Semper der Jüngling

Chapter 5

Chapter 53,769 wordsPublic domain

Augen sah ich, die dem Hier entrinnen, Das mit Tränenschatten sie umhüllt; Doch versunken war ihr Blick nach innen Und von dort mit sel’gem Glanz erfüllt. –

Er gab diesem Licht einen zum Himmel gewandten Blick, ein überirdisches Angesicht, weil er das für erhabener hielt und er damals gerade ein Dichter wie Klopstock und die Hainbündler werden wollte; in Wirklichkeit aber sprang seine Fröhlichkeit wie diejenige Klopstockens mit frischen Jugendbeinen auf der Erde umher. Das wußten die in der Schule nicht. Sie schrieben ihm auch weit größere Kenntnisse und Fähigkeiten zu, als er besaß, und das machte ihm Unbehagen, weil es ihm vorkam, als täuschte er sie, als müßte er seine Kenntnisse einmal alle aus dem Kopfe hervorholen und auf den Tisch legen, damit sie sähen, wie wenig er wisse und könne. Vor neuen, gewichtigen Aufgaben stand er stets mit einem ehrfurchtsvollen Gefühl der Unberufenheit.

Mit solchem Gefühl im Herzen drückte er endlich die Klassentür auf. Er stand vor den Kindern.

Sie verstummten vor Überraschung. Was will _der_ denn, dachten sie. Asmus gebot ihnen, ihre Sachen unter den Tisch zu legen und sich ordentlich hinzusetzen. Sie gehorchten; aber einige duckten sich hinter den Rücken des Vordermannes und kicherten, weil der kleine Schreiber aus dem Zimmer des Oberlehrers Schulmeister sein wollte. Da steckte Asmus von seinen ernsten Gesichtern das allerernsteste auf und sah den Aufsässigen ruhig in die Augen – da saßen sie still und ohne Laut. Das fühlte er sofort, die Zügel in der Hand behalten, das war nicht so schwer; aber das Unterrichten!

Ja, die Unkundigen halten Unterrichten für die einfachste Sache von der Welt. Man sagt den Kindern, was sie wissen sollen, und dann wissen sie’s ja! Aber man soll ihnen gar nichts sagen, das ist’s ja gerade! Alles sollen sie selber sagen, durch unaufhörliche Fragen soll man’s aus ihnen herausholen; so verlangt es das »erotematische« oder »katechetische« oder »heuristische« Lehrverfahren. Asmus kannte diese gelehrten Vorschriften wohl; aber als er nun vor den sechzig Gesichtern stand, wußte er nichts damit anzufangen. Ihm war, als solle er den Kindern über ein meilenbreites Wasser die Hand reichen. Und wenn ihm vorher das Herz in den Schuhen gesteckt hatte, so hatte er jetzt zum mindesten vier Herzen, eines in den Schuhen, eines im Halse, das ihn würgte, eines in der Brust, das ihm wehtat und eines in der Darmgegend. Und nun kamen überdies noch Münz und Morieux herein; denn es war Brauch, daß, wenn ein Präparand unterrichtete, die andern zuhörten und hernach ihre Kritik übten. Wie ein Doppelbeckmesser mußten sie aufpassen, ob auch alle Fragen des Katecheten mit »#W#« anfingen (denn so verlangt es das »System«), ob Asmus auch keine »Wahlfragen« stellte, d. h. Fragen, auf die man nur mit Ja oder Nein zu antworten brauchte, die also die Schüler zum Raten verleiteten, ob er auch rechtzeitig zusammenfasse und wiederhole, ob er auch alle Kinder gefragt habe, bevor er eins zum zweitenmal frage, ob er auch tadle, wenn ein Schüler beim Fingerzeigen aus der Bank trete, ob er auch bemerkt habe, daß Müller sich in vereinfachter Manier die Nase geputzt habe usw.

Asmus sollte zunächst eine Anschauungsstunde geben, und er holte sich aus dem kleinen Schulmuseum einen ausgestopften Fuchs, der aber dank der Kunst des Ausstopfers den Hinterleib einer feisten Katze hatte.

»Was ist das?« fragte Asmus.

»Das ist ein Hund,« antwortete ein Schüler; denn die Stadtkinder kannten keinen Fuchs.

Statt nun an diese nicht ganz unrichtige Antwort anzuknüpfen und den Fuchs zunächst als Hund zu behandeln, oder aber mit Eleganz darüber hinwegzugehen und einen anderen zu fragen, biß sich Asmus sofort in diese Antwort fest.

»Nein, ein Hund ist das nicht,« sagte er, »woran sieht man, daß es kein Hund ist?«

»Er hat gar keinen Maulkorb um!« rief ein kleiner Bursche.

»Haben denn alle Hunde Maulkörbe?« fragte der junge Präzeptor. (O weh, eine »Wahlfrage!«)

»Nein,« riefen viele Kinder. (O weh, der Präzeptor duldete, daß die Schüler im Chor antworteten, ohne es zu tadeln! Münz und Morieux notierten eifrig in ihren Heften.)

»Wozu gehört der Maulkorb also gar nicht?«

»Der Maulkorb gehört gar nicht zum Hund,« sagte ein Schüler.

Das genügte Asmus nicht so ganz. Er wollte den Irrtum beseitigen, daß der Maulkorb ein organischer Bestandteil des Hundes sei (er wußte, daß die Kinder auch das Hufeisen für einen Teil des Pferdehufes halten), er wollte die Antwort: »Der Maulkorb gehört nicht zum Körper des Hundes;« aber wie sollte er aus diesen Kleinen das Wort »Körper« herauskatechisieren? Sollte er fragen: »Ist der Maulkorb etwa ein Körperteil des Hundes?« Nein, das durfte er nicht, das war eine »Ja- und Nein-Frage«. Er versuchte es auf mancherlei Weise; denn er meinte, jeder auftauchende Irrtum müsse sofort und gründlich beseitigt werden; aber das ersehnte Wort kam nicht. So biß er sich im Maulkorb des Hundes fest und war noch immer nicht beim Fuchs, obwohl er schon am ganzen Körper schwitzte.

Endlich mußte er das Rätsel doch aufgeben, und so war Zeit und Mühe verloren.

»Also ein Hund ist das nicht. Woran sieht man das?«

Da stand ein Genie auf und sagte:

»’n Hund hat nicht solchen Schwanz!«

»Na also!« jubelte Asmus, und in seiner Freude über das erlösende Wort vergaß er, daß das Genie »’n Hund« statt »ein Hund« gesagt hatte. Münz und Morieux notierten das.

XII. Kapitel.

Asmus ringt gewaltig mit einem Schüler wegen eines Frosches: er empfängt Rippenstöße, und der gewisse Seybold besteht das Examen.

Aber schon von der nächsten Stunde ab mußten Münz und Morieux wieder Listen und Protokolle schreiben, und Asmus sprach mit seinen Schülern, wie ihm der Schnabel gewachsen war. Und sieh, mit einem Male ging alles freier und besser. Wenn er sich nun aus dem Schulmuseum einen Hasen geholt hatte, so erinnerte er sich jenes Lehrers, bei dem er gern gehorcht hatte und der auch nicht immer im Stechschritt des Systems gegangen war. Er sang ihnen vor allen Dingen Lieder vom Hasen vor:

»Als der Mond schien helle, Kam ein Häslein schnelle«

und

»Gestern abend ging ich aus, Ging wohl in den Wald hinaus«

und

»Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal Saßen einst zwei Hasen«

und nachdem ihnen Herr Lampe mit so vorzüglichen Empfehlungen vorgestellt war, schauten sie ihn mit ganz anderen Augen an. Und als Asmus heraushaben wollte, daß der Hase ein Säugetier sei, da fragte er sie:

»Was für ein Vogel ist denn der Hase?« Halloh, da gingen sie fast über die Bänke vor Lachen und Weisheit und riefen: »Das ist ja gar kein Vogel!« und erklärten ihm mit Begeisterung, warum der Hase kein Vogel sei! O Gott, wenn Münz und Morieux, und gar der Herr Oberlehrer dagewesen wären! Überhaupt fand er, daß es den Kindern ein besonderes Vergnügen bereitete, wenn er sich recht dumm stellte und sich dann von ihnen aufklären ließ. Der alte Sokrates kannte seine Leute.

Natürlich stieß er trotzdem noch täglich, ach, stündlich in seinem Fahrwasser auf Klippen, Untiefen und Stromschnellen. Da hatte er ihnen das Märchen vom Froschkönig und dem eisernen Heinrich erzählt. Der Frosch hatte der Königstochter ihren goldenen Ball aus dem Brunnen geholt unter der Bedingung, daß er mit ihr an einem Tische essen und in einem Bettchen schlafen dürfe. Und sie hatte es ihm doch hoch und heilig versprochen. Als nun der Frosch ins Schloß kam, wollte sie ihr Königswort nicht halten. Das ist mit Königsworten öfters so, ist aber unsittlich. Und Asmus wollte entwickeln, daß man sein Wort halten müsse, und wenn es auch noch so schwer sei.

»Warum wollte sie denn nicht mit dem Frosch zu Bett gehen?« fragte Asmus einen Schüler.

»Ich weiß nicht,« sagte der.

»Möchtest Du denn einen Frosch im Bett haben?«

»Ja!« rief das Bürschchen begeistert.

Hm. Das war ein unerwartetes Hindernis. Aber Asmus besann sich. Vielleicht sprach das Kind so aus ethischen Erwägungen. Es meinte wohl im stillen: wenn ich es versprochen hätte.

»Schön,« fuhr der Magister fort, »du möchtest also bei einem Frosch schlafen. _Aber doch nur wann?_«

»Immer!« versetzte strahlend der Gefragte.

Hm, hm. Wie sollte man diesem perversen Individuum die Moral der Geschichte begreiflich machen? Man mußte einfach die Segel streichen. Der kluge Magister begriff erst später die Freude der Kinder an allem Spiel mit den Tieren.

Aber solche und ernstere Schwierigkeiten erhöhten gerade die Lust an der Arbeit, und er widmete sich ihr auch mit so viel körperlichem Eifer, daß er infolge des vielen Sprechens von einer Heiserkeit in die andere fiel. Überdies kam der erkrankte Lehrer nicht wieder, aus den acht Wochen wurde ein Vierteljahr, aus dem Vierteljahr ein halbes. Asmus hatte morgens eine Stunde weit zur Schule und ging mittags denselben Weg zurück. Dann aß er eilig zu Mittag und ging abermals zur Schule, um den Nachmittagsunterricht zu erteilen. Danach begab er sich von der Schule ins Präparandeum, und abends hatte er eine gute Stunde nach Hause. Dann erst konnte er an seine Präparationen für Schule und Präparandeum gehen. Das machte etwa elf Stunden Arbeit und fünf Stunden Marsch. Aber Asmus war noch immer tief davon durchdrungen, daß der Schlaf ein eingebildetes Bedürfnis sei, eine Überzeugung, die er bald genug ablegen sollte. Einstweilen aber ging er nicht nur jeden Sonnabend zu Bockholm ans Klavier, er machte auf seinen Wanderungen auch noch Gedichte, die den Beifall Lauras, nämlich Fräulein Wieselins, und der beiden Leonoren fanden.

Nur einen Menschen gab es, dem die vielfältige Beschäftigung Asmussens Sorge machte, und das war seine Mutter. Nicht, daß sie für seine Gesundheit gefürchtet hätte, – seine vollen, roten Wangen ließen solche Befürchtungen nicht aufkommen, – nein, sie bangte wegen des bevorstehenden Abgangs-Examens. Im nahen März sollte Asmus ins Seminar übergehen, und sie fürchtete, daß er sich bei so viel Arbeit nicht ordentlich vorbereiten könne und dann womöglich durchfalle. Und sie schickte heimlich einen Seminaristen aus der Bekanntschaft ab, der sich bei einem Lehrer des Präparandeums nach den Aussichten ihres Sohnes erkundigen sollte. »Zu Hause sagt der Bengel ja nichts,« klagte sie. »Er macht auch Gedichte; aber meinen Sie, er zeigt sie uns? Wenn ich nicht mal eins in seiner Schublade finde, erfahren wir nichts davon.«

Seine Gedichte zu Hause zeigen, – nein, das brachte Asmus nicht über sich. Eine Scham, die er sich selbst nicht deuten konnte, hielt ihn davon zurück. Wir mögen auf der Gasse nicht im Nachtgewand und daheim nicht in der #Toga palmata# erscheinen.

Jener geheime Emissär geriet an den Lehrer für deutsche Sprache und Literatur, einen großen Mann mit einer prachtvollen Römerglatze und energischen Zügen, die lieber dem Spott als der Liebenswürdigkeit dienten. Er maß den Frager von oben bis unten mit höhnischem Blick und sagte dann: »Ja, wenn wir den durchfallen ließen, wen sollten wir dann bestehen lassen?«

Dieser Bescheid beruhigte Frau Rebekka einigermaßen, aber keineswegs vollständig. Als der erste Tag des schriftlichen Examens anbrach, strich sie unaufhörlich mit liebkosenden Händen an ihrem Sohne auf und ab, als ginge er den Weg zum Schafott und kehre nicht mehr zurück. Als ihn acht Tage später der Mann mit der Römerglatze auf die Seite genommen und mit spöttischem Lächeln gesagt hatte: »Ich gratuliere Ihnen. Sie haben den besten Aufsatz geschrieben,« da brachte er fliegenden Laufes wie der Bote von Marathon seiner Mutter die Nachricht, damit sie sich beruhige. Und wirklich wurde sie etwas ruhiger.

Ludwig Semper konnte zu der Unrast Rebekkens immer nur lächeln. »Du bist nicht gescheit,« sagte er kopfschüttelnd und blickte zum Fenster hinaus in die Ferne.

Asmus aber war aus Sicherheit und Unruhe wunderbar gemischt. Er pflegte weder sich noch anderen Demutsflausen vorzumachen und sagte sich wohl: »So viel wie die anderen weiß ich auch«; aber alles Leben, das er noch nicht kannte, stellte er sich als Wunder vor, als gutes oder schlimmes Wunder, und das Examen rechnete er vorläufig zu den schlimmen. Er dacht’ es sich im Grunde als eine Lotterie, die der Zufall entschied; er stellte sich vor, daß Dr. Korn, der als Direktor natürlich alles wußte, oder Herr Stahmer, der ebensoviel wußte, ihm die abenteuerlichsten Fragen vorlegen könnten, die schwersten Fragen, an die er nie gedacht, und dann war ihm ungefähr zumut wie dem armen Gretchen beim #dies irae#.

#Quid sum miser tunc dicturus »Quem patronum rogaturus?«#

Vielleicht war er der unruhigste von allen Examinanden. Sein Platznachbar Seybold z. B. schrieb im schriftlichen Examen einfach alles nach, was er mit seinen vortrefflichen Augen von Sempers Schriftstücken ablas, und war darum viel ruhiger als dieser. Ja, dieser Jüngling setzte ein so heiteres Vertrauen in die Kräfte seines Nebenmannes, daß er noch unmittelbar vor der naturgeschichtlichen Prüfung im Bücherschrank der Klasse von möglichst dicken Wälzern nach dem System »Mausefalle« einen babylonischen Turm errichtete, der bei der geringsten Erschütterung durch die angelehnte Schranktür ins Zimmer stürzen mußte. Der Campanile brach denn auch mit wunderbarer Präzision und furchtbarem Getöse zusammen, als Papa Hamann gerade die Frage von den Monocotyledonen und den Dicotyledonen diktierte. Natürlich mußte Asmus Semper wieder prusten, und als Papa Hamann ihn lachen sah, sagte er:

»Themper, thie gehen mit einem geradethu thträflichen Leichtthinn inth Ekthamen!«

In der mündlichen Prüfung war Seybold freilich erheblich unruhiger, und wenn der Examinator sich seinem Platze näherte, stieß er Sempern so heftig in die Rippen und trat ihm so deutlich auf den Fuß, damit er ihm aushelfe, daß Asmus noch drei Tage nachher die blauen Flecke beobachten konnte. Nun konnte er zwar nicht einblasen, wenn er sich nicht selbst ans Messer liefern wollte; aber der gute Seybold bestand trotzdem, und Asmus stellte ernste Erwägungen darüber an, warum man eigentlich Examina vornähme, wenn auch die Seybolde durchkämen.

XIII. Kapitel.

Frühlings- und Ferienlust; Wiederauftreten des Herrn Morieux; ein längerer Blick der »Dame in Trauer«, ein Aufstieg ins Gebirge und ein Gärtner mit einer Schere.

In der Tat, das einzige Gute, das solche Prüfungen haben, sind die Ferien, die sich ihnen gewöhnlich anschließen. Drei Wochen hatte er nun frei – er warf sich daheim aufs Sofa und streckte die Beine, als wenn er sie gleich durch die ganzen drei Wochen hindurchstrecken wollte. Und auch gefeiert wurde er! Frau Rebekka, die nun endlich ganz beruhigt war, fragte ihn feierlich, was er denn heute essen wolle. Das war noch nicht dagewesen. Und Asmus nahm seinen Flug bis zum Gipfel der Imagination und sagte nach einigem Erwägen: »Pfannkuchen mit Pflaumenmus.« »Sollst du haben,« sagte Frau Rebekka und flog in die Küche an den Herd.

Was sein Vater ihm gab, war anderer Art. Asmus saß mit einem Buch an seinem gewohnten »Schreibtisch«, und Ludwig Semper saß an seinem Arbeitstisch und machte Zigarren. Und obwohl Asmus ihn nicht ansah, wußte er wieder ganz genau, daß die Augen seines Vaters auf ihm ruhten, und er hütete sich wohl, den Blick zu erheben und die zärtlichen, sommerwarmen Augen seines Vaters zu verscheuchen. Er las nicht mehr, er sah immer auf dasselbe Wort und dehnte sich in der Juliwärme dieses Blickes, dehnte sich langsam, kaum merklich, aus Furcht, die Sonne möcht’ es merken und sich verhüllen; er fühlte sich von einem heiligen Licht umflossen und sah in diesem Licht wie goldene Stäubchen die Millionen seligen Erinnerungen seiner Kindheit wirbeln.

Und noch ein andres Herzensglück sollten diese Tage ihm bringen. Als Asmus eines warmen Frühlingstages am Fenster stand und auf seiner Zehn Marks-Geige nach einer Notenschrift in den Wolken fantasierte, wurde heftig geklopft. Im selben Augenblick sprang auch schon die Tür auf, und wer trat herein? Morieux. Morieux mit bleichem, verzerrtem Gesicht und weit vorgestreckter Hand.

»Ich wollte dir die Hand zur Versöhnung bieten,« sagte er.

»Bravo!« rief Asmus, indem er klatschend einschlug, »wie geht’s dir? Was machst du? Komm, setz’ dich ins Sofa! Steck’ dir eine Zigarre an, eine feine Brasil. Trinkst du lieber Bier oder Kaffee?«

Er war nahe daran, seinem Freunde Kost und Logis für drei Monate anzubieten; denn er mußte reden, um seiner Gemütsbewegung Herr zu werden. Er schämte sich viel mehr als sein Freund; er war über und über rot geworden, lief planlos im Zimmer hin und her und stellte seinem Gast die beiden besten Stühle hin, obwohl er ihn ins Sofa gebeten hatte.

Morieux fing an, von seinem Verschulden zu sprechen.

»Aber ich bitte dich!« rief Asmus, »sprich nicht davon. Wenn ich mich vertrage, hab’ ich alles Vergangene vergessen. Ich hatt’ es sowieso schon vergessen. Da – hier – spiel’ mir was vor!« Er drückte ihm die Geige in die Hand. »Bitte, bitte, die F-Dur-Romanze!«

Und Beethovens Töne schwemmten alle Kleinigkeiten hinweg.

Drei Wochen sollte er so genießen! Was konnte man da für Spaziergänge machen, für Bücher lesen, für Duette spielen, für Gedichte machen – es war nicht auszudenken! Ganze Epopöen konnte man dichten! Er begann auch sofort mit einer breit angelegten Dichtung »Niobe«, in der die vierzehn Kinder der bejammernswerten Tantalstochter einzeln starben. Ach ja, Ferien waren doch noch schöner als die schönsten Unterrichtsstunden! Auch als Junge war er – wenn seine Mitschüler ihn nicht peinigten – mit Lust zur Schule gegangen, ja, die Geschichts- und Geographie- und Physikstunden des Herrn Cremer waren ihm zuzeiten das Liebste auf der Welt gewesen; aber das Allerliebste blieben doch die Ferien. Als er noch in der Klasse des Herrn Rösing gewesen war, da war eines Morgens ein Lehrer gekommen und hatte gesagt:

»Ihr könnt wieder nach Hause gehen, Herr Rösing ist krank.«

»Hurra!« hatte die ganze Klasse geschrien. Da hatte der Lehrer gerufen: »Jungens, seid ihr des Teufels? Wenn euer Lehrer krank ist, brüllt ihr Hurra?«

Aber das war eine tendenziöse Zusammenstellung. Sie dachten gar nicht an die Krankheit des Herrn Rösing; sie dachten nur an ihre Freiheit. Sie gönnten dem Lehrer jedes Wohlbefinden, wenn er nur nicht kommen wollte. Und auch Asmus hatte Hurra geschrien ...

Aber seine Ferien waren noch nicht ganz; einige Tage mußte er noch in die Schule zum Unterrichten, und dann mußte er noch eine Prüfung ablegen: prüfend sollte er geprüft werden. Da der kranke Lehrer noch immer nicht wieder erschienen war, so mußte Asmus »seine« Klasse bei der öffentlichen Prüfung vorreiten. Das war wieder eine bange Stunde; denn hinter ihm, neben ihm, an den Wänden entlang und auf den Bänken der Kinder saßen und standen sämtliche Damen und Herren des Kollegiums. Auch Laura war natürlich da und die beiden Leonoren; und ganz hinten auf der letzten Bank saß Beatrice, oder, wie sie eigentlich hieß: Hilde Chavonne. Sie hatte zum ersten Male die Trauer abgelegt, wenn auch nur in ihren Kleidern; sie trug ein leuchtend braunes Kleid, und in diesem Kleide, mit ihrem reichen braunen Haar und ihren melancholisch-braunen Augen war sie brünetter, hübscher und stolzer denn je. Und mit einem Male sprang in Asmussens Seele ein Imperativ empor: dieser Stolzen sollst du imponieren. Den Blick dieses Mädchens wählte er sich zum Leitstern durch die schwere Stunde, und nichts gibt der Arbeit eines Siebzehnjährigen einen feurigeren Aufschwung, als wenn auf ihr der Blick eines Weibes ruht.

Als die Prüfung vorüber war, sagte der Oberlehrer nichts; er wiegte nur wohlwollend auf und ab das Haupt. Als die Damen das Zimmer verließen, sah Asmus, daß Fräulein Chavonne sich mit einer Kollegin über ihn unterhielt; denn diese blickte ihn wiederholt von der Seite an; Hilde Chavonne aber heftete, bevor sie hinausschritt, noch einmal den Blick auf ihn, als habe sie den kleinen Herrn erst heute kennen gelernt, und was das Merkwürdige war: sie wandte den Blick nicht weg, wie es sonst die Mädchen zu tun pflegen, wenn der Blick eines Jünglings ihrem beobachtenden Auge begegnet; nein: offen, fest und ernst blickte sie ihm ins Auge.

Nach völlig beendigter Prüfung wollte Semper sich von den Herren des Kollegiums verabschieden.

»Was fällt Ihnen ein!« rief einer der Herren, »Sie müssen mit uns.«

Asmus erklärte, er könne nicht, er habe »furchtbar viel zu tun,« und als der joviale Herr ihn nicht lassen wollte, sagte er leise: »Ich habe kein Geld.«

»Wofür halten Sie mich denn?« rief der Lehrer lachend, »wenn ich Sie einlade, brauchen Sie doch kein Geld.«

Nun ging es in eine halbländliche Kneipe, wo man in Lauben saß und der Wirt noch ein Käppchen trug. Asmus war glücklich und stolz; die Herren behandelten ihn nicht nur als Kollegen, sie nannten ihn sogar so. Und sie waren über die Maßen lustig und erzählten sich in seiner Gegenwart die ausgelassensten Schnurren. Asmus saß mit weit offenen, lachenden Augen da. Er hatte mit jener scheuen Ehrfurcht, die er vor allem Unbekannten hegte, diese Herren für Halbgötter gehalten, die hoch über der Lust gewöhnlicher Sterblicher dahinwandelten. Die Entdeckung, daß sie fröhliche Menschen waren, war ihm ein fröhliches Wunder. So gefielen sie ihm noch viel besser.

Einer der Herren zog Asmus in ein Gespräch über Rousseau. Er meinte, das Leben Rousseaus sei tadelnswert und seine Theorien seien nicht ausführbar. Aber Asmus war schon beim dritten Glas und verteidigte seinen Liebling wie eine Löwin ihr Junges. Rousseau sei der beste der Menschen gewesen, und alle seine Ideen seien ausführbar, wenn man nur wolle.

»Na, Herr Semper,« warf ein etwas eingetrockneter Herr aus der Runde ein, »darüber können Sie doch wohl noch nicht urteilen.«

»Wissen Sie, was Schiller sagt?« rief Asmus.

»Nee,« sagte der Herr.

Und Asmus rezitierte mit hochgeröteten Wangen:

»Monument von unsrer Zeiten Schande, Ew’ge Schmachschrift deiner Mutterlande, Rousseaus Grab, gegrüßet seist du mir! Fried’ und Ruh’ den Trümmern deines Lebens! Fried’ und Ruhe suchtest du vergebens; Fried’ und Ruhe fand’st du hier.

Wann wird doch die alte Wunde narben? Einst war’s finster, und die Weisen starben; Nun ist’s lichter, und der Weise stirbt. Sokrates ging unter durch Sophisten, Rousseau leidet, Rousseau fällt durch Christen, Rousseau – der aus Christen Menschen wirbt.«

Die Worte »Schande«, »Schmachschrift«, »Sophisten« und »Christen« hatte Asmus mit anzüglicher Betonung hervorgehoben.

»Ja, das ist ja sehr formvollendet,« sagte der Gedörrte mit einer empörenden Kälte, »aber Schiller ist für mich auch nicht maßgebend.«

»Was? Schiller –?«

Asmus wollte aufspringen; aber jener andere Herr legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Ich werde Ihnen mal Rousseaus »Bekenntnisse« leihen; die werden Sie interessieren.«

»O ja! Herzlichen Dank!« rief Asmus, und am nächsten Tage stürzte er sich in die »Bekenntnisse«.