Part 29
Das erste Wort: »O Gott, gewähr uns Hilfe!« das zweite drauf: »Er wird, so Gott will, helfen!« Zum Guten sei der Abend angedunkelt, zum Bessern tag’ uns an das Morgengrauen. Und nach dem Grau’n erwärm’ uns noch die Sonne; o brächte Glück sie uns von jeder Art: Gesundheit, Ruh’ und heitern Sinn von Gott! Weil nichts doch köstlicher als wie Gesundheit und schöner nichts als heitrer Sinn und Mut! Beteiligt sei ein jeder in dem Kreise, ein jeder Freund, der eine wie der andre, es soll nicht gram der eine sein dem andern! Nun sagen wir, ein Lied wir wollen singen! ein kleines Lied von alter Zeiten Läuften, o wollt’ uns unsre Kehle nur gehorchen! Schier scheint es mir, sie wird mir nicht gehorchen; die Guslen tönen fein, die Kehle rauh, die zwei, die wollen nicht zusammenklingen! O Ungemach, o mach dich nicht an mich an! Nun wollen wir das Lied erklingen lassen! Zwei Paschen überwinterten zum Winter zu Sziget tieferwärts von Temesvar. Ich will euch beide mit dem Namen nennen, wie sie mit Namen zubenannt gewesen: Herr Fazlipascha und Herr Seïdi. Den Winter als die Paschen überwintert, und als der eisige Winter sie verlassen und warme Sommerzeit sich eingefunden, anhuben Klageschriften einzulaufen. Es langten an fünfhundert Klageschriften von Siebenbürgens Raja leidbeladen, und weil sie weint, so weint sie nur vor Wehe: »Zwei Paschas, Ihr des Kaisers Augenpaar! entweder wollt Ihr nicht, noch mögt Ihr sehen, wie uns das wilde Leid zu Last gefallen! Was wir ertrugen, nimmer zu ertragen von Seiten jenes Fürsten Rákóczy! »Er setzt in’s Volk als Satzung ein Erpressung. Oft streift er durch das Land von Siebenbürgen und führt mit sich durch Sold erkaufte Söldner; er raubt uns unsre schneeigweissen Schafe und lässt die Lämmchen ohne Mutterschafe. »Und ziehn wir gross uns einen Ackerochsen, auch den entreisst uns Rákóczy, der Fürst! Selbst dies ertrügen wir mit Ach und Weh! Doch ziehn wir gross den Burschen uns zur Heirat, so lässt er uns den Burschen nicht beweiben, vielmehr, er schleppt ihn fort in seine Soldschar! »Auch dies verschmerzten wir mit bittrem Wehe! Doch reift heran ein Mädchen uns zur Ehe, flugs, schleppt sie fort uns Rákóczy der Fürst und er beweibt mit Lohn erkaufte Söldner! »Erbarmen, Paschas, o Ihr Waisenmütter! entweder helft uns oder merzt uns aus und werft uns lieber lebend in die Donau!« Als nun des Kaisers Paschas zwei erfuhren, wie jenen übern Kopf die Not gewachsen, was sprach für Wort des Kaisers Fazlipascha? — »O Seïdi, mein liebster Herzensbruder, verfass uns wohl ein fein Verhaltungschreiben gerad zu Handen Rákóczy des Fürsten, er lass in Frieden Siebenbürgens Raja. Ich schwör’s ihm und mein Ehrenwort zum Pfand, ich werd’ ein mächtig grosses Heer versammeln, ich werde hunderttausend Mann versammeln an kaiserlichen regulären Truppen und mit dem Truppen all die Ringkanonen, und werde seine Rákóczburg berennen, sein ganz Gebiet mit Truppen überschwemmen, mit Feuer und mit Flammen es verheeren und seine Residenz vom Grund zerstören! Sofern er meint, er werd’ uns doch entrinnen, so werd’ ich ihn durchs Russenland verfolgen und bis zum gold’nen Prag zu Paaren treiben und werd’ ihn dort lebendig fangen ein und werd’ um einen Kopf ihn kürzer machen!« Als dies der Pascha Seïdi vernahm, verfasst’ er wohl ein fein Verhaltungschreiben. Die beiden Paschas drückten drauf ihr Siegel und gaben auf den Brief ein vierfach Petschaft. Sie riefen einen leichten Feldtataren und reichten ihm das fein Verhaltungschreiben. Was spricht zu ihm des Kaisers Fazlipascha? — »O Feldtatar, du Feind von allen Rossen, aufs Ross dich schwing’ und eil’ nach Rákóczburg, und bring den Brief dem Fürsten Rákóczy!« Sobald den Brief der Feldtatar empfangen, so warf er sich aufs Ross, das seiner wartet und zog mit seinem Kopfe durch die Welt, gleichwie die Bien’ im Sommer über Blumen. Er querte durch den Sandžak Temesvar, betrat hierauf das Land von Siebenbürgen, durchschritt das Landgebiet von Siebenbürgen, betrat sodann das Land von Rákóczy. Nun zog er weiter in dem Rákóczyschen. Als er zur Burg und Rákóczy gelangte, da stellt’ er wohl den Brief dem Fürsten zu. Sobald der Fürst das Schreiben übernommen, so brach er auf ihm auf das vierfach Siegel. Als er ersehen, was der Brief ihm meldet, so überlas er ihn und lachte herzlich. Dann warf er weg das fein Verhaltungschreiben und holte mit der Hand sich seine Feder und schrieb den Paschen einen Antwortbrief: »O hört mich, Ihr zwei kaiserliche Paschas! Sagt später nicht, Betrug wär’ unterlaufen! Wohl hab’ ich eure Kritzeleien gelesen. Ich werd’ die Raja nicht in Ruhe lassen. Vielmehr erfahret, was der Brief euch kündet. Vernehmt nun, Ihr zwei kaiserliche Paschas! Ich werd’ ein mächtig grosses Heer versammeln, ein Heer von allen sieben Kaisern borgen, mit mir wird auch die Königin die Frau! »Wir werden ein gewaltig Heer erheben anrücken gegen Temesvar die Festung ins Vučijak-Gefilde gen die Festung. »Die Mörser werd’ ich gen die Festung kehren, zerstören eure Festung Temesvar, werd’ ihr den tiefsten Stein nach oberst stürzen! »Sofern von dorten ihr entrinnen solltet, so werd ich euch durchs Türkenland verfolgen und bis zur Hauptstadt und Istambol jagen. »Macht lieber eurem Sultan solche Meldung, Ihr sollt die Hauptstadt und Istambol säubern! Dort gibt’s für euch kein Hausen und kein Heimen, nur flüchtet gleich zur Kaaba und Medina, wo eurer Väter altes Heimatland! Doch meiner Ahnen Stammsitz ist Istambol!« Nachdem er solch ein Schreiben ausgefertigt, da übernahm den Brief der Hoftatare, und heimwärts kehrte wieder der Tatar. Sein Weg ihn führte grad nach Temesvar. Als er zum Divan vor die Paschas hintrat, da nahm er ’s Schreiben und die Schrift heraus. Das Schreiben übernahm Herr Seïdi. Als er des Briefes Siegellack erbrochen und wohl erfahren, was der Brief ihm bringt, da schlug er mit der Hand sich auf das Knie und gab den Brief an Fazli Pascha weiter. Als Fazli, kaiserlicher Pascha, merkte, als er nun merkte, was der Brief ihm meldet, entstürzten strömend seinen Augen Zähren; dann sprach er solches Wort zu Seïdi: — »Was fangen wir nun an mit unsrem Leben? Na, so ein Hürle, Fürstel Rákóczy! da borgt’ er Hilf’ von allen sieben Herrschern, mit ihm ist auch die Königin, die Fraue, die stärker ist denn alle jene sieben! Wer dürft’ es wagen, sie nun zu erwarten? Sie werden leicht uns Temesvar entwinden, doch würden den Verlust wir noch verwinden; nur wird von hier man weiter uns bedrängen, uns bis zur Hauptstadt und Istambol jagen und unsre Hauptstadt auch uns noch entwinden und uns zur Kaaba und Medina jagen, wo unsrer Väter altes Heimatland, doch ihrer Ahnen Stammsitz ist Istambol!« Darauf bemerkt ihm Pascha Seïdi: — »Wahlbruder Fazli, kaiserlicher Pascha! lass uns ein feines Meldungbriefchen schreiben, lass schreiben uns zu Handen unsres Sultans: entweder anvertraut er uns ein Heer, um Rákóczy den Fürsten zu empfangen, dass einen Tanz mit jenen auf wir führen, wo nicht, so müssen wir Istambol säubern. Er soll verfügen, was ihm mag behagen! Was sie besprochen, führten sie auch aus, verfertigten ein feines Meldungschreiben zu eignen Handen wohl des hehren Kaisers, und meldeten, was hierzuland geschieht; auch drückten ihre Siegel sie aufs Schreiben als zum Beweis, dass kein Betrug dabei. Dann riefen sie den flinken Feldtataren und übergaben ihm das feine Schreiben. Als der Tatar das Schreiben übernommen, da barg er’s wohl in seiner Botentasche und flog hinunter in die dunklen Keller; er schwang sich auf das vorgerüstet Bräunchen und zog mit seinem Haupte durch die Welt, und ritt ohn’ Unterlass bei Tag und Nacht. Als er zur Stadt Istambol hingelangt und vor den Kaiser kam in den Serail so machte vor dem Sultan er den Divan: er beugte sich hinab zur schwarzen Erde und küsste da die Erde vor dem Sultan, dazu den grünen Teppich unterm Sitz, und liess das Schreiben auf dem Teppich liegen. Als nun den Brief zur Hand der Sultan nahm, so fing er an den Schreibebrief zu lesen. Als er ersehn, was ihm der Brief verkündet, da fühlt er sich darüber unbehaglich; der Kaiser hub den Divan an zu sammeln, berief den Divan ein die ganze Woche. Nachdem er so den Divan einberufen, da standen alle Lalen ihm im Divan, sie standen hier drei volle weisse Tage, doch gab er keinerlei Bescheid dem Divan, es fehlte noch der Vezier Köprülü. Als dann der vierte Morgen angebrochen erschien inzwischen Vezier Köprülü, er beugte bis zur schwarzen Erde sich und küsst’ die schwarze Erde vor dem Kaiser, und flog hinzu, die weisse Hand zu küssen: — »O Sultan, Kaiser, Sonne aus dem Osten! hast einen grossen Divan einberufen; erschienen sind zum Divan alle Lalen, doch gibst du keinerlei Bescheid dem Divan. Wozu hast du die Lalen einberufen? Gewähr Bescheid, wo nicht, so hau uns nieder!« Darauf erwidert kurz der Sultan so: — »O meine Lalen und Ridžalen mein!« und nun verlas den Meldungbrief er ihnen. Drauf lasen sie mit lauter Stimm’ das Schreiben. Was hält für Red’ der Sultan jetzt zu ihnen? — »Was fangen wir nun an mit unsrem Leben? Wie? sollen wir versammeln eine Heermacht um sie zur Festung Temesvar zu senden, um Rákóczy den Fürsten zu empfangen und seine Bündner, sieben Königreiche? sind wir im Stand vor ihnen zu bestehen und einen Krieg mit ihnen durchzukämpfen? Wie? sollen wir gar unser Stambol räumen und fort zur Kaaba und Medina flüchten, wo unsrer Väter altes Heimatland?« Da sprachen alle Lalen und Ridžalen: — »O Sultan, Kaiser, Sonne aus dem Osten! es ist dir wohler, Stambol ganz zu räumen als Krieg zu führ’n mit all den sieben Königen! Jetzt gilt’s die Hauptstadt und Istambol räumen! Wir können mit den Christen uns nicht messen!« Fortwährend schweigt der Vezier Köprülü. Der Sultan wandte fragend sich an ihn: — »Mein erster Lala, Vezier Köprülü, was hüllst du dich in Schweigen, sprichst kein Wörtchen?« Darauf zu ihm der Vezier Köprülü: — »O Sultan, Kaiser, Sonne hinter Bergen! o tätst du lieber meinen Rat befolgen und gäbst du mir ein hunderttausend Mannen, ein hunderttausend kampfgewohnter Krieger, und gäbst du mir ein hundert Stück Kanonen dazu Bombarden für die Festungbrände; o gäbst du Proviant und Munition, so zög’ ich gern zur Festung Temesvar, um Rákóczy den Fürsten zu empfangen, und wie’s uns Gott gibt und das Glück gewährt!« Als solches Wort der Sultan tat vernehmen, entströmten seinen Augen hell die Tränen; er küsste seinen Vezier in die Augen, wo sich zu küssen pflegen Falken, Helden: — »Vortrefflich, o du mein getreuer Lala! da hast du dreimal hunderttausend Mannen, da hast auch Proviant und Munition, da hast du gleich auch die Granatkartätschen und die Bombarden für die Festungbrände. Da stehn bereit dir grosse Meergaleeren! Ich gebe dir auch mit den Siegelwahrer, mein heil’ger Segen wird dich auch begleiten!« Nun gab er ihm den Ferman mit dem Namen, dass niemand ihm zuwider reden dürfe, und hub dann an das Heer für ihn zu sammeln. Nachdem er ihm ein furchtbar Heer versammelt und seinen Kammerschatz für ihn gehäuft und grosse Meergaleeren ihm gegeben, da macht sich auf der Vezier Köprülü, und lässt auf die Galeer Kanonen schleppen, befiehlt auch seinem Heer sich einzuschiffen. Nachdem er so ein Heer versammelt hatte, da setzt’ er wohl die Heermacht in Bewegung, der Sultan schenkt’ ihm seinen heil’gen Segen, zu Ehren ihm beging ein Fest der Sultan; er liess aus hundert Stück Kanonen donnern als fort ihm zog der Vezier Köprülü. Die Schiffe stachen in die See hinaus, Der Vezier zog zur Festung Temesvar. Es kam der Vezier an vor Temesvar und langte dorten an zur schönsten Stunde inmitten der Jat-sú’s, nach dem Akšām, und aus den Schiffen aus das Heer er schiffte und gab dem Heer Befehl fürs Lagerschlagen. Aufwerfen liess der Vezier Wälle dreifach, unter Kanonen Rutenkörbe flechten, die Körbe voll mit Schutt und Erde schütten. Darauf aufschütten liess er Erd’ und Steine, Kanonen grosskalibrig auf die Körbe er richtete die grossen Feldkarthaunen, er kehrte sie gen’s Vučijak-Gefilde wohl gen’s gewaltig grosse Heer des Fürsten. Ums Morgengrauen war das Heer geordnet. Beim Tagesanbruch und beim Sonnenaufgang, was sprach für Wort der Vezier Köprülü? Er sprach zum Siegelwahrer diese Worte: — »Lass wohl uns auf die Festungwälle wallen!« Sie fassten an der weissen Hand einander und stiegen auf die ob’re Bastion. Nun solltest du den Siegelwahrer sehen! wie er das Fernrohr mit dem Glas hervorzieht und wie er ’s Heer vom Rákóczy betrachtet. Als er die kampfgewohnte Heermacht sah, schlug mit den Händen sich er auf die Kniee und sprach das Wort zu Vezier Köprülü: — »O Kaiserlala, Vezier Köprülü! wir haben jenem kein entsprechend Heer, wir können uns in offner Schlacht nicht messen! O lass uns lieber unserm Sultan schreiben, er mög’ uns etwas mehr noch Truppen schicken!« Wohl war das Köprülü nicht angenehm, doch fand sich sonst in diesem Fall kein Ausweg. Dann stiegen sie ins Temesvargefilde und setzten unter ihrem Zelt sich nieder und huben an darüber Rat zu halten. Was spricht für Worte Köprülü, der Vezier? — »O kaiserlicher Lala, Siegelwahrer! es wäre Schand, dem Sultan es zu melden, er hätt’ ein grösser Heer uns aufzuladen, zumal wir noch nicht eine Schlacht geschlagen! Geh’, schreib uns eine zierlich feine Meldung, damit wir sie ins stolze Bosna senden an meinen Bruder Hodža Köprülü. Aufbieten soll er uns zwölf tausend Mannen zwölf tausend kampfbewährter Bosnamannen. Er schick’ sie her zur Festung Temesvar! denn Schlachtenkämpfer sind die Bosnahelden; mit ihnen wollen wir den Angriff wagen!« Das sagten sie und folgten solchem Ratschluss, verfassten einen Ferman mit dem Namen und drückten drauf das kaiserliche Siegel und pressten auf den Brief das Siegelpetschaft, und gaben ihn dem flinken Feldtataren. Fort lief der Feldtatar ins weite Land. Als er nach Bosna kam und hin nach Travnik, erschien er vor dem Landesvogt im Divan. Sobald der Hodža diesen Brief erhalten und auch ersehen, was der Ferman kündet, so warf er gleich zur Seite weg den Ferman, fing zierlich an zu schreiben Aufgebote, um sie zur Stadt von Saraj auszusenden wohl auf das Knie des Buljukbascha Džanan. Wie hat er sich im Schreiben ausgesprochen? »O Džanan, Obrist aller Buljukbaschen da nimm den Brief und schau dir an die Schrift. Sechs tausend Mann an Truppen biet mir auf, nur lauter Bosner, kampfbewährter Helden. »Versammle lauter auserwählte Helden! Nur heb’ nicht alte Leut’ und Bürschlein aus, heb auch den jüngst beweibten Mann nicht aus, heb nicht der Mutter einzigen Sohn mir aus! Gar traurig sind die Tränen einer Mutter; es weine keine um den einzigen Sohn. »Sechs tausend Mannen will ich selber sammeln, dann wirst zu mir du stossen her nach Travnik. Wir werden unsre Heermacht hier vereinen, von hier zur Festung Temesvar marschieren!« Er gab den Meldungbrief dem Feldtataren: — »Geh, trag den Brief zur Stadt von Sarajevo!« Sobald als der Tatar den Brief erhalten, schon warf er sich aufs ausgerüstet Ross und zog gerad zur Stadt von Sarajevo. Als der Tatar in Sarajevo ankam vor Džanan Buljukbašas schlanker Warte da übergab er’s Meldungschreiben Džanan. Als Džanan nun den Meldungbrief entfaltet, ersah er, was der Brief für Kunde bringt. Das war Herrn Džanan äusserst lieb zu wissen und hurtig sprang er auf die Füss vom Boden. Nach kleinen zwei Gewehren griff er gleich und nahm zu Handen die Gefolgschaftfahne. Darauf begab sich Džano auf den Markt, vor die Moschee, genannt die Begmoschee. Vor die Moschee da pflanzt er auf die Fahne — hier pflegte sich seit je das Heer zu scharen — und zog hervor die kleinen zwei Gewehre und kehrte sie gen Himmel wolkenwärts und legte Feuer auf die Pulverpfannen. So gab er durch die weisse Stadt die Kunde. Und Džano kehrte wieder heim zurück. Es hub Herr Džano an sich auszurüsten, sich selben auszurüsten und den Renner. Er rüstete sich aus drei weisse Tage wie’s sich geziemt fürs kaiserliche Heer. Sobald der vierte Morgen angetagt, so machte sich er fertig und den Renner, dann ging Herr Džano hin vor die Moschee. Da waren alle Truppen schon versammelt, versammelt hatten sich die Bosnarecken, nur einer fehlt, der junge Fazlagić, der ihm die Fahne trägt dem Heer voran. Nach kurzer Weil, es währte gar nicht lange, da taucht hervor auch Ibro Fazlagić auf braunem Renner, ganz in lautrem Golde. Sobald er kam, so rief ‘Selām!’ er aus, das Bosnavolk entbot ‘Selām!’ entgegen. Es bog sich vor Herr Džanan Buljukbaša: — »O Fazlagić, empfange hier die Fahne, damit wir unser Heer in Marsch versetzen!« Darüber lachte satt sich an der Kämpe und stieg von seinem braunen Renner ab, vollzog vorerst nach Türkenbrauch die Waschung, tat zwei Gebet’ in der Moschee verrichten. Dann holte sich der Fähnrich erst die Fahne und lass herab den Segen für die Fahne, er küsste dreimal ihre Zottelborten, dann nahm er sie in seine weissen Hände, er sprach: »Allâh!« und schwang sich auf den Braunen und rief dem Džanan Buljukbascha zu: — »O Džano, folg mir auf dem braunen Renner!« O liebster Gott, o welch ein Wunder mächtig! Um manchen weint die hochbetagte Mutter um manchen weint die herzgeliebte Schwester, um manchen weint das treue Eh’gemahl! So zogen fort die jungen Sarajmannen und schlugen ein zum ersten Atmejdân, als Džanan Buljukbaschas Ruf erscholl: — »Ei singt ein Lied, Ihr jungen Sarajmannen, singt fort und fort, entladet die Gewehre!« Er ruft umsonst, es will ihm gar nicht frommen, denn weder singt noch schiesst aus Flinten einer. Und wiedrum rief Herr Džanan Buljukbascha: — »O Fazlagić, mein trauter Bannerträger! Hast du nicht Lust, ein Liedchen anzustimmen? erweck mir frohen Mut im Bosnavolk!« Sobald dies Ibro Fazlagić vernommen, so liess er seine Stimme hoch ertönen. Was singt er nun und wie erklingt sein Lied? — »O bleib mit Gott du kotig Bosnaland und unsre schlanken Warten rings im Land! O unsre Mütter, sparet eure Tränen, o spart die Tränen, sucht uns zu vergessen! O unsre Frauen, sucht euch andre Gatten, wohl andre Gatten, harret unsrer nicht! O unsre Schwesterchen, geht Ehen ein! Wir aber werden uns schon dort beweiben in jener weissen Festung Temesvar mit schwarzem Erdreich und mit grünem Rasen!« Als Fazlagić ein solches Lied gesungen, da rief Herr Džanan Buljukbascha aus: — »O Fazlagić, so soll dich Gott beschweren! was tatst du da, so Gott dir helfen mag! warum betrübst du meine Bosna-Helden?« Als Džano hier sich in Bedrängnis sah, so fing er hell und schmetternd an zu singen: — »O bleib mit Gott du stolzes Bosnaland, im Bosnaland auch unsre schlanken Warten und auf den Warten unsre alten Mütter! O Mütter, unsretwegen spart die Tränen! O unsre Schwestern, sucht euch selber Gatten, sucht selber Gatten euch, versorgt euch selber! Doch unsre Frau’n, Ihr braucht nicht andre Männer! Wir werden wieder in die Heimat kehren, erringen reichen Raub und grosse Beute. Es sind uns unsre Warten stark verfallen, wir wollen unsre Warten überdachen!« Als Džanan Buljukbaschas Lied erklungen war froher Mut ins Bosnavolk gedrungen; die Bosnahelden fingen an zu singen, zu singen und die Flinten zu entladen. Und übers weite Feld sie weiter zogen; sie überschritten das Gefild von Saraj und drangen in die Berge vor und Alpen. Als sie ins weisse Travnik hingelangt, empfing sie hier der Travnikaër Vezier; er fasste Džanan an der weissen Hand an und gleich nach ihm den jungen Fazlagić. Er führte sie zu sich ins Staatsgebäu, auch unterbracht’ er dort noch ihre Truppen. Hier war die Herberg und sie hatten’s herrlich. Ums Morgengrauen, als die Sonne aufstieg, da rief der Travnikaër Vezier aus: — »O Kaiserlala, Džanan Buljukbascha! sechs tausend Mannen brachtest du herbei, sechs tausend hab’ ich selber aufgesammelt. Zwölf volle tausend übergeb’ ich dir!« — und gab ihm Proviant und Munition — — »geleit sie hin zur Festung Temesvar, zu meinem Bruder Vezier Köprülü!« Er gab ihm einen feinen Meldungbrief, vermerkte drin zwölf tausend Mann an Truppen und übergab die strammen Mannen Džanan. Nachdem die Meldung Džanan übernommen, hei, sprang Herr Džanan Buljukbascha auf und gleich nach ihm auch Ibro Fazlagić. Was spricht für Wort Herr Džanan Buljukbascha? — »O Fazlagić, du nimm zur Hand das Banner und trag das Banner vor dem Heer voran!« Als Fazlagić den Bannerstock ergriffen, die Wärter führten ihnen zu die Renner, sie schwangen sich auf ihre guten Renner. Voran zuoberst Džanan Buljukbascha, und gleich nach ihm folgt Ibro Fazlagić, den Weg sie nahmen durch die schmale Zeile. Das Banner, das bedeckte Fazlagić von beiden Seiten bis zum grünen Rasen, auf Fahnenpagen ruh’n die Fahnenquasten. Nachschauen ihnen Travnikaër Mädchen, sie schaun in einem fort die Bosnahelden, am allermeisten Fazlagić, den Jüngling. Ein Held an Heldentum ist Fazlagić, ein Jüngling wohlgefällig anzuschauen. Herbeizurufen huben an die Mädchen, herbeizurufen jede ihre Mutter: — »Schau, Mutter, schau, den jungen Fazlagić! O Heil der Mutter, welche ihn geboren! Wie schön er ist, die Mutter mag sich freuen!« Doch sagten ihnen drauf die alten Mütter: — »O Töchter schweigt, Ihr mögt verstummen wortlos! die Fazlagićen leiden an Beschreiung, beschreit uns nicht den jungen Fazlagić! Die Mutter hat nur ihn, den einzigen Sohn, es könnt’ die Mutter ganz vereinsamt bleiben!« Also verliessen sie die Festung Travnik vom Alter und der Jugend viel bewundert. Sie überschritten das Gefild von Travnik und drangen in die Berge vor und Alpen. Sie huben durchs Gebirgland an zu wandern, ein Lager nach dem andern, Tag für Tag, und hielten allerletzte Lagerrast im Hochwald oben auf der Vučjak-Höhe. Die Bosner schlugen auf ihr nächtlich Lager, es war der dunklen Nacht die dritte Stunde, da traf dort ein ein flinker Feldtatar und brachte Džanan einen Meldungbrief. Als Džanan dieses Schreiben übernommen, — er liest den Brief und freut sich ob des Inhalts. Es schrieb ihm nämlich Vezier Köprülü: »O Kaiserlala, Džanan Buljukbascha! Wann morgen du nach Temesvar mir kommst, erteil dem Bosnavolk die Weisung, Bruder: Wann Ihr zu meinem Lagerzelte hinkommt, da möge Mann an Mann sich drängend stossen, sie mögen dich bedrängen und den Braunen und dir den Vater und die Mutter lästern. Wir aber werden aus Gezelten schauen. Das wird dir, Bruder, für die Folge frommen!« Als Džanan dieses Schreiben durchgeschaut, da graute ’s und die Sonne war im Aufgang. Und wiedrum ordnet er zum Marsch das Heer, und gab den Bosnamannen solche Weisung: — »Wir steigen jetzt zu Temesvar hinab, beim Zelt des Vezier Köprülü vorbei und auch vorbei an seinem Siegelwahrer. Macht wild und wütig unter euch die Renner, spornt einer gen den andern an die Renner und flucht drauf los den Vater und die Mutter und spornt auch gegen mich die Renner an und flucht auch mir den Vater und die Mutter!« Er sprach’s und jagte mit dem Ross voran, ihm folgen hintennach die Bosnahelden. Als sie zur Festung Temesvar gelangt, entlang dem weiten Temesvargefilde erblickten sie des Sultans Heer gelagert. In wilde Wut gerieten nun die Bosner und liessen unter sich die Rosse tummeln und zogen blank die scharfen deutschen Schwerter. Es jagt der eine gen den andern los es tut ergrimmt der eine gen den andern, auch spornten sie gen Džanan an die Rosse und schwangen drohend ihre scharfen Säbel, sie fluchten ihm den Vater und die Mutter. Doch Džanan schweigt und spricht kein Sterbenswörtchen. Dies Treiben schaut mit an der Siegelwahrer und auch mit ihm der Vezier Köprülü. Was macht der Siegelwahrer für Bemerkung? — »So schauen deine Bosna-Helden aus!? Die haben Heldentum gar nicht gesehen, das sind vielmehr nur schwere Beutelschneider!« Herr Džanan liess sein Heer das Lager schlagen, er selber eilte hin zum Siegelwahrer zur Audienz mit Vezier Köprülü; mit Džanan geht auch Ibro Fazlagić. Beim Eintritt sagten sie Selām zu türkisch. Sodann ergriff das Wort der Siegelwahrer: — »O Džanan, vielgeschätzter Bannerträger! Was hast du für ein Bosnavolk gebracht? Das sind ja keine Helden, diese Bosner, sind schier vielmehr nur schwere Beutelschneider!« Zur Antwort gibt Herr Džanan Buljukbascha: — »O kaiserlicher Lala, Siegelwahrer! Das Bosnavolk besteht aus grossen Helden! Bevor sie in des Kaisers Heer gezogen, verkauften sie die Triften bei den Warten und bargen in die Taschen wohl das Bargeld. Solang als in den Taschen Bargeld klang, da waren wohlgemut die Bosna-Helden. Doch kaum verschwand das Bargeld aus den Taschen Noch kennst du nicht den Brauch des Bosnavolkes. Drum ist erbost der eine auf den andern, drum jagt der eine gen den andern los!« Als dies der Siegelwahrer tat vernehmen, gab Proviant er ihm und Munition, schlug auf für ihn Gezelte im Gefilde und schenkte Schätzeladungen ihm drei: — »Da nimm, o Džano, teil’ sie unters Heer!« Nachdem Herr Džano diesen Schatz verteilt, da sang das Bosnavolk zu zwei und zwei. Nun ging Herr Džano unter sein Gezelt und ass zu Nacht ein Nachtmahl herrschaftlich. Als nachts es um die zweite Stunde war, vom Pfühl erhob sich Džanan Buljukbascha. Schon ist er dort bei Vezier Köprülü und dessen Flügelmann, dem Siegelwahrer. Beim Eintritt rief ‘Selām!’ er türkisch zu, worauf ihm jene Gegengruss entboten und einen Platz an ihrer Seite machten, auch einen farbigen Tschibuk ihm verehrten, die Sieder reichten ihm Kaffeegebräu. Darauf ergriff das Wort der Siegelwahrer: — »O Kaiserlala, Džanan Buljukbascha! Wie haben wir den Gegner anzugreifen? der Christen Unzahl, Minderzahl der Türken! Was fangen wir nun an mit unserm Leben?« Darauf entgegnet Džanan Buljukbascha: — »Nur keinen Wahnwitz, o Ihr zwei Veziere! am morgen Freitag, übermorgen Samstag, am Sonntag Frist, die Schlacht erfolgt am Montag, am Dienstag mögen Mütter weheklagen. Was habt Ihr mich sogleich schon überfallen? lasst eher rasten mein gewaltig Heer!« Sprach dies und hurtig sprang er auf die Beine. Nun ging Herr Džano unter sein Gezelt, und dort empfing ihn Ibro Fazlagić: Er wandte sich an Džano mit der Frage: — »Was hast du, Bruder, dorten ausgerichtet? wie? haben wir den Christen anzugreifen?« Und ihm erwidert Džano Buljukbascha: — »Mein liebes Närrchen, Ibro Fazlagić! So hab’ ich’s den Vezieren dargelegt: ’Am morgen Freitag, übermorgen Samstag, am Sonntag Frist, die Schlacht erfolgt am Montag, am Dienstag mögen Mütter weheklagen!’« Was spricht dagegen Ibro Fazlagić? — »So Gott mir helfe, Džano Buljukbascha, da gibt es keinerlei Gewinn noch Vorteil, gar weit ist ’s nicht mit deiner Weisheit her! Ja, kennst du nicht die Bosner gottverflucht! Drei weisse Tage brauchen sie zu rasten, dann taugt dir keiner einen Pfifferling, und unsre Siegeshoffnung fällt ins Wasser! Doch so du meinen Ratschlag magst befolgen — es bricht uns Morgen an der türk’sche Freitag, die Morgenbeugung machen wir zusammen, die Beugung und verrichten unser Beten; die Mittagbeugung machen wir zusammen, vom Mittag warten wir bis Nachmittag und beten ’s Nachmittaggebet zusammen und warten den Akšām ab mit der Waschung; die Abendbeugung machen wir zusammen und auf die Beugung folgt das Nachtgebet; wir wollen uns in dunkler Nacht erheben. Das bleib’ den zwei Vezieren unbekannt! Dann werden wir uns noch einmal versöhnen, zuletzt versöhnen und einander küssen, einander unsre Sünden wohl vergeben und nachts gen Rákóczy den Angriff wagen; zwölftausend Mannen Bosnavolk genügen. Wir können auf des Sultans Heer verzichten!« Dies sprachen sie und folgten ihrem Ratschlag, die Mütter mögen schon am Samstag wimmern! Und hier verbrachten sie die dunkle Nacht. Ums Morgengrauen und beim Sonnenaufgang, da brach der liebe Freitag ihnen an. Die Morgenbeugung machten sie zusammen und beteten zu Mittag auch zusammen. Dann kam die Zeit zum Nachmittaggebet, sie beteten gemeinsam nachmittags, indessen nahte schon das Abendbeten, das Abendbeten machten sie gemeinsam. Zwei Stunden von der Nacht entwichen waren, schon war die Zeit zum Nachtgebet gekommen. Gemeinsam beugten sie das Nachtgebet, dann hüpften hurtig auf sie auf die Beine. Da taten alle sich nun hier umhalsen, umhalsen und einander Küsse geben, einander ihre Sünden wohl vergeben. Herbei sie holten ihre guten Renner und all das Bosnavolk bestieg die Pferde. Was sagte nun Herr Džano Buljukbascha? — »O Fazlagić, es freu’ sich deine Mutter! geh nimm zu Handen die Gefolgschaftfahne, als erster zieh dem Bosnavolk voran, es wird dir folgen Džano Buljukbascha. Wo einer fällt, dort fallen alle beide, wo einer siegt, dort siegen alle beide!« Zum Heer sich wandte Džano Buljukbascha: — »O Heldenvolk von Bosna weit berühmt! es scheer der eine sich nicht um den andern! es deck’ sich nicht der eine hinterm andern! zurück nicht bleib’ der eine hinterm andern! Je einen Schuss hat jeder abzuschiessen, »Allah« zu rufen, Gottes zu gedenken, und jeder greif nach seinem scharfen Säbel und stürme gradenwegs gen Rákóczy! Aus euren weissen Kehlen tön das Rufen: ’Allâh, Allâh, gedankt der liebe Gott! eröffnet stehn die Pforten von Gan Eden!’ Wer fallen wird, dess Heim erhält Entlohnung, wer leben bleibt, der bleibt beglückt fürs Leben!« Das sprachen sie und spornten an die Rosse. Herr Ibro Fazlagić als allererster, ihm folgte nach Herr Džano Buljukbascha. Gemach, gemach zum Vučijak sie kamen. Als sie ins Vučijak-Gefilde kamen, da bog sich vor Herr Ibro Fazlagić: — »Wo weilst du ärmster Fürst, o Rákóczy? es griffen dich die Bosna-Helden an, sie griffen dich von all’ den Seiten an!« Er sprach’s und schoss die Flintenladung ab, zwölftausend Flinten knallten noch darauf, und jagten Schrecken ein dem Fürstenheer. Doch Rákóczy empfing sie vorbereitet, und überwarf sie mit lebendig Feuer! Ein schlimmes Glück war ihnen hier beschieden, hier blieben Džanan Leichen auf dem Plane, sechs tausend toter Leiber liess er liegen, sechs tausend Mann vom Bosnavolke fielen! Sechstausend aber drangen mutig vorwärts. ’Allâh!’ sie riefen und gedachten Gottes und drängten Fürsten Rákóczy nach vorwärts, ja, drängten und bedrängten ihn nach vorwärts! Als da das Heer verwundet angegriffen, die Nacht war schwarz, in Finsternis versunken, da huben die Soldaten an zu schreien: — »Die Türkenmacht uns mächtig hat umrungen!« und fingen miteinander an zu kämpfen! Die grimmen Bosner setzten heftig zu und gegenseitig war der Kampf entsponnen, die scharfen Säbel beiderseits geschwungen! Die Nacht so schwarz, in Finsternis versunken, vom Himmel bis zur Erde lagert Dunkel, es kann da keiner keinen mehr erkennen bis früh zum Morgengraun und Frührotleuchten! Es warf den Blick ins Feld der Siegelwahrer und sprach das Wort zu Vezier Köprülü: — »So schaun dir deine Bosna-Helden aus! nicht eine einz’ge Seel’ ist bei den Zelten! Sie pfropften mit des Sultans Schatz sich voll, entflohen dann zurück die Alpen aufwärts!« Als dies der Vezier Köprülü vernommen, bei Gott, es war ihm gar nicht angenehm! Der Vezier sprang vom Boden auf die Beine und schwang sich auf sein schimmelfarben Rösslein; es zogen mit ihm mit noch vier Tataren. Schon sind sie auf der Höh des Vučijak und suchen nach der Spur die Alpen aufwärts, ob sich die Bosner nicht nach Heim gewendet. Im Hochgebirg ist keine Spur von ihnen; wohl ist das Bosnavolk nicht heimgezogen. Von ungefähr blickt Vezier Köprülü, von ungefähr ins Vučijak-Gefilde, wo Rákóczy der Fürst gelagert hatte, doch keine Sterbenseel’ ist dort zu sehen. Dann kehrt zurück der Vezier Köprülü und sagt dem Siegelwahrer seine Meinung: — »O kaiserlicher Lala, Siegelwahrer! Mit nichten sind die Bosner uns entflohen, den Feind sie haben nächtlich überfallen. Ich sah hinab aufs Vučijak-Gefilde nicht eine Sterbenseele war zu sehen. Allwo das Heer des Rákóczy gelagert, dort liegen Leichen ohne Zahl und Ende. Gar viel von unserm Heer ist umgekommen! Lasst für der Bosner Seelenheil uns beten! Wohl waren ’s Helden und sind umgekommen, Nun werden wir für sie Vergeltung üben!« Er wandte sich gens Vučijak-Gefilde, es folgt ihm nach das mächtig starke Heer. Als hin der Vezier ins Gefilde kam, wo Rákóczy der Fürst gelagert hatte, wo Džanos Angriff gegen ihn erfolgt, da waren von dem Bosnavolk gefallen, sechstausend Mann hat hier er liegen lassen, mit andern sechs war er dem Feind im Nacken. Der Vezier geht umher, ihm perlen Tränen, und wendet um die Leichen der Bošnjaken. Er weint nicht um sechstausend Bosner willen, er weint vielmehr um Džano Buljukbascha, beweint mit ihm den jungen Fazlagić. Nach ihnen forschend, wandt’ er um die Leichen. Als er nun sah, dass hier sie nicht zu finden, so zog er mit der Heermacht ihnen nach. Wo Vezier Köprülü vorüberzieht, wo er vorüberzieht durch russisch Land, dort spriesst kein grüner Rasen mehr empor. Sie zogen einen Monat durch das Land in Augen stets das Bosnavolk behaltend. Als er ins Feld von Orlovo gelangte, So liess am Felderrand das Heer er rasten. Die Bosner huben an zurückzukehren, es huben an die Truppen sich zu sammeln. So mancher führt gefesselt den Gefang’nen, und mancher bringt ein abgesäbelt Haupt. Sechstausend Bosnamannen sich versammeln. O sieh! es naht auch Džanan Buljukbascha, hat eingefangen sieben Kapitäne! Ihm stand zum Gruss der Vezier auf vom Sitze, gab einen Kuss ihm auf die Heldenstirne. Noch fehlt allein der junge Fazlagić. Im Heer fing an Herr Džano umzufragen: — »Hat’s wer gesehen, dass er umgekommen?« — »Wir sahen’s keiner, dass er umgekommen, auch sahen wir ihn nicht im Felde liegen!« Sie suchten ihn drei volle weisse Tage und taten für sein Seelenheil schon beten. Wie eine grimme Natter wimmert Džano: — »O weh der Mutter bis ans Lebensende! dass ihren Fazlagić sie musst’ verlieren, den Helden kühn, der ohne gleichen galt!« Doch während sie noch solche Reden führten, erschien im Feld Herr Ibro Fazlagić auf seinem langbemähnten braunen Läufer. Hat keine schlechte Beute sich errungen: gefangen gar den Fürsten Rákózy, mit ihm zugleich die Königin die Fraue! Als Džano Buljukbascha ihn erschaute, wie sah er aus, o wehe seiner Mutter! Kein Faden vom Gewand auf seinem Leibe, versengt hat alles ihm lebendig Feuer. Entgegen geht ihm Džano Buljukbascha, zugleich mit ihm der Vezier Köprülü; sie küssten ihn auf seine Heldenstirne. Es spricht zu ihm der Vezier Köprülü: — »Sollst glücklich sein, hast grosses Ding gewonnen, du hast zwei wack’re Kämpen eingefangen. Du wirst beglückt dein Lebelang verbleiben!« Sie gaben Rast dem furchtbar müden Heer, sie hielten Rast zwei volle weisse Tage, und rückten mit dem Heer am dritten Morgen, sie rückten vor die Festung Temesvar. Als sie vor Temesvar, die Festung, kamen und in das eb’ne Temesvar-Gefilde, empfing sie feierlich der Siegelwahrer, als echter Türk »Selām« entbot er ihnen und küsst die Helden zwischen Augenbrauen. Was hat der Siegelwahrer mitzuteilen? — »O Herzensbruder Vezier Köprülü! Der Sultan ist nach Temesvar gekommen, um jeden nach Verdiensten zu belohnen. Geh führ’ ihm vor das Bosnavolk, die Helden, es heisch’ ein jeder, was ihm mag behagen!« O sähst du nun den Vezier Köprülü, wie er die Bosna-Helden hingeleitet! Er führte hin Herrn Džanan Buljukbascha, mit ihm zugleich Herrn Ibro Fazlagić. Sie brachten mit den Fürsten Rákóczy, sie brachten mit die Königin, die Fraue. Als vor dem Sultan sie im Divan waren und auch des Kaisers Kleidersaum geküsst, da weihte wohl Herr Vezier Köprülü, zwei Sklaven er dem Kaiser weihen tat. Drauf spricht zu ihm der Sultan unter Tränen: — »O Vezier mein, o du mein liebster Lala! Ihr habt mir wohl ein gut Geschenk errungen und habt mir meine Residenz errettet! O Lala, Dank sei Gott und Dank den Bosnern!« Der [Vezier Köprülü] hub an zu rufen: — »Zu mir, o Džanan, Held vom Bosnaland!« Als vor dem Sultan Džanan nun erschienen mit seinem Flügelmanne Fazlagić, was lässt der Sultan für Bemerkung fallen? — »O heische Džano, was dir mag behagen!« Darauf entgegnet Džanan Buljukbascha: — »O Sultan, Kaiser, Sonne von dem Osten! ich werde keinerlei Begehren äussern, da steht vor dir mein Ibro Fazlagić, er mög verlangen, was sein Herz begehrt!« Da spricht Herr Fazlagić das Wort zum Sultan: — »O Sultan, Kaiser, Sonne hinterm Berge! wirst du gewähren, was ich heischen werde?« — »O Lala, ja, bei meiner Augen Lichte!« — »Zwölf tausend Mannen brachten wir hieher, zwölf tausend kampferprobter Bosnamannen. O Kaiser, einzig und allein ich wünschte, belohn’ die Toten gleich den Lebenden. Sechs tausend Leichen liessen wir im Felde, und jeder Mann hat wen daheim gelassen, so mancher Töchter, mancher liebste Schwestern; verleih’ den Waisen Lehengrunddiplome, zwölf tausend in das Bosnaland Diplome!« Ohn’ Wörtchen Widerspruch verlieh der Sultan Herrn Fazlagić erbetne Reiterlehen und gab ihm einen Säbel mit dem Siegel und gab ihm goldne Turbanfedernbüsche. Und gleiches gab er Džanan Buljukbascha: — »Da nehmt es, Helden aus dem Bosnaland! sollt euer Lebelang zu zehren haben davon und eure Kinder noch nach euch!« Dann rief er zu dem Vezier Köprülü: — »Beteilig sie mit sieben Schätzelasten, sie mögen prassen bis ins stolze Bosna! Als so die Bosner Reichtum angesammelt, da schwangen sie sich auf die guten Rosse und lenkten froh zur Heimkehr ihre Rosse. Der Sultan fertigt an noch einen Ferman: — »O zieht nun frei ins stolze Bosnaland! Ihr werdet viele Reiterlehen kriegen, doch Kinder, müsst dafür Ihr Kriegdienst leisten ohn’ Unterbrechung volle sieben Jahre für euer Geld und ganz auf eigne Kosten, so oft als euer Sultan euch benötigt!« Sie willigten in die Bedingung ein und drückten ihre Siegel auf den Ferman; dann zogen sie von hier nach Bosna heim. Der Sultan machte sich nach Stambol auf, die Bosner in das stolze Bosnaland. Als Džanan heim nach Sarajevo kam da sang er durch die schmalen Gassen ziehend: — »O unsre Frauen, harrt Ihr unsrer noch? o unsre Mütter, schaut doch jetzt auf uns! Wir sind mit Raub und Beute reich beladen, Wir können unsre Warten weissen lassen und unsre Klepper satt mit Gerste füttern; der Ohneweib, der kann sich nun beweiben!« Die Halbscheit hat sich nur von uns beweibt dort bei der weissen Festung Temesvar, dort auf dem breiten Vučijakgefilde mit schwarzem Erdreich und mit grünem Rasen!« Hier trennten sich die Helden voneinander, verzieh’n einander, tauschten Küsse aus und jeder kehrte heim zu seiner Warte; es mag das Heim gedenken des Gefall’nen, wer leben blieb, der blieb beglückt fürs Leben! Von uns das Lied, von Gott gewährt das Glück! Wir waren nicht dabei, noch sahen wir’s, auch wir vernahmen’s bloss von ältern Leuten; wir sangen und wir sagten euch’s nur weiter! O gäbe jedem Gott ein Magedein, mir zwei, dass besser ich befriedigt sei; die eine lahm mir sei und blind die andre, sie sollen betteln geh’n, mein Haus verseh’n und mich ernähren und des Leids erwehren!