Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2)
Part 8
O Courage, sagte ich zu mir selbst, wie wilst du so vielen unterschiedlichen Feinden entgehen können, von denen vielleicht ein jeder seinen besonderen Anschlag auf dich hat? Wann du sonst nichts hättest als deine schöne Pferde, deine schöne Kleider, dein schönes Gewehr und den Glauben, daß du viel Geld bei dir habest, so wären es Feinde genug, einige Kerl anzuhetzen, dich heimlich hinzurichten.[76] Wie, wann dich dergleichen Kerl ermordeten oder in einer Occasion niedermachten, was würde wol für ein Hahn darnach krähen? Wer würde deinen Tod rächen? Was, soltest du auch wol deinen eigenen Knechten trauen dörfen?
Mit dergleichen Sorgen quälte ich mich selbst und fragte mich auch selbst, was Raths, weil ich sonst niemand hatte, ders treulich mit mir meinete. Und eben deswegen muste ich mir auch selbst folgen.
Demnach sprach ich den Obristen um einen Paß an in die nächste Reichsstadt, die mir eben an der Hand stunde und wolgelegen war, mich von dem Kriegsvolk zu retiriern. Den erlangte ich nicht allein ohne große Mühe, sondern noch an Statt eines Abschieds einen Urkund, daß ich einem Hauptmann vom Regiment, dann von meinem letzten Mann begehrte ich keinen Ruhm zu haben, ehrlich verheurathet gewesen und, als ich solchen vorm Feind verloren, mich eine Zeit lang bei dem Regiment aufgehalten und in solcher währenden Zeit also wol, fromm und ehrlich gehalten, wie einer rechtschaffnen ehr- und tugendliebenden Damen gebühre und wolanständig seie, mich derowegen jedermänniglichen um solchen meines untadelhaften tugendlichen Wandels willen bestens recommendirend. Und solche fette Lügen wurden mit eigenhändiger Subscription und beigedrucktem Sigill in bester Form bekräftigt. Solches lasse sich aber niemand wundern, dann je schlimmer sich einer hält, und je lieber man eines gerne los wäre, je trefflicher wird der Abschied sein, den man einem solchen mit auf den Weg gibt, sonderlich wann derselbe zugleich sein Lohn sein muß. Einen Knecht und ein Pferd ließe ich dem Obristen unter seiner Compagnie, welcher trutz einem Officier mundirt war, um meine Dankbarkeit darmit zu bezeugen; hingegen brachte ich einen Knecht, einen Jungen, eine Magd, sechs schöne Pferd, darunter das eine 100 Ducaten werth gewesen, samt einem wolgespickten Wagen darvon, und kan ich bei meinem großen Gewissen (etliche nennen es ein weites Gewissen) nicht sagen, mit welcher Faust ich alle diese Sachen erobert und zuwegen gebracht habe.
Da ich nun mich und das Meinige in bemeldte Stadt in Sicherheit gebracht hatte, versilberte ich meine Pferd und gab sonst alles hinweg, was Geld golte und ich nicht gar nöthig brauchte. Mein Gesind schaffte ich auch mit einander ab, einen geringen Kosten zu haben. Gleich wie mirs aber zu Wien war gangen, also gieng mirs auch hier; ich konte abermal des Namens Courage nicht los werden, wiewol ich ihn unter allen meinen Sachen am allerwolfeilsten hinweggeben hätte; dann meine alte oder vielmehr die junge Kunden von der Armee ritten mir zu Gefallen in die Stadt und fragten mir mit solchem Namen nach, welchen auch die Kinder auf der Gassen ehender als das Vatterunser lerneten, und eben darum wiese ich meinen Galanen die Feigen. Als aber hingegen diese den Stadtleuten erzählten, was ich vor ein Daus-Es wäre, so erwiese ich hinwiederum denselben ein anders mit Brief und Siegel und beredet sie, die Officier geben keiner andern Ursachen halber solche lose Stück von mir aus, als weil ich nicht beschaffen sein wolte, wie sie mich gerne hätten. Und dergestalt bisse ich mich zimlich heraus und brachte vermittelst meiner guten schriftlichen Zeugnis zuwegen, daß mich die Stadt, biß ich meine Gelegenheit anders machen konte, um ein gerings Schirmgeld in ihren Schutz nahm, allwo ich mich dann wider meinen Willen gar ehrbarlich, fromm, still und eingezogen hielte und meiner Schönheit, die je länger je mehr zunahm, aufs beste pflegte, der Hoffnung, mit der Zeit wiederum einen wackern Mann zu bekommen.
FUSSNOTEN:
[70] =sich leiden=, Verdruß und Aerger haben.
[71] =geschloffen=, ~part. praet.~ zu =schliefen=, schlüpfen, kriechen.
[72] =äußern=, ~trans.~ meiden.
[73] =schuhriegeln=, Verdruß bereiten.
[74] =das Kalte Wehe=, auch bloß das »Kalte«, das kalte Fieber.
[75] =sonderbare=, besondere, eigenthümliche.
[76] =hinrichten=, tödten, in diesem Sinne immer in Grimmelshausen's Schriften.
Das zehnte Capitel.
Courage erfährt, wer ihre Eltern gewesen, und bekommt wieder einen andern Mann.
Aber ich hätte lang harren müssen, biß mir etwas Rechts angebissen, dann die gute Geschlechter[77] verblieben bei ihres gleichen, und was sonst reich war, konte auch sonst reiche und schöne und vornehmlich (welches man damals noch in etwas beobachtete) auch ehrliche Jungfrauen zu Weibern haben, also daß sie nicht bedorften, sich an eine verlassene Soldatenhur zu henken. Hingegen waren etliche, die entweder Banquerot gemacht oder bald zu machen gedachten; die wolten zwar mein Geld, ich wolte aber darum sie nicht. Die Handwerksleut waren mir ohnedas zu schlecht. Und damit blieb ich ein ganz Jahr sitzen, welches mir länger zu gedulden gar schwer und ganz wider die Natur war, sintemal ich von der guten Sache, die ich genosse, ganz kützelig wurde; dann ich brauchte mein Geld, so ich hie und dort in den großen Städten hatte, den Kauf- und Wechselherren zuzeiten beizuschießen[78], daraus ich so ein ehrlich Gewinnchen erhielte, daß ich ziemliche gute Tag davon haben konte und nichts von der Hauptsumma verzehren dorfte. Weilen es mir dann an einem andern Ort mangelte und meine schwache Beine diese gute Sache nicht mehr ertragen konten oder wolten, machte ich mein Geld per Wechsel auf Prag, mich selbst aber mit etlichen Kaufherren hernach und suchte Zuflucht bei meiner Kostfrauen zu Bragoditz, ob mir vielleicht alldorten ein besser Glück anstehen möchte. Dieselbe fande ich gar arm, weder[79] ich sie verlassen, dann der Krieg hatte sie nit allein sehr verderbt[80], sondern sie hatte auch allbereit vor dem Krieg mit mir, und ich nit mit ihr gezehret. Sie freuete sich meiner Ankunft gar sehr, vornehmlich als sie sahe, daß ich nicht mit leerer Hand angestochen kam; ihr erstes Willkommenheißen aber war doch lauter Weinen; und indem sie mich küßte, nennete sie mich zugleich ein unglückseliges Fräulin, welches seinem Herkommen gemäß schwerlich würde sein Leben und Stand führen mögen, mit fernerem Anhang, daß sie mir fürderhin nit mehr wie vor diesem zu helfen, zu rathen und vorzustehen wisse, weil meine beste Freund und Verwandten entweder verjagt oder gar todt wären.
Und überdas sagte sie, würde ich mich schwerlich vor den Kaiserlichen dörfen sehen lassen, wann sie meinen Ursprung wissen wolten.
Und damit heulete sie immer fort, also daß ich mich in ihre Rede nicht richten, noch begreifen konte, ob es gehauen oder gestochen, gebrant oder gebohrt wäre. Da ich sie aber mit Essen und Trinken, dann die gute Tröpfin muste den jämmerlichen Schmalhansen in ihrem Quartier beherbergen, wiederum gelabt und also zurecht gebracht, daß sie schier ein Tummel[81] hatte, erzählte sie mir mein Herkommen gar offenherzig und sagte, daß mein natürlicher Vatter ein Graf und vor wenig Jahren der gewaltigste Herr im ganzen Königreich gewesen, nunmehr aber wegen seiner Rebellion wider den Kaiser des Lands vertrieben worden[82] und, wie die Zeitungen mitgebracht, jetzunder an der türkischen Porten sei, alda er auch so gar sein christliche Religion in die türkische verändert haben solle. Meine Mutter, sagte sie, sei zwar von ehrlichem Geschlecht geboren, aber eben so arm als schön gewesen. Sie hätte sich bei des gedachten Grafen Gemahlin vor eine Staatsjungfer aufgehalten, und indem sie der Gräfin aufgewartet, wäre der Graf selbst ihr Leibeigener worden, und hätte solche Dienste getrieben, biß er sie auf einen adelichen Sitz verschafft, da sie mit mir niederkommen; und weilen eben damals sie, meine Kostfrau, auch einen jungen Sohn entwöhnet, den sie mit desselbigen Schlosses Edelmann erzeugt, hätte sie meine Säugamme werden und mich folgends zu Bragoditz adelich auferziehen müssen, worzu dann beides Vatter und Mutter genugsame Mittel und Unterhaltung hergeben.
»Ihr seid zwar, liebes Fräulin«, sagte sie ferner, »einem tapferen Edelmann von euerem Vatter versprochen worden, derselbe ist aber bei Eroberung von Pilsen gefangen und als ein Meineidiger neben andern mehr durch die Kaiserlichen aufgehenkt worden.«
Also erfuhr ich, was ich vorlängst zu wissen gewünscht, und wünschte doch nunmehr, daß ichs niemal erfahren hätte; sintemal ich so schlechten Nutzen von meiner hohen Geburt zu hoffen. Und weil ich keinen andern und bessern Rath wuste, so machte ich einen Accord mit meiner Säugamm, daß sie hinfort meine Mutter und ich ihre Tochter sein solte. Sie war viel schlauer als ich, derowegen zog ich auch auf ihren Rath mit ihr von Bragoditz auf Prag; nicht allein zwar, daß wir den Bekanten aus den Augen kämen, sondern zu sehen, ob uns vielleicht alldorten ein anders Glück anscheinen möchte. Im übrigen so waren wir recht vor einander, nicht daß sie hätte kupplen und ich huren sollen, sondern weil sie eine Ernährerin, ich aber eine getreue Person bedorfte, gleich wie diese eine gewesen, deren ich beides Ehr und Gut vertrauen konte. Ich hatte ohne Kleider und Geschmuck bei 3000 Reichsthaler baar Geld beieinander und dannenhero damals keine Ursach, durch schändlichen Gewinn meine Nahrung zu suchen. Meine neue Mutter kleidete ich wie eine ehrbare alte Matron, hielte sie selbst in großen Ehren und erzeigte ihr vor den Leuten allen Gehorsam. Wir gaben uns vor Leute aus, die auf der teutschen Grenz durch den Krieg vertrieben worden wären, suchten unseren Gewinn mit Nähen, auch Gold-, Silber- und Seidensticken, und hielten uns im übrigen gar still und eingezogen, meine Batzen genau zusammen haltend, weil man solche zu verthun pflegt, ehe mans vermeint, und deren keine andere kan gewinnen, wann man gern wolte.
Nun, diß wäre ein feines Leben gewest, das wir führten, ja gleichsam ein klösterliches, wann uns nur die Beständigkeit nicht abgangen wäre. Ich bekam bald Buhler; etliche suchten mich wie das Frauenzimmer im Bordell, und andere Tropfen, die mir meine Ehre nit zu bezahlen getrauten, sagten mir viel vom Heurathen, beide Theil aber wolten mich bereden, sie würden durch die grausame Liebe, die sie zu mir trügen, zu ihren Begierden angesporet. Ich hätte aber keinem geglaubt, wann ich selbst ein keusche Ader in mir gehabt. Es gieng halt nach dem alten Sprichwort: Gleich und gleich gesellt sich gern; dann gleich wie man sagt, das Stroh in den Schuhen, ein Spindel im Sack und eine Hur im Haus läßt sich nicht verbergen, also wurde ich auch gleich bekant und wegen meiner Schönheit überal berühmt. Dannenhero bekamen wir viel zu stricken, und unter anderem von einem Hauptmann ein Wehrgehenk, welcher vorgabe, daß er vor Liebe in den letzten Züge läge. Hingegen wuste ich ihm von der Keuschheit so ein Haufen aufzuschneiden, daß er sich stellte, als wolte er gar verzweifeln; dann ich ermaße die Beschaffenheit und das Vermögen meiner Kunden nach der Regul meines Wirths zum Guldenen Löwen zu N. Dieser sagte: Wann mir ein Gast kommt und gar zu unmäßig viel höflicher Complimenten macht, so ist ein gewisse Anzeigung, daß er entweder nicht viel zum besten, oder sonst nicht im Sinn hat, viel zu vergeben; kommt aber einer mit Trutzen und nimmt die Einkehr bei mir gleichsam mit Pochen und einer herrischen Botmäßigkeit, so gedenke ich: holla, diesem Kerl ist der Beutel geschwollen, dem must du schrepfen!
Also tractiere ich die Höfliche mit Gegenhöflichkeit, damit sie mich und meine Herberg anderwärts loben, die Schnarcher[83] aber mit allem, das sie begehren, damit ich Ursach habe, ihren Beutel rechtschaffen zu actioniren.
Indem ich nun diesen meinen Hauptmann hielte wie dieser Wirth seine höfliche Gäst, als hielte er mich hingegen, wo nicht gar vor einen halben Engel, jedoch wenigst vor ein Muster und Ebenbild der Keuschheit, ja schier vor die Frommkeit selbsten. In Summa er kam so weit, daß er von der Verehlichung mit mir anfieng zu schwätzen, und ließe auch nicht nach, biß er das Jawort erhielte. Die Heuratspuncten waren diese, daß ich ihm 1000 Reichsthaler baar Geld zubringen, er aber hingegen mich in Teutschland zu seinem Heimath um dieselbige versichern solte, damit, wann er vor mir ohne Erben sterben solte, ich deren wieder habhaft werden könte; die übrige 2000 Reichsthaler, die ich noch hätte, solten an ein gewiß Ort auf Zins gelegt und in stehender Ehe die Zins von meinem Hauptmann genossen werden, das Capital aber ohnverändert bleiben, biß wir Erben hätten; auch solte ich Macht haben, wann ich ohne Erben sterben solte, mein ganz Vermögen, darunter auch die 1000 Reichsthaler verstanden, die ich ihm zugebracht, hin zu vertestieren wohin ich wolte &c. Demnach wurde die Hochzeit gehalten, und als wir vermeinten, zu Prag bei einander, so lang der Krieg währete, in der Guarnison gleich wie im Frieden in Ruhe zu leben, sihe, da kam Ordre, daß wir nach Holstein in den Dänemärkischen Krieg marschiern müsten.
FUSSNOTEN:
[77] =Geschlechter=, Patricier.
[78] =beischießen=, etwas in das Geschäft geben.
[79] =weder=, als, wie; sonst häufiger nach Comparativen.
[80] =verderben=, zu Grunde richten.
[81] =Tummel=, Taumel, Rausch.
[82] Vgl. die Einleitung.
[83] =Schnarcher=, die mit groben Redensarten auftreten.
Das elfte Capitel.
Nachdem Courage anfähet sich fromm zu halten, wird sie wieder unversehens zu einer Wittib.
Ich rüstete mich trefflich ins Feld, weil ich schon besser als mein Hauptmann wuste, was darzu gehörete; und indem ich mich ängstigte, daß ich wieder dahin muste, wo man die Courage kennete, erzählte ich meinem Mann mein ganzes geführtes Leben, biß auf die Hurenstücke, die ich hie und da begangen, und was sich mit mir und dem Rittmeister zugetragen. Vom Namen Courage überredet ich ihn, daß er mir wegen meiner Tapferkeit zugewachsen wäre, wie dann sonst auch jedermann von mir glaubte. Mit dieser Erzählung kam ich denjenigen vor, die mir sonst etwan bei ihm einen bösen Rauch gemacht, wann sie ihm vielleicht solches und noch mehr darzu, ja mehr als mir lieb gewesen, erzählet hätten. Und gleich wie er mir damal schwerlich glaubte, wie ich mich in offenen Schlachten gegen dem Feind gehalten, biß es folgends andere Leut bei der Armee bezeugten, also glaubte er nachgehends auch andern Leuten nicht, wann sie ihm von meinen schlimmen Stücken aufschnitten, weil ich solche läugnete. Sonst war er in allen seinen Handlungen sehr bedächtig und vernünftig, ansehenlich von Person und einer von den Beherzten, also daß ich mich selbst oft verwunderte, warum er mich genommen, da ihm doch billicher etwas Ehrliches gebührt hätte.
Meine Mutter nahm ich mit mir vor eine Haushalterin und Köchin, weil sie nit zuruck bleiben wolt. Ich versahe unseren Bagagewagen mit allem dem, was man ersinnen hätte mögen, das uns im Feld solt nöthig gewesen sein, und machte eine solche Anstalt unter dem Gesind, daß weder mein Mann selbst drum sorgen noch einen Hofmeister darzu bedorfte; mich selbst aber mundirte ich wieder, wie vor diesem, mit Pferd, Gewehr, Sattel und Zeug, und also staffiert kamen wir bei den Häusern Gleichen[84] zu der Tillischen Armee, alwo ich bald erkant, und von den mehristen Spottvögeln zusammen geschrieen wurde: »Lustig, ihr Brüder, wir haben ein gut Omen, künftige Schlacht zu gewinnen!«
»Warum?«
»Darum, die Courage ist wieder bei uns ankommen.«
Und zwar diese Lappen redeten nicht übel von der Sach, dann das Volk, mit dem ich kam, war ein Succurs von drei Regimentern zu Pferd und zweien zu Fuß, welches nicht zu verachten, sondern der Armada Courage genug mitgebracht, wann ich gleich nicht dabei gewesen wäre.
Meines Behalts[85] den zweiten Tag nach dieser glücklichen Conjunction geriethen die Unserige dem König von Dänemark bei Lutter in die Haar, allwo ich fürwahr nicht bei der Bagage bleiben mochte, sondern als des Feinds erste Hitze verloschen und die Unserige das Treffen wieder tapfer erneuert, mich mitten ins Gedräng mischte, wo es am allerdicksten war. Ich mochte keine geringe Kerl gefangen nehmen, sondern wolte meinem Mann gleich in der Erste[86] weisen, daß mein Zunamen an mir nicht übel angelegt wäre, noch er sich dessen zu schämen hätte, machte derowegen meinen edlen Hengst, der seines gleichen in Prag nicht gehabt, mit dem Säbel Platz, biß ich einen Rittmeister von vornehmen dänischen Geschlecht beim Kopf kriegte und aus dem Gedräng zu meinem Bagagewagen brachte. Ich und mein Pferd bekamen zwar starke Püff; wir ließen aber keinen Tropfen Blut auf der Walstatt, sondern trugen nur etliche Mäler und Beulen darvon. Weilen ich dann sahe, daß es so glücklich abgieng, machte ich mein Gewehr wieder fertig, jagte hin und holete noch einen Quartiermeister samt einem gemeinen Reuter, welche nicht ehe gewahr wurden, daß ich ein Weibsbild war, als biß ich sie zu obengedachten Rittmeister und meinen Leuten brachte. Ich besuchte[87] keinen von ihnen, weil jeder selbst sein Geld und Geldswerth heraus gab, was er hatte; vornehmlich aber ließe ich den Rittmeister fast höflich tractiren und nit anrühren, viel weniger gar ausziehen. Aber als ich mich mit Fleiß ein wenig beiseits machte, vertauschten meine Knecht mit den andern beiden ihre Kleider, weil sie trefflich wol mit Köllern mondirt waren. Ich hätte es zum dritten mal gewagt und fortgeschmiedet, dieweil das Eisen weich gewesen und die Schlacht gewähret, so mochte ich aber meinem guten Pferd nicht zu viel zumuthen. Indessen bekam mein Mann auch etwas wenigs an Beuten von denen, die sich aufs Schloß Lutter retiriert und ewiglich auf Gnad und Ungnad ergeben hatten, also daß wir beide in und nach dieser Schlacht in allem und allem aus tausend Gulden werth vom Feind erobert, welches wir gleich nach dem Treffen zugemacht und ohnverweilt per Wechsel nacher Prag zu meinen alldortigen 2000 Reichsthalern überschafft, weil wir dessen im Feld nicht bedörftig und täglich hofften, noch mehr Beuten zu machen.
Ich und mein Mann bekamen einander je länger je lieber, und schätzte sich als das eine glückselig, weil es das andere zum Ehegemahl hatte, und wann wir uns nit beide geschämt hätten, so glaub ich, ich wäre Tag und Nacht, in den Laufgräben, auf der Wacht und in allen Occasionen niemal von seiner Seiten kommen. Wir vermachten einander alles unser Vermögen, also daß das Letztlebende, wir bekämen gleich Erben oder nicht, das Verstorbene erben[88], meine Säugamme oder Mutter aber gleichwol auch ernähren solte, so lang sie lebte, als welche uns großen Fleiß und Treu bezeugte. Solche Vermächtnus hinterlegten wir, weil wirs in Duplo ausgefertigt, eine zu Prag hinter dem Senat, und die ander in meines Manns Heimath hin, Hochteutschland[89], so damals noch in seinem besten Flor stunde und von dem Kriegswesen das geringste nicht erlitten.
Nach diesem Lutterischen Treffen nahmen wir Steinbruck, Verden[90], Langenwedel, Rotenburg, Ottersberg und Hoya ein, in welchem letztgenanten Schloß Hoya mein Mann mit etlichen commandirten Völkern ohne Bagage muste liegen verbleiben. Gleichwie mich aber sonst nirgends keine Gefahr von meinem Mann behalten[91] konte, also wolte ich ihn auch auf diesem Schloß nit allein lassen, aus Furcht, die Läuse möchten mir ihn fressen, weil keine Weibsbilder da waren, so die Soldatesca gesäubert hätten. Unsere Bagage aber verblieb bei dem Regiment, welches hingieng, die Winterquartier zu genießen, bei welcher ich auch verbleiben und solchen Genuß hätte einziehen sollen.
Sobald nun solches bei angehendem Winter geschehen, und Tilly dergestalt seine Völker zertheilet, sihe, da kam der König in Dänemark mit einer Armee und wolte im Winter wieder gewinnen, was er im Sommer verloren. Er stellte sich, Verden einzunehmen; weil ihm aber die Nuß zu hart zu beißen war, ließe er selbige Stadt liegen und seinen Zorn am Schloß Hoya aus, welches er in 7 Tagen mit mehr als tausend Kanonschüssen durchlöchert, darunter auch einer meinen lieben Mann traf und mich zu einer unglückseligen Wittib machte.
FUSSNOTEN:
[84] Die festen Häuser, die =Gleichen=, südwestlich von Göttingen. Vgl. die Einleitung.
[85] =meines Behalts=, soviel ich behalten habe.
[86] =in der Erste= (nieders. ~in der erst~), gleich zu Anfang.
[87] =besuchen=, durchsuchen nach Werthsachen.
[88] =erben=, ~trans.~ beerben.
[89] =Hochteutschland=, der höher liegende südliche Theil Deutschlands, Oberdeutschland, im Gegensatz gegen Niederdeutschland.
[90] =Verden=, vgl. die Einleitung.
[91] =behalten=, abhalten, trennen.
Das zwölfte Capitel.
Der Courage wird ihr treffliche Courage auch trefflich eingetränkt.
Als nun die Unserige das Schloß aus Forcht, es möchte einfallen und uns alle bedecken, dem König übergaben und herauszogen, ich auch also ganz betrübt und weinend mit marschierte, sahe mich zu allem Unglück derjenige Major, den ich hiebevor von den Braunschweigischen bei dem Mainstrom gefangen bekommen. Er erkundiget alsobalden die Gewißheit meiner Person von den Unserigen, und als er auch meinen damaligen Stand erfuhre, daß ich nämlich allererst zu einer Wittib worden wäre, da nahme er die Gelegenheit in Acht und zwackte mich ohnversehens von dem Troupen hinweg.
»Du Bluthex«, sagte er, »jetzt wil ich dir den Spott wieder vergelten, den du mir vor Jahren bei Höchst bewiesen hast, und dich lehren, daß du hinfort weder Wehr noch Waffen mehr führen, noch dich weiters unterstehen sollest, einen Cavalier gefangen zu nehmen!«
Er sahe so gräßlich aus, daß ich mich auch nur vor seinem Anblick entsetzte. Wäre ich aber auf meinem Rappen gesessen und hätte ihn allein für mir im Feld gehabt, so hätte ich getraut, ihn eine andere Sprache reden zu lernen. Indessen führte er mich mitten unter einen Troupen Reuter und gab mich dem Fahnenjunker in Verwahrung, welcher alles, was ich mit dem Obristleutenant (dann er hatte seither diese Stell bekommen) zu thun hatte, von mir erkundigt. Der erzählte mir hingegen, daß er beinahe damals, als ich ihn gefangen bekommen, schier den Kopf oder wenigst sein Majorstell verloren hätte, um daß er sich von einem Weibsbild vor der Brigaden hinweg fangen lassen und dardurch dem Troupen eine Unordnung und gänzliche Zertrennung verursacht, wofern er nicht sich damit ausgeredet, daß ihn diejenige, so ihn hinweg genommen, durch Zauberei verblendet; zuletzt hätte er doch aus Scham resignirt und dänische Dienst angenommen.