand ihres jüngsten Sohnes mit dem Trauring am Finger auf dem Schosse hält, macht sich ihr Schmerz in Worten Luft.
Boga moli Jugovića majka, da joj Bog da oči sokolove i bijela krila labudova, da otide na Kosovo ravno i da vidi devet Jugovića. Što molila Boga domolila. Bog joj dade oči sokolove i bijela krila labudova; ona ide na Kosovo ravno. Mrtvih nagje devet Jugovića i više njih devet bojnih kopja, za kopljima devet dobrih konja, na kopljima devet sokolova i više njih devet ljutih lava. Tad zanjišta devet dobrih konja i zaklika devet sokolova i zalaja devet ljutih lava. I tu majka tvrda srca bila, da ot srca suze ne pustila; već uzima devet dobrih konja i uzima devet sokolova i uzima devet ljutih lava pa ih vodi svome bjelu dvoru. Daleko je snaje ugledale a dilje su prid nju išetale. Zakukalo devet udovica, zaplakalo devet sirotica. I tu majka tvrda srca bila, da ot srca suze ne pustila. Kad je bilo noći u ponoći tad zavrišta Damjanov zelenko. Viče majka ljubu Damjanovu: — Snavo moja ljubo Damjanova, što nam vrišti Damjanov zelenko? Il je gladan šenice bjelice il je žedan vode sa Zvečana? Progovara ljuba Damjanova: — Svekrvice majka Damjanova! nit je gladan šenice bjelice, nit je žedan vode sa Zvečana, već je njega Damjan naučio do po noći sitnu zob zobati, ot po noći na drum putovati. Kad u jutro jutro osvanulo, osvanulo i sunce granulo, ali lete dva vrana gavrana, krvava im krila do ramena, na kljunove bjela pjena trgla; oni nose ruku od junaka, na ruci je burma pozlaćena, bacaju je u krioce majci. Uze majka ruku od junaka pa dozivlje ljubu Damjanovu: — Snaho moja ljubo Damjanova! bi l poznala čija j ovo ruka? Al govori ljuba Damjanova: — Svekrvice majko Damjanova! ovo ruka našega Damjana, jer ja ruku po burmi poznajem, sa mnom burma na vjenčanju bila. Uze majka ruku Damjanovu pa je ruci tijo beśjedila: — Ruko moja zelena jabuko! Gdi si rasla, gdi si ustrgnuta? Ti si rasla na kriocu mome, ustrgnuta na polju Kosovu!
Der Jugovićen Mutter fleht zu Gott, es mög ihr Falkenaugen Gott verleihen und weisse Schwanenfittiche gewähren, auf dass sie auf die ebnen Leiten ziehe und dort erschau neun Brüder Jugović. Um was zu Gott sie flehte, sie erfleht’ es. Es tat ihr Falkenaugen Gott verleihen und weisse Schwanenfittiche gewähren; sie zog dahin aufs ebne Leitengeben. Neun tote Jugovićen fand sie vor, neun Schlachtenspeere ober ihren Häupten, neun gute Rosse hinter all den Speeren, neun Falken auf den Speeren oben sitzend, neun Löwen grimmig ober ihnen noch. Neun gute Rosse huben an zu wiehern, neun Falken stiessen wilde Rufe aus, neun Löwen grimmig fingen an zu bellen. Auch da verharrt der Mutter Herze hart, dass ihr vom Herzen keine Zähre kam; sie nahm mit sich neun gute Rosse mit und nahm mit sich neun Falkenvögel mit und nahm mit sich neun Löwen grimmig mit und holt sie heim zu ihrem weissen Hofe. Von weitem schon erschauten sie die Schnuren und eilten zum Empfang ihr weit entgegen. Neun Witwen schrieen: ‘Weh zu leidigen Tagen!’ neun Waisenkindlein weinten Jammerklagen. Auch da verharrt der Mutter Herze hart, dass ihr vom Herzen keine Zähre kam. Als Nacht es ward um Mitternacht herum, schrie wehvoll auf der Apfelschimmel Damjans. Die Mutter ruft des Damjans Ehelieb: — O meine Schnur, o Damjans Eheliebste, was schreit so leidig Damjans Apfelschimmel? quält Hunger ihn nach weisser Weizenfrucht? leicht lechzt er durstig nach dem Zvečanquell? Zur Antwort gibt des Damjans Eheliebste: — Lieb Schwiegermütterlein, du Mutter Damjans! es quält kein Hunger ihn nach weissem Weizen, er lechzt nicht durstig nach dem Zvečanquell, vielmehr, es hatt’ ihn Damjan angewöhnt bis Mitternacht an feine Haferatzung, von Mitternacht zu reisen auf der Strasse. Als morgens früh der Morgen angekommen, gekommen und der Sonne Licht erglommen, zwei schwarze Raben kamen hergeflogen, die Flügel bis zum Leibe blutgerötet und ihren Schnäbeln weisser Schaum entquoll; sie trugen eines Helden Hand daher, ein Trauungring vergoldet an der Hand; sie warfen sie der Mutter in den Schoss. Des Helden Hand die Mutter nahm entgegen und rief herbei des Damjans Ehelieb; — O meine Schnur, o Damjans Ehelieb! wess Hand dies ist, vermöchtest du’s zu sagen? Doch spricht zu ihr des Damjans Ehelieb: — O Schwiegermütterlein, o Mutter Damjans! die Hand dahier gehört ja unserm Damjan, denn ich erkenn am Trauungring die Hand, der Trauring war mit mir bei meiner Trauung. Des Damjans Hand die Mutter wieder nahm und führte leise Rede mit der Hand: — O meine Hand, o du mein grüner Apfel! wo wuchsest du? wo hat man dich gepflückt? Du bist auf meinem weichen Schoss gewachsen, man hat gepflückt dich auf dem Leitenfeld!
Anmerkungen.
Siebenzig oder fünfundsiebzig Jahre vor mir zeichnete Vuk St. Karadžić das Liede in einer Variante in Chrowotien auf. (In der offiz. Ausg. Nr. 48. S. 310 B. 12). Bei ihm zählt das Stück 85 Verse und führt den Titel: Der Tod der Mutter Jugović. Es ist merkwürdig, doch nicht auffällig für Volkforscher, dass diesmal die von mir um so viel Jahrzehnte später aufgezeichnete Fassung ursprünglicher und vollendeter ist als die ältere Niederschrift. Das Lied ist unzweifelhaft durch einen serbischen Auswanderer nach Chrowotien gebracht worden. Die Zusätze verraten den Stümper. Die ersten vier Verse, die für einen serbischen Bauer von Überfluss sind, setzte er vor zur Einführung für den chrowotischen Hörer. Sie lauten: Du lieber Gott, welch mächtig grosses Wunder! — Als sich auf Leiten tät das Heer versammeln, — befanden sich im Heer neun Jugović — als zehnter noch der greise Jug Bogdan. Nach V. 5 hat Vuk: Als zehnten noch den greisen Jug Bogdan. (Ich halte die Zählung unserer Fassung bei.) V. 9. Bei Vuk: ona leti (sie fliegt). Nach V. 10: und als zehnten usw. V. 12, 13: na kopljima — oko koplja — a porednji. V. 16 zaklikta. V. 23 (bei Vuk V. 30) pak se vrati svome. V. 25 (32): malo bliže. Nach V. 27 (34) bei Vuk wiederholt V. 15–17. V. 31: al zavr. V. 32: pita m. Nach V. 43 (53): pak on žali svoga gospodara — što ga nije na sebi donijo (und nun er klagt um seinen Herrn Gebieter — weil er ihn nicht auf sich nach heim gebracht). Darauf wieder V. 18–19. V. 44. — danak osvanuo. V. 45 fehlt. V. 52 (65): Jugovića majka. Nach 52 (V. 66): okretala, prevrtala s njome (sie drehte sie her und drehte sie hin). V. 56 (70): progovara. Nach 61 (75) wieder der V. 66 der Fassung Vuks: okretala usw. Der Schluss V. 82–85 ist eine dem Liede aufgepfropfte Geschmacklosigkeit, die ihresgleichen sucht: Es blähte sich auf die Mutter der Jugović, — sie blähte sich auf und zerplatzte — [aus Gram] nach ihren neun Jugović und dem zehnten den greisen Jug Bogdan.
V. 2–5 und 6–8 stereotype Einleitungformeln bei Verwandlungen eines Menschen in einen Vogel. Auch der neugriechischen Volkpoesie nicht fremd. V. 14: Der Guslar hat keine Ahnung, wie Löwen ausschauen. Er vermutet, dass sie eine Unterart von Jagdfalken wären. V. 46: Raben als Unglückboten. V. 48: Der weisse Schaum vor Anstrengung, die ihm das Fortschaffen der schweren Hand verursacht. V. 50: Ein vergoldeter Silberring, wie ihn Bäuerinnen tragen. Ein glatter Trauring. V. 63: Der grüne Apfel, nicht ausgereifte Frucht, getäuschte Hoffnung; eine beliebte Wendung im Sprachschatz der Guslaren.
Die Neunzahl von Brüdern und die zehnte, die Schwester, spuken öfters in den Sagen der Südslaven. So erzählt z. B. ein Guslarenlied vom Prinzen Marko, der als Held auch ein Don Juan gewesen, er habe sich gerühmt, dass er auch die einzige Schwester der neun Brüder zu Fall bringen werde. Die Brüder erbauen einen festen Turm für die Schwester. Sie erkrankt und Marko schwindelt in der Verkleidung eines Arztes der alten Mutter den Turmschlüssel ab. Darauf hatte das Fräulein nur gepasst. Nach vollbrachter Arbeit zieht Marko seine Heldentat besingend durchs Land. (Das Stück im Vienac uzdarja narodnoga O. A. Kačić-Miošiću. Zara 1861. S. 9.) In der serbischen Fassung der Lenorensage macht das Frauenzimmer den unheimlichen Ritt zu ihren neun Brüdern (siehe oben S. 120–122). Neun spielt eine Rolle beim Abzählen nach rückwärts; zu Zauber braucht man neunerlei Kräuter und soviel verschiedene Quellwässer. Zu vergleichen ist A. Kaegi: Die Neunzahl bei den Ostariern, Zürich 1891. (Vergl. E. Monseur im Bulletin de Folk-Lore 1892, S. 259 f.).
Novak der Heldengreis.
Für »Oberhaupt« oder »Befehlhaber« hat die serbische und bulgarische Sprache das Wort starešina. Es bezeichnet einen Alten oder im allgemeinen einen älteren Mann von gesetzten Jahren. Ehrfurcht, Achtung, Ehrerbietung dem Alter gegenüber sind anerzogene, aufgezwungene Begriffe. Bei den Südslaven erklären sie sich einfach und klar aus der altüberkommenen Stammorganisation und den geschlechterrechtlichen, gesellschaftlichen Verhältnissen. Es wäre vom Überfluss dies hier des Näheren zu erörtern. Übereilt wäre jedoch die Annahme, dass der Südslave dem Alter an und für sich grosse Verehrung zolle. Nur den Alten ehrt und schätzt man, der als Mann in der besten Lebenskraft seinen Mann gestellt und noch als Greis Achtung verdient. Die Erfahrungen eines langen Daseins erscheinen den Jüngeren als ein wertvoller Besitz, als ein köstlicher Ersatz für dahingeschwundene leibliche Rüstigkeit und Stärke. Wenn nun ausnahmweise trotz der Betagtheit Geist und Leib männliche Frische bewahrt haben, beugt sich der südslavische Bauer vor dem Begnadeten wie vor einem Wunder, wie vor einem auserlesenen Wesen. Solche Greise besingt das Volk und feiert sie noch nach Jahrhunderten.
Brez starca nema udarca, »Ohn Alten gibt es keinen Angriff«, sagt das Sprichwort, das unzweifelhaft mit Hinblick auf greise, in Guslarenliedern verherrlichte Helden entstanden sein dürfte. Es gab solcher Helden oder richtiger, die mythenbildende Volkphantasie schuf sich welche, um einem bestimmten Empfinden und Gefühl der poetischen Eingebung gerecht zu werden. Jug Bogdan, der altehrwürdige Greis, der Schwiegervater des Kaisers Lazar, zieht mit allen seinen neun Söhnen in die Schlacht auf Leitengeben (Kosovo) und findet mit den Seinigen im Schlachtgewühl den Tod. Mehr und anderes weiss das Guslarenlied von ihm nicht zu künden. Von einem anderen alten Herrn, dem Stari Stipurile (der alte Steffel) erzählt ein Lied meiner Sammlung. [180] Stipuriles feste Burg stand irgendwo im dalmatischen Küstengebiet. Einmal traf es sich, dass seine Söhne und Eidame mit ihren Reisigen auf Abenteuer über den Karst ins Türkische ziehen sollten, um Vergeltung zu üben. Ohne den Alten mochten sie nicht aufbrechen. Gerüstet und kampfbereit, wie sie waren, eilten sie in die Weinberge zum Alten und trafen ihn, dem edlen Waidwerk ergeben:
gje on buve po košulji ganja »wie er im Hemd herum die Flöhe hatzt.«
Unverweilt unterbricht der Greis seine kurzweilige, kleinliche Beschäftigung, legt sich die schwere Rüstung und die Gewaffen an, und führt seine Mannen und Knappen zum Sieg ins feindliche Land.
Ein vielgerühmter greiser Held der moslimisch-slavischen Guslarenlieder ist Ćejvan aga dedo (Ćejvan der greise Herr). Er zählt 80 oder gar 130 Jahre:
es klappern ihm des Kinnes leere Laden, zum Teufel ist sein letzter Zahn geflogen,
doch der Alte ist noch immer der erste und wackerste Held. Mustapha der Schmerbauch unternimmt mit seinem Bruder Halil dem Falken, mit Suša von Posušje und mit Tale dem Schalknarren, samt Gefolgschaft einen Raubzug ins Dalmatische. Der greise Ćejvan muss mit, denn brez starca nema udarca. Im Hochwald lagern sich die Ritter und die Rotten unter Tannen zur Rast. Man tat sich gütlich an Wein und Braten — im Quorân steht ja nicht, dass bosnische Moslimen keinen Wein trinken dürfen —, bis sich behagliche Stimmung einfand. Sprach nicht Halil, der Jüngling, jetzt wäre es am schönsten, hätte jeder Held ein holdes Mädchen zum Kosen unterm Tann auf weichem Rasen. Und Ćejvan hub an die Wunder der Welt zu preisen, und schloss wie ein verliebter Schäfer seine weisen Betrachtungen über das Weltall mit den Worten: »das allerschönste bleibt und ist ein schönes Mägdlein!« Die gesamte Zuhörerschaft lachte vergnügt dazu, nur Mustapha fing an zu höhnen: »Was soll einem Greis ein Mädchen frommen? Alte Knochen, schwache Arme. Weh dem Mädchen in des Greisen Armen!« Darob ergrimmte Ćejvan, und Halil fuhr auch wild auf. Sie kündigten auf der Stelle Mustapha die Freundschaft, und ihnen schlossen sich die besten Kämpen an. Sie stiegen hinab ins Küstenland und führten einen blutigen Kampf gegen Šimun Breulja und Smiljanić Ilija. Die Gelegenheit machte sich Mustapha zu Nutze und plünderte inzwischen ungestört Šimuns Warte und raubte dessen Ehegemahlin [181].
Ohne Ćejvan unternahmen die Moslimen keinen Raubzug. Er war überall dabei und flösste den Gegnern Schrecken ein. Zuweilen schmähten und schalten ihn die Kampfgenossen, indem sie ihm seine Um- und Vorsicht für Feigheit auslegten, aber er wusste besser Bescheid und guten Rat. Held sein ist ein lebengefährlicher Beruf.
Der vornehmste und anerkannteste Heldengreis ist jedoch Novak und mit ihm Grujica, sein Sohn, beide so unter den Südslaven, als auch unter den Rumänen unbestrittene Grössen.
Wer einmal in den Ruf eines Helden oder eines Heiligen gelangt, wird bei steigender Beliebtheit zum Hauptträger so mancher alten Sagen und Legenden. So tritt uns z. B. auch Novak in der Volküberlieferung in den mannigfachsten Rollen und Situationen entgegen, sowohl in der eines Drachentöters als letzlich auch in der eines bosnischen oder rumänischen Buschkleppers. In der epischen Volkpoesie stört solch geschichtwidriges Neben- und Durcheinander nicht.
Novak ist kein Bosnier, nicht einmal ein Serbe, vielmehr gleich dem Prinzen Marko und Relja vom Pazar ein Bulgare; wohlgemerkt, gab es natürlich am Ausgange des 14. Jahrhunderts, in der Blütezeit jener Herren, noch keine nationale Frage, und daher erscheint die Nachforschung nach der nationalen Zugehörigkeit unserer Helden als ausserhalb einer wissenschaftlichen Erörterung und völlig unstatthaft.