Chapter 2
Und so fort über Ãgypter, Phönizier, Israeliten, Meder, Perser, Griechen und Römer bis zu den Franken und Merowingern. Wer die Zahl wuÃte, war gescheit, wer sie nicht wuÃte, dumm.
Als auch diese Stunde der Pein vorüber war, ward es abgemacht: Wenn er die nächste Stunde wieder Zahlen büffelt, dann trampeln wir. Aber keiner darf sich melden! Man kannte Herrn Rothgrün schon als einen langatmigen Hasser, der sich auch bei den spätesten Examinibus derer erinnerte, die ihm einmal miÃfallen hatten. Asmus und einige andere waren gegen dieses heimliche Verfahren. Das sei »unmännlich«. Man solle eine Abordnung zu Herrn Rothgrün schicken und sich über seinen Unterricht beschweren.
»Ja, willst _du_ das tun?« riefen einige höhnend.
»Ich gehe mit,« sagte Asmus. Aber die andern wollten nicht, und da sagte Asmus: »Allein will ich auch nicht.«
»Semper will artig Kind spielen,« spottete einer.
»Du bist ein Esel!« rief Asmus. »Trampeln tu ich nicht. Aber die Folgen trage ich natürlich mit.«
III. Kapitel.
Wie die Augen des Asmus die Jahrhunderte der Vergangenheit und wie sie die Dinge der lebendigen Welt sahen, und wie er darum mit diesen Augen zum Arzt muÃte.
Die nächste Geschichtsstunde erschien, und Herr Rothgrün begann: »Tiglat Pilesar?«
»740,« sagte der Gefragte, und dann ging ein Trampeln durch die Klasse, das wie grollender Donner klang.
Herr Rothgrün wurde weiÃ.
»Was soll das?« rief er.
Keine Antwort.
»Was soll das heiÃen?«
Eisiges Schweigen.
»Es wird ja wohl einer den Mut haben, aufzustehen und zu sagen, was das bedeuten soll?« schrie der Lehrer.
Niemand rührte sich.
»Nun, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Herrn Direktor Korn zu melden, daà ich durch ein unerklärliches Geräusch im Unterricht gestört worden bin.«
Aber Herr Rothgrün erstattete dem Direktor keine Meldung; denn er wuÃte wohl, daà der einen sehr direkten Schluà auf seinen Unterricht ziehen würde. Der Direktor hielt zu dem Grundsatze: »Unterrichtet nur gut; dann kommt der Respekt der Schüler von selbst.« Auch erklärte sich Herr Rothgrün das »unerklärliche Geräusch« sehr schnell und richtig; er begann sofort zu erzählen; diesmal erzählte er freilich noch mangelhaft, weil er den Stoff nur in einigen Reminiszenzen beherrschte, aber von der nächsten Stunde an vorzüglich; denn wenn er wollte, so konnte erâs vielleicht am besten von allen Lehrern der Anstalt.
Geschichte hören oder Geschichte lesen, das gab Asmus immer besondere Freuden. Nicht, daà er an die Geschichte geglaubt hätte, â er glaubte die profane Geschichte so wenig wie die biblische. Aus seiner »Faust«-Lektüre wuÃte er sehr wohl:
»Die Zeiten der Vergangenheit Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln. Was ihr den Geist der Zeiten heiÃt, Das ist im Grund der Herren eigner Geist, Darin die Zeiten sich bespiegeln.«
und dem stimmte er von ganzem Herzen zu. Um wirklich zu wissen, muÃte man von all den Fürsten, Feldherren und Priestern, muÃte man vor allem von der Menge des Volkes wissen, was sie bei ihren Handlungen dachten, fühlten, beabsichtigten und wünschten, und davon hörte man so gut wie nichts. Kaum daà einmal durch einen glücklichen Zufall ein Lichtschein in diese ewig versunkene Welt fiel, wie ein Sonnenstrahl in eine Kammer einer verschütteten Stadt. Und die Menschen der Geschichte waren ihm wie die Gebilde einer rohen Holzschneidekunst, die die menschliche Gestalt kaum in leisen Andeutungen erkennen lassen. Daà man aus der Geschichte etwas lernen könne, das glaubte er nicht. Aber lange Zeitläufte der Geschichte formten sich ihm zu riesigen Bildern von wunderbarer Gewalt, und in diese Bilder versank er mit aufgerissenen Augen und horchender Seele, wenn er hörte und las. Er sah ein Jahrhundert, da stille Mönche in stiller Zelle saÃen und vom Virgil oder Cassiodor den Blick erhoben und durchs Fenster voll gläubiger Hoffnung schauten über weites, unbesiedeltes deutsches Land, indessen andere, das Kreuz in der Hand, durch unerforschte Wälder schritten und auf heiterer Lichtung ein Kirchlein oder eine Kapelle errichteten. Er sah ein Jahrhundert voll Weihrauch und MeÃgewänder, da königliche Väter büÃend vor unnatürlichen Söhnen knieten und lange Sündenregister, vom Priester singenden Tones verlesen, bekannten, und das ganze neunte Jahrhundert ward ihm zum »Lügenfeld«. Dann gab es eine lange Zeit, deren Angesicht in die bunte Glut des Ostens schaute und blinkende Ritter und düstere Mönche, Männer und Weiber, Greise und Kinder in jahrhundertelangen Zügen nach den ewigen Spuren des Nazareners wandern sah. Das ernste Jahrhundert des Wittenberger Mönches baute sich ihm auf mit den strengen und nüchternen Säulen eines lutherischen Gotteshauses, aus dem die streitbaren Glaubensgesänge hinausklangen in einen grauen und feuchten Novembertag; dann kam ein Jahrhundert, das lag verborgen unter den Brand- und Blutwolken eines endlosen Krieges, und so nah zogen die Wolken über den Erdboden dahin, daà die Menschen nur gebückt dahinschlichen. Aber das achtzehnte Jahrhundert, das sah er trotz aller Kriege und aller groÃen Revolution wie eine friedsame Stadt mit winkelig-sauberen GäÃchen, wo aus schnurrig gegiebelten Häusern Gelehrte mit Zöpfen und Kniehosen hervortraten und bedachtsam über die StraÃe schritten zum Nachbar von drüben, um mit ihm über die Schriften Voltaires oder über das neueste Werk des erstaunlichen Königsberger Professors zu streiten.
So hörte, so sah er die Geschichtserzählungen des Herrn Rothgrün. Aber dann muÃte dieser Herr einmal ein halbes Jahr lang vertreten werden, und die Vertretung übernahm Herr Stahmer, der Religionslehrer. Und wieder empfing Asmus eine Offenbarung. Herr Stahmer behandelte während eines ganzen Semesters einen Zeitraum von zehn Jahren; er verfolgte die Geschichte bis in die Kabinette von Wien, Berlin und Petersburg hinein und erzählte so ziemlich alles, was man über die zehn Jahre wuÃte. Und mit einem Male ward dem Jüngling die Geschichte zur Wissenschaft. Die rohe, unverdauliche Masse der Tatsachen, wie sie Herr Rothgrün und wie sie die üblichen Lehrbücher aufhäuften, absonderlich die GroÃtaten der Kriegesfürsten, die mit dem Schwerte die Welt durchzogen, waren ihm von jeher furchtbar gleichgültig und langweilig gewesen: jetzt zum ersten Male ahnte er etwas von geschichtlichen Zusammenhängen. Bei Herrn Stahmer sah er keine visionären Bilder; aber er sah das Leben, und eine andere, neue Freude wärmte ihm das Herz. Wieder verschlang er jedes Wort, fast ehâ es der Lehrer gesprochen; wieder schrieb er des Abends im stillen Hause mit fliegender Feder zwanzig, dreiÃig Quartseiten voll, und wohl zehnmal muÃte ihm sein Vater mit milde mahnendem Finger auf die Schulter tupfen, er möge sich zur Ruhe legen. Mit brennendem Eifer sagte sich Asmus: In der Geschichte muà man alles wissen, sonst weià man nichts. Und etwas GröÃeres begriff er: Viel wissen, bedeutet gar nichts; aber _eine_ Sache _ganz wissen_, das ist Aufklärung, Befreiung. Dann wird Wissen zum Leben und macht in die gefrorenen Fenster, die uns umgeben, ein Guckloch nach der AuÃenwelt. Als er später in der »Systematischen Pädagogik« das »#non multa sed multum#« bis zum Ekel wiederkäuen muÃte, da begriff er nicht, warum man dies Wort immer wiederholte und niemals befolgte.
Das und manches andere im heiligen Tempel des Präparandeums war nun wohl gut und schön; aber es gab auch gefürchtete Stunden, und die gefürchtetsten waren die Zeichenstunden, die in einer weit entlegenen Gewerbeschule genommen werden muÃten. Sie waren so schlecht, daà sie sogar den Charakter verdarben.
Wie hatte sich Asmus aufs Zeichnen gefreut! Von früher Kindheit an hatte er gezeichnet, und in den Berg- und Waldlandschaften, die er kopiert hatte, hatte er ein frommes und seliges Leben gelebt. Selbst der kümmerliche Zeichenunterricht seiner Dorfschule hatte ihm noch Freude gemacht. Als Asmus zum ersten Male in dem riesigen Zeichensaal, der so viel mit der Kunst gemein hatte wie das Wartezimmer eines Bezirkskommandos, Platz genommen hatte, da setzte ihm Herr Semmelhaack ein dreiseitiges Prisma von Holz vor. Asmus zeichnete willig den Holzklotz und wartete die Wiederkunft des Lehrers ab.
Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine Seitenfläche. (Bis dahin hatte es auf einer Grundfläche gestanden.)
Asmus zeichnete den Klotz in der neuen Stellung und erwartete den Lehrer.
Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine andere Seitenfläche.
Asmus dachte: Aller Anfang ist öde, und zeichnete den Klotz zum dritten Male.
Herr Semmelhaack hatte an der Zeichnung einiges auszusetzen und legte dann den Klotz auf die groÃe Seitenfläche.
Asmus dachte: Die Wurzeln der Kunst sind bitter; aber ihre Früchte sind süÃ, und porträtierte das interessante Holz zum vierten Male.
Jetzt bin ich mit dem verdammten Klotz durch, dachte Asmus; da kam der Lehrer und stellte das Prisma etwas nach rechts.
Asmus richtete einen langen Blick auf Herrn Semmelhaack und zeichnete dann das rechtsstehende Prisma.
Danach kam Herr Semmelhaack und stellte der Abwechslung wegen das Prisma etwas nach links.
#Per aspera ad astra#, dachte Semper und machte auch das.
Hierauf nahm der »Lehrer« das Prisma und stellte es Sempern wieder gerade vor die Nase, aber »über Eck«, so daà man drei Flächen auf einmal sah.
»Es ist allerdings etwas Anderes und Neues,« sagte sich Asmus, betrachtete Herrn Semmelhaack mit einem noch viel längeren Blick und machte sich wieder an seinen vertrauten Klotz.
In verzweifelten Momenten schaute Asmus sich sehnenden Blickes um; es gab überall nur Holz und Gips. Der gröÃte Künstler unter den Schülern zeichnete einen pompösen Blumenstrauà â von Gips. In der ganzen Anstalt, soweit er hineinblicken konnte, sah er kein lebendiges, erfreuendes Objekt.
Er traute seinen Augen nicht, als Herr Semmelhaack eines Tages das dreiseitige Prisma wegnahm und einen neuen Klotz brachte. Dieser Klotz bestand aus zwei vierseitigen Prismen, die im rechten Winkel aneinander saÃen. O, damit konnte man nun die tollsten und interessantesten, die bizarrsten und perversesten Dinge vornehmen; bis zum jüngsten Gericht konnte man das immer anders aufstellen. Als Asmus bei der siebenten Stellung war, da lag der Winkelklotz da wie eine Sphinx, die ihre Arme breit über die ganze lange Bank legte, den Kopf in die Hände stützte und ihn anglotzte und angähnte, und dann sagte die Sphinx, indem sie immer zwischen zwei Worten gähnte: »Ich kann â dreihundertfünfundneunzig Millionen â Stellungen â einnehmen â huu â ja.«
»Das hält kein Nilpferd aus,« antwortete Asmus.
»Sagten Sie etwas?« fragte Herr Semmelhaack.
»Ja. Ich kann nicht mehr zeichnen. Ich habe Augenschmerzen.«
Zum nächsten Unterricht ging er überhaupt nicht; er entschuldigte sich mit Augenschmerzen.
Das ging nun wohl einmal, ging auch zweimal; dann aber sagte Herr Tönnings mit dem steifen Halskragen: »Ja, dann müssen Sie ein ärztliches Attest beibringen.«
Also muÃte Asmus zum Vertrauensarzt der Schulbehörde.
IV. Kapitel.
Asmus befreit sich aus einem Hungerturm und studiert in einem Taubenschlag.
Von allen Qualen des Lebens hielt Asmus zwei für die unerträglichsten: Zahnschmerzen und Langeweile. Lieber als in dieser Kunstkaserne wöchentlich zwei Stunden, das heiÃt zwei Jahrhunderte an einen Klotz geschmiedet zu sein, lieber wollte er ein schlechter Mensch werden. Und so rieb er sich im Vorzimmer des Arztes tüchtig die Augen und kniff sie ein Dutzend Mal zusammen.
»Die Augen tränen,« sagte der Arzt, und er schrieb ein Attest, daà der Patient wegen tränender Augen sechs Wochen lang nicht zeichnen dürfe.
Asmus barg das kostbare Blatt sorgfältig wie eine Banknote in der Tasche, fühlte unterwegs mehrmals nach, ob erâs auch noch habe, und überreichte es frohen, tränenlosen Blickes Herrn Tönnings.
Herr Tönnings vertrat mit Recht die exaktesten Wissenschaften. Man weiÃ, wie es zugeht, wenn ein dicker Pfahl tief in ein festes Erdreich getrieben werden soll. Immer wieder saust die Ramme herab, immer wieder, hundertmal, tausendmal, stundenlang, tagelang. So unterrichtete Herr Tönnings: immer wieder auf denselben Pfahl, immer wieder drauf. Dann aber saà er auch für die Ewigkeit, und man konnte ein Haus drauf bauen. Was man bei ihm gelernt hatte, vergaà man niemals wieder. Aber leider vergaà er ebensowenig. Und also sprach genau nach sechs Wochen Herr Tönnings, der niemals Lächelnde: »Ihr Attest ist abgelaufen.«
Asmus ging wieder zum Arzt und kniff und rieb rechtzeitig seine Augen.
»Die Augen tränen noch immer,« konstatierte der Arzt sehr richtig und dispensierte den Kranken »bis auf weiteres« vom Zeichenunterricht.
»Ja, damit müssen Sie wohl zum Direktor gehen,« sagte Herr Tönnings.
Als der Direktor gelesen hatte, schnauzte er los: »Das jibtâs nicht. Ein Lehrer muà jesunde Sinne haben!« Er durchbohrte Asmus mehrere Male mit Blicken und wartete, ob er etwas sagen werde. Aber Asmus wuÃte schon Bescheid: er sagte nichts. »ân Lehrer, der nicht sehen kann, können wir nicht brauchen!« schrie Herr Direktor Korn, durchbohrte mit seinen glitzernden Brillenaugen den jungen Semper noch ein paar Mal und wartete auf eine Erwiderung. Aber der sagte nichts. Es war in der Anstalt alte Ãberlieferung: man muà ihn ein paar Minuten kochen lassen, dann wird er genieÃbar. »Dann müssen Sie die Anstalt verlassen!« stieà der Direktor hervor, kratzte sich hörbar seine silbernen Bartstacheln und durchbohrte Sempern noch drei- bis viermal. Semper sagte nichts. »Wie heiÃen Sie noch?« Direktor Korn warf einen Blick ins Attest. »Semper?«
»Jawohl, Herr Direktor!«
»Waren Sie das nicht, der neulich den âErlkönigâ vortrug, als ich hospitierte?«
»Jawohl, Herr Direktor!«
»Na. â Das war jut. â Kennen Sie denn sonst noch was von Joethe?«
Asmus wurde lebendig. Er begann aufzuzählen.
»Na, das ist ja so ziemlich alles. Haben Sie denn auch alles verstanden?«
»Das â wohl kaum!«
»Welche Dichter haben Sie denn noch jelesen?«
Asmus nannte eine lange Reihe.
»Haben Sie Jean Paul jelesen?« Doktor Korn hatte ein ganz sonniges Gesicht bekommen. Das war sein Liebling.
Asmus nannte ein paar Romane Jean Pauls.
»Na, Sie haben ja âne janze Masse jelesen. Dabei haben Sâ sich wohl die Augen verdorben?«
»Die Augen?« wollte Asmus schon verwundert fragen; da fiel sein Blick noch rechtzeitig auf das Attest. Er blieb stumm und errötete tief; so viel Freundlichkeit konnte er nicht mit offenen Augen anlügen.
»âs is jut. Sie können jehen,« sagte der Herr Direktor. Und Asmus betrat das Holzmagazin niemals wieder. Der Direktor mochte eine Ahnung haben von den Schrecken jenes Hungerturms, wo der Geist an einen Klotz geschmiedet und mit Gips ernährt wurde.
Viktoria! Nun konnte er wöchentlich noch zwei Stunden länger in seinem Arbeitszimmer sitzen und sich immer tiefer in den Kuchenberg des Weltalls hineinessen. Ja, das Weltall war ein Kuchenberg, nahrhaft und süÃ, und das Leben ein Schlaraffenland und sein Arbeitszimmer eine heilige Halle, obwohl es eigentlich kein Zimmer, sondern ein Tisch mit zwei Beinen war, den man mit der einen Seite an die Wand genagelt hatte. Dieser Tisch stand in der allgemeinen Arbeitsstube, wo der Tabak zubereitet und die Zigarren gemacht wurden; denn im Winter durfte der Sparsamkeit halber nur ein Raum geheizt werden, und als der Sommer kam, war es Asmussen eine liebe Gewohnheit geworden, unter den schwatzenden, lachenden und sich streitenden Arbeitern seine Quadratwurzeln auszuziehen, Vokabeln zu lernen und Aufsätze zu schreiben. In diesem bescheidenen Raume saÃen Ludwig Semper, der Vater, Johannes, sein Sohn und Gehilfe, zwei andere Gehilfen, ein Tabakzurichter, gewöhnlich auch Rebekka, die Mutter, beim Tabak helfend oder mit einer häuslichen Verrichtung beschäftigt, und endlich der Präparand Semper. Das war der Personenstand in ruhigen Zeiten. Aber das Arbeitszimmer der Semper war ein Taubenschlag, wo es von seltsamem Geflügel immer aus- und einflog. Da kamen sozialdemokratische Parteihäupter, die mit Johannes Semper wichtige Dinge von aufgelösten und anzumeldenden Versammlungen zu beraten hatten. Da kam der Kontrolleur des Fabrikanten, der nachschauen muÃte, ob die Zigarren gut und nicht zu schwer gemacht würden, ein ernster, steifer Mann, der aber jedesmal warm wurde, wenn Ludwig Semper mit ihm vom Theater sprach, und der diesem angelegentlichst empfahl, er möchte sich doch einmal den »Lohengrin« anhören. Ludwig Semper faÃte denn auch um diese Zeit zum ersten Male den EntschluÃ, in den »Lohengrin« zu gehen.
Da kam schrecklicherweise auch der Barbier Ludwig Sempers, der drei Minuten rasierte und dann zwei Stunden schwatzte; er glich in Miene und Gestalt, in seiner Stimme und seiner Schwatzhaftigkeit einem alten Weibe; nur seine Hand und sein Messer lasteten schwer auf der Wange seiner Opfer wie die Keule des Herkules.
»Ein schrecklicher Zwirnbeutel,« sagte Ludwig Semper, wenn er gegangen war, und das war ein treffender Vergleich. Wie man aus dem Nähbeutel einer unordentlichen alten Dame, in dem sich die Garnknäuel vieler Generationen verwirrt und verfitzt haben, nur nach stundenlanger Mühe einen Faden hervorholt, so holte er aus seinem Erinnerungssack seine zwirndünnen Geschichten hervor; jede auftretende Person verfolgte er bis in ihre entferntesten Verwandtschaften; er entwickelte die Genealogien der unbekanntesten Milchleute und der gleichgültigsten Grünwarenhändler.
»Und geschnitten hat er mich auch wieder,« pflegte Ludwig nach solchen Besuchen zu sagen.
»Ja, mein Gott,« rief Frau Rebekka erregt, »warum schaffst du ihn denn nicht ab!«
»Ach, das mag ich nicht,« sagte Ludwig lächelnd, »er schneidet mich nun schon so viele Jahre.«
Nicht der Geringste aber von allen, die da kamen, war Heinrich Moldenhuber, genannt der »Wolkenschieber«, weil er lieber Wolken schob als Zigarren machte und lieber hoch oben auf der Galerie des Stadttheaters saà als in der Tabakstube. Wie ein Komet schoà er von Zeit zu Zeit in die Arbeitsstube der Semper, und in der Tat, für Asmus war dieser Mann wie ein Stern der Kinderzeit; er erinnerte ihn an manche Feierstunde voll Gedanken und Träume, und jedesmal muÃte er nach den hinteren Rocktaschen des Wolkenschiebers blicken, aus denen er einmal einen Apfel und ein Bilderbuch hatte hervorholen dürfen.
Aber wenn er wollte, so konnte er auch im zehnten Teil einer Sekunde eine hundert Fuà dicke und tausend Fuà hohe Mauer um sich aufrichten, durch die kein Ton und Bild der Kommenden und Gehenden, der Plappernden und Klappernden hindurchdrang. Wenn er wollte, so konnte er jeden Augenblick allein sein, ganz allein, wie in einem Grabe.
Aber wahrlich nicht wie in einem Grabe war es in dieser Stille. Es war wie in einer wuchernden Waldwildnis voll wirren Gezweigs, voll Blätter und Blumen, voll Duft und tropfenden Lichts, voll jenes ewigen Summens, das aus dem inneren Getriebe der Welt zu kommen scheint. Wie er sich als Knabe in das innerste Dickicht eines Gehölzes verkrochen und dort stundenlang gehockt und nur geschaut und gehorcht hatte, als müssâ er eines Tages etwas vernehmen wie den _Atem der Welt_, so konnte er sich in die innerste Einsamkeit seiner Seele zurückziehen und selig sein. Aber freilich: schöner noch als am Alltag war es am Sonntag, wenn die Arbeit der andern ruhte und nur sein Vater, schweigend und nimmermüde, den Tabak für die kommende Woche vorbereitete. Dann war Sonntag auÃen und innen, Sonntag lag in allen Büchern, wo man sie auch aufschlug, selbst die Logarithmen hatten Sonntag, und, wenn erâs auch gar nicht sah, Asmus wuÃtâ es immer, wann die warmen Augen seines Vaters auf ihm ruhten, und er war glücklich unter dem Glanz dieser Sterne.
V. Kapitel.
Ob der Mensch schlafen muà oder nicht. Von stummer Liebe und von stygischen Gewässern.
Der Präparand hatte ein kindliches Vergnügen daran, wenn die Bücher sich neben ihm aufhäuften. An Faust muÃte er denken, der hatte auch ȟber Büchern und Papier« gesessen. Faust hatte alle Fakultäten durchstudiert und sagte dann, er sei so klug als wie zuvor. Aber das war im 16. Jahrhundert! Jetzt war die Sache schon anders. Asmus wollte auch alles studieren, alles! Und dann wollte er doch sehen! Er wolltâ es schon herausbekommen,
»was die Welt Im Innersten zusammenhält«!
Und er konnte dem Famulus eigentlich nicht so unwirsch begegnen, wie es Faust tat. Freilich:
»Man sieht sich bald an Wald und Feldern satt; Des Vogels Fittig werdâ ich nie beneiden«
das war natürlich Torheit, oder, wie Asmus in jugendlicher Kraft sagte: »Blödsinn«; aber was dann folgte, das war doch wahr und schön!
»Wie anders tragen uns des Geistes Freuden Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt! Da werden Winternächte hold und schön, Ein selig Leben wärmet alle Glieder â«
Ja, ja, ja, so war es, da hatte der »trockne Schleicher« dennoch recht! Und zuweilen fragte sich Asmus, ob es nicht das schönste Leben wäre, immer am Tische zu sitzen, links Bücher und rechts Bücher, vor sich Bücher und hinter sich Bücher, und gar nicht wieder aufzustehen und niemals schlafen zu gehen. Wenn Ludwig Semper ihm mit leisem Finger auf die Schulter klopfte und sagte: »Du muÃt zu Bett gehen,« dann fragte sich Asmus immer: »Warum geht man eigentlich schlafen? Ich werde noch einmal beweisen, daà man überhaupt nicht zu schlafen braucht.«
Er hatte den Gang und die Haltung seines Vaters geerbt; sein Vater aber ging mit groÃen Schritten und mit gesenktem Kopf.
»Jungâ, gehâ doch grade!« rief seine Mutter; »grad auf wie ich, sagte der schiefe Tanzmeister,« so rief sie viele hundert Male, und dann richtete Asmus den Kopf empor und trug ihn über eine Minute lang hoch in den Lüften; dann aber sank er langsam, langsam wieder hinab, dem Tal der Träume zu.