Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2)

Part 9

Chapter 93,600 wordsPublic domain

Die folgende Nacht logirten wir in einem Quartier, darin wenig zum besten war, allwo mich der Obristleutenant zwang, zu Revanche seiner Schmach, wie ers nennete, seine viehische Begierden zu vollbringen, worbei doch (pfui der schändlichen Thorheit) weder Lust noch Freud sein konte, indem er mir an statt der Küß, ob ich mich gleich nit sonderlich sperret, nur dichte Ohrfeigen gab. Den andern Tag rissen sie unversehens aus wie die flüchtige Hasen, hinter denen die Windhund herstreichen, also daß ich mir nichts anders einbilden konte, als daß sie der Tilly jagte, wiewol sie nur flohen aus Forcht gejagt zu werden. Die zweite Nacht fanden sie Quartier, da der Bauer den Tisch deckte. Da lude mein tapferer Held von Officiern seines Gelichters zu Gast, die sich durch mich mit ihm verschwägern musten, also daß meine sonst ohnersättliche fleischliche Begierden dermalen genugsam contentirt wurden. Die dritte Nacht, als sie den ganzen Tag abermal gelassen waren, als wann sie der Teufel selbst gejagt, gieng es mir gar nit besser, sondern viel ärger; dann nachdem ich dieselbe kümmerlich überstanden und alle diese Hengste sich müd gerammelt hatten (pfui, ich schämte michs beinahe zu sagen, wann ichs dir, Simplicissime, nit zu Ehren und Gefallen thäte), muste ich auch vor der Herren Angesicht mich von den Knechten treffen lassen. Ich hatte bißher alles mit Geduld gelitten und gedacht, ich hätte es hiebevor verschuldet; aber da es hierzu kam, war mirs ein abscheulicher Greuel, also daß ich anfieng zu lamentiren, zu schmälen und Gott um Hülf und Rach anzurufen. Aber ich fande keine Barmherzigkeit bei diesen viehischen Unmenschen, welche aller Scham und christlichen Ehrbarkeit vergessen mich zuerst nackend auszohen, wie ich auf diese Welt kommen, und ein paar Handvoll Erbsen auf die Erden schütten, die ich auflesen muste, worzu sie mich dann mit Spießruthen nöthigten. Ja sie würzten mich mit Salz und Pfeffer, daß ich gumpen und plützen[92] muste wie ein Esel, dem man ein Handvoll Dorn oder Nesseln unter den Schweif gebunden; und ich glaube, wann es nicht Winterszeit gewesen wäre, daß sie mich auch mit Brennesseln gegeißelt hätten.

Hierauf hielten sie Rath, ob sie mich den Jungen preis geben, oder mir als einer Zauberin den Proceß durch den Henker machen lassen wollten. Das letzte, bedunkte sie, gereiche ihnen allen zu schlechter Ehr, weil sie sich meines Leibs theilhaftig gemacht. Zudem sagten die Verständigste (wann anders diese Bestien auch noch ein Fünklein des menschlichen Verstands gehabt haben), wann man ein solche Procedur mit mir hätte vornehmen wollen, so solte mich der Oberstleutenant gleich anfangs unberührt gelassen und in die Hände der Justitz geliefert haben. Also kam das Urtheil heraus, daß man mich den Nachmittag (dann sie lagen denselben Tag in ihrer Sicherheit still) den Reuterjungens preisgeben solte. Als sie sich nun des elenden Spectaculs des Erbsenauflesens satt gesehen, dorfte ich meine Kleider wieder anziehen, und da ich allerdings damit fertig, begehrte ein Cavalier mit dem Obristleutenant zu sprechen, und das war eben derjenige Rittmeister, den ich vor Lutter gefangen bekommen; der hatt von meiner Gefangenschaft gehört. Als dieser den Obristleutenant nach mir fragte und zugleich sagte, er verlange mich zu sehen, weil ich ihn vor Lutter gefangen, führete ihn der Obristleutenant gleich bei der Hand in das Zimmer und sagte: »Da sitzt die Carania[93]; ich will sie jetzt strack den Jungen preisgeben.« Dann er nicht anders vermeinte, als der Rittmeister würde sowol als er ein grausame Rach an mir üben wollen. Aber der ehrliche Cavalier war ganz anders gesinnet. Er sahe mich kaum so kläglich dort sitzen, als er anfieng mit einem Seufzen den Kopf zu schütteln. Ich merkte gleich sein Mitleiden, fiele derowegen auf die Knie nieder und bat ihn um aller seiner adelichen Tugenden willen, daß er sich über mich elende Dame erbarmen und mich vor mehrerer Schand beschirmen wolte. Er hub mich bei der Hand auf und sagte zu dem Oberstenleutenant und seinen Cameraden: »Ach, ihr rechtschaffene Brüder, was habt ihr mit dieser Damen angefangen?«

Der Obersteleutenant, so sich bereits halber bierschellig gesoffen, fiele ihm in die Red und sagte: »Was, sie ist eine Zauberin!« »Ach mein Herr verzeihe mir«, antwortet der Rittmeister; »so viel ich von ihr weiß, so bedunkt mich, sie sei des tapfern alten Grafen von T.[94] seiner leiblichen Frauen Tochter, welcher rechtschaffene Held bei dem gemeinen Wesen Leib und Leben, ja Land und Leut aufgesetzt, also daß mein gnädigster König nicht gut heißen wird, wann man dessen Kinder so tractirt, ob sie gleich ein paar Officier von uns auf die kaiserliche Seiten gefangen bekommen. Ja ich dörfte glauben, ihr Herr Vatter richtet auf diese Stunde in Ungarn noch mehr wider den Kaiser aus, als mancher thun mag, der eine fliegende Armada gegen ihn zu Felde führet.« »Ha«, antwortet der flegelhaftige Oberstleutenant, »was hab ich gewust? Warum hat sie das Maul nicht aufgethan?«

Die andern Officier, welche den Rittmeister wol kanten und wusten, daß er nicht allein von einem hohen dänischen Geschlecht, sondern auch bei dem König in höchsten Gnaden war, baten gar demüthig, der Rittmeister wolte diß übersehen, als eine geschehene Sach zum besten richten und vermittlen, daß sie hierdurch in keine Ungelegenheit kämen; dahingegen obligirten sie sich, ihme auf alle begebende Gelegenheit mit Darsetzung Guts und Bluts bedient zu sein. Sie baten mich auch alle auf den Knien um Verzeihung; ich konte ihnen aber nur mit Weinen vergeben. Und also kam ich, zwar übel geschändt, aus dieser Bestien Gewalt in des Rittmeisters Hände, welcher mich weit höflicher zu tractiren wuste; dann er schickte mich alsobalden, ohne daß er mich einmal berührt hatte, durch einen Diener und einen Reuter von seiner Compagnia in Dänemark auf ein adelich Haus, das ihm kürzlich von seiner Mutter Schwester erblich zugefallen war, allwo ich wie eine Princessin unterhalten wurde; welche unversehene Erlösung ich beides meiner Schönheit und meiner Säugamme zu danken, als die ohne mein Wissen und Willen dem Rittmeister mein Herkommen verträulich erzählt hatte.

FUSSNOTEN:

[92] =plitzen=, =plützen=, plutzen, niederfallen.

[93] =Carania=, ital. ~carogna~, Luder, liederliches Weib.

[94] Vgl. die Einleitung.

Das dreizehnte Capitel.

Was vor gute Täge und Nächte die gräflich Fräulin im Schloß genosse, und wie sie selbige wieder verloren.

Ich pflegte meiner Gesundheit und bähete mich aus, wie einer, der halb erfroren aus einem kalten Wasser hinter einem Stubenofen oder zum Feuer kommt; dann ich hatte damals auf der Welt sonst nichts zu thun, als auf der Streu zu liegen und mich wie ein Streitpferd im Winterquartier auszumästen, um auf den künftigen Sommer im Feld desto geruheter zu erscheinen und mich in den vorfallenden Occasionen desto frischer gebrauchen zu lassen. Davon wurde ich in Bälde wieder ganz heil, glatthärig und meines Cavaliers begierig. Der stellte sich auch bei mir ein, ehe die längste Nächt gar vergiengen, weil er der lieblichen Frühlingszeit so wenig als ich mit Geduld erwarten konte.

Er kame mit vier Dienern, da er mich besuchte, davon mich doch nur der eine sehen dorfte, nämlich derjenige, der mich auch hingebracht hatte. Es ist nicht zu glauben, mit was vor herzbrechenden Worten er sein Mitleiden, das er mit mir trug, bezeugete, um daß ich in den leidigen Wittibstand gesetzt worden, mit was vor großen Verheißungen er mich seiner getreuen Dienste versicherte, und mit was vor Höflichkeit er mir klagte, daß er beides mit Leib und Seel vor Lutter mein Gefangner worden wäre.

»Hochgeborne schönste Dam«, sagte er, »dem Leib nach hat mich mein Fatum zwar gleich wieder ledig gemacht und mich doch in übrigen ganz und gar eueren Sclaven bleiben lassen, welcher jetzt nichts anders begehrt und darum hieher kommen, als aus ihrem Munde den Sentenz zum Tod oder zum Leben anzuhören; zum Leben zwar, wann ihr euch über eueren elenden Gefangenen erbarmet, ihn in seinem schweren Gefängnus der Liebe mit tröstlichem Mitleiden tröstet und vom Tod errettet, oder zum Tod, wann ich ihrer Gnad und Gegenliebe nicht theilhaftig werden oder solcher euerer Liebe unwürdig geschätzt werden solte. Ich schätzte mich glückselig, da sie mich wie ein andere ritterliche Penthesilea[95] mitten aus der Schlacht gefangen hinweg geführt hatte; und da mir durch äußerliche Lediglassung meiner Person meine vermeintliche Freiheit wieder zugestellt wurde, hube sich allererst mein Jammer an, weil ich diejenige nicht mehr sehen konte, die mein Herz noch gefangen hielte, zumalen auch kein Hoffnung machen konte, dieselbe wegen beiderseits wider einander strebenden Kriegswaffen jemals wiederum ins Gesicht zu bekommen. Solchen meinen bißherigen elenden Jammer bezeugen viel tausend Seufzer, die ich seithero zu meiner liebwürdigen Feindin gesendet, und weil solche alle vergeblich in die leere Luft giengen, geriethe ich allgemach in Verzweifelung und wäre auch ----«

Solche und dergleichen Sachen brachte der Schloßherr vor, mich zu demjenigen zu persuadirn, wornach ich ohne das so sehr als er selbst verlangte. Weil ich aber mehr in dergleichen Schulen gewesen und wol wuste, daß man dasjenige, was einem leicht ankommt, auch gering achtet, als stellte ich mich, gar weit von seiner Meinung entfernt zu sein, und klagte hingegen, daß ich im Werk befande, daß ich sein Gefangner wäre, sintemal ich meines Leibs nit mächtig, sondern in seinem Gewalt aufgehalten würde. Ich müste zwar bekennen, daß ich ihm vor allen andern Cavalieren in der ganzen Welt zum allergenauesten verbunden, weilen er mich von meinen Ehrenschändern errettet, erkennete auch, daß mein Schuldigkeit seie, solche ehrliche und lobwürdige Rach wieder gegen ihm mit höchster Dankbarkeit zu beschulden; wann aber solche meine Schuldigkeit unter dem Deckmantel der Liebe mit Verlust meiner Ehr abgelegt werden müste, und daß ich eben zu solchem Ende an dieses Ort gebracht worden wäre, so könte ich nicht sehen, was er bei der ehrbarn Welt vor die beschehene ruhmwürdige Erlösung vor Ehr und bei mir vor einen Dank zu gewarten, mit demütiger Bitte, er wolle sich durch eine That, die ihn vielleicht bald wieder reuen würde, keinen Schandflecken anhenken, noch dem hohen Ruhm eines ehrliebenden Cavaliers den Nachklang zufreien[96], daß er ein armes verlassenes Weibsbild in seinem Hause wider ihren Willen &c. Und damit fieng ich an zu weinen, als wann mirs ein lauterer gründlicher Ernst gewesen wäre, nach dem alten Reimen:

Die Weiber weinen oft mit Schmerzen, Gleich als gieng es ihn von Herzen; Sie pflegen sich nur so zu stellen Und können weinen, wann sie wöllen.

Ja, damit er mich noch höher ästimiren solte, bote ich ihm 1000 Reichsthaler vor meine Ranzion an, wann er mich unberührt lassen und mich wiederum zu den Meinigen sicher passieren lassen wolte. Aber er antwortet, seine Liebe gegen mir sei so beschaffen, daß er mich nicht vor das ganze Königreich Böhmen verwechseln könte; zu dem seie er seines Herkommens und Standes halber mir gar nit ungleich, daß es eben etwan wegen einer Heurath zwischen uns beiden viel Difficultäten brauchen solte. Es hatte mit uns beiden natürlich ein Ansehen, als wann ein Täubler irgend einen Tauber und eine Täubin zusammen sperret, daß sie sich paaren sollen, welche sich anfänglich lang genug abmatten, biß sie des Handels endlich eins werden. Eben also machten wirs auch, dann nachdem mich Zeit sein bedunkte, ich hätte mich lang genug widersetzt, wurde ich gegen diesem jungen Buhler, welcher noch nicht über zweiundzwanzig Jahr auf sich hatte, so zahm und geschmeidig, das ich auf seine güldene Promessen in alles einwilligte, was er begehrte. Ich schlug ihm auch so wol zu, daß er einen ganzen Monat bei mir bliebe; doch wuste niemand warum als obgemeldter einiger Diener und eine alte Haushofmeisterin, die mich in ihrer Pfleg hatte und E. Gräfl. Gnaden tituliren muste. Da hielte ich mich, wie das alte Sprichwort lautet:

Ein Schneider auf eim Roß, Ein Hur aufm Schloß, Ein Laus auf dem Grind -- Seind drei stolzer Hofgesind.

Mein Liebhaber besuchte mich denselben Winter gar oft, und wann er sich nicht geschämt hätte, so glaub ich, er hätte den Degen gar an einen Nagel gehenkt; aber er muste beides seinen Herren Vattern und den König selbst scheuen, als der sich den Krieg, wiewol mit schlechtem Glück, ernstlich angelegen sein ließe. Doch macht ers mit seinem Besuchen so grob und kam so oft, daß es endlich sein alter Herr Vatter und Frau Mutter merkten und auf fleißig Nachforschen erfuhren, was er vor einen Magnet in seinem Schloß heimlich aufhielte, der seine Waffen so oft aus dem Krieg an sich zoge. Derowegen erkundigten sie die Beschaffenheit meiner Person gar eigentlich und trugen große Sorge für ihren Sohn, daß er sich vielleicht mit mir verplempern und hangen bleiben möchte an einer, davon ihr hohes Hause wenig Ehr haben konte. Derowegen wolten sie ein solche Ehe beizeiten zerstören, und doch so behutsam damit umgehen, daß sie sich auch nicht an mir vergriffen, noch meine Verwandte vor den Kopf stießen, wann ich etwan, wie sie von der Haushofmeisterin vernommen, von einem gräflichen Geschlecht geboren sein und ihr Sohn auch mir allbereit die Ehe versprochen haben solte.

Der allererste Angriff zu diesem Handel war dieser, daß mich die alte Haushofmeisterin gar verträulich warnete, es hätten meines Liebsten Eltern erfahren, daß ihr Herr Sohn eine Liebhaberin heimlich enthielte, mit derer er sich wider ihrer, der Eltern, Willen zu verehelichen gedächte, so sie aber durchaus nicht zugeben könten, dieweil sie ihn allbereit an ein fast hohes Haus zu verheurathen versprochen; wären derowegen gesinnet, mich beim Kopf nehmen zu lassen; was sie aber weiters mit mir zu thun entschlossen, seie ihr noch verborgen. Hiermit erschreckte mich zwar die Alte, ich ließe aber meine Angst nicht allein nicht merken, sondern stellte mich darzu so freudig, als wann mich der große Moger[97] aus India wo nit beschützen, doch wenigst revanchiren würde, sintemal ich mich auf meines Liebhabers große Liebe und stattliche Verheißung verlassen, von welchem ich auch gleichsam[98] alle acht Tage nit nur bloße liebreiche Schreiben, sondern auch jedesmal ansehenliche Verehrungen empfieng. Dargegen beklagte ich mich in Widerantwort gegen ihm, wes ich von der Haushofmeisterin verstanden[99], mit Bitt, er wolte mich aus dieser Gefahr erledigen und verhindern, daß mir und meinem Geschlecht kein Spott widerführe. Das End solcher Correspondenz war, daß zuletzt zween Diener, in meines Liebhabers Liberei gekleidet, angestochen kamen, welche mir Schreiben brachten, daß ich mich alsobalden mit ihnen verfügen solte, um mich nacher Hamburg zu bringen, allda er mich, es wäre seinen Eltern gleich lieb oder leid, offentlich zur Kirchen führen wolte; wann alsdann solches geschehen wäre, so würden beides Vatter und Mutter wol ja sagen und als zu einer geschehenen Sach das Beste reden müssen. Ich war gleich fix und fertig, wie ein alt Feuerschloß, und ließe mich so Tags so Nachts erstlich auf Wismar und von dannen auf gedachtes Hamburg führen, allda sich meine zween Diener abstohlen und mich so lang nach einem Cavalier aus Dänemark umsehen ließen, der mich heurathen würde, als ich immer wolte. Da wurde ich allererst gewahr, daß der Hagel geschlagen und die Betrügerin betrogen worden wäre. Ja mir wurde gesagt, ich möchte mit stillschweigender Patienz verlieb nehmen und Gott danken, daß die vornehme Braut unterwegs nicht in der See ertränkt worden wäre, oder man sei auf des Hochzeiters Seiten noch stark genug, mir auch mitten in einer Stadt, da ich mir vielleicht ein vergebliche Sicherheit einbilde, einen Sprung[100] zu weisen, der einer solchen gebühre, worvor man wüste daß ich zu halten sei. Was solt ich machen? Mein Hochzeiterei, meine Hoffnung, meine Einbildungen und alles, worauf ich gespannet[101], war dahin und mit einander zu Grund gefallen. Die verträuliche liebreiche Schreiben, die ich an meinen Liebsten von einer Zeit zur andern abgehen lassen, waren seinen Eltern eingeloffen, und die jeweilige Widerantwortbriefe, die ich empfangen, hatten sie abgeben, mich an den Ort zu bringen, da ich jetzt saße und allgemach anfienge mit dem Schmalhansen zu conferirn, der mich leichtlich überredete, mein täglich Maulfutter mit einer nächtlichen Handarbeit zu gewinnen.

FUSSNOTEN:

[95] =Penthesilea=, Tochter des Ares und der Otrera, Königin der Amazonen, bei Pausanias und Quint. Smyrn.; vgl. auch Ovid, ~Heroid~., Ep. 21. V. 118. Sie kam den Troern zu Hülfe, wurde aber von Achilleus getödtet, der, als er sie sterben sah, von Liebe erfüllt wurde.

[96] =zufreien=, verbinden mit, hinzufügen.

[97] =Moger=, Mogor, Mogul.

[98] =gleichsam=, fast, beinahe, =schier=, in dieser letzten Bedeutung öfter bei Grimmelshausen.

[99] =verstehen= ~c. genet.~, von etwas verständigen, unterrichten.

[100] =einen Sprung weisen=, wie: die Wege weisen.

[101] =spannen=, abzielen.

Das vierzehnte Capitel.

Was Courage ferners anfieng, und wie sie nach zweier Reuter Tod sich einem Musquetierer theilhaftig machte.

Ich weiß nit, wie es meinem Liebhaber gefallen, als er mich nicht wieder in seinem Schlosse angetroffen, ob er gelacht oder geweint habe. Mir wars leid, daß ich seiner nicht mehr zu genießen hatte, und ich glaub, daß er auch gern noch länger mit mir vorlieb genommen hätte, wann ihm nur seine Eltern das Fleisch nicht so schnell aus den Zähnen gezogen. Um diese Zeit überschwemmte der Wallensteiner, der Tilly und der Graf Schlick ganz Holstein und andere dänische Länder mit einem Haufen kaiserlicher Völker wie mit einer Sündflut, deren die Hamburger so wol als andere Ort mit Proviant und Munizion aushelfen musten. Dannenhero gab es viel Aus- und Einreutens und bei mir ziemliche Kundenarbeit. Endlich erfuhre ich, daß meine angenommene Mutter sich zwar noch bei der Armee aufenthielte, hingegen aber alle meine Bagage biß auf ein paar Pferde verloren, welches mir den Compaß gewaltig verruckte. Es schlug mir in Hamburg zwar wol zu, und ich hätte mir mein Lebtage kein bessere Händel gewünscht. Weil aber solche Fortuna nicht länger bestehen konte, als so lang das Kriegsvolk im Land lag, so muste ich bedacht sein, mein Sach auch anders zu karten. Es besuchte mich ein junger Reuter, der bedeuchte mich fast liebwürdig, resolut und bei Geldmitteln zu sein. Gegen diesem richtet ich alle meine Netz und unterließe kein Jägerstücklein, biß ich ihn in meine Strick brachte und so verliebt machte, daß er mir Salat aus der Faust essen mögen ohne einigen Ekel. Dieser versprach mir bei Teufelholen die Ehe und hätte mich auch gleich in Hamburg zur Kirchen geführt, wann er nicht zuvor seinem Rittmeisters Consens hierzu hätte erbitten müssen, welchen er auch ohnschwer erhielte, da er mich zum Regiment brachte, also daß er nur auf Zeit und Gelegenheit wartete, die Copulation würklich vollziehen zu lassen. Indessen verwunderten sich seine Cameraden, woher ihm das Glück so eine schöne junge Maitresse zugeschickt, unter welchen die allermeiste gern seine Schwäger hätten werden mögen; dann damals waren die Völker bei dieser sieghaften Armee wegen langwürigen glücklichen Wolergehens und vieler gemachten Beuten durch Ueberfluß aller Dinge dergestalt fett und ausgefüllt, daß der gröste Theil, durch Kützel des Fleisches angetrieben, mehr ihrer Wollust nachzuhängen und solchen abzuwarten als um Beuten zu schauen oder nach Brod und Fourage zu trachten gewohnt war; und sonderlich so war meines Hochzeiters Corporal ein solcher Schnaphahn, der auf dergleichen Nascherei am allermeisten verpicht war, als welcher gleichsam eine Profession daraus machte, anderen die Hörner aufzusetzen, und sichs vor eine große Schand gerechnet hätte, wann er solches irgends unterstanden und nicht werkstellig machen mögen. Wir lagen damals in Stormaren[102], welches noch niemals gewust, was Krieg gewesen; dannenhero war es noch voll von Ueberfluß und reich an Nahrung, worüber wir uns Herren nanten und den Landmann vor unsere Knechte, Köch und Tafeldecker hielten. Da währete Tag und Nacht das Banquetieren, und lude je ein Reuter den andern auf seines Hauswirths Speis und Trank zu Gast. Diesen ~modum~ hielte mein Hochzeiter auch, worauf angeregter Corporal sein Anschlag machte, mir hinter die Haut zu kommen; dann als mein besagter Hochzeiter sich mit zweien von seinen Cameraden, so aber gleichwol auch des Corporals Creaturen gewesen, in seinem Quartier lustig machte, kam der Corporal und commandirte ihn zu der Standarten auf die Wacht, damit, wann mein Hochzeiter fort wäre, er sich selbst mit mir ergötzen könte. Weil aber mein Hochzeiter den Possen bald merkte und ungern leiden wolte, daß ein anderer seine Stell vertreten oder, daß ichs fein teutsch gebe, daß ihn der Corporal zum Gauch machen solte, sihe, da sagte er ihm, daß noch etliche wären, denen vor ihm gebührte, solche Wacht zu versehen. Der Corporal hingegen sagte ihm, er solte nicht viel disputirn, sondern seinem Commando parirn, oder er wolte ihm Füße machen; dann er wolte diese seine Gelegenheit, meiner theilhaftig zu werden, einmal nicht aus Handen lassen. Demnach ihm aber solche mein Liebster nicht zu gönnen gedachte, widersetzte er sich dem Corporal so lang, biß er von Leder zog und ihn auf die Wacht nöthigen, oder in Kraft habenden Gewalts so exemplarisch zeichnen wolte, daß ein andermal ein anderer wisse, wie weit ein Untergebener seinem Vorgesetzten zu gehorsamen schuldig wäre. Aber ach, mein lieber Stern verstund den Handel leider übel, dann er war eben so bald mit seinem Degen fertig, und verdingte dem Corporal eine solche Wunden in Kopf, die ihn des unkeuschen und erhitzten Geblüts alsobald entledigte und allen Kitzel dergestalt vertriebe, daß ich wol sicher vor ihm sein konte. Die beide Gäst giengen ihrem Corporal auf sein Zuschreien zu Hülf und mit ihren Fochteln auch auf meinen Hochzeiter los, davon er den einen alsobalden durchstach und den andern zum Haus hinaus jagte, welcher aber gleich wieder kam und nit allein den Feldscherer vor die Verwundte, sondern auch etliche Kerl brachte, die meinen Liebsten und mich zum Profosen führten, allwo er an Händ und Füßen in Band und Ketten geschlossen wurde. Man machts gar kurz mit ihm, dann den andern Tag ward Standrecht über ihn gehalten, und ob zwar sonnenklar an Tag kam, daß der Corporal ihn keiner andern Ursachen halber auf die Wacht commandirt, als selbige Nacht an Statt seiner zu schlafen, so wurde doch erkant, um den Gehorsam gegen den Officiern zu erhalten, daß mein Hochzeiter aufgehenkt, ich aber mit Ruthen ausgehauen werden solte, weil ich an solcher That ein Ursächerin gewesen. Jedoch wurden wir beide so weit erbeten[103], daß mein Hochzeiter harquebusirt, ich aber mit dem Steckenknecht vom Regiment geschickt wurde, welches mir gar ein abgeschmackte Reis war.