Semper der Jüngling

Chapter 4

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Er begriff überhaupt nicht, warum die Menschen nicht öfter lachten und nicht öfter weinten, da doch die Welt so reichen Anlaß dazu bot. Als er einmal eine Molieresche Komödie sah und die Situation auf der Bühne plötzlich eine künftige Situation von großer Komik ahnen ließ, da schoß ihm ein so gewaltiges Lachen in die Nase, daß er es nicht zurückhalten konnte; da er es aber dennoch zurückhalten wollte, so kam ein eigentümlicher Prust-, Schnupf- und Grunzlaut zustande, über den das ganze Publikum in laute Heiterkeit ausbrach. So hatte sich Asmus vermutlich noch nie geschämt wie in diesem Augenblick; es ist anzunehmen, daß er bis in die Zehenspitzen errötete; aber nachher mußte er sich doch fragen: Warum habe ich denn allein gelacht? Warum lachten nicht alle?

VIII. Kapitel.

Warum Ludwig Semper nicht in den »Lohengrin« ging und Asmus mit einem Windhund verkehrte.

Wenn er von der monatlichen Kneipe der Albingia einmal spät nach Hause kam, so schüttelte Frau Rebekka den Kopf und äußerte ihre Besorgnisse; aber Ludwig Semper lachte vergnügt in sich hinein und sagte: »Laß ihn; das gehört dazu.« Auch er hatte zu Schleswig seine heimlichen Gymnasiastenkneipen gefeiert und den Landesvater gesungen, und manchesmal, wenn das Vergangene in ihm erwachte, hatte er, am Tabakstische sitzend und das blanke Zigarrenmesser schwingend, gesungen:

»Seht ihn blinken In der Linken Diesen Schläger, nie entweiht! Ich durchbohr den Hut und schwöre: Halten will ich stets auf Ehre, Stets ein braver Bursche sein!«

Dagegen hatte Ludwig Semper für eine andere Neigung seines Sohnes durchaus kein Verständnis: Er begriff nicht, wie man ohne Not einen Weg von mehr als einer Viertel- oder gar halben Stunde machen konnte. Wenn Asmus in den Ferien Spaziergänge von vier Stunden machte, so schüttelte Ludwig andauernd den Kopf; bei einem acht- oder zehnstündigen Ausflug aber wurde er sozusagen böse, warf das linke Bein über das rechte und murmelte: »Verrückt!« Er schien das für gesundheitsschädlich zu halten, und einer der Gründe, weshalb er noch immer nicht den Lohengrin gehört hatte, war der, daß man ins Hamburger Stadttheater eine Stunde zu gehen hatte. Asmus hingegen hatte Seume gelesen, und einer seiner Träume war es, einen Spaziergang nach Syrakus zu machen, wie ihn dieser etwas nüchterne, etwas trockene, aber in seiner Unabhängigkeit, Kraft und Lauterkeit dennoch poetische Mann gemacht hatte.

Unter den Studiengenossen, mit denen Asmus seine botanisch-zoologisch- mineralogisch-poetisch-politisch-philosophisch-cerealisch-bacchischen Ausflüge – denn das Frühstück spielt bei Siebzehnjährigen eine genau so große Rolle wie der Idealismus – zu unternehmen pflegte, waren es besonders zwei, zu denen er in ein näheres Verhältnis trat. Der eine war sein Mithospitant Morieux, und dieser hatte Eigenschaften, die wohl auf einen französischen Vorfahren schließen lassen konnten. Er war ein hübscher, schlanker, geschmeidiger Bursche mit dunklem Haar und einem famosen schwarzen Schnurrbärtchen und zeigte in Sprache und Gebärden eine überschießende, ja, in seinen Mienen nicht selten eine fratzenhafte Lebhaftigkeit. Die Jugend urteilt wie die Frauen und wie das Publikum mit Vorliebe nach dem Instinkt und trifft damit gewöhnlich das Richtige. So erhielt denn auch Morieux in der Biertaufe den Namen Fritz Triddelfitz, mit der Begründung, daß er ein »langschinkiger, dünnrippiger Windhund« sei. Von den Windhunden sagt man, daß sie selbstsüchtig und wenig treu seien, und das stimmte bei Morieux insofern, als er nur eine halbe Treue besaß. Wenn Asmus in der Klasse irgend einen größeren Erfolg erzielt hatte, so beglückwünschte ihn Morieux mit fulminanten Worten und war dabei blaß bis in die Lippen, und Asmus sah mit vollkommener Gewißheit, daß der Neid, ja der Haß ihn innerlich zerwühlten. Aber er sah auch, daß Morieux mit diesem Neide kämpfte, daß er sich die Lippen fast blutig biß. Und immer wieder kehrte er zu Asmus zurück und zog seinen Umgang jedem anderen vor. Er überhäufte den Freund mit Ausdrücken einer so schwärmerischen, überschwenglichen Bewunderung, daß Asmus abwechselnd rot und blaß wurde und an die Aufrichtigkeit dieser Apotheosen niemals glauben konnte, und doch wußte er, daß Morieux in derselben Weise zu andern über ihn sprach. Auch Asmussens Eltern hatte er solchermaßen den Ruhm ihres Sohnes verkündet, und Frau Rebekka hatte alles geglaubt und mit Entrüstung ausgerufen: »Der dumme Bengel! Und davon sagt er zu Hause kein Wort!« Im innersten Herzen fühlte sich Asmus von diesem Freunde wohl mehr abgestoßen als angezogen; aber eines besaß dieser Freund, was ihn festhielt, und das war seine außerordentliche musikalische Begabung, im besonderen sein vorzügliches Geigenspiel. Morieux ließ nicht locker, bis sich Asmus von ihm die Anfangsgründe des Geigenspiels zeigen ließ, und alsbald traktierte der junge Semper mit solcher Versessenheit das schwierige Instrument, daß sie nach einigen Wochen schon leichte Duette spielten. Dieses Band hielt sie zusammen und zog sie bald zu einem Bratschisten und einem Cellisten hin und geleitete ihren jugendlichen Wagemut endlich zu den Quartetten Haydns, Mozarts, Beethovens und Schuberts.

Aber leider hatte der langschinkige, dünnrippige Windhund eine fatale Neigung, andere Leute aufzuziehen. Er hielt sich für so gescheit, daß er allen andern etwas aufbinden könne; er gab sich bei den gemeinsamen Ausflügen den einfachen Landbewohnern gegenüber für einen ausstudierten Lehrer, für einen Arzt, für einen höheren Beamten oder dergleichen aus, nur um ihnen allerlei Abenteuer und Räubergeschichten aufzubinden und sich an ihrer Leichtgläubigkeit zu weiden. Nun schlummert freilich hinter den träumerisch-gutmütigen Augen des Schleswig-Holsteiners eine feine und stattliche Klugheit, die nur dann vollends aufwacht, wenn es durchaus notwendig ist, und gelegentlich wurde der Aufschneider wohl durch ein ironisches Lächeln oder ein spöttisches Wort zurückgewiesen; aber manchmal fand er auch Gläubige, und solch ein Mißbrauch eines freundlichen Vertrauens verdroß Asmus jedesmal über die Maßen. Am wenigsten konnte er’s vertragen, daß alte Leute in weißen Haaren gefoppt wurden, und wie wurde ihm nun gar zumute, als Morieux sich eines Tages einfallen ließ, seine Eltern, seine Mutter Rebekka Semper, seinen Vater Ludwig Semper anzulügen und zu hänseln. Als hätte man ihm mit der Peitsche ins Gesicht geschlagen, so war es ihm. Um seine Eltern nichts merken zu lassen, machte er gute Miene zum bösen Spiel und lenkte mit einer gewaltsamen Anstrengung das Gespräch geschwind auf einen anderen Gegenstand: nachher aber, beim Abschied vor der Tür, weigerte er dem Frevler die Hand und sagte:

»Du brauchst mich nicht wieder zu besuchen. Wir sind geschiedene Leute.«

Morieux ging lächelnd und mit einem höhnischen Achselzucken davon.

IX. Kapitel.

Ein Afrikaforscher, der nicht revanchelüstern ist.

Ganz, ganz anders war Sempers zweiter Wandergenosse. Er war hager, sehnig und steif, von scharfgeschnittenem Gesicht, und sein silberweißes kurzgeschorenes Haar stand senkrecht aufgerichtet wie Nägel. Eigentlich hieß er Herrig; aber nach einem Vororte Hamburgs, wo die Insassen einer gewissen Anstalt gezwungenermaßen kurzgeschoren gingen, nannte der liebevolle Witz seiner Klassengenossen ihn »Fuhlsbüttel«. Weit davon entfernt, musikalisch zu sein, sang er, wenn er die Wacht am Rhein singen wollte, die Lorelei, die aber auch noch falsch. Er war überhaupt vom Kopf bis zu den Füßen amusisch, und unter allen Kunst- und Literaturschätzen der Welt gab es nichts, was seinen Herzschlag beschleunigen konnte. Allein auch er hatte etwas, was ihn Sempern interessant machte: nämlich eine grammatische Nase, und in der Analyse knifflicher Satzgebilde galten er und Asmus für Rivalen. Auch kannte er eine Menge Pflanzen und Insekten bei Namen, und Asmus, den seine Dorfschule in dieser Hinsicht mit wahrhaft imposanten Lücken ausgestattet hatte, ergriff mit Freuden die Gelegenheit, sich aus dem »Thesaurus« seines Freundes zu bereichern. Dafür bereicherte sich John Herrig, wie man sehen wird, aus einem anderen Schatze seines Freundes Asmus.

Zunächst freilich war es eine Bereicherung von zweifelhaftem Wert. Sie unterhielten sich auf ihren Wanderungen stundenlang mit bitterem Ernst über Fragen der Politik, der Volkswirtschaft, der Gesellschaftsmoral, der Philosophie, kurz #de omnibus rebus et quibusdam aliis#. (Morieux war immer nach zwei Minuten auf eine Hanswursterei abgesprungen.) Dabei sprachen sie auch von ihrer Zukunft.

»Ich bleibe nicht Lehrer,« sagte Herrig, »ich werde Afrikaforscher.« Da war es Asmussen, als ob plötzlich eine unbekannte Gewalt, von der er nie gewußt, die gar nicht aus seinem Innern, sondern aus einer weiten Zukunft zu kommen schien, ihm ein Wort auf die Lippen legte:

»Ich – ich –« sprach er zögernd, »ich _möchte_ ja wohl Dichter werden!« Und schnell setzte er hinzu: »Aber das ist ja natürlich Unsinn.«

Dann gab es einen Tag, da gingen John und Asmus lange schweigend nebeneinander her.

»Warum reden wir eigentlich nichts?« sagte Asmus endlich.

»Hm,« machte Herrig, »weil wir nichts mehr zu streiten haben. Ich habe nach und nach alle deine Anschauungen angenommen.«

Asmus erschrak fast, als Herrig so nüchtern den wahren Sachverhalt feststellte. Er hatte recht: das innere Freundschaftsverhältnis war eigentlich abgestorben. Anschauungen aber, die man von einem anderen angenommen hat, weil man nichts mehr zu erwidern wußte, sind immer ein zweifelhafter Reichtum gewesen.

Asmus indessen ertrug es nicht, einen toten Freund mit sich herumzuschleppen. Er versuchte, von seinem Blut in die Adern seines kalten, blaßhaarigen Freundes hinüberzuleiten. Sie wollten an den herrlichen Sonnabend-Feierabenden etwas zusammen arbeiten. Und er holte Schillers Briefe über ästhetische Erziehung hervor, an denen er sich schon einmal geärgert hatte, weil er sie nicht verstand. Vielleicht gelang es, sie mit zwei Köpfen zu bewältigen. Aber nach einigen Briefen mußten sie’s abermals aufgeben. Nun studierten sie Latein zusammen und lasen den Gallischen Krieg. Auch andere römische Autoren lasen sie; wenn sie ihnen lateinisch zu schwer waren, dann in Übersetzungen, und in den anschließenden Unterhaltungen fanden die alten Herren eine mehr oder weniger endgültige Beurteilung.

»Dieser Ovid ist doch ein fürchterlicher Quatschkopp!« rief Herrig eines Abends aus.

Das ärgerte Asmus und er versetzte:

»Und dein Sueton ist ein altes Waschweib.«

Auf solche Weise erwärmte sich nach und nach wieder das Freundschaftsverhältnis; bald aber sollte es trotzdem für immer erkalten.

John Herrig schöpfte nämlich aus seinem Freunde noch einen reelleren Reichtum als den der Weltanschauung. Wenn sie auf ihren Ausflügen einkehrten, um zu ihrem mitgenommenen Frühstück ein Glas Bier zu trinken, so zahlte Asmus regelmäßig die Zeche und teilte die vom Vater erhaltenen Zigarren mit seinem Freunde. Er sagte sich nämlich: Wenn er Geld hat, so wird er sich natürlich revanchieren; wenn er keins hat, versteht es sich von selbst, daß der bezahlt, der etwas hat. Und Asmus erwischte hin und wieder Privatstunden, die mit 50 Pfg. bezahlt wurden.

Und wenn sie rückkehrend, hungrig, durstig und müde von der Sonnenhitze, in Oldensund eintrafen, dann fand es Asmus unmenschlich, den Freund noch eine Stunde weit nach seinem Mittagessen gehen zu lassen, und er sagte: »Komm mit und iß mit mir; meine Mutter wird wohl soviel haben.«

Und Frau Rebekka, die für sieben Menschen kochte, darunter für fünf Söhne, deren Appetit täglich wuchs und sich nach oben hin jedem Voranschlag entzog, hatte auch noch genug für einen achten, und sie, die nach einem Worte ihres Gatten so sparsam war, »daß sie den Flicken eines Flickens flickte«, und das so akkurat, daß Herr Aufderhardt, der Schneider, ausrief: »Das ist so schön gemacht, daß _ich_ es nicht besser kann!« – sie, die aus einem Rock eine Weste, aus der Weste eine Mütze, aus der Mütze einen Handschuh, aus dem Handschuh einen Putzlappen machte, und so das arme Tuch in Wahrheit zu Tode hetzte, um es zuletzt noch an den Lumpenhändler zu verkaufen, – sie strahlte von Heiterkeit und Stolz, wenn ein Gast an ihrem Tische saß und tüchtig einhieb. Das war eben eine der leichtsinnigen Anmaßungen, die sie von ihrem Gatten übernommen hatte, daß sie sich für berechtigt hielt, unbeschränkte Gastfreundschaft zu üben. Wer im Augenblick einer Mahlzeit als Freund das Semperische Haus betrat, der wurde an den Tisch gebeten, das war eine Überlieferung von Semperischen Urvätern her.

Und nun merkte Asmus eines Tages, daß dieser Satan, dieser Herrig, _doch_ Geld hatte! Und daß es ihm gleichwohl gar nicht einfiel, sich zu »revanchieren«. Diese Entdeckung machte Asmussen von oben bis unten gefrieren. Von allen Lastern, soweit er sie bis jetzt kennen gelernt hatte, war ihm eins immer als das häßlichste erschienen: der Geiz. Und mit einem Schlage war er aufgetaut, und aus dem Grunde seines Herzens atmete er auf, als Herrig bald darauf, nachdem er den Freund für die nächste gemeinsame Arbeit in seine Wohnung geladen hatte, hinzufügte: »Du kannst ja dann bei mir zu Abend essen.«

Gott sei Dank, dachte Asmus, er ist doch nicht geizig.

Als Asmus am nächsten Sonnabend in die Stube seines Freundes trat, fiel ihm sofort dessen Verlegenheit auf. Nach einiger Zeit stotterte Herrig:

»Abend – Abendbrot hast du wohl schon gegessen!«

»Ja,« sagte Asmus, »Adieu!« Und nun war er sich klar über John Herrig.

Er hatte vorläufig kein Glück mit den »Freunden« unter seinen Studiengenossen.

X. Kapitel.

Asmus als Königsmörder und Galeerensträfling, als Gallo und Petrarca. Er erneuert eine gewisse, für die Folge nicht unwichtige Bekanntschaft.

Ob er den Freund in seinem andern Mithospitanten, jenem Jüngling mit der hebräischen Handschrift finden sollte, der seit einiger Zeit mit ihm denselben Weg zur Schule ging? Claus Münz war ein guter Kerl; aber er redete zu viel von seinen Muskeln. Er war nämlich vierschrötig und starkknochig wie ein Arbeitspferd, und wenn er Sempern die Hand gab, drückte er sie zum Beweise seiner Heldennatur so stark, daß Asmus das Gesicht verzog, und dann wieherte Claus Münz aus vollem Halse wie ein Roß. Er entblößte täglich einmal seinen Arm, um den Bizeps zu zeigen, und hatte den sehnlichen Wunsch, einmal mit einem Athleten vom Spezialitätentheater ringen zu dürfen. Es sei ein Jammer, sagte er, daß er als Schulmeister nur sechs Wochen dienen könne, sonst würde er zu den Gardehusaren kommen, und dann hätte er vielleicht einmal tüchtig in die Franzosen einhauen können. Er hatte als Knabe jenen Geschichtsunterricht empfangen, nach dem die Franzosen Lumpenhunde sind, die Deutschen hingegen bieder und treu. Asmus machte sich anfangs ein Vergnügen daraus, die Franzosen auf jede Weise herauszustreichen; aber bald ward ihm dieser Streit zu dumm. Claus Münz war auch in allen Muskeln und Knochen königstreu; Asmus hingegen war überzeugter Tyrannenmörder. Zwar konnte er kein Tier, geschweige denn einen Menschen leiden sehen, und sein schlimmster Feind hörte auf, sein Feind zu sein, sobald er litt; aber so sehr er Cäsarn bewunderte und liebte, an den Iden des März und bei Philippi hatte er’s mit Brutus gehalten, sein Herz hatte den Möros, den Harmodius und Aristogeiton, den Tell und ihren Genossen gehört. Nun war es geschehen, daß ein Mann namens Nobiling auf den Kaiser Wilhelm geschossen und ihn verwundet hatte. Claus Münz war außer sich vor Entrüstung. Asmus, der in der Arbeitsstube der Zigarrenmacher den ersten Wilhelm kaum anders als »Kartätschenprinz« hatte nennen hören, hatte ein lebhaftes Mitgefühl mit dem alten Manne, wenn er ihn sich auf seinem Schmerzenslager dachte, und beklagte die Tat des Mörders; aber er ersuchte doch auch den mit allen Muskeln wütenden Freund, gefälligst nicht zu vergessen, daß Wilhelm I. und Bismarck Tyrannen seien. Er war der Meinung, daß es Fürsten und Minister, Herrschende und Besitzende durchaus in der Hand hätten, dem Volke Brot und Freiheit zu geben, und daß nur Herrschsucht und Habsucht sie daran hinderten. Die Erkenntnis, daß wir alle unter dem Zwange der Notwendigkeit stehen und daß es keine abhängigeren Menschen gibt als die Herrschenden, daß wir alle an Händen und Füßen, die Herrschenden aber an jedem Finger und jedem Haar von Fäden gezogen und geleitet werden, die aus dem Unendlichen kommen, es sollte noch lange währen, bis ihm diese Erkenntnis aufging. Die Geschichtsstunden des Herrn Stahmer hatten wohl ein leises Ahnen von der ehernen Verkettung der Dinge in ihm erweckt; aber dieser Unterricht war zu kurz gewesen und hätte wohl auch, wenn er länger gewährt, aus den jungen Keimen einer Jünglingsseele – einer Kindesseele fast – keine Bäume machen können. Die Geisteskräfte des guten Claus Münz aber waren vollends nicht dazu geschaffen, den jungen Semper zu überwältigen; dieser gab es sogar vollständig auf, zu streiten, weil Claus Münz immer nur muskulöse Behauptungen vorbrachte, und Asmus schleppte geduldig, aber gemartert, jeden Morgen den Geist des Claus Münz hinter sich her wie die Kugel eines Galeerensträflings.

Aber wie schon oft, so sollte er auch jetzt Erquickung und Trost finden bei den Frauen. Die Schule, an der er jeden Morgen hospitierte, hatte sich vergrößert und unter anderen Lehrkräften auch drei neue Lehrerinnen bekommen. Unter diesen war eine musikalische Dame von einer weichen und sanften Schönheit, und es dauerte natürlich keine zwei Tage, bis Asmus sie heimlich besang und in seinem Gedicht versicherte, daß die heilige Cäcilie unter den Irdischen wandle. Sie hatte oft eine Gefährtin bei sich, der Asmus eines Tages »die bezauberte Rose« von Ernst Schulze lieh, die ihm das Buch aber schon am folgenden Tage zurückgab, weil sie es nicht lesen könne, so fromm und tugendsam war sie. Asmus war empört und schwärmte ihr nun recht zum Trotz von Rousseau und Voltaire. Morieux hatte den beiden Damen mit Grimassen und schlenkernden Armen verraten, daß Semper Gedichte mache, »wunderbare, großartige Gedichte!« Und nun, wenn die Schule vorüber war, saßen die beiden Damen auf dem Pult wie auf einem Thron, und Morieux und Semper saßen auf den Kinderbänken zu ihren Füßen; Morieux geigte und Asmus las, fremde Gedichte und eigene; er hatte der Ballade vom ertrunkenen Fischer noch eine Ballade von einer gespenstischen Burgruine hinzugefügt, und Asmus dachte: So war es am Musenhof zu Ferrara oder Avignon.

Noch einen stärkeren Widerhall aber fand Asmus bei einer Frauenseele, von der man kaum begriff, daß sie in ihrem Körper Platz habe. Das war die Seele des Fräulein Wieselin, einer 38jährigen Jungfrau, Lehrerin und Dichterin. Sie war so klein und dünn, daß sie sozusagen nur eine Nadel war, in die der Herrgott einen Lebensfaden gezogen hatte, und diese Nadel fuhr unablässig auf und ab und verarbeitete ihren Lebensfaden mit einem rührenden Eifer und Opfersinn. Im Gesicht sah sie aus wie ein Geheimrat, der immer in einem überheizten Zimmer gesessen hat und darum etwas eingetrocknet ist. Tausend Mark Gehalt erhielt sie im Jahr, und davon ernährte sie sich und ihre Mutter und unterstützte sie die Familie eines kranken Bruders. Sie war damals schon fünfzehn Jahre Lehrerin und war es noch zwanzig Jahre hinterher, und Jahr für Jahr übernahm sie die Kleinsten der Kleinen; die Kleinsten zu lehren ist aber größte Mühe und größte Kunst. Die Bücher, die sie las, mußte sie sich leihen; denn kaufen konnte sie sich keine; aber als sie nach fünfunddreißig Jahren der Mühsal ihr Ende nahen fühlte, da sagte sie: »Ich kann ja zufrieden sterben; ich habe ja ein reiches Leben gehabt.«

In ihren seltenen Mußestunden machte sie auch Verse, kleine, unbedeutende Gelegenheitssächlein; aber da Asmus sie nicht loben konnte, so sprach er nie von ihren Dichtungen. Sie dagegen sprach viel von den seinigen, rühmte sie und sprach ihre Verwunderung darüber aus, daß er gleich mit epischen Gedichten anfange, während die jungen Leute sonst immer mit allgemeinen Gefühlsergüssen anfingen, was auch viel leichter sei. Und sie schloß gewöhnlich mit den Worten: »Ich habe immer das Gefühl, daß Sie kein Lehrer werden, daß wir Sie noch ’mal auf ganz anderen Pfaden wandeln sehen!«

»Vielleicht heirate ich auch die!« dachte Asmus.

Die dritte der neuangestellten Damen hieß Hilde Chavonne, war eine schlanke Brünette mit großen, schmachtenden braunen Augen und einem sanften Stolz der Bewegungen und trotz alledem eine Hamburgerin. Sie und Asmus schenkten einander zu Anfang nur wenig Beachtung, unvergleichlich viel weniger als später. Aber doch mußte er darüber nachdenken, wo er sie schon einmal gesehen habe. Richtig, das war die »Dame in Trauer«, die Seminaristin, die einmal ganz zu Beginn seiner Präparandenzeit mit ihm und einem Bekannten ein Stück Weges zusammen gegangen war. Daß er ihr schon viel, viel früher einmal begegnet war, das konnte er nicht mehr wissen.

XI. Kapitel.

Wie Asmus plötzlich eine glänzende Karriere machte und dabei auf den Hund kam.

Zu diesen ganzen und halben Freunden gewann Asmus endlich eine ganze Schar von kleinen Freunden. Als er im zweiten Jahre seines Präparandentums eines Morgens in die Schule kam, ließ ihn der Oberlehrer in sein Zimmer rufen. »Herr Dohrmann hat sich krank gemeldet,« sagte er, »und wird voraussichtlich in acht Wochen nicht kommen können. Ich habe Sie zu seiner Vertretung ausersehen. Übernehmen Sie die Klasse. Ich bin überzeugt, daß Sie mein Vertrauen rechtfertigen werden.« Asmus konnte vor Überraschung nicht sprechen; er nickte nur stumm und verließ das Zimmer.

Als er draußen stand, war sein erstes Gefühl ein wirbelnder Jubel. Lehrer! Er sollte Lehrer sein! Einer ganzen Klasse sollte er vorstehen, er ganz allein! Er wußte im nächsten Augenblick selbst nicht, wie er die drei Treppen zum obersten Stockwerk hinaufgekommen war. Und als er vor der Klassentür stand und die führerlosen Kinder lärmen hörte, da stak ihm das Herz, das noch eben so hoch geflogen war, tief unten in den Schuhen. Warum sollte er, der kleinste und jüngste von den drei Präparanden, den kranken Lehrer vertreten? Warum nicht Morieux, der ein ganzes Jahr länger an der Schule war als er? Warum nicht Claus Münz, der Große und Starke, der den Kindern gewiß mehr imponierte als er? Er kannte ja nichts vom Unterrichten, rein gar nichts. Ach ja, er wußte wohl: alle in der Schule hielten ihn für außerordentlich ernst und gesetzt. Die Leiden, die Verfolgungen, die er als Knabe erduldet, hatten seinem Gesicht, seinem ganzen Wesen einen zusammengerafften, entschlossenen Ernst gegeben, und wer ihn nicht in vertrauten Stunden gesehen, der konnte nicht wissen, daß hinter den Wolken seiner Stirn die volle Sonne stand. Er hatte gerade um jene Zeit auf Menschen solcher Art in schwerhinwandelnden Versen ein schwerernstes Gedicht gemacht, das nannte er »Erscheinung«.

Eine düstre Wolke seh’ ich schwimmen Durch den abendlichen Himmelsraum. Nur um ihres Scheitels Zacken glimmen Zarte Lichter wie ein Flockensaum.

Gleichwie starrgewalt’ge Bergesschroffen Ragt die Wolke hoch in den Azur, Doch um ihre Stirne lichtgetroffen Hängt des Alpenglühens Rosenflur.

Denn verborgen hinter jener Mauer Strömt der Gnadenquell des Sonnenlichts, Und die Wolke, uns ein Bild der Trauer, Blickt nach dort verklärten Angesichts.

Also sah ich düstre Menschenstirnen In den Grenzen dieser Erde auch: Sie umfloß wie Glanz der Alpenfirnen Eines fremden Lichtes leiser Hauch.