Sidsel Langröckchen

Part 7

Chapter 73,888 wordsPublic domain

Kurz darauf waren Sidsel und Jakob unterwegs nach Svehaugen, sie waren außen um den Kuhstall und das Wohnhaus von Schloß Guckaus gegangen -- denn es hatte keinen Sinn, das schöne Gras niederzutreten, hatte Jakob gesagt. Und ganz richtig fanden sie wirklich Bliros am Gatter von Svehaugen stehen. Sie glaubten auch fest, daß die Kuh Sidsel wiedererkannte. Sie liebkosten sie und plauderten mit ihr und über sie und gaben ihr Waffeln und Plinsen; sie hatten das Gefühl, als müßten sie gewissermaßen wieder gut machen, daß sie nicht den Mut gehabt hatten, in das Haus von Schloß Guckaus mit seinen vielen teuern Erinnerungen hineinzugehen, und Jakob verstieg sich zuletzt dazu, daß er versprach, er wolle Bliros für Sidsel zurückkaufen, sobald er erwachsen wäre.

Da konnte Sidsel sich nicht länger halten, sie schlang ihre Arme um Bliros' Hals, sah sie lange an und sagte:

Glaubst du, Jakob, daß Bliros sich noch unsrer Mutter entsinnen kann? -- und nun begann sie zu weinen.

Das kam dem Jakob so unerwartet, daß er nicht gleich wußte, was er sagen sollte. Aber nach einer Weile packte es auch ihn, und mit innerlicher Überzeugung brachte er endlich hervor:

Ja, wenn sie sich überhaupt auf jemand besinnen kann, so muß es wohl die Mutter sein.

Ein Sonntag im Gebirge.

Fünf Sommer sind vergangen seit Sidsel das erste Mal ins Gebirge gekommen ist, und niemand, der es nicht weiß, könnte erraten, daß das Sidsel ist, dies lange Mädel, das am heutigen Sonntag ganz allein auf dem Steine sitzt, der, so lange irgend ein Hirte zurückdenken kann, der Klininggrautstein geheißen hat und der so einsam und verborgen weit weg in den Bergen liegt. Sie ist lang aufgeschossen; der lange, weite Rock, den sie nun als Unterrock gebraucht, reicht ihr nicht einmal bis an die Kniee, und sie hat keinen Birkenhut mehr und keine Schuhe aus Birkenrinde, dafür hat sie ihr Sonntagshalstuch umgeschlungen und sitzt mit einem Buche im Schoße da; denn im Winter soll sie in den Vorbereitungsunterricht zum Pfarrer gehen, und im Frühjahr soll sie konfirmiert werden.

Aus dem Lesen wird nichts, das Buch ist ihr in den Schoß gesunken, und ihre ruhigen blauen Augen, die nun so ernsthaft und erwachsen dreinschauen, gleiten über alle diese ihr so lieben und bekannten Plätze hin. Rings um den Stein herum hat sich die Herde gelagert, die Tiere ruhen aus und käuen wieder. Es ist bereits Spätsommer, der Himmel ist so hoch und die Luft klar und kühl; soweit das Auge reicht, zeichnet sich alles mit den schärfsten Umrissen ab, und Höhen und Gründe erstrahlen schon in den bunten Farben des Herbstes, die hier oben bereits ihren Einzug gehalten haben, die Sonne scheint so ruhig und auch gleichsam kühl. Es ist ganz still ringsumher, man hört nicht einmal den Klang der Schellen -- das Vieh hält Mittagsruhe -- nichts rührt sich, nur weit, weit weg in der Ferne sieht sie einen Falken von der Herspitze aufsteigen.

Sidsel hat all dies genau ebenso schon jeden Sommer gesehen, es ist ihr wohlbekannt und lieb geworden; sie muß unwillkürlich daran denken, wie beständig, wie unveränderlich doch dies alles hier trotz des ewigen Wechsels ist, während sonst so vieles wechselt, um nie wiederzukehren; denn manches hat sich verändert, seit sie hier zum ersten Mal saß und dasselbe Schauspiel genoß. Das Vieh ist verändert, die ältesten Tiere sind weg, neue an ihre Stelle gekommen, die unglückliche »Mutters Hornlose« ist nun eine erwachsene Kuh geworden mit ganz ungewöhnlich prächtigen Hörnern; die Sennerin hat ihren Platz verlassen, eine andre ist an ihre Stelle gekommen; ihre Hirtenkameraden Jon und Peter sind ebenfalls weg, schon die letzten zwei Sommer sind sie nicht mehr hier gewesen, nachdem sie vor zwei Jahren zusammen mit Jakob konfirmiert worden sind. Jon ist sogar nach Amerika ausgewandert. Sie hat sie sehr vermißt, manchmal hat sie in diesen zwei Sommern sich einsam gefühlt; denn weder nach Högseth noch Lunde sind neue Hirten gekommen. Daheim auf Hoël hat ebenfalls ein Teil der Leute gewechselt. Bär ist blind geworden, und sie selbst hat nun an den Winterabenden nicht länger ihren Platz beim Holzhaufen, sondern am Spinnrocken neben Kjersti, außer wenn sie ihre Sprüche und Gesangbuchslieder lernen muß.

Und nun wird wohl wieder alles anders; nun ist wohl auch sie den letzten Sommer hier oben. Und was soll dann mit ihr werden? Kjersti Hoël hat bisher nichts hierüber geäußert, vielleicht will sie sie nicht einmal länger im Dienst behalten. Aber sie jagt diese Gedanken von sich; sie will jetzt nicht daran denken, jetzt, wo alles um sie herum so herrlich, friedlich und schön ist; wie sich auch alles gestalten, wohin sie auch kommen mag, so viel ist sicher, diese Plätze wird sie nie vergessen können und vor allem niemals diesen Stein, der immer ihr Lieblingsplatz gewesen ist, und vollends nun, nachdem es hier oben in den Bergen so einsam um sie geworden ist. Und von neuem schaut sie umher.

Da erblickt sie weit draußen im Moor die Gestalt eines Mannes, der auf sie zu gewandert kommt; ab und zu beugt er sich nieder, offenbar, um eine Multbeere zu pflücken, die nun bereits zu reifen anfangen. Da nehmen ihre Gedanken eine andre Richtung.

Wer das wohl sein mag? Es kann wohl kaum einer sein, der nach seinen Pferden ausschaut; denn die pflegen nie an Sonntagen zu gehen. Ein Beerensammler kanns aber auch nicht gut sein; denn die Multbeeren sind noch nicht so reif, daß das Sammeln sich lohnte. Es muß einer sein, der zu seinem Vergnügen im Gebirge wandert. Wenn es Jakob wäre! Den hat sie seit letztem Herbst nicht wiedergesehen, und damals sagte er ja, er wolle sie im Sommer aufsuchen; die Gestalt glich aber auch Jakob nicht, außerdem kannte der sich wohl kaum hier im Westgebirge genügend aus, um sich allein zum Klininggrautstein hinauf zu finden, und es sah so aus, als ob der dort gerade hierher wollte, und offenbar kannte er auch das Moor und wußte, wo Multbeeren wuchsen, und wo es gangbar war. Es war doch nicht etwa gar ...? Sie wurde rot beim bloßen Gedanken, aber gerade da war er unten am Abhange verschwunden, und sie konnte ihn nicht mehr sehen.

Unwillkürlich band sie ihr Kopftuch fester, strich ihr lichtes Haar unter das Tuch zurück und glättete die Falten ihres Rockes. Darauf setzte sie sich, mit dem Rücken halb nach der Richtung gewandt, von wo er kommen mußte, nahm ihr Buch, beugte den Kopf darüber und tat, als ob sie läse.

Bald darauf kam hinter ihr ein junger Mann die Anhöhe herauf. Er hatte funkelnagelneue Frieskleider an, einen neuen Schal um den Hals gebunden und trug hohe Schaftstiefeln; er war nicht gerade groß, eher untersetzt, und in dem jugendlichen Gesicht mit dem kaum bemerkbaren Schatten eines Flaums unter der Nase saßen ein Paar braune, gutherzige und treue Augen. Er blieb eine Weile stehen und sah auf die Ebene herab, wo Sidsel auf dem Steine saß und die Herde um sie rastete; es war deutlich zu sehen, daß dies Bild in ihm eine Erinnerung wachrief, daß er das Bild schon früher gesehen hatte. Sidsel sah nicht auf, aber sie fühlte, daß der andre dort war, fühlte es förmlich im Rücken, daß er dastand und sie betrachtete. Er lächelte; dann machte er einen Umweg, um von der Seite her zu ihr hinunter zu kommen, damit das Vieh Zeit hätte, seiner rechtzeitig gewahr zu werden, und nicht erschreckt aufführe. Er ging ruhig gerade auf sie zu, so daß sein Schatten über das Buch hinglitt; da blickte sie auf, und ihre Augen begegneten sich; beide erröteten leicht, aber da sagte er rasch:

Guten Tag, Sidsel!

Guten Tag! Nein, du bist's Peter? Was bringt denn dich hierher?

Sie gaben sich die Hand.

Ja, ich dachte, es müßte nett sein, die alten Plätze wieder zu sehen, und da Jakob dich hier oben besuchen wollte, schloß ich mich ihm an.

Ist Jakob auch mit?

Ja, aber er ist unten auf der Senne geblieben, er war müde; wir sind nämlich heute schon in aller Frühe aufgebrochen, und dann hatten wir auch dem Högseth versprochen, morgen ein paar seiner Gäule mit nach Hause zu bringen. Ich soll dich von ihm grüßen.

Warst du denn so sicher, mich hier zu finden?

O ja, ich konnte es mir ungefähr denken, wo du bei solchem Wetter sein würdest. Und für mich ist es ja auch unterhaltend, hier mich umzusehen, da ich hier bekannt bin.

Er setzte sich neben sie auf den Stein und schaute bedächtig ringsum.

Findest du dich wieder zurecht?

Ja, alles ist ganz unverändert, als ob ich erst gestern hier gehütet hätte. Aber dich hätte ich beinahe nicht wiedererkannt, du bist so groß geworden.

Findest du?

Es ist ja aber auch zwei Jahre her, seit ich dich gesehen habe.

Es entstand eine kleine Pause; dann fuhr Peter fort:

Ich ging über das Skraamoor, an unserm Badeteich vorbei, der ist ausgetreten.

Ja.

Ich habe schon daran gedacht, ob ich ihn nicht wieder für dich aufdämmen sollte.

Ach nein, das brauchst du nicht; ich habe meinen Badeteich an einer andern Stelle, die niemand kennt.

Nein, was du sagst.

Ja, den habe ich schon das letzte Jahr gehabt, als ihr noch hier wart.

Also da stecktest du an den Tagen, wo wir dich nirgends finden konnten?

Bisweilen, ja.

Das Vieh fing an, aufzustehen und davon zu trippeln und da mußte Peter sich die alten Ziegen anschauen und sehen, ob er sie noch kannte, und wirklich kannte er sie alle noch ganz gut, und Sidsel erzählte ihm von den neuen; aber bald war die Herde ihren Blicken entschwunden, und da hatten sie auch nichts mehr mit einander zu reden. Sie saßen immer noch nebeneinander auf dem Steine. Darauf sagte Peter:

Du hast deinen Birkenhut nicht mehr, Sidsel?

Nein, der ist schon lange abgetragen.

Aber was hast du denn da an der Schnur?

Er griff behutsam nach einer Schnur, die sie um den Hals trug, und zog daran. Aus ihrem Busen zog er die Hornpfeife, die er ihr einst geschenkt hatte.

Ich glaube gar, du hast die Hornpfeife noch?

Sidsel wurde über und über rot, sie schämte sich, daß er sah, wie kindlich sie noch war, und beeilte sich zu sagen:

Ja, ich trage sie -- bisweilen.

Ich habe meine auch noch, sie ist das einzige Andenken an meine Hirtenzeit, das ich noch habe, und er zog aus der Brusttasche die Pfeife hervor, die aus dem einen Horn Krummhorns angefertigt war.

Wollen wir mal versuchen?

Da lachten sie beide und bliesen zusammen eine lustige Hirtenweise, wie sie das früher so oft getan hatten -- keines hatte das Stück vergessen. Als sie damit fertig waren, entstand wieder eine Pause. Endlich sagte Sidsel:

Nun muß ich aber wohl nach meiner Herde sehen, sonst könnte es mir passieren, daß ich ohne Herde nach Hause komme.

Laß sie nur ziehen, die finden sich schon von allein nach Haus, und da können wir zusammen nach der Senne gehen, nicht wahr?

Ja, lassen wir sie laufen.

Wieder wurde es eine Weile still. Dann stand Sidsel auf und sagte:

Nun müssen wir aber wohl gehen.

Peter blieb sitzen und sagte bloß ganz ruhig und bescheiden:

Kannst du nicht noch ein Weilchen sitzen bleiben? Ich möchte dich gern was fragen.

Sidsel senkte den Kopf und setzte sich wieder, ohne etwas zu erwidern.

Ich habe dir Grüße auszurichten -- von Jon. Er hat mir vor vierzehn Tagen geschrieben aus Amerika. Er bittet mich ausdrücklich, dich zu grüßen.

Danke. Geht's ihm gut?

Ja, es geht ihm gut; er hat einen guten Platz bekommen und verdient viel Geld.

Jon verdient's aber auch; er ist sicher ein flinker Bursch geworden.

Ja, das ist er. -- Er fragt, ob ich nicht zum Frühling nachkommen will. Er will mir das Billet schicken.

Da blickte Sidsel auf und sah ihn einen Augenblick an, darauf senkte sie wieder den Kopf und sagte kein Wort. Peter fuhr fort:

Und da wollte ich dich nun fragen, ob du willst, daß ich das tue?

Es wurde ganz still, und er saß da und sah sie fragend an. Sie saß lange mit niedergeschlagenen Augen; dann sah sie plötzlich auf, richtete die blauen Augen auf ihn und sagte rasch und bestimmt:

Nein, das will ich nicht.

* * * * *

Es wurde nicht weiter über die Sache gesprochen, und bald darauf waren sie auf dem Weg nach der Senne. Sie gingen an allen den bekannten Plätzen vorüber, die am Wege lagen, dem Badeteich und dem Pegesteig, und überall hatten sie viele gemeinschaftliche Erinnerungen aus der Zeit, als sie hier zusammen ihre Herden gehütet hatten, und mehr als einmal sagten sie, es wäre doch schade, daß Jon vielleicht nie wieder hierher zurückkommen würde. Der Himmel wölbte sich hoch und klar über ihnen, und das Gebirge lag mit seinen unendlichen stillen Höhenzügen vor ihnen, und sie fühlten sich wunderbar leicht und froh. Obwohl sie nichts mit einander ausgemacht hatten, war es doch beiden, als bestände zwischen ihnen eine heimliche Verabredung, ein wunderliches Geheimnis, von dem niemand, nicht einmal Jakob, etwas erfahren durfte.

Selbst Sennerin.

Es ist der erste Sonntag nach Ostern, am frühen Vormittag. Sidsel sitzt in der Gangkammer auf Hoël an ihrem kleinen Tisch, den einen Ellbogen auf den Tisch gestützt und die Hand unter dem Kinn, und starrt in ein großes schwarzes Buch, das aufgeschlagen vor ihr liegt, das neue Testament; sie bewegt langsam die Lippen und liest. Heute morgen ist sie nicht mit im Kuhstall gewesen -- seit vielen Jahren das erste Mal -- Kjersti Hoël hat gesagt, sie solle ein paar Stunden für sich allein sein; niemand darf sie stören.

Hier sitzt sie nun im langen, schwarzen Kleide mit einer weißen Halskrause, ein wenig steif und unbeholfen; das neue Kleid zwängt etwas, und sie drückt die Ellbogen dicht an und wagt kaum den Rücken zu beugen; es ist das erste Mal, daß sie ein richtiges langes Kleid anhat, früher trug sie bloß einen Rock und eine Jacke. Das lichte Haar ist glatt zurückgestrichen und im Nacken zu einem Knoten aufgesteckt; sie sieht heute auch etwas blasser aus als gewöhnlich, und die Lippen, die sich fortgesetzt bewegen, sind auffallend rot und feucht, aber ihre Augen blicken ruhig und klar; im ganzen ist sie wirklich hübsch, wie sie hier in ihrem Kämmerchen sitzt und darauf wartet, bis es Zeit zum Kirchgang ist. Heute soll sie konfirmiert werden.

Es klopft, und herein tritt Kjersti Hoël; auch sie ist im vollen Staat, im altmodischen schwarzen Kleid mit faltenreichem Leibchen, frischgeplätteter Faltenhaube auf dem Kopfe, und in der Hand trägt sie das große Gesangbuch -- das mit dem großen Druck, das sie bloß an besonderen Feiertagen benutzt -- und auf dem Buche das zusammengelegte Taschentuch.

Sie bleibt eine Weile stehen, betrachtet Sidsel mit ernsthafter Miene und sagt:

Fühlst du dich nun vorbereitet, Sidsel?

Sidsel antwortet bescheiden:

Ich glaube, ja.

Dann ist es wohl Zeit, daß wir gehen. Komm, ich will dir das Kopftuch knüpfen, damit du dir die Haare nicht einreißt.

Sie knüpft ihr das Kopftuch, sie gehen langsam hinaus und durch den Flur. Draußen vor der Tür steht der Wagen mit dem Soldatenpferd.

Setz dich neben mich, Sidsel.

Sie steigen ein und fahren von dannen; keines sagt unterwegs ein Wort. Während sie zum Hofe hinaus auf die Landstraße fahren, umgibt sie das Brausen des jungen Frühlings. Bäche und Flüsse rauschen an ihnen vorüber, Vögel singen und zwitschern zu Tausenden, Insekten summen, die sprossenden Bäume und Kräuter duften über das ganze Tal hinweg, und hoch oben am Himmel steht die Sonne und wirft ihr glitzerndes Licht auf die Erde nieder. Aber das alles macht heute nicht solchen Eindruck auf Sidsel wie sonst; es wirkt auf sie wie Geschrei und wüster Lärm, wie etwas Unharmonisches, das sie in Unbehagen erzittern läßt -- unwillkürlich schmiegt sie sich im Wagen dichter an Kjersti an -- sie hat einzig das Bedürfnis nach Stille. So fahren sie eine Weile.

Da schlägt es ihnen plötzlich wie eine mächtige, breite Woge entgegen und spült allen Lärm hinweg -- es sind die Kirchenglocken, die nun so breit, ruhig und sicher einsetzen. Sie übertäuben zwar das Frühlingsbrausen nicht, aber sie nehmen es gewissermaßen in ihr Geläute auf, bringen förmlich Harmonie hinein, nehmen es als Begleitung, das Ganze wirkt wie Orgelbrausen zu Kirchengesang.

Da wird es ringsum auf einmal so friedlich und festlich, wie Sidsel es nie zuvor empfunden hat. Nun ist Feiertag auch in ihr, und alles um sie herum ist wie verwandelt, wird lichter, mächtiger, festlicher; sie fühlt sich unsäglich froh.

Von dem Augenblick an weiß sie nicht mehr recht, was um sie vorgeht.

Als sie zur Kirche kommt, erscheint ihr die Menge, die dort steht und wartet, so groß und so festtäglich, und ihr ist, als hätte sie nie bemerkt, daß die Kirche so hoch und so hell ist.

Wie sie in der Kirche durch den Mittelgang geht, fühlt sie sich so frank und so frei; auch hier ist es so wunderbar licht, und als sie zu ihren Mitkonfirmanden hinsieht, die zu beiden Seiten des Mittelgangs in langer Reihe mit gesenkten Köpfen stehen, kommt es ihr vor, als ob alle Gesichter förmlich strahlten.

Als der Pastor aus der Sakristei kommt, erscheint auch er ihr viel größer als sonst, und sein Gesicht ist mild, und als er anfängt zu sprechen, versteht oder hört sie eigentlich nicht, was er sagt, aber sie fühlt doch, es ist etwas Großes, Gutes, das sie rührt wie Musik.

Beim Gemeindegesang singt sie lauter als sonst; ihre Brust weitet sich unwillkürlich, und als sie abgefragt wird, weiß sie nicht, ob sie recht gehört hat, antwortet aber laut und unverzagt und ist dessen sicher, daß sie richtig antwortet; und als sie niederkniet und dem Pastor die Hand reicht, da ist ihr, als lächelten die steifen Altarbilder.

Ganz zu sich selbst kommt sie erst wieder, als die feierliche Handlung vorüber ist, und sie zu Kjersti Hoël in den Kirchenstuhl kommt.

Diese erfaßt ihre Hand und sagt halblaut:

Glück und Segen, Sidsel!

Sidsel steht ein wenig, sieht dann auf mit großen Augen, als ob sie aus einem Traume erwache, lächelt und flüstert leise: Danke, Kjersti Hoël.

Dann ist die Feier zu Ende, und sie verlassen die Kirche.

Draußen vor der Kirche stehen Jakob und Peter. Sie nehmen ihre Mützen ab und begrüßen erst Kjersti Hoël; dann kommen sie zu Sidsel, einer nach dem andern, nehmen wieder ihre Mützen ab und reichen ihr die Hand und sagen:

Glück und Segen, Sidsel!

Darauf gehen sie langsam über den Kirchanger -- so viele müssen die Kjersti Hoël begrüßen und sie fragen, was das für ein Mädel ist, das heute mit ihr zur Konfirmation gekommen ist -- endlich sind sie an ihrem Wagen, der Braune ist bereits vorgespannt, sie steigen ein und fahren heimwärts. Sie reden nicht zusammen; erst als sie nach Hause gekommen sind, sagt Kjersti:

Du willst gewiß gern auch heute nachmittag noch eine Weile für dich allein sein, gelt?

Ja, danke.

* * * * *

Am Nachmittag sitzt Sidsel wieder allein in ihrer kleinen Gangkammer. Bär, der nun ganz erblindet ist, liegt draußen vor der Tür -- die wenigen Male, die er aus der Küche, wo er jetzt meist im Winkel beim Herde liegt, herauskommt, wählte er diesen Platz an Stelle des früheren draußen auf der Steinplatte, dort gingen so viele aus und ein, und die waren so rücksichtslos und traten ihm immer auf die Pfoten; Sidsel dagegen ging immer vorsichtig um ihn herum.

Jetzt liest sie nicht in einem Buch; sie hat ihren alten Unterrock vor sich auf dem Bett ausgebreitet, den sie übrigens den letzten Winter nicht mehr getragen hat, und der nun so merkwürdig klein und geflickt aussieht.

Als sie heute nachmittag in ihr Kämmerchen gekommen war, wo die Abendsonne quer durch das kleine Fenster hereinschien und dieses auf der Bettdecke abzeichnete, da fühlte sie sich wunderbar ruhig und zufrieden; sie verspürte nicht die geringste Lust, sich niederzusetzen und an ernsthafte Dinge zu denken oder zu lesen; es schien ihr ganz natürlich, herumzubasteln und froh zu sein, ohne sich weiter Gedanken zu machen. Sie besaß keine Reichtümer auf dieser Welt, aber immerhin hatte sie ein kleines Kästchen, das sie im zweiten Dienstjahre geschenkt bekommen hatte, und in dem waren nicht bloß kleine Seitenfächer, sondern auch ein Fach im Deckel, und in dem Kästchen hatte sie das Wenige gesammelt, was sie besaß und was ihr des Aufbewahrens wert erschien. Nun holte sie es herbei und öffnete es; es war so unterhaltend, jedes einzelne kleine Ding herauszunehmen und dabei alten Erinnerungen nachzuhängen.

Hier lag ein altes, zerbrechliches Taschenmesser, dasselbe, das sie den ersten Sommer im Gebirge von Jon bekommen hatte, und da war ein Brief von ihm, den sie letzten Herbst erhalten und von dem niemand etwas wußte und in dem er sie fragte, ob er ihr und Jakob Fahrkarten nach Amerika schicken dürfe, wenn sie erst konfirmiert wäre. Sie hatte ihm noch nicht geantwortet, aber nun wollte sie es bald tun und ihm danken; denn sie wußte, sie würde niemals reisen. Und dort hatte sie die Ziegenhornpfeife, die sie von Peter bekommen hatte -- sie bekam auf einmal unbändige Lust, sie wieder zu probieren, aber sie wagte es doch nicht, es hätte sich zu sonderbar angehört -- und neben der Pfeife lag ein seidenes Halstuch, das ihr Jakob zu Weihnachten von ihm mitgebracht hatte; sie selbst hatte Peter seit jenem Tage oben im Gebirge im vergangenen Jahre weder gesprochen noch gesehen.

Und hier fand sie auch den Brief, den ihr Jakob geschrieben hatte, als sie sich oben auf Guckausschloß treffen wollten, den einzigen Brief, den sie von ihm erhalten; Jakob schrieb höchst ungern, aber dafür hatte sie auch ein paar andre Kleinigkeiten, die sie von ihm bekommen hatte.

Und ganz unten auf dem Boden lag ein Tuch, das sie bisher noch nie herausgenommen hatte; es war noch von der Mutter; heute getraute sie sich eigentlich zum ersten Male, richtig an ihre Mutter zu denken; sie nahm das Tuch heraus und breitete es auf dem Bette aus, und da gleichzeitig ihr Blick auf ihren alten, an der Wand hängenden Rock fiel, nahm sie den herunter und breitete ihn auch aus; darauf setzte sie sich und besah sich diese ärmlichen Sachen; nun konnte sie erst richtig an vergangene Zeiten zurückdenken, ohne von hoffnungslos traurigen Gedanken überwältigt zu werden, zurückdenken an alle die teuern Erinnerungen, die diese unansehnlichen Dinge für sie bargen, besonders an die aus der Zeit von Schloß Guckaus. So blieb sie lange in Gedanken versunken sitzen; sie begann von Anfang an, soweit ihre Erinnerung zurückreichte, und ging vorwärts bis zum heutigen Tage, die Erinnerungen kamen wie von selbst und in bestimmter Reihenfolge, und alle waren gleichsam nur liebe, gute Erinnerungen, alles Schlimme war wie verschwunden oder erschien ihr nun in einem milderen, freundlicheren Lichte.

Plötzlich klopfte es an die Tür, und ehe sie noch Zeit gehabt hatte, alle ihre Siebensachen wegzuräumen oder nur ihre Gedanken soweit zu sammeln, um aufzustehen, kam Kjersti Hoël herein.

Sidsel sah, daß Kjersti gleich die Sachen bemerkt hatte, wurde aber doch nicht verlegen, denn Kjersti sagte lächelnd:

Ich sehe, du sitzt hier und denkst an deine Mutter, Sidsel, und das ist recht von dir. Nun komm aber mit in meine Kammer. Ich möchte etwas mit dir besprechen.

Sidsel wurde auf einmal ganz verwirrt, in so ernstem Ton hatte Kjersti noch nie zu ihr gesprochen. Sie stand still auf und ging mit.

Kjersti ging durch die Küche und geradeswegs auf die Kammertür zu, Sidsel dicht hinter ihr drein, und man kann sich denken, daß die andern von ihrer Arbeit aufsahen und sich fragten, was das wohl zu bedeuten haben könnte.

Als sie in die Kammer gekommen waren, setzte sich Kjersti an den Tisch und lud Sidsel ein, ihr gegenüber Platz zu nehmen.

Dann sagte sie: