Siebeneichen: Roman aus dem Alt-Meißner Land

Part 15

Chapter 153,681 wordsPublic domain

»Das Weib ist verhüllt, aber Eure Tochter ist es nicht.«

Waltklinger schwankte einen Augenblick.

»Laß sie kommen,« sagte er alsdann.

Der Alte ging. Eine kurze Weile verstrich. Da hörte Waltklinger ein leises Geräusch, und wie er sich umwandte, sah er auf der Schwelle eine Frau stehen. Ihr Kopftuch war herabgeglitten. Aber das Licht der Laterne brannte so trübe, daß er die Züge der Eintretenden nicht erkennen konnte. Waltklinger erhob sich und tat ein paar Schritte nach der Tür. Plötzlich blieb er überrascht stehen. Die Frau ging zu dem Bett und setzte sich erschöpft darauf.

»Ja, Georg, ich bin es,« sagte sie unter raschen Atemzügen. »Unser Kind ist gestorben.«

»Lea,« schrie der Mann auf, »Mirjam ist tot -- -- --?«

Die Frau nickte mit dem Kopf.

»Sie ist tot,« wiederholte sie.

Georg Waltklinger sank auf den Stuhl nieder, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und barg das Gesicht in beiden Händen. So saß er unbeweglich. Nur das fast unmerkliche Jucken seiner breiten Schultern verriet den großen Schmerz, der in ihm arbeitete.

Die Frau betrachtete den Erschütterten lange. Dann ging sie zu ihm hin. Zögernd legte sie ihre Hand auf seine Schulter.

»Georg,« sagte sie in weichem Tone, »ich glaubte immer, du hättest sie aus deinem Herzen gestoßen. Jetzt weiß ich's, wie lieb du sie behalten hast.«

Waltklinger wandte sich zu ihr.

»Deine Botschaft ist tieftraurig, Lea, hab' aber Dank, daß du gekommen bist. Willst du mir nicht etwas von unserm Kind erzählen?«

Die Frau setzte sich wieder auf das Bett und beschrieb Mirjams Krankheit und Hinscheiden. Waltklinger war es feierlich zumute. Zwar hatte er das Mädchen, wie es die engen Verhältnisse der kleinen Stadt mit sich brachten, im Laufe der Jahre oft gesehen. Aber er hatte sie nie angesprochen und durch nichts verraten, daß er ihr Vater war. Die Scheu vor der Öffentlichkeit, mehr aber noch das Gelöbnis, das er der Mutter einst gegeben, hatten ihn abgehalten, den Schleier zu lüften, der auf Mirjams Geburt lag. Innerlich war er ihr jedoch nahe geblieben, und es hatte ihn geschmerzt, sie als Fremde ansehen zu müssen. Nun aber, wo er ihren Tod vernahm, fühlte er, wie nahe sie seinem Herzen immer gestanden hatte.

»Du bist hart zu mir gewesen, Lea,« sagte Waltklinger schmerzlich. »Aber ich darf mit dir nicht rechten, denn ich hatte deinen Frieden schwer gestört. Wie viele Jahre seitdem auch dahingegangen sind, der Kummer darüber ist nicht von mir gewichen. Durch aufopferndes Wirken für andere habe ich versucht, mein Gewissen zu beschwichtigen. Aber seine Stimme hat nie stillgeschwiegen.«

»Wenn ich deine Seelenpein mildern kann, Georg, will ich's gern tun. In so bitteres Leid der Tod den Menschen auch stößt, wenn er ihm sein Alles raubt, so ist er doch ein Bote des Himmels. Und sein gewaltiger Schmerz erweicht das Gemüt. Ich durfte dir wohl zürnen, aber ich war grausam. Das tut mir heute weh! Der große Schmerz trifft uns beide, er soll uns aussöhnen. Auch Mirjam hat dir nicht gezürnt. Sie ging mit einem Gebet für ihren Vater auf den Lippen.«

Waltklinger blickte schmerzlich auf.

»Deine Worte geben mir viel Tröstung, Lea; ich danke dir!«

»Georg,« sagte die Frau und trat zu dem Sitzenden, »ich kann dich nicht so leiden sehen. Dein Schicksal rührt mich tief.« Sie zog aus der Tasche ihres Kleides ein Fläschchen. »Hier nimm,« flüsterte sie, »es ist ein sicher wirkender Trank, der dich friedlich einschlafen läßt. Unsere Familie behütet sein Geheimnis seit Jahrhunderten. Du bist ein ehrenhafter, stolzer Mann, Jörg, und wirst den Tod der erniedrigenden Strafe vorziehen. Das Herz würde mir vollends brechen, wenn -- --«

Sie schwieg und sah zur Seite.

Der Gefangene griff überwältigt nach ihren beiden Händen und antwortete:

»Liebe Lea, so weit also geht deine Güte für den, der dich betrog? Du beschämst mich. Dein Vorschlag will mein Bestes, aber ich kann ihn nicht annehmen! Ich habe gefehlt! Deshalb darf ich mich meinen irdischen Richtern nicht entziehen, so unerträglich mir ihre Strafe auch scheint. Dem himmlischen Richter kann ich doch nicht entgehen. Und er würde viel schwerer geneigt sein, mir zu vergeben, wenn ich handelte, wie du mir rätst. Ein aufrechter Mann darf nicht zurückschrecken, wenn getane Schuld an ihm gesühnt werden soll.«

Die Frau weinte leise.

»Ich habe es geahnt, daß du so sprechen würdest,« stammelte sie.

Enttäuscht barg sie das Fläschchen wieder in ihrer Tasche und wischte die Tränen aus den Augen. Dann reichte sie ihm die Hand zum Abschied und sagte:

»So tröste dich der Allmächtige, Jörg. Mit seiner Kraft wirst du das Schwere überwinden.«

»Mag er auch dein Weh mildern und in bangen Stunden an deiner Seite stehen. Lebe wohl, Lea!«

Eine Sekunde darauf war Waltklinger allein. Er lauschte noch aufmerksam den sich entfernenden Tritten, bis sie ganz verklungen waren. Dann streckte er sich ermattet auf das Bett. Wieder war ein lieber Mensch von ihm gegangen! Und eine innere Stimme sagte ihm, daß auch unter der Bürgerschaft viele innigen Anteil an seinem Geschick nähmen. Da fühlte er, wie sich langsam seine Augen füllten. Es waren Freudentränen, und er schämte sich ihrer nicht.

Bald öffnete sich die Tür wieder; der alte Edelbeck erschien noch einmal.

»Herr,« versetzte er, »unten wartet ein Kapuziner, um Euch geistliche Stärkung zu bringen.«

»Ein Mönch?« fragte Waltklinger. »Er muß doch wissen, welchen Glaubens ich bin. Teile ihm mit, daß ich heute von einem Diener _meiner_ Kirche bereits Tröstung empfangen hätte.«

»Das sagte ich dem Kuttenträger schon, aber er ließ sich nicht fortschicken.«

Waltklinger lächelte trübe.

»Er will mir eine vermeintliche Wohltat erweisen; dafür gebührt ihm Dank. Schick' ihn herauf.«

Mit diesen Worten erhob er sich vom Bett und ging mit großen Schritten auf und ab. Da trat der Mönch in die Zelle, die Kapuze auf dem Kopf. Er horchte noch einmal in den Gang hinaus. Aber es war nichts Verdächtiges zu hören, nur ein dumpfer, verworrener Lärm, der vom Frauenmarkt heraufdrang. Nun schloß er die Tür und wandte sich zu dem Gefangenen.

Rasch löste er den Knoten des hanfenen Strickes, der um seinen Leib geschlungen war, riß die Kutte herab und warf sie von sich. Ein hochgewachsener Jüngling von schlankem Körper, an dessen Seite ein gerader Degen hing, stand jetzt vor dem Erstaunten.

»Bernhard von Miltitz!« rief Waltklinger, »Ihr hier? Und was soll diese Verkleidung?«

»Es ist das drittemal, Herr Burgemeister, daß ich Euch unter die Augen trete. Heute werdet Ihr mich nicht von Euch weisen.«

Und des Jünglings Atem flog, als er hinzusetzte:

»Ich bringe Euch Befreiung! Schlüpft in diese Kutte und begebt Euch von hinnen. Keiner der Burgknechte wird argwöhnen, daß dieses Ordenskleid seinen Träger gewechselt hat. In den Gassen tobt eine aufgeregte Menge; es kann Euch nicht schwer werden, im Gewühl unerkannt zu entkommen. Der Wächter des Jüdentores ist bestochen, er wird öffnen. Am Einfluß der Triebisch in den Strom liegt ein Boot; der vertraute Fährmann rudert Euch über die Elbe. Drüben wartet Georg von Komerstadt Eurer. Von da mögt Ihr auf windschnellem Rosse über Königsbrück in das böhmische Land entkommen. Eilt, daß keine kostbare Minute verrinne!«

Georg Waltklinger war starr vor Überraschung. Endlich fragte er:

»Was bewegt Euch dazu, Junker, mich aus meinem Gefängnis zu befreien?«

»Die Liebe zu Eurer Tochter,« rief dieser. »Unsere Herzen sind unlösbar verbunden. Ich habe heute mit Sonnhild von Eurer Rettung gesprochen, ohne ihr meinen Plan zu verraten. Aber sputet Euch!«

»Und wenn ich Euer Anerbieten annähme, was würde dann aus _Euch_?«

»Ich bleibe an Eurer Stelle im Turm!«

»Ist es Euch bekannt, daß Gefangenenbefreiung mit schwerer Freiheitsstrafe gesühnt wird, die auch Euer Vater von Euch nicht abwenden könnte?«

»Ich weiß es. Doch unterlaßt alle Worte und nehmt das Kleid,« drängte der Jüngling in fiebernder Hast.

»Bernhard von Miltitz, Ihr seid ein edelmütiger Jüngling, und ich schulde Euch großen Dank. Euer Plan ist verlockend, und seine Ausführung würde wohl glücken. Aber ich muß Eure Hilfe ausschlagen.«

»Ausschlagen? Was ficht Euch an, Herr Burgemeister?«

»Meine Freiheit wäre zu teuer erkauft -- --«

»Sorgt Euch nicht um andere, denkt an Euer Kind. Klopft Euer Vaterherz nicht rascher bei dem Gedanken, das Werk für Sonnhild zu tun?«

»Tut Ihr es für sie?« fragte Waltklinger.

Da schoß dem Jüngling die Röte in das Gesicht.

»Ich sagte es Euch ja schon, -- -- -- aber, -- auf denn! Wozu die Worte! Die Gunst möchte sich von der Ausführung des Plans bei weiterem Zögern wenden.«

»Ich bleibe!«

Der Jüngling fuhr auf. Draußen wurden eilende Schritte hörbar.

»Geht doch,« rief Bernhard, »das ganze Lebensglück Eures Kindes steht auf dem -- --« Da flog krachend die Tür auf, und drei Bewaffnete stürzten herein.

»Im Namen des Herzogs, Junker von Miltitz, Ihr seid mein Gefangener!« rief der vorderste Knecht, indem er auf Bernhard eindrang.

Dieser riß seinen Degen aus der Scheide und hieb den schlanken Holzschaft des ihm entgegengehaltenen Spießes mittendurch. Ein anderer Knecht sprang mit großem Ungestüm an die Stelle des Wehrlosen. Bernhard sah den Stoß der Pike kommen und wich blitzschnell zur Seite. Ein scharfes Knirschen -- und die stählerne Spitze zersplitterte an den Steinquadern der Mauer. »Ergebt Euch!« rief der dritte Knecht und kam mit wagrechtem Spieß heran. Da sprang Bernhard hinzu, griff mit nerviger Hand nach der Waffe und ruckte so heftig daran, daß der Knecht jählings auf den Fußboden der Zelle geschleudert ward und besinnungslos liegenblieb.

Jetzt riß der Jüngling in schäumendem Zorn den Degen in die Höhe, als Caspar von Carlowitz, der Schloßhauptmann, der mit Bernhard erst heute von der Reise zurückgekehrt war, mit dem blanken Schwert in der Faust atemlos in die Zelle trat.

»Kein Blut fließe!« befahl er. »Bernhard, den Degen weg!«

Aber die maßlose Erregung des Junkers war damit nicht zu beschwichtigen. Er sah in dem plötzlich Erschienenen nur einen neuen Feind. Und er drang auf die beiden Knechte ein, die das Untergewehr gegen ihn gezogen hatten. Da stieß Caspar von Carlowitz sein Schwert in die Scheide, kreuzte die Arme über der Brust und rief:

»Sinnloser Knabe! Wenn du Blut vergießen mußt, so wähl' das meinige!«

Diese Worte schlugen in die Seele des Ergrimmten. Der zum Streich ausgeholte Arm sank schlaff herab. Ein Zittern überlief die schlanke Gestalt, und der Degen entglitt der Faust und fiel klirrend zu Boden. Und dann sank der Jüngling mit lautem Aufschluchzen an die Brust des väterlichen Freundes.

* * * * *

Unterdessen war der Lärm und die Bewegung in den Gassen zu solcher Höhe angewachsen, daß Peter Sorgenfrei, um einen etwa ausbrechenden Aufruhr niederzuhalten, drei Fähnlein der Bürgerwehr aufgeboten hatte.

Das erste war unter seinem Viertelsmeister, den die schwarz-gelbe Binde kenntlich machte, in Reih und Glied vor dem Rathaus aufmarschiert. Das Fähnlein des zweiten Bezirks war vom Jahrmarkt her im Sturmschritt auf den Frauenmarkt gerückt, und der dritte Haufe zog unter Trommelschlag durch die Jüdengasse ebenfalls vor die Fronfeste.

Hier hatte sich die Verwirrung aufs höchste gesteigert. Der Schloßhauptmann war mit einer Wachtverstärkung angekommen, was einen Unsinnigen veranlaßt hatte, das Gerücht auszusprengen, dem Burgemeister solle ein Leids zugefügt werden. Dem alten Anesorge wiederum war der Gedanke aufgestiegen, die Menge trunken zu machen, daß sie geneigt werde, eine Gewalttat zu begehen. Zu diesem Zweck hatte er neben der Frauenkirche einige Oxhoft Wein aufstellen lassen, der in tönernen Krügen herumgereicht wurde. Er selbst fuhr durch das Gewühl und feuerte die ärgsten Schreier an, die Fronfeste zu stürmen und den Burgemeister zu befreien.

Das Heulen in den Gassen wuchs, und der Ruf »Feuerjo!« ertönte von allen Seiten. Ein Eiferer war auf den Kirchturm geeilt, und schon gellte die Feuerglocke über die Stadt hin. Die Bürger des Feuerschutzdienstes liefen nach der Spritze. Bald darauf rasselte diese durch die Elbgasse nach dem Marktplatz.

Am schlimmsten ging es am Turm zu, von dessen Eingang die Bürgerwehr die Menge zurückgedrängt hatte. Hier war das Gerücht von einer Befreiung des Burgemeisters durch List laut geworden. Der Wächter vom Jüdentor habe den Plan verraten, und das Dazwischentreten des Schloßhauptmanns hätte das Werk vereitelt.

Ein ohrenzerreißender Lärm hallte über den Frauenmarkt. Peter Sorgenfrei stand auf dem von Menschen freigemachten, kleinen Raum vor dem Tor der Fronfeste, den zu betreten bewaffnete Bürger die Menge zurückhielten. Da wandte sich Sorgenfrei gegen den ärgsten Lärmmacher in der vordersten Reihe -- Bruder Antonius --, der jäh verstummte, als der riesige Fleischhauer auf ihn zutrat. Der Mönch stand wie versteinert, nicht das Weiße im Auge zuckte. Nur der Blick hing starr an der erhobenen, gewaltigen Faust. Wenn diese niederfiel -- das wußte er --, zerschlug sie seinen Schädel wie einen irdenen Topf. Doch ging das Verhängnis noch einmal an dem alten Landstreicher vorbei.

Da machte die Menge eine Bewegung und drängte, allen Anstrengungen der Bürgerwehr zum Trotz, bis nahe zum Eingang des Turmes vor.

Zur gleichen Zeit öffnete sich das Tor der Fronfeste und Caspar von Carlowitz trat heraus. Acht bewaffnete Burgknechte folgten ihm, in deren Mitte mit leichenblassem Gesicht Bernhard von Miltitz ging.

»Eine Gasse im Namen des Herzogs!« rief der Schloßhauptmann der dichtgedrängten Menge zu.

Keiner rührte sich, der Aufforderung nachzukommen; nur ein verstärktes Geheul erbrauste als Antwort.

Jetzt klang Peter Sorgenfreis gewaltige Stimme in den Lärm hinein:

»Will die allzeit gesetzestreue Bürgerschaft Meißens dem Herzog Heinrich die Reformation mit Aufruhr und Empörung danken?«

Das wirkte. Stille trat ein, und die Menge teilte sich.

Caspar von Carlowitz ging voran und winkte den Knechten, ihm zu folgen.

Da geschah etwas Unerwartetes. Ein Weib drängte sich durch die vordersten Reihen und flog mit dem schrillen Ruf »Bernhard!« auf den Gefangenen zu. Einer der Knechte, den die drohende Haltung der Menge und ihr Geschrei kopflos gemacht, glaubte, daß eine gewaltsame Befreiung des Gefangenen versucht würde. Er hob den Spieß, stach zu und -- traf einen Jüngling, der blitzschnell vor das Mädchen gesprungen war. Der Gestochene brach lautlos zusammen. Das Mädchen aber schlüpfte zwischen den Knechten hindurch und schlang die Arme um den Gefangenen.

Der rasche Vorgang war von tiefer Wirkung auf die Umstehenden. Jeder kannte das Mädchen, es war die Tochter des Burgemeisters. Und wer war der unglückliche Gefangene, der Waltklingers Befreiung heldenmütig versucht hatte?

Da rief eine Stimme:

»Ist das nicht der Junker von Miltitz?«

Der Ruf schlug ein. Die Menge ahnte, was sich hier abspielte, und war ergriffen. Die Liebenden waren die Kinder der feindlichen Väter! So dichtgedrängt das Volk den Frauenmarkt auch bedeckte, herrschte doch jetzt tiefes Stillschweigen.

Inzwischen waren Caspar von Carlowitz und Peter Sorgenfrei zu den Umschlungenen getreten und hatten gütlich auf sie eingesprochen. Darauf flüsterte Bernhard der Geliebten noch ein paar Worte zu und löste alsdann ihre Hände schonend von seinem Hals. Während Sorgenfrei nun die Gebrochene beiseite führte, setzten sich die Burgknechte mit dem Gefangenen in ihrer Mitte in Bewegung.

Dieser Auftritt hatte die Menge plötzlich ernüchtert. Keiner besaß noch Verlangen, den Lärm fortzusetzen. Alle fühlten, daß sich etwas Großes zugetragen hatte. Das allgewaltige Schicksal war mit leisem Flügelrauschen über ihren Häuptern hingezogen.

Rascher, als er entstanden, zerstreute sich der Auflauf, und die Gassen wurden leer. Nur die letzten der Heimkehrenden sahen noch, wie der Schloßhauptmann auf schäumendem Pferde die Burggasse herabgesprengt kam und über den Markt und durch die Fleischgasse galoppierte. Schon in geraumer Entfernung vom Fleischtor klang seine befehlende Stimme:

»Torwart, hallo, -- Tor auf!«

Der Torwart sprang hinzu, riß die schweren Torflügel auseinander, und Caspar von Carlowitz ritt hindurch. Donnernd schlugen die Pferdehufe den Triebischsteg. Und dann sprengte er den Plossenberg hinan, -- die Straße nach Siebeneichen.

* * * * *

Nachdem Peter Sorgenfrei das zitternde Mädchen aus der Menge geführt, ließ er sie allein und eilte zum Turm zurück. Da bemerkte Sonnhild an der Kirchhofsmauer einige Männer, die einen auf der Erde Liegenden umstanden.

Das Mädchen ging zu der Gruppe; sie wußte, daß dort ihr heldenmütiger Retter lag. Als sie sich zu ihm hinabbeugte, erkannte sie ihn. Es war der junge Spielmann. Der Stoß des Knechts auf seine Brust war so stark gewesen, daß er den Körper durchbohrt hatte. Die Fiedel, die der Bursche auf dem Rücken getragen, lag neben ihm. Des Spießes Spitze hatte sie zertrümmert.

Sonnhild kniete mit zusammengepreßten Lippen zur Seite des Spielmanns nieder. Die glanzlosen Augen des Verscheidenden leuchteten auf, als er das Mädchen erkannte.

»Jungfrau,« flüsterte er in hohem Glücksgefühl, »welch schöner Tod!«

Sonnhild drängte das furchtbare Weh zurück, das ihr die Brust zerriß.

»Edler Jüngling,« sprach sie erschüttert, »wie soll ich's Euch danken, was Ihr für mich getan!«

Aber der Spielmann wehrte ihren Worten.

»Sprecht nicht also. Das Bewußtsein, Euch gedient zu haben, ist mir Danks genug.«

»Ihr habt mein armseliges Leben um eine kurze Spanne verlängert, indem Ihr Euer junges Leben als Einsatz gabt. Unerträglicher Gram hat mein Herz gebrochen; wie lange noch, und es steht still. Ihr hättet Euch nicht aufopfern sollen.«

Da lächelte der Spielmann beglückt.

»Ihr werdet noch ungezählte Tage erleben, und die Sonne wird freundlich auf Euern Weg fallen. Was liegt an mir?«

Ein hellroter Blutstrahl brach aus seinem Munde und machte ihn verstummen. Große Schwäche kam über ihn. Er fühlte, es war sein Letztes. Mit äußerster Kraft widerstand er noch einmal dem Ruf aus dem Jenseits und stammelte:

»Jungfrau, ich mußte von hinnen, weil ich Euch liebte -- er mag mir's verzeihen. Das Leben hätte mich bedrückt, aber der Tod für Euch beseligt mich! Grüßt mir den edlen Junker; -- ihm -- und -- Euch -- meine -- -- Segens -- wün -- sche -- -- --«

Mit diesen Worten starb der Spielmann. Sonnhild sah sein Auge brechen, nachdem es ihr noch einmal gelächelt. Da deckten die Männer einen Mantel auf ihn und trugen ihn fort. Nun war Sonnhild allein. Der Mond schien hell und ließ alle Gegenstände deutlich erkennen.

Ohne zu wissen wohin, lief Sonnhild fort von dieser Stelle, bis sie vor einer Mauer stand. Jetzt sah sie sich um. Sie befand sich auf dem Friedhof der Franziskaner, und dicht vor ihr war das Beinhaus.

Eine Weile lang versuchte das Mädchen, alle Kraft zusammenzunehmen, daß sie der übermächtigen Schwächeanwandlung, die sie fühlte, nicht erliege. Dann brach sie in die Knie, lehnte die Wange an die Mauer des Beinhauses und schrie auf vor Schmerz.

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Der Ritt nach Dresden

Frau Magdalena von Miltitz saß beim Schein der Lampe im Familienzimmer des Schlosses Siebeneichen. Sie war unbeschäftigt, und ihr Blick hing nachdenklich an dem offenen Fenster. Leise Unruhe quälte sie.

Sie ging zum Fenster und lehnte sich hinaus. Es war ein prächtiger Herbstabend. Die Mondscheibe hing scharf umzeichnet am Himmel, und das silberne Licht umwob schmeichelnd die Zweige und Blätter der Bäume. In der Tiefe glitzerte das breite Band des Elbstroms. Fledermäuse huschten vorbei, und von Zeit zu Zeit erklang der Ruf eines Kauzes.

Jetzt vernahm Frau Magdalena Pferdegetrappel. Eilends verließ sie das Zimmer und begab sich auf die nach dem Schloßhof gelegene Veranda. Da trabte auch schon ein Reiter durch das Tor. Sie erkannte Caspar von Carlowitz und rief ihn an.

»Base,« hörte sie seine Stimme im Näherkommen, »wie ist das Befinden deines Mannes? Kann ich ihn sogleich sprechen?«

Damit hielt er vor der Veranda. Frau Magdalena sah in sein mondbeschienenes Gesicht; es war tiefernst, wie sie es noch nie gesehen.

»Du triffst Ernst nicht zu Hause,« antwortete sie. »Kaum war er heute zum Bewußtsein zurückgekehrt, so erkundigte er sich nach dem Schicksal Waltklingers. Als er die Strafe erfuhr, war er aufs tiefste betroffen. Während des ganzen Nachmittags stand er unter dem Eindruck dieser Nachricht. Mit einem Male erklärte er, daß er zum Herzog fahren und um Milderung der Strafe bitten wolle. Die Tat sei in der heftigsten Gemütserregung geschehen, Waltklinger wäre als Mensch und Burgemeister hochachtbar, und was er ähnliches mehr sprach. Und da Bernhard die Nachricht aus Dresden mitbrachte, Herzog Heinrich werde noch heute nach Prag reisen und als Liebhaber nächtlicher Fahrten gegen Mitternacht aufbrechen, ließ Ernst alsbald anspannen und fuhr davon. Sein Zustand war recht gut; dennoch bange ich um ihn. Doch mochte ich ihn nicht von der Fürbitte zurückhalten.«

Frau Magdalena schwieg. Während ihrer Rede war der Vogt aus dem Pferdestall auf den Hof getreten.

»Ich muß gleichfalls zum Herzog,« stieß der Schloßhauptmann aus. »Welche Stunde ist es, Vogt?«

»Fast elf,« antwortete dieser.

»Vetter Carlowitz,« sagte Frau Magdalena, »dein Gebaren ist ein wenig seltsam. Du ängstigst mich. Was bewegt dich zu dem nächtlichen Ritt? Sag' es mir.«

»Nichts, nichts, Base,« beschwichtigte dieser erregt. »Vogt, ziehe sofort das schnellste Pferd aus deinem Stalle! In zwei Minuten muß ich reiten.«

Der Vogt verschwand in großer Eile.

»Soll dich nicht wenigstens Bernhard begleiten?« drang Frau Magdalena in den Schloßhauptmann.

»Bernhard?« entfuhr es diesem.

Beim Klange dieses einen Wortes stutzte Frau Magdalena.

»Nun ja,« sagte sie gepreßt. »Er begab sich heute schon früh zu Bett -- -- Doch, nein, -- wie ist mir, -- sein feines Ohr hätte unser Gespräch längst schon vernommen und er wäre ans Fenster getreten -- --«

Frau Magdalena warf einen geängstigten Blick zu den Fenstern hinauf.

»Vetter!« rief sie. »Du verbirgst mir etwas! Laß es mich wissen, was es auch sei!«

Caspar von Carlowitz erwiderte:

»Nun du es ahnst, kann ich das Schlimme nicht mehr verschweigen.« Und er erzählte mit hastigen Worten, was sich zugetragen.

Frau Magdalena erbleichte bis in die Lippen hinein.

Jetzt führte der Vogt das rasch gezäumte Pferd vor. Der Schloßhauptmann sprang von dem seinen und bestieg das junge, mutige Tier.

»Wie lange rechnest du mit ihm bis zum Dresdner Schloß?« fragte er.

»Wenn Ihr ihm die Zügel laßt, Herr, dann trägt Euch der Hengst in weniger als einer Stunde dahin. Habt Ihr erst Wilsdruff hinter Euch, so wird er davonschießen wie ein Pfeil.«

»Es ist gut.«

Carlowitz nahm die Zügel fest in die Faust und ritt dicht an die Veranda heran.

»Mut, Base,« raunte er, »du kennst den Edelsinn unseres Herzogs.« Und als er ihren starren Blick sah, fügte er hinzu: »Wir stehen alle in Gottes Hand. Kein Haar fällt ohne seinen Willen von unserm Haupt!«

Da beugte sich Frau Magdalena über die Brüstung, reichte dem Schloßhauptmann die Hand und sprach gefaßt, aber mit zuckenden Lippen:

»Reite unter seiner Hut, Vetter!«

Carlowitz drängte sein Pferd zurück und trabte zum Hoftor hinaus. Bald hatte er die Landstraße erreicht, die hell beschienen wie eine gerade Linie durch die Landschaft lief.

Da schnalzte er mit der Zunge; der Hengst prustete und spitzte die Ohren. Jetzt drückte ihm der Reiter die Sporen in die Weichen. Das junge Tier gewahrte die Zügelfreiheit und galoppierte an. Eine Sekunde darauf flog Carlowitz wie eine spukhafte Erscheinung durch die stille Nacht.

Vierundzwanzigstes Kapitel

Unter den sieben Eichen

Ein schöner Herbstmorgen brach an. Schon zu früher Stunde wurde es in den Gassen lebendig. Von der Erregung vom Abend vorher war nichts mehr zu spüren. Die Menschen trugen ernste, sorgenvolle Mienen, und unwillkürlich dämpfte jeder die Stimme im Gespräch mit dem andern.