Semper der Jüngling

Chapter 18

Chapter 183,797 wordsPublic domain

Wenn er dann so ganz mit sich allein war, dann war er vom Kopf bis zu den Füßen sein Vater Ludwig Semper. Er bemalte dann die hohen Wände des Saales mit ganzen Epochen der Geschichte, mit Werken der Dichtkunst und der Malerei, ließ sich von einem verdeckten Orchester Symphonien und Ouvertüren vorspielen, sah sein ganzes Leben durch den Lichtkreis der einsamen Lampe wandern, kämpfte mit Schopenhauer gegen Hegel, gab Unterrichtsstunden, zog plötzlich ein Kuvert oder eine Rechnung oder sonst einen Zettel aus der Tasche und notierte sich die Idee zu einem wundervollen Gedicht oder Drama, das er schreiben wollte. Auch Gedanken notierte er sich, die ihm des Aufhebens wert dünkten, und wenn er nach Tagen oder Wochen bei einem zufälligen Griff in die Tasche die Zettel wieder hervorholte, knäulte er sie ingrimmig zusammen und warf sie mit einem gemurmelten »Blech« oder derberen Worten in den Ofen. Je weiter der Abend fortschritt und je öfter der Kellner aufgetreten war, desto eigenwilliger wurden natürlich seine Gedanken; sie kümmerten sich schließlich gar nicht mehr um diesen Herrn Semper, dem sie angeblich entsprungen sein sollten, und schnitten Gesichter wie losgelassene Buben. Einige von diesen Aphorismen, die sich weniger durch dauerhaften Wert als durch den Zufall erhalten haben, mögen hier Platz finden und zeigen, welche Art von Luftblasen in jenen Tagen aus den trüben Wirbeln der Semperischen Seele aufstiegen.

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Wir nehmen den Sonnenaufgang für ein Bild des siegenden Lichtes, der erfüllten Hoffnung! Aber die Sonne blieb, wo sie war; nur wir drehten uns – um uns selbst.

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Ein Goldstück fiel ins Wasser und ging unter. »Das kommt davon, wenn man nicht den beständigen Trieb nach oben in sich hat, wie ich!« rief ein schwimmender Kork.

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Wie sie sich blähen, die »Praktischen«, die »sich nicht mit vagen Zukunftsideen abgeben«! Fressen sich voll und grinsen über die, die dafür sorgen, daß auch morgen zu essen da ist.

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So ist alle Arbeit auf der Welt auf das weiseste verteilt: der eine hält edle Reden, und der andere handelt darnach.

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Wer klug ist und dennoch gut, der ist wahrhaft gut. Das heißt die Gefahr kennen und dennoch tapfer sein.

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Der Sonntag ist so schön, weil er in sieben Tagen nur einmal kommt. Er ist schön wie das Lächeln eines ernsten Menschen.

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Man sagt von etwas Unpassendem: »Das paßt wie die Faust aufs Auge«, und die paßt doch mitunter so gut dahin!

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Das Leben ist ein langsamer Vergiftungsprozeß.

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Dumm und schlecht, – in einer Stunde der Selbsterkenntnis fand der Mensch für diese Verbindung das Wort »gemein«.

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Aus den Augen des Menschen blickt zuweilen ein gequältes Tier, das nicht reden kann.

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Die Erde ist eine alte Metze, die sich in jedem Frühling wieder das Gesicht bemalt.

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Man muß Ambos oder Hammer sein, und wer keins von beiden sein will, kommt zwischen beide. Armer Rumolt!

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Wenn die Dummköpfe auf Geist stoßen, so grinsen sie überlegen.

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Manche Brust ist ein Eisschrank, in dem sich die Gefühle vortrefflich konservieren.

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Beethovens fünfte Symphonie, letzter Satz: Donner der Seligkeit aus aufgerissenen Himmeln.

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Die Welt besteht durch Gehorsam; aber weitergekommen ist sie immer nur durch Ungehorsam.

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»Er ist ein enorm gebildeter Mensch,« sagen die Leute und meinen damit: Er weiß dasselbe, was ich weiß.

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Was fliegt, ist beliebt; was kriecht, ist verhaßt. Selbst der Floh ist angesehener als die Laus; denn er springt.

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Ein richtiger Neidhammel beneidet auch eine erfolgreiche Ballerine, wenn er selbst Professor der Ethik ist.

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Man soll die Menschen aufklären, gewiß; aber es gibt Geister, die durch Rippenstöße geweckt sein wollen.

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Wenn man seine Dummheiten bei der Obrigkeit rechtzeitig als Heiligtümer anmeldet, genießen sie gesetzlichen Schutz.

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Auf dem Lande gibt es Kollegen, die sich ein Schwein fett machen. Ich will aufs Land gehen und mir einen borstigen Menschenhaß fett machen.

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Selbst Herkules hat nur die Ställe des Augias ausgemistet.

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Der Ochse, der tausendmal auf die Weide getrieben wurde, sammelt freilich »Erfahrungen«. Aber weniger in der Botanik als im Fressen.

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»Endlich wird mir Genugtuung!« rief die Distel, da hatte der Blitz die Eiche zerschmettert.

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Keine Tiergattung, die so viele und so verschiedene Varietäten aufweist wie der Hund. Grenzenloses Akkomodationsvermögen ist ein Merkmal der Hundenatur.

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Ich habe Professoren und Schulmeister kennen gelernt, die bereitwilligst zugaben, daß Goethe die Formgewandtheit vor ihnen voraus habe.

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Wenn die Könige bau’n und wenn sie niederreißen, – ein rechter Karrenschieber findet immer sein Brot.

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Das Leben ist das allmähliche Erwachen eines Gefangenen, der von der Freiheit träumte.

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Man kann die größten Dummheiten mit der Ruhe des Weisen sprechen.

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Es gibt Künstler, die ihr Talent in schmale Riemen zerschneiden, um es auszubeuten. Sie können es, wie Dido, zu einem ansehnlichen Grundbesitz bringen.

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Es war ein kleines Mädchen, dessen Mutter hatte man ins Irrenhaus bringen müssen. Und man stopfte ihm die Hände voll Äpfel und Backwerk, daß es nicht mehr an die Mutter denken sollte. Aber es konnte die Mutter nicht vergessen.

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Wenn ein Mandrill den Husten hat, so vergißt man seine Häßlichkeit, oder man ist ein Ästhet und Hallunke.

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Niemand ist vor seinem Tode ein Goethe, sagte der Professor.

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Schon bei der Geburt tritt der Mensch in etwas, das man Leben nennt.

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Italien scheint mir ein alter, zerfallener Gorgonzola unter einer wunderschönen Kristallglocke zu sein.

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O, dieses Korsett! Man glaubt ein Weib zu umarmen und man umarmt einen Hummer.

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Die Ratte hat keinen Freund – das könnte mich zu ihrem Freunde machen.

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Bei jedem schweren Gange sage dir dies: Bei Abschied und Wiederkehr sind die Leute da mit Hurra und Trara – den langen, bittern Weg mußt du allein gehen.

XLVII. Kapitel.

Asmus wird stutzig und entsagt der sündigen Gewohnheit, aber mit Maß. Er erfährt eine überraschende Neuigkeit.

Wohl kam ihm in besinnlicheren Augenblicken der Gedanke, ob dies verwegene Spiel mit seiner Kraft auch gesund sei; aber dann zog er einfach einen Zettel aus der Tasche und schrieb darauf:

»Was wären wir, wenn wir immer unserer Gesundheit lebten! Nicht einmal gesund!« und dann war diese Angelegenheit einstweilen erledigt. Auch erwog er öfters den Gedanken, ob es nicht köstlicher, lohnender, vernünftiger sei, langsam und fröhlich zu verlumpen, als in dieser Welt zu wirken und zu streben.

»Ich fuhr einmal auf einer Rutschbahn,« schrieb er, »und das sausende Fahrzeug glitt zuletzt in die hochaufschäumenden Wasser eines Sees. So köstlich ist der Leichtsinn: die Sinne schwindelt’s, die Gedanken vergehen, und hochauf spritzen und schäumen die Fluten des Lebens!«

Und wenn das Fahrzeug ein bißchen zu tief eintauchte und umschlug – war’s denn schlimm? Er sah seinen toten Bruder vor sich, seinen Bruder Leonhard, der an seinem Leichtsinn zugrunde gegangen war. Aber gewiß hatte er auch manche schäumende, tanzende, wirbelnde Stunde genossen! Es kam darauf an, was das Gescheitere war. »Sehen Sie, das ist so verschieden,« hatte eines Morgens ein Mann in einem verruchten Nachtlokal zu ihm gesagt, »der eine ißt gern Rebhühner und der andere möchte gern ein Ehrenmann sein.« Der Mann, der das sagte, war ihm freilich zuwider gewesen.

Im Geschlecht der Semper tauchte hie und da ein Hang zur Verschwendung auf. Wie wär’s, wenn man sich selbst verschwendete! Sich selbst mit Bewußtsein langsam zerstören und mit forschenden Augen alle Schauer und Schönheit, alle Tollheit und Tragik des eigenen Unterganges kosten! Da müßte man in sich und in den andern Dinge sehen, die auf der Hauptstraße des Lebens nicht gezeigt wurden. Es machen wie jener Zöllner, den er bei seinem Freunde Diepenbrock auf dem Sofa hatte liegen sehen: wochenlang immer trinken und sinken, trinken und sinken ins Bodenlose hinab, und dann wieder emporsteigen zu Goethe, Shakespeare und Dante! Hinabsteigen in alle Tiefen des Lumpentums; mit Laster und Verbrechen auf du und du stehen und im Innersten doch der bleiben, der man war, bis zum Tod! Das müßte sein wie eine Entdeckungsfahrt von gefahrumwitterter Romantik. Das waren seine Gedanken, wenn er durchs Kneipenfenster in die aufzuckende Morgenröte starrte und immer noch ein neues Glas bestellte. Und im Graus des Sinkens und Untergehens zuweilen an _sie_ denken, die er vor kurzem am Arm ihres Verlobten lachend über die Straße hatte gehen sehen! Dann mischte sich Morgengrauen und Morgenröte, wie in der traurigen Freude dieser Morgenstunden, wenn er zurückgelehnten Hauptes in den Himmel starrte. Mit der steigenden Sonne aber überfiel ihn oft ein plötzliches Frösteln, dann fühlte er sich namenlos elend, und einmal in solch einer Stunde machte ein Gedanke ihn stutzig. Im Rausch fühlte er sich glücklich, stolz, von Kraft geschwellt und leicht wie auf Schwingen, zu jeder großen Tat bereit und zu jedem herrlichen Werke geschickt. Wenn er sich aber am nachfolgenden Tage die Freuden seines Rausches erinnernd zurückrufen wollte, so fehlte ihm jede Vorstellung, jede Freude an der Freude; die Stunden des Rausches waren ihm eine leere, tote Zeit. Er wußte wohl, daß er sich gefreut hatte an dem Kaleidoskop seiner Phantasien; aber er konnte diese Freude nicht zurückrufen. Warum war das nicht so mit andern Freuden, mit den Freuden der Kindheitsspiele, des Studierzimmers, der Kunst, der Wanderung in Feld und Flur? Da war jede Freude ein anderer Genius mit anderem Angesicht, mit Augen, die schöner werden mit jeder Erinnerung, da war jede Freude ein unverlierbarer, ein wachsender Besitz! Und nachdenklich zog er die Rechnung, auf der seine Zeche stand, aus der Tasche und schrieb auf die Rückseite:

»Der Rausch ist ein liebloser Gastfreund; er spendet nicht das Gastgeschenk der Erinnerung.«

Und als er bald darauf eines Morgens unmittelbar von der Schenke in die Schule ging – er blieb immer Herr seines Handelns und gab nach solchen Nächten oft seine besten Stunden – aber als er nun mit einem aus Hohlheit und Übersättigung gemachten Gefühle vor den Kindern stand und in rotwangige Gesichter, in klare Augen sah, die in der Schönheit und Hoffnung des jungen Morgens zu ihm kamen, da sagte er leise, aber ihm selbst hörbar, vor sich hin:

»Nun ist es genug.«

Nein, man blieb nicht, der man war, und die Romantik der Verlumpung war eine Lüge. Er hatte Abschied von ihr genommen.

Frau Rebekka hatte über seine nächtlichen Ausflüge genug geklagt und gejammert; ihre Gardinenpredigten konnten sich neben den besten ihrer Gattung hören lassen, und mütterliche Gardinenpredigten mögen wohl noch eindringlicher sein als eheliche, weil sie aus selbstloseren Gründen entspringen. Rebekkens Bemühungen, auch ihren Gatten zu solchen Predigten aufzumuntern, blieben freilich ganz erfolglos. Ludwig antwortete im Geiste seiner Philosophie:

»Laß ihn, was soll ich ihm sagen!«

»Ja, wenn ich dir das erst sagen soll – wenn du das nicht selbst weißt –!« rief Frau Rebekka. »Merkwürdig! ’n Mann, der den Kopf voll Gelehrsamkeit hat und alle Sprachen spricht –«

»Nicht alle,« versetzte Ludwig trocken –

»– und verlangt von mir, daß ich ihm sage, was er sagen soll!«

»Ja, ich bin zu dumm dazu,« sagte Ludwig mit seinem Lächeln.

»Ach Gott, mit dir ist ja kein Auskommen!« rief Rebekka, lief in die Küche hinaus und klagte laut den Tellern und Töpfen ihr Leid.

Ludwig und Asmus Semper verband nun einmal aus Vordaseinszeiten her ein Vertrauen, das die sorgende Frau Rebekka nicht begreifen konnte.

Übrigens beabsichtigte Asmus keineswegs, die Welt- und Fleischeslust in sich zu ertöten und auf die Freuden eines geselligen Trunkes prinzipiell zu verzichten. Und er hatte es nicht zu bereuen, daß er an einem vielverheißenden Vorfrühlingstage in die Kuhlmännische Akademie ging. Er traf dort seinen Kollegen Mansfeld, eben jenen Herrn, der eine Pensionärin Namens Hilde Chavonne im Hause hatte. Asmus schwankte, ob er sich zu ihm setzen solle; aber eine eigentümliche Gewalt zog ihn fast gegen seinen Willen an denselben Tisch.

»Sie sollten sich mal mein neuestes Bild ansehen,« sagte Mansfeld, der in seinen Mußestunden malte, im Laufe des Gesprächs. »Kommen Sie mit und essen Sie mit uns zu Abend. Meine Frau wird sich freuen.«

»O,« stammelte Asmus, »das ist sehr liebenswürdig, ich komme natürlich gern einmal – aber heute hab’ ich eine wichtige Sitzung, bei der ich auf keinen Fall fehlen darf.«

»Das ist was anderes,« sagte Mansfeld.

Die Rede kam aber doch bald auf die Pensionärin, und Asmus fragte mit glänzend aufgepuffter Munterkeit und mit einem sehr kunstreichen Lächeln:

»Na, wie geht’s ihr denn?«

»Na, – soso lala!«

»Wieso?« rief Asmus erblassend. »Ist sie nicht glücklich?«

»Dscha – wie man’s nehmen will. Ihre Verlobung ist ja zurückgegangen, das wissen Sie doch?«

»Zurück –?« Asmus war aufgesprungen. »Zurückgegangen? Ich weiß kein Wort. Ich bitte Sie – warum?« Er hatte sich wieder gesetzt.

»Gott – das arme Kind – sie hat eine schwere, traurige Kindheit verlebt und von den Menschen nicht viel Gutes erfahren. Vater und Mutter sind tot; als ihr da einer von Liebe sprach, schmolz ihr das weiche Herz und sie glaubte, das Glück wär’ endlich da!«

»Nun – und? Was weiter?« Asmus bog sich immer weiter über den Tisch.

»Nach wenigen Wochen erkannte sie, daß sie sich geirrt hatte, vollkommen geirrt. Übrigens ein braver, ordentlicher Kerl, aber nicht das, was das Herz einer Hilde Chavonne braucht. Entschlossen und mutig, wie sie bei all ihrer Milde ist, trug sie ihrem Verlobten die Lösung des Verhältnisses an. Und er, wie er kein Mann für sie war, hatte wohl auch nicht erkannt, was er an ihr besaß; er erklärte sich schließlich einverstanden.«

Und so weit Asmus sich vorgebeugt hatte, so weit lehnte er sich jetzt zurück und blickte schweigend vor sich hin.

Wenn eine lange getragene Last von uns abfällt, fühlen wir erst, wie schwer sie gewesen ist. Auf seinen Soldatenmärschen hatte er Mantel und Tornister, Helm, Patronen und Waffen als etwas Selbstverständliches ohne Murren getragen; aber wenn er, in die Kaserne zurückgekehrt, alles abgelegt hatte, dann hatte er gefühlt, wie schwer die Bürde gewesen. Ganz so war es ihm jetzt, ganz so; denn es war ihm, als habe es ihm auf Hirn, auf Nacken und Schultern gedrückt.

»Übrigens,« rief er ganz unvermittelt und wurde über und über rot, »da fällt mir ein: die Sitzung ist ja erst morgen. (Ein Geschickterer würde vielleicht gesagt haben: In acht Tagen!) Wenn Sie Ihre Einladung nicht bereuen, nehm’ ich sie jetzt noch an.«

Mansfeld unterdrückte ein Lächeln und erklärte, daß ihm nichts erfreulicher sein könne als dieser Entschluß. Und Asmus ging mit.

XLVIII. Kapitel.

»Wiederum tanzt eine Salome: wiederum heischt sie das Haupt des Johannes.« Johannes Chrysostomos

Als die beiden Männer in das Wohnzimmer traten, fanden sie Frau Mansfeld mit einer Handarbeit, Fräulein Chavonne mit den Vorbereitungen zum Unterricht des folgenden Tages beschäftigt. Die junge Dame saß mit dem Rücken gegen das Licht; aber gleichwohl glaubte Asmus zu bemerken, daß sie erschrecke und erblasse. Zwar lächelte sie, als sie ihm dann die Hand gab; er zweifelte aber doch nicht daran, daß er ihr unangenehm und unwillkommen sei. Mansfeld holte sein Bild hervor, und Asmus nahm es in Augenschein; wäre er verpflichtetes Mitglied einer Jury gewesen, so würde der gute Mansfeld wohl nicht allzuviel Schmeichelhaftes zu hören bekommen haben; aber abgesehen davon, daß Asmus sich durchaus nicht als Kenner fühlte, gehörte er nicht zu jenen »unentwegten« Bekennern, die die Wahrheit auch dann sagen, wenn sie nur verletzt und keinem nützt; er machte also dem harmlosen Dilettantismus Mansfeldens neben einigen Ausstellungen ein paar balsamische Komplimente.

Nach dem Abendessen sagte Mansfeld: »Ich habe Sie so lange nicht gehört – möchten Sie nicht ein Gedicht sprechen?«

Asmus, ohne sich zu zieren, stand auf und sprach, zwar in Hinblick auf die Anwesenheit der Damen mit einiger Befangenheit, »Des Sängers Fluch«. Frau Mansfeld war eine überaus fleißige und praktische Frau und ließ auch während des furchtbarsten Fluches die Häkelnadel nicht ruhen; Hilde aber, die inzwischen zu einer Stickerei gegriffen hatte, ließ schon nach den ersten Versen die Hände in den Schoß sinken und horchte mit großen Augen. Nun schlug Mansfeld vor, man möchte doch jede Woche einmal zusammenkommen und etwas Gutes lesen, namentlich Dramatisches; er komme fast nie ins Theater, und Asmus setzte für nächsten Mittwoch »Emilia Galotti« aufs Repertoire. Frau Mansfeld indessen, die die Claudia lesen sollte, lehnte jede Beteiligung entschieden ab; sie wollte mit dem Theater nichts zu tun haben. Sie konnte sich nicht verstellen; sie war Frau Mansfeld aus Hamburg und nicht Claudia Galotti aus Italien, und überdies wußte sie ganz gut, daß in dem Stück ein junges Mädchen verführt werden sollte. So etwas paßte sich nicht für eine Lehrersfrau, und im Grunde ihres Herzens mochte sie es etwas »frei« von dem Fräulein Chavonne finden, daß es sich auf Asmussens Bitte bereit erklärte, sogar das zu verführende Mädchen selbst zu verkörpern. Asmus las den Prinzen und Appiani, Mansfeld den Marinelli und den Odoardo; aber es ging doch nicht. Dieser las nämlich den Marinelli wie einen stellungsuchenden Schneidergesellen, und sein Odoardo wäre durch ein gutes Glas Bier mit Leichtigkeit zu besänftigen gewesen. Er sah das auch selbst ein, und Asmus widersprach seiner Selbstkritik mit keinem Wort. Einig waren alle darin, daß Fräulein Chavonne die Angst Emiliens und die Eifersucht der Gräfin Orfina vorzüglich gelesen habe. Asmus war überrascht: hatte sie schon einmal Eifersucht empfunden? Es war etwas Echtes und Elementares in ihrem Vortrag gewesen.

Von nun an mußte Asmus allein lesen, und als man dahinter gekommen war, daß er plattdeutsch reden könne wie ein Oldensunder Bauernjunge und wie ein Hamburger Ewerführer, da mußte er Groth und Reuter lesen. Und als er die nun las, da machte er eine wundersame Entdeckung: Hilde Chavonne konnte lachen! Natürlich hatte er sie auch sonst schon lachen sehen; aber immer hatte nur ein Teil ihres Wesens gelacht, und nur ein kleinerer Teil; der tiefe, fast traurige Ernst ihres Wesens hatte immer das Übergewicht behalten; es war immer ein Lachen mit ernstem Grundton gewesen, nicht jenes Lachen des ganzen Menschen, das aus dem Mittelpunkt unseres Wesens elementar hervorbricht und alle unsere Seelen- und Körperteile kräftig durcheinander zu schütteln scheint. Und sie selbst schien beseligt, berauscht von der Entdeckung dieser Kraft wie ein Kind, dem man zur Weihnacht beschert; wenn er den Blick vom Buche erhob und in ihr lachendes Gesicht sah, dann glühten ihn zwei jauchzende Augen an, und niemand hätte sagen können, ob es Lust oder Dankbarkeit sei, was ihnen den feuchten Schimmer gab. Wenn er aber von traurigen Dingen las und – anfangs zufällig, bald mit Absicht – die Augen über den Rand des Buches hinausgehen ließ, dann sah er ihre Augen auf sich ruhen, als wäre es _sein_ Leid und _sein_ Kummer, von dem er gelesen. Und obgleich die beiden Mansfeld ein dankbares Publikum waren, dachte er bald bei allem, was er las, nur das eine: Wie wird es _ihr_ in die Seele klingen? fühlte er bei jedem Wort den unhörbaren Widerhall _ihres_ Herzens.

Es ist klar, daß ein Ereignis oder eine Erwägung, die ihn von den Mittwoch-Besuchen hätte zurückhalten können, bald zu den undenkbaren Dingen gehörte. Zu Hause und unter den Freunden, in Konzert und Theater, in Wissenschaft und Kunst gab es keine Freuden, und am allerwenigsten gab es unter dem himmlischen Gezelte Naturerscheinungen, die ihn hätten hindern können, am Mittwoch nachmittag nach dem ländlichen Vororte hinauszupilgern, in dem die Mansfelds wohnten. Die altgeheiligte Ordnung des Wochenreigens hatte sich verkehrt; der Mittwoch war zum Sonntag geworden. Sehr schlau bemerkte Frau Rebekka eines Tages mit dem Scharfblick des Weibes und der Mutter: »Da bei den Mansfelds, da muß ein Magnet sein.«

Mit dem Magnet hatte es seine Richtigkeit. Wenn der Sommernachmittag gar zu verlockend ins Fenster lachte, ließen sie Bücher Bücher sein, wanderten zu vieren hinaus nach Eppendorf, Lokstedt oder Niendorf und ergaben sich auf einer Wiese dem Reifenspiel. Von den Freundinnen Hildes hatte er gehört, daß ihr Turnlehrer sie immer vor allen gerühmt habe wegen ihrer Anmut; eines Tages, als sie sich zu schwach gefühlt und sich von der kaum erfaßten Reckstange wieder hatte fallen lassen, da hatte der Lehrer gerufen: »Fräulein Chavonne fällt sogar mit Grazie vom Reck!« Asmus konnte dem Manne nur von ganzem Herzen recht geben, und wie der »Magnet« beim Lesen seine Blicke, seine Stimme, seine Gedanken anzog, so flogen ihm jetzt die meisten der Reifen zu, die Asmus zu versenden hatte, wenn er auch galant genug war, sich hin und wieder der gnädigen Frau zu erinnern.

Ein Spiel auf grünem Rasen in heller Sommerluft, das war nun ohnehin für das Herz des Asmus ein ununterbrochener Freudentanz; als er nun aber auch noch das liebliche Mädchen mit seinen schmalen Füßen, in flatterndem Gewande über den sonnengrünen Teppich hüpfen sah, da schien ihm, daß die Welt wohl überhaupt schön sei, daß sie aber noch nie so schön gewesen sei wie an diesem Tage. Anmut der Bewegung und körperliche Geschicklichkeit waren nicht seine Stärke; aber mit dem, was er konnte, kokettierte er redlich, und er hatte das Gefühl, daß er plötzlich mehr könne, als er sich zugetraut. Freilich, bei einem unparteiischen Zuschauer würde auch Hilde Chavonne den Verdacht erweckt haben, daß ihr der Eindruck ihrer Sprünge und Tanzschrittchen nicht gleichgültig sei, und daß sie wie jedes junge, schöne, tanzende Weib um den Kopf eines Mannes tanze.

Und gewiß hätte Asmus ihr lieber seinen Kopf auf einer Schüssel entgegengetragen, als ihr von Liebe zu sprechen. Wenn es sich auf dem Heimwege traf, daß sie allein nebeneinander gingen, dann begann wieder jenes wunderlich-närrische Doppelspiel von Lippen und Herzen, das sie schon damals, nach Asmussens einmaligem Auftreten als König getrieben hatten. Sie sprachen über einen Roman oder über eine Schulverordnung oder über ein Sonnentaugewächs, das sie gefunden, oder über eine Wolkenbildung, und mit allem, was sie sagten, meinten sie: »Ich liebe dich – ich liebe dich!« Es war eine Chiffresprache, die sie redeten. »Dieser Weg führt nach Bahrenfeld,« bedeutete soviel wie: »Du bist ein entzückendes Geschöpf!« »Die Linden haben ausgeblüht« sollte heißen: »Ich möchte dich küssen;« aber keiner hatte den Schlüssel zur Sprache des andern. Das Herz des Asmus drängte, raunte, flüsterte ihm zu wie ein eifriger Souffleur: »Sag’ es ihr, sag’ es ihr, tu den Mund auf – es ist gar nicht schwer – und sag: »Süße Hilde, ich hab’ dich lieb!« – »Wie kann ich denn ‘du’ zu ihr sagen!« erwiderte Asmus. »Meinetwegen sag’ ‘Sie’«, entgegnete das Herz, »aber sag’ etwas!«, und dann tat Asmus wirklich den Mund auf und sagte: »Jetzt wird ja auch bald der neue Bahnhof eröffnet.« Sie war doch zu hoch, zu heilig; sie _konnte_ sich an einem Menschen wie ihm nicht genügen lassen. Sie hatte es ja auch bewiesen, als sie sich verlobte. An ihm war sie vorbeigegangen.