Part 11
Dagegen erfahren wir aus einer anderen Sage, die Pestschwestern müssten auf das Geheiss ihres Königs die Menschen heimsuchen; es ist ein unabänderlicher Schicksalbeschluss, dem sie sich fügen. In diesem Falle erinnern sie lebhaft an die griechischen Erynnien, die unter Umständen als Eumeniden, sowohl für einzelne, als für einen ganzen Stamm auftreten. Erfüllt man ihren Wunsch, so schonen sie den, der sich ihnen fügt, und suchen ihn und die Seinigen vom Verderben zu bewahren. Nur selten bricht die Pest ihr gegebenes Wort, doch nicht ungestraft, denn die Strafe folgt ihr auf dem Fusse. Von ihrer grossen Dankbarkeit erzählt eine Sage. Einst verfolgten Hunde die Pest und sie verwandelte sich schnell in ein Wiedengebünde, sonst hätten sie die Hunde zerrissen. Es war aber ein harter Winter und die Wieden froren fest ein. Nun kam ein Bauer des Weges, der benötigte eben Wieden und trug den Bund nach Hause. In der warmen Stube am Ofen taute die Pest auf, nahm ihre ursprüngliche Gestalt an, dankte dem Menschen für seine Barmherzigkeit, und seit jener Zeit, heisst es, schone sie gewöhnlich die Menschen und überfalle nur die Haustiere und selbst diese nicht mehr so häufig, wie ehedem. [97] Nach einer anderen Sage sind die Pest und die Todgöttin leibliche Schwestern, die einander ablösen, wenn die eine müde wird. [98]
Auf einer folkloristischen Wanderung im Sommer 1907 erzählte meinem Schüler Otto Goldstein der Bauer Lazo Tadić zu Gradski Vrhovci in Slavonien: ‘Bei der Besiedelung von Gradski Vrhovci zogen sich Bruder und Schwester nackt aus und sie spannten zu stockdunkler Nachtzeit zwei von einer und derselben Mutterkuh herstammende schwarze Ochsen vor den Pflug und umackerten das Dorf, damit darin die Pestfrau keine Gewalt erlangen könne.’ [99] Das war eine Vorbeugungmassnahme für die Zukunft.
Warum besorgen splitternackte Leute die Umackerung? Es ist zu erinnern, dass noch in Bulgarien die Erzeugung des reinen Feuers durch Holzreibung nackten Leuten obliegt und dass alle die schweren Zaubereien zur Abwehr tückischer Waldgeister ganz nackt zu vollziehen sind. Was die Nacktheit zu bedeuten hat, lehren die erotischen Zauberbannsprüche in den Anthropophyteia IV. und Dr. Iwan Blochs treffliche Darlegungen im Sexualleben unserer Zeit (1908). Es ist nicht angebracht, hier auf Anschauungen einzugehen, deren nähere Besprechung nur unter strengstem Ausschluss der Öffentlichkeit kaum noch geduldet wird, aber ich muss bemerken, dass der Kleidermangel beim Umackern und der Feuererzeugung nicht allein auf die religiöse Vorstellung hinweist, sondern auch auf eine Zeit, wo das Volk, klar und klipp herausgesagt, nur bei festlichen Gelegenheiten Kleider als einen Schmuck und im Winter zum Schutz gegen Kälte anzulegen pflegte. Sonst wandelte man sonder Scheu und Scham ohne Gewandung einher und ward sich seiner Nacktheit nicht bewusst. Weil man in längst vergangenen Tagen nur im natürlichen Kleide der Unschuld den Brauch vollzog, meinen die späten Nachfahren, die was anzuziehen haben, die Nacktheit gehöre mit zur Weihe des Umzuges und der Feuererzeugung. Darin bestärkt sie die Anschauung, den Bösen dürfe man nicht einen Faden von seinem Leibe überlassen, damit sie keine Gewalt über einen gewinnen mögen. Beim Umzug aber tritt man in unmittelbare Berührung mit den Geistern, und da ist es am rätlichsten, man habe nichts am Leibe, wessen sich die Namenlosen bemächtigen könnten. Darum eben bewahrt man tiefstes Schweigen, denn auch ein unbedachtes Wort, das einem über die Lippen glitte, könnte zu einem Haken werden, an dem einen der tückische Waldgeist an sich zöge.
Weitere Angaben über die Pest bieten folgende Sagen.
Ein Mann ging spät abends vom Felde nach Hause. In der Nähe des Dorfes begegnete er zweien merkwürdigen Weibsbildern. Die Weiber waren von etwas kleiner Gestalt, ohne Nasen und Ohren und hatten kleine Schlangenaugen, die tief im Spitzkopf drin sassen, die Hände glichen Katzenpfoten und die ganze Gestalt trugen Bockfüsse. Der Mann entsetzte sich bei diesem Anblick, ermannte sich aber schnell und fragte sie, wer sie sind und wohin sie gehen.
Die furchtbaren Weiber gaben ihm zur Antwort: »Wir sind die Pest, zwei leibliche Schwestern. Eine von uns wird die Leute in diesem Dorfe hinraffen, während die andere weiterzieht. Wir kommen geradenwegs aus Sarajevo und stammen aus dem Pestlande. In Sarajevo erhielten wir von unserem Pestkönig den Befehl, auf eine Zeitlang hieher zu ziehen.«
Bei diesen Worten vermeinte der Mann, er müsse sich auf der Stelle vor Grauen in einen Baum oder Felsen verwandeln. Doch die Pestschwestern sprachen ihm Mut zu und suchten ihn zu beruhigen. »Sei ganz getrost,« munterten sie ihn auf, »Dir und Deinem Gesinde soll kein Haar gekrümmt werden, wenn Du uns Folge leistest und bereit bist, uns eine kleine Gefälligkeit zu erweisen.«
Der Mann wäre bereit, mit blossen Händen glühende Kohlen zu scharren, damit ihn die Pest nur verschone, er fleht sie an und beschwört das Schwesterpaar bei allem, was ihnen hoch und heilig ist, Gnade zu üben.
»Es soll Dir nicht das Geringste widerfahren,« beruhigten ihn die Pestschwestern, »nur musst Du uns auf deinen Rücken nehmen und in Euer Dorf hineintragen, damit uns die Hunde nicht zusetzen; dann wirst Du uns dein Haus bezeichnen, damit wir es umgehen können, sobald wir von Haus zu Haus zu wandern und die Menschen hinzuraffen beginnen.«
»Warum mordet Ihr denn die Menschen hin, die sich ja nie auch das Geringste gegen Euch zu Schulden kommen liessen?« fragte der Mann.
»Wir gehorchen nur dem Befehle,« entgegneten die Schwestern.
Wiederum hub der Mann an: »Gibt es nicht irgend ein Mittel, durch das sich der Mensch vor Euch Pestschwestern irgendwie schützen könnte?«
»Freilich,« erwiderten die Pestschwestern, »es gibt gar so manches, da hast gleich eines: Es müssten zwölf Burschen und zwölf makellose Jungfrauen von tadelloser Lebensweise am Vorabende des Sonntags nach dem Neumond in der Geisterstunde einen Pflug nehmen, sich damit hinaus vor das Dorf begeben, sich splitternackt ausziehen, so wie sie die Mutter geboren, sich dann ins Joch spannen und das Dorf ringsherum umackern.« [100]
»Noch eins. Während des Umackerns müssten sie wie ein Marmorstein das tiefste Schweigen beobachten, keiner dürfte begierig und lüstern den Blick erheben, geschweige denn den anderen berühren. So müssten sie siebenmal immer in derselben Furche ackernd ums Dorf ziehen, bis die Furche zu einem kleinen Graben erweitert ist.«
Während die Pestschwestern, bald die eine, bald die andere, erzählten, musste sie der Mann fortwährend tragen. Die Augen traten ihm aus den Höhlen vor der grossen Bürde — so schwer waren sie —, doch er durfte ja mit keinem Worte Einspruch erheben. Sobald sie in die nächste Nähe des Dorfes gelangten, erhoben alle Hunde ein Gebell, als wenn sie jemand loshetzte. Da fragte der Mann die Pestschwestern, wie sie sich denn, wenn sie allein gehen, der Hunde erwehren. Die Pestschwestern antworteten: »Trifft es sich, dass uns ein wilder Hund anfällt, so verwandeln wir uns schnell in eine Wetzkiste oder einen Korb oder eine Fledermaus.« — »Wie rafft Ihr aber die Menschen hin?« fragte der Mensch und sie gaben ihm zur Antwort: »Entweder vergiften wir die Luft und die Brunnen, oder wir gehen von Haus zu Haus, wenn die Leute beim Nachtmahl sitzen, und jeder, den wir ins Auge fassen, bekommt eine schwarze Beule, an der er sterben muss. Ein andermal fangen wir mit Gedärmereissen, Erbrechen, Durchfall und Krämpfen an.«
Der Mann begab sich in sein Haus, indessen die Pestschwestern von Haus zu Haus im Dorfe ihren Besuch machten. O, welch ein Morgen! Im ganzen Dorfe gab es Wehklagen und Jammer ohne Ende, die Menschen sanken wie Halme hin und hätte man nicht Essig, Wacholder, Kampfer und Branntwein gebraucht, und hätten Burschen und Mädchen das Dorf in der Runde nicht umgeackert, alles wäre ausgestorben. [101]
Diese Sage tritt in ihren Grundzügen in mannigfachen Versionen auf, z. B. in folgender: (Valjavec, Narodne pripoviedke, p. 243 f.)
Ein Bauer kehrte aus der Stadt, wohin er einen Wagen Steine geführt, abends nach Haus, als er plötzlich ein ganz weiss gekleidetes Frauenzimmer herannahen sah, das sich ohne Umstände zu ihm auf den Wagen setzte. Er erschrak darüber gewaltig, denn er dachte, Gott weiss was dies zu bedeuten habe. Doch das Weib beruhigte ihn: »Du brauchst nicht die geringste Furcht zu haben, fahre Du mich nur getrost bis zu Deinem Hauswesen.« — Als sie im Dorf anlangten, war schon vollends Dunkelheit angebrochen. Da sprach das Weib zu dem Bauer: »Nun gut, Du hast mich hiehergebracht, doch ich habe kein Geld, um Dich dafür zu bezahlen, aber ich will Dich ein Bild sehen lassen, komm näher und tritt mir auf die grosse Zehe.« — Er näherte sich ihr, trat ihr auf die Zehe und er schaute ein grausiges Bild, ganze Ströme von Blut, abgeschlagene Köpfe und tote Menschen. Hierauf versetzte das Weib: »Siehst Du dieses Schauspiel? — So wie es Dir jetzt vorgeführt wird, so wird es in kürzester Zeit hier aussehen, drum trachte Du mit allen Deinen Angehörigen aus diesem Dorfe fort auf mindestens drei Tagereisen weit Dich zu entfernen.« — Und so geschah es. Er wanderte mit den Seinen aus und die Pest stellte sich nach seinem Abzug ein, raffte die Menschen hinweg, stachelte sie gegeneinander auf, so dass sie einander selber hinmordeten. So kam es, dass Blut in Strömen floss, und es überall abgeschlagener Köpfe und toter Menschen gab.
Etwas vollständiger ist folgende Sage:
Als uns letztesmal die Pest aufsuchte, wohnte sie bei einem alten Weibe, das weder einen Hund noch eine Katze hatte; vor diesen Tieren hat nämlich die Pest eine besondere Furcht, ausgenommen, sie wären von jemand mit einem Besen, einem brennenden Holzscheit oder einem Schürhaken geschlagen worden. Nach geraumer Zeit liess sich die Pest durch jemand in ein anderes Dorf tragen, und diese Geschichte trug sich folgendermassen zu:
Es kam einmal an einem Abend ein Wanderer zu derselben alten Frau, um bei ihr über Nacht eine Herberge zu nehmen. Die Pest, die schon im ganzen Dorfe gehörig aufgeräumt hatte, beschloss ihre Reise fortzusetzen, doch da ihr kein Wagen zur Verfügung stand, um darauf zu fahren, befahl sie dem Manne, er müsse sie tragen. Er lud sie sich auf den Rücken und machte sich mit ihr auf den Weg. Nachdem er eine Weile gegangen, fragte ihn die Pest, ob sie ihm schwer scheine. Er verneinte es. Doch, sowie er das Wort aussprach, in demselben Augenblicke machte sie sich schwerer. So richtete sie mehrmals an ihn dieselbe Frage und machte sich jedesmal schwerer, so dass der Ärmste jeden Augenblick umsinken zu müssen glaubte. Die Pest merkte, der Mann könne unter ihrer schweren Last kaum mehr von der Stelle — sie spielte ihm nur deshalb so arg mit, weil er fortwährend sagte, sie falle ihm nicht schwer, er getraute sich eben aus Furcht nicht die Wahrheit zu gestehen — und so forderte sie ihn auf, ein Weilchen Rast zu halten. Kaum war er wiederum ein wenig zu Atem gekommen, so warf sie sich schon wieder auf ihn, damit er sie weiter schleppe. Und wieder fragte sie ihn fast jeden Augenblick, ob sie ihm schwer erscheine. Er verneinte es neuerdings, worauf sie sich allmählich so leicht machte, dass er schon vermeinte, er trage sie überhaupt nicht mehr. So kamen sie endlich in das Dorf, wo ihm die Pest zum Lohn dafür, dass er sie getragen, die Zusicherung gab, sie werde niemand aus seinem Hause hinraffen. Kurze Zeit darauf gelang es den Leuten, die Pest aus dem Dorfe zu vertreiben, sie flüchtete an die Save. Das Wasser war ausgetreten und hatte weit und breit alles überschwemmt, die Pest aber konnte nicht hinüber. Und sie bat einen Fährmann, der die Leute auf seinem Kahne über die Save setzte, er möge sie hinüberfahren, doch wusste sie zu ihrem Leide nicht, dass der Mann unter seinem Pelze einen Hund habe. Der Mann nahm sie ohne weiteres in seinen Kahn auf und fing zu rudern an. Als sie sich nun in der Mitte des Flusses befanden, erwachte der Hund, erblickte die Pest und griff sie unbarmherzig an. Die Pest flehte den Mann an, er möge sie schützen, doch alles umsonst; der Hund setzte ihr so lange zu und zerbiss sie so jämmerlich, bis sie ins Wasser fiel. Mit grosser Müh und Not gewann sie das jenseitige Ufer und drohte ihre Wunden zu rächen, bis alle Hunde verenden. Doch, Gott sei Lob und Dank, das wird nicht so bald geschehen, denn das Hundegeschlecht vermehrt sich von Tag zu Tag immer mehr.
Verwandt mit dieser ist folgende Sage aus Dalmatien [102]:
Einst verhandelte die Pest mit einem Fährmann, der die Überfuhr zwischen dem Küstenland und einer Insel vermittelte, er möge sie allein auf die nahe Insel hinüberfahren, sie werde ihm nicht das Geringste anhaben, falls er aber kein Vertrauen in ihr Wort setze, so könne er ja in die Mitte des Schiffleins Dornen und Wacholdergesträuch legen. Um das Unheil von seinem eigenen Heimwesen abzuwehren, musste der arme Fährmann notgedrungen auf ihren Vorschlag eingehen, legte aber zur Vorsorge in die Mitte des Schiffleins Dornen, Judenstrauch und eine Wacholderstaude. Am Vorderteil liess er die Pest sich setzen, am Hinterteil sass er selber und fing zu rudern an. Als sie sich nun auf hoher See befanden, wollte die treulose Pest den Vertrag brechen, indem sie den Versuch machte, über die Judendornen hinüberzusetzen und den Schiffer anzustecken. Doch sie stach sich gewaltig und schrie aus: »Tukadar bukadar, u Primorje nikadar« [103] und das sollte bedeuten: »Überall einmal, ins Küstenland niemals!«
Von ihrer grossen Erkenntlichkeit meldet eine andere Sage: [104]
Es war einmal ein Bauer, der fuhr einen Juden aus einem Orte in einen anderen und bedang sich von ihm als Fuhrlohn fünf Gulden aus. Der Jude gab ihm drei Rheinische Drangeld und der Bauer liess ihn auf den Wagen steigen. So kamen sie vor die Maut und mussten ein Weilchen dort anhalten. Der Jude erlegte das Mautgeld. Der Abend war schon angebrochen und dem Juden kam plötzlich ein Gedanke. Er forderte nämlich den Bauer auf, ins Mauthaus hineinzugehen und dort um einige Zündhölzchen zu bitten. Arglos stieg der Bauer vom Wagen herab und begab sich zu dem Mautner, um einige Zündhölzchen zu holen. In der Zwischenzeit trieb der Jude die Pferde an und machte sich so mit Pferden und Wagen aus dem Staube. Zwar rief ihm der Bauer nach, er soll nicht davongehen, doch der Jude kehrte sich nicht daran und warf des Bauern Sachen aus dem Wagen heraus. Dieser Bauer war aber mit einer Pest bekannt. Das traf sich nämlich so: Einst fuhr er die Pest von einer Brücke bis zu seinem Hause. Als sie dort anlangten, fragte sie ihn, was er dafür verlange. Nun wusste er nicht, dass dieses Frauenzimmer die Pest sei, und sagte, er verlange gar nichts. Hierauf entgegnete die Pest, er möge sich, wenn er irgendwie in eine Notlage geraten sollte, drei Haare aus dem Kopfe reissen und sie werde gleich zur Stelle sein und ihm Hilfe leisten. Da dachte der Bauer in seiner jetzigen Notlage an die Pest und befolgte ihre Weisung. Sogleich stellte sich die Pest ein, fing den Juden und stellte dem Bauern seine Pferde und seinen Wagen zurück. Den Juden aber, sowie alle übrigen Juden, die in dem Dorfe wohnten, wo des Bauers Häuschen stand, raffte sie schmählich hin.
Man braucht der Pest nicht einmal einen Dienst zu erweisen, um sie gnädig zu stimmen, es genügt mitunter, wenn man ihrer Einladung Folge leistet.
In der Nähe von Pavlovac im Walde hauste einst die Pest. Ein Bauer fuhr auf seinem Wagen allein durch den Wald, da brach die Pest hinter dem Gesträuch hervor, schlachtete den Mann und die Pferde ab, und warf den Wagen in den Graben hinab, so dass der Wagen in Stücke zerfiel. Dann nahm sie die Halfter und die Holzstücke, trug sie zu einem nahen Baume und machte dort ein grosses Feuer an. Als sie einen Mann des Weges kommen sah, rief sie ihm zu: »Gevatter, kommen Sie doch her Fleisch essen. Ich habe eben Mann und Pferde abgeschlachtet, den Wagen zerschlagen und mit den Holzstücken ein Feuer angemacht. Die Halfter habe ich mir aufgehoben.« Hierauf trat der Mann zu ihr hin und sie gab ihm die Halfter. Er wärmte sich nun an ihrer Seite am Feuer, ass mit ihr von dem Fleische des Menschen, den sie abgeschlachtet und kehrte dann heim. Nun würgte die Pest im ganzen Pavlovac alles hin, nur im Hause des letzteren gab es keinen Toten, nicht einmal einen toten Hund oder eine tote Katze.
Am liebsten hält sich die Pest auf Friedhöfen auf, und Wehe dem, der sie plötzlich aufscheucht. Sie rafft ihn ohne Erbarmen hin, ja sie verscharrt ihn sogar sorgfältig, damit sie ihn nicht mehr vor Augen habe. Darauf bezieht sich eine zweite Sage:
Es traf sich einst, dass zu gleicher Zeit, wo die Pest auf dem Friedhofe herumging, ein Mann dort etwas zu tun hatte. Die Pest überfiel den Mann, schlachtete ihn ab und legte ihn ins Grab zu seinen übrigen Anverwandten. Am anderen Tag ging man ihn suchen, doch alles Nachforschen war vergebens. Sein Weib war vor Schmerz ganz aufgelöst und begab sich zuletzt auch auf den Gottesacker ihn suchen. Grab für Grab öffnete sie unter Beihilfe des Oheims und endlich fanden sie den Gesuchten in einem Grabe. Ihr Erstaunen war sehr gross: »Was mag ihn denn hierher geschafft haben?« — Schliesslich sagten sie, es könne nicht anders sein, als die Pest habe ihn erwürgt und hier verscharrt.
Es ist nicht unmöglich, dass ein Meuchelmord die Veranlassung zur Entstehung dieser Sage gebildet. Wie denn überhaupt ruchlose Subjekte zur Zeit einer Pest die Gelegenheit benützen, um zu stehlen und zu plündern. Niemand wagt es abends die Stube zu verlassen, aus Furcht, der Gevatterin zu begegnen. Das ist dann die Wonnezeit der Diebe und Verbrecher. So entstand das Sprichwort: »Er stiehlt wie die Pest.« [105] Zu Epidemiezeiten öffnen galizische Juden nachts die Türe nur, wenn der draussen stehende dreimal geklopft hat. Türen und Fenster hält man nachts geschlossen, öffnet sie aber auch tagsüber wenig. B. W. Schiffer, Am Urquell IV (1893) S. 272.
Mitunter gefällt es der »Gevatterin«, ihren Besuch anzukündigen. Doch es hält schwer, oder es ist gar unmöglich, sie um ihre Beute zu betrügen; davon erzählen folgende zwei Sagen: [106]
Es war einmal ein Messner, der läutete einst am späten Abend »Ave Maria« und gewahrte ein scheussliches Gespenst, das auf dem Berge auf einem Karren gegen ihn zufuhr. Das Gespenst hatte einen Totenkopf auf und ein Kreuz, und ging schnurstracks auf den Mann los. Da ergriff ihn panischer Schrecken und er rannte wie blind dem Dorfe zu, doch das Gespenst holte ihn ein, trat vor ihn und sprach: »Steh still! Sei ausser jeder Furcht, ich bin die Pest, und tu Dir gar nichts an, nur sollst Du Morgen kund machen, dass Du beim »Ave Maria-Läuten« die Pest gesehen, und dass ich erklärt habe, innerhalb fünf Wochen zurückzukehren und dreihundert Seelen dahinzuraffen.« — Mit diesen Worten liess sie ihn stehen. Am nächstfolgenden Tage erzählte der Messner alles haarklein, was er gesehen und gehört. Auf das hin wanderten die Leute aus dem Dorfe aus und kehrten nach Ablauf von fünf Wochen wieder zurück, die Pest aber stellte sich drei Tage später in der sechsten Woche im Dorfe ein. Da kamen die Leute der Reihe nach elendiglich um und im ganzen Dorfe blieben etwa fünf oder sechs Seelen am Leben.
In einem Dorfe trat eine so verheerende Rinderpest auf, dass kaum einem oder keinem ein Rind am Leben blieb. Ein Weib aber hatte zwei Kühe und dachte bei sich: »Am Gescheidtesten ist’s, wenn ich meine Kühe da verkaufe und den Gelderlös aufhebe. Hört die Seuche auf, so kauf ich mir andere Kühe. Warum sollt ich durch meine Kühe solchen Schaden leiden?« Gedacht, getan. Da besuchte sie die Rinderpest in Gestalt einer Frau und sagte: »Gevatterin, wie ich gehört habe, hast Du Deine Kühe verkauft.« — »So ist es, ich hab mich vor der Pest gefürchtet.« Hierauf bemerkte hinterlistigerweise die Pest: »Freilich hast Du die Kühe verkauft, aber der Mann, dem Du sie verkauft, hat Dich betrogen.« — »Das ist doch nicht möglich, er kann mich nicht betrogen haben.« — Doch die Pest behauptete Stein und Bein: »Er hat Dich ganz gewiss betrogen, wenn Du es nicht glaubst, lass uns das Geld nachzählen.« — So liess sich das Weib bereden, das Geld aus dem Kasten herauszunehmen, die Pest überzählte es, verschlang den Erlös von der einen Kuh und sagte zu dem Weibe: »Die eine Kuh hätte ich Dir ohnehin fortgerafft, Du hast sie aber verkauft, dafür habe ich Dir den Erlös verschluckt. Hilf Dir wo du kannst, suche aber nie, Gottes Willen zu durchkreuzen!«
Charakteristisch ist die Auffassung von der Rinderpest. Schon oben aus der Sage vom Pfarrer Vojskec und seinem getreuen Knechte geht hervor, auf welche Weise sie heraufbeschworen werden könne. Zumeist aber sind es alte Bettler (bogci), die aus Rache, dass man sie abgewiesen, die Pest herbeirufen. Die Rinderpest erscheint gewöhnlich in der Gestalt eines Tieres. Tritt die Pest aber z. B. als Schwein oder Ziege auf, so kommen die Schweine und Ziegen um. Das sicherste Merkmal, woran man sie erkennt, ist: 1. dass sie ganz buntgefleckt ist, 2. dass sie nur drei Füsse hat. [107] Ich fand nur zwei Sagen, die davon erzählen. Sie lauten:
In einem Dorfe wütete einmal furchtbar eine Rinderpest. Der Viehstand ging zusehends zu Grunde, denn es gab kein Haus, wo nicht über Nacht ein Stück verendete. Einigen Leuten im Dorfe glückte es, die Pest zu sehen, und zwar gaben sie an, sie hätte die Gestalt eines Hundes. Vorzugweise suchte sie Misthaufen auf, ging daselbst herum und muhte wie eine Kuh. Kam sie in einen Stall, sie suchte eben nur das liebe Vieh heim, so küsste sie dieses oder jenes Stück Rind, und wenn eines von ihr geküsst worden, so war es in der Früh gewiss schon verendet. Die Leute sannen fortwährend nach, wie sie dieses entsetzlichen Ungemachs los und ledig werden könnten, und so stellten sie der Pest auf den Düngerhaufen Milch hin, in der Hoffnung, es könnte dies möglicherweise von Nutzen sein. Und wirklich war das sehr nützlich und vorteilhaft, denn wo sie Milch fand, in dem Hause richtete sie keinen Schaden an. [108]
Diese Pest ging regelmässig zu einem Bauer auf die Herberge. Sie schlief immer auf der Bank am Ofen und sobald ihre Stunde schlug, entfernte sie sich, ohne den geringsten Schaden in diesem Hause angerichtet zu haben.
Einst erblickte jemand die Pest, als sie sich in Gestalt eines Schweines am Ufer eines Flusses gelagert und dort Krebse fing. Sie starrte den Mann gross an, er entsetzte sich gewaltig, und ergriff schleunigst die Flucht, indem er alles, was er mit sich trug, gleich dort von sich wegwarf. Als er nach Haus kam, erzählte er was ihm begegnet, und alle erklärten einstimmig, das sei die Pest gewesen, und zwar die Schweinepest, denn sie hatte ganz das Aussehen eines Schweines. Und wirklich, kurze Zeit darauf gingen plötzlich scharenweise die Schweine in jener Gegend zu Grunde. [109]
Mehr Mährchen als Sage und wieder mehr Fabel im Stile Äsops und Babrios ist das merkwürdige Geschichtchen, das der um die südslavische Volkliteratur unendlich verdiente Vuk Vrčević aus dem Herzogtum aufgezeichnet hat. [110] Es ist nicht sonderbar, dass in dieser Erzählung der gewöhnliche Name der Pest »Kuga« nur einmal vorkommt und dafür fünfmal der fremde »Kolera« eingesetzt ist, denn es ist eine in Asien und Europa allgemein bekannte und in Pestzeiten immer neu aufgefrischte Geschichte. Es scheint aber das Fremdwort doch nicht ganz einheimisch geworden zu sein; denn, wenn die Bauern in der folgenden Erzählung die Pest ansprechen, so bedienen sie sich doch des slavischen Wortes.