Part 13
Im Dorfe Malin bei Pleternica lebte ein alter Mann, der ging einmal nachts ins Dorf Orjovac. Da trat vor ihn ein Knabe und fragte ihn, wohin er gehe? Der Bauer mochte keine Antwort geben, worauf ihn der Knabe zu zerren anfing (stane ga grabusat). Der Bauer schrie und schrie und fluchte, der Knabe trieb es aber um so schlimmer. Nun verlegte sich der Bauer aufs Bitten und der Knabe fragte wiederum: »Wohin des Weges?« Der Bauer wollte es nicht sagen, und der Knabe setzte ihm wieder arg zu. Endlich wurde es dem Bauer lästig und er sagte, wohin er gehe. Kaum hatte er es gesagt, so erwiderte der Knabe: »Das also hast du mir nicht gleich sagen können? Hättest du es, ich hätte dich in Frieden gelassen.« Darauf verschwand er. Als der Bauer heim kam, lag er zwei Tage krank darnieder, am dritten aber starb er. Fünf Nächte hindurch kehrte er wieder aus dem Grabe heim, fragte sein Weib: »Wie ist es dir auf dem Herzen?« und ass alles auf, was sein Weib zu Nacht übrig gelassen, und so wie er die fünfte Nacht fort ging, kehrte er nimmer wieder zurück.
Im Dorfe Mačkovac bei Pleternica ging ein Hirte nachts nach Hause und pfiff (fićuko), worauf ihn Hunde anfielen; er begann aber zu fluchen. Als er jedoch auf den Kreuzweg (krstopuće) kam, fiel ihn ein kleiner Hund (mali ćuko) an, der Bursche aber fing wieder zu fluchen an und je mehr er fluchte, desto heftiger griff ihn der Hund an und geleitete ihn bis nach Haus. Dieser Hund bellte jedoch nicht, sondern murrte (mrko) bloss und zerrte den Burschen. Dieser stieg auf den Stallboden hinauf, um zu schlafen, der Hund aber klomm ihm nach. Der Bursche fluchte wiederum, zuletzt aber starb er vor grossem Grauen und Entsetzen. In der Früh kam der Hausherr auf den Stallboden hinauf und weckte den Burschen, doch dieser erhob sich nicht mehr. Darauf begrub ihn der Hausherr. In der vierten Nacht kehrte der Diener zurück, warf in der Stube Staub herum und fluchte dem Hausvorstand, dessen Gesinde und der Frist, wo er zu diesen Leuten in Dienst getreten. Der Hausvorstand aber verfluchte (prokune) ihn, und so kehrte der Tote nimmer wieder zurück.
Häufig beschränken sich die Geister darauf, den Leuten die Köpfe einzuschlagen oder gar nur Schrecken einzujagen. Diese Kunststücke sind in neuerer Zeit durch die Spiritisten oder Medien auch bei uns salonfähig geworden. Es ist immer der alte Schwindel.
Mato Nikolčić in Pleternica erzählte meiner Mutter am 27. Dezember 1886 folgende Geschichte, die er miterlebt haben will. »Im Herbste des Jahres 1873 starb in Suljkovac (bei Pleternica) ein altes Weib, das am zweiten Abend nach ihrer Bestattung heimkehrte und Unfug (neprilika) trieb. Sie warf Steine gegen die Tür, schleuderte Staub herum, tobte und schreckte heillos die Leute. Der arme Hausvorstand war mit seinem Weibe und seinen Kindern so entsetzt darüber, dass er sich mit ihnen allein nicht mehr in der Stube zu schlafen getraute und so musste der Ärmste jede Nacht acht bis zehn Männer zu sich bitten, dass sie bei ihm nächtigten. Was hat er nur für Beleuchtung während der Zeit ausgeben müssen! Genützt hat es aber gar nichts. Das Gespenst warf mit Steinen herum, schlug dem einen Manne den Schädel ein, dem andern verletzte es arg die Hand, und so dauerte der Spuk beiläufig zehn Nächte lang. Jetzt ist nichts mehr davon zu hören« (Slavonien).
Koprivčević erzählte: »Im Dorfe Suljkovci (bei Pleternica) verstarb ein altes Weib. Schon am nächsten Tage kehrte sie zurück, obwohl die Sonne noch glänzend schien. Sofort warf die Tote mit Steinen. Darauf kletterte sie auf den Boden hinauf und bewarf durch die Dachbodenbretter die Hausleute mit Kukuruz und Bohnen. Sie hatte einen Eidam und eine Tochter. Die Leute überredeten ihre Tochter, sie möge ihre Mutter fragen, was sie suche. Als dann die Tochter die Frage stellte, zitterte sie am ganzen Leibe und wurde von der Mutter arg beworfen. Nur den Eidam liess die Tote vollständig in Ruhe. Einer von den Leuten schimpfte ihr unflätig Gott (jebem ti boga!). Da riss die Tote einen Stein aus der Mauer heraus und schlug dem Schmäher den Schädel ein und gleich begann ihm Blut aus dem Kopfe zu rinnen. Obwohl die Küchentür verriegelt war, warf die Tote lauter heisse Ziegel in die Stube hinein. Als ich anfing, sie zu beschwören (zaklinjat), schleuderte sie noch einen Stein gegen die Tür und kehrte nimmer wieder zurück.«
Derselbe erzählt: »Im Dorfe Komorica starb ein alter Mann, der kehrte allnächtlich wieder heim, und so oft er kam, warf er mit Bohnen und Erdäpfeln im Zimmer herum und schreckte die Leute und haute besonders den, der darüber zu fluchen anfing. Der Hausvorstand liess Messen lesen, berief den Pfarrer und den Kaplan, damit sie den Geist beschwören, doch blieb alles vergeblich, erst als ich den Geist beschwor (zaklinjo), ist er verschwunden und nimmer wiedergekommen.« Im Dorfe Suljkovci starb der Binder, kehrte aber nach der dritten Nacht wieder zurück und warf von da ab allnächtlich in der Küche alles durcheinander. Das gab jedesmal ein grosses Gepolter. In der Früh war trotzdem alles auf seiner Stelle und unversehrt. Erst als ich dort war und zu Gott betete, ist der Spuk verschwunden. In Pleternica ging einmal nachts ein Mann über den Bach, da plötzlich platzte und würgte »Es« ihn, folgte ihm nach Haus, »Es« kletterte auf den Boden hinauf und verursachte ein furchtbares Gepolter. Dann fiel es in die Stube wie ein Fässchen hinab, klomm auf den Tisch hinauf und zerschlug alle Gläser und Teller. Als man ein Licht anzündete, waren alle Gefässe auf dem Tische unversehrt. So ging es Nacht für Nacht. Als ich den Geist beschwor (zaklinjo), sprang er durchs Fenster, klopfte dreimal mit dem Schnällchen und ein schwarzer Kater (crni mačak) wimmerte (drečo), und nie erschien der Geist wieder.
Namenlose Sehnsucht Lebender nach geliebten Verstorbenen vermag auch die letzteren aus ihrer ewigen Ruhe für eine kurze Frist heraufzubeschwören, doch genügt die Sehnsucht ohne Zaubereien kaum oder gar nicht. Man formt das Bild oder die Gestalt des Toten aus Wachs oder einem andern Stoffe, bekleidet und benamt sie und setzt ihr unter Koseworten Speise und Trank vor. Solchem Rufe muss der Tote Folge leisten. Hierher gehört die auch unter den Südslaven allbekannte Leonorensage, von welcher ich hier eine noch nicht veröffentlichte Fassung, die wahrscheinlich aus einem ursprünglicheren Liede in ungebundene Rede aufgelöst wurde, mitteilen will. Im übrigen ist just diese Sage oft genug besprochen worden. [114]
Ein Bursche führte mit einem Mädchen eine Liebschaft und sie gedachten einander zu heiraten. Da starb plötzlich der Jüngling und wurde zum Werwolf (povukodlači se). Eines Nachts kam er zum Mädchen und sprach: »Komm mit mir, ich werde dich heiraten.« Und sie folgte ihm, eingedenk ihrer Abmachung mit ihm. Er schwang sich aufs Pferd und pflanzte sie hinter sich auf. Als er im Gebirge war, hub er an zu singen: »Der Mondschein scheint, ein Toter reitet ein Ross, o Mädchen, hast du eine Furcht?« (mjesečina sja, mrtvac konja jaha, jà djevojko, je li tebe strah?). So gelangten sie zum Grabe. Der Tote stieg vom Pferde ab und sagte zum Mädchen: »Tritt ein ins Haus!« Darauf das Mädchen: »Geh du voraus, dann folge ich, bis ich das eine und das andre geordnet habe.« Er legte sich ins Grab, sie aber hatte mehrere Knäuel Zwirn bei sich und reichte ihm ein Ende zum Abwickeln hinab. Er zog und zog, und so hielt sie ihn bis zum Morgengrauen hin und blieb am Leben (Bosnien, Drinagebiet).
Es lässt sich trotz der Monographie Šišmanovs nicht entscheiden, ob diese Sage nicht etwa eine Wandersage sei und vielleicht dem slavischen Boden gar nicht entstamme. War sie ursprünglich fremd, so fand sie doch unter den Südslaven einen gut vorbereiteten Boden vor, d. h. einen eng verwandten Glauben- und Sagenkreis, in den sie vollkommen hineinpasste. Man glaubt z. B., dass man im stande sei, nicht bloss einen Toten zurückzurufen, sondern auch einen Geist in eine Puppe hineinzubannen, und auf diese Weise aus der Puppe einen Menschen zu schaffen. So ist der Heilige Pantelija (Panteleimon) von zwei Schwestern, die keinen Bruder besassen, ins Dasein gezaubert worden. Der Heilige ist in die äusserst merkwürdige Lage zweifellos durch eine jüngere Umdichtung hineingeraten. Eines endgültigen Urteils muss ich mich hierin vorläufig enthalten. Nahe berührt sich mit dieser Sage jene von der einzigen Schwester, die, in weiter Fremde weilend, ihren Bruder zu sich auf Besuch herbeizaubert. Um Mariechens Hand warben Freier aus allen vier Weltgegenden. Die alte Mutter möchte ihr Kind an Elias aus dem Künstenlande vergeben, doch ihre neun Brüder und ihre neun Geschwisterkinder sind damit nicht einverstanden, sie reden dem Mädchen ab, um sie irgendwo hin in die weite Welt hinaus zu verschachern. Sie umschmeicheln sie und versprechen ihr ewige treue Freundschaft:
Und wenn du gehst nach unserm Belieben, so werden wir gar häufig dich besuchen, so oft als ab im Jahr die Monde wechseln, in jedem Monat jede liebe Woche; doch wenn du gehst nach deiner Mutter Willen, wird nie von uns dich einer je besuchen.
Mariechen überlegte es sich, wem sie folgen solle, und weil sie sich sagte, das Mütterchen sei schon hochbetagt und werde zu ihr nie auf Besuch kommen können, so gab sie dem Drängen ihrer neun Geschwisterkinder und der Brüder nach. Es verstrich ein Jahr in der Fremde, keine Seele kam zu Mariechen auf Besuch:
Da sprach ein rügend Wort die alte Schwieger: Dich töte Gott, o Söhnerin, du Liebste! Wie, stehst du so in Lieb’ bei deiner Sippe, dass kein Verwandter zum Besuch sich einstellt?
Mariechen perlen Tränen aus den Augen.
Als auch im zweiten Jahre niemand zu Besuch erschien, erhob den gleichen Vorwurf der Schwiegervater, doch
Mariechen schweigt, sie spricht kein Sterbenswörtchen, von ihren Wangen nur die Tränen perlen.
Im dritten Jahre fangen die Schwäger, im vierten die Schwägerinnen (die Frauen der Schwäger) und im fünften Jahre gar die jungen Schwestern der Schwäger über Mariechen loszuziehen an:
O Söhnerin, dich beisse eine Natter! Was kommt nicht einer von den neun Gebrüdern? Da wimmert sie wie eine wilde Natter: — O wehe bis zum lieben Gott im Himmel! ich mag mich gegen Gott versündigt haben, dass niemand lebend oder tot mich heimsucht! Drauf ging sie in die warme Kemenate hinab, verfertigte der Puppen neun und gab den Puppen ihrer Brüder Namen; und wieder fertigte sie neun Gebilde, benannte sie nach den Geschwisterkindern und stellte vor sie hin die Speisetafel und auf die Tafel Speisen und Getränke und reichte Wein der Reihe nach den Puppen.
Doch Gott empfand darob ein gross’ Erbarmen, (die Brüder waren ja schon lang verstorben), zur Erde sandt’ hinab er seinen Engel hinab aufs Grab des ältern Bruders Jovo.
Der Engel schlug aufs Grab mit seinem Stabe, von selber schloss sich auf das Hügelgrab, Der Engel baut ein Ross aus Sarg und Brettern und schneidet aus dem Leichentuche Kleidung, und weckt dann wieder auf den toten Jovo: — Auf, Jovo, geh dein Schwesterlein besuchen! Bis Samstag magst beim Schwesterlein verweilen, am Sonntag kehr zurück hier untern Rasen!
Und Jovo ging, um Gottes Wort zu leisten.
Von weiter Fern’ erschaute ihn die Schwester, frohlockend rief sie allen zu im Hause: — Juchhei! da naht mein allerältster Bruder!
Sobald die Hausleut’ dieses Wort vernommen, so liefen sie ihm weit voraus entgegen und führten gastlich ihn in ihr Gehöfte und boten an ihm jeder Art Erlabung und neunerlei verschiedner Arten Weine.
Der tote Leib verschmäht Getränk’ und Speisen; der Tote spricht, er fühle sich zu leidend. Als letzt der Samstagmorgen angebrochen, so rüstete sich Jovo wohl zur Heimkehr.
Es wollten alle ihn zurückbehalten, doch Jovo lässt von niemand sich beirren, am Sonntag muss er wieder untern Rasen.
Ihm gab das Schwesterlein das Weggeleite. Doch leise sprach zum Schwesterlein der Bruder: — O Schwester, das ist eine grosse Schande, dass du mich ohne Schwager hier geleitest!
Doch ist darob die Schwester unbekümmert, sie geht in einem fort mit ihrem Bruder.
Als sie durchs grüne Hochgebirge zogen, erhoben einen Sang die Amselvögel: »O, lieber Gott, gedankt sei jede Gabe, da wandelt auf der Erde hin ein Toter.«
Bemerkte Schmuck-Mariechen zu dem Bruder: — O horch, mein Bruder, was die Vögel zwitschern! — Du bist ein Närrchen, meine liebe Schwester, sie zwitschern halt, wie’s ihnen Gott befohlen!
Als sie in Sicht des Hausgehöftes kamen, da war mit Moos das weiss’ Gehöft bewachsen.
Erschrocken spricht das Schwesterlein zum Bruder: — Was sind da unsre Höfe so verdüstert?
Dem Schwesterlein das Brüderlein entgegnet: — Bist du ein Närrchen, meine liebste Schwester! Als wir, die ältsten Brüder uns beweibten, sind vom verfluchten Blei und Pulverrauche verschwärzt geworden unsre weissen Höfe.
Als sie zum grünen Friedhof hingelangten, sprach Jovo: »Wart, ich habe Durst bekommen, ich geh’, o Schwesterlein, zum kühlen Bronnen.«
Kaum sagte er’s, schon fing er an zu laufen und lief behende hin zu seinem Grabe, und flog hinein in seine tiefe Grube. Es schloss sich über ihm das Hügelgrab.
Mariechen sah, o wehe ihrer Mutter; Mariechen sah die Gräber frisch geschaufelt, wohl achtzehn Gräber, eines an dem andern. Sie rannte jammerklagend hin zum Hofe und klopfte mit dem Pfortenring ans Tor an.
Von innen ruft die Mutter aus dem Hofraum: — O troll dich fort von hinnen, Pest und Krankheit, du hast mir meinen Nachwuchs hingemordet, hast mich allein im Leid zurückgelassen!
Am Tore ruft Mariechen ihr zur Antwort: — Ich bin ja nicht die Pestfrau, nicht die Krankheit, ich bin dein Kind Mariechen, grambeladen!
Kaum hat die Mutter dieses Wort vernommen, so sprang sie auf und öffnete das Pförtlein.
So wie sie sich in Leid und Weh umarmten, so sanken beide tot zur Erde nieder.
Der Vampir.
»An die Daseinwirklichkeit von Vampiren glauben Christen gleich Moslimen ebenso fest oder wenigstens nicht minder als an einen Gott im Himmel (vjeruju — ko da ima Bog na nebu)«, schreibt mir einer meiner Berichterstatter aus Bosnien. Diese Behauptung ist durchaus nicht übertrieben, sie entspricht vielmehr den tatsächlichen Glaubenverhältnissen und gilt im allgemeinen für alle Südslaven, insbesondere für die Serben und Bulgaren, aber auch die übrigen slavischen Völker hegen denselben Glauben, wenn auch vielleicht in einer klein wenig verschiedenen und abgeschwächten Äusserung im Volkleben. Andree gibt der Meinung Ausdruck, der Vampirglaube habe »sein Zentrum, seinen Focus bei slavischen Völkern, wenn er auch weiter sich nachweisen lasse und in verwandten Formen oder anklingend über die ganze Erde vorkomme«. Das bedarf einer geringen, doch wesentlichen Berichtigung, etwa in der Weise: Der Vampirglaube ist bei allen Völkern heimisch, doch die uns bekannteste Form, weil am häufigsten besprochene, ist die slavische, die einige Eigentümlichkeiten gegenüber dem analogen Glauben anderer Völker aufweist. Von einschneidender Bedeutung sind aber diese Eigenartigkeiten mit nichten. [115]
Dass der Name Vukodlak (Werwolf) auf den Vampir übertragen wurde, ohne dass eine Begriffverwirrung im Volkglauben stattgefunden, bespreche ich im nächsten Aufsatz. Der Name Vukodlak ist seltener als Vampir, wie das Wort bei den Slovenen und Chrowoten lautet. Die Bulgaren sagen vampir, häufiger vapir, vepir, vupir, die Serben: vampir, lampir, lapir, upir, und upirina. Letztere zwei Ausdrücke vernahm ich meist aus dem Munde von Popen. In und um Spalato in Dalmatien ist der mir seiner Bedeutung nach dunkle Name Kozlak gewöhnlicher als Vukodlak und Vampir. Vampirhafte Wesen (Kozlaštvo iliti vukodlaštvo) gilt als erblich (nasljedno, ereditario). War der Vater ein Kozlak, so wird auch der Sohn einer werden. Ganz identisch mit einem Vampir ist der Kozlak denn doch nicht. Der Kozlak kann bei Lebzeiten als Mensch zukünftiges Wetter voraussagen und leichter und schneller als andere Leute gehen. Das Volk glaubt, die Kozlaki besässen gewisse besondere Bücher, aus denen sie nur allein zu lesen verständen und woraus sie die Kunst erführen, Wunder zu verrichten. Der Mann im Volke hütet sich, einem Menschen sich zu vermessen, den er für einen Kozlak hält. Zu streiten wagt er es schon lange nicht mit ihm. Auf einigen dalmatischen Inseln, auf denen eine slavisierte italienische Bevölkerung wohnt, heisst man den Vampir auch Orko (Orcus). In Montenegro und im südlichen Teil des Herzögischen sagt man für Vampir: tenac oder tenjac (wohl für tenarac; tenar = Gruft; vom griech. thénar) und für: sich in einen Vampir verwandeln: potenčiti se. Einem bösen Menschen flucht man z. B. so: »Gäbe es Gott, dass du zu einem Tenac werden sollst, wie du einer auch werden wirst, so Gott will!« (da Bog da, potenčio se, kao što i hoćeš ako Bog da!). Ein einziges Mal hörte ich eine beschönigendere Bezeichnung für Vampir: mrtva nesreća (das tote Unglück oder Unheil); den blossen Namen glattwegs auszusprechen, ist nicht geheuer. Ist die Rede von einem Vampir, so pflegt man jedesmal dazu den Fluch hinzuzusetzen: na putu mu broč i glogovo trnje! (Auf seinem Wege mögen Färberrötel und Weissdorndickicht gelegen sein!) Auf blutfarbigem (rötlichem) Gestein gedeiht nämlich Weissdorn am besten.
Bemerkenswert ist die Definition eines serbischen Bauers von »vukodlak ili vampir«. Er sagte: »Wir nennen so verstorbene Menschen, in die 40 Tage nach ihrem Tode ein höllischer Geist fährt und sie belebt. Der Vampir verlässt nächtlich sein Grab, würgt die Menschen in den Häusern und trinkt ihr Blut.« Ein anderer Bauer verbesserte den Sprecher: »Nein, du hast es gefehlt. Die verfluchte Seele findet weder in den Himmel noch in die Hölle Eingang. Der Vampir ist den Tieren (dem lieben Vieh) noch weit gefährlicher als getauften Seelen« (Menschen).
Vampire erscheinen zumeist zur Winterzeit in der Zeit zwischen Weihnachten und Christi Himmelfahrt. Man glaubt, wenn eine Hungernot ausbricht, streifen Vampire um Wassermühlen, Fruchtscheuern und Maisvorratkammern herum. Schon einer meiner Gewährmänner erwähnt, dass sich Fruchtdiebe in Hungerjahren den Glauben des Volkes zunutze zu machen wissen.
Das Volk glaubt, zu einem Vampir werde nur ein ruchloser Bösewicht oder sonst ein Verfluchter, ein rechtschaffener Mensch könne sich aber in keinen Vampir verwandeln, ausser es fliegt über den aufgebahrten Leichnam ein unreiner Vogel hinweg, oder es springt ein unreiner Vierfüssler hinüber, oder es schreitet ein Mensch oder auch nur der Schatten eines Menschen über den Toten. Vor solchen Zufälligkeiten wird der Tote aufs ängstlichste beschützt und bewacht. Als unreine Vögel betrachtet man die Elster (svraka) und die Henne (kokoš), nicht aber einen Hahn, als unreine Vierfüssler eine Hündin (vaška) und die Katze (mačka). Dass die Katze einen bösen Angang bedeute und zu Wahrsagungen herangezogen wurde, lehrt uns L. Hopf; [116] der Südslave hält jedoch die Katze für ein Unglückgeschöpf bösester Art. In Bosnien lässt man z. B. keine Katze über den aufgelegten Webeaufzug schreiten, weil man glaubt, dass derjenige, der in einem aus solchem Leinen angefertigten Hemde stirbt, unfehlbar ein Vampir werden müsse. Schliesst sich eine Katze an einen Kranken an, oder legt sie sich gar zu ihm aufs Bett, so glaubt man, der Kranke werde in zwei, drei Tagen das Zeitliche segnen. Läuft eine Katze gern zu einem Toten, so glaubt man, der Tote sei noch vom neunten Gliede an verflucht oder verdammt. Die südungarischen Serben glauben wieder, dass, wenn ein Hund oder eine Katze, besonders letzteres Tier, unter dem Tisch durchläuft, auf welchem ein Leichnam aufgebahrt liegt, der Tote als Vampir wiedererstehen müsse. Besorgt der Bauer im Savelande, dass trotz aller Wachsamkeit doch irgend ein unreines Tier über den Toten schreiten könnte, so legt man ihm auf die Brust einen Kloss Erde (grumen zemlje) oder sticht ihm unter die Zunge ins Fleisch eine Weissdornnadel (glogov trn) und hofft dadurch eine sonst allenfalls mögliche Verwandlung des Toten in einen Vampir zu vereiteln. Im Drinagebiete sticht man nur ausnahmweise dem Toten besagten Dorn unter die Zunge, wenn es bekannt ist, dass einmal in der Verwandtschaft des Verstorbenen ein Vampir vorgekommen. Dagegen ist es bei den slavischen Moslimen durchgehends gebräuchlich, sobald einer verstirbt, dem Toten auf die Brust und unter das Haupt je ein Knöllchen Erde zu legen, und ihn, so lange er im Hause bleibt (nie länger als 24 Stunden), aufs allersorgfältigste vor den gedachten unreinen Tieren und vor dem Schatten eines Menschen zu bewachen. Besonders gefürchtet wird der menschliche Schatten, gleichsam als ob der Schatten als ein Sonderwesen in den toten Leib hineinfahren und ihn zu neuem Scheinleben befähigen würde. Ähnlich ist der Glaube, dass ein totes Frauenzimmer zum Vampir werden müsse, falls sich ein Mann mit ihrem Leichnam vergisst. Ich habe eine hierher gehörige Sage aufgezeichnet. [117]
Die Lebenden ergreifen mannigfache Massnahmen zu ihrem eigenen Schutze, damit eine Vampirverwandlung von vornherein hintertrieben werde. In Serbien und Bulgarien steckt man dem Toten einen Weissdorn in den Nabel hinein. Man glaubt allgemein, dass sich, wer im Alter unter zwanzig Jahren verstirbt, überhaupt in keinen Vampir verwandeln könne, doch sind mir genug Ausnahmefälle bekannt geworden. Nur die Wahrscheinlichkeit für eine Verwandlung ist eine geringere zufolge der unschuldigen Jugendlichkeit. Danach richtet man sich. Stirbt einer im Alter über zwanzig Jahre, so pflegen die Serben alle behaarten Stellen am Leib des Toten, den Kopf ausgenommen, mit Werg zu bedecken und den Werg mit der Sterbekerze anzuzünden, damit die Haare niederbrennen, um so für jeden Fall die Verwandlung des Toten in einen Vampir unmöglich zu machen. Einem toten Mörder, oder einem Meineidigen, oder überhaupt einem verruchten Kerl (Frauen ungemein selten), von dem man glaubt, er könnte noch als Vampir den Überlebenden schaden, verstümmelt man den Leichnam, indem man ihm entweder die Fussohle durchschneidet, oder eine Zehe abhackt, oder ihm einen grossen Nagel in das Hinterhaupt eintreibt, »damit sich die Haut nicht aufblähen könne, sollte der Teufel sie aufzublasen versuchen, um den Toten in einen Vampir zu verwandeln.«
Die Unschädlichmachung eines Toten erfolgt auch durch eine Art symbolischer Leichenverbrennung. Die Symbolik für ein Überlebsel eines uralten südslavischen Brauches der Leichenverbrennung anzusehen, verbietet uns der sonstige an die Toten sich anknüpfende Volkglaube, über den ich mir auf Grund meiner besonderen, ausnehmend reichhaltigen Sammlung ein sicheres Urteil bilden konnte. Um zu verhindern, dass sich ein Toter in einen Vampir verwandele, begeben sich an manchen Orten in Serbien die alten Weiber am Abend des Begräbnistages ans Grab des Verdächtigten, bedecken es im Kreise mit Lein- und Hanfwerg, streuen darauf Schwefel oder Pulver und zünden letzteres an. Nachdem das Werg niedergebrannt ist, stecken sie fünf alte Messer oder vier Weissdornspitzen ins Grab: das Messer in die Brust und je zwei Spitzen in die Füsse und in die Hände des Toten, damit er sich an den Messern und Dornen anspiesse, sollte er, zum Vampir geworden, dem Grabe entsteigen wollen.