Siebeneichen: Roman aus dem Alt-Meißner Land

Part 14

Chapter 143,716 wordsPublic domain

Jetzt sank Mirjam erschöpft auf das Bett zurück. Sie fühlte ihr Herz beklemmt, schob die Bettdecke zurück und riß das Hemd auf. Die abgezehrte, marmorweiße Brust, mit feinen, blauen Adern durchzogen, ward sichtbar. Da nahm sie die dunkelrote Rose und legte sie an ihr Herz. Draußen klang der Tritt der Mutter, und gleich darauf trat diese in die Kammer.

* * * * *

Sonnhild hatte vergebens gehofft, von dem Ausrufer eine weitere Besserung des Kranken aus Siebeneichen zu hören. Da auch während des Nachmittags die Nachricht sich nicht veränderte, verließ das Mädchen den Platz am Fenster und machte sich zu Mirjam auf.

Wie sie in das Torhaus trat, schien es Sonnhild, als ob ihr ein kalter Hauch entgegenwehe. Vor der kleinen Tür blieb sie stehen und holte tief Atem. Dann trat sie ein.

Mirjam lag mit gefalteten Händen unbeweglich auf dem Rücken. Ihre Brust war bloß; an ihrem Herzen lag eine rote Rose. Die Augen waren geschlossen und die bleichen Lippen leicht geöffnet, als ob sie flüstere. Himmlischer Frieden verschönte die Züge. Ihr reines Herz hatte aufgehört zu schlagen.

Vor dem Bett kniete Mirjams Mutter. Sonnhild ließ sich neben ihr nieder, legte die Stirn auf die Bettkante und betete. Der letzte der drei Menschen, der sie liebte, war von ihr gegangen. Nun war sie allein -- -- --

Als Sonnhild wieder aufstand, fühlte sie sich gestärkt. Noch einmal betrachtete sie das friedliche Gesicht der Dulderin und berührte zum letztenmal die durchsichtigen Hände. Mirjam hatte ausgekämpft! Wann würde _ihr_ geängstigtes Herz Ruhe finden?

Alsdann ging sie. Mirjams Mutter folgte dem Mädchen.

Im Hausflur reichten sich beide Frauen wortlos die Hände. Keine von ihnen vermochte die andere zu trösten.

Als Sonnhild nach Hause zurückkehrte, erschien sie den Vorübergehenden noch bleicher als in den letzten Tagen. In ihrem Zimmer angekommen, setzte sie sich müde ans Fenster und wartete geduldig. Da drang der Ton der Klingel heraus. Sie öffnete, beugte sich hinaus, und -- das Herz wollte ihr stillstehen.

Noch lange, nachdem die Worte auf dem Markt verklungen waren, stand sie am Fenster. Dann sank sie in den Stuhl zurück. Die furchtbare Verkündung schallte unaufhörlich in ihren Ohren: »-- -- morgen früh auf dem Marktplatz gestäupt und auf zehn Jahre aus dem Lande verwiesen -- -- --«

Das Mädchen war vernichtet. Die Schwester tot, der Vater entehrt und schimpflich verjagt und der Geliebte weit entfernt, -- jetzt konnte nur noch das Himmelsgewölbe auf sie niederbrechen. Als die Bäume sich in diesem Jahre belaubten, vermochte sie das große Glück kaum zu fassen, das ihr die Vorsehung beschieden. Nun, wo die Blätter bald abfielen, war sie der ärmste Mensch auf Erden! O du furchtbares Schicksal! -- Und keine Träne wollte ihr die Brust erleichtern!

Da schlug sie die Augen auf und fuhr voll Entsetzen im Stuhl zurück. Spottete nun auch noch die Phantasie ihrer?

»Sonnhild,« hörte sie eine Stimme sprechen. Dann schritt jemand auf sie zu, kniete vor ihr nieder und legte die Arme um sie. Ihre umflorten Augen konnten kaum die Umrisse des Knienden erkennen. Sie tastete nach ihm und fragte leise:

»Bernhard, bist du es?«

»Ja, Geliebte, dein Bernhard!«

Da beugte sich das Mädchen herab und sagte:

»Bernhard, du darfst mich nicht länger lieben! Ich bin deiner nicht mehr wert.«

»Sonnhild,« rief der Jüngling schluchzend, »du Reine!«

»Morgen wird mein Vater ehrlos sein -- -- --«

»Tausende werden sein unbeflecktes Bild nicht aus ihrer Seele verdrängen lassen -- -- --«

»Die Tochter eines Entehrten weist jeder von seiner Schwelle.«

»Dein furchtbares Geschick wird dich vor Gott und den Menschen nur erhöhen!«

»Aber dein schwerkranker Vater!« stammelte das Mädchen.

»Geliebte, ich bringe dir gute Nachricht,« rief der Jüngling aufspringend. »Mein Vater ist vor wenigen Stunden zum Bewußtsein gekommen, und die Ärzte haben erklärt, daß schlimme Folgen des Sturzes sich nicht einstellen würden.«

Da erhob sich das Mädchen, legte ihren Kopf an die Brust des Geliebten und wehrte ihm nicht, als er ihre Stirn küßte.

»Sonnhild,« raunte ihr Bernhard ins Ohr, »deinem Vater darf kein Leid geschehen, ich befreie ihn aus dem Gefängnis.«

Das Mädchen schreckte zusammen.

»Heute zur Mittagstunde bin ich mit Caspar von Carlowitz heimgekehrt,« sprach er weiter. »Er begab sich auf die Burg, um sein Amt als Schloßhauptmann wieder anzutreten, und ich eilte nach Siebeneichen, wo ich den Vater schon bei Bewußtsein fand. Ich habe nicht gewagt, mit ihm über die Ursache seines Sturzes zu sprechen. Aber er war sehr gütig. Gegen Abend habe ich große Müdigkeit infolge der weiten Reise vorgeschützt und bin zu dir geeilt, während sie mich in meiner Kammer wähnen. Der Plan zur Befreiung deines Vaters steht in mir fest, er muß gelingen!«

Bei diesen Worten schlug in Sonnhild die Flamme der Begeisterung für das Befreiungswerk hoch auf. Dunkle Röte schoß in die bleichen Wangen, und ihre Augen glänzten.

»Der Turm ist in die Stadtmauer eingebaut,« sprach sie mit fliegenden Worten. »Wir nähern uns außerhalb der Stadt der Fronfeste und rufen meinen Vater ans Fenster. Dann werfen wir ihm einen Stein zu, an den ein Faden gebunden ist, und lassen ihn eine Strickleiter emporziehen und Werkzeuge, mit denen er die eisernen Stäbe vor dem Fenster durchfeilen kann -- -- --«

Bernhard sah der Geliebten in das glühende Gesicht. Bewunderung und Wehmut erfüllten ihn. Der Plan war unausführbar. Denn am Fuße des Turms, außerhalb der Mauer, stand ein Pikett Burgknechte, wie er gesehen, als er die Umgebung der Fronfeste betrachtet hatte. Aber in seinen Augen flackerte es, und auf seinem ernsten Gesicht stand die Entschlossenheit, mit der er seinen Plan ausführen würde. So gefahrlos, wie Sonnhild wähnte, war das Werk freilich nicht zu verrichten.

»Geliebte,« antwortete der Jüngling zärtlich, »sorge dich nicht! Du hast in den vergangenen Tagen viel Schweres durchkämpfen müssen. Nun laß mich an deine Stelle treten. Mein Plan ist ein anderer, -- will's Gott, daß er gelingt! Auf ihn wollen wir bauen. Wirf deinen großen Kummer von dir. Wenn mich nicht alle Gunst des Himmels verläßt, befindet sich dein Vater morgen früh in Sicherheit. Jetzt aber entlaß mich, damit ich noch die letzten Vorbereitungen für das Werk treffen kann.«

Sonnhild schmiegte sich an den Geliebten. An seiner Brust fühlte sie sich geborgen. Und ihr Vertrauen auf seine Umsicht und Entschlossenheit war felsenfest.

»Was du auch tust, du stehst unter dem Schutze des Höchsten, mein Geliebter,« sprach sie mit Innigkeit, »ich werde für dich und für meinen schwergeprüften Vater beten!«

Aufs tiefste bewegt, drückte Bernhard das Mädchen an sich, als wenn es gälte, Abschied für immer zu nehmen -- -- --

Einundzwanzigstes Kapitel

Rebbe Liebmann, der alte Jude

Es war Abend geworden. In der zu ebener Erde gelegenen Stube im Torwarthause am Lommatzscher Tor saßen einsam zwei Menschen. Auf dem Tisch stand eine tönerne Schale, gefüllt mit Mohnöl, worin ein Docht brannte. Der Schein der Lampe erhellte das Zimmer nur spärlich. Dem Tisch gegenüber stand ein großes Bett, worüber ein weißes Laken gebreitet war.

Vornübergesunken hockte zu Füßen des Bettes auf dem Boden eine Frau. Im Hintergrunde der Stube saß in einem schweren Armstuhl ein würdiger Greis von dem Aussehen eines altbiblischen Propheten. Sein Kopf war mit einer wahren Löwenmähne langen Haares bedeckt, und der schlohweiße Bart, der von dem runzeligen Gesicht nur die scharfe Hakennase und die mächtige Stirn freiließ, hing tief auf die Brust herab. Über den blinden Augen wölbten sich buschige Brauen. Die Arme des Greises lagen auf den Seitenlehnen des Stuhles.

Drückende Stille herrschte in dem Raum.

Da fuhr das Weib auf:

»Zwanzig Jahre der Qual und Verzweiflung -- Jehova rast wider uns!«

Dann sank sie von neuem vornüber.

»Der furchtbare Schlag hat dein Gemüt umdüstert, Lea,« antwortete Rebbe Liebmann mit tiefer Stimme. »Der Herr hat uns schwer geprüft. Aber selbst aus dem tiefsten Leid sollen seine Kinder die köstliche Zuversicht schöpfen, daß sie dereinst reich belohnt werden.«

»Unser Geschlecht ist verflucht!« murmelte das Weib in dumpfer Verzweiflung.

»Die Ratschlüsse des Ewigen sind unerschöpflich; was er tut, ist wohlgetan.«

»Warum knechtet er gerade sein Volk mit blindwütiger Grausamkeit! Zuerst zerstreute er es in alle Welt. Dann ließ er zu, daß die Völker der Erde die Flüchtlinge wieder vertrieben oder aus ihrer Gemeinschaft ausstießen. Tief verhaßt und unentbehrlich, begehrt und verflucht sein war unser Los. Waren nicht unsere Väter von allem entrechtet? Haben nicht -- auch in den deutschen Landen! -- die grausamsten Judenverfolgungen jahrhundertelang angehalten und unzählige Leben vernichtet und mühsam erworbenes Gut geraubt? Man beschuldigte uns, das Vieh krank gemacht, die Brunnen vergiftet und Mißwachs herbeigeführt zu haben, um die unmenschlichsten Missetaten an uns zu verüben. Wie kurz ist erst die Zeit, die vergangen, seitdem unser Volk nicht mehr die gelbe Kokarde an den Rücken trägt -- das schimpfliche Abzeichen der Unreinen -- -- --«

Das Weib hielt keuchend inne. Ihr Gesicht trug den Ausdruck maßloser Erbitterung.

»Und wie die Gemeinschaft,« fuhr sie fort, »verfolgt er erbarmungslos auch den einzelnen.«

»Lea,« fiel der Blinde beschwörend ein, »deine Rede ist lästerlich. Laß den reinen Spiegel deiner Seele nicht trüben von den dunkeln Wolken des Zorns, die darüber hinziehen, und wende dein Herz nicht von dem Herrn aller Himmel! Zwei Jahrzehnte hast du die teuflischen Geister des Grolles und Hasses bezwungen -- -- --«

»Jetzt reißen sie die schwachen Schranken nieder,« schrie das Weib, sprang auf und stampfte den Boden mit den Füßen, »die die versagende Kraft jeden Morgen von neuem aufrichten mußte. Fallt ab von mir, schwachherzige Geduld und schimpfliche Geneigtheit zur Vergebung! Es ist ein Kampf wider die Natur. Der Gott, der mich erschaffen, muß es an seinem Werke büßen, daß es mißraten. Einst war ich groß im Lieben, heute bin ich's im Hassen! Haha!«

»Wer so frevelt wie du, mein Kind, dem wird es dereinst schwer werden, vor dem Richterstuhle des Ewigen Worte zu finden.«

»Soll ich den lieben, der mich betrog und mein Kind zum Bankert machte?«

»Und doch kenne ich eine,« klang des Greises eindringliche Stimme, »die zu Gott dankte, als er ihren Schoß segnete.«

Da verstummte das Weib. Der Greis aber fuhr fort:

»Hast du ihm nicht alles abgeschlagen, was er in leidenschaftlicher Liebe für dich und das Kind tun wollte? Und wie er vor der Wiege des Neugeborenen kniete und mit gerungenen Händen dich anflehte, du möchtest ihm verzeihen, was sprachst du da? Ich verzeihe um den Preis der völligen Entsagung auf das Kind! Er umklammerte deine Füße, -- du stießest ihn. Da versprach er's und ging. Aber in wieviel ungezählten Nächten haben wir nicht die wohlbekannten Schritte vor dem Hause und das leise Klopfen an der Tür vernommen, bis nach stundenlangem Harren der Tritt in der Ferne verhallte. So ging es, bis sich die Wunde in seinem Herzen geschlossen haben mochte.«

Am Stadttor tönte der eiserne Klopfer, draußen stand jemand, der Einlaß begehrte. Aus einer Nebenkammer ging der Geselle hinaus. Die schweren Ketten rasselten und fielen herab, und das Tor kreischte in den Angeln. Eine kurze Weile, dann entfernten sich stadtwärts Schritte. Das Tor schlug zu, und der Geselle kehrte wieder in seine Kammer zurück. Die zwei Menschen hörten es kaum, so gefesselt waren all ihre Sinne.

»Mein armes Kind,« klang des Greises Stimme wieder, »laß das herzzerreißende Weh, das sich in deine Seele hineingebohrt, nicht Herr über dich werden. Nach unsern Werken der Liebe werden wir einst belohnet oder gerichtet werden. Der Gute vergißt über dem eigenen Schmerz nicht den Schmerz des Nächsten. Du weißt, daß er ein Unglücklicher ist und wie schwer er jetzt leidet.«

»Heute sind alle Wunden wieder aufgerissen,« klagte das Weib tonlos, »die er meinem Herzen geschlagen. Und ich fühle, daß ich gelogen, als ich ihm verziehen.«

»Dann verzeihe ihm nun aus vollem Herzen.«

»Wer meinen Gram und meine Verzweiflung ermessen kann, die schlimmer peinigen als Höllenqualen, der wird nicht verlangen, daß ich ihm ein zweites Mal vergebe.«

»Nicht zweimal sollen wir vergeben, fordert der Allmächtige des Himmels und der Erden, sondern siebenmal siebzigmal.«

»Aber ich vermag es nicht!« schrie das Weib grell auf.

Da erhob sich der Blinde, ging mit sicheren Schritten zu dem Bett und schlug das weiße Laken zurück. Seine großen lichtlosen Augen auf die Tochter gerichtet, sprach er:

»So lerne das Verzeihen von deinem Kinde, das mit einem Gebet für den Vater von uns gegangen ist.«

Die Frau erschrak und stützte sich schwer auf das Fußende des Bettes. Ihr Atem flog und ihre weitgeöffneten Augen waren starr auf die abgezehrte Gestalt im weißen Sterbehemd. Das blasse Gesicht der Toten war verklärt von dem Ausdruck tiefen Friedens, den Mirjam beim Verscheiden empfunden. Zwischen den gefalteten Händen hielt sie die dunkelrote, welke Rose.

Sekunden verstrichen. Als wenn sie einem zermalmenden Druck trotzen wollte, verharrte die Frau hartnäckig in gebeugter Haltung. Dann brach sie vor dem Bett lautlos nieder.

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Die drei Getreuen

Die ältesten Bewohner Meißens erinnerten sich nicht, die Stadt jemals in so großer Aufregung gesehen zu haben, wie an diesem Abend. Die Häuser standen leer, jedermann war auf die Gasse geeilt. Wie zu Kriegszeiten herrschte fieberhaftes Leben unter der Einwohnerschaft. Hinter vielen Fenstern brannte Licht, so daß die Gassen hell waren.

Auf dem Markt standen vier hohe Böcke, die mit Pech gefüllte, eiserne Schalen trugen, aus denen rote, rußige Flammen emporloderten. Vor dem Rathaus bauten Zimmerer ein hölzernes Gerüst. Eine unabsehbare Menge drängte sich unaufhörlich daran vorbei. Die hellen Hammerschläge drangen scharf durch den Lärm. Jeder verstand, was sie verkündeten: morgen früh sollte auf diesen Brettern dem Burgemeister Georg Waltklinger durch den aus Dresden zu erwartenden Henker der entblößte Rücken mit Ruten gepeitscht werden.

Zwar war eine Abordnung der Bürgerschaft unter Vorantritt Peter Sorgenfreis nach Dresden geeilt, um die Gnade des Herzogs anzurufen. Aber sie waren abgewiesen worden!

Der Herzog hatte die Männer wohl empfangen und sein Bedauern ausgesprochen, daß er ihre Bitte abschlagen müsse. Den ausgezeichneten Ruf ihres Burgemeisters kenne er. Gleichwohl dürfe er dem Spruch des Gerichts nicht entgegentreten. Die unbesonnene Handlung sei ein schwerer Angriff gegen Gesetz und Obrigkeit, und das Leben eines hohen Beamten des Landes, den der Herzog als einen seiner besten bezeichnete, wäre ihr um Haaresbreite zum Opfer gefallen. Nur insoweit könnte das Urteil gemildert werden, als der Besitz des Schuldigen nicht um den dem Staat bei der Ausweisung zufallenden Teil geschmälert würde.

Traurig kehrten die Männer heim. Wie der Herzog bei Einführung der Reformation seine Tatkraft bewiesen, ebenso unbeugsam war er, wenn es galt, eine Verletzung der Würde des Gesetzes zu sühnen.

Das Gewühl in den Gassen wurde immer ärger, und dasselbe Bild, das große Zusammenläufe einer erregten Menge überall bieten, zeigte sich auch hier. Anfänglich schoben sich die Menschen stumm durcheinander. Der Geist der Ordnung leitete sie noch. Allmählich gewann aber die Erregung Oberhand, die die Masse berauschte. Die Unbesonnenen begannen damit, drohende Rufe auszustoßen, und die friedlich Gesinnten wurden davon angesteckt. Dazu tat der genossene Wein seine Wirkung. Nichtsnutziges Gesindel beging Ausschreitungen und riß durch sein Beispiel nüchterne Zuschauer, die aus Neugierde auf die Gasse gegangen waren, mit fort.

Man fragt sich, wo diese lichtscheuen Elemente in ruhigen Zeiten ihre Schlupfwinkel haben, -- inmitten eines erregten Volkshaufens blüht ihr Weizen, und sie sind wie aus der Erde gestampft da. Sie laufen Sturm wider Gesetz und Ordnung, wiegeln die Friedfertigen auf und sitzen mit dem Aufruhr zu Tische. Ihr Handwerk ist um so gefährlicher, als sie es am liebsten heimlich betreiben. Droht ihnen Gefahr, so ducken sie sich. Und greift der eiserne Arm des Gesetzes ein, dann sind sie wie weggeblasen und überlassen den bürgerlichen Mitschreier seinem Schicksal. -- Parasiten!

Vor der Fronfeste, wo gleichfalls Pechpfannen brannten, gab es wüste Auftritte. Stimmen wurden laut, die die gewaltsame Befreiung des Gefangenen forderten. Und gegen die am Eingang stehenden bewaffneten Burgknechte fielen wilde Drohungen. Ein Haufe von Schreienden und Betrunkenen zog durch die Gassen, den Tumult steigernd.

Als auf dem Marktplatz der Bau des Gerüstes beendet war, hatte sich ein Mann darauf geschwungen, der mit einer zündenden Rede das Volk aufforderte, den durch den Herzog abgeschlagenen Gnadenakt selbst zu vollziehen. Es war der Bruder Antonius. Seine Beredsamkeit stachelte das Volk auf, daß es seinen Worten Beifall schrie. Aber die Besonnenen unter der Menge schritten ein, verwiesen dem Mönch seine Rede und beschwichtigten die Aufgeregten.

Die Bürger, die die Nachtwache hatten, gingen umher, ermahnten das Volk zur Ruhe und versuchten, es zum Heimkehren zu bewegen. Aber diese Zirkler sahen bald ein, daß sie heute machtlos waren. Die Aufregung war zu groß, und es waren ihrer zu viel, die in den Gassen tobten.

Dazu gab es selbst Bürger, die die wachsende Leidenschaft insgeheim anstachelten. Der alte Anesorge lief durch die Menge und reizte sie auf. Die ungeheure Spannung und das vergebliche Harren auf die noch immer erwartete Begnadigung hatten ihm fast den Verstand geraubt.

Während nun auf den Gassen der drohende Aufruhr sein schauerliches Lied sang, war es in der Zelle des Gefangenen der Fronfeste still. Der Lärm drang nicht durch die dicken Mauern und starken, eichenen Fensterladen. Der Raum war schmal. Ein Tisch, ein Stuhl und ein eisernes Bett bildeten seine dürftige Ausstattung.

Georg Waltklinger lehnte mit dem Rücken gegen den Tisch. Sein Haar war in Unordnung, das Gesicht bleich. Vor ihm stand der weißhaarige Edelbeck, der Hüter der Fronfeste. Er war soeben eingetreten, hatte die Tür sorgsam hinter sich geschlossen, die brennende Laterne niedergestellt und den großen Schlüsselring dazugelegt.

»Nein, Herr Burgemeister,« versetzte der Alte, »nun kann ich's nimmer mit ansehen. Euer Unglück zerbricht mir das Herz.«

Waltklinger seufzte und machte eine Handbewegung, die sagen wollte: mir ist nicht zu helfen.

»Wie geht's deinem Sohn, dem Heinrich?« fragte er mit müder Stimme, um den Alten abzulenken.

»Von ihm wollte ich eben sprechen,« antwortete Edelbeck. »Wieviel Gutes habt Ihr an dem getan! Herr Burgemeister, wenn Ihr wüßtet, wie der Junge an Euch hängt, wohl ebenso, wie an seinem leiblichen Vater.«

»Laß es gut sein,« versetzte Waltklinger, »'s war nicht der Mühe wert.«

»Wie, ich sollte das gering anschlagen? Es war ein schlimmer Abend,« nickte der Alte. »Der wilde Junge, der aber doch zu lenken war wie ein Kind, hatte im Jähzorn einen Mitspieler mit dem Messer gestochen. Ihr kanntet meinen Heinrich, war er doch Euer Lehrbursche und Geselle, und Ihr hattet ihn wahrhaft lieb. Ein braves Kind, dein Heinrich, sagtet Ihr manchmal zu mir. Da kam das Unglück. -- Ich rang vor Euch die Hände: helft, helft, daß mein Heinrich vor Schande bewahrt bleibe! Meine Verzweiflung rührte Euch. Ihr versaht den Jungen mit einem guten Stück Geld und ließt ihn bei Nacht und Nebel heimlich entweichen. Den Schwergetroffenen, der sich nur langsam erholte, suchtet Ihr auf, gabt ihm Schweige- und Schmerzensgeld und nahmt Euch seiner Familie an. Noch heute empfängt sie ja Eure Wohltaten.«

Waltklinger sah nachdenkend nieder.

»Nun ist der Junge im Hessischen,« erzählte der alte Edelbeck weiter, »und es geht ihm gut. Und seine Frau, die sich fast zu Tode ängstigte, als ihm der Prozeß gemacht werden sollte, ist mit den Kindern wohlbehalten bei ihm angekommen. Er schreibt, daß sein neuer Meister mit ihm recht zufrieden sei. Als dieser hörte, daß er das Handwerk bei Euch gelernt habe, hat er den Jungen eingestellt. Denn Euer Name war ihm bekannt. Wenn Ihr den Heinrich damals nicht vor dem Schlimmen bewahrt hättet, wie anders wär' es gekommen! Seine brave Frau und die lieben Kinder hätte der furchtbare Schlag schwer getroffen.«

Den Alten übermannte die Rührung, daß ihm die Sprache versagte. Er schwieg eine Weile und fuhr mit der Hand über die feuchten Augen. Dann begann er wieder:

»Und wie meinem Heinrich das Unglück damals zugestoßen, ebenso seid auch Ihr hineingeraten: das heiße Blut hat Euch hingerissen. Wie manchem prächtigen Menschen hat der Jähzorn nicht schon schwere Stunden gebracht!«

Der alte Wärter brach hier kurz ab, wandte den Kopf nach der Tür und lauschte angestrengt. Von dem lärmenden Volkshaufen war nichts zu hören. Nur der verworrene Klang einzelner Worte drang in die Zelle, die von den wachehabenden Burgknechten kamen.

Da trat Edelbeck nahe an den Sitzenden heran und sagte mit gedämpfter Stimme:

»Herr Burgemeister, seitdem Ihr in der Fronfeste sitzt, ist der Schlaf meinen alten Augen ferngeblieben, und ich habe meinen Kopf zerquält um Euretwillen. Nun weiß ich, was ich tun muß. Euch ist bekannt, daß der Turm zwei Ausgänge hat: den gewöhnlichen, den die Knechte bewachen, und den nie benutzten, der aus meiner Wärterstube unmittelbar ins Freie führt. Die drei größten Schlüssel an diesem Bund öffnen die eiserne Tür.«

Georg Waltklinger horchte auf.

»Es wäre jammerschade, wenn ein so geachteter und verdienter Mann, wie Ihr seid, dieselbe erniedrigende Strafe erleiden sollte, wie der gemeine Verbrecher. Und ich müßte mich noch in der Sterbestunde einen schlechten Kerl nennen, wenn ich Euch heute den Dienst nicht vergelten wollte, den Ihr meinem Heinrich getan habt. Also geht auf und davon, Burgemeister! Freilich -- -- -- na, wie soll ich's sagen, -- Ihr wißt ja, ich hab's zugeschworen, meine Gefangenen treu zu bewachen. Auf meinem weißen Haar haftet kein Stäubchen Unehre, und ich darf vor den Menschen nicht meineidig werden. Wie ich freilich mit dem droben fertig werden soll, -- na, kümmert Euch nicht viel darum, das wird mir schon gelingen! Ich tu's ja für meinen Heinrich und die herzigen Kinderchen -- -- -- Ihr könnt noch unendlich viel Gutes tun, um mich alten Mann ist es nicht schade! -- Die Tür ist unverschlossen, die Treppe bis zu meiner Stube frei -- -- nehmt den spitzen Stahl, der mir an der Seite hängt, Burgemeister -- und -- -- stoßt zu -- -- --«

Waltklinger war den hastigen Worten des Alten mit höchster Spannung gefolgt. Jetzt stand er erschüttert auf, umarmte den Wärter und sagte:

»Edelbeck, was du da sprichst, verrät dein gutes Herz. Wie soll ich dir's danken! Du bist ein Held! Deshalb ist der Preis zu hoch, mit dem ich mir die Freiheit erkaufen sollte. Ich will in den Augen unseres lieben Herrgotts zwar gern weniger gelten als du, aber ich möchte vor ihm nicht als Wicht dastehen. Und das wäre ich, wenn ich dein Angebot annähme. Du hältst viel auf mich, Alter, -- das freut mich! Aber gerade darum, weil ein solcher Ehrenmann, wie du mich schätzt, muß ich über meinen Ruf streng wachen. Sonst sagen die Leute: an dem Waltklinger ist doch nichts gewesen!«

Dem Alten war bei diesen Worten der Kopf auf die Brust gesunken. Nun wandte er sich langsam um, nahm das klirrende Schlüsselbund auf und verließ, ohne noch ein Wort zu sprechen, die Zelle. Georg Waltklinger sah eine Weile in das matte Licht der auf dem Boden stehenden Laterne. Dann setzte er sich, stützte den Kopf auf und versank in tiefes Nachdenken.

Da hörte er, wie der alte Edelbeck wieder eintrat.

»Herr Burgemeister,« sagte dieser, »ein Weib hat an meine Tür geklopft und so dringend gebeten, zu Euch gelassen zu werden, daß ich ihr's nicht abschlagen mochte.«

Waltklinger sah sich um.

»Wen soll es jetzt so dringlich nach einer Unterredung mit mir verlangen? Es ist doch nicht meine Tochter? Ich möchte ihr den Schmerz meines Anblicks ersparen ...«