Chapter 9
Der Exzeà schien ihm nichts geschadet zu haben; nach acht Tagen saà er wieder im Kontor. Aber schon nach vier Wochen streckte ein neuer, heftigerer Anfall ihn nieder.
»Ich möchte mich zerfleischen,« sagte er zu dem Freunde, der an seinem Bette saÃ. »Ich bin abscheulich gegen meine Eltern und meine Geschwister, und dabei opfern sie sich für mich auf. Das weià ich ganz genau, und doch kann ich nicht anders. Mich ärgert alles, was ich sehe, und wenn ich allein bin, heulâ ich vor Reue wie ein dummer Junge.«
Er rappelte sich abermals heraus und zog nun ans Elbufer; von der Luft dort hoffte er Genesung. Zu einer weiteren Reise langten die Mittel nicht. Dort hatten die beiden in Ritschers Garten noch einen schönen, sonnigen Nachmittag.
»Ich habâ in einer Ewigkeit keine Zigarre geraucht,« sagte Sturm leise vor sich hin, »ob ichâs mal wieder riskiere?«
Asmus riet ihm ab. »Wartâ noch ân biÃchen, dann kannst du rauchen, soviel du willst.«
»Meinst du wirklich, daà ich wieder ganz gesund werden kann?« fragte Sturm schnell, eifrig, mit sehnsüchtig-heiteren Blicken. Das Licht der untergehenden Sonne stand in seinen Augen.
Asmus lachte laut auf über diesen Zweifel an etwas Selbstverständlichem. Und Sturm lächelte glücklich und glaubte dem Freunde alle Versicherungen, die er sonst zurückgewiesen hatte.
Und nach einem glücklichen Schweigen sagte er:
»Du â gib mir _doch_ eine Zigarre.«
»Ich habâ leider keine mehr bei mir,« log Asmus.
»Das ist nicht wahr; ich habe ja gesehen, daà du noch mehrere hast. Daran sehâ ich, was du in Wahrheit von meiner Gesundheit hältst.«
»Na, lieber Freund, wer nicht rauchen darf, ist deshalb doch noch kein Todeskandidat; bedenkâ doch, daà du erst â«
»Ach, laà nur,« machte Sturm und erhob sich. Seine Hoffnung war erloschen wie ein Licht von einem WindstoÃ. Auf dem Heimwege fielen nur ein paar nichtssagende Worte. Asmus machte wohl einen Versuch, den Freund wieder zu ermuntern; aber dieser sah ihn nur mit groÃen ernsten Augen von der Seite an und schwieg. In seiner Verlegenheit und in seinem Kummer tat Asmus das Verkehrteste, was er tun konnte, er zog die Zigarrentasche und sagte: »Willst du eine Zigarre haben?«
Sturm lachte kurz auf. »Nein, ich danke, jetzt nicht mehr.«
Als Asmus ihn nach drei Tagen besuchen wollte, vernahm er, daà Alfred Sturm »seit gestern« im Hamburger Krankenhause liege, und als Asmus dorthin kam, durfte der Kranke nur ganz wenig und im leisesten Flüstertone sprechen.
»Wie gehtâs?« fragte Asmus.
»Sehr gut, ich darf nur nicht sprechen,« flüsterte der Kranke. Und Asmus erzählte von diesem und jenem, wie vernünftig es sei, ins Krankenhaus zu gehen, wo die Pflege natürlich viel umfassender sein könne als zu Hause, und wie sehr man den Freund in der »Treue« vermisse; aber es schien ihm, als ob der Patient nur mit halber Aufmerksamkeit zuhöre und als ob er um einen Entschluà kämpfe. Endlich zog er unter der Bettdecke ein Blatt Papier hervor und hielt es dem Freunde hin:
»Da â es ist natürlich Unsinn â aber ich wolltâ es dir doch geben â.« Asmus nahm das Blatt und las:
»Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen Den müden Geist zu dichterischem Flug, Und schon seit langem strebâ ich ernst genug, Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen ..«
Es war ein Sonett, in dem der Verfasser den Freund mit aller schwärmenden Begeisterung der Jugend pries.
»Ich habâ â âne ganze Nacht â daran gezimmert,« hauchte der Kranke mit ironischem Lächeln. »Du wirst darüber lachen ....«
Die Wärterin erschien und mahnte mit einem Blick, der keinen Widerspruch duldete, zum Aufbruch. Asmus ergriff die Hand des Freundes und beugte sich über ihn, und sie hatten in diesem Augenblick beide dasselbe Gefühl: der Freund kam ihm mit mühsam erhobenem Haupte entgegen, und sie küÃten sich auf den Mund.
Das ist unter niederdeutschen Jünglingen etwas Seltenes und Heiliges. Asmus pflegte nicht einmal seine Geschwister, nicht einmal seine Eltern zu küssen; er hatte nicht einmal seine Brüder geküÃt, als sie nach Amerika gingen. Die Menschen dieses Himmelsstrichs, wenn sie Abschied nehmen, tun es mit einem Händedruck und mit dem Verlangen nach einer Umarmung; aber sie geben diesem Verlangen keinen Ausdruck.
Schon am folgenden Tage erhielt Asmus die Todesnachricht.
Bei dem Begräbnis ging es ihm wie bisher bei fast allen Begräbnissen; er konnte nicht andächtig und traurig sein. Dieses herkömmliche Bestattungszeremoniell mit seinem zelotischen Pfaffengesicht (»Jetzt haben wir dich, du Sünder«) mit seiner tristen Banalität war ihm so unsäglich zuwider, daà er zu keinem reinen Gedanken an den Freund kommen konnte. Erst zu Hause dehnte sich wieder das Herz. Er zog sich in sein Zimmer zurück â für die wärmere Jahreszeit war er nun doch mit seinen Studien aus der Zigarrenstube in das Wohnzimmer übergesiedelt â und ging viele Stunden lang auf und ab; nur hin und wieder blieb er am Fenster stehen und blickte nach der Richtung, wo sein Freund nun in der Erde lag. Trauriger Wahn, dachte er, auch den toten Menschen noch an die finstere Erde zu kerkern, statt ihn den freien, seligen Lüften zu geben.
Von dem endlosen Wandern erschöpft, fiel er endlich aufs Sofa und wuÃte nicht, warum er so erschöpft sei. Als er sich erholt hatte, zog er die Lampe näher heran, desgleichen Tinte und Papier und begann zu schreiben:
_An meinen toten Freund A. S._
»Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen Den müden Geist zu dichterischem Flug, Und schon seit langem strebâ ich ernst genug, Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen.«
So schriebst Du jüngst nach qualerfülltem Ringen, Als nächtens nach des Schlummers mildem Trug Dein brennend Augâ umsonst Verlangen trug, Und heute hörâ ichâs noch im Herzen klingen.
Begnüge Dich! Du trägst nach heiÃem Ringen Ins Reich der Geister ungetrübt von hinnen Die hehre Poesie der Herzensreinheit.
Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen Einst meinen Geist, wenn Raum und Zeit zerrinnen, So frei und stolz zum Frieden der All-Einheit.
* * * * *
Auf Deinen Sarg fällt manche Träne nieder Und bange Seufzer irren durch die Luft. Ich starre trocknen Auges in die Gruft; Kein warmer Tropfen quillt durch meine Lider.
Ich stehâ betäubt, von Schmerz gelähmt die Glieder, Und faà es nicht, daà unter Glanz und Duft So holder Blumen gähnt die düstre Kluft ... Ich kann nicht weinen. Doch ich kehre wieder!
Wenn ich die Menschheit jammernd höre sagen: »Die Besten müssen früh von hinnen gehen!« Dann wird zu Dir mich die Erinnrung tragen.
An Deiner Gruft werdâ ich im Geiste stehen, Und von der Menschheit angsterfülltem Klagen Wird auch ein Hauch um diese Stätte wehen.
* * * * *
Aber tiefer und sehrender, als es aus diesen pathetischen Jünglingsversen klang, wurde das Weh, als nun die Tage kamen und gingen ohne den Freund und als er in der nächsten Versammlung der »Treue« das Gesicht des Besten vergebens suchte. Er war einsilbig und ernst und ging lange vor der gewohnten Zeit nach Hause.
XXIII. Kapitel.
Asmus als Verteidiger zweifelhafter Unschulden und Adolfine Moles als Seminardirektor.
Das gigantische Schicksal, das immer vornehm bleibt, hat eine kleine schieläugige, bucklige und boshafte Schwester, die ein Vergnügen daran findet, den Verfolgten und Leidenden im Augenblick ihres gröÃten Unglücks noch einen kleinen Extraprügel zwischen die Beine zu werfen, oder sie durch einen heimlich angefügten Zettel lächerlich zu machen, oder ihnen just in dem Augenblick, da ihr Recht an den Tag kommen soll, eine kleine Schuld vor die FüÃe zu rollen, daà sie straucheln. Wenn ein Lump und ein Ehrenmann vor dem Richter stehen, dann wird im Gerichtssaal immer ein Steinchen liegen, an dem der Redliche sich den Fuà verstaucht. So gingen denn zu der Zeit, als Semper den eben verlorenen Freund betrauerte und der »Klassenkampf« zwischen den Seybolden und den »Schäflein« (ein ewiger Klassenkampf!) den höchsten Hitzegrad erreicht hatte, Morieux, Semper und zwei andere Schäflein, Namens Klöhn und Wackerbarth, über den »Dragonerstall« durch das Holstentor. Morieux hatte gerade einen kolossalen Witz erzählt, und alle vier Jünglinge lachten laut, als ihnen ein langer, grauer Pastor in den Weg kam.
»Halloh, Pastor Zump!« rief Klöhn nicht eben laut, aber doch laut genug für das Ohr des Geistlichen, und da die vier einmal im Lachen waren, so lachten sie weiter. Es war eine Art Backfischgekicher ins Jungenhafte übersetzt. Asmus kannte keinen Pastor Zump und fragte: Wer ist das? und bemerkte den Mann erst, als er vorüber war. Er hatte rein nach dem Gesetz der Beharrung weitergelacht. Aber »langgebeint, mit langen Sätzen« kam der Mann alsbald zurück.
»Wie heiÃen Sie?« fuhr er Morieux an.
»Wieso?« fragte der.
»Wollen Sie mir Ihren Namen nennen?«
»Nein. Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.«
»Wollen _Sie_ mir Ihren Namen nennen?« wandte er sich an Wackerbarth.
»Ja, das kann ich ja tun,« sagte der, »ich heiÃe Wackerbarth.«
Das genügte dem Geistlichen. Als er gegangen war, erfuhr Asmus, daà Herr Zump ein hochorthodoxer, ja pietistischer Geistlicher sei, der ein ganz frommes Blättchen herausgebe und mit diesem Blättchen oft in der liberalen Presse verspottet werde.
Am andern Morgen wurde Wackerbarth zum Direktor zitiert, und dem muÃte er die »Mitschuldigen« nennen. Semper nannte er nicht mit, weil er ihn für gänzlich unbeteiligt hielt. Eine Stunde später schnob und stob Herr #Dr.# Korn zur Klasse herein und stellte sich am Katheder auf.
»Wackerbarth!« rief er.
»Hier.«
»Klöhn.«
»Hier.«
»Morieux!«
»Hier.«
»Sie haben jestern einen Geistlichen auf offener StraÃe verhöhnt... Was wollân Sie?« schnauzte er Sempern an, der aufgestanden war.
»Ich war auch mit dabei,« sagte Semper. Der »Pfaffe« reizte seinen Zorn.
Der Direktor schnappte. Was? Semper? Der Musterknabe? Er war einen Augenblick sprachlos. Aber dann fuhr er los mit gedoppelter Kraft:
»Also: man solltâs kaum jlauben! Vier junge Leute, die sich zu den jebildeten rechnen, _die Lehrer werden wollen_! (hier brüllte der gute Korn förmlich) betragen sich wie der Janhagel und insultieren auf offener StraÃe einen Jeistlichen unserer Vaterstadt! Und als der Mann den einen um seinen Namen fragt, hat der die Impertinenz, zu sagen: âIck habe die Ehre, Sie nich zu kennen!â«
Semper und Morieux erhoben sich wie zwei abgeschossene Raketen.
»Wat wollân Sie?« schrie der Direktor Morieux an.
»Das habe ich _nicht_ gesagt,« rief Morieux, der in der Erregung die wunderbarsten Fratzen schnitt.
»Wat wollân _Sie_?« heulte der Direktor gegen Asmus.
»Ich will bezeugen, daà Morieux das _nicht_ gesagt hat. Er hat gesagt: »Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.« Und dann erzählte Asmus den ganzen Vorgang, wie er sich zugetragen hatte.
»So,« machte Korn und schnappte wieder. »Na, ick sage Ihnen soviel: Sie jehen noch heute alle mitânander hin zu dem Mann. Nimmt er Ihre Erklärung an, isâs jut. Tut erâs nicht, dann sind Se hier fertig. Dann werden Sie eliminiert.« Und damit stampfte er aus der Klasse.
Da war er ja in eine hübsche Affäre hineingeraten! Und dabei hatte er wirklich nicht über Seine Hochwürden gelacht, sondern über den Witz. Aber sollte er sich jetzt, da sie in der Klemme waren, von den Gefährten, die ihm Treue gehalten, trennen und wie ein Bübchen rufen: »Ich bin es nicht gewesen!?« Das würde wie Feigheit aussehen, und darum war es ausgeschlossen.
Die drei ernannten Sempern zu ihrem Sprecher, und vier Mann hoch zogen sie im Studierzimmer Sr. Hochwürden auf. Es war ein so langer Pastor, daà Asmus, wenn er die Augen geradeaus richtete, genau auf den Magen des Gottesmannes blickte. Und da es ihm unnatürlich war, den Kopf in den Nacken zu legen, so richtete er seine Ansprache schlieÃlich nur noch an den Bauch des Herrn Pastors.
»Der Herr Direktor verlangt,« sagte Asmus, »daà wir Ihnen eine Erklärung unseres Verhaltens geben. Mein Freund hat uns ein Wortspiel erzählt, und darüber haben wir gelacht. Mitten im Gelächter hat dann einer gesagt: âDa kommt Pastor Zump!â Wir haben aber nicht über Sie gelacht.«
Das stimmte nun nicht recht; aber Asmus als erwählter Führer hielt es für Ehrenpflicht, seine Kameraden herauszupauken.
Der Geistliche antwortete im schönsten Kanzelton:
»Sie erwarten doch wohl nicht, daà ich diese Erklärung annehme. Ich habe den Herrn Direktor gebeten, Sie nicht zu bestrafen (das stimmte) und wenn Sie kommen, um Verzeihung zu bitten, so ist die Sache für mich erledigt; wenn Sie aber erklären, Sie hätten nicht über mich, sondern über ein Wortspiel gelacht â #quod non#!«
»Wir können nichts anderes sagen,« bemerkte Asmus gegen den Bauch des Herrn Zump.
»Und Sie?« wandte Zump sich an Klöhn. »Können Sie mir auch nichts anderes sagen? Sie waren es doch, der da rief: âHalloh, Pastor Zumpâ und höhnisch dazu lachte.«
»Das hat er nicht getan!« rief Asmus.
»Schweigen Sie doch!« rief der Pastor zornig, »wie können Sie das wissen?«
»Weil ich meinen Freund kenne; dergleichen tut er nicht,« versetzte Asmus als Eideshelfer.
»Ich rede überhaupt nicht mehr mit Ihnen!« eiferte Zump gegen Sempern und wandte sich an Morieux.
»Und Sie? Haben Sie etwa nicht gesagt: »Ich habe die Ehre, Sie nicht zu kennen!« (Das schien der Pastor also wirklich gehört zu haben.)
»Nein,« rief Morieux mit diabolischen Gesichtsverzerrungen, »ich habe gesagt, daà ich nicht die Ehre hätte, Sie zu kennen.«
»Jawohl, das hat er gesagt,« erklärte Asmus mit Nachdruck, und die andern stimmten zu.
Pastor Zump warf einen Blick auf ihn wie der Prophet Elisa auf jene Knaben, die er von zween Bären zerreiÃen lieÃ, dieweil sie gerufen hatten: »Kahlkopf, komm herauf!«
Und dann machte er eine groÃe Armbewegung über alle vier Köpfe hin und sagte: »Ich bin fertig mit Ihnen, Adieu.« Aber als sie nahe der Tür waren, sprach er mit einem besonderen Blick für die drei anderen (Asmussen würdigte er keines Blickes mehr): »Wenn der eine oder der andere von Ihnen mir etwas anzuvertrauen hat, so werde ich ihn gern empfangen.«
Er mochte wohl hoffen, daà einer von den dreien vor Unterleibsschwäche abfallen und reumütiges Bekenntnis ablegen werde, und das war nicht fein von ihm. Nach vielen Jahren erst erfuhr Asmus aus wahrem Munde, daà dieser Pastor Zump ein guter, hilfsbereiter und opferfreudiger Mann gewesen sei. Seine Verfolgung der vier Jünglinge war vermutlich auch so ein Steinchen gewesen, das ihm die bucklige Schwester des Schicksals unter die FüÃe gerollt hatte.
Einstweilen war er für Asmussen der rachsüchtige Pfaffe, der Hoogstraten und Peter Arbues, den er nie in seinem Leben um Verzeihung bitten würde. Dann aber kam die Relegation. Dann war alle Mühe und Sorge von viertehalb Jahren dahin, dann konnte er alle seine Frühlingshoffnungen begraben und Zigarrenmacher werden. Das Geld, ihn auf einem auswärtigen Seminar zu erhalten, konnten weder er noch seine Eltern aufbringen. Ihm war übel ums Herz, und er verbrachte eine schlaflose Nacht.
Das Schlimmste war, daà das Herz nicht ganz frei war. Er selbst hatte zwar den Mann nicht verlacht; aber er hatte die andern unbedingt in Schutz genommen, und das war doch gewiÃ: zum mindesten Klöhn hatte eine starke Ungezogenheit begangen. Wenn man wahr sein wollte, muÃte man das eingestehen. Aber darum BuÃe tun in Sack und Asche, wie Uriel Acosta, vor diesem »hochmütigen, intriganten Priester«?! Asmus fuhr mit einem kurzen Lachen von seinem Bett empor und warf sich wuchtig wieder zurück auf das zerwühlte Lager. Aber übel war ihm zu Sinn; es ist schlimm, wenn eine Wunde nicht ganz rein ist.
Erst nahe vor Morgen verfiel er in einen leisen Halbschlaf. Der Direktor stand vor ihm und sagte: »_Sie_ wollen Lehrer werden? Sie sind wohl verrückt!« Und dabei hatte er vollkommen das Gesicht von Adolfine Moses.
XXIV. Kapitel.
Die Bucklige lacht: aber die Schlanke macht es wieder gut. â Der Schiffbrüchige von Salas y Gomez als Mittler zwischen den Parteien.
Zwei Stunden später traten die vier im Gänsemarsch bei dem Direktor ein, Semper wieder voran.
»Wir haben dem Herrn Pastor erklärt, daà unser Lachen nicht ihm gegolten habe; aber er will diese Erklärung nicht annehmen,« berichtete Asmus und erwartete das Vernichtungsurteil.
Der Direktor ging einmal das Zimmer auf und ab und durchstach dann alle vier, jeden einzeln, mit einem Blick. Dann ging er noch einmal auf und ab und durchstach hierauf Asmussen mit einem besonders langen Blick. Und dann sagte er:
»Sie können jehân.«
Die Angelegenheit war erledigt. Sie war erledigt für den Direktor und den Pastor; keiner kam wieder darauf zurück.
Aber nicht erledigt war sie für die Seybolde und Wiedemänner. Das war ja köstlich! Das war ja erbaulich! Also so waren die »Schäflein«, wenn sie unter sich waren! Dann betrugen sie sich wie die Gassenbuben und bewarfen Geistliche (im Ornat! versicherte einer) mit Steinen! mit Schmutz! Das waren also die Leutchen, die eine Eins bekamen, wenn andere nur eine Zwei kriegten! Das waren die Herren, die mit hochmütiger Verachtung erwiderten, wenn man ihnen vorhielt, daà sie ihre Kollegen beim Direktor verraten hätten! Für die Schäflein, und sonderlich natürlich für Asmussen, kamen schlimme Tage, und die kleine schieläugige Schwester des Schicksals lachte, daà ihr der Buckel tanzte und rief:
»Du glaubst, wer recht hat, müsse obendrein auch noch Recht _bekommen_? Du bist wohl verrückt?!«
In dieser Zeit, da ihm die Welt ein ausgesucht widerwärtiges Gesicht machte, sollte er etwas erleben, was nach »Duplizität der Ereignisse« aussah. Wie sich ihm nämlich einst, da er noch ein Knabe war, aus dunklem Bangen ein Weg ins Licht gezeigt hatte, als er zwischen den Bahndämmen in der RainstraÃe, vor der Tür einer Schenke, einem lieben braunen Mädchen begegnet war, so sollte er auch jetzt wieder bei einem braunen Mädchen Erhebung und Erheiterung des Herzens finden. Herr Mansfeld, ein befreundeter Lehrer, hatte ihn zum Abendbrot eingeladen, und als Asmus nun die Treppen zur Wohnung des Gastfreundes emporstieg, stand da auf einem Absatz eine rankgewachsene Brünette und blickte nachdenklich auf einen Koffer ihr zu FüÃen, der nicht allzu leicht sein mochte. Es war Fräulein Hilde Chavonne, seine ehemalige Kollegin. Sie stand im Begriff, zu eben den Lehrersleuten, die Asmus geladen hatten, in Pension zu gehen, und Asmus bat bescheidentlich um die Erlaubnis, ihr den Koffer hinauftragen zu dürfen. Das gewährte sie mit einem gnädigen Lächeln, und als man droben war, halfen Asmus und Herr Mansfeld beim Auspacken der Bücher, die der Koffer enthielt. Dabei schlug sich von selbst ein starkes, längliches Heft auf, das mit der Hand gezeichnete und kolorierte Landkarten enthielt.
»O, wie famos!« rief Asmus. »Haben Sie die gezeichnet?«
Hilde klappte schnell das Heft zu. »Machen Sie sich nicht lustig darüber!« rief sie ängstlich. »Sie können es gewià tausendmal besser.«
»Ich? Ich kann gar nichts, ich kann überhaupt nicht zeichnen,« sagte Asmus.
Sie sah ihn zweifelnd an; aber als sie in seine Augen sah, glaubte sie ihm, und nun schlug sie langsam selbst das Heft wieder auf, und von Blatt zu Blatt, wie er staunte und lobte, wurde sie heiterer und stolzer. Sie stand dicht neben ihm, und dabei geschah es, als er sich über das Heft bückte, daà der Ãrmel ihres Kleides seine Wange streifte. Von diesem Augenblick an war Asmus wieder glücklich.
Sie erschien nicht beim Abendbrot, weil sie müde war, und überhaupt blieb es auf lange Zeit hinaus bei dieser flüchtigen Begegnung.
Merkwürdig, dachte er im Nachhausegehen: ein ganz ähnliches Gefühl hab ich schon einmal gehabt â ganz so wie jetzt war die Welt schon einmal â nicht die gewöhnliche Welt, aber die andre, die immer über ihr schwebt wie Morgenduft über den Hügeln, die war schon einmal so, damals, als ich zwischen den Bahndämmen »am Rain« mit dem kleinen braunen Mädchen geplaudert hatte, mit der »Königin der Mainotten«. Und was noch merkwürdiger ist, die beiden haben in gewisser Hinsicht etwas Ãbereinstimmendes â nicht nur, daà sie beide braunes Haar und braune Augen haben, das will nichts sagen â auch der Teint und das ganze Aussehen â auch das Fräulein Chavonne hat etwas Fremdländisches â so â so etwas Französisches â übrigens ist ja auch ihr Name französisch. Aber ihr Wesen ist â gewiÃ: es ist deutsch â und doch wieder so ganz anders als das des fürchterlichen »deutschen Weibes« mit der Häkelnadel. Wenn man sie zu Pferde sähe, dachte er, mit wehendem Schleier, den Falken auf der Faust, auf dieser seinen, schmalen Faust â es würde keinen Augenblick überraschen.
»Wie sitzest du zu Pferde So königlich und schlank!«
sang er vor sich hin, daà ein vorübergehender Bürger stutzte und ihn anstarrte....
Seit diesem Abend fühlte sich Asmus auf eine wunderbare Weise frei und leicht, und er trug das Leben wieder mit aufgerichteten Schultern. Er hätte nicht sagen können, woher das kam; es kam aber einfach daher, daà ihn in dieser armen, bürgerlichen Lehrerin ein adliger Mensch berührt hatte, und das hatte um so wundersamer gewirkt, als es menschlicher Pöbel war, der sein Leben verfinstert hatte.
Seybold und Wiedemann waren ganz unzweifelhaft Pöbel; daà aber unter den anderen Feinden auch anderes Material war, das sollte er bald erfahren. Zunächst freilich schienen die Gegensätze noch unversöhnlich. Herr Quasebarth brachte eines Tages die Rede auf den die Klasse zerspaltenden Streit und sprach sein Bedauern aus.
»Ja,« rief eines der Antischäflein, »die andere Partei macht ja auch nicht den geringsten Versuch zu einer Annäherung.«
Da lachte Asmus laut auf, daà es durch die Klasse scholl.
Seit vielen Monaten geschah ihnen Unrecht auf Unrecht â und da sollten sie etwa noch um Frieden betteln? Lieber »Kampf bis zur Vernichtung«.
Seiner Jugend erschien die Welt als ein ehrenhaftes Geschäft, bei dem man eine berechtigte Forderung nur zu präsentieren brauche, um sofort Zahlung zu erhalten. Er ahnte noch nicht, daà dieses allerdings reelle Geschäft eine sehr weitsichtige Buchführung hat und daà seine Bilanzen oft erst nach zehn, nach fünfzig, nach hundert Jahren oder später erscheinen, je nach der GröÃe des Gegenstandes. Man kann diese Welt auch ein Gericht nennen und das Leben einen ProzeÃ, der durch hundert oder tausend Instanzen geht. Man bekommt gewöhnlich sein Recht, aber oft mit einer Begründung, die man nicht erwartet hat, und manchmal, wenn man das Urteil erhält, ist man tot.
Bald darauf, in der Rezitationsstunde trug Asmus aus dem Kopfe »Salas y Gomez« vor, mit sämtlichen drei Schiefertafeln. Als er nach dieser Stunde über den Korridor ging, stieà er auf Herrn Rothgrün, der in der Nachbarklasse Sempers Freudenschrei:
»Ein Schiff! Ein Schiff! Mit vollen Segeln lenkt Es herwärts seinen Lauf, mit vollem Winde!«
vernommen hatte. Und Rothgrün meinte mit wohlwollendem Lächeln: »Glauben Sie wohl, daà der Mann noch eine so starke Stimme hatte, nachdem er jahrelang bloà von Eiern gelebt hatte?« Rothgrün war eben Kritiker. Anders aber war der Seminarist Blankenburg. Er trat nach dieser Stunde an einige Häupter seiner Partei heran und sagte:
»Ich finde, es geht nicht länger. Wir können den Verruf nicht weiter aufrechterhalten. Im Grunde war es ja doch nur Neid. Daà er Kollegen beim Direktor verpetzen könnte, glaubt ja längst kein Mensch mehr. Wir blamieren uns. Und _wir_ müssen wieder anfangen.«