Part 13
Sicherer ging sonach die Wanderung auf die schroffe Alpe hinan, welche mit ihren vorragenden Felszacken beinahe Stufen zum Hinanklettern bildet. Wer vom Schwindel -- diesem eingebildeten Uebel, nichts weiß, der wird den hohen Hundskopftod gefahrlos besteigbar nennen; am leichtesten erklimmt man selben in schiefer Richtung von Osten nach Westen.
In einer Stunde war, von der Hirtenhütte gerechnet, die mittere höchste Spitze dieser Alpe erklommen; mißvergnügt sieht man erst itzt, daß der gegenüber trotzende Watzmann weit höher seinen Scheitel erhebe, was vorhero kaum geglaubt wurde[29]. Leicht überzeugt man sich, daß es thöricht wäre, auf dieser Alpe, wo die drei Spitzen kaum eben so viele □ Klafter Fläche biethen, und bloß durch gedehnte Felsrücken mit einander zusammenhängen, Hunde den gewandten Gemsen, deren vier bei unserer Ankunft ihre geübten Sätze hinabproduzirten, nachzujagen.
[29] Die Aussicht, obgleich hier von einem höheren Punkte, wird doch von der auf der hohen Tauerwand folgenden Tags übertroffen. Ich verspare deren Schilderung demnach bis dahin.
Noch war ich erstaunt über jener Alpenwächter beflügelten Fuß, als mein Führer mit lautem: »Ich habs, ich habs!« mir freudig die Hand drückte, und bat zu gedulden, bis er wieder zurück komme. Ich glaubte er sey plötzlich verrückt, und wolle eine Gemse erhaschen; denn wirklich eilte er die nemlichen Pfade ins Watzmannthal mit halsbrecherischer Schnelle herab. Ich strebte so viel wie möglich ihm nach; vergebens, er hatte zu viele Vortheile! Unwillig über den komischen Menschen, und mich, der so planlos eine mit Schweiß errungene Höhe verließ, stand ich zögernd und sah in die tiefe Schlucht, worin Romoser sich bereits verlor. Da gewahrte ich etwas schwarz und weißes undeutlich, das Leben verrieth; mein Fernrohr ließ mich fünf Schafe zählen, denen bereits der arme Hirte auf Händ und Füssen zukletterte, und sie langsam auf besseren Weg brachte.
Gerne verzieh ich nun dem Guten seine Treue für das ihm anvertraute Vieh, war aber eben so wenig entschlossen, wieder umzukehren auf die Hundskopf-Spitze, als mich vielmehr der Entschluß beseelte, den Watzmann zu ersteigen.
Dieses strebte ich Romosern zu eröffnen, damit er mich durch Anweisungen dazu erfreue. Mein Wille scheiterte, eine Schlucht entzog mir ihn, oder er mußte anderweitigen Pfad eingeschlagen haben; ich tröstete mich darüber, und wollte seine mir versprochene Rückkehr auf einem Steine ruhend erwarten: da vergingen mir plötzlich die Augen; der Watzmann schien seine Schneedecke über mich zu breiten -- ich war einer Ohnmacht nahe. An Kraft erstorben, fiel ich der Länge nach auf den frostelnden Stein; mein letztes Stündchen drohte zu nahen. Die Nerven waren überspannt, das beinahe zweitagige Fasten, die schädlichen Folgen des gestrigen Falles und der schlaflosen Nacht, das viele Wassertrinken, und endlich beständiges Waten im Schnee, welches meine Füsse bis über die Knie in fortwährender Kaltnässe erhielt, mußte schädliche Folgen herbeiführen. Alles dieses hätte ich eher bedenken sollen, bevor sich mein Wunsch auf den Watzmann hinpflanzte. Ich bekenne diese Unvorsichtigkeit, um allenfällig Fußreisenden eine Warnung zu liefern, ihren Körpern nicht allzuviel aufzubürden, besonders wenn man nicht Gelegenheit hat, mit guter hinlänglicher Nahrung den Entgang der Kräfte zu ersetzen. Ich erholte mich endlich aus der Betäubung, die mehr Kolik war, und bemerkte, wie mein vierfüssiger Freund ängstlich und zugleich liebvoll mir Wangen und schneeige Hände küßte. Nichts hatte ich dem Treuen zu erwidern, und doch umsprang mich _Duna_ freudig, als er nur mein Aufstehen sah. Ich fühlte die Mattigkeit zu sehr, um noch auf mögliche Ersteigung des Watzmanns zu denken, betrachtete mit wahrer Wehmuth das von der kleinen Spitze niederblickende Kreuz, und wünschte zum erstenmale meines Lebens, recht tief von den Eisfelsen entfernt zu seyn.
Glücklich fand ich die Spuren des Herwanderns, sie waren höchst nothwendig! da sich nach meinem öfteren Rasten bereits Abendnebel um die Alpengipfel schlugen, und tiefer und dichter sich lagerten auf das zerklüftete Bett. Itzt sollte ich den Bergrücken erklimmen, welcher sondert vom grossen den kleineren Hundskopftod. Ich mußte, obgleich es schon dunkel zu werden begann, abermal ruhen: da hör ich poltern und Steine rollen; _Duna_ wird von mir zurückgehalten. Sechs Gemsen, ein alter Bock an ihrer Spitze, wollen vermuthlich im Abendwechsel ihrer Lagerstätte zueilen, sie muß irgendwo auf dieser Spitze bestehen. Klug wittert der Bock die Gefahr, ein Pfiff von ihm, dem eines Menschen ähnlich, warnet die Nachfolgenden, welche stillstehend ihren Weiser allein vorschreiten lassen. Hoch streckt er den Hals und späht, bis er mich ersieht, wornach dann ein zweiter stärkerer Pfiff seine Gefährten augenblicklich in Sicherheit jagt, er aber ebenfalls doch langsamer ihnen folgt.
Wer möge diesen Thierchen, in den Regionen zu Hause, wo nie des Frühlings-Blüthenzeit wärmt, wo kein Sommer die Hände mit Ernten füllt, wo ewig der Winter und frostelnde Herbst die stürmischen Wohnsitze bestreichen, diese Behutsamkeit vor Feinden, dieses Selbsterhaltungsgefühl eingeimpft haben? Menschen? O die lehren nicht immer das Gute! Aber du herrliche Natur, du bist es! welche die Gesammtzahl des lebenden Quodlibets mit gleich milden Blicke bewachst, jedem deiner natürlichen Unterthanen Kraft oder List genug schenkest, sich der Feinde zu erwehren und dankbar deiner zu freun!
»Wer so hold für Alle gesorgt, wird auch mich nicht sobald umkommen lassen.« Muth und Kraft durchfloß nach diesem Schlusse, meine Adern; rüstig sprang ich auf, als bekäm ich abermal Lust den Watzmann zu besiegen! Nicht achtete ich der Gedärme, die zu verschrumpfen oder aus dem Leibe zu fallen drohten; mich selbst tröstend versprach ich ihnen alle mögliche Pflege für die Zukunft und kletterte fort. Schon sah ich von der Höhe Romosers Hütte im Thale, es ward mir freudiger ums Herz; aber ich mochte noch eine Stunde hinbrauchen, und zwar über die fatalen Steinklüfte! Den widerlichen Tanz verwünschend, hörte ich plötzlich hinter mir rufen und schrein. »Etwa gar verzauberte Gemsen mit Menschenstimmen?« krittelte ich, und sah auf der Höhe den wackeren Romoser, der voll Freuden mich gefunden zu haben, mit »Gottlob endlich!« seine Worte begann. Werther noch als heute Morgens war mir dessen Erscheinen; ich bat ihn seine Lunge zu sparen, und lieber soviel möglich den besten Weg zur Hütte einzuschlagen. Das nützte aber nichts! Mit gutmüthiger Geschwätzigkeit versicherte er, mich auch dann noch aufgefunden zu haben, wenn ich in den Mittelpunkt der Erde gefallen wäre. Ich dankte für das nicht erwünschte Glück und lobte sein Talent; aber er war unermüdet im freudigen Geschwätz! Die gefundenen Schafe oder meine Wenigkeit mußten seinen ernsten Humor so lustig umstimmen; kurz er sang und trillerte, und brachte es am Ende so weit, daß ich selbst meine Plagen vergaß und wie betrunken einstimmte.
Nun erzählte er im konfusen Gemisch, wie er bald zwei Monate jene fünf Schafe vermißt, wie er meine Fußtritte erkannt, auf die Spuren von noch einigen Flüchtlingen, welche er morgen zu finden hoffe, gerathen, endlich wie gefährlich es für mich Abends auf den Gemsenwechseln hätte werden können, sowohl der unsicheren Tritte daselbst, als auch der um diese Zeit sich einfindenden Raubschützen wegen, welche verzweiflungsvoll jede Gelegenheit ergreifen, unerkannt zu bleiben oder Rache zu üben.
Wir hatten unterdeß die Hütte erreicht, ich mußte vorher, ihm Freude zu machen, zu den wohl verwahrten fünf _Deserteurs_ mich begeben, wo er mir ihre konservirten Körper mit zufriedenen Lächeln anfühlen ließ. Darauf trugen wir Jeder einige Stücke der morschen Schafstallhütten zur Feuerung in unsere Behausung. Das Mahl war und blieb auch dießmal äusserst frugal: schwarzes durch Kleie und Schimmel beinahe ungenießbares Brot in einer Maß Ziegenmilch aufgesotten. So weh es mir that, von seinem kleinen Besitz noch zu rauben, so konnte ich doch unmöglich widerstehen. Ich hatte durch die Strapatzen etwas an Appetit verloren, er schien aus Gutherzigkeit dasselbe mir vorzulügen, um -- auch meinem Hunde etwas abzugeben; erst bis er sich überzeugte, daß diese Wolfsrace trotz mehrtagigen Hungern nichts von _Vegetabilien_ annehme, glaubte er mir: daß _Duna_ bei sonstig roher Fleischnahrung, auch mitunter, gleich den wilden Thieren, vier Tage fasten könne, und verzehrte dann wohlgemuth den Rest seiner Milchsuppe.
Alpengewitter.
Manche Eigenschaft, Romosers Schafe betreffend, mußte ich noch anhören, um sie in nächster Minute zu vergessen, bis wir uns zur Ruhe begaben; doch nein, es war keine Ruhe! Fürchterlicher Nordost rollte aus des _Aeolus_ geöffneten Schlünden; die Brandfunken flohen in der Hütte um den Herd, und suchten vergebens sich ruhigere Plätze. Mächtig wehrte sich die kleine Thüre gegen den ungeheuern sie bestürmenden Feind; Knarren und Tönen machte ihre Noth uns kund; Romoser, der unterm Dache mit mir sein Kotzenlager theilte, stand auf, sie fester zu binden. »O weh, ein gewaltiger Schnee! werde heuer nicht glücklich mit der Herde hinüber nach Saalfelden kommen,« prophezeihete er, und kroch zurück, unter der Decke sich Wärme zu suchen. Ich war ganz kleinlaut; »schläft ihr?« begann er weiter. Ich verneinte es. »Nun, so müßt ihr wohl auch das Winseln vom Hundskopftod hören?« Schauder, mehr wegen der morgigen Wanderung, als des wirklich tollen Gebrülles, überlief mir den Rücken; ich hatte noch nie solch Wetter erlebt! Gewaltiger rüttelten die paar Zermbäume ihre riesigen Gestalten, sie kreischten und tobten! Jetzt mußte einer gesunken seyn dieser alten Streiter, denn das Echo dröhnte wundersam klagend nach dem gesunkenen Helden. Mehrere Steine warf der Sturm rasselnd vom beschwerten Hüttendache, sie erbebte, daß ich in ihr mich davon getragen wähnte; _Duna_ bellte, die Geissen unter uns mekten, und donnernd überlärmten sie Felsenstücke, welche sich ablösend, die Bahn brachen über zackige Wände herab, und durch ihre Schwere den gräßlichen Musikton der Alpen erzwangen. Selbst der abgehärtete Nomade konnte nicht schlafen, er frug mich immer um etwas, und ich war froh, daß er fragte, weil somit die Idee vom jüngsten Tage, der alle Menschen ihrer Bestimmung zuführt, noch nicht realisirt schien. Endlich begann er mich mit seinem Wissen zu quälen. Er erzählte nemlich, wie alljährig übern Winter die Hütte ganz verschneit werde, so zwar, daß man bisweilen im Frühlinge noch den Schnee ringsherum wegschaufeln müsse, und dieses sich auch schon einige Male während ihrer Bewohnung im Herbste ereignete; jedoch kämen die Bauern nach einigen Tagen um so gewisser auf Schneereifen zu Hülfe, als sie die zunehmende Gefahr ahnden. Ich versicherte geradezu, dieß könne gegenwärtig durchaus nicht eintreffen; er glaubte mir und schien beruhigt. Hundertmal hätte ich ihn noch angesprochen, aber ich fürchtete wieder sein Todten-Lamento; und so vermied ich jeden Laut und stellte mich schlafend. Endlich aber hatte ich genug; der Schnee drang, vom Winde gejagt, durch die zahlreichen Fugen der Dachbreter auf Decken und Haupt. Dieß zu ertragen, schien mir bei dieser elenden Lagerstätte nicht nothwendig; ich stieg herab und machte wieder Feuer.
Mich halb bratend an demselben, brachte ich bei Kerzen und Kienspähnen, die Ereignisse der letzteren Tage zu Papier, bis der Morgen erschien. Es war weniger Schnee als ich fürchtete, aber immer noch der gräßliche Sturm, welcher bald hier bald dort aus selben Schanzen baute, und sie abbrechend wieder auf andere Bergwände hinpflanzte.
Interessant müßte hier, bei gehöriger Nahrung und sicherem Obdache, das Studium über Entstehung und Wachsen der Lavinen seyn; wenn ja solche Momente Kaltblütigkeit genug zu faßlichen Bemerkungen biethen.
Der größte Zermbaum und nächste an der Hütte, hatte sich wirklich in dieser Nacht zur ewigen Ruhe begeben, bleiern lag der herrliche Stamm, während in seine abgesprungenen Aeste die Winde sich theilten; es fiel der Hohe, nicht durch Schwäche, sondern durch die Zeugen seiner Macht, welche ihn zu Boden drückten und dann werthlos entflohen. Mehrere Stunden hatte ich keine Hoffnung, meinen Fortmarsch zu beginnen; endlich legte sich der Sturm, und Romoser, mich eine Strecke begleitend, wies mir mitten im Felsenthale den schwarz markirten, zwischen Kalkgerölle eingesenkten Gränzstein, der kaum einen Schuh vorragend, doch so wesentliche Rolle spielt. Ich war nun auf salzburgischen Boden. Der gutmüthige Hirte bat mich, ihm zur Beruhigung, daß ich glücklich die
hohe Weisbach oder Tauernwand
erstiegen, oben einige Schüsse als Signal zu opfern; geschähe dieses innerhalb längeren Zeitraumes von ohngefähr zwei Stunden nicht: so würde er, für mich Unglück befürchtend, soviel es die kritischen Umstände erlauben, bald nachzukommen trachten, wenn auch darüber seine Schafe Schaden litten! Wer sollte diesem Menschen, wenn er wie er hier aussieht, einer Stadt sich nahete, so viel inneren Werth, so viel Seelengrösse zutrauen? Mit Rührung nahm ich Abschied von Romoser, wie von einem Freunde, den mich jahrelanger Umgang schätzen lehrte.
Nicht ausser Acht ließ ich die aufgerichteten Steinhäufchen, neben denen man leichter zur Höhe gelangt; obgleich mich öfteres Einsinken in Schnee bis an die Brust, auf Gedanken von Irrwegen brachte. Das Kreuz über der hohen Wand, und die darneben wie ein Männchen errichtete Steinfigur, waren meine Aufmunterer, wenn ich halb verzagt und unwillig, mich in Schnee nicht niedersetzen zu können, diese romantische Plage verwünschte. Dieß ging noch hin; als ich aber zwischen dem trugvollen Schneeweg der steilen Wand, von der Linken zur Rechten, mehrere Gruben fand, in denen hinabrutschend mir die lockeren Pflaumen kein Anhaltspunkt wurden, sondern mich beinahe erstickt hätten, wollte ich einige Male die Last, welche meine Brust preßte, und vorzügliches Hinderniß des schlechten Fortkommens schien, wegwerfen; aber das Gewehr ausgenommen, (welches überdieß ein werthvolles Angedenken war,) konnte ich ohne der andern Pagage meine Reise nimmer fortsetzen; alles mußte erhalten werden, um alles zu gewinnen. Dem _Duna_ ging es noch schlechter, obgleich von der größten Gattung, sah ich ihn doch nie, ausser herabpurzeln in Schnee, um wieder die Höh zu erklettern. Ich begreife nicht, wie Schafe, bei ähnlichen Hindernissen über diese Tauerwand gelangen können! Das beständige Durcharbeiten im Schnee, die ängstliche Sorge, in demselben abglitschend zu erfallen oder auf immer begraben zu werden, brachte mich dermassen in Schweiß, daß ich bei geringstem Stillstande todt umzusinken fürchtete. Aber der beste Wille fruchtet nichts, wo die Kraft mangelt; ich mußte mich zeitweis erholen! Da sah ich, wie mit wildem Gekrächze von des Teufelshorns düsterem Felsenthale, ein Rabenschwarm sich hinschwang über die mageren Winterspitzen, wo nichts mehr für ihren Scharfblick zu finden, in die Gegend meiner Wünsche, weit von der Tauernwand, dort die Tafel zu finden! Neidvoll um ihre Schnelle, die sie überall in Sicherheit bringt, blickte ich ihnen nach, bis sich deren fittige Zahl mit einem schwarzen Streife entzog. Zum ersten Male hatte ich mir eines Thieres Gabe gewünscht; aber der Augenblick und die Veranlassung dazu, werden mir ewig merkwürdig bleiben. Unterdeß war ich doch der schroffen Wandspitze genahet. Sonderbar grinset zur Rechten eine kleine Felsenhöhle mit zwei holzbemalten Bildern; Eiszapfen kristallisiren deren zerklüftetes Gestein, und hartgedrückter Schnee könnte dem Wanderer einen Sitz biethen, wenn er hier Muse zur Ruhe fände. Das ältere Bild zeigt, wie vier Männer auf dieser Alpe vom Schnee verschüttet, und zwei derselben in die Ewigkeit befördert wurden. Das andere jünger und besser gemalte, beweiset die Rachelust eines Gemsenjägers, wodurch er seinen Rivalen (der Abbildung gemäß, wahrscheinlich auf dem Schoppmol,) durch einen Meuchelmörderschuß auf immer des Jagens enthob, und sich zum Herrscher dieser Höhen frevelte. Nirgends mögen dergleichen Scenen in unpassenderen Oertern verewiget werden, als wo die Umgebung schon so sehr dem Unglücke zuspricht. Einige Klafter höher endet die lästige Tauernwand mit scharfer Schneide, so zwar, daß sie dachartig, aber steiler, allsogleich wieder hinabführt nach Saalfelden. Die Ueberraschung, welche sich hier aus dem grellen Unterschiede der Landschaftskleidung entwickelt, könnte man Zauberwerk nennen; wenigstens weiß ich ihr keinen andern Ausdruck zu geben. Sommer und Winter, enge sich paarend, und geschieden bloß durch diese Felsenkante, locken und drohen dem staunenden Wanderer in gleichem Grade. Zwar besitzt auch der obere Theil der Salzburger-Tauern-Höhe in seinen Rissen oder Vertiefungen hinlängliche Schnee-Vorrathskammern, zur Speisung kristallener Flüsse; aber etwas tiefer und ringsherum, entsteiget der besser gewordenen Erde Versöhnungsopfer. Nächst dem balsamischen Kräutergrün und Alpengebüschen, ringen höher und stolzer um den Preis, pyramidige Lärchen und Tannen; manche Sennerei, manch freundliches Hüttendach hat sich dazwischen auf blumigtem Streif ein Plätzchen gewählt; sanft sprichts den Willkommsgruß dem Fremden. Sprudelnd eilen die Wässerchen, in Minuten zu Bächen gereift, die kürzesten Wege hinab, den ferne glänzenden Zellersee mit kalten Wellen zu erfrischen; die Lüfte ziehen wärmer, Schatten schmücket die Pfade, vielfach theilt sich das Grün der wonnigen Flur, über welche hier eine Herde Ziegen ihre Sprünge versucht, dort wohlgenährte Kühe im Scherzkampf mit einander sich tumeln. Sanft wiegen sich schon wieder auf elastischen Laubzweigen die munteren Sänger des Forstes, dessen heiliges Dunkel sie schützt vor des Raubgefieders tödtendem Blick. Saalfelden tief im Thale versenkt, von silbernen Bächen und ähnlichen Weiden geziert, glänzt von Azur und goldigem Schmuck, den die Natur so zu mischen nur weiß! Noch kleiner, Punkt ähnlich werden die Häuschen der ferneren Ortschaften; kaum hinreichend scheinen sie das Glück braver Familien zu umschliessen -- wenn dasselbe nur immer groß und stolzirend aussehen müßte!
Flächer lagern sich die Wolken auf die verbrämten Alpengipfel; sie entziehen dem Blicke nicht das Freie, sondern begünstigen die Uebersicht, weil die glühenden Sonnenstrahlen auf den Gletscherspitzen sich reflecktirend, durch jenen Schleier das Auge weniger blenden.
Somit prüft man im halben Abenddunkel die Spitzen und Tauern, Kogeln und Hörner und alle jene Riesen, welche in Kolonnen aufgestellt von Anbeginn der Welt bei allen Revolutionen und Feindseligkeiten der Erde ihren Rang und ihre Würde behaupteten. Froh weihet der Pilger diesen Helden die erzwungene Ehrfurcht, indem er so glücklich war, über sie die Musterung zu passiren!
Nun wendet er das Antlitz, um seiner Eigenliebe mit der Menge von Hügeln und Bergen zu schmeicheln, welche seine Kraft bei der Herreise besiegte. Aber fort! -- denn hier kann sich die Phantasie nimmer gefallen! Nichts als ein Thal, wüst und schneeig, der Hundskopftod, Watzmann, Königsberg und alle die Bekannten von gestern sind darum aufgethürmt, für Ewigkeit den Sommer einen Durchgang zu versagen; pfadlos grinsen die Felsen, dichter die Lavinen, breiter und unruhiger die Glätscherbäche, man widerspricht sich, darüber je hergewandert zu seyn! Aber unten fleht aus schneeigem Beet Romosers Hüttchen um Erinnerung; dann erkenne ich den ehrlichen Hirten, wie er der Tauernwand genaht das Losungszeichen erwartet, und nach meinem ersten Schusse ein blaues Tuch auf seinem Stabe schwingt; später erst bringt mir die säuselnde Luft einige Töne seines Freudenrufes herauf. Rechts auf den Wänden der Weisbachalpe, wo gleichfalls die grüne Farbe ein Fremdling, überraschen mich die Uebungsspiele der Gemsen. Meine Schüsse mögen sie aus der Nähe verscheucht haben, zufällig sah ich mit dem Fernrohre, wie sie auf einer Felsenspitze sich sammelten, von da über die Schneewand auf den Hintertheilen pfeilschnell hinabruschten, und die Höhe abermal erklimmend, dieselbe Fahrt wiederholten. Deutlich konnte ich unterscheiden, wie einige dieser Gymnastiker, entweder zu jung oder ungeschickt, sich überwarfen, Zwei aber oben herumspringend, sich gar nicht hinabwagten. Wäre ich mit den Eigenschaften und Naturkünsten dieser Thiere nicht schon etwas bewandert, so hätte ich seltsam zu träumen vermuthet! Nun riefen mich Tantalus Qualen von dannen; aber die Hoffnung, sie die herrliche Göttin! sprach Trost im nährenden Thale! Ich konnte so kalt von der Stelle nicht scheiden, wie der Schnee, welcher unter meinen Füssen schwand. Am Malnitzer-, Heiligenbluter-, Radstädter-, und auf den übrigen Tauern können Pferde dem Wanderer nützen, hier vermag er nur sich selbst zu helfen, wenn ihm die Kraft nicht erstirbt, oder der Muth ihn nicht verläßt. Ach wie Viele (beschloß ich mein Selbstgespräch) gingen von hier dem schnellen Tode entgegen, und du bist geborgen, und gewarnt zugleich! Schnell nahm ich mehrere lose Kalksteintrümmer, erhöhte damit die kleine Signalsäule, welche mich leitete vom schneeigem Thale herauf, legte mit aller Anstrengung eine breite schieferähnliche Platte dazwischen, und schrieb auf deren Fläche mit schwarzer Oehlfarbe:
„Frisch o Pilger! unverzagt Sey der Weg zum Ziel gewagt! Leicht errungen ist der Preis, Wenn man ihn zu schätzen weiß.“
Dieser Zeiger, nun bei sechs Schuhe hoch, dachte ich könne eher dem Wanderer in der Ferne sich kennbar machen, als das kleine aus Lattenholz aufgestellte Kreuz daneben, welches etwas mehr Schnee ohnedieß ganz zudeckt. Die Worte, wenn sie ein Vorbeikommender zu lesen vermag, sollen seinen Geist ermuthigen, ganz Profane mögen in diesen Hieroglyphen Bibelsprüche vermuthen, und sich bekreuzigend ebenfalls Beruhigung fühlen.
Langsam konnte ich nur abwärts gelangen, denn wie ich einen Schritt machte, gleitete ich mehrere nach, so glatt oder so steingeröllig ist der schroffe Pfad. In der Ueberzeugung, Niemanden mit dem Fernrohr gesehen zu haben, der heraufzuklettern strebte, machte ich mir das seltene Vergnügen, ein Paar grosse Steine geflissentlich von ihren lockeren Plätzen zu rücken. Knirschend, prasselnd donnerten sie herab, auf ihrem fürchterlichen Fluge Hunderte von schwereren Steinklumpen entlösend, die kleineren gar nicht zu zählen, welche wie ein Schlachtgeheul ihr Gepolter trieben, während die größten mit Kanonenstimme das Gewehrfeuer übertönten, und die Alpenmassen rüttelten. In weiten Zügen folgte ihnen der aufgerissene Schnee aus den Klüften, und das Erdreich, wo sie es fanden, wirbelte zu Staub sich in die Luft, bis eine tiefe Grube oder feste Wand sie bezähmte; minutenlang rollte sonach das Echo in den Gebirgsthälern umher, wie das drohende Murren der Völker zum Aufruhr.
Nun hatte ich die gefährlichste Passage zurückgelegt, ich befand mich bei einer Sennhütte auf kleiner Wiesenfläche; schon hatten sich deren Bewohner in die wärmere Tiefe geflüchtet; sie both nun nichts als Schutz wider Regen, und dessen bedurfte ich nicht. Bald darauf ergetzte mich klares Trinkwasser -- ein geringer Fund, aber von grossem Werthe, wenn man es sucht!
Die übernassen Stiefel wechselte ich mit Schuhen, um wieder ein trockenes Fleckchen an mir zu fühlen, und leichter den besseren Weg fortzuschreiten. Dieser bog sich nun in finsteres Nadelholz, das zum Theile durch die Axt viel Unfug erlitt. Wohlwissend, daß, wenn ich dieser ungeheueren Baumschule der Natur mich endlich entwunden, auch die bekannten Gränznachbarn meiner Alpe sich längst von mir getrennt haben würden, suchte ich sie mit wehmüthigen Blicken mir erinnerlich zu erhalten, für die tiefe Fremde, wohin sie stolzer niederspötteln würden. Eben schmückte sie des Mittags feuriges Roth, der Abglanz ihres Scheitels wirkte auf deren hohe Figur, sie schienen nicht was sie waren. -- Wo Rosen und Lilien der holden Braut so schön am Antlitze wechseln, und heiter der Blick zum Erkohrnen spricht; da suchet wohl Niemand den häßlichen Fleck, wo mancher Gattin Mißlaune einst wurzelt!