Semper der Jüngling

Chapter 20

Chapter 203,845 wordsPublic domain

Ganz, ganz anders waren sie schon wenige Tage darauf. Frost und Schnee waren hereingebrochen mit Macht, und Asmus schlug ihr einen Ausflug »ins Grüne« vor. Nach dem »Quellental« wollten sie wandern und die Elbe hinab. Ludwig Semper würde zu diesem Ausflug »bei dieser Kälte« lange den Kopf geschüttelt haben, wenn er darum gewußt hätte; aber darin folgte sein Sohn ihm nicht; Winterwanderungen, die liebte er vor allen andern; da gab es einen Kampf mit Frost und Wind, und wenn er dann durchgekämpft war, dann glühte in Wangen und Herzen eine ganz besondere, eine ganz wundersame Wärme auf, die war ganz anders als Lenz- und Sommerglut. Es war eigenes, selbstentzündetes Feuer! Und wie heilig schön die Winterwelt! Seltsam: die ersten Lieder, die der Zauber der Natur ihm entrungen hatte, waren Winterlieder gewesen. Aber er sang sie nicht in Wehmut und Trauer; der Winter war ihm Andacht und Stille, niemals Tod; denn in seinem Herzen glomm wie eine ewige Lampe die Gewißheit des Frühlings. So kam es denn ganz von selbst, daß Asmus, als sie auf frostklingenden Wegen dahinschritten und sein schüchternes Schnurrbärtchen von lauter Eisnadeln starrte, also zu singen anhob:

Die linden Lüfte sind erwacht, Sie säuseln und weben Tag und Nacht; Sie schaffen an allen Enden.

und daß er erschrak, als Hilde in ein lautes Lachen ausbrach.

»Herr Professor, Herr Professor, es ist Winter!« rief sie; da verstand er sie und lachte nun auch aus vollem Halse; weil sie aber so ganz besonders schön lachte, küßte er sie sieben Mal auf den winterfrischen Mund, und dabei lachten sie, weil das Lied so gar nicht paßte, und ihre Augen wurden feucht, weil es doch so gut paßte.

Nun fand er Gefallen an dieser Antithese, und während der Schnee unter ihren Füßen knirschte, sang er:

Wie herrlich leuchtet Mir die Natur, Wie glänzt die Sonne, Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten Aus jedem Zweig Und tausend Stimmen Aus dem Gesträuch!

und dann warf er ihr ganz sachte und heimtückisch ein Häuflein Schnee zwischen Hals und Kragen.

Sie kreischte auf und schüttelte sich, und dann sah sie ihn mit einem langen Blick, mit einem Lächeln voll Wehmut und Staunen in die Augen. Sie bestaunte dies Wunder einer Fröhlichkeit, die sie in ihrem Leben noch nie gesehen hatte, die sie auch bei ihm nicht vermutet hatte; denn er war ihr meistens in ernster Stimmung entgegengetreten. Diese Lustigkeit berauschte sie, daß sie mit beiden Händen seinen Kopf ergriff und ihm das Gesicht mit Küssen bedeckte. – –

Ich hört’ ein Bächlein rauschen Wohl aus dem Felsenquell

sang er.

»Wo?« rief sie lachend.

Da legte er wieder den Arm um sie und sagte: »Überall. Überall hör’ ich Quellen rauschen. Hörst du sie _nicht_?«

Sie hatte den Kopf an seine Schulter gelegt und die Augen geschlossen. »Hier laß mich liegen bleiben und träumen und immerfort deine Stimme hören und gar nicht wieder aufwachen.«

Er neigte sich zu ihrem Ohr, wiegte sie sanft in seinen Armen hin und her und sang mit leiser, leiser Stimme:

Horch, horch, die Lerch’ im Ätherblau! Und Phöbus, neu erweckt, Tränkt seine Rosse mit dem Tau, Der Blumenkelche deckt, Der Ringelblume Knospe schleußt Die hellen Äuglein auf: Mit allem, was da reizend ist, Du süße Maid, wach auf!

Da machte sie langsam – weit – weit die Augen auf, und ihre Augen waren tiefernst.

»Du bist ein böser Mensch,« sagte sie. »Weißt du, daß du ein böser Mensch bist? Ein Zauberer bist du!« und sie riß sich fast ängstlich von ihm los und lief ein groß Stück Weges voraus.

Kurz vor dem Quellental hatte er sie wieder eingeholt und den Arm um ihre Hüfte gelegt. Und so schritten sie andächtig hinein in einen kristallenen Dom von uralten Bäumen.

Hier wohnt ein Gedicht, dachte Asmus; denn die Gedichte wohnten ihm wie Dryas und Oreas in Bergen, Bäumen und Grotten, in Wiesen und Quellen. Wenn es sich zeigen wollte, dachte er. Da hauchte es ihm ins Ohr:

Wo vom nahen Strauch ein Vöglein schwebt Stummen Fluges durch die träge Luft, Und vom kaum gebog’nen Zweig der Schnee Lautlos fällt auf Schnee .....

Und Asmus lächelte dankbar und heimlich. Dann kamen sie vor die auf geringer Erhöhung liegende Mooshütte mit der Inschrift: »#Hoc erat in votis#« und gingen hinein. Aber es war ihnen zu warm und dumpfig drinnen; sie mußten wieder hinaus. Und bei der eingefrorenen Quelle, die am Abhang der kleinen Erhöhung entspringt, warf er seinen Mantel in den Schnee, lud sie zum Niedersitzen und setzte sich ihr zu Füßen. Er mußte heute immerfort singen. Und während von den Zweigen ringsherum von Zeit zu Zeit der Schnee in silbernen Trauben fiel, sang er:

Der Reimer Thomas lag am Bach, Am Kieselbach bei Huntley-Schloß. Da sah er eine blonde Frau, Die saß auf einem weißen Roß.

»Eine braune Frau!« rief sie mit anmutig gespieltem Schmollen.

»Eine blonde Frau,« versetzte er.

»Eine braune Frau.«

»Eine blonde Frau.«

»Hast du schon einmal eine blonde Frau geliebt?« fragte sie ängstlich forschend.

»Ich habe keine Frau geliebt vor dir.«

Dann sah sie lange vor sich hin und sagte:

»Wie schrecklich dumm bin ich gewesen.«

»Du?«

»Ja. Weißt du, daß ich einmal furchtbar eifersüchtig gewesen bin?«

»Eifersüchtig?«

»Ja, auf das reizende blonde Mädchen, mit dem du zusammen sangst, auf dem Fest in der ‘Treue’ –«

»Auf die kleine Lizzy?«

»Ja. Ich hatte ja immer geglaubt, daß ich dir gleichgültig sei; aber als ich euch sah und singen hörte, mit solcher Begeisterung, und als eure Stimmen so innig zusammenklangen – das gab mir den Gnadenstoß. Bald darauf verlobte ich mich, weil ich mich von allen verlassen fühlte – aus Trauer – aus Bangigkeit – aus Trotz – ich weiß es nicht mehr.«

»Auch aus Trotz?« fragte er.

»Ja, ja, – o, du darfst mich um des Himmels willen nicht für so gut halten wie du es tust – ich bin lange nicht so gut, wie du glaubst –«

»Du?« sagte er langsam, indem er das edle Oval ihres Gesichtes mit schwärmenden Blicken umschrieb:

Du bist die Himmelskönigin, Du bist von dieser Erde nicht.

Da lachte sie laut auf, und mit warnend erhobenem Finger sang sie:

Ich bin die Himmelsjungfrau nicht, Ich bin die Elfenkönigin. Nimm deine Harf’ und spiel und sing Und laß dein schönstes Lied erschall’n! Doch wenn du meine Lippe küßt, Bist du mir sieben Jahr verfall’n.

Asmus sprang auf und warf sich auf die Knie:

Wohl, sieben Jahr zu dienen dir, O Königin, das schreckt mich kaum!

Er küßte sie –

da küßte er sie –

sie küßte ihn –

da küßte sie ihn.

»Kein Vogel singt im Eschenbaum,« rief Asmus, »aber das schadet nichts; wir können’s ja selbst.«

Dann sprangen sie auf; Asmus schüttelte seinen Mantel, daß die Flocken stoben, warf ihn sich um und stürmte im Galopp den abschüssigen Weg hinab ins dichtere Gehölz hinein, und im Galoppieren sang er laut:

Sie ritten durch den grünen Wald, Wie glücklich da der Reimer war! Sie ritten durch den grünen Wald Bei Vogelsang und Sonnenschein –

und als sie ihn einholte und von hinten her die Arme um seinen Hals schlang, da legte er den Kopf zurück, daß Wange an Wange lag, und sang:

Und wenn sie leis am Zügel zog, Dann klangen hell die Glöckelein.

LII. Kapitel.

Hilde verliebt sich in Semper den Älteren, bekennt sich zu Chamisso und entpuppt sich als eine alte Bekannte.

Mit der Bekanntmachung ihrer Verlobung hatten sie es nicht im geringsten eilig; ob die Welt sie für Brautleute hielt oder nicht, war ihnen beiden grenzenlos gleichgültig. Aber seinen Eltern wollt’ er’s nicht länger verbergen, obwohl ihn Zweifel befielen, wie sie es aufnehmen würden. Eigentlich zweifelte er nur an dem Beifall seiner Mutter. Ludwig Semper, das wußte er, so leer ihm das Haus ohne seinen Asmus werden mochte, würde Asmussens Erwählte willkommen heißen, bevor er sie gesehen; aber Rebekka –? Mütter sind eifersüchtig, und überdies war er erst 23 Jahre! Sie wird schelten, dachte er. Aber sie schalt nicht; sie schüttelte nur den Kopf und sagte: »Junge, Junge, du bist ja noch so jung!«

»Aber Mutter!« rief Asmus lachend und faßte sie bei beiden Schultern, »du hast ja auch jung geheiratet!«

»Ja, das war damals auch ganz anders!« rief sie.

Ludwig Semper konnte dieser Geschichtsauffassung nicht beipflichten; er wußte noch, wie junge Herzen schlagen, und sagte, Asmus möge seine Braut am Sonntag nur mitbringen.

Und an diesem Sonntag feuchtete er keinen Tabak an und grübelte er nicht; er hatte seinen guten schwarzen Rock angezogen und ein feines weißes Tuch umgelegt – denn ein gesteifter Kragen durfte ihm nicht an den Hals kommen – und ging munter und aufgeräumt im Hause umher, und wenn er sich allein wußte, sah er mit strahlenden Augen in die Ferne und summte vor sich hin: »Tränen, vom Freunde getrocknet.« Und als es hieß: »Sie kommen!« und die Tür aufging und Asmus rief: »Da ist meine Braut!« da stand Ludwig Semper da wie ein herrlicher, gütiger Nordlandskönig, dem sein Erbe die junge Königin zuführt; er streckte seine warme kräftige Hand aus und sagte nichts als:

»Seien Sie uns herzlich willkommen!«

Aber als sie sein Lächeln sah, mußte sie ihm entgegenlächeln wie sein eigenes Kind, war alle Befangenheit von ihr gefallen wie ein Schleier, wußte sie ganz, daß sie aufgenommen sei in den Frieden des Hauses. Rebekkas Willkommen war ganz anders. Sie rannte geschäftig hin und her und bemühte sich um den Gast, als sei er von einer mehrjährigen Nordpolfahrt heimgekehrt und müsse mit allen erfindbaren Mitteln aufgetaut, gewärmt, getränkt und gespeist werden. Ein bißchen Eifersucht saß ihr wohl trotzdem im Herzen; aber schon beim dritten Besuche Hildens sagte sie ganz von selbst:

»Du bist ein süßes Geschöpf!«

Hilde aber sagte schon nach ihrem ersten Besuche auf dem Heimwege zu Asmus:

»Du, ich will dich nicht mehr; ich will deinen Vater heiraten.«

»Nun ja,« sagte Asmus trocken, »sprechen Sie mit meiner Mutter. Sie ist nun wohl gute vierzig Jahre mit ihm verheiratet und ist mit ihm nie auf einen grünen Zweig gekommen; aber ich glaube nicht, daß sie ihn losläßt.«

»Da hat sie recht,« sprach Hilde, »den gäbe ich auch nicht her.«

Nach einiger Zeit bat sie um die Erlaubnis, »Vater« und »Mutter« sagen zu dürfen, und Ludwig und Rebekka waren froh und stolz, zu ihren acht Kindern noch ein so feines und liebes hinzu zu bekommen. Sie hatten inzwischen noch eine Tochter bekommen, ohne sie zu kennen. Johannes Semper hatte aus Amerika geschrieben, daß er dort ein Weib genommen. Das hatte die Alten gefreut; aber Rebekka hatte dazu geweint und gesagt: »Nun werden wir ihn wohl nicht wiedersehen.« Asmussen schnitt es durchs Herz, als er das hörte.

Bald darauf erfuhr er, warum Hilde sich nach einer Mutter und fast mehr noch nach einem Vater sehnte.

Sie sahen sich zwei- oder dreimal die Woche; und wenn sie nicht spazieren gingen, saßen sie in Hildens Zimmer stundenlang beieinander und waren plaudernd und schweigend miteinander glücklich. Sie bereitete vor seinen Augen den Tee und das Abendbrot, und jedesmal war es ihm, als ob ihre schlanken, weißen und geschickten Hände das einfache Brot und Fleisch in die erlesensten Leckerbissen verwandle. Zu Hause aß er wie ein Schulmeister von energischem Appetit; hier soupierte er bei denselben Speisen wie ein Gourmet.

In manchen Stunden ergötzte er sich daran, ihr die langen, schweren Zöpfe aufzulösen, daß das Haar sie bis zu den Hüften wie ein goldbrauner Mantel umfloß, und im duftig-warmen Schatten ihres Haares küßte er sie, oder er schmiegte sich eine breite Strähne ihres Haares um Hals und Wange und las ihr so ein Gedicht vor, daß er ihr mitgebracht. Selten kam er ohne neue Verse zu ihr, und sie war sein empfänglichstes und unbestechlichstes Publikum. Wenn er geendet hatte und sie ihm freundlich zunickte, dann wußte er, daß das eine vernichtende Kritik war. Wenn ihm etwas Rechtes gelungen war, sah sie ihn mit großen, ernsten Augen und mit zuckendem Munde an, nahm ihm leise das Blatt aus der Hand und las es noch einmal. Und dann bedeckte sie das Blatt mit Küssen, und dann seinen Mund, seine Wangen, seine Augen mit Küssen, und dann barg sie das Blatt auf ihrer Brust, und er wußte, daß sie es wochenlang auf ihrem Herzen trug wie ein Amulett, bis es von einem andern abgelöst ward.

Manchmal auch sangen sie, einzeln oder zu zweien, und dann sang er die Oberstimme, und sie sang mit einem vollen weichen Alt die Begleitstimme; so klang es besser als umgekehrt. Und einmal, als sie allein sang, sang sie:

Er, der Herrlichste von allen, Wie so milde, wie so gut ...

Als sie geendet hatte, fragte er: »Liebst du das Lied?«

»Ja. Ich liebe den ganzen Zyklus unbeschreiblich.«

»Die Verse oder die Musik?«

»Beides. Aber die Verse noch weit mehr als die Musik. Sie sind nach meiner Meinung das Schönste, was von der Frau gesungen werden kann.«

»Ja. Mir scheint auch, er hat die Frau nicht besungen, er hat sie gesungen. Das Weib, das in diesen Versen dasteht, überragt Gretchen und Klärchen an Schönheit, Lieblichkeit und Größe; es ist von klassischer Hoheit, aber es ist nicht antike, es ist deutsche Klassik. Wir haben überhaupt nur wenig so deutsche Dichter wie diesen Franzosen. Da fällt mir ein: ich wollte dich immer schon fragen, woher dein französischer Name stammt.«

»Meine Urgroßeltern väterlicherseits wohnten im Elsaß.«

»Ah – daher dein französisches Aussehen.«

»Hast du’s nicht gern?«

»Ich glaube, den Beweis erbracht zu haben. Du bringst das Kunststück fertig, pikant und deutsch zu sein.« Und dann rezitierte er leise:

Wandle, wandle deine Bahnen; Nur betrachten deinen Schein, Nur in Demut ihn betrachten, Selig nur und traurig sein!

Höre nicht mein stilles Beten, Deinem Glücke nur geweiht; Darfst mich niedre Magd nicht kennen, Hoher Stern der Herrlichkeit.

Nur die Würdigste von allen Soll beglücken deine Wahl, Und ich will die Hohe segnen, Segnen viele tausendmal.

»Heute gibt es nicht wenig Frauen, die darüber lachen und höhnen,« sprach er.

»Kann man anders empfinden, wenn man liebt?« fragte sie. »Ich wenigstens kann mir keine andere Liebe denken.«

»Und eine Frau, die so empfindet,« fuhr er fort, »wird im Hause des Mannes die stolzeste der Frauen sein, _sie_ wird der ‘Stern der Herrlichkeit’ sein, zu dem Mann und Kinder in der Stille ihres Herzen beten, zu dem sie aufblicken, wenn sie den Glauben an die Welt verloren haben und wiederfinden möchten.«

»Muß sie dann nicht eine Heilige sein?«

»Nein, so wenig wie je ein Mann die Verehrung verdienen kann, die aus den Frauenliedern Chamissos klingt. Nicht das entscheidet ja, was wir sind – du lieber Gott, wo bliebe ich! –, sondern wie sehr wir geliebt werden, das entscheidet. Das ist die Wahrheit des Christentums, daß uns Liebe erlöst.«

»Asmus,« rief sie ängstlich, »ich zittere und bange, wenn du mich über dich erhebst. Wenn du wüßtest, wie wenig ich das verdiene –«

»Zittere und bange nur,« rief er, »ich habe Mut, wenn ich dich ansehe, einen Mut, einen Mut –«

Er riß sie jauchzend an sich und küßte sie, daß sie aufschrie.

Und einmal, als er so bei ihr saß, in ihrem Nähkästchen kramte und mit allerlei zierlichen Büchschen und Kästchen spielte, die er darin fand, holte er einen Glasmarmel daraus hervor, eine durchsichtige Glaskugel, in der man eine geflügelte Gestalt, eine Fortuna, wie es schien, erblickte.

»Sieh da,« sagte er, »genau solch einen Marmel hab’ ich auch einmal besessen. Eigentlich ein hübsches Symbol, wenn ich es jetzt betrachte. Die Glücksgöttin nicht über der Welt, sondern in der Welt, sie selbst nur ein Stück der rollenden Notwendigkeit ...«

»Ich weiß eigentlich selbst nicht,« sagte sie lächelnd, »warum ich ihn immer aufgehoben habe. Wenn man solch ein Ding lange bei sich verwahrt hat, ist es gerade, als hätt’ es ein Recht an uns erworben, und wenn man es wegwerfen will, ist es, als säh es einen vorwurfsvoll an, und man kann es nicht aus den Fingern loswerden. Ich hab’ ihn vor vielen Jahren von einem kleinen Jungen bekommen.«

Sie sagte das, indem sie sich auf ihre Näharbeit bückte; aber es war ihr, als zöge eine geheime Kraft ihren Kopf empor, und als sie aufblickte – wirklich, da starrte Asmus sie an mit einem Blick, der aus der Ferne einer längst vergangenen Zeit zu kommen schien.

»Von einem kleinen Jungen hast du ihn bekommen?« sprach er langsam. »Wann? Wo?«

»Ja, wenn ich das noch wüßte! – Was hast du? Warum bist du –«

»Bitte, frag’ mich jetzt nicht – sag’, wann es war und wo?«

»Ja – zwölf Jahre ist es zum mindesten her – ich weiß nur noch: ich saß auf der steinernen Treppe vor einer Gastwirtschaft und wartete auf meinen Vater, der erledigte drinnen ein Geschäft, da kam der kleine Junge und schenkte mir den Marmel.«

»Hilde,« rief Asmus mit seltsam leuchtenden Blicken, »sah der Junge aus wie ein kleiner, dicker Asmus Semper?«

Hilde starrte ihn sprachlos an.

»Hilde,« rief er, »du hast einen Onkel in Griechenland –«

»Ich hatte ihn – er ist tot –«

»Den nannte man den ‘König der Mainotten’!«

»Ja!«

»Hilde! Wir haben uns also vor zwölf Jahren schon gesehen! Der kleine Junge war ich! Vor zwölf Jahren schon sind wir uns begegnet.« Er war so bewegt, daß er aufspringen und auf und ab gehen mußte. Und er erzählte ihr, wie wundersam ihn damals die Begegnung mit dem lieblichen, traurigen Kinde ergriffen habe, wie er wochenlang fast täglich nach der Wirtschaft zwischen den Bahndämmen in Oldensund gelaufen sei, um die »Königin der Mainotten« wiederzufinden – denn sie hatte erzählt, der Onkel wolle sie zu seiner »Königin« machen – wie er sie niemals wiedergesehen, aber wie ihre Erscheinung und ihr Wesen ihn mit einem jahrelang nachleuchtenden, tröstenden Licht erfüllt habe.

»Hilde! Hilde!« – –

Und ihr Gespräch ward ein leises, trauliches Fragen und Erzählen; sie erzählte ihm die Geschichte ihres Lebens. Was sie nicht erzählte, das ergänzte er sich leicht aus dem Zwange der Tatsachen und aus dem, was er früher von ihr und von andern gehört. Und immer wieder fühlte Asmus mit Beschämung, wie sehr ihn von je das Glück begünstigt habe, schon dadurch, daß er bis heute zwei liebende und geliebte Eltern besessen, und wieviel mehr der Kraft, des Mutes, der Liebe das Leben von ihr gefordert hatte als von ihm!

LIII. Kapitel.

Enthält die Geschichte Hildens vom Marschall Davoust an bis zu Fräulein Paulsen.

Napoleon und sein Marschall Davoust hatten den Urgroßeltern Hildens ihr Glück zerstört. Diese hatten zu den 20 000 gehört, die man zu den Toren Hamburgs in Hunger und Kälte hinausgejagt, und Hildens Urgroßvater war unter denen gewesen, die auf dem Wege nach Oldensund zugrunde gegangen. Die seelenstarke Frau hatte selbst den toten Gatten bis nach Oldensund getragen, und dort hatte er teilgenommen an jenem ewig klagenden Grabe, das Friedrich Rückert besungen hat.

Wo finden wir Kost und Kleider, Wir zwanzigtausend an Zahl? Die andern schleppten sich weiter, Wir blieben hier zumal.

Wir konnten nicht weiter keuchen, Erschöpft war unsere Kraft: Frost, Hunger, Elend und Seuchen Sie haben uns hingerafft.

Ein ungeheurer Knäuel, Zwölfhundert oder mehr, Es zieht sich über den Greuel Ein dünner Rasen her.

Über diesen Rasen war Asmus in früher Kindheit spielend dahingesprungen – wie manchesmal!

Die arme gute Großmutter, die das Elend der Eltern schaudernd miterlebt und früh den Gatten verloren hatte, war ein Stern in Hildens Jugend gewesen. Eine kindlich-fromme Frau, die ihren Glauben nicht als eine Tugend, sondern als ein Geschenk ihres Heilandes empfand, lehrte sie ihre Enkelkinder beten und geistliche Lieder singen. Aber nicht nur geistliche Lieder sang sie, sie sang:

Ich denk an euch, ihr himmlisch schönen Tage Der seligen Vergangenheit! Komm Götterkind, o Phantasie, und trage Mein sehnend Herz zu seiner Blütezeit!

und sobald sie das sang, stand die kleine großäugige Hilde an ihren Knien und trank ihr das Lied von den Lippen, und sie wußte, wenn die Großmutter das sang, dann erzählte sie auch bald von der Franzosenzeit und von lieben Toten. Unter dem Herzen dieser Frau hatte Hildens Mutter gelegen, und die grenzenlose Güte dieses Herzens war auf die Tochter übergegangen, nicht aber seine Festigkeit und Stärke. Hildens Mutter gehörte zu jenen Menschen, die aus Gutmütigkeit heiraten können und ihr Mitgefühl mit dem Werbenden für Liebe nehmen. Sie war wehrlos in der Hand ihres Mannes.

Dieser Mann war der schwere, ewig lastende Schatten in Hildens Kindheit. Er war ein Selbstling von jener Art, die in Gegenwart eines vor Hunger Sterbenden einen Kapaun mit Genuß verzehren kann, die vielleicht ein Stückchen hergeben würde, wenn man sie daran erinnerte, aber nie von selbst auf diesen Gedanken verfällt. Als »Kaufmann« – er vertrieb als eine Art Stadtreisender allerlei Dinge für andere Geschäfte – dejeunierte, dinierte und soupierte er in besseren Restaurants und empfand es wie eine Niedertracht von seiner Frau, daß sie immer wieder Mittel für den Haushalt verlangte. Die wenigen Bissen aber, die er den Seinen hinwarf, würzte er ihnen mit hämischen, kränkenden Reden, und wenn er vollends angetrunken nach Hause kam, dann konnte er stundenlang immer in derselben Sofaecke sitzen und immer dieselben peinigenden Bosheiten wiederholen.

Es war ein schlimmer, schlimmer Tag gewesen, als aus diesem Hause die Großmutter für immer geschieden war. Und nicht zu mahnen brauchte man die Kleine, daß sie hingehe und die Blumen auf dem Grabe der Heimgegangenen begieße! An jedem Tage der milderen Jahreszeit machte sie sich unaufgefordert auf den Weg nach dem Friedhof. Und wenn sie ihr frommes Werk getan hatte, setzte sie sich auf das Gitter des Grabes und dachte daran, wie schön die Großmutter gesungen hatte:

Umglänze mich, du Unschuld früher Jahre, Du mein verlor’nes Paradies! Du süße Hoffnung, die mir bis zur Bahre Nur Sonnenschein und Blumenwege wies.

Und bei dem Wort »Bahre« sah sie immer die Großmutter auf der Bahre liegen, und dann mußte sie weinen. – Neben der Großmutter lag auch die Tante Romona, die wunderschöne Spanierin Romona Viego, die mit 24 Jahren schon acht Kinder gehabt hatte, und das jüngste lag ihr im Arm. Das war eine gefeierte Sängerin gewesen, und als die kleine Hilde einmal die herrliche Frau gesehen hatte, auf dem Divan liegend, ganz in weißen Gewändern und eine Zigarette rauchend, da war sie ihr als die oberste und heiligste aller Frauen erschienen. Das Grab der Tante Romona pflegte sie auch, und dann wandelte sie oft stundenlang zwischen den Hügeln des Friedhofes schauend und sinnend umher und fühlte sich heimischer als in der Gegenwart ihres Vaters.