Part 19
Indem ich daran gehe, Guslarenlieder meiner Sammlung mitzuteilen, muss ich zunächst einige Bemerkungen zur allgemeinen Einführung vorausschicken. Guslarenlieder behandeln grösstenteils geschichtliche Ereignisse, kriegerische Verwicklungen, entsprechende Sagenstoffe, zum kleineren Teil Legenden, Märchen und sonst unblutige Begebenheiten aus dem Leben und Streben hervorragender Gestalten der Überlieferung. Verwandlungen (Metamorphosen), scherzhafte und witzige Erzählungen sind dieser gehobenen, epischen Gattung abartig. Die Guslarenlieder sind ihrer Entstehung, der äusseren Form nach Gebilde ziemlich jungen Ursprungs. Die ältesten besungenen, geschichtlichen Vorkommnisse reichen vielleicht ins XIII. und XIV. Jahrhundert zurück. Der eigentlich so zu sagen pragmatisch-historische Teil der Überlieferung bekümmert uns Folkloristen und Ethnologen selten oder gar nicht. Wert haben jedoch die darin besprochenen Sitten, Bräuche, Gewohnheitrechte und religiösen Vorstellungen, die sich oft aus einer weit hinter jeder slavischen Staatenbildung liegenden Zeit von Geschlecht auf Geschlecht vererbten und vererben mussten, weil sie einer eigentümlichen sozialen Gliederung entsprossen und mit Rechtgewohnheiten innig verknüpft waren. Daher kommt es häufig, dass uns die Fabel eines Liedes kalt lässt, der eine und andere Brauch oder Glaubenszug — die eingewobene Episode — aber als ein untrügliches Zeugnis für eine uralte (primitive) Anschauung und Rechtübung nachhaltig zu fesseln vermag.
Man soll mich nicht einer übertriebenen Bewertung der Guslarenlieder als eines Borns des ältesten und verbürgtesten slavischen Glaubens und Rechtes zeihen. Ich bin weder der erste noch der einzige, der zur Überzeugung gelangt ist, dass das Slaventum keine ehrwürdigeren, wichtigeren und ergiebigeren Fundstätten für eine Erkenntnis seines Volktums aufzuweisen hat, als es die epischen Überlieferungen, die Guslarenlieder der Serben und Bulgaren sind. Das war auch Maciejowskis Ansicht, eines Mannes, der wie wenige vor ihm, neben ihm und nach ihm in den Geist des Slaventums eingedrungen war. Er kannte freilich nur erst einen geringen Teil dieser Literaturgattung — dies Wort sei mir erlaubt, — und die Bylinen der Russen, wie die Dumen der Kleinrussen berücksichtigt er auch zu wenig, aber zu urteilen war er berechtigt, wenn sonst einer. Er nennt die serbische Guslarenepik eine unvergleichliche Quelle, wie sich einer solchen kein anderes slavisches Volk berühmen könne. [158] Dabei lagen ihm erst nur vier Sammlungen vor, von denen er bei der Beschaffenheit seiner Sonderstudien nur einen bescheidenen Gebrauch machen konnte. Nach einer fünfzigjährigen, rastlosen Durchforschung aller erreichbaren altslavischen, geschriebenen Urkunden, gesteht er gepressten Gemütes die Unzulänglichkeit seiner Arbeiten ein und setzt seine Hoffnung für eine gedeihliche Weiterführung und Vertiefung seiner Untersuchungen auf die Tätigkeit seiner Nachfolger, die Sitten und Bräuche der Slaven erforschen werden. [159] Meine zwar auch nicht vollständige Handbibliothek gedruckter serbischer und bulgarischer Guslarenliedersammlungen zählt sechzig Bände, und auf jeden kommen durchschnittlich 5400 Verse. In verschiedenen Zeitschriften, Jahrbüchern und Bauernkalendern finden sich auch noch gehäuft 40 000 Verse vor. Ausserdem besitze ich meine eigenen, bis nun ungedruckten Sammlungen (172 000 Zeilen), die ich aus kritischen Erwägungen als belangreicher für die Wissenschaft erachte, denn alles, was anderweitig bis zur Zeit von dieser Art dargeboten worden ist. Es sind mir für meine speziellen Monographien in runder Zahl an Guslarenliedern 500 000 Zeilen zu Handen, so dass ich mir für eine Menge bedeutender und unbedeutender Fragen hinsichtlich des slavischen Volktums zuverlässige Belehrung aus überquellendem Füllhorn holen kann.
Ich glaube durch meine bisherigen Veröffentlichungen den Nachweis erbracht zu haben, dass die Guslarenlieder nicht bloss ein spezifisch slavisches Publikum interessieren mögen, sondern geeignet sind, auch die Aufmerksamkeit aller nichtslavischen Volk- und Völkerkundigen in hohem Masse auf sich zu ziehen. Kein geringerer als Friedrich von Hellwald, ein gewiss stimmbefugter und unverdächtiger Beurteiler, schrieb einmal mit Bezug auf mein Buch ‘Sitte und Brauch der Südslaven’ (Wien 1885): »Bei den Slaven zeigt sich das Patriarchat lange noch nicht so fortgeschritten, wie bei den Griechen und Römern. Eben deshalb geziemt es, jene östlichen Völker vor diesen zu studieren. Es wird sich dabei herausstellen, wie haltlos die Annahme jener ist, welche die im klassischen Altertum vorgefundenen Familienzustände, ohne alle Rücksicht auf die vergleichende Völkerkunde, als die ursprüngliche darzustellen lieben«. [160] Nicht minder beziehungreich äusserte sich ein Post [161]: »Die neuerdings von Krauss (Sitte und Brauch der Südslaven 1885) gesammelten südslavischen Gewohnheitrechte sind universalrechtgeschichtlich von höchstem Interesse. Sie repräsentieren eine Stufe in der Rechtentwicklung, welche wir sonst nur bei ganz tiefstehenden Völkern antreffen. Wir finden fast alle Erscheinungen des reinen Geschlechterrechtes, eine vollständige Geschlechterverfassung gestützt auf Hausgemeinschaften« usw. usw.
Gerade für alle diese wichtigen ethnologischen Grundprobleme sind die Guslarenlieder die lauterste Quelle. Aber ebenso muss ihnen auch in ausschliesslich folkloristischen Dingen jeder unbefangene Forscher einen gleich weitgehenden Vorrang im Verhältnis zu den homerischen Gesängen (schon des Umfanges halber), zu den Bylinen, Dumen, den finnischen, turkotatarischen und malaischen Epen zugestehen. Eine Slavistik des zwanzigsten Jahrhunderts dürfte hauptsächlich auf der Unterlage der Guslarenlieder fussen, sofern es ihr gelingen sollte, die Fesseln einer überkommenen unfruchtbaren, aprioristischen Methode abzustreifen, und das Studium meiner gesammelten Aufzeichnungen wird voraussichtlich einmal zu einer unabweislichen Beschäftigung der Volkforscher gehören.
Es wäre verkehrt zu glauben, dass alle Südslaven oder auch nur ein namhafter Bruchteil des Serben- und Bulgarenvolkes mit den Guslarenliedern halbwegs vertraut sei. Das ist durchaus nicht der Fall. Die mit Schulbildung erzogene Schichte der Bevölkerung, die einer intimen Kenntnis der Mundarten in ihren Verästelungen ermangelt, versteht auch nur zum kleineren Teil solche Texte, mitunter, wenn es gut geht, bloss in groben Umrissen das Geschehnis der Fabel. Sind doch sogar die wenigsten Guslaren immer in der Lage, einzelne Worte und Wendungen ihrer von alterher übernommenen Gesänge oder vollends eingestreute Survivals von Sitten und Gebräuchen zu deuten und ansprechend auszulegen. Der Liedervorrat des einzelnen Guslaren ist ja gewöhnlich nicht allzugross, und der Guslar ist kein Forscher. Dem südslavischen Durchschnittleser ergeht es mit Guslarenliedern nicht um vieles besser als einem deutschen Spiessbürger, dem man die Interpretierung der Epen eines Hartmanns von Aue, Wolframs von Eschenbach und Gottfrieds von Strassburg zumutete.
Die grenzenlose Begeisterung für und die stimmungvolle, heilige Weihe bei Anhörung von Guslarenliedern, die mancher Sammler in der Vorrede seiner Ausgabe als beim Volke vorhanden angibt, ist lediglich einfältiger Selbsttrug. Der Ackerbauer und Viehzüchter, der Handwerker und Hausierkrämer, der Holzfäller und der Flösser und vollends der Städter gehen (sachte, sachte) ihrem Erwerb und Beruf nach, ohne sich um Heldentaten zu bekümmern. Sind sie einmal gut oder nicht zu schlecht aufgelegt, singen sie zu eigenem oder anderer Leute Zeitvertreib lyrische Lieder oder lügen einander sonst was vor. Die meisten Dichter der Guslarenlieder älterer Zeit sind in der Gefolgschaft der abenteuernden Rottenhäuptlinge und Burgherren zu suchen, in den Kreisen ritterlicher Herrschaften und der Vertreter der Volkmiliz; in einer also nicht unbestimmbaren Schichte des Volkes ist die Heimat des Guslarenliedes. Leute von kriegerischen und dichterischen Neigungen lernen am liebsten diese Art alter Überlieferungen und verbreiten sie wieder. Bei geselligen Zusammenkünften hört einem Guslaren zuweilen ein Dutzend Männlein und Weiblein, armes Bauernvolk mit den halbwüchsigen Kindern, nicht ungerne zu, um sich zu zerstreuen, doch bei alledem ist der Guslar in gemischter Gesellschaft so gut wie nie die Hauptperson. Sozial nimmt der Guslar vermöge seiner Kunst der Rezitation keinerlei ausgezeichnete Stellung ein; er galt doch nur in der kriegerischen Rotte etwas, die sich mit ihrem Häuptling im Andenken nachfolgender Geschlechter verewigt wissen mochte. Um solchen Anspruch auf Nachruhm zu erlangen, begingen die Helden mancherlei Schauertaten; das erklären mit dürren Worten nicht wenige Kämpen selber in Guslarenliedern.
Guslen, das Fiedelwerkzeug, nicht aber ein professioneller Guslar — von Beruf Guslar ist nur ein Landstreicher — gehörten jedenfalls zur Ausrüstung einer auf Abenteuer ausziehenden Rottschaft, wie nicht minder zum Hausgerät in einer Hausgemeinschaft. Das Faullenzen und Tagvergeuden muss man, um des behaglichen Tunichtsgefühles bewusst froh zu werden, durch die Erweckung entgegengesetzter Vorstellungen von Kämpfen und Plagen, von Not und Lebensgefahren wohltätig zu unterbrechen wissen. Das Spiel zu den Guslen und der Vortrag erfordern weder eine nennenswerte musikalische noch eine dichterische Begabung. Wer nicht halb taub ist, kann leicht den Guslarentakt — einen Takt für einen ganzen Vers in ständig gleicher Wiederkehr — fiedeln und zum Vortrag braucht er nebst gesunden, kräftigen Lungen nur ein Gedächtnis für die Lieder zu haben, die er einmal oder mehrmal mit angehört; zu Neudichtungen schliesslich bloss eine gewisse Beherrschung eines allgemein feststehenden Vorrates an epischen Phrasen und sich häufig wiederholender Schilderungen von Situationen und Örtlichkeiten, Schmuck und Gewaffen. So kann einer mit Anwendung der üblichen Technik leicht irgend eine neue Begebenheit in gewohnter epischer Darstellung und Einkleidung wiedergeben.
Diese Tätigkeit war in der Regel zu wenig auffällig und künstlerisch bedeutsam, als dass der Guslar daraufhin einen besonderen Rang, sei es in der Rotte oder einer Familiengenossenschaft, für sich hätte in Anspruch nehmen dürfen. Kurzum, Guslen waren vorhanden und zu deren Gewinsel durfte, wer dazu Lust und Liebe empfand, ein Lied vorheulen und vorquieken, und mochte es auch nur ein Besucher sein. Goljan kam aus Nikšići zu seinem Vetter, dem Häuptling Matelja ins Gebirge, beklagte sich bei ihm über die hohen Steuern, die der Paša vom Volke eintreibe pa uzeše gusli javorove, und nahm zur Hand aus Ahornholz die Guslen, sta uz gusle Goljan popijevat: und zu den Guslen hub er an zu singen: A gje ste mi sokolovi sivi? usw. Wo seid, Ihr grauen Falken, mir geblieben? usw.
Eine Aufstellung bestimmter Gruppen von Guslarenliedern vermeide ich aus formellen und stofflichen Rücksichten. Für unseren Bedarf reicht der Terminus Guslarenlied aus. Fauriel verzeichnet für die Neugriechen den Ausdruck κλεφτικὰ τραγοῦδια, den Müller unpassend mit ‘Räuberlieder’ verdeutscht. [162] Im Serbischen und Bulgarischen entspräche dem griechischen volktümlich nicht etwa hajdučke, sondern junačke pjesni: Lieder, die von Helden handeln, doch ist diese Bezeichnung nur in der serbischen Literatur, nicht in der Volksprache gewöhnlich. Das Volk sagt guslarske pjesni, Guslarenlieder, ohne die zu Guslen vorgetragenen Stücke ihrem Inhalte nach irgendwie genauer auseinanderzuhalten. Eine Einteilung der epischen Erzählungen in besondere Gruppen entsprach keinem Bedürfnisse und wäre ohne viele Worte und Beispielsammlungen kaum durchzuführen gewesen. Die einschlägigen, durchweg schablonenmässigen Versuche halb-, viertel- und ganz eingebildeter Sammler und Literaturgeschichtenerzeuger vertragen keine ernsthafte Erörterung.
Es ist nicht viel mehr als ein leidiges Vorurteil, das manche unserer Fachgenossen gegen die Lektüre dieser Lieder einnimmt. Ich räume ein, dass der ästhetische Genuss, den sie einem gewähren, oft fragwürdig sein mag und dass die sprachliche Erfassung des Sinnes mancher Stellen im Original bei dem Mangel guter Wörterbücher hie und da beträchtliche Schwierigkeiten bereitet. Nun ist aber eine sprachwissenschaftliche von unserer folkloristischen Bemühung unzertrennlich, ob es sich um dieses oder jenes Volk handelt, und jeder Folklorist muss auch bestrebt sein, jedem gerichtlich beeideten Draguman ein Paroli biegen zu können, indem er seine jeweiligen, dem Verständnis der Fachgenossen minder leicht zugänglichen Texte in eine ausgebreitete und gut bekannte Schriftsprache übersetzt. Eine gediegene Übertragung wiegt in der Regel für den Sachverständigen einen halben Kommentar auf. Nachdem durch solche Art von Darbietungen einer grösseren Zahl von Mitstrebenden die Beschäftigung mit den aufgefundenen Stoffen erleichtert wird, nimmt ein weiterer Kreis von Denkern an der Forschung Anteil und es mehren sich die wissenschaftlichen Ergebnisse. Unbedingt entrückt man hiedurch Beiträge zur Volk- und Völkerkunde der widerwärtigen nationalen, patriotischen und kirchturmpolitischen Ausschrotung und macht sie auf allein würdige Weise für die Wissenschaft vom Menschen nutzbar, die keinerlei willkürliche und Zufallgrenzen anerkennt.
Vom wunderbaren Guslarengedächtnis.
Es gibt nicht wenige Leute, namentlich unter den Südslaven, die den Guslaren ob seiner Gedächtnisstärke als ein masslos Wunder anstaunen und aus nationaler Eitelkeit gar den Glauben hegen und verbreiten, dass dies Wunder eine südslavische Eigentümlichkeit sei. Da erzählt man von einem Guslaren, der 30, von jenem, der 70 und von einem dritten, der 100 000 und mehr noch Verse in den Speichern seines Gedächtnisses verwahrt mir nichts dir nichts mit sich herumträgt und jederzeit bereit ist, sich hören zu lassen. An der Zuverlässigkeit der Angaben, an deren Feststellung ich als einer der ersten beteiligt bin, ist nicht zu rütteln; um so mehr fühle ich mich verpflichtet, das vermeintlich Mystische der Erscheinung ins klare Licht zu setzen. Wunder muss man von der Ferne betrachten und an sie glauben. Der Wunderglaube ist das Kokaïn der Forschung. Eine kleine Einspritzung davon beeinträchtigt schon die geistigen Verrichtungen derart, dass ein gesundes, wissenschaftlich gerechtfertigtes Urteilfassen fast völlig erlahmt. Solches Glauben ist ein Zustand, eine Erscheinungform individuell verminderter Zurechnungfähigkeit. Dem nüchternen Forscher liegt es ob, die Dinge in der nächsten Nähe zu prüfen und sie in ihre kleinsten Bestandteile zu zerlegen, um ihr wahres Wesen zu ergründen.
Mir flösst ein noch so tüchtiges Gedächtnis geringe Ehrfurcht ein, weil ich mich selber mit dem meinigen zufrieden geben darf und, soweit ich zurückdenke, immer dazu geschaut habe, um es mir zu bewahren. Mich reizte es, herauszukriegen, wie es die Guslaren machen, um so zahllose Verse im Kopfe zu behalten. Vor allem besah ich mir genau den Vorrat eines Guslaren an Stoffen und die Mittel seiner Darstellung. Zunächst fand ich heraus, dass die Zahl der Stoffe durchgehends bescheiden ist, indem sie bei einem Manne zwischen acht bis dreissig schwankt und dass diese wieder untereinander verwandt sind oder auch, dass sich der Guslar wiederholt. Andererseits zeigte es sich, dass der Guslar auch mit stereotypen Beschreibungen und Schilderungen wirtschaftet, wodurch sein eigentlicher Besitz an Darstellungmitteln beträchtlich zusammenschrumpft. Gäbe sich einer Mühe, könnte er am Ende sogar eine gewisse Gesetzmässigkeit feststellen, nach der sich die stereotypen Klichés ablösen müssen, um im Sinne des Guslaren ein ganzes Lied hervorzubringen.
Der Guslar erfindet nichts mehr von Belang, nachdem durch die Jahrhunderte alte Überlieferung die stehenden Formeln, von denen er weder abweichen kann noch will, in Fülle für seinen Gebrauch vorhanden sind. Um ein neues Lied, d. h. ein ihm bis dahin nur stofflich unbekanntes in sein geistiges Eigentum aufzunehmen, braucht ein geübter Guslar, der die Klichés so ziemlich inne hat, nur genau aufzuhorchen, in welcher Reihenfolge die Klichés und in welchen kürzeren oder längeren Fassungen, oder, in welchen Verbindungen sie in dem neuen Stücke vorkommen. Wenn er gewissenhaft ist, nimmt er auch vom Vorsänger sprachliche Eigentümlichkeiten mit in den Kauf.
Probieren geht übers Studieren. Am 18. März 1885 notierte ich vom Guslaren Ilija Krstić Jukić ein Lied von 78 Zeilen und am 4. Oktober 1885 liess ich mir es wieder von meinem Reisebegleiter, dem Guslaren Milovan vordiktieren, der es sich 7½ Monate vorher auf mein Geheiss zu merken hatte. Beide Fassungen decken sich, wie man sich aus meiner Abhandlung über das Bauopfer bei den Südslaven (Wien 1887), wo sie abgedruckt stehen, überzeugen kann. Ein andermal notierte ich nach einem Zeitraume von neun Monaten von Milovan dasselbe Lied (von 458 Versen) zum zweitenmale. Die Variation ist so unbedeutend, dass sie der Rede nicht wert erscheint; man vergleiche die beiden Texte in meiner Schrift: Das Burgfräulein von Pressburg. Budapest 1889. (Ethn. Mitt. aus Ungarn). Ich darf nicht unerwähnt lassen, dass gerade dies Lied ein Hauptstück seines Repertoires ist, das er im Laufe von 30 oder 35 Jahren gewiss an zweihundertmal vorgetragen hat.
Ich habe 127 Guslaren näher kennen gelernt. Nur ein einziger unter ihnen war mit zeitlichen Gütern gesegnet [163] sonst waren es durchweg arme Burschen, viele sogar bettelarm, auch wenn es ihnen weder an Gesundheit noch an Rüstigkeit zur Arbeit fehlte. Guslaren sind aber keine Arbeiter, sondern lieben das dolce far niente, das Träumen und Nachsinnen, das Fabulieren und Musizieren (sit venia verbo!), um ihre Lieder immer und immer wieder zu wiederholen, damit sie sie nicht vergessen [164].
Im Grund genommen, macht es der Guslar nicht anders als unsereiner von der Feder, wenn wir etwas unserem Gedächtnisse fest einprägen wollen: wir memorieren oder studentisch: wir büffeln es uns ein. Genau betrachtet, ist das Wissen und Können selbst des trefflichsten Guslaren eine Kleinigkeit dem gegenüber, was sich alles unsereiner merken muss, um den umstrittenen Titel eines Gelehrten zu behaupten.
Ich machte auch die Wahrnehmung, dass fast jeder Guslar sein spezielles Genre hat, der eine pflegt den Prinzen Marko und dessen Zeitgenossen, der andere Mujos und Aliles Taten, der dritte fühlt sich auf ungarischem Boden heimisch, der vierte verherrlicht vorwiegend Hajduken, der fünfte schätzt über alles Heiligenlegenden und Wunderbegebenheiten, ein sechster liebt die Helden der Neuzeit des Serbentums usw. Gerade durch solche Spezialisierung wird jedem die Beherrschung seiner Stoffe bedeutend erleichtert. Sang mir ein Guslar fünf oder sechs seiner »besten« Lieder, wusste ich schon beiläufig, woran er ist und woran ich bin. Trug er mir Lieder vor, die ich schon aus gedruckten Sammlungen kannte, liess ich ihn gehen, oder, wenn ich von einem mehrere Stücke schon aufgezeichnet hatte und er ein neues mit breiten Wiederholungen aus früheren ausstattete, stellte ich das Schreiben ein, ausser die Fabel bot mir irgend einen ethnologisch bemerkenswerten Zug dar, den ich als Beleg für eine Sitte oder einen Brauch einmal verwenden zu können glaubte.
Eine Frage bleibt noch offen: wie behält der Guslar sein Wissen an Liedern in Evidenz? Wie kommt es, dass einer eine oder zwei Wochen lang Tag für Tag ohne merklich darüber nachzudenken ein Lied nach dem andern vortragen kann, ohne dasselbe Lied wieder von neuem anzustimmen? Wie helfen wir Schriftsteller uns in einer ähnlichen Lage? Wir legen uns zu unserer Bequemlichkeit einen geschriebenen Katalog an. Der Guslar, der des Lesens und Schreibens unkundig ist, schreibt natürlich keinen Katalog, doch verfasst er sich gerade so wie wir einen und, was wir wieder nicht tun, er lernt seinen auswendig. An der Hand dieses mnemotechnischen Behelfes kann er über seinen Liederschatz hübsch in Ordnung verfügen.
Ein derartiges Verzeichnis will ich hier bekannt geben. Selbstverständlich ist es poetisch wertlos, obgleich es sich in der Form eines Liedes gibt, aber man muss es als Lied gelten lassen, wenn man es mit der Mehrzahl der Erzeugnisse montenegrischer Guslarendichter zusammenstellt, die ja im Grossen und Ganzen auch nichts anders sind, als dürre Aufzählungen, denen Poesie, Witz und Humor als unbekannte Elemente fremd geblieben sind.
Ich behaupte nicht, dass jeder Guslar seine Lieder in einen Katalog einsetzt, der für sich so zu sagen ein Lied gibt. Andere unterstützen ihr Gedächtnis mit etwas anderen Mitteln. Gewöhnlich greifen sie den Namen des Haupthelden des Liedes heraus und bringen ihn in einen Vers. Dieser Vers dient ihnen meist auch als Titel zum Liede; es ist das Schlagwort unter dem sie das betreffende Lied führen. Andere wieder, bei denen geographische Vorstellungen vorherrschen, müssen sich an Örtlichkeiten erinnern, um ein Stück hersagen zu können. Gar selten sind Guslaren, die unter allen Umständen in jeder Laune und Stimmung vorzutragen vermögen. Jeder muss sich erst besinnen. Sehr wenige Guslaren schauen während ihres Vortrages den Zuhörern ins Gesicht; vielmehr wenden sie ihre Augen entweder abwärts oder aufwärts und schneiden dazu, mitunter ergötzliche Grimassen. Das Augenbrauenfurchen und Stirnrunzeln, das bei dem Gesange aus dem Gesicht nicht weicht, zeugt schon für eine erhöhte Gedankentätigkeit. Eines hat man sich auch noch gegenwärtig zu halten, dass die Guslaren ihre Lieder nicht erst in reifen Mannjahren lernen, sondern sie sich schon von früher Kindheit an, zu einer Zeit, wo man Eindrücke leicht aufnimmt und sie noch leichter festhält, anzueignen pflegen [165]. Der Guslar arbeitet also sein Lebelang ausschliesslich an der Behauptung und zum Teil Ausgestaltung seines in den Jugendjahren erworbenen geistigen Besitzes. Es ist daher nichts wunderbares daran, dass er ihn bis ins späte Alter hinein behält. Mein Milovan kennt 30–40 000 Verse, ist aber trotzdem kein Gedächtniskünstler. Ich hatte ihn nach Wien mitgenommen und vier Monate lang bei einer deutschen Familie verpflegen lassen. In der Zeit hatte sich der Mensch keine zwanzig deutschen Worte gemerkt, dagegen konnten sich die zwei Töchterlein seiner Wirtleute mit ihm schon leidlich serbisch verständigen.
Am 19. Jänner 1885 verhörte ich den Guslaren Ljuboje Milovanović aus Bogutovo selo, einen griechisch-orientalischen (oder altgläubigen, wie die Schwaben in Slavonien sagen) Christen. Seine Spezialität bildet der Vortrag von Legenden, die von serbischen Heiligen und Kirchenbauten oder Stiftungen handeln. Einen grossen Teil dieser Lieder findet man schon in älteren Sammlungen gedruckt vor. Da sich dabei für meine Studien wenig gewinnen liess, zeichnete ich nur zum Zeitvertreib mehrere Stücke Ljubojes auf, und als er mich fragte, welches er mir noch vorsingen solle, sagte ich gleichgültig: ‘Sing mir, was du glaubst, dass mir nötig sein wird.’ Mir gewährt auch die mechanische Arbeit des Schreibens Vergnügen, wenn die Feder rasch über glattes Papier gleitend Buchstaben für Buchstaben hinsetzt und Reden festhält. Man hat dabei blutwenig zu denken, erholt sich und ist doch nicht ganz müssig. Ljuboje sang die nachfolgenden 31 Zeilen und machte Halt, so dass ich aus meiner Träumerei beim Schreiben aufwachte. ‘Nun, warum singst du nicht weiter?’ — ‘Es ist zu Ende. So habe ich es von meinem Vater übernommen. Weiter geht es nicht.’ — ‘Ja, Liebster, das ist ja gar kein Lied, sondern nur eine Aufzählung’ (naklapanje). — ‘Ich weiss nicht mehr. Darin habe ich aufgezählt, von welchen Stiftungen ich Lieder vortragen kann. Jetzt magst du aussuchen, welches dir nötig sein wird.’ Im Verlauf der weiteren Unterhaltung stellte es sich heraus, dass er auch ausserhalb seines Kataloges mehrere Lieder von den Taten des Prinzen Marko und den Umtrieben der Vilen inne habe. Die zeichnete ich auf.