Semper der Jüngling

Chapter 19

Chapter 193,716 wordsPublic domain

Endlich, endlich kam eine prächtige Gelegenheit, dem Herzen Luft zu machen. Mansfeld hatte mit seinen Schülern einen Ferien-Ausflug unternommen, und Asmus und die Damen hatten sich angeschlossen. In einer hübschen Gartenwirtschaft, die den freundlichen Namen »Zum Morgenstern« führte, hielt man Rast, und Hilde hatte sich daran gemacht, die gepflückten Feldblumen zu einem Strauße zu ordnen, als Asmus zu ihr trat. Mansfeld und Frau waren abseits mit den Kindern beschäftigt.

XLIX. Kapitel.

Asmus Semper wird streitsüchtig, wettet, lügt, vergreift sich an Goethe und benimmt sich feige.

»Wo haben Sie die Calluna gepflückt?« fragte Asmus, indem er einen Zweig der Glockenheide aufnahm.

»Im Moor. Aber das ist nicht Calluna, das ist Erika.«

»Das ist Calluna.«

»Das ist Erika.«

»Das ist Calluna.«

»Das ist Erika.« Sie lachten beide.

»Das Heidekraut ist Erika, und Calluna ist die Glockenheide,« sagte Asmus. Er hatte sich’s inzwischen überlegt und wußte, daß sie recht habe; aber er fand es viel hübscher, mit ihr zu streiten.

»Im Gegenteil,« lachte sie, »die Glockenheide heißt Erika.«

»Wetten?« rief Asmus.

»Ja!« Ihre Augen leuchteten.

»Um was?«

Sie machte plötzlich ein ernstes Gesicht und sagte zögernd:

»Wenn Sie verlieren, müssen Sie mir ein Gedicht schenken. Das ist wohl schrecklich unbescheiden, nicht wahr?« fügte sie schnell hinzu.

»Ich fürchte, es ist nur allzu bescheiden,« sagte Asmus. »Und was geben Sie mir, wenn ich rechte habe?«

»Das – weiß ich noch nicht – das findet sich dann,« sagte sie errötend.

Am Abend hatte er es fast eilig, von ihr fort zu kommen, damit er zum Dichten komme. Sie wollte ein Gedicht von ihm! War das nicht ein Zeichen von Liebe? Ach nein, ach nein. Andere Damen hatten ihn auch schon darum gebeten, sicherlich, ohne ihn zu lieben. Die Mädchen prunken gern mit dergleichen – so weit kannte er die Mädchen auch. Freilich: so war _sie_ nun eigentlich nicht....

Einen Augenblick dachte er, er wolle ein Akrostichon auf ihren Namen machen, weil das so schön deutlich sei. Aber er schalt sich sofort darüber aus: »Erstens ist es läppisch und keine Dichtung, und zweitens wäre es nicht mehr deutlich, sondern frech.« Er nahm nun eine Maske vor, die Maske eines Mannes, der sich aus dieser Welt des Alltags nach der Welt der Romantik, nach der Zeit der schönen Melusinen, der Minnesinger und der Ritter sonder Furcht und Tadel sehnt, und schloß sein Ottaverimengebäude also:

»Wie schlüg’ ich gern, ein schwertgewandter Ritter, Mit leichtem Mut mein Leben in die Schanze, Wie schwäng’ ich gern im Schlachtenungewitter Für der Bedrückten Recht die wucht’ge Lanze! Vor Raubverließen sprengt’ ich Wall und Gitter Und kehrte heim mit wohlverdientem Kranze. Dann blühte mir, die Frucht von blut’gen Saaten, In starker Brust das stolze Glück der Taten.

Wie gern ... doch still! Es öffnen sich die Zweige – Ein leises Knistern über meinem Haupte – Ich forsche, daß der süße Mund sich zeige, Der so verstohlen-leisen Kuß mir raubte – Du bist’s Geliebte! Komm hervor und neige Dein Haupt mir zu, das frühlingsgrün-umlaubte! Verlassen hat ein schöner Traum die Lider – Die schön’re Wirklichkeit erkenn’ ich wieder!

Mich trog ein alter Wahn – bis ich erwachte In deinem Arm, im heimatlichen Walde! – Ob je so schön wie heut’ herüberlachte Der Silberstrom, die farbenreiche Halde? – Auch heut’ bekämpf’ ich kühn, was ich verachte, Zwar nicht als Ritter, doch als freier Skalde; O sieh zum Horizont die Sonne gleiten: Noch lebt die Schönheit wie in alten Zeiten!«

Ob das zu kühn war? Ach nein – jedenfalls: vor dem Tintenfaß hatte er Mut; er schrieb es auf sein schönstes Papier, schob es in einen feinen Briefumschlag, liebkoste jeden Buchstaben ihres Namens mit den Augen, als er die Adresse schrieb, und ging zum Briefkasten. Als der Brief schon halb in der Spalte des Kastens steckte, zauderte er einen Augenblick. Sollte er’s wagen? Aber ein höherer Wille stieß ihm an den Ellbogen, und der Brief fiel hinein.

Asmus seufzte tief auf. Das war ein entscheidender Schritt, dachte er. –

Schon am übernächsten Morgen hatte er einen Brief.

»Sehr geehrter Herr Semper!

Haben Sie innigsten Dank für das wunderschöne Gedicht! Ich hab’ es schon viele Male gelesen, und jedesmal gefällt es mir besser. Aber wetten darf ich nicht wieder mit Ihnen; denn solchen Einsätzen vermag ich nichts entgegenzustellen.

Ich werde Ihr Gedicht an sicherer Stelle verwahren.

Mit schönsten Grüßen Ihre sehr ergebene Hilde Chavonne.«

Beim ersten Lesen schien ihm der Brief eine feurige Liebeserklärung; beim zweiten schien er ihm nur noch eine Liebeserklärung, und je öfter er ihn las, desto mehr wurde er sich klar, daß diesen Brief auch jede andere Dame geschrieben haben könnte. Jede? Nun ja, er war sehr freundschaftlich gehalten; aber gute Freunde waren sie ja schließlich wohl. »Ich werde Ihr Gedicht an sichrer Stelle verwahren!« das konnte heißen: Ich werde es am Busen tragen – es konnte aber auch heißen: Ich werde es in meiner Kommode verschließen. Und dann der Satz: »Aber wetten darf ich nicht wieder mit Ihnen!« Sie gab ihm zwar eine sehr bescheidene Begründung; aber konnte nicht auch ein feiner Verweis darin liegen: Du bist zu dreist gewesen!? Freilich: da stand: »Mit _schönsten_ Grüßen Ihre _sehr_ ergebene.« Das war sehr viel! Aber eine steife, »zippe« Hamburgerin, die den Herren nur die Fingerspitzen reicht und beim Gruß nur mit der Hutfeder nickt, war sie ja überhaupt nicht, obwohl sie in Hamburg geboren war. Und »Ihre _ganz_ ergebene« stand nicht da ...

Als er sie wiedersah – es war an einem Sonntagmorgen – fühlte er wohl bald an ihrem Dank und ihrem Geplauder, daß sie an einen »Verweis« nicht gedacht haben könne; aber sie trug ein weißes Morgenkleid mit rosa Bändern, und darin sah sie nun aus wie eine Königin der Lilien! Ach, armer Asmus! Du hast im Ernste geglaubt, solch ein Weib könnte für _dich_ blühen? Dies Kleid schlug all seine Hoffnungen nieder.

Und so war er denn genau so weit wie vordem. Zum Glück ließ die Wirkung des Kleides, als er die Trägerin nicht mehr vor Augen hatte, nach, und er gelangte zu dem Ergebnis: Ich muß noch einmal mit ihr wetten!

Er traf sie bei seinem nächsten Besuch mit einer zierlichen Arbeit beschäftigt. Auf ein weißes Blatt legte sie in mehreren Schichten nacheinander schöne Blätter der verschiedensten Pflanzen, und nach jeder Lage besprengte sie das Ganze mit einer dünnen Sepialösung. Wenn alles beendigt war, kam ein anmutiges Bukett der reizendsten Blattformen zum Vorschein. Es war eine Arbeit, die nicht viel Kunst, wohl aber Sorgfalt und Geschmack erforderte.

Als sie nahezu beendet war, betrachtete Hilde ihr Werk mit geneigtem Kopfe und sagte:

»Die Grazien sind leider ausgeblieben.«

Halt, dachte Asmus, das ist eine Gelegenheit.

»Sagt Schiller,« fügte er hinzu. Er wußte ganz genau, daß er sich an Goethe vergriff.

»Ist das nicht von Goethe?« fragte sie, einen Augenblick durch seine Bestimmtheit unsicher gemacht.

»Nein, von Schiller.« Da wurde er doch rot.

»Doch – es ist aus »Tasso!« rief sie.

»Keine Spur. Von Schiller ist es.«

Sie lachte: »Fangen Sie schon wieder an?«

»Wollen wir wetten, daß es von Schiller ist?« rief er.

Sie wurde purpurrot und rief: »Ja!«

»Um was?«

»Wenn Sie unrecht haben – nein, es wäre zu unbescheiden!«

»Sie können nicht unbescheiden sein.«

»Ein Gedicht? Wollen Sie?«

»Mit Freuden. Und wenn Sie unrecht haben?«

»Was verlangen Sie dann?«

Asmus hob die eben vollendete Arbeit auf. »Dieses Blatt!«

»Nicht dies, aber ein besseres!«

Dann holte sie den Tasso vom Bücherbrett, konnte aber die Stelle nicht sofort finden.

»Darf ich?« fragte Asmus. »_Wenn_ es drinsteht, werd’ ich es bald finden.« Er blätterte einen Augenblick. »Wahrhaftig, Sie haben recht! Tasso sagt es vom Antonio.«

Sie triumphierte. – – –

Diesmal fiel sein Gedicht deutlicher aus. Es war etwas herkömmlich im Ton, etwas heine-geibelig sozusagen; aber deutlich war es.

»Wir standen auf hoher Warte In klarer Sommerluft; Tief unten lag die Erde In lauter Glanz und Duft.

Und über unsern Häuptern Der Himmel hoch und hehr Ein unergründlich tiefes, Ein weites, blaues Meer!

Es strebte mein Geist zum Himmel Und strebte zur Erde auch: Ihn lockte die himmlische Reine, Der irdische Wonnenhauch.

Fern waren Erd’ und Himmel; Du aber warst bei mir, Und haften blieb mein Auge, Das sehnende – an dir. –

Du bringst mir irdische Wonnen Auf rosigen Lippen dar; Es fließt der Schönheit Zauber Von deinem goldnen Haar.

Du trägst des Himmels Reinheit Und Frieden im Angesicht; Treu glänzen deine Augen Wie seiner Sterne Licht.

Vergessen die prangende Erde, Vergessen das himmlische Zelt! In dir halt ich umfangen Den Himmel, die Erde – die Welt!«

Er hatte erst schreiben wollen:

»Von deinem _braunen_ Haar«

aber das schien ihm denn doch zu deutlich, und er machte ein goldenes Haar daraus; dann konnte sie das ganze Gedicht auch auf eine andere beziehen. Daß man hübschen jungen Mädchen keine solchen Gedichte schenkt, wenn sie sich auf andere beziehen, das fiel ihm nicht ein. Seine geistige Begabung lag auf anderen Gebieten.

Als er den Briefumschlag mit der Zunge feuchtete, hielt er plötzlich inne und starrte vor sich hin. War es nicht eigentlich unwürdig, ihr das Gedicht so hinterrücks durch den Postboten zuzustellen? War es nicht männlicher, einfach vor sie hinzutreten und zu sagen: Hier ist das Gedicht!? Aber, wenn Sie’s dann las – nein, nein, nein, nein! Dann war es noch männlicher, ihr ins Gesicht zu sagen: »Hilde Chavonne, ich liebe dich!« und das konnte er eben nicht. War das Feigheit? O, wenn es nicht Hilde, wenn es Drögemüller wäre, dann wollte er schon zeigen, daß er offen und mutig die Stirn zeigen konnte. Aber Hilde – – wenn das feige war, dann war es eben feige, daran war nichts zu ändern. Er schloß den Brief und steckte ihn ein. Aber als er ihn fallen hörte, da war’s ihm, als höre er auch sein Herz in den Kasten fallen. Es war doch eine Riesenkühnheit. Wenn sie jetzt zürnte – nun, dann liebte sie ihn nicht, dann war alle Hoffnung zu Ende.

Wenn sie ihm aber nicht zürnte – was war damit bewiesen?

Eigentlich nichts. – Nun, man würde ja sehen.

L. Kapitel.

Der Verfasser durchbricht aus Wut über seinen Helden die Kunstform.

Der nächste Tag war ein Mittwoch; mit klopfendem Herzen trat er zu den Mansfeld ins Zimmer – sie war nicht da. Ein schlimmes Zeichen. Sonst war sie immer dagewesen. Das Gespräch mit den Mansfeld wollte nicht in Gang kommen. Endlich, nach einer Viertelstunde, die Sempern zu einer Ewigkeit angeschwollen war, trat das Fräulein herein. Sie wollte unbefangen erscheinen; aber alle Anstrengung half ihr nichts; sie wurde blutrot und senkte den Blick, als sie Asmussen die Hand gab und ihm sagte:

»Ich danke Ihnen _sehr_!«

Dann flog ein Engel durchs Zimmer. Und noch einer. Und noch einer. Hilfreiche Engel waren es nicht; denn sie halfen dem blutschwitzenden Asmus auch nicht mit einem Wörtchen aus. Endlich half er sich selbst, indem er heftig das linke Bein über das rechte schlug (genau wie Ludwig Semper). Das half.

»Sonnabend wird der ‘Freischütz’ gegeben, in einer vorzüglichen Besetzung,« rief er, und wußte selbst nicht, warum er so laut sprach. Man kam überein, daß man gemeinsam hingehen wolle; die Unterhaltung kam in Fluß; Hilde nahm daran teil und sprach auch mit Asmus, sogar unter freundlichem Lächeln. Böse war sie nicht, das stand nach diesem Lächeln fest; aber sonst –

Ja, sonst war er immer noch auf dem alten Fleck. Wie konnt’ es auch anders sein. Konnte sie nach diesem Gedicht zu ihm kommen und sagen: »Ihr Antrag ehrt mich« oder: »Ich teile vollkommen Ihre Gefühle; hier ist meine Hand?« Es war eine ganz verteufelte Sache. _Sie_ mußte einmal eine Wette verlieren, und dann würde sich ja zeigen, was _sie_ ihm schenkte! Als er daheim in seiner Zelle diesen Gedanken erwog, brachte ihm der Postbote ein dünnes Paket.

Ihre Handschrift!

Er riß die Umhüllung herunter und fand eine Mappe, die auf beiden Deckeln allerliebste Blattsträuße in zahlreichen und zarten Abstufungen von Sepia-Braun zeigte. Ein Briefchen dabei!

Werter Herr Semper!

Da Sie Gefallen an der Spielerei fanden, so sende ich Ihnen diese Mappe, die sich vielleicht durch Aufbewahrung von Notizen und dergl. nützlich machen kann. Sie soll keine Vergeltung für Ihr Gedicht sein; eine solche Gabe zu lohnen, bin ich leider außerstande.

Mit den herzlichsten Grüßen Ihre dankbare Hilde Chavonne.«

»Sie liebt mich!« jubilierte Asmus in seinem Herzen. »Sie beschenkt mich! Und wie beschenkt sie mich! Wie reich, mit welcher Sorgfalt ist das gemacht! Mit Goldpapierstreifen umrändert! Mit weißseidenen Bändern gebunden!« Und wie zärtlich schrieb sie, wie liebevoll!

Er nahm den Brief wieder her – ein ganz zarter Duft ging mit diesen Zeilen, ein kaum merkbarer, aber ein feiner, milder, warmer Duft! »_Werter_ Herr Semper« schrieb sie. Also er war ihr wert! Und »Sie soll keine Vergeltung für Ihr Gedicht sein; eine solche Gabe zu lohnen, bin ich leider außerstande – –!«

Hm. Es fiel ihm plötzlich auf, daß das zweierlei bedeuten könne. Es konnte heißen: Das Gedicht ist so schön, daß ich ihm nichts Gleichwertiges gegenüberstellen kann, wie man den Wert eines echten Kunstwerks (»wenn dies eins wäre!« klammerte Asmus ein) überhaupt nicht mit materiellen Gütern ausmessen kann. Aber die Liebe eines Menschen war doch gewiß etwas Gleichwertiges, ja, war unendlich viel mehr – sollte das bedeuten: »Den Lohn, du dir denkst – meine Liebe – kann ich dir nicht gewähren«? – O, o, o, wie der ganze Brief gleich anders aussah! »_Werter_ Herr Semper,« das war viel legerer als »_Sehr geehrter_ Herr Semper«, viel weniger achtungsvoll. – Und »Da Sie Gefallen an der Spielerei fanden« – sie legte der ganzen Sache keinen Wert bei; es war ein Nichts – warum sollte sie es ihm nicht schenken – dann waren sie quitt, und sie war ihm nichts mehr schuldig –

O diese verteufelte Auslegung, o diese verwetterten Ausleger! Sie verhunzen die frischesten Offenbarungen der Menschenseele! Durch »Exegese« verhunzte er sich dieses Geschenk eines Mädchens, das mit vor Bangen, vor Eifer, vor Freude bebenden Händen Tage und Nächte an diesem Kunstwerk gebaut hatte, bei jeder Linie, jedem Bändchen voll Hoffnung, daß sie ihm gefallen, voll Sorge, daß sie ihm mißfallen möchten!

Freilich: Mädchenbriefe wie dieser sind geschrieben, um Liebe ganz zu offenbaren und ganz zu verbergen, und es war kein Wunder, daß Asmus diese Sprache noch nicht verstand. Er ahnte zum Beispiel nicht, daß das Wort »Notizen« mit »Gedichte« zu übersetzen war und daß der ganze Satz bedeuten sollte: »Wenn du Verse geschrieben hast, leg’ sie in diese Mappe; das wird mir sein, als dürft’ ich selbst sie hegen.«

Das Schicksal war dem Zauderer günstiger, als er es eigentlich verdiente. Am »Freischütz«-Abend folgten die Mansfeld einer Einladung, die sie nicht ablehnen konnten, und Asmus saß allein neben der Stillgeliebten! Er saß neben ihr, und da die billigen Plätze sehr schmal waren, saß er sogar recht dicht neben ihr, in beständiger Berührung mit ihrem Kleid, und einmal, als ihr der Zettel entfallen war und sie ihn aufheben wollte, streifte sogar ihr Haar, ihr köstliches Haar seine Wange! Solche weihevollen Berührungen entzückten ihn tief und entmutigten ihn ganz. Denn je herrlicher sie war, desto weniger wagte er sie zu begehren; ihm war, als solle er in einen hochumgitterten Schloßgarten gehen und dort die seltenste Blume brechen. Eine tiefe Demütigung müßte die Folge sein.

Aber schon ungestört mit ihr zu plaudern, war warmes, heimliches Glück. Er erzählte ihr, wie er als Knabe auf seinem Puppentheater den »Freischütz« gespielt habe und wie ihm das Liebste daran die Wolfsschlucht mit dem feurigen Rad und allem Teufelsspuk gewesen sei.

»Wenn ich ehrlich sein soll,« sagte er, »ich freue mich noch heute auf die Wolfsschlucht, und jeden Tag möcht’ ich mir wieder ein Puppentheater bauen und damit spielen. Freilich: auf die Musik freu’ ich mich noch ganz anders. Wenn die ganze deutsche Nation zugrunde ginge und nur der »Freischütz« erhalten bliebe, könnte man aus dieser Oper alle Eigentümlichkeiten der deutschen Seele erkennen.«

Sie hatte den »Freischütz« noch nicht gehört, war überhaupt noch nicht oft im Theater gewesen; ihre Kindheit hatte ihr solche Freuden nicht gewährt, und nun beglückte es ihn, wie sie mit frommer Begierde Musik, Wort und Bild in sich einsog, und er war grenzenlos stolz, ihr Führer sein zu dürfen.

Als sie den Heimweg durchs Dunkel antraten, bot er ihr seinen Arm. Das durfte man wagen. Wie leicht sie an seinem Arme hing! Er hätte gewünscht, daß sie sich ganz auf ihn stützte, sich ganz von ihm tragen ließe. Während er ihr von Oberon, Euryanthe und Preziosa erzählte, dachte er ununterbrochen: Soll ich ihr’s jetzt sagen? Nein, nein, lautete die Antwort. Wenn es sie erschreckte, bekümmerte, beleidigte? In welcher Pein würde das arme Mädchen den Rest des Weges zurücklegen; in welche Pein würdest du dich selber stürzen! Du hast heute die Pflicht des Ritters, du hast dafür zu sorgen, daß sie unbehelligt und auf möglichst angenehme Weise nach Hause komme – es wäre ein unzarter Mißbrauch der Gelegenheit, sie jetzt mit einer Liebeserklärung zu überfallen. Beim Abschied vor ihrer Tür, dann willst du’s ihr sagen. Und beim Abschied sagte er:

»Haben Sie tausend, tausend Dank für den wunderschönen Abend!«

»Ich habe Ihnen zu danken!« rief sie. »Der Abend wird mir unvergeßlich sein.« Sie zögerte einen Augenblick. – »Gute Nacht.«

»– Gute Nacht.«

Unmittelbar darauf dachte er: Das war eine Gelegenheit! Sie ist unwiederbringlich verpaßt.

Unwiederbringlich? Wie er es zuvor mit der Methode der Wetten versucht hatte, so versuchte er es jetzt mit der Methode des gemeinsamen Theaterbesuchs. Eine Woche später sollte der »Vampyr« von Marschner gegeben werden. Er hatte eine Schwäche für diese Oper, gerade wegen ihres verschrieenen schaurig-romantischen Stoffes. Er liebte das Düstre, Grauenvolle wie das Sonnig-Behagliche, das starrend Erhabene wie das Komisch-Gemütliche, bis zum Putzigen und Ulkigen herab, wie er alle Tage und Nächte, alle Lichter und Schatten der Welt liebte. Er liebte Dante Alighieri und Fritz Reuter, und er haßte die flachköpfigen Ästhetiker, die beim Aufbau ihrer Systeme immer eines vergaßen, entweder den Dante oder den Reuter.

Frau Mansfeld mocht’ es im stillen unpassend finden, daß ein junges Mädchen mit einem ihm nicht verlobten jungen Manne allein ins Theater ging und sich von ihm nach Hause geleiten ließ. Aber solche Ängste kannte Hilde nicht; sie hatte nur die feine Erziehung, die ein feines Herz gibt. Also holte sie jubelnd ihr Portemonnaie und zahlte Asmussen eine Mark zwanzig auf den Tisch; denn soviel kostete der Eintritt zum dritten Rang.

Aber der »Vampyr« hatte genau dieselbe Wirkung wie der »Freischütz«, insofern, als Asmus sich wieder vor Hildens Tür mit nichts als einem (zwar bewegten Herzens gesprochenen) Danke verabschiedete und sich dann auf dem einsamen Heimwege mit Vorwürfen und nicht gerade schonenden Titulaturen überhäufte.

Und auch der Verfasser kann nicht umhin, hier zum Entsetzen aller Literaturaufseher »die Kunstform zu durchbrechen« und der Leserin zu versichern, daß er ihre Entrüstung über diesen Herrn Semper vollkommen teilt. Aber was soll der Verfasser tun? Er kann seinen Helden nicht anders machen, als er ist.

Endlich brachte ein trüber, wolkenschwerer Novemberabend die Entscheidung.

LI. Kapitel.

Von rauschenden Bächen im Winter.

»Heute _soll_ es sich entscheiden,« hatte sich Asmus gesagt. Er hatte sie eingeladen, mit ihm in Zacharias Werners »Martin Luther oder die Weihe der Kraft« zu gehen. Er liebte das Stück durchaus nicht, fand es schwülstig, verworren und langweilig; aber jetzt war ihm schon jedes Mittel recht; er wäre mit ihr ins Theater gegangen, und wenn man dort den Jahresbericht der Handelskammer rezitiert hätte. Auf dem Heimwege sprachen sie nur wenig; jede Unterhaltung kam bald ins Stocken; wie eine Vorahnung lag es auf beiden. Sie waren der Wohnung Hildens schon ziemlich nahe, als Asmus, das Herz im Halse, mit leiser Stimme fragte:

»Sind Sie mir eigentlich böse, Fräulein Chavonne?«

»Warum sollte ich Ihnen böse sein?« fragte sie ebenso leise, mit starren Augen geradeausblickend. Und alles, was sie noch sprachen, klang leise wie der Regen, der gleichmäßig herabtroff und gegen den sie keinen Schutz begehrten.

»Sie haben mir eigentlich kein Wort über mein letztes Gedicht gesagt,« begann Asmus wieder. »Da glaubte ich, daß Sie mir zürnten.«

»Wie wäre das möglich?« sprach sie noch leiser, mit bebender Stimme.

Wiederum schwiegen sie eine kurze Weile.

Ihr Kopftuch hatte sich verschoben, und um es zu ordnen, zog sie leise ihren Arm aus dem seinen. Im selben Augenblick ließ er seinen Arm sinken; ihre Hände berührten sich, und Asmus faßte Hildens Hand.

Nun ist es ein seltsames Ding: Arm in Arm gehen die fremdesten Menschen miteinander; aber Hand in Hand gehen nur Kinder und Liebende. Ein höherer Wille hatte ihre Hände ineinander gelegt und gesagt: Ich will, daß ihr euch findet.

Das gab Asmus Sempern einen heiligen Mut, und zitternd sprach er:

»Fräulein Chavonne – haben Sie mich lieb?«

Sie blieb stehen und schien zu wanken. Sie konnte nicht sprechen.

Da legte er den Arm um sie, damit er sie stütze, und sprach noch leiser:

»Hilde, hast du mich lieb?«

Ihr Kopf sank an seine Schulter, und sie sagte: »Ja.«

Und er wagte nicht, ihr den Kopf aufzuheben; denn es schien ihm, daß sie ruhte. Aber dann hob sie von selbst den Kopf und sah ihn aus leuchtenden, weinenden Augen an. Und er zog sie fester an sich und preßte seine Lippen in einem langen, langen Kusse auf ihren edlen, frischen, roten Mund.

Sie waren nur noch zehn Minuten von Hildens Hause entfernt; aber sie brauchten zu diesem Wege noch zwei Stunden. Denn immer wieder gingen sie in weitem Bogen um das Haus herum, obwohl ein unaufhörlicher feiner Regen herabrieselte. Sie freuten sich unbewußt dieses Regens; er kam herab wie sanfte Linderung einer langen Sehnsucht. Es schien ihnen auch, als brauche man nun um nichts mehr zu sorgen, als hätten sie nun des Glückes genug und brauchten nichts mehr als solch ein stilles, seliges ewiges Wandern.

Sie sprachen nur wenig, und wenn sie sprachen, so war es fast immer dasselbe:

»Hast du mich lieb, hast du mich wirklich, wirklich lieb?«

»Ja, ich hab’ dich lieb – so lange schon, ach, wie lange schon.«