Part 17
Manda Šuperina in Suljkovci erzählte meiner Mutter: »In unserem Dorfe lebten ein Mann und ein Weib, die hatten ein einziges Kind, zu dem allnächtlich eine Mora (tmora) kam, die das Kind aussaugte. Er klagte sein Herzeleid einem Weibe, das Kind könnte ihm sterben, da es von der Mora ausgesaugt werde. Riet ihm das Weib: ‘Nimm einen Sack, wend ihn auf die Kehrseite um, leg dich nachts deinem Weib zu Füssen, deck dich mit dem umgewendeten Sack zu und hüt dich einzuschlafen. Wenn du nachts das Kind wirst ächzen hören, springst du hurtig auf und packst fest den Gegenstand an, selbst wenn es ein lebendes Geschöpf sein sollte, und lässt es um keinen Preis aus.’ Der Mann tat so und fing eine Glucke auf dem Kinde ein. Er hub an, sein Weib zu wecken, sie hin und her zu drehen, aber er konnte sie durchaus nicht erwecken, weil die Vila einen Schlaf auf sie geworfen hatte. Nun nahm er ein Zündhölzchen und wollte die Kerze anzünden, doch die Henne blies das Hölzchen aus. So ging er denn zu seinem Bruder ins Schlafkämmerchen (kiljer) hinaus, weckte ihn auf und hiess ihn ein Licht anstecken, damit sie sähen, was er für eine Henne gefangen. Da sahen sie richtig eine Henne, versengten ihr alle Federn auf dem Kopfe und schleuderten sie mit aller Wucht in den Türwinkel. Die Henne präuchte wie ein leeres Fass. Als sie merkten, sie habe genug bekommen, packten sie sie und warfen sie auf einen Steinhaufen vors Haus. In der Frühe hörten sie, Baba Marga (die alte Margarete) in der Nachbarschaft liege im Sterben, gestern sei sie noch frisch und gesund gewesen. Der Mann ging zu ihr, sah, dass ihr Kopf wie gebraten und ihr Leib zerschlagen sei, und sprach zu ihr: ‘Gelt, du wirst nimmer mein Kind aussaugen kommen!’ (jel de da ne ćeš moje dite više sisati!) Das Weib starb noch am selben Tage, das Kind des Mannes genas aber vollkommen.«
Menschenfleischessen.
I. In den letzten zehn Jahren sind mehrere wichtige Sonderarbeiten über den unter den Völkern der Erde vorkommenden Genuss von Menschenfleisch erschienen. [126] Jede in ihrer Art ist trefflich, und sie ergänzen einander in erwünschter Weise. Gemeinsam aber ist allen ein Mangel an Angaben bezüglich des europäischen Völkergebietes. So gelangt Europa zu einer Ausnahmestellung, die sich jedoch bei einer halbwegs emsigen Durchsicht der europäischen Folklore als scheinbar erweisen dürfte.
Das Menschenfleischessen bei den westlichen Slaven der s. g. alten Zeit wird uns gut bezeugt: Über den wendischen Gebrauch in Wagrien hat Zeiler, Epist. 529 folgende nähere Stelle: »Es ist ein ehrlicher Brauch im Wagerlande gleichwie in anderen Wendlanden gewesen, dass die Kinder ihre altbetagten Eltern, Blutfreunde und andere Verwandten, auch die so nicht mehr zum Kriege oder Arbeit dienstlich, ertöteten, darnach gekocht und gegessen.... Dieser Brauch ist lange Zeit bei etlichen Wenden geblieben, in Sonderheit im Lüneburger Lande.« — Ein weitaus älteres Zeugnis gibt Notker, Cap. 105: »Aber Weletabi, die in Germania sizzent, tie wir Wilze heizen, die ne scament sih nicht ze chedenne, daz sie iro parentes mit mêren rehte ezen sulîn, danne die wurme.« [127]
Nicht viel will besagen die Mitteilung eines bulgarischen Folkloristen: »Man erzählt, dass in alter Zeit alte und arbeitunfähige Leute abgeschlachtet wurden.« [128] Hier ist nur von einer sagenhaften, sonst nirgendwie bei den Südslaven nachweislichen Altentötung die Rede, ohne Bezug auf die Verspeisung Getöteter. Dagegen kann man ruhig behaupten, dass sowohl bei den Südslaven als bei den Neugriechen das Menschenfleischessen aus religiösen Motiven fast noch in unseren Tagen vorgekommen sein muss.
Der Kopf getöteter Feinde diente zuweilen zur Zauberverspeisung, durch die man die Erwerbung der Eigenschaften des Verstorbenen für sich und durch weitere Vererbung für seine Nachkommen erhoffte. Das häufige Vorkommen dieser Erscheinung in Nord- und Südamerika bestätigen die fleissig erbrachten Belege bei Steinmetz. Ich stimme mit ihm darin überein, dass die Zauberverspeisung ein späteres Entwicklungstadium darstellt, das eine vorangehende, allgemein übliche Anaesthesie gegen Menschenfleisch zur bestimmten Voraussetzung hat. Der Mensch auf einer Urstufe verzehrte ebenso gern die Leichen seiner Genossen, wie die seiner Feinde.
Mekić Arslanaga von Kolašin erschoss aus seiner Langflinte den montenegrischen Fähnrich Vučelić Colo, einen berühmten Kämpen aus Rovče, pa mu rusu glavu posijeka und hieb ihm ab sein dunkelharig Haupt. Vezier Mahmut liess es am Burgwall von Nikšić, das jetzt zu Montenegro gehört aufspiessen. Die Geschichte trug sich um das Jahr 1820 zu.
Pak Nikšićke bule i kadune dovijaju s junake ragjati, ukradoše i Colevu glavu prvo veče z bedena od grada; zaludu je pred vezirom stâla, skuhaše je kano i govegju, sve se od nje juhe nasrkaše ne bi l Cola kojagogj začela a u turskom dinu i narodu; ma im ne do koji nebom sjaje i kojino Rovčane ostale otle spase i u Rovca snese. [129]
Die Weiber und die Edelfrauen von Nikšić um’s Leben gern gebären möchten Helden, und darum stahlen sie des Colo Haupt herab vom Wall der Burg am ersten Abend, (vergeblich tat sie vor dem Vezier prangen) sie sotten ab sie, wie ein Rindviehhaupt, sie schlürften satt sich an mit dessen Brühe, leicht könnt’ empfahen eine einen Colo im Türkenglauben wohl und Türkenvolke; doch gäb’s nicht ihnen, der am Himmel leuchtet, derselbe, so die übrigen Rovčanen herausgerettet und gebracht nach Rovac.
Der Guslar gibt zutreffend den animistischen Beweggrund für den Kannibalismus hier an, doch beutet er ihn aus, um Mosliminnen verächtlich zu machen. Nun sind es aber keine Türkinnen, sondern echte Serbinnen, gleich den christlichen Montenegrinnen. Haben es die Frauen wirklich getan, fragt es sich, wie so hat der Guslar zu Rovci davon Kunde erhalten? Die Sache klärt sich einfach auf; der Guslar übertrug auf die Gegnerinnen den ihm aus seiner engeren Heimat vertrauten Kannibalismus, an dessen Wirksamkeit er bestimmt glaubt, sonst würde er nicht Gott um Erfolglosigkeit für die verhassten Mosliminnen anflehen.
Menschenfleisch, wenn es von einem Helden stammt, namentlich von dessen Kopfe, macht überaus stark und kräftig; das lehrt auch der griechische Volkglaube. In einem Klephtenliede [130] erzählt der Olymp einem anderen Berge:
Auf meinem höchsten Gipfel, da ist ein Aar gesessen, und in den Klauen hält er fest das Haupt von einem Helden. — O Haupt, was hast du doch getan, was hast du doch gesündigt? — Iss, Vogel, meine Jugend auf, iss auf meine tapfere Stärke, dass ellendick dein Flügel werd und spannendick die Klaue! In Luros und Xeromeros war ich ein Armatole, in Chasia und auf diesem Berg zwölf Jahre lang ein Klephte.
Vom eigentlichen Kannibalismus, dem Genuss von Menschenfleisch zur Befriedigung des Hungers, berichtet meines Wissens, nur eine einzige Stelle in einem Guslarenliede. Es ist unzweifelhaft freie, dichterische Erfindung, die ein Greis vorbringt, um eine wegen des Unglücks ihres Sohnes trostlose Mutter durch die Schilderung seines unvergleichlich grässlicheren Jammers zu beruhigen:
Ja sam imo do osam sinova, sve sam osam starac oženio i osmero imo unučadi; pak su došli pasoglavi turci pak pojeli do osam sinova i pojeli do osam snašica i osmero jošter unučadi. [131]
Besessen hab ich wohl an Söhnen acht, ich greiser Mann hatt alle acht beweibt, und Enkel ich besass auch ihrer acht; da brachen hundeköpfige Türken ein und frassen auf wohl alle Söhne acht, und frassen auf acht meiner Schwiegertöchter und überdies acht meiner Enkelkinder.
Die Hundeköpfe sind in der slovenischen und chrowotischen Überlieferung sehr häufig, doch sehr selten in der serbischen und bulgarischen. Dieser Sagenstoff ist wohl aus der Fremde.
Ein bosnisches Guslarenlied, in dem sich der Heiland als menschenfleischlüstern ankündigt, halte ich lediglich für eine Umdichtung der Sage von der Opferung Isaaks. Zu Todor am Meere fiel ein Himmelbrief hernieder, darin geschrieben stand, Christus lade sich zu Gaste ein, und wünsche Johannes, den Sohn Todors gebraten zum Mahle zu verzehren. Angjelija, die Mutter, lockt durch eine Finte ihren Sohn aus dem Gebirge von den Schafen nach Haus und zeigt ihm den Brief, worin zu lesen, »Christus verlange, dass Todor den einzigen Sohn schächte, gleichwie ein blödes Lamm, ihn brate, gleichwie ein blödes Lamm, denn Christus wolle den Sohn zu Nacht verspeisen.« Der Sohn fügt sich bereitwilligst dem höchsten Wunsche, der Vater fesselt ihm Hände und Füsse, verbindet ihm die Augen, schächtet ihn, brät ihn am Spiesse und setzt ihn gar dem inzwischen eingetroffenen Gaste vor. Christus fand daran grosses Vergnügen, schlug ein schallend Gelächter auf, nahm Rotwein, wusch den Braten, und siehe da, Johannes sprang frisch und fröhlich auf die Beine auf. Alsdann sprach der HERR: »Du warst der Hirt Johannes bis jetzunder, — von itzt du sei der heilige Johannes, — verbleibst bei mir von nun in Ewigkeit!« [132]
Dem gleichen Vorstellungkreis gehört auch die Opferung des einzigen Sohnes zu Heilzwecken an. Ein Vater tötete den einzigen Spross, um mit dessen Blute neun blinden Hausgenossen die Augen zu waschen und sie sehend zu machen. Indessen glaubt er bloss, dass er den Sohn umgebracht, da es sich nachträglich nach der Vollbringung der Wunderheilung herausstellt, dass der vermeintliche Sohn nur ein Lämmchen gewesen sei. [133]
Ein abstruses Märlein ersann B. Petranović, ein serbischer Veckenstedt [134] (dem er zwar an Begabung und Bildung nachsteht), um in einem Zuge seinem Deutschen- und Katholikenhass Befriedigung zu verschaffen. Er lässt den Wiener Kaiser für seine serbischen Hochzeitgäste, die für den Kämpen Jakšić die deutsche Prinzessin heimzuführen kamen, ein thyestisches Mahl aus den tückisch ermordeten zwei serbischen Brautführern bereiten. Die Gäste tun sich an dem Braten, den sie für einen Schafbraten halten, recht gütlich, bis Prinz Marko auf den Geschmack kommt, sich erbricht und den Herrschaften zuruft, das Fleisch dufte nach Branntwein und Tabak, also sei es Heldenfleisch. Zur Strafe steckt er an eiserne Spiesse des Kaisers beide Prinzen an, brät sie und stopft Stück für Stück vom Braten mit dem Schlachtkolben dem Kaiser in den Mund hinein. P. mochte schwanen, dass ihm wohl nicht leicht einer diese Geschichte als Erzeugnis der Volkpoesie hinnehmen dürfte und erfand zur grösseren Beglaubigung noch zwei Varianten dazu. [135] Auch die sind nicht minder wunderschön und einzig und gereichen dem Erfinder zur Ehre.
Einen in der gesamten südslavischen Volküberlieferung unerhörten Schwur leistete Held Ljutica Bogdan bei demselben Korallenfabrikanten. [136] Bogdan hatte um Geld, fabelt P., seiner Gevatterin bei der Taufe für ein Knäblein ein Mägdlein unterschoben. Als die Frau auf den Betrug kam, stellte sie den God zur Rede. Er aber leistet den Meineid:
Nisam kumo, života mi moga, nijesam ti čedo promjenio; ako mi se tome ne vjeruješ —, ja ne imam ot srca evlada već Božura u bešici sina, ja pečena izio Božura treći danak na vaskrsenije, ako sam ti čedo promjenio!
Ich tat’s nicht, Gödin, nein, bei meinem Leben, ich habe dir das Kind nicht ausgewechselt; wenn du mir also auch nicht glauben willst — mir ist kein Spross vom Herzen mehr beschieden, als in der Wiege Božur bloss der Sohn: — auffressen soll ich Božur gar gebraten am dritten Tag des Auferstehungfestes, wofern dein Kind ich ausgewechselt habe!
II. »Ein starker Grad von Menschenfrass ist, wenn einer das Blut eines abgeschlachteten oder getöteten Menschen trinkt, ein geringerer, wenn er das Blut eines anderen, lebenden Menschen, aus was immer für Grunde geniesst, der schwächste aber, falls einer sein eigenes Blut schlürft, nachdem ihm vor fremdem eckelt, oder es ihm vom Gesetz verboten wird.«
»Für die erste Art gibt es auch bei uns Beispiele. Tötet im Masurer Bezirke ein Wegelagerer jemand, kostet er ein wenig von dessen Blute, im Glauben, es werde ihn darnach das Blut des Gemorden nicht ereilen (ne će stići krv). Die Montenegrer übten einen ähnlichen Brauch. Wenn sie beim Ansturm einem Türken oder Arnauten das Haupt absäbeln, lecken sie das Blut vom Jatagan ab, in der Meinung, das Blut werde ihnen sodann nicht in die Füsse herabsteigen (ne će krv sići u noge), d. h. sie werden die Geistesgegenwart nicht verlieren. Es graut ihnen nicht im mindesten vor moslimischem Blute; denn sie sagen, das Blut Ungetaufter sei so viel, wie das von Böcken; auch haben sie den Brauch, neben den umgekommenen Moslim, ein Stückchen Brot oder ein bischen Salz und ein Messer hinzulegen, »des Friedens wegen« (radi mira) [137]. Von diesen menschenfresserischen Gebräuchen stammen wohl in der serbischen Sprache die Ausdrücke her: krvolok, krvoločnik (Blutschlürfer), krvopija und krvopilac (Bluttrinker).«
»Im selben Masurer Bezirke ist ein hochinteressanter Brauch des Trinkens fremdes Blutes in Übung, doch möchte ich ihn nicht unmittelbar als eine Spur von Anthropophagie bezeichnen, sondern bloss als Fingerzeig, dass sie noch nicht vor dem Genuss fremden Blutes zurückscheuen, also, dass sie es eo ipso einstmal aus anderen Gründen, nicht nur der Wahlbruderschaftschliessung halber gesucht haben, wie dies der Mörderbrauch dieses Bezirkes bezeugt. Wollen sich zwei Leute in diesem Bezirke verbrüdern, lassen sie einander am Finger Blut und saugen es sich gegenseitig aus. Das tun sie, um blutverwandt zu werden (da se krvno srode), denn von der Zeit an, betrachten sie einander als leibliche Brüder. [138] Das hat auch der Surduler Lehrer, Herr Mladen Nikolić getan. So schilderte er mir die Handlung: »Ein bruderloses Frauenzimmer gab den Wunsch kund, mit mir eine Wahlverschwisterung einzugehen. Mein Vater und meine Mutter willigten darauf ein, und eines Abends bereitete sie ein Nachtmahl und jene fand sich mit einem Verwandten ein. Vor dem Mahl vollzogen wir die Zeremonie der Wahlverwandtschaftschliessung, assen darauf und ergetzten uns bis Mitternacht«. Für die dritte Art gibt es noch heutigentags im Dorfe Odžaci bei Trstenik Beispiele. Gegen Keuchhusten, den man dort Eselhusten (magareći kašalj, magaretnjak) oder Kikiriki (Kukurekavac) nennt, trinkt der Leidende sein eigenes Blut. Man schneidet ihm mit einem Rasiermesser die Hand am Finger auf, damit Blut fliesse und der Kranke leckt es auf. Das ist seine Medizin« [139].
III. Etwa 200 Werst von der Universitätstadt Kasan, d. h. nicht ganz dreissig deutsche Meilen entfernt, liegt das Dorf Stary-Multan, dessen Bewohner sich zur orthodoxen Kirche bekennen, eine Kirche und einen Priester besitzen. Im Jahre 1892 hatte dieses Dorf wie so viele andere Orte derselben Gegend eine schlimme Zeit. Die Missernte hatte eine furchtbare Hungernot geschaffen, in den Hütten der Bauern war der Typhus zu Gast, und dazu drohte noch das Schreckgespenst der Cholera. In dieser allgemeinen Not verwirrten sich die Sinne der Leute; der Gott, zu dem sie beteten, schien taub geworden gegen ihr Flehen, und es wuchs in ihnen der Zweifel empor, ob das überirdische Wesen, das sie mit ihren Priestern bekennen, auch die wahre Gottheit sei. Dunkle Vorstellungen von den alten Göttern, die in den weiten Kasanischen Steppen noch ein reelleres Leben führen, wurden wieder wach, und die orthodoxen Christen von Stary-Multan begannen den Heidengöttern Opfer zu bringen, zuerst Tieropfer. Als aber auch dies nicht half, da erhielt ein Weiser des Dorfes eine Offenbarung: der Gott verlange ein »zweibeiniges« Opfer (kurban) — ein Menschenopfer also. Dem Verlangen des Gottes musste natürlich willfahrt werden. In dem Dorfe lebte ein armer Bauer, der aus einem benachbarten Kreise stammte, im Orte also weder Freunde noch Anverwandte besass. Dieser Arme schien gewissermassen im Vorhinein bestimmt, zum Wohle des Dorfes geopfert zu werden. Der Unglückliche wurde — es geschah dies am 4. Mai 1892 — in das Gemeindehaus geschleppt, dort entkleidet, mit den Füssen an der Decke aufgehängt, und nun begannen fünfzehn Personen mit Messern auf den nackten Körper einzustechen; das den Wunden entströmende Blut wurde sorgfältig aufgefangen, gekocht und dann von den Opfernden zu Ehren des Gottes ausgetrunken. Lungen und Herz des Opfers hat man, nachdem es seinen Qualen erlegen war, ausgeschnitten und ebenfalls verzehrt; dann hackte man der Leiche den Kopf ab und warf den Rumpf auf die Strasse. An der Opferung beteiligten sich der Schulze des Dorfes, der bäuerliche Polizeidiener und der Kirchenälteste. Die Leute waren so sehr von der Rechtmässigkeit ihrer Handlung überzeugt, dass sie sich nicht im Geringsten bemühten, den Mord zu verheimlichen. Er gelangte somit bald zur Kenntnis der Behörden, und die Schuldigen kamen in das Untersuchunggefängnis. Nach dritthalb Jahren gelangte dieser Tage der Prozess endlich zum Abschluss, und die Teilnehmer am Ritualmorde wurden zu langjähriger Zwangarbeit verurteilt.
IV. Von der Opferung der eigenen Kinder, um einem Freunde das Leben wiederzugeben berichtet die mittelalterliche Sage von den treuen Freunden, dem Amicus und Amelius und das Märchen »Der treue Johannes« in der Sammlung der Brüder Grimm Nr. 6. Über andere Fassungen berichtet W. Grimm in den Anmerkungen. S. 16 ff. [140]
V. Mooneys Buch über den indianischen Geistertanz [141] ist für die Erforschung der Entwicklung und des Verlaufes geistiger Epidemien ausserordentlich wertvoll, aber bei allen Anerkennungen seiner Leistung haben wir es nicht notwendig, ihn um sein Material zu beneiden; denn, wenn wir unseren anerzogenen Rassen- und Bildungdünkel ablegen wollen und unbefangen unsere europäische Umgebung, wie Mooney die Indianer, beobachten, können wir mitten in unserem Kulturleben den indianischen gleichwertige Erscheinungen feststellen. Ein Blick auf den Chrowotismus, der jetzt mit Schrecken und Entsetzen zu verkrachen beginnt, beweist es uns. Der Chrowotismus ist ursprünglich eine politisch organisierte und zur Herrschaft gelangte Maffia, durch die nun das chrowotische Bauernvolk, wie die Rothäute durch die weissen Einwanderer, zur äussersten Verzweiflung getrieben wird. Durch die bäuerliche Bevölkerung geht ein Schrei: ‘Los vom Chrowotismus!’ Vor allem trachten sich die Arbeiter durch Vereingründungen zu helfen. Das missfiel, und man veranstaltete ein Kesseltreiben der Verdächtigen. Im August 1897 fand zu Essegg eine langwierige Gerichtverhandlung gegen eine grosse Anzahl Bauern wegen »sozialistischer Umtriebe« statt, gegen Leute, die das ominöse Wort nicht einmal verstanden. Die meisten erhielten ungeheuerliche Kerkerstrafen zuerkannt. Die einzige, nachweisbare Schuld bestand, nach der Meinung der Kenner chrowotischer Verhältnisse, darin, dass sich die Angeklagten wider den Chrowotismus aufgelehnt hatten [142]. Anfangs Septembers 1897 sammelten sich zu Agram weitere 1200 »Sozialisten« an, die unter Ausstossung des Rufes: ‘Pereat Hrvacka!’ die Strassen durchzogen, jedoch mit Waffengewalt besänftigt worden sind. Am 20. September scharten sich zu Sjeničak in Chrowotien bei 4000 Bauern zusammen, um gegen den Chrowotismus zu demonstrieren. Zur Beschwichtigung der Bauern wurden drei Beamte ausgesandt: Der Bezirkvorsteher Brozović (ich kannte ihn vom Gymnasium her) und die Adjunkten Djaković und Cvijanović. »Die Bauern fielen mit Mistgabeln über sie her und stachen sie zu Tod. Die Leichen fand man verstümmelt vor; einzelne Körperteile waren ihnen mit den Zähnen abgebissen worden.« Die mir vorliegenden Berichte sind leider nicht ausführlicher gehalten, so dass ich nicht angeben kann, was denn den Leichen abgebissen wurde. Vor allem darf man annehmen, dass sich die Mörder in ihrer viehischen Wut an dem Blute der drei Unglücklichen gütlich taten, wie dies nach dem Zeugnis von Guslarenliedern und ganz junger Ereignisse bei solchen Gelegenheiten zu geschehen pflegt. Die grässliche Leichenverstümmlung findet ihren Erklärunggrund in dem allgemeinen Volkglauben an die Zauberkraft der Körperteile von Verbrechern. Nach der, selbstverständlich vollkommen unbegründeten, Auffassung der Bauern, ist jeder Beamte ein privilegierter Verbrecher. Darum also die Begier, sich in den Besitz von Teilen durch das »Volkurteil« (narodni sud) hingerichteter »Verbrecher« zu setzen [143].
Im Handumdrehen machten die chrowotischen Blätter aus der überwiegend erzchrowotischen Landbevölkerung »fanatisierte Serben«, um die an der antichrowotischen Volkbewegung vielleicht nur nebenbei oder gar nicht beteiligten serbischen Stammbrüder zu verunglimpfen. Auch versuchen dieselben Blätter, die Juden und Magyaren für das Elend des Volkes verantwortlich zu machen; bisher freilich ohne Erfolg; denn gerade die Gegend Chrowotiens, in der der Aufstand losbrach, ist ganz und gar, wie man im Antisemitenargot sagen würde, juden- und magyarenrein. Das ist der Humor bei der Tragödie des Volkjammers, zu der gleich das Gewehrgeknatter dreier Regimenter Soldaten Musik aufspielte. Bei der ersten Bewegung wurde ein Bauernweib (eine Schwangere) erschossen und sieben Bauern empfingen schwere Verwundungen. »Dreissig »Rädelsführer« glückte es ehebald einzukerkern, die anderen flohen in die Wälder.« Vom Frühjahr 1897 bis zum 23. September 1897 erforderte der chrowotische Ghost-Dance 53 Tote, 137 Schwerverwundete und netto 70 zu mehrjähriger Kerkerstrafe verurteilte »Sozialisten«. (Nach Berichten aus Agram). Bis zum 3. Oktober hatten die Behörden bereits 200 Bauern eingekerkert.
Mich schmerzeten diese Kunden unsäglich. Weiland Brozović war einer meiner letzten Jugendgespielen, mit dem ich mich gut vertragen. Mein wissenschaftliches Sondergebiet sind die Südslaven; mein Leben und meine Liebe dient auch ihnen. Wie vielen von den unglückseligen Bauern mag ich mehr als einmal auf meinen Reisen freundschaftlich die Hand gedrückt haben! Das Los der chrowotischen Bauern ist das der Indianer: Aussterben!
Liebezauber.
In meinem Buche »Sitte und Brauch der Südslaven« widmete ich dem Liebezauber einen eigenen Abschnitt. Seitdem habe ich selber auf Reisen viel neues Material aufgebracht und noch mehr von Mitarbeitern erhalten. Stoff liegt für ein Buch vor. [144] Solche Zaubereien sind nicht allein für die Erforschung der Volkseele wichtig, es wohnt ihnen auch jener Reiz inne, den Liebe überhaupt ausstrahlt.