Chapter 21
Zwischen diesem Manne und seiner ältesten Tochter war ein Gegensatz von Ewigkeiten her. Ihr Wesen war von jenem Adel getragen, dem am letzten Ende doch mit aller Brutalität nicht beizukommen ist, der wie eine uneinnehmbare innere Festung das Herz umgibt. Das aber ärgerte ihn, reizte ihn, und er schalt sie hochmütig, übergeschnappt und verhöhnte ihren regen Bildungstrieb. Sie duldete tapfer an der Seite ihrer Mutter und half ihr heimlich, soviel sie konnte, in ihren Ãngsten und Nöten. Ihrem stolzen, wahrheitsliebenden Wesen war alle Heimlichkeit zuwider; aber sie begriff, daà es gegen einen gemeinsamen Feind zusammenzustehen galt. Und sie fürchtete ihn; er hatte sie wiederholt geschlagen. Einmal hatte er sie geschlagen, als sie bis spät in die Nacht das Haus hatte hüten müssen und eingeschlafen und durch langes Klopfen und Rütteln an der geschlossenen Haustür nicht zu erwecken gewesen war. Da, als sie wieder einhüten sollte und der Vater ihr streng befohlen hatte, weder zu schlafen noch sich einzuschlieÃen, setzte sie sich an die Haustür, lehnte den Kopf dagegen und schlief beruhigt ein. Wenn die Haustür aufging, muÃte sie ihren Kopf treffen, und dann muÃte sie sicher erwachen. Als die Eltern sie so fanden, erklärte die Mutter, daà sie nicht wieder ausgehen werde, wenn das Kind nicht zu Bett gehen dürfe, was ihrem Gatten zu sehr ausgedehnten und sehr ironischen Bemerkungen Anlaà gab.
Nur nach langen Kämpfen und unter verletzend spöttischen Glossen hatte er zugegeben, daà Hilde dem dringenden Rat ihrer Lehrer folge und ins Präparandeum eintrete. Und bald nachdem dies geschehen, hatte er seine Familie verlassen. Er gab ihnen keinen Pfennig zu ihrem Unterhalt; aber dennoch wünschten sie ihn nicht zurück; trotz allem Mangel und aller Sorge schien es ihnen, als wäre der Himmel heiterer geworden. Mit treu vereinten Kräften schlugen sie sich durch. Aber dann wurde die Mutter krank und kränker, und endlich lag sie ein ganzes Jahr lang auf dem Schmerzenslager. Nun muÃten sie den Gatten und Vater doch an seine Pflicht gemahnen, und auf Mahnen und Drängen kam er ihr halbwegs und mit Verwünschungen nach. Hätte Hilde nicht eine Freundin gehabt, die ihr oft geholfen, so hätte sie das Seminar verlassen und einen Dienst annehmen müssen. Aber es kam der Tag, da sie mit drei kleineren Geschwistern am Sarge der Mutter stand. Da plötzlich erschien auch eine Tante mit ihren Töchtern und mit Trauerkränzen, und siehe, sie erhoben ein mehrstimmiges, schallendes Klagegeheul.
»Geht hinaus!« sagte Hilde.
Die Tante glaubte nicht recht zu hören.
»Drei Jahre hat sie gelitten, und Ihr habt Euch nicht um sie und nicht um ihre Kinder gekümmert. Geht hinaus und nehmt Eure Kränze mit.«
Und die Klageweiber schlichen betreten mit ihren Kränzen davon.
Ein Bruder ihrer Mutter gab ihnen nun das Notdürftigste zum Leben. Die Verstorbene hatte immer darauf gehalten, daà ihre Kinder, wenn es irgend zu erschwingen war, am Sonntag einen Kuchen bekämen. Und eines Sonntags kaufte Hilde ihren Geschwistern für wenige Pfennige ein paar Kuchen, weil sie die verlangenden Blicke der Kleinen nicht ertragen konnte. Das hörte der Onkel und überhäufte sie mit Vorwürfen, daà sie nichts verdiene und fremdes Geld noch obendrein vergeude. Da beschloà sie, ein Ende zu machen. Sie ging zum Armenpfleger und sorgte dafür, daà ihre Geschwister bei wackeren Leuten ihrer Bekanntschaft untergebracht würden. Und dann ging sie zum Seminardirektor, um ihren Austritt aus dem Seminar anzumelden. Sie wollte einen Dienst annehmen, und wenn es der niedrigste wäre. Nur nicht mehr von der Gnade der Menschen abhängen!
Herr Direktor #Dr.# Korn war noch im Schlafrock und Pantoffeln; aber er dachte nicht daran, diese Toilette einer jungen Dame wegen zu ändern.
»Was wünschen Se?« fragte er unwirsch.
Sie erklärte, daà sie auszutreten wünsche.
Er starrte sie an und sagte: »Se sind wohl nicht recht jescheit. Jetzt, wo Se ân halbes Jahr vor der Prüfung stehen?«
Sie erklärte ihm, daà sie müsse und warum sie müsse.
»Hm. Und wat wollân Se denn jetzt anfangen?«
»Irgendeinen Dienst annehmen.«
»I Jott bewahre. Det jiebtâs nich. Wir lassen Se nich los. Wir jeben Ihnen in einem unserer Schulhäuser âne Wohnung, umsonst, mit Feurung. Fürâs Essen wird sich auch Rat finden. Und vielleicht läÃt sich auch noch irgendwo ân kleines Stipendium losmachen.«
Hilde hatte Mühe, ihre Tränen zu unterdrücken.
»Also austreten is nich. Det schlagen Sâ sick man ausâm Kopf.«
»Ich weià nicht, wie ich Ihnen danken soll, Herr Direktor,« stotterte Hilde.
»Is auch jar nich nötig. Halten Se manân Kopf hoch.«
»Vielen, vielen Dank, Herr Direktor.«
»Bitte« sagte Korn _nicht_; all dergleichen Ãberflüssigkeiten verachtete er.
So war nun der äuÃersten Not gewehrt, aber freilich nur der äuÃersten. Wohl hatte sie sechs Freitische: aber die Woche hatte noch immer sieben Tage, und auch am Morgen und am Abend empfindet der Mensch ein Bedürfnis nach Nahrung. Damit nun ihre Mitschülerinnen nicht auf den Gedanken verfielen, daà sie nichts zu essen habe, versagte sie sich das Abendbrot: dann hatte sie ein paar Groschen für ein Frühstück. Auch war es für ein siebzehnjähriges Mädchen ein unheimliches Wohnen hoch oben in dem verlassenen Schulhause, und in verzweifelten Augenblicken flüchtete sie sich in den Keller, an den Herd der Schuldienerfamilie. Aber es kam die Prüfung, die sie mit Auszeichnung bestand, und mit ihr kam das befreiende Gehalt von achthundert Mark #pro anno#. Als sie die erste Vierteljahrsrate empfangen hatte, zahlte sie zunächst alle ihre Schulden, und dann ging sie hin und kaufte für die Schuldienerfrau ein Geschenk, weil sie der Meinung war, daà man erwiesene Freundlichkeiten vergelten müsse, sobald man die Mittel dazu habe. Ihre Sympathie mit Ludwig Semper war nicht ohne einen tiefen Grund.
Inzwischen aber war der reiche Onkel in Griechenland gestorben, der Besitzer groÃer Marmorbrüche, der »König der Mainotten«, der einmal gesagt hatte, wenn Hilde groà sei, solle sie seine Königin werden. Wie ein Meteor war er damals aufgetaucht und verschwunden. Nun war er tot, und alle Verwandten reisten nach Griechenland, um die Erbschaft in Empfang zu nehmen, nur die Chavonnes nicht; denn die hatten kein Geld zum Reisen. Und nach einiger Zeit hieà es, die Chavonnes seien bei der Erbschaft ausgefallen, der Onkel habe sie in seinem Testament nicht bedacht. Um ihrer Geschwister willen ging Hilde zu einem Anwalt, und der erklärte, wenn man viel Geld habe, könne man nach Griechenland prozessieren. »Das haben wir nicht,« sagte Hilde und ging mit dem ruhigsten Herzen von der Welt von dannen. Sie war ja imstande, sich selbst zu helfen; ihre Schwestern hatten ihr Auskommen, und ihren Bruder, der ein Handwerk lernte, konnte sie immerhin mit Taschengeld versorgen. In solcher Vermögenslage sich mit den Verwandten um Geld schlagen? Wozu?
Auch bekam sie ja Privatstunden, mehrere Privatstunden an der Schule einer unglaublich frommen Schulvorsteherin. Aber Hilde hatte nicht mehr die Frömmigkeit der GroÃmutter; eine andere Frömmigkeit war in ihr emporgewachsen. Und als die gute alte Dame, die die junge Lehrerin ob ihres Wissens und ihres Lehrgeschicks nicht genug rühmen konnte, ihr auch den Geschichtsunterricht übertragen wollte, da lehnte sie ab.
»Das kann ich nicht,« sagte sie. »Ich habe gehört, wie Sie den Geschichtsunterricht erteilen. Sie geben einen frommen Geschichtsunterricht; überall sehen Sie Gottes Fügung. Das â das kann ich nicht. Wenigstens _so_ nicht.«
Da sah das kleine alte Fräulein Paulsen geraden Blickes hinauf in Hilde Chavonnes weit offene, dunkelleuchtende Augen und sagte: »Geben Sie nur ruhig den Geschichtsunterricht. Was Sie tun, kann nicht schlecht sein.«
LIV. Kapitel.
Asmus ringt mit höheren Töchtern und besteht ein schweres Examen nur mangelhaft.
Als Hilde geendet hatte, ergriff Asmus leise ihre Hand und bedeckte sie mit langen, andächtigen Küssen. Das viele Leid, das sie erlitten, hatte sie ihm zwiefach geheiligt. Er unterschied sich insofern gewià nicht von anderen Menschen, als ihm Geld und Gut keineswegs zu den unnötigen und unerfreulichen Dingen gehörten; aber doch schien es ihm, daà er dies Mädchen um seiner Armut und seiner Kämpfe willen nun doppelt und dreifach liebe. Auch war die Armut etwas, das nun mit jedem Tage mehr schwinden muÃte. Nächste Ostern bekam er schon 1600 Mark Gehalt; dann wollten sie heiraten.
»Was? Ostern wollt ihr schon heiraten?« rief Frau Rebekka.
»Bald nach Ostern, ja.«
Das schien gar nicht nach Rebekkens Sinne zu sein.
»Ich laà euch deshalb ja nicht im Stich,« sagte Asmus. »Habâ deshalb nur keine Sorge.« Von den 1600 Mark und von den 200 Mark, die er mit Privatstunden verdiente, konnte er seinen Eltern ja leicht noch abgeben, ohne daà er und sein Weib Mangel litten.
Die 200 Mark waren allerdings ein hartes Brot. Wenn er in seiner Schule fertig war, hastete er nach einer »Höheren Töchterschule«, um dort im Singen und im deutschen Aufsatz zu unterrichten. Es waren richtige »höhere« Töchter, das heiÃt sie hatten das BewuÃtsein, zu den höheren Dingen zu gehören. In den sogenannten besseren Hamburger Familien ist der Klassendünkel nicht selten bis zur vollkommenen Verblendung entwickelt, und dieser traditionelle Geist oder Ungeist überträgt sich auf die Kinder. Es waren wohl liebe und gescheite Mädchen darunter; eine groÃe Anzahl aber ging von dem Grundsatze aus: »Wie kämen wir dazu, zu antworten und uns anzustrengen; unser Vater bezahlt ja.« Asmus kam bald dahinter, daà seine Meinung, die wohlgepflegten Kinder reicher und »guter« Familien zu unterrichten und zu erziehen, sei keine Kunst, ein ganz erheblicher Irrtum gewesen war. Im Gegenteil; er stieà hier gelegentlich auf raffinierte Niederträchtigkeiten und herzlose Tücken, die weit betrübender und hoffnungsloser waren als die Roheiten seiner Schüler aus der Hafengegend. Dazu waren die Machtmittel des Lehrers hier geringer. Einen Lümmel unter den Jungen nahm man, wennâs not tat, beim Ohr oder versetzte ihm eine Ohrfeige â er hielt den Körper eines Schlingels nicht für unantastbar und erinnerte sich sehr gut, daà manche der Schläge, die er als Junge empfangen, ebenso begründet als nützlich gewesen waren â aber dergleichen Mittel waren bei Mädchen freilich ausgeschlossen. Obendrein standen die meisten seiner Schülerinnen im zwölften oder dreizehnten Lebensjahre, das will sagen: in den weiblichen Flegeljahren. Er bemühte sich, seinen Unterricht so anziehend wie möglich zu gestalten; aber eine ganze Reihe dieser Damen war gleichwohl von der Existenzberechtigung eines Lehrers nicht zu überzeugen. Endlich fand er dennoch ein Mittel, sie zu bändigen. Wenn eine sich mit besonderer Wohligkeit auf den passiven Widerstand verlegte, so las er einfach der Klasse ihren Aufsatz vor. Das half. Wenn er las:
»Antigone hatte sich an dem zarten Bande ihres Schleiers emporgeknüpft,« oder »Schiller setzte dem wackeren Pfarrer Moser in seinen »Räubern« ein Denkmal, indem er den Räuberhauptmann nach ihm benannte,« oder »Er konnte den unbequemen Laut seines Innern nicht zum Schweigen bringen«; und wenn dann alles in stürmische Heiterkeit ausbrach (auch die, die Schlimmeres geschrieben hatten), dann fühlten sie doch etwas wie das Walten einer Nemesis. Asmus hatte entdeckt, daà die weibliche Seele auÃerordentlich empfindlich ist gegen den Spott, und von nun an brauchte er nur zu sagen:
»Bertha Klapp, ich werde nächstens wieder einen Aufsatz vorlesen â« dann wurde Bertha ohne weiteres umgänglich.
Von solchen und anderen Strapazen erholte er sich, indem er sich unter Hildens Oberaufsicht zum zweiten Examen vorbereitete, zu jenem Examen, das die feste Anstellung gewährleistete. Es war die lustigste und erfrischendste Büffelei von der Welt. Sie pilgerten hinaus in jenen anmutigen Garten »Zum Morgenstern«, wo sie sich um Erika und Calluna gestritten hatten, setzten sich in eine Laube und tranken Kaffee. Dann gab er ihr den betreffenden Schmöker in die Hand, und sie fragte ihn mit redlichem Eifer, was darin stand. Es war eine der schwersten Prüfungen, die man sich denken kann, viel schwerer als die gewöhnlichen; denn gewöhnlich haben die Examinatoren nicht solche Augen, solche Nase, solche Wangen, solchen Mund, solches Haar, solche Stimme! Eine Stunde wohl und länger gab er ihr treulich auf alles Bescheid, bis ihm die Sache doch zu unnatürlich wurde.
»Einen Schluà nach Celarent,« verlangte sie von ihm.
»Einen Schluà nach Celarent? #Bon!#«
Kein Weib ist schön (nach Schopenhauer)!
Alle Hilden sind Weiber.
Also keine Hilde ist schön.«
Sie drohte mit dem Finger. »Herr Semper? Ich werde Sie durchfallen lassen!«
»Ach bitte, Herr Professor, lassen Sie mich nicht durchfallen, ich möchte so gern heiraten!«
»Haha, heiraten wollen Sie? Wen denn?«
»Ein entzückendes, ein wonniges, ach Gott, ein â Sie haben ja keine Ahnung, Herr Professor. Erlauben Sie, daà ich Sie küsse â«
»Was fällt Ihnen ein!« Sie stieà ihn auf seinen Platz zurück. »Bilden Sie einen Schluà nach Darii!«
»Nach Darii? Wie Sie wollen.
Alle Basen färben rotes Lackmuspapier blau.
Hilde ist eine Base.
Also färbt Hilde rotes Lackmuspapier blau.«
Dann sah sie wohl ein, daà mit ihm nichts mehr anzufangen sei; sie klappte lachend das Buch zusammen und schlug ihm damit auf die Finger.
»Lieber, süÃer Professor,« rief er, »die Logik, die Sie mir da abfragen, ist ja der gottvergessenste formalistische Quatsch, ist ja das blankste scholastische Blech von der Welt! Bevor ich etwas davon wuÃte, habâ ich genau so konsequent gedacht wie jetzt, oder konsequenter. Ach bitte, Herr Professor, tun Sie Ihr Täschchen auf und geben Sie mir vom Brote des Lebens.«
Dann verzehrten sie den Proviant, den Hilde mitgebracht und den sie mit gewohnter Delikatesse bereitet hatte; er lieà es sich mit Ausdauer schmecken und meinte: »Die Brotgelehrten haben doch nicht so ganz unrecht.«
Zu solchen Stunden brachte er wohl auch trotz aller Examenbüffelei ein Gedicht mit, und eines Tages brachte er ihr eins, das eine »hartnäckige Liebe« besang.
Jan Reimers hatte vor gar nichts Furcht. Er rettete damals die beiden Dänen, Ihr wiÃt wohl â es wollte keiner dran â Er rià sie dem blanken Hans aus den Zähnen.
Nun war da die Antje Nissen â ei ja, Die mochte dem starken Jan wohl taugen! Schmuck war sie, alles was recht ist â man bloÃ: Ihr guckte der Deubel aus beiden Augen.
Aber Jan, wie gesagt, war bange vor nichts. Und so freitâ er um Antje. Sie ziertâ sich nicht lange Und sagte Ja und ward seine Braut. Aber als sieâs war, da ward ihm doch bange.
Schon vor der Hochzeit alle Tag Krieg! Verdammt, denkt Jan, nur noch drei Wochen, Dann ist die Hochzeit. Sie läÃt mich nicht los. Aber sie ist ein Stachelrochen.
Da â denkt euch â da kommt ihm Hilfâ in der Not! Bei Südsüdost wird Jan Reimers verschlagen â Er rennt auf die Klippen â das Schiff zerkracht â Eine Planke hat ihn nach England getragen.
Sein erster Gedanke war: »Jung, watân Glück, Nu bin ick verschollen! Das âs Gottes Wille!« Er stopft sich die Pfeife mit nassem Shag Und steckt sie in Brand bedachtsam und stille.
Sein Ewer freilich war Grus und Mus. »Na ja,« denkt Jan, »wat is dor Slimmâs bi! Ick hev hier Fisch un hev hier Tobak.« Und er lebte drei Jahre vergnügt in Grimsby.
Aber die Welt ist ein Rattenloch. Ein Landsmann muà ihn gesehen haben. â Jan bummelt am Hafen, die Fäustâ in der Taschâ, Sich recht an Freiheit und Sonne zu laben â
Da hört er plötzlich â ihm schieÃtâs in die Knie â Seinen Namen rufen von weiblicher Stimme: »Jan Reimers! Jan Reimers!« Ihm warâs als rief Des jüngsten Tages Posaunâ ihn mit Grimme!
Aber Jan hat Courage: er stellt sich taub! Da ruft Antje Nissen: »Du solltest dich schämen! Nun tuâ doch nicht so, als wenn du nicht hörst. Du Feigling, du!« Da muÃtâ er sie nehmen.
Sie lachte, als er geendet hatte, und dann nahm er noch einmal das Blatt und schrieb mit Bleistift oben über das Gedicht:
»Meiner Antje Nissen In Schauern der Ehrfurcht gewidmet.«
Da lachte sie noch herzlicher, und ihr Lachen führte immer unfehlbar zum Küssen. Vom Küssen kamen sie dann wieder ins Lachen, kurz, es war der alte wohlbekannte #circulus vitiosus# der ja in der Logik eine wichtige Rolle spielt.
Es kann nicht von allen Szenen dieser Art berichtet werden, um so weniger, als sie für den älteren Leser eher ärgerlich als unterhaltend sind. Nur so viel sei gesagt: Sie liebten sich so zärtlich, daà sie die zärtlichen Worte und Kosenamen unseres Sprachschatzes längst verbraucht hatten und, wenn sie ihre ganze Liebe in ein recht von Grund aus erschöpfendes Wort pressen wollten, zu Injurien greifen muÃten. Wenn er sie zu hart angefaÃt hatte, rief sie mit einem goldenen Lachen in den Augen: »Du Gassenjunge du, du Rowdy!« und er flüsterte mit überquellendem Jubel: »Du Hexe du, du Teufelsweib!« und meistens, wenn sie dergleichen gesagt hatten, kam gerade der Kellner. Asmus Semper war damals noch recht unbekannt, sonst würde gewià eines Tages in den Zeitungen gestanden haben, daà er und seine Braut sich »Hexe« und »Gassenjunge« schimpften.
Wenn sie dann nach der hochnotpeinlichen Prüfung an die Elbe hinunterwanderten, sich in den Sand streckten und die Schiffe kommen und gehen sahen, wenn Hilde heimlich herbeischlich, ihr Gesicht leise über das seine neigte und ihn küÃte, wenn dann alles Glück der Kindheitserinnerung mit dem Glück der Gegenwart in Asmussens Herzen zusammenschmolz, dann muÃte er laut oder schweigend ein Dankgebet sprechen. Er, dem in trüben und schweren Tagen nie der Gedanke an einen persönlichen, väterlich waltenden Gott kam, in Augenblicken überwältigenden Glückes hatte er das Bedürfnis nach irgendeinem Wesen, dem er danken könne, und unter Lachen und Tränen rief er stumm oder mit lautem Jubel in den Himmel hinauf: »Herrgott, du verwöhnst mich, du verwöhnst mich entschieden! Lieber Gott, laà mich nicht ersticken in meinem Glück!«
LV. Kapitel.
Zeichnet sich durch Kürze aus, die aber nicht Schuld des Verfassers ist.
Nach dem zweiten Examen wollte Murow, der Seminardirektor, ihn an die Seminarschule ziehen. Aber Asmus lehnte abermals dankend ab.
Und bald darauf machten die beiden sich auf, eine Wohnung zu suchen. In einer westlichen Vorstadt Hamburgs, in einem Hinterhäuschen, fanden sie zwei Zimmer, eine Kammer und eine Küche. Als sie diese Räume sahen, waren sie mit einem einzigen Blicke einverstanden: Hier kann das Glück wohnen. Als Asmus dem Hauswirt den »Gottespfennig« in die Hand drückte, war der erstaunt über die GröÃe des Geldstücks. Es war ein Taler. Heute konnte Asmus es sich leisten, Grundeigentümer zu beschenken. Er war dem Manne so dankbar, daà er ihm die reizende Wohnung abgelassen hatte!
Als er aber für einen Aufsatz, den er in einer Zeitschrift veröffentlicht hatte, ein ansehnliches Honorar empfangen hatte, schenkte er der Geliebten ein Kleid von weiÃer Seide, und ihre Kolleginnen und Freundinnen schenkten ihr dazu einen Einsatz von köstlicher Stickerei. Wie eine Königin sollte sie aussehen.
Die Ausstattung der künftigen Wohnung war ein ununterbrochenes Fest. Jeder Stuhl und jedes Kissen war eine Freude für sich, und wenn sie ein Dutzend Teller kauften, so waren es zwölf Freuden auf einmal. Als aber am Abend vor der Hochzeit die Freundinnen zu Hilden in das künftige Heim kamen, um die letzte Hand an den Brautputz zu legen, siehe, da hatte der treuherzige Handwerksmann die längst versprochenen Sitzmöbel noch immer nicht geliefert. Kurz entschlossen setzten sich die Mädchen in einem Kreis um Hilden herum auf den FuÃboden und durchflochten ihr heiteres Werk mit Lachen und Singen.
In einem Gartenlokal am Elbufer sollte die Hochzeit gefeiert werden. Nicht umsonst zog es ihn in heiligen Tagen seines Lebens immer wieder an diesen Strom; auf seinen Fluten war die Seele des Knaben und des Jünglings von je in alle Fernen der Hoffnung gewandert.
Mit Wolken und leisem Regen begann der Hochzeitstag, und auch, als sie aus dem Wagen stiegen, regnete es ein wenig. »Es regnet in die Brautkrone,« sagte eine abergläubische Verwandte, »das bedeutet Glück«. Und dann ward es ein stiller, wolkenloser, in seiner eigenen Schönheit seliger Maientag.
Ludwig Semper und Goers der Riese waren Trauzeugen gewesen, und als nun Goers, der Gütige, sich zu einem Trinkspruch auf das Brautpaar erhob und ihm aus treuem, lauterem Herzen eine Schar von blühenden Kindern wünschte, da errötete Hilde wohl, aber nicht in Unwillen, sondern in einem wirbelnden Gefühl von Scham und Glück.
Und als sie noch beim bescheidenen Mahle saÃen, erklang plötzlich ein langer, sanfter Geigenton; die Türen des kleinen Saales taten sich auf, wie von Geisterhand geöffnet, und von einem feinen und sauberen Streichquartett klang es herein:
Treulich geführt, ziehet dahin, Wo euch der Segen der Liebe bewahrâ! Siegreicher Mut, Minnegewinn Eint euch in Treue zum seligsten Paar.
Und am Pulte des ersten Geigers saà niemand anders als Morieux.
Asmus war aufs freudigste ergriffen von diesem zarten Geschenk; die Streicher wurden im Triumph an den Tisch geholt, und als alle genug gegessen und getrunken hatten, erhob man sich zum Tanz. Asmus und Hilde aber bestiegen den lange schon wartenden Wagen zur Hochzeitsreise nach dem Hinterhäuschen in der westlichen Vorstadt.
Als sie an seinem Elternhause vorüberfuhren, neigte er sich ans Wagenfenster und sah so lange hinaus, bis das Haus seinen Blicken entschwunden war. In diesem Augenblick fuhr ihm wie ein Blitz ein künftiges Gedicht durchs Herz, und einige Tage später schrieb er es auf.
_Am Hochzeitstage._
Laut rollt der Hochzeitswagen durch die Gasse. Wir ruhen drin, zu stillem Glück geeint. Sieh, wie die Sonne glänzt durch Regenwolken: Die Hoffnung lacht â und die Erinnârung weint.
So istâs ein Fest der Wonne wie der Trauer. Ich fühlâs, da neue Liebe mich beglückt, Wie lang genossâne, unvergoltne Liebe Mit schwerem Vorwurf meine Seele drückt.
Der Eltern denkâ ich, der verlassânen, alten, Und während mich dein Zauber sanft umgibt, ErfaÃt es mich mit wehmutsvoller Mahnung, Wie zärtlich sie mich je und je geliebt.
Sie lieÃen mich den Traum der Jugend träumen, Leicht schlug mein Herz! â ihr Haupt war sorgenschwer. So zweifle nicht, wenn sich mein Auge feuchtet. Der Sommer prangt; ein Frühling kommt nicht mehr.
Wie rasch der Wagen rollt! Wir fliegen selig Und zukunftstrunken in die Welt hinaus. Euch Sternen meiner Jugend sendâ ich GrüÃe Ins abendrotumkränzte, stille Haus.
Verzeiht dem heiÃen Drang der jungen Seelen, Der euch des vielgeliebten Sohns beraubt. Unsterbliches Gedächtnis eurer Liebe Und Segen über euer greises Haupt!
LVI. Kapitel.
Ein längeres Kapitel, weil darin von einem Leuchtturm, einer Nachtigall, einem Kinde, einem Rosenberg und von noch einem Kinde berichtet werden muÃ.