Slavische Volkforschungen Abhandlungen über Glauben, Gewohnheitrechte, Sitten, Bräuche und die Guslarenlieder der Südslaven

Part 2

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Einen neuen mächtigen Impuls, den zweitkräftigsten, seitdem der serbische Volkstamm in der Geschichte aufgetreten, erhielt die epische Volkdichtung in den letzten Dezennien vor der Verdrängung der Türken aus Ungarn. Die ritterlichen moslimisch-slavischen Grenzwächter (serhatlije od ćenara), die beiläufig dreissigtausend [2] Mann auserlesener Truppen ins Feld stellen konnten, hatten einen gar schweren Stand, die weithin ausgedehnten Marken des türkischen Reiches im Westen gegen die fortwährenden Anstürme venezischer, deutscher und magyarisch-chrowotischer Kriegscharen zu verteidigen. Die gewaltigen Kriegzüge gegen Österreich boten den Moslimen serbischer Zunge und serbischen Stammes weitaus reichere und für sie erfreulichere Motive für eine epische Volkdichtung dar, als solche in der älteren Überlieferung vorhanden waren. Meine grossen Sammlungen moslimisch-slavischer Epen [3] legen ein glänzendes Zeugnis dafür ab, dass das südslavische Volktum in diesen Schöpfungen seinen höchsten und künstlerisch vollendetsten Ausdruck gefunden. Nur die altgriechischen Epen Homers sind den moslimisch-slavischen ebenbürtig, sonst hat kein Volk unter den sog. Indogermanen so gediegenen Reichtum an Volkepen »aus tiefen Furchen seiner Brust« gezogen.

In der Crnagora, in Bosnien, im eigentlichen Serbien und in Bulgarien entfaltete sich vom 15. Jahrhundert ab unter den slavischen Nichtmoslimen eine Hajduken-Epik, die stofflich und in der Ausführung auf ein Haar den neugriechischen und den albanesischen Klephten-Epen gleicht. Die dicht bewaldeten Höhenzüge der Balkan-Gebirge und die höhlenreichen Karstgebiete sind die wahren Heimstätten der Hajduken gewesen, von denen der Guslar singt:

mač i puška i otac i majka dvije male bratac i sekuna oštra ćorda vijernica ljuba tvrda st’jena mekano uzglavje kabanica kuća do vijeka.

Seine Flinte heisst er »Mutter!« und sein Schwert »lieb Väterchen!« Zwei Pistolen in dem Gürtel »Brüderchen und Schwesterchen:« An dem Gurt ein scharf Gewaffen ist sein »trautes Ehgemahl!« Und der harte Felsen dient ihm nachts als weiches Polsterpfühl; Und sein Heim, das ist sein Mantel bis zur letzten Lebensstund.

Merkwürdig ist die Erscheinung, dass bei den Bulgaren sowohl die epischen Lieder aus der älteren Periode als die Hajduken-Epen vorwiegend auf Anlehnung an serbische Originale oder auf unmittelbare Entlehnung aus dem Serbischen hindeuten. Dafür haben die Bulgaren die Sagen, Märchen und Legenden mehr ausgebildet. Die Stoffe sind vielfach orientalischen Ursprungs. Bulgarien hatte es unter türkischer Herrschaft verhältnismässig weitaus besser als die Bewohner der übrigen Provinzen. Bei den Bulgaren entwickelte sich frühzeitig ein beträchtlicher Gewerbefleiss, dessen Erzeugnissen leicht alle Märkte des Orients zugänglich waren. Der regere Handelverkehr und der aufsteigende Volkwohlstand beanspruchten den Bulgaren derart, dass er den Sinn und das politische Verständnis für seine Volkindividualität verloren zu haben schien und bis zum Anfang dieses Jahrhunderts gar keine grösseren Anstrengungen machte, die Türkenherrschaft abzuschütteln. Fanden sich ja erst vor zweihundert Jahren die Rhodopebulgaren sogar bewogen, samt und sonders den Islam anzunehmen. [4]

Im allgemeinen hat sich der Islam als nicht geeignet erwiesen, die Abendländer für seine Prinzipien zu gewinnen. Die Serben und die Bulgaren, sowie ein Teil der Balkan-Zigeuner, machten in dieser Hinsicht die alleinige Ausnahme unter den Völkern Europas. Dagegen bewährte sich der Islam unter den turanischen und semitischen Völkerschaften in Asien und unter den Negern in Afrika als höchst wirksames Förderung- und Bindemittel der Kultur.

Die oft aufgetischten Redensarten von den barbarischen, wilden Türkenhorden haben nur bedingt eine Berechtigung. Länder und Völker werden nicht erobert und nicht bezwungen durch zierlich gedrechselte Komplimente von Salonhelden ebenso wenig, als durch gelahrte Doktordissertationen. Der Krieg rast dahin auf ehernem Wagen. Den Weg, den er gewandelt, bezeichnen geknickte Menschenblüten, bleichendes Gebein und zu Trümmerhaufen umgewandelte Behausungen der Menschen. Ein grosser Krieg kommt seinen Folgen nach einem schrecklichen Naturereignis gleich, etwa einem Erdbeben, wie das von Krakataua, oder einer verheerenden Sintflut. Nach der Katastrophe erblüht auf Ruinen wieder neues Leben.

In weiteren Kreisen, besonders unter den Südslaven, hat sich wie ein verrotteter Aberglaube eine grosse Geringschätzung, wo nicht Verachtung, der orientalischen Kultur eingewurzelt, soweit letztere durch die Türken repräsentiert wird. Wenngleich die Türken auch keine grosse selbständige Kultur geschaffen, so war ihnen doch als den Erben arabischer und persischer und mittelbar selbst altägyptischer Kultur eine höchst wichtige Maklerrolle zwischen Orient und Okzident zugefallen.

Das Türkentum hat also auf die Südslaven in zwei Beziehungen einen segenreichen Einfluss ausgeübt, indem es einmal die Südslaven zu einem besonderen Kampf ums Dasein nötigte, das andere Mal dadurch, dass es ihnen die Bekanntschaft mit arabischer und persischer Industrie und Kunstfertigkeit vermittelt hat. Sowohl durch diese Reibungen und Konkurrenzen, als infolge der mannigfaltigen Kreuzungen, steigerte sich die durchschnittliche Intelligenz der Südslaven um ein Beträchtliches, die Art wurde verbessert und veredelt. Soweit ich Angehörige der verschiedenen slavischen Völker im persönlichen Umgang kennen gelernt, sind mir die Südslaven, namentlich die Serben und Bulgaren, als die schönsten an Wuchs und Gestalt erschienen. Ich will noch hinzufügen, dass sie geistig ausgezeichnet veranlagt sind und in dieser Hinsicht weder den Polen noch den Čechen im geringsten nachstehen, nur fehlt ihnen im Durchschnitt jene rastlose Beharrlichkeit und Schaffensfreude, die man getrost als charakteristische Merkmale der Čechen im Verhältnis zu den übrigen Slaven betrachten darf.

Die Südslaven lernten von ihren Herren, den Türken, die Fabrikation von Tüchern und Teppichen, von Sattelzeug und Waffen, von Hausgerätschaften und von noch unzähligen kleinen und grossen Dingen. [5] In der Baukunst ragten die türkischen Meister besonders durch kunstvolle Brücken und Festungbauten hervor.

Die Zähmung der Falken zur Jagd und auch zur Briefpost gehörte zur Türkenzeit bei den bosnisch-herzögischen Edelleuten zu den gewöhnlichen Beschäftigungen. Den Gebrauch der Jagdfalken finden wir öfter in Guslarenliedern besprochen, aber meines Wissens nur dreimal den Falken als Briefboten. Brieftauben scheint man nicht benutzt zu haben, zum mindesten nicht bei Moslimen. In einem Guslarenliede wird erzählt, wie Muškić Stjepan (Stefan der Moskauer) seinen Brief nach Udbina bestellt:

er rief darauf herbei den grauen Falken und band ihm um den Hals das Briefchen fest, und gab auf griechisch ihm sodann die Weisung: — »Verweil mir nirgends und an keinem Orte eh’ du zur Burg des Burgherrn hingekommen,— dann lass dich ihm aufs Fenstergitter nieder:«

Der Falke flog zum Himmel unter Wolken und liess im türk’schen Udbina sich nieder auf Osmanagas weissgetünchter Warte und von der Warte schoss er hin ans Fenster.

Als ihn ersah der Burgherr Osmanaga, da sprach er wohl auf griechisch an den Falken: — »Komm her zu mir graugrüner Vogel Falke!« Der Falke fiel ihm auf den weissen Schoss, da löst’ er ihm den Brief vom Halse los und legte sich den Brief auf seine Kniee und brach das Siegel von dem Schreiben auf.

Bei den Türken stand die Falkenbeize seit jeher in grösstem Ansehen. (»Falknerklee«, drei ungedruckte türkische Werke über die Falknerei, eines der ältesten Denkmäler der türkischen Literatur, übersetzte Josef von Hammer. Pesth 1840.) Die türkischen Sultane waren fast ausnahmlos Freunde der Falkenjagd. Am meisten widmeten sich ihr Bajesid, der Wetterstrahl, und Mohammed IV. Nach der Schlacht bei Nikopolis (28. September 1396) gab S. Bajesid den ausgelösten deutschen, ungarischen und französischen Kriegern eine Falkenjagd zum besten und setzte sie durch die Pracht seines Jagdstaates, der aus 7000 Falkenjägern und 6000 Hundewärtern bestand, in Erstaunen. Die Falkeniere bildeten die Masse der sultanischen Jägerei, welche aus den vier Klassen der Falkenjäger, der Weihejäger, der Geierjäger und der Sperberjäger bestand, während die Hundewärter, in der Folge den Janitscharen einverleibt, 33 Regimenter bildeten. Ihre höheren Offiziere wurden durch Benennungen der Jagd nach den ältesten Begriffen des Morgenlandes geadelt, weil die Lebensmittel der Nerv des Krieges und die Jagd dessen edelstes Vorspiel ist. [6]

In dieser Schule lernten auch die bosnisch-herzögischen Spahis und Zaimbege die Falknerei kennen und verpflanzten sie von dort in ihre Heimat, wo sie sich hie und da bis auf den heutigen Tag noch behauptet hat. Der verdienstvolle und sehr strebsame Herausgeber des »Glasnik« in Sarajevo, Herr K. Hörmann, liess durch den Maler Ewald Arndt aus Deutschland darüber in Bosnien Ermittelungen anstellen und veröffentlichte in seinem Organe die mit Hülfe des Bezirkvorstandes Jordan und des Oberförsters Elleder gewonnenen Nachrichten. [7]

Noch vor 15 bis 20 Jahren jagten allgemein die Begen in Nordbosnien (Krajina) und im Savelande mit Falken, gegenwärtig aber ist die Falkenjagd nur noch üblich in den Edelsippen Uzeirbegović in Maglaj und den Širbegović und Smailbegović in Tešanj. Die Begen erklären bestimmt, die Falknerei sei nach der Unterwerfung des Landes durch die Osmanen eingeführt worden. Einen Jagdfalken zu überwintern, verstehen die Begen nicht mehr, wahrscheinlich, weil sie die zweckmässige Fütterung des Vogels verlernt haben, früher richtete man den Wanderfalken (falco peregrinus) ab, in unserer Zeit dagegen so gut wie ausnahmlos nur jene Art, die man »atmadža« nennt (atmadža oder akmadža bedeutet aber türkisch einen Sperber!). Zuweilen nimmt man auch einen gewöhnlichen Sperber, doch hat man von ihm nur geringen Vorteil.

Den Falken fängt man mit Netzen. Zwei beiläufig zwei Meter hohe und ebenso breite Netze werden sehr schwach in einem spitzen Winkel an Stangen befestigt. Von der Aussenseite verdeckt man die Netze mit dünnem Gezweige und grünen Dornen. In der Mitte zwischen den Netzflügeln bindet man eine lebendige Dohle an, worauf sich der Jäger in einem Gebüsch in der Nähe verbirgt. Um sich zu befreien, fängt die Dohle zu flattern und zu krächzen an, worauf sich leicht ein einjähriger noch unerfahrener Falke auf die Beute stürzt. Es entspinnt sich ein heftiger Kampf, bei dem das Netz über den Kämpfern zusammenfällt. Zur Abrichtung wählt man lieber ein Weibchen als das schwächere und kleiner gebaute Männchen. Die Freunde der Falkenjagd wissen genau, aus welchen Nestern sie die tauglichsten Falken erhalten können; alle Falken sind nämlich nicht gleich gelehrig. Im Ozren-Walde zählt man 20 Falkenhorste, doch nur an drei Stellen findet man die verwendbaren Falken.

Die Falkenbeize erheischt viele Mühen. Vorerst muss man den Falken daran gewöhnen, geduldig den Riemen am Bein zu tragen. Der Sitz des Falken muss stets in schaukelnder Bewegung erhalten bleiben und von Zeit zu Zeit hat man den Falken mit Wasser zu bespritzen, damit er nicht einschlafe. Auch muss er lernen, ruhig auf des Jägers Hand zu sitzen, die mit dicken aus Schaffell angefertigten Handschuhen bekleidet ist. Diese Abrichtung währt 15 bis 20 Tage. Mit dem gefügigen Falken auf der Hand begibt sich der Jäger in Begleitung seines Jagdhundes aufs Feld. Sobald der Hund eine Wachtel aufgestöbert, wirft der Jäger den Falken in der Flugrichtung der Wachtel auf, und der Falke schiesst auf seine Beute mit Blitzschnelle los. Ein gut geschulter Falke in Händen eines tüchtigen Jägers kann des Tags 10 bis 15 Wachteln fangen. Im Herbste, wenn die Wachteln nach dem Süden wandern, kann ein flinker Falke 60 bis 80, ja sogar 100 Wachteln einfangen oder erbeuten. Der Gebrauch eines Federspiels oder Luders bei der Falkenbeize scheint den bosnischen Waidmännern unbekannt zu sein.

Fast alle Musikinstrumente, die vielgedachten Guslen, das Symbol des Südslaventums, die auf asiatischen Ursprung hindeuten, haben die Südslaven den Türken zu danken. Mit der Šargija, der Bugarija, den Čemane und der Tamburica, Instrumenten von der Art der Mandoline, die gleichfalls dem Oriente entstammt, brachte der asiatische Osten dem Südslaven eine phantasievolle, blumenreiche, herzinnig-zarte, sinnige Lyrik von auserlesenstem Reichtum an Motiven und geistvoll zugespitzten Pointen. Nicht leicht hat mehr eines slavischen Knaben Wunderhorn solche Diademe und kostbare Perlenschnüre, wie das südslavische Schatzkästlein der Volklyrik, aufzuweisen. Nur dem Spanier war es beschieden, in ähnlicher Weise aus dem unversieglichen Jungbrunnen orientalischer Dichtung liebetrunken zu nippen.

Das lyrische Volklied der Südslaven verleugnet im allgemeinen auch äusserlich seinen orientalischen Charakter nicht. Die köstlichsten Stücke rühren aber in der Lyrik nicht minder als in der Epik von den moslimischen Slaven her. In dieser Lyrik kommt stürmische Glut gesunder Sinnlichkeit, gelangt der Liebe Lust und Leid voll und farbenprächtig zum Ausdruck, während die Liebelieder der südslavischen Nichtmoslimen besonders in jenen Gegenden, wo die Türken nie festen Fuss gefasst hatten, vielfach das Gepräge schrankenloser Sinnlichkeit und dabei oft eine nicht leicht näher zu bestimmende Nüchternheit, die zuweilen an Plattheit grenzt, aufweisen.

Der rege Verkehr zwischen den Slaven und Türken übte auf den beiderseitigen Sprachschatz eine nachhaltige Wirkung aus. Die gegenwärtige türkische Sprache hat eine Menge slavischer Elemente in sich aufgenommen, die serbische und bulgarische aber noch weit mehr türkische oder turzisierte arabische und persische Ausdrücke. Es lag ja in der Natur des gesellschaftlichen Verhältnisses, dass die Slaven mehr nehmen mussten, als sie zu geben hatten.

Die serbische und bulgarische Sprache hat zusammen wohl über zehntausend dem türkischen Wortvorrat entlehnter Wörter noch zur Zeit in allen den verschiedenen Gegenden im Gebrauche behalten. Vor allem tragen 70 Prozent der gewerblichen und landwirtschaftlichen Geräte und Werkzeuge und Verrichtungen, die Kleidungstücke und mannigfache Verhältnisse des Lebens lauter Fremdnamen. Eine recht fleissig ausgearbeitete, für die praktischen Bedürfnisse des Alltaglebens berechnete lexikalische Zusammenstellung türkischer und anderer orientalischer Worte in der serbischen Sprache hat im Jahre 1884 der Serbe Gjorgje Popović in Belgrad veröffentlicht. (»Turske i druge istočanske reči u našem jeziku. Gragja za veliki srpski rečnik.« gr. 8o. p. 275.) Auf Vollständigkeit erhebt Popovićs Arbeit noch lange keinen Anspruch. [8]

Es ist klar, dass dort, wo die Berührung zwischen Türken und Slaven am intensivsten stattfand, die Volksprache davon ausreichendes Zeugnis ablegt. Das ist der Fall in denjenigen bosnischen und herzogländischen Bezirken, die vorwiegend von Moslimen bewohnt werden. In den sonnigen Lehnen der Treskavica planina liegen z. B. lauter moslimische Ortschaften, wo die serbische Mundart nahezu schon den Charakter einer türkisch-slavischen Mischsprache erlangt hat. Dort habe ich viele tausende Verse epischer Lieder aufgezeichnet, von denen mancher Vers lauter Fremdworte enthält, z. B.:

Vlasi Muje bastisali kulu.

Die Christen zerstörten Mustapha’s Burg,

oder zum mindesten unter vier Worten drei fremde, z. B.:

eto aga dženliva hajvana! Poljeće bakrena džemija pro deniza i kara limana.

hier ist, o Herr, das rasende Geschöpf! Es flog dahin die kupferne Galeere übers Meer und über die schwarze Buchtung.

Ein Epos von der Eroberung Ofens hebt also an:

Razbolje se sultan Sulejmane u Stambolu gradu bijelome na svom tâchtu u svome devletu treći danak šechli ramazana.

Es erkrankte Sultan Sulejman in Stambol, der weissen Stadt, auf seinem Throne in seinem Reiche, am dritten Tag des Monats Ramaddăn.

Von den zwölf Substantiven und Adjektiven dieser vier Zeilen sind sieben Fremdwörter. Das ist eine Probe der allergewöhnlichsten Volksprache. Natürlich sind in den Erzeugnissen der moslimisch-slavischen Kunstdichtung die Fremdwörter noch stärker vertreten, denn die Verfasser setzten bei ihren Lesern eine höhere Kenntnis des Türkischen voraus.

Eine Sprache ändert ihren Charakter durch Aufnahme von Fremdwörtern solange nicht, als sie die Eindringlinge durch Vor- und Nachsilben der neuen Umgebung vollkommen anzupassen vermag. So verfügt unsere liebe deutsche Sprache, wie dies aus Heyse’s grossem Fremdwörterbuch ersichtlich ist, über die hübsche Kleinigkeit von 70 000 Fremdwörtern; hat demnach siebenmal mehr als die Südslaven geborgt, ohne sich mit dem fremden Gemengsel den Magen zu verderben. Diese Fremdworte bergen in sich ein grosses Stück der Geschichte von der geistigen Entwicklung des deutschen Volkes. Ich meine, der Deutsche hat sich seiner Fremdwörter nicht nur nicht zu schämen, sondern mag sich ihrer getrost berühmen, sofern sie für ihn zeugen, dass er sich in der ganzen Welt umgetan hat, um überall das Beste zu lernen.

Freilich gehören sieben Zehntel der Fremdwörter im Deutschen nur der konventionellen Ausdruckweise verschiedener Stände und Berufklassen an, während bei den Südslaven alle 10 000 Fremdworte im illiteraten Volke selbst gebräuchlich sind. Selbstverständlich kennen die Bewohner eines Dorfes nur einen winzigen Bruchteil der Fremdworte, wie sie ja auch nicht den gesamten Sprachschatz beherrschen. Den hat kein Einzelner, und mag es der gelehrteste seines Volkes sein, jemals ganz inne.

Eine Mischsprache beginnt sich erst dann zu entwickeln, wenn die eine Sprache durch eine andere auch in der Flexion und der Satzfügung wesentliche Änderungen erleidet, nachdem sie sich schon einen schweren Bruchteil an Fremdworten einverleibt hat. Das Bulgarische hat die Kasusendungen bis auf schwache, vereinzelt erhaltene stereotype Ausnahmen und den Infinitiv verloren, hat sehr viel Wörter aus dem Türkischen herübergenommen, aber noch immer nicht genug, um als Mischsprache zu gelten. Die Satzfügung ist trotz aller Veränderungen, die die bulgarische Sprache im Laufe der letzten fünf Jahrhunderte erlitten, im Grunde genommen slavisch geblieben.

Obwohl die serbische Mundart der moslimischen Slaven von Herzeg-Bosna die Kasusendungen und den Infinitiv noch besitzt, scheint es mir doch, dass sie wenigstens in den Erzeugnissen ihrer Kunstliteratur eher das Bild einer Mischsprache darbietet als das bulgarische, und zwar darum, weil sie in syntaktischer Beziehung eine bedeutende Beeinflussung durch das türkische Zeitwort etmek (itdim perf. sing.), d. h. tun, machen, erfahren hat. Das Zeitwort selbst ist nicht mit eingedrungen in die slavische Sprache, sondern nur die im Türkischen mit diesem Zeitwort übliche Konstruktionweise; für verabsäumen (zanemariti) wird z. B. terk (arabisches Wort) činiti (machen, slavisches Wort), d. h. »Verabsäumung machen«, gesagt, für erwähnen (spominjati) sikri činiti (Erwähnung machen; Erwähnung tun), für sich bedanken oder dankbar sein (zahvaliti se, zahvalan biti) Dankbarkeit machen: šućur činiti. Der Bulgare setzt für das etmek am häufigsten činim (ich mache), aber nicht selten pravim (ich fertige an) oder storim (ich schaffe) ein. In der Regel verrät sich die entlehnte Konstruktion schon dadurch, dass das Substantivum fremd ist, indessen hat das Serbische, dem natürlichen der Sprache innewohnenden Abstossungdrange folgend, sehr häufig die fremden Substantive durch gut slavische ersetzt, so z. B. (bei Bogoljub Petranović: Srpske narodne pjesme iz Bosne, Sarajevo 1867):

Kakav li je grijeh učinio? (S. 27. Nr. 25.) grijeh učiniti für zgriješiti,

Was hat er für Sünde begangen (getan); Korrekt slavisch müsste man fragen: kako li je oder u čem li je zgriješio.

veliku radost učiniše (S. 37. Nr. 30), radost učiniti für obradovati se,

sie machten eine grosse Freude, korrekt wäre: veoma se obradovaše.

Bei L. Marjanović (Hrvatske, d. h. bosnische nar. pj. Agram 1867) liest man auf S. 57. V. 15:

na Udbinu zatrke čineći. zatrke činiti ist für zatrkivati se;

Ins Udbinaer Gebiet Einfälle machend, korrekt wäre: zatrkivajući se.

Im Bulgarischen bei Miladinovci S. 116, Nr. 84 (Bolgarski narodni pesni, Agram 1861): svadba činit, für svatuet (er feiert Hochzeit); S. 452, Nr. 488: mome se pišman storilo (das Mädchen hat Reue gemacht, d. h. sie hat ihr Jawort zurückgenommen), wofür der Serbe sagen würde: moma se pišman učinila oder popišmanila se; pišman ist persisch pešiman. Gut slavisch wäre: moma riječ svoju pokajala (sie hat ihr Wort bereut) oder, wie die Bauern in Slavonien sagen, cura se predomislila (das Mädchen hat sich eines anderen besonnen). Bei Vladimir Kačanovskij (im Sbornik bolgarski pesen, St. Petersb. 1882), liest man auf S. 502, Nr. 200, V. 322: nemu se poklon napravil (er hat sich vor ihm verbeugt), der Serbe sagt dafür poklon činiti, so z. B. bei Petranović a. a. O. S. 38, Nr. 30: poklon čini prečistoj gospoži (er verbeugt sich vor der erlauchtesten Frau).

Diese Hinweise mögen hier genügen. Ich habe solcher Beispiele bei sechshundert bisher vorgemerkt und gedenke einmal, bis meine Sammlungen südslavischer Volküberlieferungen gedruckt sein werden, diese und noch eine Reihe verwandter Erscheinungen der südslavischen Sprachentwicklung eingehend zu behandeln.

Ich wiederhole es, dass nach meinem Dafürhalten die serbische Mundart der bosnisch-herzogländischen moslimischen Schriftdenkmäler bei weitem mehr den Charakter einer Mischsprache als das Bulgarische an sich trägt. Sie ist nicht zufällig entstanden, sondern durch die Bedürfnisse im Laufe der Zeiten geschaffen worden. So musste die Hülle sich umarten, in der die türkische Auffassung zu dem Südslaven sprechen konnte. Es ist gleichsam das Lallen und Stammeln des Kindes, das mit dem Ausdruck ringt, um seinen Wahrnehmungen und Beobachtungen Geltung zu verschaffen. Das Kind empfängt viel zu viel auf einmal und vermag sich nicht aus dem Gewirre herauszuhelfen. Der wirkliche Kunstdichter unter den slavischen Moslimen befand sich in einer ähnlichen Lage. Auf ihn drängte seine slavische Muttersprache und zugleich die türkische ein. Er bediente sich beider, um seine Gedanken am klarsten auszudrücken. Er borgte der fremden nur das ab, was ihm in der seinigen nicht genug bestimmt gefasst zu werden möglich schien.

Unstreitig zeichnet sich eine derartige Mischsprache durch einen Reichtum von Wendungen aus und kann in hohem Grade ausgebildet werden. Ich gedenke beispielweise der deutsch-slavisch-hebräischen Mundart der polnischen Juden, die um ihrer Sprache willen nur zu oft ungerechtfertigten Angriffen ausgesetzt sind. Die polnischen Juden sind von alterher grösstenteils deutsche Einwanderer; darnach ist der Grundzug ihrer Mundart formell deutsch geblieben, die Syntax aber eine slavische geworden und der Sprachschatz hat sich durch unzählige hebräische Worte aus der Bibel und dem Talmud und durch eine stattliche Anzahl romanischer Elemente aus den von französischen, italienischen und spanischen Juden verfassten Kommentaren zum Talmud bereichert. In dieser Mischsprache, die in Südrussland, Polen, in Galizien, in Ungarn und Nordamerika von 8 000 000 Menschen verstanden und gesprochen wird, halten Talmudgelehrte geistreiche und verzwickte Vorträge und Streitereien ab über die spitzfindigsten Glaubenssätze des Judentums und über Thesen der alexandrinischen Philosophenschule, ja in New York besteht sogar ein grösseres Theater, in welchem klassische Dramen, wie z. B. Shakespeares »Hamlet« in dieser Mischsprache von der Bühne herab vorgetragen werden.