Slavische Volkforschungen Abhandlungen über Glauben, Gewohnheitrechte, Sitten, Bräuche und die Guslarenlieder der Südslaven

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SLAVISCHE VOLKFORSCHUNGEN

Abhandlungen über Glauben, Gewohnheitrechte, Sitten, Bräuche und die Guslarenlieder der Südslaven

Vorwiegend auf Grund eigener Erhebungen von Dr. Friedrich S. Krauss.

Verlag von Wilhelm Heims Leipzig 1908.

Alle Rechte vorbehalten.

Herrn Prof. Dr. KARL von den STEINEN zugeeignet von KRAUSS.

STEGLITZ-Berlin, 1 Friedrichstraße, 31. August 07.

Sehr verehrter Herr Krauss!

Sie wollen einem Ethnologen, und zwar einem »Amerika- und Südseereisenden«, der sich bei den nackten und wilden Kindern der Tropen am wohlsten gefühlt hat, Ihre »Slavischen Volkforschungen« widmen? seinen Namen in ehrender Form mit dem Werk über ein Gebiet verknüpfen, auf welchem Sie der anerkannte Meister sind und er in völliger Unwissenheit befangen ist? Ich könnte mich dabei beruhigen, daß symbolische Handlungen unter Kulturmenschen sinnlos sein dürfen. Aber glücklicherweise ist das Trennende zwischen unseren Berufen nur Schein — zumal in Anbetracht der Entstehungsgeschichte dieses Buches. Die prächtigen Guslarenlieder und ein großer Teil der Aufzeichnungen, die jetzt endlich in einem gewichtigen Bande herausgegeben werden sollen, stellen Sammlungen dar, die Sie als junger, gänzlich mittelloser Mann mit unglaublich zäher Arbeit und unter den schwierigsten äußeren Bedingungen geborgen haben: Sie haben bei dem Wandern unter Ihren Südslaven nach Lage der Dinge damals keine geringeren materiellen Entbehrungen erlitten und sind zweifellos von keinem geringeren wissenschaftlichen Idealismus getragen worden als der vortrefflichste Forschungsreisende in irgend einem fremden Erdteil! Auch in dem einen kennzeichnenden Punkt halten Sie den Vergleich mit den echten Pfadsuchern unbekannter Länderstriche aus, daß Sie sich Ihre Aufgabe selber geschaffen haben: Sie erkannten den hohen Wert eindringlichster volkskundlicher Erhebungen im Dunstkreis der europäischen Kultur zu einer Zeit, als die berufenen Würdenträger der südslavischen Gelehrsamkeit noch keine Ahnung hatten von den Schätzen, die sie umgaben.

Aber die wichtigere Übereinstimmung, die ich gegenüber Ihrem Anerbieten empfinde, liegt in dem Objekt der Forschung. Wie Vieles ist in dem letzten Vierteljahrhundert, seit Sie den Klängen der Guslen nachgingen, zur Klarheit gediehen! Was von führenden Geistern theoretisch bereits formuliert war, was aber durch induktive Beweise erhärtet werden mußte und durch Beweise in endloser Fülle mit immer neuen Überraschungen von allen Ecken und Enden der Welt erst in dieser Periode erhärtet worden ist, die Wesensgleichheit der Volkskunde und der Völkerkunde — sie ist heute ein selbstverständlicher Satz geworden. Das psychologische Verständnis von Sitte und Brauch und aller sozialen Tradition fließt aus denselben überreichen Quellen auf den Höhen und in den Niederungen der Menschheit. Die künstliche Scheidewand zwischen geschichtlichen und geschichtlosen Völkern ist nicht mehr zu halten. Ja, ich gestehe, nicht ohne Neid und Furcht betrachte ich den wachsenden Aufschwung folkloristischer und verwandter Untersuchungen. Es scheint nicht ausgeschlossen, daß die mit so vielen feineren und zuverlässigeren Mitteln der sprachlichen und historischen Analyse ausgestattete Wissenschaft, die von unseren komplizierten Formen aus rückschließend die Anfänge zu erkennen strebt, in der Erklärung selbst des primitiven Denkens einst noch einmal die Ethnologie überflügelt, die heute leider immer und immer noch vor dem Problem versagt, ob ein einfaches Erzeugnis mit Sicherheit — und an der Sicherheit hängt alles! — den Ursprung oder die Verarmung bedeutet. Vorläufig aber wollen wir uns freuen, daß wir uns als enge Fachgenossen fühlen, mögen wir nun hier bei unseren Kulturnationen in die tieferen Schichten graben oder fern bei einem Wildstamm den gegenwärtigen Horizont festlegen. Dieselben Gesetze, dieselben Phänomene, und, trotz Bastian, vielleicht auch die Kontinuität, gegen die wir uns noch sträuben! In diesem Sinne kann ich die Patenschaft annehmen und danke ich Ihnen herzlichst.

Ihr ergebener

Karl von den Steinen.

INHALT.

Seite

I. Zur Einführung. Ansätze zu einem moslimisch-slavischen Schrifttum. — Einflüsse des türkischen auf das slavische Volktum. — Probestücke aus der handschriftlichen Literatur bosnischer Moslimen 1

I. Abteilung.

II. Hexen 31 III. Die unheimlichsten Waldfrauen 87 IV. Rückkehrende Seelen 110 V. Der Vampir 124 VI. Der Werwolf 137 VII. Die Mar 145 VIII. Menschenfleischessen 155 IX. Liebezauber 164

II. Abteilung.

X. Guslarenlieder. Zur Einführung 177 XI. Vom wunderbaren Guslarengedächtnis 183 XII. Džanüms Heerzug 190 XIII. Rákóczy’s Fall 225 XIV. Wie Mohammed Köprülü Vezier geworden 252 XV. Die Russen vor Wien 277 XVI. Die Mutter der Jugović 287 XVII. Novak der Heldengreis 292 XVIII. Die Milchbrüder 306 XIX. Wolf Feuerdrache 332 XX. Der Yoga-Schlaf 335 XXI. Die Menschwerdung des hl. Panteleimon 349 XXII. Echte und unechte Vilenkinder 352 XXIII. Ein Heldengemetzel 361 XXIV. Von einer Vila Zöllnerin 365 XXV. Vilenpfeile (Drei Guslarenlieder) 371 XXVI. Das Heldenfräulein und die Blockhausvilen 384 XXVII. Wie Vilen Ibrâhim Nukić heilten 394

Schlagwörterverzeichnis 405

ZUR EINFÜHRUNG.

Ansätze zu einem moslimisch-slavischen Schrifttum. — Einflüsse des türkischen auf das slavische Volktum. — Probestücke aus der handschriftlichen Literatur bosnischer Moslimen.

Wir wollen einige merkwürdige Proben des orientalisch-slavischen Schrifttums vorlegen, das sich in Bosnien und dem Herzoglande bei den moslimischen Slaven entwickelt hat. Es sind dies Erzeugnisse einer gar bescheiden auftretenden Kunstdichtung, wo die Kunst keine besondere Dichtung und die Dichtung keine erhebliche Kunst zeigt. Die Kunstdichtung gehört eigentlich nicht zur Ethnographie, sondern, wie es sich von selbst versteht, hauptsächlich zur schöngeistigen Literatur und will vornehmlich vom Standpunkte des Ästhetikers aus betrachtet werden. Das gilt aber im allgemeinen von jeder literarischen Schöpfung, im einzelnen können doch noch immer andere Gesichtpunkte zur Geltung kommen. So muss z. B. gegebenenfalls der Ethnograph die allerersten Ansätze zu einer Kunstliteratur, wo noch immer die Individualität des schaffenden Dichters soferne unter der Menge verschwindet, als sein geistiges Eigentum als blosser Ausdruck des Fühlens und Denkens der breiten Menge angesehen werden kann, ganz gewiss in den Kreis seiner Betrachtungen ziehen. Ein literarisch gebildeter Dichter kann ins Volk hinabsteigen oder das Volk zu sich emporheben, je nachdem er die Gabe besitzt, auf die Menge nachhaltig einzuwirken. Erst die für einen beschränkteren Kreis des Volkes berechnete literarische Produktion, die, um verstanden zu werden, beim Zuhörer oder Leser eine nicht ganz alltägliche Auffassung und Bildung zur Voraussetzung hat, soll man füglich der Kunstdichtung beizählen.

So legt die Kunstdichtung mittelbar dafür Zeugnis ab, dass in gewissen gesellschaftlich bevorzugten Kreisen die lebendige Volküberlieferung nicht mehr ausreiche, um das erwachte Bedürfnis nach geistiger Nahrung zu befriedigen. Die Kunstdichtung mag, z. B. wie bei den Hebräern des Altertums und den Hellenen, auf heimatlichem Boden unter günstigen Umständen in Anlehnung an die Volküberlieferungen der illiteraten Menge entstanden oder als ein Reisschössling aus der Fremde importiert worden sein. Im ersteren Falle muss auch der Kunstliteratur ein ungleich höherer, ethnographisch relativer Wert innewohnen, als im letzteren, denn sie wird ihm mitunter wohl recht schätzbare Aufschlüsse über das Volktum bieten. Die aus der Fremde verpflanzte Literatur verleugnet dagegen höchst selten ganz ihren ursprünglichen fremden Charakter; sie zu durchforschen wird für den Ethnographen nur soweit von Belang sein, als er aus solchem Schrifttum beiläufig entnehmen kann, in welcher Form und in welcher Art ein Volkgeist dem anderen sich anbequemt, wie ein Volk die Gedanken eines anderen Volkes geistig zu verarbeiten vermocht hat.

Die Kunstliteratur der moslimischen Slaven Bosniens und des Herzoglandes besteht vorwiegend aus importierten und in slavischer Sprache nachgebildeten türkischen und arabischen Geisterzeugnissen. Es ist gewiss nicht wenig anregend, den Grundursachen nachzuspüren, die die Entwicklung einer orientalisch-slavischen Literatur bei den Südslaven begünstigt haben. Die Erscheinung ist ethnographisch um so auffälliger und bemerkenswerter, als die Südslaven sich nicht bloss einer alten klösterlichen Literatur, sondern auch einer überaus reichhaltigen, sagen wir gleich, einer wunderbar herrlichen epischen Volküberlieferung, der Guslarenlieder, berühmen können.

Kurz mag man die Frage so stellen: Wiefern sind die Südslaven, die älteren Bewohner des Balkans, in ihrer geistigen Entwicklung von den späteren Nachkömmlingen, von ihren Herren, den Türken, bestimmt worden?

Über vierhundert Jahre lang herrschte der Halbmond über das weit ausgedehnte, von Natur aus so eigentümlich gestaltete Gebiet der Balkan-Halbinsel. Hier suchten die Türken festen Fuss zu fassen, weil sie vom Balkan aus die vitalen Interessen ihres Reiches Westeuropa gegenüber am erfolgreichsten verteidigen konnten. Der innige Kontakt zwischen so verschieden gearteten Völkerschaften, wie die Türken und Slaven, musste einen Verschmelzungprozess hervorrufen. Es fällt nicht leicht, einen klaren Einblick darein zu gewinnen, weil es noch an einschlägigen Vorarbeiten sehr gebricht.

Zur Zeit als die ersten türkischen Kriegerscharen die kleinasiatischen Besitzungen des oströmischen Kaiserreiches zu bedrängen anfingen, war der bulgarische Staat innerlich zerfallen, das serbische Reich stand erschöpft und geschwächt da, das bosnische lag, durch jahrhundertelange heftige Religionkriege aufgerieben, förmlich in den letzten Zügen, das halbmythische chrowotische endlich war schon längst zum Anhängsel Ungarns geworden.

Unter dem Drucke einer unproduktiven, geistertötenden spätgriechischen Kultur, hart bedrängt von der griechisch-orientalischen und von der römischen Kirche, hatte sich der südslavische Grund- und Lehenadel zumeist zum Bogomilentum geflüchtet. Es scheint, als ob die Lehre Bogomils ihren Anhängern die meisten persönlichen Freiheiten gewährt habe. Die Ursprünge dieser Sekte dürften im Arianismus zu suchen sein. Sehr häufig standen in Religionstreitigkeiten und Angelegenheiten Adel und König in einander entgegengesetzten Lagern. Das Bogomilentum hatte die jungen südslavischen Staatenbildungen in ihren Grundvesten zerfugt, indem es die breite Menge des Volkes in wahnwitzvolle Religionhetzen hineingetrieben. Delirant reges, plectuntur Achivi. Kriege mit auswärtigen Feinden haben fast immer zur kräftigeren Ausbildung der Individualität des obsiegenden Volkes beigetragen; mitunter haben selbst erlittene Niederlagen ein Volk zur höchsten Ausnützung und Betätigung der in ihm schlummernden Kräfte genötigt; die Flamme von Bürgerkriegen aber, zumal derjenigen, die religiöser Fanatismus auflodern lässt, die zehrt Mark und Bein des Volkes auf. Der grösste Sieg bleibt stets ein Pyrrhussieg.

Solcher düsterer Siege hatte das vortürkische Südslaventum an allen Ecken und Enden, am meisten in Bosnien, aufzuweisen. So mochte den Bošnjaken der Türke als ein ersehnter Befreier und Erlöser aus unleidlichen gesellschaftlichen Verhältnissen erscheinen. Auf eine andere Weise kann man sich füglich die eine Tatsache nicht erklären, wie die Türken mit verschwindend geringen Opfern an Blut, nahezu ohne Schwertstreich, über Bosnien Herren geworden. Fast der ganze Adel und ein grosser Teil des Volkes hatte sich vom König losgesagt und freiwillig zum Islam geschworen. Feigheit war gewiss nicht der Beweggrund, und die Habsucht, um die ererbten Güter weiter im Besitz zu behalten, wohl auch nicht, helle Verzweiflung war es, die den stolzen Adel zu diesem Schritt getrieben.

Der Übertritt zum Islam dürfte den Bošnjaken nicht besonders schwer gefallen sein, denn Adel und Volk hatten im Religionwechseln schon förmlich eine Übung erlangt. Von den Türken aus wurde in dieser Hinsicht auf die Bošnjaken kaum ein besonderer Zwang ausgeübt. Das muss wohl auch der erbittertste Türkenhasser den Türken wahrheitgemäss zu ihrem Lobe nachsagen: sie waren in Europa weder in religiöser noch in nationaler Beziehung Proselytenmacher. Der Türke blickte mit viel zu viel Geringschätzung auf den Slaven herab, als dass er es für wünschenswert gehalten hätte, ihn zum Islam zu bekehren. Tatsächlich hatte sich der bosnische Adel durch seinen Übertritt nicht viel genützt. In den ersten zwei Jahrhunderten der Okkupation durch die Türken spielt der moslimische Slave eine durchwegs höchst untergeordnete Rolle im politischen Leben; und die moslimischen Slaven, die sich später als Helden hohen Ruhm erwarben, die Mujo Hrnjica, Siv sokol Alile, Ćejvan aga dedo, dedo Varićak, Pandžić Huso, Tale Orašjanin, Džanan sarajlija und so viele andere waren ausnahmlos homines novi, Männer aus der Schichte der Ackerbauer, die ihre Stellung und ihre Macht lediglich ihrer persönlichen Tapferkeit und ihrem Mute zu verdanken hatten.

Immer wieder muss sich der südslavische Ethnograph, angesichts solcher mächtigen Wandlungen im Volkleben, die Frage zu beantworten suchen, wie war es denn mit dem südslavischen Volktum in den Zeiten vor der türkischen Invasion beschaffen?

Über die ethnographischen und kulturellen Verhältnisse der Südslaven in den der türkischen Herrschaft vorausgegangenen Jahrhunderten sind wir leider äusserst mangelhaft unterrichtet. Was uns von der altsüdslavischen Literatur überkommen, sind trümmerhafte Petrefakte einer slavisierten spätbyzantinischen Literaturströmung. Einige magere, gedankenarme Chroniken über kriegerische Ereignisse, zweifelhafte Geschichten von Duodezkönigen, einige Bändchen königlich oder »kaiserlich« serbischer Gesetze und diplomatischer Korrespondenzen sind, abgesehen von zahlreichen sachlich und sprachlich minderwertigen Evangelien-Übersetzungen, Homilien und ungemein naiven Heiligenlegenden, fast die einzigen, freilich sehr dürftigen literarischen Quellen unseres Wissens vom Kulturleben der Südslaven in vortürkischen Zeiten. Man hat zwar ein Sammelwerk aller südslavischen Steininschriften in Angriff genommen. Den Hauptvorteil dürfte aus dieser Sammlung vorzugweise der Philolog als Grammatiker ziehen; wie denn im allgemeinen die altslavischen Texte, die dem Süden entstammen, immer die sorgfältigste Beachtung der Linguisten verdienen.

In die verknöcherte byzantinische Schablone, die den Südslaven aufgenötigt wurde, liess sich unter den damals obwaltenden Verhältnissen unmöglich originelles, individuelles Wesen einfügen. Der byzantinische Geist musste, wie er schon einmal war, entweder vollinhaltlich aufgenommen oder zurückgewiesen werden. Den Südslaven ist der Byzantinismus hauptsächlich durch die griechisch-orientalische Kirche vermittelt worden, die keine Kompromisse zuliess. Die illiteraten Südslaven hatten wohl damals, in der Periode ihrer ersten Staatenbildungen, keine eigene, widerstandfähige Kultur der eindringenden byzantinischen als Wehr entgegenzustellen. Auch wetteiferten die Fürstenhöfe und der Adel in der Nachahmung byzantinischer Vorbilder. Byzanz war der erste und bedeutendste Lehrmeister der Balkan-Slaven. Andererseits drang zu den Südslaven vom Südwesten italienische, vom Nordwesten deutsche Kultur ein.

Den weitaus überlegenen Kulturen ihrer sprachstammverwandten Brüder, den Griechen, Italienern und Deutschen gegenüber, konnten sich die Südslaven doch nur stets aufnehmend verhalten. Es ist nicht leicht annehmbar, das südslavische Volktum hätte unter diesem Einstürmen dem slavischen Vorstellungkreise durchaus nicht abartiger Elemente noch Raum zu einer freien und gedeihlichen Entwicklung gefunden. Das echtslavische, aus den nördlichen Heimatstätten mitgebrachte Volktum blieb jedoch fast ausserhalb der Berührung mit der Literatur und Kultur, die von Mönchen und Adeligen aus dem Auslande mitgebracht wurde. Man sah mit Gleichmut, wo nicht mit Verachtung auf das ungebildete Volk herab und bekümmerte sich um sein inneres Leben und Weben so gut wie gar nicht. Wie lässt es sich denn anders erklären, dass uns die gesamte altsüdslavische Literatur nicht einmal die blossen Namen der altsüdslavischen vorchristlichen Gottheiten oder ihrer Kultusstätten, geschweige erst Nachrichten über Sitten und Gebräuche oder zum mindesten ein einziges episches oder vielleicht lyrisches Lied aufbewahrt hat? Die alten slavischen religiösen und gesellschaftlichen Anschauungen bildeten eben keinen Faktor, mit dem die Missionare des östlichen und westlichen Christentums hätten rechnen müssen.

Bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts bedrohte die Südslaven Gräzisierung im Osten, Romanisierung und Germanisierung im Westen. Als aber die Türken Glied für Glied dem byzantinischen Reiche in Asien ausrissen, behob sich auch rasch das politische Alpdrücken der Balkan-Slaven; da streckte und reckte sich das Serbenreich, von Byzanz frei geworden, gar mächtig aus, östlich fast über ganz Bulgarien und südlich bis tief nach Griechenland hinab. Es gewann für einen Augenblick den Anschein, als sollte sich unter dem Szepter der serbischen Eroberer ein grosses Reich bilden, das alle Südslaven vom Schwarzen Meer und der Donau-Mündung angefangen bis zu den blauen Fluten der Adria zu einem Staate vereinigen wird.

Der Bošnjak verlegt das goldene Zeitalter seines bosnischen Stammes unter die Regierung des halbmythischen bosnischen Fürsten Kulinban, noch mehr feiert der Serbe seinen Car Dušan. Der eine wie der andere hatten es verstanden, die Präponderanz der Pleme-Oberhäupter zu Gunsten der Krone bedeutend zu schwächen und die kleinen Spaltungen unter den Phylen (plemena) und Phratrien (bractva) auszugleichen. Beider Politik rüttelte das Volkbewusstsein auf. Das eigentliche Erwachen zur Erkenntnis ihrer Volkkraft verdanken die Südslaven im allgemeinen, insbesondere aber die Serben, mittelbar dem Ansturm der Türken gegen das byzantinische Reich. Die serbischen, Byzanz tributären Herrscher wurden zu Bundgenossen Byzanz’ gegen die Türken. Damals mochte der poetisch veranlagte serbische Streiter, heimgekehrt aus siegreichem Kampfe in weiter Ferne, an langen Winterabenden seinen um das Herdfeuer lagernden Plemegenossen in rhythmischem Singsang, begeistert von den Erinnerungen, Kunde tun von Kampfmühen und herber Not, von kühnen, abenteuerlichen Zügen durchs schauerliche Dunkel der Urwaldbestände des Balkans, von reissenden Gebirgströmen und von endlos weiten weizenspendenden Gefilden, von gleissenden Gewaffen und stahlbepanzerten fremden Kriegerscharen, von der stolzen Pracht und Herrlichkeit der Tempel und Paläste in Kaiser Konstantins weissen Stadt am Meere. Und gerne flocht er mit das Lob der holdseligen, liebreichen Frauengestalten am Hofe der Komnênen ein.

Begierig lauschte Jung und Alt solchen seltsamen Mären. Eine ungeahnte Welt voll verlockender Zauberdinge hielt ihren Einzug in das bäuerliche Gemüt des Serben. Unter dem bezwingenden Eindruck solcher Schilderungen regte sich im Bauer ritterlicher Sinn, Tatendrang und die Lust an waghalsigen Abenteuern. Das war wie nach langem Winterschlafe ein sonniges Frühlingauferstehen der südslavischen Volksdichtung.

Noch gegenwärtig, volle fünf Jahrhunderte nach jenen Ereignissen, weiss der illiterate serbische Guslar in Bosnien und dem Herzogtum davon zu singen und zu sagen. Und selbst wenn er ein Geschehnis späterer Zeit, aus der Epoche der Türkenherrschaft besingt, so schmückt er seine Darstellung mit dem überkommenen Vorrat von stereotypen Wendungen und Gleichnissen aus jener ersten grossen Periode der epischen Volksdichtung aus.

In der Schlacht am Leitenfelde (Kosovo polje), am 13. Juni 1389, unterlagen die vereinigten serbischen Kriegscharen der türkischen Übermacht. Einige Jahrzehnte nachher kam auch Bosnien und bald darauf das Herzogtum unter türkische Botmässigkeit.

Die Türken hatten den Balkan nur politisch, nicht auch sozial erobert. Ein beträchtlicher Teil der Südslaven serbischen Stammes flüchtete nach Dalmatien, ins Küstenland, nach Chrowotien und Istrien und auf die Inselwelt der Adria. So wuchs allmählich ein Damm an gegen die Romanisierung Dalmatiens und gegen die Germanisierung Chrowotiens. Selbst die Slovenen in Krain und Kärnten wurden durch die neuen Zuzüge aus dem Süden, besonders aus Bosnien, gegen die Verdeutschung widerstandfähiger. Andererseits begann nach und nach die chrowotische Mundart in der lebenskräftigeren, volltönenderen serbischen aufzugehen und ist schliesslich in ihr so gut wie ganz aufgegangen. Wenn man heutigen Tages von einer chrowotisch-serbischen oder serbisch-chrowotischen Sprache und Literatur spricht, so ist darunter die slavische Mundart des Serbenstammes und das in dieser Mundart verfasste Schrifttum zu verstehen.

Vom Gesichtpunkte des Ethnographen aus betrachtet, sind die Chrowoten und Serben trotz ihrer nahen Verwandtschaft doch zwei selbständige eigenartige Typen der slavischen Völkerfamilie. Genaue, rein sachliche Untersuchungen wären aufzustellen, um klarzulegen, wie viel die Serben und Chrowoten einander in ethnographischer Hinsicht zu verdanken haben. Die serbischen Flüchtlinge verpflanzten unter die Chrowoten die Epen, die von der Leitenfelder Schlacht, vom Car Lazar, von den Helden Obilić Miloš, Relja Krilatica, Starina Novak, dijete Grujica, von den beiden Kosančić und vielen anderen, am meisten verhältnismässig vom Prinzen Marko erzählen. Die Jahrhunderte hindurch gebräuchlichen kleinen Raub- und Plünderzüge der Magyaren, Chrowoten [1] und Serben ins türkische, und der Türken oder der moslimischen Slaven ins ungarische und venezische Gebiet wanden immer neue Episoden in das schier endlose Epengeranke der Südslaven ein.