Part 6
Sie nahmen die Ranzen ab und setzten sich auf den großen, dicken, steinernen Tisch -- die Tiere hatten sich friedlich ringsum gelagert und käuten wieder. Die Ranzen wurden geöffnet, und eine Menge gute Sachen kam zum Vorschein. Da gab es Butter und Speck und Erbsenbrot, und in Sidsels Ränzel fanden sich sogar Zuckerwaffeln, und weiter hatten sie Flaschen mit Milch -- ausgenommen Jon, der seine vergessen hatte. Das machte aber nichts, die andern hatten genug, und sie bewirteten sich gegenseitig und jedesmal, wenn Jon Milch haben wollte, dann fragte er bloß wie der König:
Hast du vielleicht noch einen Tropfen in deiner Flasche? und auf diese Weise bekam er fast das meiste.
Im Anfang sagten sie nicht viel, das Essen schmeckte so herrlich. Nachdem sie aber eine Weile gegessen hatten, und der Mund anfing, langsamer zu gehen, da sagte Peter nachdenklich:
Ich möchte wissen, was eigentlich der König ißt, so wochentags, meine ich.
Der ißt den ganzen Tag Milchreis, sagte Jon, mit Überzeugung.
Wenn er nun aber mal zwischendurch etwas mit dem Messer zu essen haben will? fragte Sidsel.
Peter hatte sich gerade ein tüchtiges Stück Erbsenbrot mit Speck zurechtgemacht. Er sah auf das Brot und genoß es förmlich schon im voraus:
Dann ißt er ganz gewiß Speck und Erbsenbrot, sagte er.
Sidsel nahm die letzte Waffel und biß ein Stück ab. Darauf sagte sie:
Ja, aber die Königin, die ißt sicher nichts andres, als Zuckerwaffeln.
* * * * *
Während sie auf dem Stein saßen und aßen, bemerkten sie auf einmal weit draußen im Gebirge eine Gestalt, die ebenfalls auf die Herspitze zukam. Es ist so merkwürdig und so selten dort oben im Gebirge, einen Menschen zu sehen, daß sie bald an nichts andres dachten als an diese Gestalt.
Das ist gewiß einer, der nach seinen Pferden sucht, meinte Jon.
Ganz sicher, sagte Peter; wer mag es aber nur sein, der jetzt Pferde heimholen will?
Laß mich mal sehen, -- der muß von Nordrum sein.
Ja, das ist richtig, die haben bloß den alten Schecken zu Hause, und nun wollen sie wohl die Ernte einfahren.
Aber da wird er heute Aprilsnarr. Die Nordrumpferde pflegen ja auf der andern Seite der Alp zu gehen, ich habe sie erst vor vierzehn Tagen dort gesehen.
Wenn wir ihm den Weg weisen, findet er sie wohl morgen.
Ja, das tut er.
Sie blieben sitzen und schauten; es dauerte schrecklich lange. Es ist so merkwürdig, wenn man im Gebirge einen auf sich zukommen sieht; er geht und geht -- man kann sehen, er geht sogar rasch -- aber er kommt trotzdem wie gar nicht näher, er wächst ganz langsam, die Entfernungen sind ja so groß. Das Vieh stand auf und machte sich auf den Weg bergabwärts in der Richtung auf die Senne zu; sie aber wollten noch sitzen bleiben; bis er herangekommen wäre. Endlich war er oben angelangt.
Ganz richtig -- er suchte die Nordrumpferde. Er erfuhr, was sie wußten; fand er sie nun heute nicht, so fand er sie sicher morgen.
Als das erledigt war, fragte er:
Bist du nicht die, die Sidsel Langröckchen heißt?
Freilich, das bin ich.
Da soll ich dich vom Jakob, deinem Bruder, grüßen. Hier habe ich einen Brief von ihm. Ich sollte auch Antwort bringen; aber das hat Zeit bis morgen -- ich komme auf die Hoëlsenne und bleibe dort über Nacht, ob ich die Pferde finde oder nicht, aber ich muß mich vorm Abend noch etwas umsehen, damit ich sicher bin, daß die Pferde nicht doch auf dieser Seite der Senne sind. Damit ging er.
Sidsel saß auf dem Königstisch. Es war das erste Mal, daß sie überhaupt einen Brief bekam; -- ja, auch Jon und Peter war das noch nie passiert. Ganz überwältigt standen sie da und in geziemender Entfernung.
Salve Titel. An die wohlehrbare Jungfrau Sidsel Jakobs Tochter Langröckchen auf Hoëlsenne, Westgebirge. Bei Gelegenheit. Mit Boten. Franko, stand auf dem Umschlage.
Sie brach feierlich das Siegel und öffnete das Schreiben. Darauf las sie halblaut:
Nordrum Senne, den 15. dieses.
Salve Titel Jungfrau Sidsel Langröckchen. Gute Schwester!
Anläßlich, daß die Zeit es mir erlaubt, nehme ich nun die Feder in die Hand und schreibe an Dich und erzähle Dir, daß ich Dir nichts zu erzählen habe. Mit Ausnahme, daß es lange her ist, seit ich Dich gesehen habe. Aber ich habe einen Tag vom Hans zu gute. Ich hütete für ihn, als er zu Hause war und seine Mutter in die Grube brachte. Es waren aber eigentlich zwei Tage, ich rechne es aber bloß für einen, da es seine Mutter war. Und nun will ich den Tag von ihm am erstkommenden Sonntag dieses nehmen. Falls Du aber einen Tag beim Peter oder Jon zu gute hast, so will ich an Dich schreiben und Dich fragen, ob Du nicht den nun von ihnen bekommen könntest. Aber falls Du keinen hast, so kannst Du ihn Dir trotzdem nehmen, weil ich stärker bin, aber ich meinte es nicht böse, als ich den Peter im Winter durchhaute. Dann wollte ich Dir aber schreiben und Dich fragen, ob wir uns nicht daheim im Guckausschloß treffen könnten; denn ich bin seitdem nicht wieder dort gewesen. Man wird ersucht, sich rechtzeitig einzufinden. Bring was zu essen mit.
Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst Jakob, Jakobs Sohn, Nordrum.
U. A. w. g.
P. S. Um Antwort wird gebeten.
An diesem Abend saß Sidsel lange auf und schrieb das Antwortschreiben, und ihre Zungenspitze schrieb mit. Ihr Brief lautete folgendermaßen:
Hoëls Senne, den 17. dieses.
An den Junggesellen Jakob Jakobs Sohn, Nordrum. Guter Bruder!
Ich will nun einige Worte an Dich schreiben und Dir für Deinen sehr willkommenen Brief danken, welchen ich richtig empfangen habe. Es freut mich sehr, zu hören, daß Du bei guter Gesundheit bist, und dasselbe kann ich auch von mir berichten, ausgenommen Zahnschmerzen. Aber ich will gerne kommen, und die Sennerin sagt, ich darf die Nacht über fortbleiben, da es so weit ist. Und dann kann Jon und Peter jeder seinen Tag bekommen. Denn ich hatte keinen zu gute. Aber sie hauten sich diesbetreffend, aber Peter ist fast ebenso stark.
Hier muß ich mein Schreiben an Dich schließen mit vielen Grüßen an Dich. Aber vor allem sei herzlich gegrüßt von mir.
Deine Dir ergebene Schwester Sidsel Jakobs Tochter, Langröckchen.
N. S. Verzeih die Schrift. Lieber, verbrenne diesen Brief!
Daheim im Schloß Guckaus.
Spät abends kam Sidsel am Sonnabend über die Berghöhen nach Hoël angewandert -- die Sennerin hatte ihr Urlaub nach Hause gegeben und Erlaubnis, bis Montag abend fort zu bleiben.
Sie war heute zeitig aufgestanden; es konnte ja keine Rede davon sein, daß sie die Senne verließ, ehe sie ihre Morgenarbeit verrichtet, die Ziegen gemolken und die Kühe losgebunden hatte. Und das mußte zeitig geschehen, nicht bloß weil es für sie eilte, fortzukommen, sondern auch weil sie wußte, Jon würde es sicher nicht verschlafen, er, der so hartnäckig darauf bestanden, daß er jedenfalls den ersten Tag für sie hüten wollte; und sie war denn auch kaum fertig, als er bereits ankam. Peter hatte er nicht mit, aber sie hatte noch gestern abend spät mit Peter gesprochen, und er war ganz damit zufrieden gewesen, daß er den Sonntag für sich allein haben sollte; dagegen sollten sie am Montag sich darein teilen. Und Jon war heute ganz bescheiden und feierlich gewesen, hatte ihr die Hand gegeben und sie gebeten, Jakob von ihm zu grüßen und ihm zu sagen, er, Jon Högseth, würde diese Tage nicht weiter rechnen, da Jakob gern mit seiner Schwester reden wollte. Er wußte freilich nicht, daß Peter gestern abend genau dasselbe gesagt hatte.
Und dann hatte sie ihm ihr Vieh übergeben und ihre lange Reise über das Gebirge angetreten. Sie ging und ging, Stunde auf Stunde -- sie war diesen Sennenweg nun schon oft gegangen, noch niemals aber hatte sie beachtet, daß er so lang war. Sie ruhte an einem Bache aus, zog ihr Frühstück hervor, aß und trank Wasser dazu und setzte darauf ihren Weg fort. Um zu vergessen, daß die Zeit langsam ging, begann sie ihre Schritte zu zählen, erst bis 10 dann bis 100, und jedesmal wenn sie fertig war, sah sie zurück, um zu sehen, wie weit sie gekommen war; aber das half nicht das geringste; nun wollte sie bis 1000 zählen, aber als sie damit beinahe fertig war, wußte sie nicht mehr genau, ob sie bis 800 oder 900 gekommen war, und da zählte sie lieber 400 mehr, um ganz sicher zu sein, daß sie sich nicht verrechnet hatte.
Indessen ging es deswegen nicht schneller, und es war schon Sonnenuntergangszeit im Tale, als sie endlich soweit gekommen war, daß sie über und in das Tal hinunterblicken konnte; der Schatten hatte bereits begonnen, auf der andern Seite hinaufzukriechen, während oberhalb der scharfen Schattenlinie die ganze Seite des Tals noch in rötlicher Abendsonne daneben lag; aber der Schatten fraß sich fest und sicher weiter nach oben.
Da vergaß Sidsel, ihre Schritte zu zählen -- es wäre spaßig gewesen zu versuchen, ob sie nicht die Sonne wieder erreichen könnte, bevor diese an Hoël, das drüben auf der andern Seite lag und in der Abendsonne leuchtete, vorbeigegangen war.
Sie begann die Halde hinunter zu laufen, aber es kostete doch Zeit -- als sie in den Talgrund hinunter gekommen war und den Aufstieg über die Anhöhen begann, war die Sonne verschwunden; sie sah bloß noch den letzten Schimmer in den obersten Tannenwipfeln und ein kleines kurzes Blinken in dem Augenblick, als die Sonne oben am Fensterchen von Schloß Guckaus vorbeischlüpfte.
Da blieb sie stehen und holte Atem; es war so still und warm, förmlich schwül hier unten im Tal -- ganz anders als oben im Gebirge; die Erde atmete gleichsam aus, sobald die Sonne untergegangen war; es herrschte ein so seltsam drückender Duft, daß sie sich auf einmal ganz ängstlich und beklommen fühlte; ihr war, als ob sie irgend ein Unrecht begangen hätte, auf das sie sich nicht besinnen konnte. Da fiel ihr plötzlich ein, sie hätte einen Boten voraussenden sollen; die Leute unten im Tal fürchten immer, wenn eins von der Senne unerwartet herunterkommt, es könnte etwas passiert sein, und das wäre doch zu dumm, wenn jemand käme und Kjersti Hoël erschreckte.
Deshalb kam sie die Anhöhe nach Hoël ganz langsam hinauf. Sie vermutete, daß man sie bemerken oder daß wenigstens Bär bellen würde, und dann sollten sie sehen, daß sie keine Eile hatte und nicht mit schlechten Nachrichten kam.
Aber niemand schien sie zu bemerken; sie konnte auf dem Hofe keinerlei Unruhe und Bewegung wahrnehmen und so mußte sie doch hineingehen.
Kjersti Hoël wurde freilich ganz aufgeregt, als Sidsel hereintrat -- sie nahm sich nicht einmal Zeit zu grüßen und rief:
In Jesu Namen. Es ist doch wohl nichts auf der Senne passiert?
Worauf Sidsel sich beeilte zu antworten:
O nein! Ich soll von der Sennerin grüßen und sagen, du sollst nicht ängstlich werden, wenn du mich hier siehst; es geht allen sehr gut, Vieh und Volk. Ich bekam bloß Erlaubnis, nach Hause zu gehen und mich mit meinem Bruder Jakob zu treffen.
Na, Gott sei Dank, sagte Kjersti -- ja, dann sei herzlich willkommen.
Da war es, als ob die Beklommenheit auf einmal verschwand, und Sidsel ward es plötzlich so feierlich zu Mute und sie fühlte sich so glücklich darüber, daß sie wieder einmal zu Hause war. Und Kjersti war heute in besonders guter Laune, sie bewirtete sie und behandelte sie so ausgesucht liebenswürdig, als wäre sie die Sennerin selber, und als sie zu Bett gehen wollte, folgte Kjersti ihr sogar in die Gangkammer, die genau so nett und sauber war, wie sie sie verlassen, und sie blieb lange bei ihr auf der Bettkante sitzen und fragte sie über jedes einzelne der Tiere aus -- Kjersti hatte keins vergessen. Und Sidsel erzählte -- bloß eine Sache war so schrecklich peinlich, aber es konnte nichts helfen, sie mußte doch heraus damit, und es ließ sich auch auf die Länge nicht verheimlichen. Und das war die Geschichte mit dem Kalbe, das sie voriges Jahr Morskol (Mutters Hornlose) getauft hatte. Der Name paßte nicht, »Mutters Hornlose« fing nämlich an, Hörner zu kriegen, obgleich Sidsel Salz darauf gestreut hatte, damit sie nicht wachsen sollten.
* * * * *
Sidsel fand, der Sonntag fing gut an; er begann nämlich damit, daß Kjersti Hoël selber mit einem großen Kaffeebrett und Kuchen in die Kammer hereinkam und sie im Bette damit bewirtete; so großen Staat hatte niemand bisher mit Sidsel gemacht, so weit sie sich erinnern konnte; und sie glaubte kaum, daß so etwas selbst der Sennerin je passiert war; und was noch mehr war, als sie in ihren langen Rock hineinschlüpfte, da sagte Kjersti, sie solle sich beeilen und wachsen, sie solle einen neuen Rock bekommen, wenn der ihre nicht weiter als bis an die Kniee reiche; und obgleich sie gar nicht erzählt hatte, wo sie Jakob treffen wollte, mußte Kjersti das auch erraten haben; denn sie richtete ein Bündel mit ganz unglaublich feiner Wegzehrung für sie her und sagte, sie solle damit den Jakob bewirten, denn der müßte wohl zum Abend wieder auf die Nordrumsenne zurück und hätte keine Zeit, heute nach Hoël herunterzukommen. Aber Kjersti trieb sie nicht weiter zur Eile -- sie glaubte wohl, Jakob könne nicht allzu zeitig kommen, da er ja heute den langen Weg von der Senne zu gehen hatte -- Sidsel mußte ihr schließlich den Brief zeigen, in dem ausdrücklich stand: »Man wird ersucht, sich rechtzeitig einzufinden« -- da begriff auch sie, daß es Eile hatte.
Bald darauf war Sidsel auf dem Wege -- Bär folgte ihr ein langes Stück aufwärts bis dahin, wo die Birkenhalde begann -- dort kehrte er um und trottete heimwärts mit dem sanftmütigsten und feinsten Sonntagsringel im Schwanze.
Das Tal lag im stillen Sonntagmorgen friedlich vor ihr, kein Mensch war zu sehen, weder auf den Wegen, noch auf den Feldern, nur hie und da in den Gehöften stand ein Mann, behäbig gegen die Türpfoste gelehnt, barhaupt und in schlohweißen, flatternden Hemdsärmeln, und aus allen Schornsteinen stieg der Rauch langsam in die stille Luft empor. Unwillkürlich mußte sie nach Schloß Guckaus hinaufsehen, dort sah es so einsam und verlassen aus, dort stieg kein Rauch aus der Esse auf, und sein Auge, das über das Tal hinaussah -- jetzt, wo die Sonne noch auf der andern Seite stand, und sich also nicht in dem Fensterchen spiegelte, war es gewissermaßen blind; sie mußte wirklich in dem Augenblick an einen Blinden denken, den sie einmal gesehen, und seine sonderbaren, leeren Augen, die sie damals erschreckten; jetzt hatte sie genau denselben Eindruck, deshalb und ging sie nicht mehr so schnell, es lag ihr nicht daran, hinaufzukommen, ehe Jakob angelangt war.
Als sie zum Guckausschloß hinaufkam, war das erste, was sie sah, das Tannenreisig, das damals, als sie das letzte Mal oben war, auf den Gatterpfosten festgenagelt worden war; die Büsche staken dort noch immer da, aber nun waren sie vertrocknet und die Nadeln abgefallen; unwillkürlich mußte sie zur Tür hinsehen, ja richtig, dort waren sie ebenfalls noch genau so. An der Türklinke aber stak ein frischer Tannenzweig, es mußte also doch jemand später im Hause gewesen sein. Der Weg, der vom Gattertor dicht an der Haustür vorüber nach der Kuhstalltür geführt hatte, war verschwunden, das Gras war darüber gewachsen; auch die Stalltür war verschwunden, und an der Türschwelle waren hohe Brennesseln aufgeschossen; es war keine Spur von Menschen- oder Viehtritten zu sehen.
Sidsel hatte sich darauf gefreut, wieder hierher zu kommen, sie hatte es sich nicht anders denken können, als daß Schloß Guckaus der gemütlichste Platz in der ganzen Welt sei. Nun fühlte sie sich im Gegenteil auf einmal hier so schrecklich einsam, einsamer, als irgendwo hoch oben im Gebirge oder im Walde; sie empfand es, wie wenn man im Finstern geht und sich vor dem Dunkel fürchtet, so daß man nur vorsichtig vorwärts schreitet, damit es nicht irgendwo knacken und knarren soll. Unwillkürlich ging sie in weitem Bogen an der Hütte und dem Stall vorüber; sie wollte lieber zu dem großen Stein am Bache gehen, wo sie und Jakob als Kinder zusammen gespielt hatten, vielleicht daß es dort nicht gar so einsam und verlassen war.
Als sie zu dem Heidekrautflecken kam, sah sie Jakob, der bereits dort auf dem Steine saß. Da kam auf einmal Leben in all die Öde, sie wurde so froh, daß sie anfing zu laufen; aber sogleich besann sie sich, daß sich das bei einer so feierlichen Begegnung nicht schickte, und es war ja auch so lange her, seit sie Jakob gesehen hatte, daß er ihr beinahe fremd war. Als er ihrer ansichtig wurde, sprang er auch vom Steine herab und begann, seine grauen Hosen abzubürsten und setzte seine Mütze zurecht -- er hatte heute sogar eine Schirmmütze auf und keinen Halmhut wie sie. Beide wurden ganz verlegen, als wären sie wildfremd; sie konnten sich nicht in die Augen sehen, als sie sich die Hand zum Gruße reichten, und er machte eine tiefe Verbeugung mit dem Kopfe, während sie so tief knixte, daß ihr Rock bis auf die Erde kam. Sie ließen rasch die Hände wieder los, und dann blieben sie lange verlegen stehen und schauten in's Tal hinab -- es war nicht so einfach, gleich die rechten Worte zu finden, obwohl sie beide gedacht hatten, sie müßten sich gar vielerlei zu erzählen haben. Endlich fiel Jakob etwas ein -- er schaute bedächtig umher, und darauf sagte er, wie nach einer langem gründlichen Überlegung:
Es ist herrliches Wetter heute.
Ja, prachtvoll.
Ja, wenn es sich so noch vierzehn Tage hält, dann hat's wohl keine Gefahr mit dem Heuwetter.
Nein, das hat's wohl nicht.
Aber das ist wohl kaum zu erwarten.
Ach nein, wohl kaum.
Wieder wurde es still; denn viel mehr war hierüber nicht zu sagen. Sidsel sah verstohlen nach Jakob hin; sie überlegte, ob sie etwas davon sagen sollte, daß er so groß geworden sei, aber dann dachte sie, das ginge wohl nicht an, denn er war ja der Älteste. Ihr Blick fiel zufällig auf das Bündel mit den Eßwaren -- da hatte sie einen Anfang.
Ich sollte dich von Kjersti Hoël grüßen und fragen, ob du heute mit ihrer Wegzehrung vorlieb nehmen wolltest.
Ja gewiß, danke, aber ich habe auch selbst etwas zu essen mitgebracht.
Und du bist vielleicht hungrig nach dem langen Marsche, den du heute gemacht hast?
O ja, ich kann es nicht leugnen.
Dann laß uns hier auf dem Steine auftischen!
Kurz darauf hatte Sidsel all' die guten Eßwaren, die Kjersti ihr in das Bündel eingepackt hatte, aufgetischt, und nun sagte sie, wie sie gehört hatte, daß allgemeiner Brauch ist, wenn man Gäste hat:
Bitte, Jakob, nimm Platz, wenn dir's gefällig ist, und Jakob zierte sich, wie es auch gebräuchlich ist, und sagte:
Danke, aber du hättest meinethalben wirklich nicht so viel Umstände machen sollen.
Sie setzten sich. Anfangs ging es immer noch etwas feierlich zu, und Sidsel sagte in einem fort: bitte, bitte! Als aber Jakob eine Plinse gegessen hatte und eben mit der zweiten anfing, vergaß er, daß er eigentlich zu Gaste war, und sagte unwillkürlich ganz natürlich und mit Überzeugung:
Das sind aber wundervolle Plinsen.
Sie sind aber auch von Hoël, sagte Sidsel.
Da war es auf einmal, als ob sie sich wieder kannten, als ob sie erst gestern noch am Fensterchen im Guckausschlosse nebeneinander gekniet und über das Tal hinausgeschaut und überlegt hätten, wo sie am liebsten einmal dienen wollten, und gerade so, als ob sie überhaupt niemals von einander getrennt gewesen wären -- einen Augenblick später waren sie im eifrigsten Streit darüber, wo es wohl am besten sei, auf Nordrum oder auf Hoël. Ganz einig konnten sie hierüber zwar nicht werden; als aber Jakob sich ordentlich satt gegessen hatte, gab er schließlich soviel zu, daß beide Höfe in ihrer Weise gut wären und jedenfalls die besten in der ganzen Gemeinde.
Und nun wollte das, was sie zu besprechen und sich zu erzählen hatten, gar kein Ende nehmen. Jakob erzählte von Nordrum und von der Nordrumsenne und den Hirten da oben, und Sidsel mußte von Jon und Peter erzählen und deren Grüße ausrichten; und sie hatte viel von ihnen zu erzählen; Jakob fand es aber sonderbar, daß sie mehr von Jon, als von Peter sprach; Jon wäre ja wohl ein ganz tüchtiger Bursche, aber er könnte doch manchmal recht flapsig sein.
Und dann sprachen sie von ihrer Zukunft. Jakob wollte auf Nordrum bleiben, bis er erwachsen wäre, und vielleicht noch länger. Der Nordrum hatte gesagt, wenn er erwachsen wäre und sich verheiratete, dann könnte er ja Guckaus als Eigengut wieder erwerben; aber das, glaubte er, war doch wohl bloß ein Spaß vom Nordrum gewesen, und außerdem war ja immer noch Zeit genug, sich das zu überlegen; denn der Nordrum fing an zu altern, er mußte wohl doch mit der Zeit einen Großknecht haben. Sidsel wollte auf Hoël bleiben; sie hatte es dort so gut, wie sie es sich überhaupt wünschen konnte; Kjersti war ja so außerordentlich lieb und gut zu ihr. Sidsel sagte kein Wort von ihrem stillen Ehrgeiz, einmal selbst Sennerin zu werden; denn das lag in so weiter Ferne, daß sie sich nicht daran zu denken traute.
Als sie sich so einigermaßen ausgeschwätzt hatten, begannen sie, sich oben umzusehen und an alle ihre Spiele und ihre Lieblingsplätze zu erinnern. Dort gleich neben der Hütte hatten sie ihren Kuhstall gehabt -- nein, wirklich, lag da nicht noch der Bulle als einziges Überbleibsel? -- und dort jenseits des Heidekrautfleckens war die Senne gewesen, wo sie mit ihrer Herde im Sommer viele Male hinauf und herab gezogen waren. Und dort hatte Jakob seine Sägemühle gehabt, die Sidsel nie anrühren durfte; aber weiter unten hatte sie ihre Meierei gehabt, wohin er kam, um Käse für Planken aus Möhren zu kaufen, die er in seiner Sägemühle geschnitten hatte. Es gab nicht einen einzigen Stein oder Erdhaufen den ganzen Weg entlang bis dicht unter den Großhammer, wo alle die dichten Himbeerbüsche standen, an den sich nicht die eine oder die andre Erinnerung knüpfte; und es war wie ein Fest, hier zusammen zu gehen -- Sidsel fand, Jakob war so groß geworden, und dasselbe meinte Jakob in aller Heimlichkeit von Sidsel -- und von den Erinnerungen zu plaudern und immer wieder zu sagen: Weißt du noch? Und in der Erinnerung wird ja alles, von dem man so schwätzt, auch so groß und herrlich.
So trieben sie es den ganzen Tag -- sie waren bis dicht an den Fuß des Großhammers gegangen, und es war bereits spät am Nachmittag, als sie sich wieder Schloß Guckaus näherten. Es sah nicht aus, als ob sie Eile hätten, zurückzukommen. Beim Bache und dem Felsen machten sie lange Halt und wiederholten immer von neuem: Weißt du noch? oft von ein und derselben Sache; wie als Kinder spielten sie Haschen, es war ihnen gewissermaßen darum zu tun, immer etwas Neues zu erfinden, damit keine Pause einträte, und trotzdem die Zeit möglichst in die Länge zu ziehen. Noch hatte keines von ihnen einer einzigen Erinnerung vom Kuhstall oder vom Häuschen Erwähnung getan, sie waren gar nicht in ihre Nähe gekommen, und geflissentlich hatten sie vermieden, die Mutter zu erwähnen.
Nun fühlten sie beide, daß der Augenblick immer näher kam, wo sie das nicht länger vermeiden konnten. Langsam schlenderten sie das letzte Stück Heideland hinab, sie sprachen nun noch rascher, wie im Fieber, und lachten laut und gezwungen. Auf einmal hörte ihr Lachen, wie jählings abgeschnitten, auf -- sie waren zu dem Fleck dicht hinter dem Kuhstall gekommen. Es wurde ganz still, und sie standen eine Weile; dann hoben sie die Köpfe, und ihre Augen begegneten sich; die sahen nicht so aus, als ob sie eben gelacht hätten -- sie waren so merkwürdig groß und glänzend. So blieben sie eine Weile stehen. Da kam plötzlich der Klang einer Kuhschelle von Svehaugen her an ihr Ohr. Jakob schüttelte energisch den Kopf, als wollte er etwas von sich abschütteln und sagte ganz gleichgültig:
Ist das nicht die Svehaugenschelle, die wir da hören?
Sidsel antwortete so gleichgültig, wie sie vermochte: Ja, das ist sie, ich erkenne sie wieder.
Was die wohl für eine Stallkuh heuer auf Svehaugen haben?
Wir könnten ja hingehen und sehen, ob es -- Bliros ist.
Das war das erste Mal seit dem Tode der Mutter, daß Sidsel laut den Namen der Bliros nannte; aber das war doch immerhin noch leichter, als den Namen der Mutter zu nennen.