Slavische Volkforschungen Abhandlungen über Glauben, Gewohnheitrechte, Sitten, Bräuche und die Guslarenlieder der Südslaven

Part 10

Chapter 103,664 wordsPublic domain

Joseph Hansen, [81] Havelock Ellis [82] und Dr. Iwan Bloch [83] wiesen nach, dass der Hexenglaube seinen Ursprung aus dem Geschlechtleben ableite und dass der Geschlechttrieb allezeit in irgend einer Form mit der Zauberei verknüpft ist. Dieser Teil des Glauben entzieht sich einer Besprechung in diesem Buche, das Leser in den weitesten Kreisen finden soll, aber er bleibt darum nicht ohne Behandlung. Ein breiter Raum in den Anthropophyteia [84] ist ihm ständig gewidmet.

Die unheimlichsten Waldfrauen.

Auf ihren wiederholten unheimlichen Wanderungen hat sich die Pest überall ein trauriges Andenken gesichert. Von der äussersten Spitze Griechenlands und Spaniens, bis weit oben in Island erzählen sich die Völker schauerliche Sagen von der Pest. Grimm und Panzer haben über diesen Sagenkreis der Völker ausführlich gehandelt und dessen viele verwandte Züge hervorgehoben. Es wird aber durchaus nicht notwendig sein, eine Entlehnung bei den einzelnen Völkerstämmen anzunehmen, denn unter gegebenen gleichen Bedingungen mussten notwendigerweise ähnliche Sagen überall entstehen, womit wir aber keineswegs bestreiten, dass überhaupt keine Wanderung der einen oder anderen Anschauung stattgefunden habe, nur hält es unendlich schwer, immer genau zu bestimmen, wieweit das eine oder andere Volk von seinem Nachbar beeinflusst worden sein mag. Wir müssen uns mit einer übersichtlichen Gruppierung des vorhandenen Stoffes und der Erläuterung des zweifellos Feststehenden begnügen. Nur auf diese Weise kann es uns mit der Zeit gelingen, eine Grundlage zu gewinnen, auf der sich dann bei weiterem Zufluss an neuen Belegen historischer Art leicht weiter bauen lassen wird.

Dass die südslavischen Pestsagen ebensowenig als die nächst verwandten rumänischen und griechischen in ein hohes Altertum hinaufreichen, das lehrt uns der erste Blick auf ihren Charakter. Wohl hat sich mancher Zug aus uraltem Heidenglauben in diesen Sagen bis auf unsere Zeit vererbt, ihr eigentlicher Kern aber entwickelte sich erst in den letzten fünf oder sechs Jahrhunderten. Die Pest hatte nachweislich niemals in Europa ihre eigentliche Heimatstätte; man hat sie jedesmal aus Asien oder Afrika eingeschmuggelt. Im klassischen Altertum trat sie nur höchst selten und dies nur sporadisch auf und verschwand ebenso geräuschlos, wie sie gekommen. Als Epidemie grassierte sie zum erstenmal unter der Regierung Justinian’s. Im vierzehnten Jahrhundert ward ganz Europa von der schwarzen Pest heimgesucht. Damals mögen im Süden die ersten Pestsagen entstanden sein. Im Jahre 1453 fiel Konstantinopel unter dem Ansturm der Türken. Hundert Jahre später stand schon die ganze Balkanhalbinsel unter türkischer Botmässigkeit. Die türkische gesundheitliche Sorglosigkeit bürgerte die Pest unter den Südslaven ein. In wehmütigem Tone berichten alte Ragusäer Chroniken von den häufigen Heimsuchungen, denen das Land ausgesetzt gewesen.

Der eigentliche Name für die Pest ist bei den Südslaven »Kuga«. [85]

In Bulgarien nennt man sie gewöhnlich wie im kleinrussischen Gebiet čuma. Morija, die Mordung ist nur ein Beiwort. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Kuga ist dunkel. In der Kmetijske in rokodelske Novice in Laibach versuchte der bekannte slovenische Altertumforscher Davorin Trstenjak in einem kleinen Aufsatze »Besedi ‘Epidemie’ in ‘Kuga’ pred jezikoslovno sodijo« (Jahrg. 1856, p. 86 u. 91) mit unberechtigter Willkür eine Erklärung dieses Wortes. Sein Versuch hatte zwar zur Folge, dass ein ganzer Haufe von Zuschriften über Pestsagen an den Herausgeber J. Bleiweiss eingesandt wurde. Neues Licht über die Bedeutung des Wortes lieferten freilich auch diese Zuschriften nicht, selbst die Sagen sind auch anderweitig bekannt und man kann daher ruhig von diesen Äusserungen Umgang nehmen. Weitere Aufsätze über die südslavischen Sagen sind meines Wissens nie geschrieben, zum mindesten nicht veröffentlicht worden. Was ich im folgenden biete, schöpfe ich teils aus eignen Ermittelungen, teils aus verschiedenen Quellen, die ich jedesmal angebe.

I. Die Pest im Sprichwort.

Kupi kao kuga djecu. Ne izbiva kao kuga iz Sarajeva. Kud će kuga već u Sarajevo?

Rafft wie die Pest die Kinder. Fehlt nicht (d. h. stellt sich pünktlich jedesmal ein) wie die Pest in Sarajevo. Wohin wendet sich die Pest als nach Sarajevo.

Aus letzteren zwei Sprichwörtern ersieht man, dass sich das Volk vollkommen bewusst ist, wer der eigentliche Einschlepper der Pest sei. Wenn einer besonders entsetzt tut, so pflegt man in Slavonien zu fragen: »Šta ti je? jesi l tursku kugu vidio?« (Was fehlt Dir? Hast Du die türkische Pest gesehen?)

Ne će kuga u buhe, Die Pest überfällt die Flöhe nicht,

sagt zuweilen scherzweise der slavonische Bauer für die gewöhnlichere Redewendung: »ne će grom u koprive« (der Blitz schlägt nicht in Brennnesseln ein). Unwillkürlich denkt man hierbei an das Horazsche »Petunt fulmina summa montium«, was vielleicht gleichfalls auf eine volktümliche Ausdruckweise zurückzuführen sein dürfte.

Ne bi jih ni kuga pomorila. Nicht einmal die Pest könnte sie (alle) hinraffen,

sagt der slavonische Bauer, wenn er ein Übel verwünscht, das er gern missen möchte, z. B. Heuschrecken, Raupen, Fliegen, die ihm lästig fallen.

Ne bi se čovjek ni okužio, (Daran) könnte ein Mensch nicht einmal pestkrank werden,

pflegt man einem Gast beispielweise zu sagen, wenn er wenig Speise und Trank zu sich nimmt und so den gastfreundlichen Hausherrn kränkt. Er isst nämlich so wenig, dass es ihm nicht einmal in dem Falle schaden würde, wenn die Speisen verpestet wären. [86]

Biži Rade, kuga mori! Fliehe Rade, die Pest würgt!

Wie mir im Jahre 1869 mein damaliger Lehrer, später Gymnasialdirektor in Essek, Herr Mato Gršković, erzählte, ist dies im chrowotischen Küstenlande ein geflügeltes Wort, das man gebraucht, wenn man irgend eine schlechte und unrichtige Erklärung lächerlich machen will. Folgende Anekdote liegt ihm zu Grunde. Pera und Rade, zwei tapfere chrowotische Grenzsoldaten, die kein Wort Italienisch verstanden, ergingen sich einmal im Jahre 1848 durch die Strassen Mailands. Da kam ihnen ein Grünzeugverkäufer entgegengerannt, der auf seinem Karren Hülsenfrüchte, Rettiche und Gurken feilbot und fortwährend aus voller Kehle schrie: »Bizi, rade, cucomeri!« — »Möchte gerne wissen, was der Mensch so furchtbar schreit,« sagte Rade, und Pera entgegnete: »Er spricht ja doch ganz verständlich: »Biži Rade, kuga mori!«« Da aber rannte Rade.

II. Die Pest in der Sage.

In Serbien spricht man in Zeiten, wo die Pest wütet, nur selten und mit Scheu ihren Namen »Kuga« aus, sondern nennt sie, gewissermassen um sie zu besänftigen und ihren Sinn milder zu stimmen »Kuma«, d. h. Godin oder Gevatterin. Ein anderer Name für die Pest ist ‘morija’, [87] die Mordung, die Mörderin. In Pestzeiten verbietet der Volkglaube, dass man über Nacht das Geschirr ungewaschen stehen lasse; denn die Pest kommt nachts ins Haus und sieht nach, ob alles rein sei; findet sie’s aber nicht rein, so zerkratzt sie die Löffel und Schüsseln und vergiftet sie. Personifiziert und in einem Druckwerk tritt uns, meines Wissens, die Pest bei den Südslaven zum erstenmal in einem Sendschreiben des dalmatischen Dichters Krunoslav Ivičević an seinen Freund P. G. Vinko Cima entgegen. Ich gebe hier die Stelle im Urtext und füge eine ziemlich getreue Übersetzung in Versen hinzu.

Gospodnjimi dojde mačonoša, A šnjim žena.... u njoj sreća loša; Crna kosa holo zarugjena; Mutno čelo, tisno i lakomo; Mačije oči, razbludna pogleda; Oštar nosić, pun zmijinja jeda. Široka joj proždorita usta; Žuto lice, nenavidno, suho; Od ljenosti podavite ruke, Zagalila suvokustne šljuke. Razgledav ju, velim sam u sebi: »Nu ti žene sedam smrtnih grjeha...!« Znatiželjan ja pitam joj druga: »Ko je ova?« Odgovara: »Kuga!«...

Und es naht der Engel mit dem Schwerte, Und ein Unglückweib ist sein Gefährte. Schwarz das Haar, in wirr zerzausten Zoten Finster, schmal die Stirn, sie starrt von Habgier, Katzenäugig, Lüsternheit im Blicke, Spitz die Nase, voll von Schlangentücke. Aufgesperrt der nimmersatte Rachen, Gelb das Antlitz, voll von Neid und trocken, Träge hängen ihr die Hände nieder Ganz entblösst sind ihre dürren Glieder. Sie betrachtend, sprach zu mir ich leise: »Welch ein Weib! Wie sieben Todessünden!« Neubegierig fragt’ ich den Geleiter: »Wer ist dies?« — »Die Pest.« — Ich forscht’ nicht weiter.

Das Gesicht der Pest ist vom Krebs ganz zerfressen, drum sucht sie es auch immer mit einem weissen oder schwarzen Schleier zu verhüllen. Ihre Gestalt wird stets als übermenschlich gross und mager geschildert. Ihre Brüste sind ganz schwarz und so lang, dass sie sich beide über die Schultern wirft, um nicht im Gehen durch sie behindert zu werden. [88] Grosse lange Brüste gelten dem Serben als Inbegriff aller Hässlichkeit bei einem Weibe. In Bezug auf das Aussehen ihrer Füsse gehen die Überlieferungen auseinander. Die einen melden, sie habe einen Kuhfuss, die andern einen Pferdefuss, in anderen dagegen heisst es, dass beide Füsse Pferdefüsse seien, wieder andere Zeugen aber wollen ganz deutlich Bockbeine bei ihr gesehen haben. Die Bockfüsse, welche die christliche Kirche dem Teufel beigibt, sind wie bekannt, der altgriechischen Vorstellung von den Satyren entlehnt. Am Graben in Wien steht eine Pestsäule, auf der der Engel Gabriel mit flammendem Schwerte auf einem Teufel steht. Ich betrachtete oft die Gestalt des unterliegenden Satans und es schien mir nicht anders, als ob die Südslaven so ein Bild vor Augen gehabt hätten, als sie sich die Pest ausmalten. Und wirklich sah ich in vielen Dorfkirchen im Süden Darstellungen, die der gedachten Gruppe an der Pestsäule in Wien vollkommmen entsprechen.

Wenn die Pest ins Land kommt, so kann sie nicht ohne weiteres über die Menschen herfallen, sondern muss so lange umherirren, bis sie jemand trifft, der zwanzig Jahre lang eine Todsünde im Herzen verborgen mit sich herumträgt und es noch immer verschmäht hat, durch Beichte Absolution zu erlangen. Gelingt es ihr nun, auf einen solchen verstockten Sünder zu stossen, so reisst sie ihm das Herz heraus verwandelt es zu Staub, der sofort nach allen Richtungen in die Luft zerstiebt. Jedermann der von diesem Staube einatmet, wird auf der Stelle krank und stirbt elendiglich in kürzester Frist. Die Pest nährt sich von den Herzen ihrer Opfer. Hat sie einmal ihren Hunger gesättigt, so zieht sie den Rest des Staubes, der sich noch in der Luft befindet, in sich ein. Infolgedessen muss sie platzen. Aus ihrem Magen tritt ein Knabe heraus, ganz in Schwarz gehüllt. Dieser Knabe hält in der Rechten ein blutiges Schwert. Hierauf schliesst sich die Öffnung im Körper der Pest und sie wandert (aus Furcht vor dem Knaben mit dem Schwerte?) in eine ganz andere Gegend aus. [89]

Nach einer chrowotischen Sage macht die Pest jedes siebente Jahr eine Rundreise durch die Welt. Hier ist, sowie in einer später folgenden Sage das Auftreten der Zahl Sieben bemerkenswert, die ja nicht nur bei den Südslaven, sondern bei vielen Völkern eine grosse Rolle spielt.

Es gibt nicht bloss eine Pest, sondern mehrere, entweder sind es ihrer zwei oder drei, oder gar sieben Schwestern, wie mir ein Bauer vor Jahren erzählte. Dagegen nimmt man in Serbien an, ihre Zahl sei gar nicht zu bestimmen, denn sonst wären sie schon längst von den Hunden, ihren Erbfeinden, gänzlich vertilgt worden. Die Pest kommt nämlich alljährlich ins Land, nach Angabe eines meiner Freunde in Slavonien, doch, den Hunden sei es gedankt, muss sie sich schleunig wieder aus dem Staube machen oder sie wird von den Hunden zerrissen. Ja es gibt auch Menschen, die durch böse Beschwörungen die Pest herbeirufen können. Man kann sie aber auch gewissermassen sowohl für Menschen als für Tiere erzeugen. Das Rezept dazu lautet:

»Wer die Pest erzeugen will, muss sich die Milch von zweien Schwestern zu verschaffen suchen und sich damit in der Johannisnacht um die zwölfte Stunde auf den Friedhof begeben, die Milch in ein Grab schütten und dann zuhorchen; da wird ein Jammergeschrei von vielen Menschenstimmen an sein Ohr dringen. So erzeugt man die Pest für Menschen; wer aber eine Pest über Kühe, Pferde und andere Haustiere heraufbeschwören will, nehme Milch von zweien Kühen, die von einer Mutter stammen, oder von zweien Stuten von einer Mutter, mache es ebenso wie zuvor gesagt, und er wird ein furchtbares Rindergebrülle vernehmen.« — (Die Sage stammt aus der Gegend von Warasdin.)

Wie tief dieser Glaube im Volke wurzelt, beweist folgende Erzählung:

Es geht die Sage, dass in der Kapelle des heiligen Rochus in Warasdin ein Pfarrer namens Vojskec begraben sei, der bei Nacht umgeht und die Leute in Schrecken versetzt, die an der Kapelle vorbeigehen. Vojskec war bei Lebzeiten ein hartherziger Mann, der mit ganzer Seele am Mammon hing. Die Pest war zur Zeit nur schwach. Er betete aber fortwährend um die Pest, ohne zu bedenken, sie könnte ihn gleichfalls dahinraffen. Während er einmal wieder darüber nachsann, kam zu ihm ein Weib, das erst aus dem Wochenbett aufgestanden, und bat ihn um seinen Segen, damit sie wiederum die Kirche besuchen dürfe. Der Pfarrer, der sich in seinen Gedanken nur mit der Pest beschäftigte, ersuchte sie, sie möge ihm von ihrer Milch geben. Das Weib wollte es nicht tun, denn sie schämte sich und befürchtete, der Pfarrer könnte Gott weiss was für Ungebührlichkeit damit anfangen, sagte ihm aber zu, sobald sie nach Hause käme, ihm die Milch zu schicken. Sobald sie nach Hause kam, schickte sie ihm statt Milch aus ihren Brüsten, Kuhmilch. Vojskec war höchst vergnügt, dass er im Besitze der Milch war, und befahl seinem Knechte, der sich von der Art seines Herrn, für ein Gläschen Wein oder auch um einige Gröschlein jedem Dienste unterzog, er solle sich um Mitternacht auf den Gottesacker begeben, ein Kreuz von einem Grabe herausnehmen, in die kleine Öffnung die Milch hineingiessen, das Kreuz wieder an seinen Ort stecken und eine kleine Weile zuhorchen. [90] Der Knecht befolgte pünktlichst die Weisung des Pfarrers und horchte zu, doch statt Gewimmers und Klagen drang ein furchtbares Rindergebrüll an sein Ohr. Darüber ergriff ihn Entsetzen, und ganz ausser sich geraten stürzte er nach Hause und erzählte dem Pfarrer, was er gehört. Der Pfarrer wusste sogleich, das Weib habe ihn hinters Licht geführt und es werde ein grosses Unheil daraus entstehen. So traf es auch wirklich ein. In kurzer Zeit brach in der ganzen Stadt eine so verheerende Seuche aus, dass nicht ein einziges Stück Hornvieh übrig blieb. — Hingegen gibt es Leute, die da behaupten, auf der Trift draussen seien dennoch einige Stücke übriggeblieben; sie wollen nämlich ein schneeweisses Tier, in der Grösse eines kleines Kalbes, zur Nachtzeit herumlaufen gesehen haben, das war die Pest. Wer nun so vorsichtig war, auf eine Schaufel Salz zu geben und sie unter die Stallschwelle zu legen, dem verendete nicht ein einziges Stück Rind. Doch man erfuhr viel zu spät von diesem Gegenmittel. — Nicht lange darauf starb der Pfarrer und man bestattete ihn in der Rochus-Kapelle. Wanderer, die zur Nachtzeit dort vorübergingen, sahen den Pfarrer um die Kirche herumlaufen und mit einer Peitsche knallen. — Es traf sich, dass ein Mann aus Warasdin zur Nachtzeit in das nahe Dorf Biškupec ging. Vor der Kapelle des heiligen Rochus sah er eine Kutsche, vor der vier Pferde vorgespannt waren. Der Kutscher rief dem Manne zu, er möge einsteigen, er wolle ihn ein Stück Weges fahren. Der Mann nahm diesen schönen Antrag von Herzen gern an und stieg ein. Auf dem Wege sprachen sie kein Wort miteinander; auf dem Kreuzweg aber, wo der Weg nach Biškupec führt, hielt der Kutscher an, hiess den Mann aussteigen und fragte ihn, ob er die Pferde kenne. Der Mann entgegnete ihm, er kenne sie nicht und der Kutscher gab ihm die Namen der Pferde an und nannte unter ihnen auch den Pfarrer Vojskec. Darüber entsetzte sich der Mann, blickte dem forteilenden Wagen nach und sah Kutsche und Pferde im Feuer. Jetzt erst erkannte er, er sei auf einem Teufelgespann gefahren. Als er nach Hause kam, war er vor Schreck ganz gelähmt und mehr tot als lebendig.

So reich und gesegnet von Mutter Natur der slavische Süden auch ist, geschah es dennoch in früheren Zeiten, als der Anbau der Kartoffeln und des Maises noch nicht allgemein war, dass wütende Hungernot das Land von seinen Bewohnern lichtete. Die natürliche Folge davon war, dass sich die Pest einstellte. So einen Fall bezeugt folgende Sage:

In Warasdin wütete einst eine so grosse Hungernot, dass sich arme Leute gezwungen sahen, Grummet zu kochen und es zu essen. In folgedessen entstand eine furchtbar verheerende Pest in der ganzen Gegend und in Agram selbst und schon waren mehr als tausend Menschen gestorben. Der Gottesacker erwies sich zu klein für die Menge Leichen und man begrub die Toten um die Kirchen herum und unter anderen auch bei der Kapelle des heiligen Fabianus, wo man hundert Menschen bestattete. Lange Zeit nach dieser Pest zeigte sich den Leuten, wenn sie an der Kapelle des heiligen Fabianus vorübergingen, an Charfreitagen und Charsamstagen, sowie an allen grösseren Feiertagen, auf dem Turmfenster ein Kind, das hin und wieder ein Wort ausstiess, das aber für niemand verständlich war. In später Nachtzeit sahen es auch die alten Leute, die in der Nähe der Kapelle ihre Rinder weideten. — Kurze Zeit darauf brach eine schreckliche Rinderpest in Warasdin aus. Zur Zeit der Seuche schwirrte nächtlicher Weile ein Vogel durch die Lüfte und liess einen wunderbaren Gesang vernehmen. Diesen Gesang verstand ein alter Mann und teilte den Leuten mit, der Vogel verkünde, auf welche Art und Weise man sich von der Heimsuchung befreien könne. Man müsse nämlich als Gegenmittel jungen Zwiebel (poriluk) und Pigmentkraut (travu pigmant) in Anwendung bringen. Gewöhnlich sucht man die Pest durch brennende Wacholderzweige zu bannen. [91]

Die folgende Sage über die Abstammung der Pest trägt einen christlich legendenhaften Charakter an sich. Das Geburtland der Pestschwestern hat das Meer verschlungen und unstät irren die Schwestern gleich drei Furien von Erdteil zu Erdteil, bis sich ihr Schicksal erfüllt. [92]

Es war einmal ein ausserordentlich reicher König, nur hatte er gar keine Kinder. Siebenmal verheiratete er sich und mit jeder Frau lebte er sieben Jahre, doch keine dieser Ehen war mit Nachkommenschaft gesegnet. Sobald sieben Jahre in der Ehe mit einer Frau verstrichen, ohne dass sie ein Kind gebar, liess er sie ohne weiteres hinrichten. Zuletzt gab er jeden Gedanken an eine neue Ehe auf, denn kein Frauenzimmer mehr mochte ihn zum Manne haben. Nun geschah es, dass er sich einmal auf der Jagd im Walde verirrte und bei dieser Gelegenheit ein Frauenzimmer fand. Mit ihr lebte er drei Jahre und zeugte mit ihr drei Töchter, doch alle drei Töchter kamen mit Bockfüssen zur Welt. Als die Mädchen erwachsen waren, gestand ihre Mutter dem König, sie sei der Teufel selbst, gestand’s und verschwand. Als dies der König nun erfuhr, sperrte er alle seine drei Töchter ins Gefängnis ein, wo sie die längste Zeit eingesperrt sassen. Da traf es sich, dass sich ein vorwitziger Mensch (ein Hofmann bei Ilić), im Glauben, die Mädchen seien wer weiss wie schön, auf irgend eine Art die Schlüssel zum Gefängnis verschaffte und die Mädchen freiliess. Sie ergriffen sogleich die Flucht und fingen an, überall die Menschen hinzuraffen. Es währte nicht lange und es gelangte die Kunde zu des Kaisers Ohren, die Pest wüte in seinem ganzen Reiche. Er liess sogleich alle Ärzte, die grössten Gelehrten kommen, damit sie sein Volk von der Plage befreiten, doch alle Mühe war vergebens, denn die Leute starben ununterbrochen Tag für Tag hin, so dass zuletzt der König allein am Leben blieb, und um das Strafgericht vollends über ihn hereinbrechen zu lassen, versank sein ganzes Reich in die Erde, und wo sich sein Reich befand, dehnt sich jetzt ein weites Meer aus. Seine drei Töchter aber begaben sich in drei verschiedene Weltteile, um dort zu morden. Weil es aber fünf Weltteile gibt, deshalb wechseln die Schwestern im Besuch der anderen zwei Weltteile ab. Doch sollte es sich durch einen Zufall fügen, dass diese drei Schwestern zusammenkommen, so wird sich unter ihnen ein Kampf entspinnen, in dem alle drei umkommen werden.

Dieselbe Sage kehrt in einem Volkliede wieder, das zwar in einem slavonischen Dörfchen, in Migalovci bei Požega aufgezeichnet wurde, [93] wie aber aus seinem Inhalte erhellt, aus Bosnien stammt.

»Sarajevo, o du Horst der Falken! Sarajevo, deine Spur verschwinde! In dir starben mir drei Herzensgüter. Erstes Gut: die alte, teure Mutter, Die mich Jungen zärtlich auferzogen, Auferzogen, an der Brust gesogen. Zweites Gut: der waffentücht’ge Bruder, Mit dem ich das Waffenhandwerk lernte, Und das dritte: Liebchen Angelika, Die mir schön zurecht die Kissen legte. Möge Gott und auch die heilge Sonntag, Und Sankt Petrus und Johann der Täufer, Über dich ein böses Unheil schicken, Dass in dir kein Liebchen je heirate, Je heirate und kein Bursche freie! In dir soll kein Kind geboren werden, Noch in Mutterarmen Tränen weinen. In dir haust ein Drachentier dreiköpfig, Mit drei Köpfen und mit Ziegenfüssen.« Doch erwidern ihm die Bulen Saraj’s [94] Sie erwidern ihm, dem fremden Kämpen: »Steh ein Gott dir bei, o fremder Kämpe! Was verfluchst du ’s eb’ne Sarajevo, Dass in ihm kein Liebchen je heirate, Je heirate und kein Bursche freie, Und darin kein Kind geboren werde, Noch in Mutterarmen Tränen weine, Weil da haust ein Drachentier dreiköpfig, Wohl dreiköpfig und mit Ziegenfüssen? Dies ist wohl kein Drachentier dreiköpfig, Mit drei Köpfen und mit Ziegenfüssen, Wohl kein Drache ist’s, o fremder Kämpe! Doch die Pest ist’s; ihre Spur verschwinde, Und auch Jenes, der sie freigelassen Aus des mächt’gen Kaisers Burgverliesse, Dass sie Dorf und Stadt uns arg verwüste, Und vom Liebchen trenne den Geliebten!«

Wie aus einem anderen Volkliede erhellt, wird die Pest von Gott selbst ausgesandt. Sie wandert in Frauengestalt von Ort zu Ort und mordet die Menschen hin. Vor ihr nützt auch die Flucht nichts. Das Volklied stammt aus dem Herzogtum [95] und lautet:

Als die Pest [96] ganz Mostar hingemordet, Ganz gemordet, kam sie auch nach Travnik. Aus den Städten flohen alle Menschen. Mit der Mutter flüchtete Mariechen, Flüchtete sich auf die Vlašić-Alpe.

Oft ergeht sich Mara auf dem Vlašić, Schaut nach Travnik in das grause Elend, Wo man fort und fort die Toten austrägt, Wo an Fahnen Fahnen traurig wehen, Lauter Helden unter Heeresfahne, Junge Frauen mit dem Witwenschleier, Lauter Mädchen unter Perlenzweigen.

Als die Pest nun zu der Alp’ gelangte, Traf sie Mara an der kühlen Quelle. »Steh dir Gott, Mariechen, bei, du Mädchen!« — »Gott gesegn’s meine liebe Muhme!« Gab die Pest, von Gott gesandt, zur Antwort: »Wohl bin ich dir keine liebe Muhme, Sondern bin die Pest, von Gott entsendet; Morde hin, so Jugend wie das Alter, Und vom Liebchen trenn ich den Geliebten.«

Da nun hub Mariechen an zu flehen: — »Tu mich junges Blut doch nicht ermorden, Schon auch meinen Liebsten in der Ferne!« Gab die Pest, von Gott gesandt, zur Antwort: »Hab den Liebsten dir schon längst gemordet, Längst gemordet, d’ran schon fast vergessen.«

Als Mariechen dies vernahm, das Mädchen, Sank sie leblos hin ins kühle Wasser.