Chapter 22
Wenn Semper der Ehemann sich einen neuen, herzerquickenden Kunstgenuà bereiten wollte, dann lustwandelte er durch seine zwei Stuben, seine eine Kammer und seine Küche. Sie schimmerten und flimmerten, daà er sich nicht satt schauen konnte, und der phantasievolle SchloÃherr der bayrischen Königsschlösser konnte mit seinen ungezählten Millionen keine tiefere Befriedigung gewonnen haben als der junge SchloÃherr in der westlichen Vorstadt. Als Knabe hatte er einst geträumt, wenn er reich werde, wolle er sich ein groÃes Schloà bauen mit hohen Bogenfenstern und Marmorsäulen und Marmortreppen. Das war nun Wirklichkeit geworden, ohne Marmor und Bogenfenster, und doch alle Luftschlösser übertreffend. Wenn er auf dem Sofa lag und die Blicke über Wand und Decke, Schrank und Bücherbrett wandern lieÃ, und wenn er sich dann den ärmlichen Hausrat des Elternhauses vorstellte, dann dachte er: ich bin ein Emporkömmling; mit rasender Geschwindigkeit bin ich emporgekommen. Er erinnerte sich, gelesen zu haben, daà innerhalb desselben Geschlechtes nach einem Aufstieg mit einer gewissen RegelmäÃigkeit eine »Decadence« der folgenden Generationen eintrete, und mit Wehmut erfüllte ihn der Gedanke, daà spätere Nachkommen von ihm gezwungen sein könnten, diese strahlende Höhe wieder zu verlassen. Er wuÃte freilich noch gar nicht, ob er überhaupt Nachkommen haben werde.
Nun war aber an seiner ganzen Wohnstatt ganz gewià nichts Kostbares im alltäglichen Sinne, und manche Frau trug in einem Ohrläppchen ein weit gröÃeres Vermögen, als dieses ganze Schmuckkästchen mit allem, was darin war, gekostet hatte. Was dieser Heimstatt für die Seele des jungen Mannes den unnennbaren Glanz gab, das war sein Glück; was ihr aber auch für das Auge Schönheit verlieh, das war Hildens Hand. Nicht umsonst war sie die Jahre hindurch, als die Mutter krank lag, das alles umsorgende, alle betreuende Hausmütterchen gewesen. Und die Mutter war wie die Mutter des Goetheschen Gretchens gewesen. »Bei der Frau Chavonne kann man vom FuÃboden essen,« hatte es bei den Nachbarinnen geheiÃen, und Nachbarinnen sind streng. Diese Tradition hielt Hilde aufrecht. Und wie es nun einmal wahr ist, daà die Grazien den, den sie lieben, in keiner Lage und zu keiner Stunde verlassen, so blieb ihre Anmut ihr auch bei den gröbsten Verrichtungen treu. Und sie durfte vor grober Arbeit nicht zurückscheuen; denn fremde Dienste konnten sich die jungen Semper nur als seltene Aushilfe gestatten. Aber sie dachte auch nicht daran, vor irgendeiner Arbeit zurückzuschrecken; in lächelnder Ruhe stand sie über jedem beschränkten Hochmut. Arbeit hatte sie geadelt, und sie adelte die Arbeit.
Und wenn man nun bedenkt, daà jeden Abend, wenn sie zur Ruhe gegangen, die Nachtigall in ihr Geplauder, in ihre Träume, in ihren ersten Schlummer sang! Hinter den Fenstern ihres Schlafgemaches standen blühende Apfelbäume und andere Bäume, auch ein Goldregen, dessen Blüten herabhingen wie goldene Lampen in einem dämmergrünen Dom. Und aus einem der Bäume sang Abend für Abend die Nachtigall. Mitten in ihrem Liebesgeplauder verstummten sie oft entzückt und sagten: »Hörâ nur â hörâ nur!« Ja, oft horchten sie fast erschrocken auf; denn es hatte geklungen wie eines Menschen weinende, schwellende, verhauchende Klage; dann wieder war es wie ein plätschernder Quell, durch den das Mondlicht glänzt. Alle Vögel haben ihre wiederkehrende Weise, dachte Asmus; nur sie hat immer neue Weisen; nie singt sie zweimal dasselbe; sie ist das Genie, dem die Welt immer neu erscheint, das immer Neues erkennt und Neues singt. Aller Vogelgesang ist lieblich; aber sie allein hat Kraft und Milde, sie allein hat Lust und Tiefe zugleich. Darum ist sie die Sängerin der Liebenden. Denn mit Sinnenkraft und Herzensmilde die Welt ergreifen, von höchster Geisteswonne bis zu tiefen Zuges trinkender Sinnlichkeit die Welt ausmessen: das ist Liebe. »Horch,« sagte Asmus, »wie langsam und klagend sie auch ihr Lied beginnen mag, immer endet sie mit jubelndem Geschmetter. Sie ist eine Optimistin; sie glaubt an das Leben. Glaubst du auch daran?«
Ja, wenn sie bei ihm war, glaubte sie daran; wenn sie allein war, konnte sie noch immer nicht fassen, daà das Leben nicht mehr ihr Feind sei. Sie konnte noch immer dem neuen Gesicht des Lebens nicht trauen; ihr Vertrauen war in einem langen Winter bis auf den Grund gefroren, und jahrelangen Sonnenscheins bedurfte es, diesen See wieder bis zum Grunde zu erwärmen.
Noch blieb ihnen die Sonne treu. Herrgott, wie es sich arbeitete in diesen ewig sonntäglichen Räumen! Und als er eines Mittags aus der Schule kam, sah er es Hildens Gesicht an, daà etwas Gutes passiert sei.
»Wieviel erwartest du noch vom »Leuchtturm«? fragte sie gespannt.
»Fünfundsiebzig Mark.«
»Er schickt hundert!« Asmus rià den Begleitbrief auf und las: »Es entfallen auf Ihren Beitrag eigentlich nur fünfundsiebzig Mark; aber wir schicken Ihnen mit Vergnügen hundert, wenn Sie uns bald wieder bedenken wollen.« Er schlang Hilden den Arm um die Taille und tanzte mit ihr durchs Zimmer. In solchen Augenblicken tanzte er sogar gut.
Fünfundzwanzig Mark wie vom Himmel gefallen! Sie kamen ja noch immer so eben, eben aus; aber sie konnten es schon brauchen.
Aber es war doch noch eine ganz winzige Freude, eine wahre Lumpenfreude gegen die Freude eines andern Tages, jenes Tages, da sie ihm verriet, sie habe sichere Anzeichen dafür, daà sie nicht immer allein bleiben würden. Da tanzte er nicht mit ihr, da zog er sie sacht auf seine Knie herab und hielt lange, lange ihren Kopf an seiner Brust, als müÃtâ er sie nun behüten auch vor dem leisesten Leid der Welt.
Ja, das Schicksal war ihm in diesen Tagen hold gesinnt, und manchmal schon hatte er sich im stillen gefragt, wieviel es ihm abziehen werde, und was, und wann? Aber es schien an keinen Abzug zu denken; im Gegenteil; es schenkte ihm in dieser Zeit zu allem Glück noch einen neuen und echten Freund. Er hatte in einem Lehrerverein einen Vortrag über Hamerling gehalten und damit unter anderen den Beifall eines jüdischen Lehrers gefunden, der ihm nach dem Vortrag als #Dr.# Rosenberg vorgestellt wurde. Asmus fand sofort an dem ganzen Manne ein groÃes Gefallen, an seinem sympathischen Gesicht, an seinem offenen und doch bescheidenen und bei aller bescheidenen Zurückhaltung dennoch bewuÃten Wesen, an seinen Interessen und seinen Erlebnissen. Rosenberg war Philologe, war in Paris und London gewesen und erzählte, wie er in London lange vergeblich seinen Unterhalt durch Stundengeben gesucht und wie, als er eines Tages wieder von einem vergeblichen Gange heimgekehrt sei und auf dem Rücken eines Buches den Namen »Schiller« gelesen habe, bei diesem Namen die Tränen des bittersten Heimwehs unaufhaltsam hervorgebrochen seien. Es war der erste Jude, mit dem Asmus in nähere persönliche Berührung kam, und diese Begegnung war ihm so interessant und erfreulich, daà er den neuen Bekannten einlud, ihn zu besuchen. Rosenberg kam; Asmus erwiderte den Besuch, und auf die lebendigste Weise erwuchs nun ein Freundschaftsverhältnis, das fast alle früheren Freundschaften Asmussens an Dauerhaftigkeit übertreffen sollte.
Als Rosenberg zum ersten Male bei Sempers gewesen war und die junge Frau Semper nur flüchtig gesehen hatte, da hatte er, wie er später gestand, im stillen gedacht: Er hätte doch so jung nicht heiraten sollen. Beim zweiten Besuche lernte er ganz anders denken und sah doch die junge Frau überhaupt nicht. Und das hatte alles seine guten Gründe.
Als Rosenberg seinen zweiten Besuch machte, war es wieder ein Maientag, der Tag vor Pfingsten, und in grauender Frühe dieses Tages hatte Hilde ihren Gatten geweckt und ihn gebeten, daà er die Wehmutter hole. Und dann folgte ein Tag, für Asmus wohl nicht viel leichter als für Hilden. Er wanderte in seinem Zimmer rastlos auf und ab, und am Nachmittag war er so weit, es laut vor sich hinzusprechen: »Ich will lieber kein Kind haben â wenn sie nur nicht mehr zu leiden braucht.« Ein furchtbares Gewitter brach los; unmittelbar über dem Hause war ein unablässiges Flammen und Krachen, und jeder Schlag traf ihn, weil er daran dachte, wie es sie erschrecken müsse. Er hatte ihr angeboten, bei ihr zu sein; aber sie wollte mit der Wehmutter allein sein. Und erst um 7 Uhr des Abends vernahm er das Schreien eines Kindes; Isolde Semper war zur Welt gekommen. Als die Wärterin der jungen Mutter das Kind zeigte, rief sie: »O, das ist ja Mutter Rebekka!« und sank in die Kissen zurück.
Auf den FuÃspitzen war Asmus hereingekommen; er beugte sich über sie und küÃte sie leise, leise auf die Stirn. Sie schlug die Augen auf, groÃe, feuchte Augen und hauchte: »Du armer Mann, jetzt kann ich nicht für dich sorgen.«
»Du närrischer Engel,« flüsterte er, »willst du gleich schweigen und schlafen?« und küÃte ihr die Augen zu. Aber sie öffnete sie wieder und sah ihn an mit einem Blick voll übermenschlichen Glücks. Dann hob sie behutsam die Decke von dem Kindlein, das in ihren Armen lag.
»Sieht sie nicht ganz aus wie Mutter Semper?« flüsterte sie. Er nickte »Ja«, obwohl er nichts dergleichen sah; er dachte nicht an das Kind: er dachte nur an sie. Die weise Frau versicherte ihm, daà alles gut verlaufen sei; da schlich er hinaus, nahm seinen Hut und ging auf die StraÃe. Er muÃte Himmel über sich sehen.
Als er nach einer halben Stunde heimkehrte, war Rosenberg dagewesen. Die junge Mutter hatte jemand kommen hören, hatte vernommen, wer es sei, und der Wärterin gesagt: »Sorgen Sie bitte dafür, daà der Herr eine Erfrischung bekommt.« Und Rosenberg erfuhr von der Wärterin, daà die junge Frau Semper vor kaum einer Stunde Mutter geworden sei und daà sie selbst den Trunk für ihn befohlen habe. Da dachte er: »Das muà eine seltene Frau sein.« Nie vergaà er ihr diesen Trunk, und schon bei einem nächsten Besuch, als sie selbst ihn bewirtete, dachte er: »Er hat keineswegs zu früh geheiratet.«
In den folgenden Wachen und Monaten kam Asmussen seine Erziehung durch die Tabakstube, wo er unter unablässigen Gesprächen und Geräuschen die subtilsten Sachen studiert hatte, vorzüglich zustatten. Denn die Stimme Isoldens war vernehmlich und ausdauernd. Sie vollbrachte Leistungen, gegen die die Partie der Wagnerschen Isolde als Episode erscheint. Aber das störte ihn nicht. Er gehörte nicht zu den geistigen Arbeitern, die auf eine Meile im Umkreis Asphaltpflaster und Strohschütten brauchen. Der Platz vor seinem Hause war ein beliebter Spielplatz der ganzen nachbarlichen Kinderschar, und er schloà das Fenster nicht, wenn ihr Geschrei hereinklang; denn es war ihm wie ein fröhlicher Gruà des Lebens, das zum Wirken und Schaffen rief. Auch besaà er im Notfall noch immer die Kraft, eine Mauer um sich zu bauen; wenn er nicht wollte, so hörte er selbst Isolden nicht. Auch als Dichter gehörte er nicht zu denen, die nur auf persischen Teppichen und vor perlgrauen Seidentapeten dichten können, und die mancherlei kleinen Banalitäten, die ein enger Haushalt unweigerlich mit sich bringt, die selbst einer Hilde Hand nicht immer zu bannen vermag, verstimmten nicht sein Saitenspiel. Er verstand es so gut, daà Schiller in einem Zimmer, das nichts als einen halben Tisch, einen Stuhl und eine Schütte Kartoffeln enthielt, die »Louise Millerin« schreiben konnte. Was muÃte das für ein Dichter sein, der die Ausstattung seines Zimmers, der seine Gesellschaft nicht jeden Augenblick selbst beschaffen, der nicht jeden Augenblick seine Zelle in das Boudoir der Lady Milford oder in den Hafen von Genua verwandeln konnte?!
Und so erzog er in unbekümmertem Frohsinn neben der kleinen Isolde noch ein zweites, stilleres Kind, sein erstes Buch. Unbekümmert war dieser Frohsinn freilich nur in Hinsicht der äuÃeren Störungen; was die inneren Hemmnisse anlangt, war es ein oft unterbrochener Frohsinn. Nie hat jemand besser den Künstler beschrieben als Goethe, da er die liebende Seele beschrieb: »himmelhoch jauchzend â zum Tode betrübt«. Der Künstler wäre kein Künstler, der nicht himmelhoch jauchzte über ein gelungenes Werk und der nicht zum Tode betrübt sein könnte über dasselbe Werk. Und als ihn nun gar die Banalität der Druckkorrekturen überfiel, als er seine eigenen Verse immer wiederkäuen muÃte, da übermannte ihn ein tiefes Verzagen. Aber Rosenberg rià seinen Mut wieder empor; Rosenberg war begeistert von diesen Versen. »Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, daà Sie Anerkennung finden werden«, prophezeite er. Und wirklich fanden die »Gedichte« von Asmus Semper, als sie endlich erschienen waren, die freundlichste Aufnahme; denn da die Lyrik nichts einbringt, so erfährt sie oft eine sehr wohlwollende Beurteilung.
LVII. Kapitel.
Fängt fröhlich an und endet traurig; das Schicksal fordert seinen Zoll.
Zu allen diesen Freuden schenkte das Schicksal, das ihn verziehen zu wollen schien, unserm Asmus noch eine sonnige Weihnacht. Schon zur vorigen Weihnacht hatte er die bisherige Ordnung der Dinge auf den Kopf gestellt und seinen Eltern den Tannenbaum geschmückt; diesmal, da er wieder ein feistes Honorar von siebzig Mark errungen hatte, sollten sie das zu essen bekommen, was in seinem Elternhause immer als das Weihnachtsgericht der Reichen gegolten hatte: Karpfen! Und WeiÃwein sollte dazu getrunken werden, ja WeiÃwein! Unmittelbar vor der allgemeinen Bescherung aber winkte Hilde ihren Gatten auf die Seite, zog ihn ins andere Zimmer, schlang die Arme um seinen Hals und flüsterte ihm ins Ohr: »Wenn du lieb bist, habâ ich noch ein besonderes Geschenk für dich â freilich noch nicht heute.« Er sah ihr mit jähem, frohem, fragendem Staunen ins Gesicht.
»Ja??!«
Sie nickte eifrig.
»Wann denn?«
»Ich denke, im Juli oder August.«
Da küÃte er sie unzählige Male und zog sie in das Weihnachtszimmer und war, noch bevor er den WeiÃwein genossen hatte, so trunken, daà er die Lichter des Tannenbaumes nicht doppelt, nein siebenfach, nein hundertfach sah.
Rebekka Semper fand den Karpfen köstlich, fand überhaupt, daà Hilde eine »geborâne Köchin« sei, und Ludwig Semper lächelte sein stillstes und innigstes Lächeln, als habe er den Weg zurückgefunden zu den strahlenden Tannenbäumen seines Elternhauses. Er sprach mit Asmus von dessen Gedichten und nannte die, die ihm besonders gefallen hatten, und obwohl eines Vaters Beifall zu den Werken seines Sohnes vor der Welt keinen Klang hat, so wuÃte Asmus doch, daà ihm nie ein schönerer Lorbeer gedeihen könne als dieses schweigsamen Mannes Lob und Lächeln. Diesem groÃen und stillen Herzen zu gefallen, das war ein groÃer und stiller Ruhm. Aber nur ein Semper konnte das wissen.
Ludwig Semper war aufgeräumt und gesprächig wie seit langem nicht; er erzählte, wie Asmus einst mit kleinen Kinderschrittchen neben ihm über die Wiese getrippelt sei und gerufen habe: »O Vater, hier ist es gerade so wie dein Geburtstag!« wie der Kleine unzählige Male an seinen Arbeitstisch gekommen sei und ihm nach Wunsch aus dem »Freischütz«, aus der »Nachtwandlerin« und wohl aus zwanzig andern Opern vorgeblasen, was er aufgefangen habe, ja, Ludwig Semper stieg weit in die eigene Kindheit hinab und sprach von seinem Vater, dem Kaufmann Carsten Semper, auf dessen Diele jeder Besucher Schinken essen und Kornschnaps trinken konnte, ohne zu bezahlen, und von dem Tage, da der Justizrat quer über die StraÃe auf seinen Vater zugelaufen kam und rief: »Wissen Sie schon, Herr Semper, Goethe ist tot!« Es war wie Sammlung und Rückblick in diesen Reden Ludwig Sempers; aber die Seinen merkten es nicht. Wohl war ihnen aufgefallen, daà er die Speisen kaum berührt hatte, selbst die Karpfen nicht; aber da er ihre Besorgnis mit Lachen zurückwies, so hatten sie sich beruhigt. Freilich hatte Frau Rebekka erklärt, daà er schon länger an Appetitlosigkeit leide und daà sie ihn »natürlich« nicht zum Arzt kriegen könne.
Als Asmus seine Eltern am Sylvestertage besuchte, hörte er, daà sein Vater sich von der Weihnachtsfeier nur mit unsäglicher Mühe nach Hause geschleppt habe. »Ich werde den Weg nicht wieder machen können,« sagte Ludwig Semper mit wehmütigem Lächeln. »Ei was!« rief Asmus, »dann holen wir euch einfach in der Droschke; wir habenâs ja!« Und er dachte sich, welch eine Lust es sein werde, die »Alten« im Triumph einzuholen, zu Wagen, wie ein Fürstenpaar! Und noch einmal ging er beruhigt heim.
Beim nächsten Besuch fand er seinen Vater zum Schlimmen verändert. Er konnte nicht mehr arbeiten, saà in seinem alten Lehnstuhl und mochte nicht sprechen. Seine Gesichtsfarbe war grau geworden, und wie Frau Rebekka mit Kümmernis erzählte, schlief er den gröÃten Teil des Tages. Sein Appetit war nicht zurückgekehrt.
Mit Bangen im Herzen ging Asmus diesmal davon. Sollte das Schicksal â? Nein, einen so harten Zoll konntâ es nicht fordern; so grausam konntâ es sein Glück nicht verkürzen wollen! Ja, wenn es ein achtzig-, neunzigjähriger Greis wäre, dann müÃte man sich mit der Notwendigkeit versöhnen. Aber mit siebenundsechzig Jahren konnte das Schicksal diesen Mann nicht hinraffen wollen, diesen Mann nicht! Selbst völlig fremde Menschen muÃten dem Zauber dieses Mannes huldigen. Als Asmus vor nicht langer Zeit im Lehrerverein geredet und die Kunst als Erzieherin proklamiert hatte und auch sein Vater als Gast zugegen gewesen war, da hatte die Versammlung dem Redner ein Hoch gebracht. Gleich darauf aber hatte sich der Vorsitzende erhoben und gesprochen: »Ich glaube, nicht fehlzugehen, wenn ich in dem ehrwürdigen Manne, der unserm Semper zur Seite sitzt, seinen Vater vermute.« Und dann hatte er mit kühner, launiger und geschickter Psychologie aus dem Wesen des Sohnes ein Bild des Vaters konstruiert und hatte diesen Vater gefeiert, und mit brausendem Hurra hatte die Versammlung ihm zugestimmt. Asmus hatte heimlich nach seinem Vater geschielt und hatte gesehen, wie er sich freute, und daà dieser Mann, der sein ganzes reiches Pfund in Weltabgeschiedenheit vergraben hatte, nun doch einmal vor aller Welt die Ehren genoÃ, die ihm gebührten, das war doch von allen Erfolgen Asmussens der beglückendste gewesen.
Und sollte das die letzte groÃe Freude im Leben Ludwig Sempers gewesen sein? Nein, nicht die letzte.
Als Asmus wieder nach Oldensund kam, waren Hilde und die kleine Isolde mit ihm. Und als sie zu dem Vater ins Zimmer traten, saà er schlafend im Lehnstuhl; er erwachte auch nicht von ihrem Eintritt. Bekümmerten Herzens hörten sie, was Mutter Rebekka mit leisem Weinen berichtete. Er schlafe fast den ganzen Tag, sei nicht zum Essen zu bewegen und verstehe oft gar nicht, was man zu ihm sage. Während sie noch sprach, öffnete der Kranke die Augen; immer weiter öffnete er sie, bis sie so groà und freundlich waren wie in seinen besten Tagen.
»Wem gehört das allerliebste Kind?« fragte er leise, mit frohem Staunen.
Sie sagten ihm, daà es ja Isolde sei, Asmussens und Hildens Kind und seine eigene Enkelin.
Da verbreitete sich noch einmal von diesen Augen aus über das ganze Gesicht des Leidenden das groÃe, unerschöpflich gütige Lächeln, das über Asmussens ganzer Kindheit wie eine treulich wiederkehrende Sonne geleuchtet hatte, und dann schlossen sich die Augen wieder, und der Kranke war wieder entschlummert.
Die Besucher schlichen hinaus, und drauÃen nahm Asmus seine Mutter auf die Seite und fragte: »Was sagt denn der Arzt?«
Da konnte sich Rebekka nicht mehr halten: laut jammernd rief sie: »Ach Gott, der schreckliche Mensch sagt, es wäre vielleicht Magenkrebs, â ich werdâ ja verrückt, wenn ich bloà daran denke!«
Das machte Asmus vom Kopf bis zu den FüÃen erstarren. Ãber all seine Befürchtungen hatte immer wieder die Hoffnung gesiegt, es werde vorübergehen. Dieser Schlag betäubte ihn. Aber nur für einen Augenblick. Er schickte Hilden und das Kind nach Hause und rannte zum Arzt.
»Ja,« sagte der, »alle Anzeichen sprechen dafür. Ich habe keine Magensäure gefunden, das ist das sicherste Symptom.«
»Herr Doktor,« stammelte Asmus, »Sie dürfen mir nicht zürnen, â Sie sind ja auch nur ein Mensch, â Sie müssen sich in meine Lage versetzen, â es ist mein Vater, â würden Sie es mir übelnehmen, wenn ich noch einen zweiten Arzt befragte?«
»Durchaus nicht,« versetzte der Arzt, »Sie machen sich freilich unnötige Kosten; aber wenn es Sie beruhigt â«
Asmus eilte zu einem Altenberger Arzt, der ihm als besonders tüchtig empfohlen war. Der lieà ihn kühl an. Wer denn seinen Vater behandle?
Der Doktor Soundso.
Ja, das sei ja ein sehr tüchtiger Arzt. Er wisse nicht, was er da solle.
Asmus flehte ihn an, er möchte doch kommen.
»Nun ja, ich kann ja hinkommen.«
Und Asmus ging mit neuer Hoffnung: Der wird vielleicht zu einem anderen Ergebnis kommen.
Als er andern Tages ins Elternhaus kam, war der zweite Arzt noch nicht dagewesen. Der Kranke aber delirierte und konnte nur mit gröÃter Mühe im Bette festgehalten werden. Da kam Asmussen der Gedanke: Ins Krankenhaus. Hier, in diesen ärmlichen, beschränkten Verhältnissen konnte ja der Vater nicht gepflegt werden wie im Krankenhause, und wenn eine Operation nötig war, muÃte er doch dorthin. Und dort waren die besten Ãrzte. Er besorgte die Aufnahme ins Krankenhaus, nahm eine Droschke und fuhr vors Elternhaus. Nun holte er seinen Vater in der Droschke! Aber nicht im Triumph, ach Gott, nicht im Triumph! Ohnmächtig lag ihm sein Vater im Arm wie ein Kind, und als er so mit seinem Vater im Wagen allein war, rannen seine Tränen unaufhörlich. Als er den Vater endlich wohlgebettet sah, eilte er zum Arzt des Krankenhauses und erstattete ihm Bericht über den Kranken. Dieser Arzt war ein feiner und milder Mann; er hörte den Sohn, aus dessen Worten er wohl die fliegende Angst des Herzens vernahm, mit groÃer Teilnahme an und entlieà ihn mit neuer Hoffnung. Nun kann noch alles gut werden, dachte Asmus. Dieser Arzt ist ein vortrefflicher Mann, und im Krankenhause hat man alles zur Hand, was man zur Pflege eines schwer Erkrankten braucht.
Andern Mittags, als er aus der Schule heimkam, war sein erstes Wort:
»Ist Nachricht vom Krankenhause da?«
»Ja,« sagte Hilde ernst, »der Bote war hier.«
»Und?« rief er begierig.
»Du weiÃt es doch schon, nicht wahr?« sprach Hilde sanft. Er starrte sie an. »Ist er â?« Er brachte das Wort nicht heraus.
Sie nickte stumm und legte den Arm um seinen Hals. Er aber fiel mit einem einzigen, lauten Aufschluchzen in die Sofaecke.
Das also hatte er mit allen Mühen und Ãngsten erreicht, daà sein Vater nun einsam gestorben war. Zwar: Ludwig Semper war nach dem Bericht der Wärter nicht wieder zum BewuÃtsein erwacht, und morgens um zwei Uhr war er gestorben. Aber wenn er nun doch noch einen lichten Augenblick gehabt und wenn er Weib und Kinder gesucht hatte â mit diesem Gedanken zerfleischte sich Asmus das Herz, während er durch die StraÃen rannte und die Formalitäten für die Bestattung erledigte. Dabei lief er oft stundenlang durch Gegenden, in denen er nichts zu suchen hatte; er wuÃte nicht, womit er sonst seine Zeit ausfüllen sollte.
Als er dann an der Bahre seines Vaters stand und den starren, tränenlosen Blick auf das weiÃe Haupt des Toten heftete, da muÃte er unaufhörlich denken: König Lear â König Lear. Dieser Mann hatte nicht aus Torheit ein Kind verstoÃen, war kein Tyrann gewesen â und war seine Liebe vergolten worden, wie sieâs verdiente? Die Liebe eines Vaters kann man nicht vergelten, dachte er; jeder Vater ist ein König Lear. Und als er seine arme, gebeugte Mutter sah, als er daran dachte, daà ihre Kinder von ihr gegangen waren und das beste Teil ihres Herzens an andere gegeben hatten, da fügte er hinzu: und jede Mutter ist eine Niobe.