Part 14
Wärme schienen sie zu lügen die frostigen Alpen, leicht erspringbar ihre Gipfel -- es war die falsche Lock, mehrere der Ueberwundenen zu ihren Füssen oder Gürteln zu zählen!
Die Schatten der Wolken zogen itzt dichter über die Erde und ihre Geheimnisse, und kümmerten sich nicht um deren Gräben und Klippen; ich aber belächelte meine Resultate, die sich aus milzsüchtigen Vergleichungen, Nebel ähnlich entspannen, und dennoch geraume Strecke in Wald mich begleiteten. So wie ich tiefer gerieth, wurde kleiner die Welt, traurig sah ich mir von einen Hügel um den anderen die Alpen schneller entziehen, bis der frechste mir des Tages goldene Scheibe höhnend verbarg. Diese Zwergberge hatte ich von der Tauernwand sicher nicht beachtet, sie schienen darüber erboßt, gleich dem gemeinen Pöbel, der unerkannt von schöneren Stellen, seine Wenigkeit in der Nähe desto fühlbarer macht.
Zwei thätige Holzhacker waren die ersten, welchen ich bald Stoff zu lächerlichen Bemerkungen gab. Sie bestätigten die Richtigkeit des Weges, meinten aber es wäre vergebens gewesen, sich auf so gefährliche Art zu ranzioniren, indem die Ueberreiter (Gränzaufseher) zu wachsam, mich sicher finden und ausliefern würden. Ein herrliches Kompliment! Ich fragte nicht für wen sie mich hielten, und ging, meine etwas invalid gewordene Kleidung betrachtend, unwillig weiter. Endlich übersah ich einen grossen Wiesenabhang; rechts brüllte aus demselben prächtiges Hornvieh seinen Baß, in den sich der Tenor einiger 100 Schafe ober mir mischte; links auf einem isolirten Wasenhügel ruht das
Schloß Lichtenberg
mit zwei Thürmen. Von seinem einstigen Wohlstande, worin sich die Ritter von Lichtenberg gefielen, ist es dermassen herabgekommen, daß kaum einige schlechte Zimmer zur Wohnung für den Jäger und seine Angehörigen erübrigen. Die weisse Uebertünchung, die man ihm statt nothwendigerer Reparaturen schenkte, entstellte es vollends zum armseligen Zwitter; das geachtete Alterthum schwand dadurch, ohne von der neueren Bauart das Zierliche zu haben. Ober diesem Schlosse, hoch aus belaubter Felsenkluft blickt eine wohleingerichtete Einsiedelei auf das Thal.
Vorwärts, an der forellenreichen Ache, dehnen sich die reinlichen Häuschen
Saalfelden’s;
in das Klappern der Mühlen und Bretersägen stimmet der muthigen Rosse Gewieher, aus Garten und Ställen. Angenehmer als der gesammte Tumult des ansehnlichen Marktes, war mir der stille Rauch, welcher sich in ernsten Formen über die Schornsteine wölbte. Der größte schien mir als werthvollster, das Wirthshaus zu verrathen; doch mußte ich vorher den sich krumm gelaufenen _Duna_ versorgen.
Schon meine Nachfrage um einen Metzger (Schlächter), sammelte viele Neugierige; als sie aber dort einige Pfunde rohes Fleisch von dem verhungerten Hunde verzehren sahen, und ich auffallend unbarbirt, um die mögliche schnelle Beischaffung eines neuen Beinkleides, wenn auch zu höherem Preise mich erkundigte: folgte mir der immer stärker werdende Trupp bis zum Gasthause. Neugierde ward mir auf Wanderungen nicht fremd geworden, ich überging sie daher als etwas Gewöhnliches. Als mich aber im Zimmer die Bauern mit beständigen Fragen zunehmend heftiger quälten, und ich mehr für sie als meine Restaurirung da seyn sollte, antwortete ich gar nicht, oder was mir beliebte. Die gebietherische Aufforderung eines Marktschreibers, oder wer er sonst seyn mochte, mich vom Imbiß weg augenblicklich sammt Sack und Pack zum Amte zu verfügen, glaubte ich kaltblütig überhören zu müssen, und allenfalls meinen Paß durch einen Diener des Wirths hinzusenden. Aber dieß genügte dem ruhmrednerischen Schreihalse nicht; ich both ihm gleiche Münze für seine Grobheiten, und somit entspannen sich unangenehme Auftritte und komische Verfügungen. Jeder Fußreisende ist übrigens solchen Lästigkeiten immer mehr ausgesetzt, als der Fahrende, und am häufigsten in wenig besuchten Gegenden, obgleich man dort die Insassen gutmüthiger denken sollte.
Ich verließ folgenden Tags Saalfelden, das mich freundlicher gegrüßt, als aufgenommen hatte. Ueber der Ache betrat ich eine lange Wiese, die zu naß ist, als daß sie je etwas Gutes hervorbringen könnte. Wie mag im Winter bei diesem saueren Heue das Vieh den Verlust des wohlschmeckenden Kräuterfutters der Alpenweide fühlen! Vielleicht daß die Bauern sinnreich den gleichen Grundsatz einiger Doktoren »nach Schwelgen seye die Fasten sehr zuträglich« auf ihre wohlgenährten Herden in Anwendung zu bringen suchen, und darum diesen schwarzen Fruchtboden als Medizin betrachten, und der Auswässerung überlassen.
Um eine Krümmung zur Rechten, bog sich nun der Pfad zum
Zellersee.
Gerne hätte ich von meiner lieben Weisbachalpe schlüßlich Abschied genommen; allein sie war zu stolz dieß zu gestatten! Wolken und Nebel machten ihr den Hof, sie wollte erst später dem Volke sich zeigen. Aus Unkenntniß des Weges ließ ich den See rechts, und umging so die Fahrstrasse und den Markt Zell. Ich hatte dabei wenig verloren; denn der schönere Gangsteig und die höhere Uebersicht der malerischen Ufer, entschädigte mich vollgütig für Zells alte Häuser und sonderbar gothischen Kirchthurm, welche im Wasserspiegel sich schattirend, dem Markte ein grösseres Ansehen geben.
Lästiger war der Umstand, daß ich von Schütt (einem kleinen Dörfchen am See) überfahren mußte, um nicht in pfadloser Schlucht (oder Einöde, wie man es nannte) nach kurzer Zeit eingeschlossen zu werden: aber Niemanden fand, der weder durch Geld, noch Bitten mein Fährmann seyn konnte. Die Fischer, deren Ansiedelung hier viele Kähne beweisen, waren abwesend; die Bauern aber beim Frühstücke thätig, wollten sich durch Strapatzen den reichlichen Imbiß ja nicht verbittern; und so blieb mir, da die Schiffe angeschlossen waren, kein Machtspruch übrig, als -- Geduld!
Endlich erbarmte sich ein armer Greis meiner heiser geschrieenen Kehle. Der abgelöste Kahn, aus einem einzigen Lärchenbaume gezimmert, schien älter und gebrechlicher noch als sein Fährmann. Die Länge des unbehülflichen Schiffchens, verglichen mit seiner ungemeinen Schmäle, gibt den Fahrenden nicht die geringste Sicherheit auch nur bei mässigem Winde. Sein Hauch ruhte dießmal, und dennoch mußte ich mit meinem Körper balanziren, damit der Kahn nicht umstürze: anstatt daß ich dem schwachen Greise, den jeder Ruderstoß um eine Stunde seiner Auflösung näher zu bringen drohte, nach meinem Wunsche helfen konnte. Wie ganz anders fährt man über den _St. Bartholomäus_-See, wo die Kraft des Armes auf die Sicherheit des Kahnes (wenigstens bei Windstille) pochen kann.
In 25 Minuten hatten wir die Seebreite, dessen Länge zwei Mal soviel Ausdehnung haben mag, zurückgelegt. Die größte Tiefe desselben beträgt 42 Klafter; gegen die ringsherum flachen Ufer ist der See feucht, und endigt mit Schilf- und Moorgrunde. Ich sah noch keinen See von so viel Fischen belebt wie diesen; doch sollen sie in edler Sorte und Vortrefflichkeit denen der anderen Gebirgsseen nachstehen. Eben so möge die Luft bis Mittersill hinauf durch die Sümpfe, welche links an der Strasse vom Zellerbache und der Salza reichlich genährt, ihre Dünste im Thale giftig verbreiten, nicht sonderlich gesund seyn. Auf den Sumpfwiesen wird allenthalben der Heuvorrath in kleinen Stadeln (Kaischen) aufbewahrt, welche von weiten das Bild eines immer fortreichenden Chinesischen Dorfes biethen.
Ausser Zell, beim Dörfchen _Limberg_, befindet sich ein Kupferbergwerk. Gar nichts Merkwürdiges ausser ihren Namen, haben die Oertchen _Fürth_ und _Pisendorf_; man müßte nur die Kaltblütigkeit der Bewohner als etwas Wesentliches anführen, womit sie bei dem Mangel an Feldern, einige 100 Joche Wiesengründe von Sümpfen ersticken lassen, ohne durch vernünftige Ableitungen sich daraus fette Fruchtäcker erzielen zu wollen.
Früher schon blickten aus Süden in die idyllische Landschaft, die mächtigsten
Heroen des Salzburger Alpenlandes,
das Wisbachhorn, die hohe Kammer, und von einer Wiesenhöhe zur Linken erkennt man den Greisenvater Glockner, die Gränze mit dem Himmel und Ländern[30] bildend. Vom Haupte bis unter ihren Gürtel ganz in Schnee gehüllt, entstellt kein vorragender Stein, kein Flecken die glatte Form ihres schlanken Wuchses. »Wie oft,« dachte ich, »muß _Phöbus_ auf seiner Eilfahrt diesen Kindbetterinnen der Flüsse schmeicheln, bis deren Eisgeburten zu Wasser geschmolzen, hinabsinken in die flachen Beete der guten Erde; um zu _Boreas_ Triumphe dort wieder Brücken zu bauen in der Ströme würgenden Wogen, und dem tiefen Meere sonach die Geschenke der Alpen zu bringen.« -- Gibt dieses alljährig sich erneuernde Elemententheater nicht ein Bild des Lebens? Der Mensch, flüchtig wie Schnee, spielt auf der holperigen Lebensbahn mit Wünschen und Erfahrungen, gleich den Sonnenstrahlen mit der Eisdecke, unterliegt dem Zufall, wie sie der Wärme, wird oft wieder, was er war -- ein Kind, sinkt in das Grab, wenn er glaubt etwas errungen zu haben, und läßt, vom ewigen Jenseits verschlungen, nichts übrig, als den Nachruf seines einstigen Daseyns! -- Die Nachkömmlinge spielen über ihm die vorige Rolle.
[30] Kärnthen, Salzburg und Tirol; er mißt nach Schultes 12,000′ über dem mittelländischen Meere.
Diese ungeheueren Körper stünden, angestaunt von der lebenden Welt, todt und nutzlos da; hätte noch nie ein kühner Sterblicher sich auf ihre Zinnen gewagt, und erkannt, wie der Schöpfer seines Reichthums höchsten Schmuck dort ergründbar umbreite, während deren kleinere Brüder mit ihren Schätzen bunte Bewohner nähren, und hochstämmige Trophäen tragen, welche in die Ferne versendet, noch der Erzeuger Kraft verkünden. -- Gunstbezeugungen sind dem Grossen ein Tribut, den er nicht achtet; indeß der Kleine sie kärglich sammelt, und als Flitter triumphirend zur Schau trägt.
Beim Dorfe
Walchen
kommt man wieder zur Salza. Im Widerspruche mit der Sanduhr des Lebens, ist sie jünger geworden seit dem letzten Abschiede; der schnellere Lauf und die Sprünge dieser kleinen Nymphe, lassen zu sehr auf den Muth der stärkeren Jungfrau schliessen, mit dem sie als solche bei _Lueg_ die Felsen sich brach, und dann die Ufer majestätisch ausdehnte. Ich gab diesen Wellen Grüsse mit nach Hallein, und -- allen Lieben zu Wien!
Häufige Vogelbeerbäume sind hier, so wie bei Niedersill, das links bleibt, und um die Ortschaft _Lengdorf_ gepflanzt. Sie sollen für das Vieh sehr zuträglich seyn, und vor Ueberschreiung desselben bewahren! Einige Saatfelder und Kleeäcker erschienen mir bei _Uttendorf_ als besondere Seltenheit; desto bekannter dunsteten wieder die Sümpfe zu Dorf _Uggl_ und _Dobersbach_. Schöne Waldberge umsäumen fortwährend auch die Dörfer _Uettendorf_ und _Stuhlfelden_. Im Markte
Mittersill,
wo rechts auf der Anhöhe im ehemaligen Schlosse das Pflegamt sich befindet, genoß ich vollkommene Mittags-Erholung. Die bereits heute zurückgelegten fünf Meilen hatten mir das mässige Mahl herrlich gewürzt, und den minder guten Wein erträglich gemacht. Die Dienstfertigkeit des braven Wirthes verschaffte mir für nicht übertriebene Kosten das zu Saalfelden vergebens zum Kaufe gesuchte neue Beinkleid. Es erheiterte mich ungemein, jenes mit einigen Blessuren der Alpenreise behaftete, weggeben zu können, weil ich mit dergleichen Anzuge mich zu behelfen noch nie das Mißgeschick hatte. Von Mittersill führt der gewöhnliche Weg nach Tirol über den grossen Kettenstein und Trattenberg nach Kützbüchl, und dann ins Innthal nördlich nach Kufstein, südwestlich über Rattenberg nach Innsbruck. Das Innthal sollte mir zum Rückwege dienen; daher wählte ich itzt _den_ über die wilde Gerloshöhe in das durch sein Hornvieh berühmte Zillerthal.
Bauern-Oekonomie.
Ich schritt also abermal der Salza aufwärts, sie links lassend auf der Strasse, welche eigentlich ein Fahrweg, alljährig hundert Verwüstungen Preis gegeben, alle Unbilden einer viae malae dem Wanderer empfinden läßt. Die häufigen Gießbäche, welche allenthalben der Salza zueilen, und ihre Geburt in de Gebirgen entlehnen, wandern nicht selten auf der Fahrstrasse umher, und nehmen mit, was ihnen gefällt, und lassen zurück, was sie nicht brauchen. Diese Rudera eines Wagen- und Wasserpfades ermüdeten schon weit unter Mittersill, und dauern mit zeitweiliger Verbesserung bis zum Dorfe _Wald_. Mit den hölzernen Häuschen des Dorfes Hollersbach geben schöne Waldberge und Saatfelder ein reitzendes Tableau an der Salza; desto widerwärtiger erbittern den Oekonomen die allenthalben Holzvertilgung drohenden Umzäunungen, welche das Vieh vor Eindringen zu bewahren, hie und da doppelt eine elende Wiese oder versandeten Brachacker umstricken. Wenn man annimmt, daß diese aus dünnen Tannen und Föhrenbäumchen bestehenden Einfriedungen den jungen Nachwuchs der Wälder ausmachen, und bei solcher Verwendung nach etlichen Jahren verfault, nicht einmal zur Feuerung benützt werden, sondern der Verwesung überlassen, frische Stämme an ihre Stelle treten: so wird man nicht einstimmen in die Behauptung der albernen Bauern, welche ihre Wälder für zu groß, und im Vergleiche mit der geringen Nutzziehung daraus, in gar keinem Vergleiche halten. Müßten sie nur wenige Jahre um geringen Preis Holz kaufen, die Lücken im Forste würden weniger, die Aecker aber fleissiger mit Steinen und lebendigen Zäunen verwahrt werden.
Beim Dorfe _Mühlbach_ kann der Reisende, wenn er Zeit und Lust hat, das schöne Kupferbergwerk besehen. Eine halbe Stunde bringt ihn dann nach Dorf
Braunberg,
bei dem sich auf gleiche Entfernung, rechts in der Bergschlucht, eine der schönsten _Cascaden_ tumelt. Ich habe über hundert Wasserfälle betrachtet, und glaube so ziemlich ihren Werth aus deren Wassermenge, Steinformen, Sturzhöhen u. dgl. abnehmen zu können; demnach wage ich diesen in beiden ersten Eigenschaften vorzüglich, und in letzteren bedeutend auszuzeichnen. Am Bache fortwandernd, wachsen bald höher und enger die Thalwände; im Sturmmarsche dringen die Wogen heraus, und wälzen sich Steine im Felsenbeete zum Vertilgungskampfe mit der Salza; kühler athmet die Luft beim hitzigen Krieg der Tritonen, den man lange schon mit Erstaunen vernahm, und endlich übertäubet ersieht. Hoch vom chaostischen Felsengebäude entstürzt der schneeige Fluß, bald in ganzer Masse, bald in Arme getheilt, die Kluft stärker zu rütteln. Bäume, die er der Heimath entriß, ihnen die Fremde zeigen, hat sein zu rasches Toben in die Risse der Felsentreppe verschlagen, aus der sie ewig zum Spiel seiner Laune, doch nimmer entfliehn! Moos hat sich hie und da um die zitternden Stämme geschlungen, es sind die grünen Flecken, welche herrlich die silbernen Wasserbögen durchsticken und zeitweilig vom Sonnengott einen Huldblick zu erflehen scheinen. Aber sprühend überziehet die Fluth ihren Fall; kein Auge, kein Blick vom Himmel soll spotten über die tief Gesunkene; Staubregen von oben herab sie begleitend, und von unten empor sich wirbelnd, decket den donnernden Kampf und nässet reichlich die Runde, um selbst in der Ferne die Neugier zu bannen. Jedoch entzückt durch der Natur zauberische Seltenheit, weichet der Mensch nicht bei Gefahren, und Traufe sollte ihm diesen Neptunstempel schließen?
Auf einem Felsenstücke gelagert, dem zartes Moos und duftende Blumen holdern Schmuck bringen, als dem goldverbrämten Ruhebeete seine elastischen Stahlfedern, schöpft man hier aus der Brunnenquelle der ewig schönen Natur frische Labung! Mit der Städte lästig Geräusch vergleicht man dieses Anmuthige der Natur, mit der Dekoration prunkvoller Säle, diese des Orkus -- Seelengefühl schildert den Preis! Ein Windstoß zerriß itzt die Wasserkunstdünste und wehte den Himmel blau, unter dem sich die Schnellsegler der Erde -- einzelne Wolken hinzogen, als Plänkler zum beginnenden Treffen, der Sonnendiamant aber blitzte zwischen dem beweglichen Triumphbogen der Najaden, und sah mit abgehärteten Alpen eine Zeitlang als Sieger in die erboßte Kluft, bis sie neue Kraft gesammelt, die vorige Uebermacht errang. Von Gefühlen bestrickt, sinnet der Mensch und staunet der Geist, wie die Wunder sich häufen, wo man Zauber nicht wähnte! --
Taub vom Gebrülle der Wogen verläßt man das felsige Beet, die Schlacht ist vorbei, es lachet der Friede in Salza’s grünerem Thale. Höher rücken darin beiderseits hölzerne Häuschen auf die mit Wäldern besäumten Berge; man fürchtet, daß sie heruntergleiten müßten im Winter, wenn zunehmender Schnee sich neben ihnen die Bahn ins Thal wälzt. Ueber dem Dörfchen
Weiherhof
ragt der schwarze Kirchthurm mit seinem spitzigen Schindeldache wie ein Zahnstocher für Giganten. Er ist in die Ruinen eines alten Schlosses gebaut, von dem nur noch ein mit Birken bewachsener Thurm erübrigt. Weniger konnte ich den einstigen Namen, (_Weiher_, _Wieher_, oder _Wildschloß_ wie man es verschiedentlich angab,) als eine Volkssage darüber erfahren: Einst sollte hier ein gar arger Raubritter hausen, dem nebst Wildjagd, Menschenpein seine angenehmste Erlustigung gewesen. Die Bauern, welche dazumal im Walde zerstreut ihre Hütten besassen, konnten ihm nie genug arbeiten, und dennoch war er niemals zufrieden; er schwur endlich, sie statt der bereits ziemlich ausgerotteten Bären und Wölfe hetzlustig zu erlegen. Zu diesem himmelschreienden Vorhaben lud er einige seiner Zechbrüder und Lastergenossen.
Es fügte sich vorher, daß, wie er eines frommen Burschen Braut verführen wollte, dieser und ihr Bruder ihm zu hart auf den Leib gingen, und den Ritter zur Flucht zwangen, deßhalb befahl er nun das Mädchen und die beiden Bursche in den Burgzwinger zu bringen, selbe in Häute von Bären zu nähen, und dazu zwei wirkliche Bären, welche im Forste einst jung gefunden, und zur Kurzweil des Ritters auf dem Schlosse ernährt wurden, einige Tage abgehungert, dann gegen die Unglücklichen auszulassen.
Das Schreckensfest begann mit der Ankunft der gräßlichen Zuseher. Wüthend fielen die zwei großgezogenen Schloßbären über die drei Fremdlinge her; der Kampf blieb eine Zeitlang zum Erstaunen der Anwesenden unentschieden. Endlich stürzte einer, und dann der zweite der genährten Raubzöglinge mit fürchterlichem Gebrülle an die Einfriedung des Burgzwingers, daß ihre Rippen brachen und Mauerschutt die todten Riesenkämpfer überdeckte. Rachentflammt über das unglaubliche Glück und Kraftzeichen der vermeinten drei Delinquenten, eilte der wohlbewaffnete Satansritter, unerhörte Flüche wider sein Daseyn und den Schöpfer ausstossend, wenn er nicht diese Masken erlege, mit zweien seiner verdorbensten Spießgesellen in den Kampfplatz. Wuth und Blutgier schwang höher ihren blitzenden Stahl, jeder Streich hätte eine Eiche überwunden, und doch drang er nicht durch bei den blutenden Vierfüßlern; sie rangen und schwiegen, wenn auch schon die Stimme der Ritter erstarb! Jetzt aber hoben sie sich, fürchterlich brüllend wie der Nordsturm, wenn er die Bäume ihren Wurzeln entreißt, und die Felsen sammt deren Lavinen hinabschleudert, in die tiefen Gräber der Alpen, um über die Menschheit Gräber zu bauen!
Mit Zettergeschrei flohen die barbarischen Zuseher von ihren gefälligen Plätzen. Die Ritter wollten auch das Weite suchen; Todesangst hatte ihnen bereits das Mark zerronnen und die Haare steif empor gestreift: jedoch näher drangen die zottigen Ungeheuer auf die um Hülfe rufenden Schlachtbolden. Einer um den Andern wurde besiegt; man sah die Panzer zersprungen, das Eingeweide aus dem Leibe gerissen, den Kopf vom Genick gedreht, und die Gliedmassen einzeln auf dem Kampfplatz zerstreut. Hierauf erbrachen sich die Waldheroen den Ausgang, und blutige Spuren bewiesen noch mondenlang ihr jüngst schreckliches Daseyn. Aus der vernachlässigten Schloßkapelle aber traten bleichen Antlitzes, Hand in Hand die zwei Freunde mit dem ehrbaren Mädchen; unbewußt des Herganges, benützten sie den Augenblick als das Pförtchen sich aufthat, zu ihrer Rettung. Nun erkannten sie die gräßlichen Spuren des Mordes, sahen die zwei Bären erlegt, gegen die sie hätten kämpfen sollen, und vor welch sicherem Verderben sie eine verschleierte Jungfrau entzog. Das Mädchen aber wiederholte knieend ihr früheres Gelobniß: »wenn sie von diesem schrecklichen Untergange die heil. Jungfrau bewahre, in einem Kloster ihre Tage zuzubringen.« Traurig, aber ehrend diesen Entschluß, knieten die Jünglinge neben ihr, und versprachen, im gelobten Lande in den Reihen der Knappen, für die Ehre des Heilandes zu bluten.
So geschah es; das Schloß blieb geschieen von menschlicher Welt, nur der willkommne Sammlungsort wilder Raubvögel, Eulen und Nattern, die sich hier im bunten Vereine Feste gaben. Wagte auch bisweilen ein kühnerer Wanderer, durch Ungewitter oder Hoffnung zum Gewinn geleitet, in den öden Hallen eine Nacht zuzubringen; so wurde er bei fürchterlichem Lärm, mit Gold und Silbergefässen, herrlichen Speisen u. d. gl. schadenfroh gefoppt, und wenn er von etwas Gebrauch machen wollte, mit tüchtigen Schlägen zum Schlosse hinausgejagt. Nach vielen Jahren kam der einstige Bräutigam zurück; der Nonne Bruder hatte den Heldentod unter den Säbeln der Sarazenen empfangen. Dem Ankömmling war der gleiche Wunsch nicht vergönnt; er stürzte sich in der Schlachten blutigste Reihen, eroberte Trophäen, rettete seine mit Gefahren umdrohten Anführer, ward nie gefangen und that Wunder der Tapferkeit! Auf dem Schlachtfelde wurde er von dem fürstlichen Heeresführer zum Ritter geschlagen, besiegelte diese Auszeichnung durch spätere Kampfwunder, und kehrte endlich zurück, um im heimischen Pinzgau die asiatischen Wunden zu heilen. Doch auch hier bluteten sie, und zwar im Herzen -- durch Erinnerung! Die Veste, welche ihm von Kaiser und Reich zugesprochen wurde, gab ihm keinen Ersatz für sein verlorenes Glück, er bezog sie nicht, schenkte aber die Umgebung armen Ansiedlern, mit dem Wunsche: wenn sie oder ihre Nachkommen einst zu Vermögen kommen sollten, in die Nähe des Schlosses eine Kirche zu bauen; er selbst zog sich in die Wildniß und lebte als Einsiedler, von Jedermann verehrt. Kurze Zeit nach seinem Tode stürzte die Veste, welche wie vor und eh unbewohnt, aber noch im ziemlich guten Zustande sich befand, in einer Gewitternacht zusammen. Weniges Gemäuer und der Thurm erübrigten; in den Schutt theilten sich die Umbewohner, und sieh -- es fand sich ein Kästchen mit Gold- und Silbermünzen, zum herrlichsten Baue einer Kirche hinreichend. Man baute und baute, aber das Werk wollte nicht von der Stelle gehen; endlich strebte er, wölbte sich und stand da voll Ansehen und Pracht der Gott geweihte Tempel, von dem Volke angestaunt! Auf Maria Geburt sollte darin das erste Hochamt gefeiert werden; schon war alles vorbereitet! aber Tags vorher, den 7. September lag die Kirche durch unergründliche Macht -- im Schutt. »Der Herr läßt nicht durch Sündengeld sich Tempel bauen,« sprach ein frommer Greis, »erworbene Baarschaft durch unserer Hände wackern Fleiß, sollen Ihm die Kirche gründen!« und mit der Jahre späten Frist stand durch der Kreuzer karg erworbne Zahl, das Kirchlein zu Weiherhof.
Häufiger dringen sich bei
Neunkirchen
dem Wanderer die lästigen Spuren der vertilgenden Gießbäche auf. In diesem Dörfchen befindet sich ein Zoll- und Aufsichtsamt, als beinahiger Schlußwächter des salzburgischen Pinzgaues nach Tirol; ich mußte also meinen Paß daselbst _vidimiren_ lassen. Das Merkwürdigste nebst jener Kleinigkeit schien mir die grelle Malerei der Kirche, welche nur hier, aber schwerlich anderwärts, vor Lächeln wahrt. Würde das treffliche Trinkwasser, welches am Platze einem hölzernen Springbrunnen entquillt, in Wien rieseln, so hätte man es längst mit Granit überbaut, und um hohen Preis zur Abnahme gebracht.